DISPO FEVER

DISPO FEVER // Über Stock und Stein

Sticks and stones might break your bones – sagt man Kindern: Seid vorsichtig, fallt nicht auf die Nase, tut euch nicht weh. Gerade darin jedoch besteht Erwachsenwerden, in ständigem Stolpern und Hängenbleiben. Das reißt im Erwachsenenalter auch nicht ab. Ernüchternd ist es allerdings, zu lernen, dass Stöcker und Steine in viel größerem Umfang von finanzieller Art sein können, als man das als Kind oder Jugendlicher blauäugig für möglich gehalten hätte. Aber aus sperriger Krisensubstanz, die man aus dem Lebensweg räumen muss, lässt sich vielleicht doch am Ende ein schönes, stabiles Zuhause errichten (auch wenn es vielleicht kein allzu hochglänzendes sein mag).


>> Bild: Sticks and stones may build your home (Grebe, 2013)


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DISPO FEVER // Kristine Bilkau, Die Glücklichen

Isabell und Georg, ein alternativ-bürgerliches Großstadtpärchen, das sich mit Kleinkind Matti inzwischen ins Familienleben gewagt hat – das sind hier die Glücklichen. Eine Stichwortwolke: Altbau, Dinkelpulver, Adagio, Süßkartoffelmedaillons, Seidenpapier, Wertigkeit, Biokiste, Petit Fours, Parkettboden, Globuli, Glockenrock, Kinderboutique, Makler, Maronencreme, leichthändig, Engagements, Kaschmirstrickjacke, Veggieaufstrich, Stil, Expertise, Yogastudio, Dufflecoat, Konferenzsitzung, Hutmacherei, Babyschwimmen, Alpaka-Decke, geschmackvoll, Fitnessstudio, Sushi, Nachhaltigkeit, Hotelzimmer, Persönlichkeit, ausgewogen, Kronleuchter. Isabell ist Berufsmusikerin, Cellistin, Georg arbeitet als Journalist für eine große Zeitung. Unausgesprochen, aber eindeutigen Hinweisen nach zu urteilen ist Hamburg ihr Zuhause, übertragbar sind die Ortsbeschreibungen jedoch auf jede beliebige großstädtische beste Wohnlage. Die junge Familie lebt idyllisch-urban im begehrten Altbauviertel, die wunderbare Wohnung besitzt Charakter, Blumenläden heißen hier Floristenwerk, Bäckereien nennen sich Manufaktur. So weit, so gut durchgekaut. Als ich zu lesen beginne, möchte ich das Buch schon gleich wieder weglegen: Plakativ wie irgend möglich werden jene Marker für gentrifizierte Strukturen angebracht, als müsse ein feststehender Begriffskatalog abgearbeitet werden – da ist er ja promt, dieser nervtötende bürgerliche Genauigkeitswahn -, und dann geht es eingangs auch noch hinein in die Gedankenwelt einer Cellistin, deren Hände neuerdings vor ihren Einsätzen im Orchester zu zittern beginnen. Ach, lasst mich doch alle in Ruhe mit euren Luxussorgen! Aber Kristine Bilkau gräbt tiefer, der Eindruck von Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit verflüchtigt sich zu Gunsten des Gedankens, dass da eine Autorin sehr gewissenhaft das Sittengemälde einer bestimmten Schicht zu einer bestimmten Zeit zeichnet – ein Portrait, das so detail- und symbolgeladen ist, dass sich in dreißig Jahren, wenn man dieses Buch erneut aufschlägt, dieser dann vergangene gesellschaftliche Moment haarklein zum Leben wiedererwecken lassen wird.

Was Bilkau aus den Betulichkeiten einer Wohlstands-Familie herausarbeitet, sind die rissigen Schichten unterhalb der wertigen Oberfläche, die auf einen großen Bruch hinarbeiten. Für Isabell und Georg werden diese Risse zunehmend sichtbar, der Putz wackelt, Reparaturen werden nötig. Aber können behütete Kulturmenschen so was überhaupt, ist Dinge zu reparieren nicht eher Handwerkersache? Zuerst treten die Risse in der Fassade ihres Altbauwohnhauses zu Tage. Isabell stört sich an der Bauplane, die den Räumen die Aussicht nimmt, und an der Dauergegenwart der Handwerker, deren Lärm die Heimeligkeit der Wohnung und den sorgsam getakteten Tagesablauf mit Matti stört. Als sie einen der Handwerker vor ihrem Fenster etwas platt fragt, was er da den ganzen Tag so werkele, erzählt er ihr von den Rissen, den oberflächlichen und den versteckten, den harmlosen und den fatalen, wie man sie entdeckt, unterscheidet, und was man dann tut. Die verblüffte Isabell bringt dem Herren dafür glatt einen Kaffee ans Fenster. Auf anderen Ebenen gilt es ebenfalls die Lehre von den Rissen anzuwenden: Nach der Babypause findet Isabell nur schwer in ihren Berufsalltag zurück, ein Zittern schleicht sich in ihre Finger, durchzieht ihren Arm, versetzt sie in innerliches Beben. Was sie anfänglich zu verstecken versucht, tritt mit unbarmherziger Stärke immer sicht- und vor Allem hörbarer zu Tage und bedroht schließlich ihre berufliche Existenz. Georg, dessen Redaktionstätigkeit von solider Routine geprägt ist, schnappt irgendwann zufällig ein Gerücht auf, das sich nach und nach zu einem handfesten Verdacht auswächst: Die Zeitung – eigentlich eine feste Mediengröße – bleibt vom großen Printsterben nicht unberührt, sie strauchelt. Der Verdacht wird zur Erwartung, schließlich zur Gewissheit: Stellenabbau. Beide betrachten hilflos die Auflösung ihrer beruflichen Identität, und beinahe umfasst dieser Erosionsvorgang auch die Auflösung ihrer Ehe. Das Geld, der Motor aller Leichtigkeit, fehlt plötzlich. Der Geldmangel wird zum Ausgangspunkt eines Risses, der Isabell und Georg sowohl als Personen als auch als familiäres Gefüge massiv destabilisiert. Naiv sind die beiden von Beginn an nicht, sie wissen genau, dass ihr Lebenswandel nur ab einer bestimmten Summe Gehaltseingang funktioniert. Die Liebe in Zeiten der Staffelmiete: ohnehin nicht einfach. Sicherheit bedeutet finanzielle Sicherheit, Zufriedenheit bedeutet finanzielle Zufriedenheit, Zukunft bedeutet finanzielle Zukunft – wie verhält es sich mit dem Glück? Wenn Perfektion zum Standard geworden ist, und Geld alles absichert, auch die emotionale Perfektion – wie geht man dann mit einem Absturz um? Bilkau zeichnet diesen Absturz in dokumentarisch wirkendem Stil nach. In kleinen Alltagsschilderungen protokolliert sie den stufenweisen Verfall einer kontrollierten Wohlfühlwelt. Zwischen Isabell und Georg, die einander ehrlich lieben, schiebt sich plötzlich Unausgesprochenes: Jeder für sich wissen sie nicht mit ihren Ängsten umzugehen, verkapseln sich in Schweigen, treten einander immer verunsicherter und gereizter gegenüber. Dort, wo es unter Pärchen etwas gründlicher kracht, wird unter Eltern oft weitergeschwiegen, dem Kind zuliebe – ein Druckkessel. Zweite Stichwortwolke: erschöpft, Schmerzen, verkrampft, Abgrund, dünnhäutig, Dispo, Verlust, teuer, Discounter, Mieterhöhung, Minderwertigkeit, disqualifiziert, verschuldet, verzichten, Bewerbungen, Abschied, Verlierer, Ende, Grau, Kostenfaktor, sparen, Tränen, egal, unglücklich, billig, bezahlbar, Herzrasen, Kalkulation, ausdruckslos, schuldig, Krankheit, verwundbar, Theatralik, Schwermut, Desinteresse, Geld, abgewiesen, zahlen, Drohung, Drama, verrückt, Trennung, Last, kläglich, nötig, Grummeln, beschädigt, Konto, Kredit, Ohrensausen, beschützen, gnadenlos, Mitleid, frustriert, abwarten, warten, Leere, Defekt, Enttäuschung, Aus. Während dieses Vokabular ihr Umfeld, ihre Sprache und ihre Gedanken zu beherrschen beginnt, beschäftigen sich Isabell und Georg obsessiv mit ihren voneinander unabhängigen Fantasiewelten: Isabell stolpert im Internet über eine Familie, die ihr unsäglich perfektes Leben in wunderschönen Fotos teilt, teilt, teilt, und sie kann es nicht lassen diesen Beiträgen zu folgen, obwohl sie sie quälen. Georg forstet sich zwanghaft durch unbezahlbare Maklerangebote für Landhäuser, Resthöfe, abgelegene, naturverbundene Refugien, und träumt sich durch diffuse Aussteigerszenarien.

Aber wie geht aussteigen? Mit verschiedenen Varianten von Ausstieg werden beide konfrontiert. Georg besucht einen Aussteiger auf dessen Ökohof, einen ehemaligen Verpackungsdesigner, der sich nach der Insolvenz seiner einst extrem erfolgreichen Firma radikal neu erfunden hat: Tierhaltung, Ackerbau, Selbstversorgung, blutjunge neue Freundin. Aber Georg misstraut der Wollpullover-Utopie, er erkennt, dass er hier nicht die gesuchte Sicherheit findet, sondern nur neue (finanzielle) Risiken. Isabell, die sich verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrer Musiker-Misere sehnt, wird Zeugin einer zwischenmenschlichen Explosion in ihrem Orchester, die die Karriere eines Kollegen von einer Sekunde zur anderen beendet. Doch anstatt Empathie bei ihr auzulösen, bewirkt dieser Knall bei Isabell einen stumpfen Schock. Und schließlich ein Todesfall in der Familie – Isabell und Georg stehen plötzlich vor der direkten Antwort auf die Frage Was bleibt?, und diese Antwort ist ernüchternd. Oder vielleicht doch nicht? Welches Ende die Geschichte um Isabell, Matti und Georg nimmt, wird nicht vollends verraten. Ob Glück, Liebe und Hoffnung sich erstens von ihrer Überidealisierung, zweitens von ihrer Abhängigkeit vom Monetären emanzipieren können, muss man während der abschließenden Kapitel für sich beantworten. Ein Roman, den man unbedingt als Selbsttest lesen sollte, auch oder gerade, wenn er schmerzhaft an innere Risse rührt.


>> Kristine Bilkau, Die Glücklichen (Luchterhand), gebunden €19,99 Vielen Dank an Luchterhand für das Lese-Exemplar!


DISPO FEVER // Geld (Ist es das, was ich will?)

(…) all you need is love – als man Keith Richards (…) von diesem Songtitel der Beatles erzählte, soll er einer hübschen, apokryphen, mindestens sehr gut erfundenen, also vielleicht nicht wirklichen, aber allemal wahren Geschichte nach geantwortet haben: Oh yeah? Try paying the fuckin´ rent with it. *

Vielleicht ist der wahrhaft lebensbestimmende Dualismus nicht der von Gut und Böse, sondern der von Wunsch und Wirklichkeit. Was uns antreibt, sind unsere Lebenswunschvorstellungen, von welcher Größe und Beschaffenheit auch immer sie sein mögen. Dem gegenüber steht die Lebensrealität, sie ist der Gegner, dem es die Erfüllung jener bedeutenden oder banalen, leichten oder schweren (auch: guten oder bösen) Träume abzutrotzen gilt. Mal gelingt es, den Traum zur Realität zu machen, mal vernichtet die Realität den Traum. Jeder – das behaupte ich hier großspurig und nehme es auch nicht zurück – wünscht sich gelegentlich einen Vorteil für sich in diesem allgegenwärtigen Kampf, einen kleinen Wettbewerbsverzerrer, der zu Gunsten von Traum und Wunsch arbeitet. Manche hoffen da auf höhere Mächte: Glaube, Aberglaube, Esoterik. Manche arbeiten sich durch präzise formulierte Lebenspläne, bauen auf Coaching, Training, Schönheitsoperationen, Netzwerke. Und dann wäre da noch der allgemeine Faktor GELD – und, in dessen Anhang, die ewige Frage danach, ob GELD nun ein Teil der Lösung oder ein Teil des Problems ist. GELD ist eine sehr spezielle, irdisch verfügbare Superkraft: Ach, könnte man nicht viel einfacher ein idealerer Mensch sein, wenn der Dispokredit nicht ewig ausgereizt wäre? Ob GELD das Leben verschönert oder doch den Charakter verschlechtert, beantwortet sich schlicht abhängig davon, ob man selbst GELD hat oder eben nicht.


Die Beatles und die Rolling Stones waren sich zumindest darin einig, darüber singen zu müssen: Money (That´s What I Want) ist ein Titel, den gleich beide Bands aufnahmen. Wenig darin lässt an love is all you need denken, stattdessen heißt es eher unromantisch: Your lovin´ don´t pay my bills. Geschrieben wurde das Stück von Berry Gordy jr. und Barrett Strong, die es 1959 in Gordys improvisiertem Garagen-Tonstudio aufnahmen. Gordy klimperte am Klavier, es fehlte an einer passenden Text-Idee, und so forderte Gordy seine Zuhörer auf, ihm ein Thema zu geben, irgendwas, womit einfach jeder etwas anfangen könne. Die prompte Antwort lautete: GELD. Nicht nur durch die beträchtlichen Tantiemen-Einnahmen, die ihnen die zahlreichen erfolgreichen Cover-Versionen dieses Songs einbrachten, mussten sich bald weder Gordy noch Strong länger Sorgen ums GELD machen: Berry Gordy jr., der als eines von acht Kindern in einfachsten Verhältnissen in Detroit geboren wurde und sich als Fließband-Arbeiter bei Ford und als Boxer durchschlug, gründete später Motown Records und wurde millionenschwer. Barrett Strong startete einen Hit-gepflasterten Werdegang als Songwriter, der ihn bis in die Rock´n Roll Hall of Fame und (!) die Songwriters Hall of Fame führte. (Über die Finanzlage der Beatles und der Stones zu philosophieren, halte ich im Übrigen für müßig.)


Und jetzt ein dreifaches MONEY / MONEY / MONEY:


* Zitat aus: Dietmar Dath / Barbara Kirchner, Der Implex – Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee; Teil Oh l´ Amour, Kapitel Hippies im Mietrückstand (Suhrkamp, 2012)