Deutschland

ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE // Dietmar Dath, Leider bin ich tot

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Über Leider bin ich tot will ich also schreiben, den aktuellen Roman von Dietmar Dath. „Aha,“ sagt der Roman, und scheint das für eine irgendwie niedliche Idee von mir zu halten, „dann fang mal an, und lass mich bitteschön nicht zu dick aussehen, zu mager aber nun auch wieder nicht, und, weißt du was, mach’s doch wie ich, bind am Ende ’ne hübsche Schleife drumrum, Zeitschleife. Hauptsache nur, du tippst dir dabei keinen Knoten in die Finger. So, viel Glück!“ Na, vielen Dank auch.

Nach diesem Zwiegespräch frage ich mich erstens, ob ich mich womöglich zu sehr vom Panpsychismus habe einstricken lassen, auf den (unter vielem Anderen) im Roman Bezug genommen wird, und der, reichlich vereinfacht ausgedrückt, jedem Ding ein bestimmtes Maß an Geist zuspricht, sei es einem Stein, einer Stubenfliege, einer Butterblume oder einem Romanautoren: Der Geist komme eben nicht aus heiterem Himmel in die Welt, sondern sei direkt im Materiellen bereits angelegt, wobei die Komplexität von Geist graduell zunehme entsprechend der vom Materiellen absolvierten Entwicklungsstufen, von der proto-mentalen Seinsstufe kleinster materieller Einzelelemente bis hin zum komplexen Bewusstsein höherer Organismen. Weiter gedacht – und das ist eine dieser Ideen, mit denen in Leider bin ich tot gespielt wird -, könne ein noch höheres Bewusstsein demnach bestimmten hochkomplexen Systemen zu eigen sein, denen wir Menschen bislang keine eigene Bewusstseinsform zuschreiben, etwa dem Weltklima. Mit mir ist es, nach 461 Seiten in der Dath-Denkmühle, inzwischen so weit gekommen, dass ich dieses Buch, dieses flachziegelförmige, weiße Ding da auf meinem Tisch, schräg von der Seite her anschiele und misstrauisch überlege, auf welchem geistigen Level es sich wohl bewegt – genau, diesmal meine ich damit nicht seine inhaltliche Qualität. Zweitens frage ich mich: Auf einen handlichen Punkt zu bringen, worum es im Roman eigentlich geht, anstatt nur seine Ideenfülle wiederzukäuen, welche andererseits jedoch auf keinen Fall zu kurz kommen darf – wie soll das, bei einem derart vertrackten Content-Cluster, bloß was werden? „Okay, vergessen wir mal das mit der Rundumschleife. Was hältst du davon, ein paar Sprünge einzubauen? Hab ich auch gemacht.“

In Aischylos‘ Orestie, dieser blutrünstigen Familientragödie unter reger göttlicher Beteiligung, tritt ein Chor dunkler Gestalten auf: Die Erinyen kommen, um an Orest ihre Aufgabe als Rachegöttinnen zu erfüllen.

„Ruhm der Menschen, und ist er zum Himmel erhaben, / Nieder schmilzt er und schwindet zur Erde ehrlos, / Wenn wir nahen in schwarzem Gewand / Und tanzen gierigen Reigen. / Springe von oben und schwer / Setze die Spitze des Fußes ich / Nieder. Die Glieder versagen / Dem Flüchtigen – greuliches Irrsal.“ (Chor der Erinyen)*

Diese Fußspitze – da verdeutlicht sich eine Vorstellung praktisch eingesetzter und äußerst massiver Macht: Kaum haben ein paar Götter-Zehen Bodenkontakt erhalten, bricht schon der ganze Mensch körperlich und geistig zusammen. Flucht zwecklos; Ende. Man stelle sich erst den Horror vor, wenn die Erinyen beginnen, ihren zornig stampfenden Reigen zu tanzen. Weil sie dermaßen scheußlich sind, dass man sie im Olymp, unter Göttern, die sich selbst nicht gerade durch Zimperlichkeit auszeichnen, nicht haben will, sind sie der Unterwelt angehörige Göttinnen, während ihr Einsatzgebiet, in dem sie als rasende Rächerinnen viel beschäftigt unterwegs sind, der irdische Raum ist. Mit ihrer vollen Wucht – einer Kraft, welche der des unaufhaltsamen Drängens tektonischer Platten ähneln mag, gezeitraffert zu einem mächtigen Sprungvorgang – stürzen die Erinyen „von oben und schwer“ auf den Menschen hernieder, von dort also, wo der Zugriff des antiken Menschen nicht hinlangte: aus über ihm liegenden Sphären, aus dem Reich des Unbegreiflichen. Bei den alten Griechen, könnte man schlicht sagen, war die Götterwelt also noch in Ordnung.

Die aufgeklärte, wissenschaftsorientierte Welt hat inzwischen das Übernatürliche größtenteils erforscht, erklärt, seziert oder gar domestiziert, hat die himmlischen Gefilde als Flugverkehrsraum für Geschäftsleute, Touristen und das Transportwesen erschlossen, und den Göttern einen Platz am Katzentisch zugewiesen: Kulturell gehören sie eben irgendwie zur Familie, in existentiellen Angelegenheiten aber haben sie nicht mehr viel mitzureden. Gleichzeitig boomt der Markt für esoterische Lebenshilfe: Als bediente die Fantasy-Schwemme in der Populärkultur das Bedürfnis nach ein bisschen magischem Gefühl inmitten unserer mitunter faden Realität noch nicht konsequent genug, hebt der florierende, pseudo-spirituelle Wunscherfüllungsglaube die Unterscheidung zwischen Wundermärchen und Wirklichkeit kurzerhand ganz auf. Daran mögen sich die Geister scheiden, dem Erfolg der Eso-Industrie, die massenweise die passenden Mittel und Methoden zur praktischen Handhabung des Übersinnlichen im Alltag liefert, tut das keinen Abbruch. Weit weniger harmlos kommt dagegen das Phänomen des fanatisierten, radikalisierten Glaubens bis hin zum religiös argumentierenden Terrorismus daher; wer hätte erwartet, dass sakrale Schriften in der heutigen Zeit noch derartig extreme Auslegung und Anwendung erfahren würden? Überhaupt: Wer hätte gedacht, dass Religion als gesellschaftlicher wie geopolitischer Faktor uns im 21.Jahrhundert in solchem Maße beschäftigen würde?

Anstatt allen irgendwie religiös gearteten Ansätzen zur Welterklärung eine kommunistisch-marxistische Abfuhr zu erteilen, macht sich Dietmar Dath in Leider bin ich tot nun selbst auf die Suche nach möglichen Formen des Göttlichen.

„Götter…“ „Natürlich, was sonst? Wenn Ihnen intuitiv einleuchtet, und ich sage nicht, dass diese Intuition trügt – wenn Ihnen intuitiv einleuchtet, dass im Wasserfloh weniger los ist als in Ihnen, dann müssten Sie doch zugeben, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die Bewusstseinsskala bei Ihnen aufhört.“

Das kam unerwartet: Ein Buch über den Glauben – vom studierten Physiker und ausdrücklich politischen Autoren Dietmar Dath? Nun ja, mit Weltreligionen an sich hat Leider bin ich tot herzlich wenig zu tun, obgleich der Klappentext den Eindruck erweckt, Dath verquirle hier Christentum, Islam und Weltpolitik mit einer Prise Science-Fiction. Tatsächlich klaffen der Inhalt des Romans und seine Beschreibungen oft weit auseinander; beispielsweise springt Dath nicht konkret auf den Zug der gegenwärtigen Islamismus-Debatte auf, wie man anhand einiger Reizworte, mit denen das Buch werbetechnisch angepriesen wird, durchaus hätte vermuten können.

Sicher, es gibt da diese Szene, in der ein Musikclub während eines Metal-Konzerts explodiert, und wie könnte man da das Blutbad im Pariser Bataclan nicht mitdenken, zumal Daths Roman nur rund zwei Monate danach erschien? Da ist auch dieses modellhaft gegensätzliche, iranisch-deutsche Geschwisterpärchen: die zutiefst religiöse Nasrin, die als mutmaßlich terrorbereite Islamistin ins Visier des BND gerät, und ihr eher an weltlichen Vergnügungen interessierter Bruder Abel, dessen Leben über seinen Vornamen hinaus keinerlei Bibelnähe aufweist. Es gibt außerdem: Einen Pfarrer, der auf Irrwegen wandelt. Eine ebenso wundersame wie gruselige Zeugungsgeschichte. Eine Erleuchtete, die von einer spirituellen Massenbewegung zur Heilsbringerin verklärt wird. Und Kapitel enden, nach alttestamentlicher Manier, mit einem fettgedruckten Sela. Dazu gibt es allerdings noch ein bisschen Zen, ein bisschen Kapitalismuskritik, ein bisschen philosophisches Begriffsgeklapper, ach, und so viel mehr: Ein halbirdisches Wesen, das zunächst inkognito unter den Anderen lebt, bis es sich ihnen in seiner ganzen, wahrhaft Furcht einflößenden Macht zu erkennen gibt. Einen monströsen Steingott. Eine junge Rechtsrock-Combo, die sich allmählich vom Nazi-Sumpf, aus dem sie gekrochen kam, entfernt und später den Black-Metal-Sektor revolutionieren wird, nachdem sich ein sehr besonderes Mädchen, das in der Luft herumschwebende Glyphen erkennen und entziffern kann, in die Bandpolitik einmischt. Eine dionysische Party im Porno-Millieu. Eine linkspolitische Bloggerin, die sich, leicht verliebt, für Nasrin interessiert. Einen für die FAZ tätigen Journalisten namens Dietmar Dath. Und eine Clique undurchsichtiger, mächtiger Männer aus dem Nahen und Fernen Osten, die ein wissenschaftliches Geheimprojekt befördern, das Belege für eine aberwitzig anmutende These liefert: Das Wetter denkt, es lernt, und es reagiert – auf uns.

All dies steht nicht jeweils für sich selbst, sondern in unmittelbarer Verbindung zueinander. Nach und nach erfolgt eine Aufdeckung des Beziehungsgeflechts und der Wirkungszusammenhänge, die zwischen den Figuren und Ereignissen bestehen. Dass das Erzählen hierfür auf der chronologischen Linie ohne Vorwarnung hin- und herspringt, leistet anfangs Verständnisschwierigkeiten Vorschub, doch bewährt sich diese Hüpferei zwischen zeitlichen Ebenen, nach kurzer Eingewöhnung, als sehr gekonnt von Dath genutztes Mittel, um eine umfassende Betrachtung der Romancharaktere zu ermöglichen und überdies die Spannung zugkräftig zu halten: Jeder Zeitwechsel liefert neue Einsichten, die sowohl die Leserschaft überraschen als auch den Plot befeuern.

Zunächst lernt man Nasrin, Abel und Wolf kennen, deren Lebenswege kaum unterschiedlicher angelegt sein könnten, und erfährt bald, dass sie eine enge Kinderfreundschaft verband, die dem Erwachsenwerden zum Opfer fiel. Wolfs Werdegang hatte ihn ins Pfarramt geführt, doch endet seine Existenz als Berufsgeistlicher, nachdem er eine Rollstuhlfahrerin verprügelt hat, als sei der Teufel in ihn gefahren – was in diesem Fall vielleicht mehr Tatsache als Redensart ist. Nasrin hat mit der Zeit zu einem strengen muslimischen Glauben gefunden; derzeit beteiligt sie sich an einer unkonventionellen Forschungsarbeit zur Logik des Windes. Abel führt einen areligiösen Lebenswandel, ist Kosmopolit und erfolgreich als Avantgarde-Filmemacher – eine Karriere, die er maßgeblich seiner ständigen Begleiterin Cyan Cerulean zu verdanken hat, deren Kontakte zu Branchengrößen und Mäzenen Gold wert sind. Cerulean lässt sich mit himmelblau übersetzen – ein Himmelswesen? Wer an dieser Stelle an Engelchen denkt, liegt extrem daneben; mit den Erinyen teilt Cyan schon eher ein paar Gemeinsamkeiten: ihre Rastlosigkeit, oder das Stiften von Wahnsinn. Welchen geheimen Absichten Cyan Cerulean folgt, die sich als eine Art unsterbliches Gestaltwandelwesen entpuppt, dämmert einem bereits, als sich zeigt, dass Cyan mit dem Wind zu kommunizieren vermag, spätestens aber, als Abel, was übrigens so viel wie Hauch oder Vergänglichkeit bedeutet, plötzlich seinem eigenen Doppelgänger gegenübersteht, der sich ihm als Kain vorstellt.

Das fatale Wirken Cyan Ceruleans führt allerdings nicht nur Nasrin, Abel und Wolf wieder zueinander; es dreht mächtig am Schicksalskarussell aller beteiligten Figuren – vorwärts wie rückwärts. Das halbirdische Wesen besitzt die Fähigkeit, sich und Andere nach Belieben innerhalb der Zeit wie von einem Ort zum nächsten zu bewegen. Und so begeht nicht nur das Erzählen selbst Zeitsprünge, auch die Figuren finden sich mitunter in Vergangenheiten wieder, die sie zuvor anders erlebt hatten. Zeit ist hier nichts Absolutes. Sie wird nicht, menschenüblich, als zweidimensionale Einbahnstrecke, sondern als vieldimensionaler Raum gedacht. Dieser Raum gehört den Göttern; ihnen ist es möglich, die Zeit zu wechseln, sie zu dehnen, zu raffen oder sie aufzuspalten. Darauf beruht auch das allgegenwärtige Spiegel-Motiv: Während ein Spiegel in der menschlichen Dimension als Reflektor funktioniert, der uns lediglich unser eigenes Abbild entgegenwirft, macht Dath jeden Badezimmerspiegel, jede Glasscherbe, jede spiegelnde Messerklinge zu einer Schnittstelle, in der sich Zeit- und somit Möglichkeitsebenen brechen, sodass göttliche Mächte diese praktischerweise als direkte Durchgänge zu anderen Realitätsschichten nutzen können.

Da die Zeit durchlässig ist, zerfließt auch die Eindeutigkeit der erzählten Geschichte zu einem Pool möglicher Geschichtsversionen: Wird eine Figur, die fleißig ins Romangeschehen eingegriffen hat, durch einen Spiegel hindurch in eine Vergangenheit entsorgt, wo sie stirbt, so verästelt sich die Geschichte an dieser Stelle in zwei gleich wahre Verläufe – einen, an dem die Figur beteiligt war, und einen anderen, während dessen sie leider tot war. Als das Buch mit der selben Szene endet, die eingangs aus anderer Perspektive beschrieben wird, ist ebenfalls fraglich, ob dies einen erklärenden Rückgriff darstellt oder vielleicht doch den Beginn eines alternativen Geschichtsverlaufs. Vervielfacht sich aber die Realität, so steht unser Begriff von Wahrheit plötzlich auf beweglichen Füßen – was wahr ist, wissen am Ende also nur die Götter.

Wer sind aber nun diese Götter? Sind es miteinander konkurrierende Übermächte, die ihre Kämpfe auf dem Rücken untergeordneter Wesenheiten austragen? Oder handelt es sich um eine einzelne, alles umfassende göttliche Instanz, die das Ringen ihrer entgegengesetzten Pole in sich selbst aushalten muss? Ist das, was wir Gott nennen, eine Art Mega-Bewusstsein, das sich nach den selben evolutionären Gesetzmäßigkeiten entwickelte wie Fruchtfliege oder Erbse? Oder ist das Göttliche gar menschenähnlich oder menschengleich? Keine Angst, Dath versucht sich in diesem Roman nicht an einer neuen Theologie. Und auch die Religionskunde überlässt er lieber den Fachleuten. Mit einem rein unterhaltenden Göttermärchen hat man es hier wiederum auch nicht zu tun, das wäre Dath zu billig. Leider bin ich tot ist ein schlau ausgeführtes Gedankenspiel, das nach Sprüngen im Wissenschaftskitt sucht, der unser Weltbild zusammenhält – ein Spiel, das die Tatsache, dass Menschen nun einmal glauben, ernst nimmt und gleichzeitig die Trennlinie zwischen Glauben und Wissenschaft fröhlich als Springseil benutzt.


>>Dietmar Dath, Leider bin ich tot (Suhrkamp), €16,99


*Aischylos, Die Orestie, Deutsch von Emil Staiger (Reclam); S.121


Diesen Beitrag gibt’s auch bei satt.org

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ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE // Christian Morgenstern, Das Gebet

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Christian Morgenstern, Das Gebet

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!

Halb neun!

Halb zehn!

Halb elf!

Halb zwölf!

Zwölf!

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Sie falten die kleinen Zehlein,
die Rehlein.


Heiliger Bimbam, tun sie nicht, sagt man naseweis. Heiliger Bambi – weiß man’s?


Foto: Grebe, 2014

FABULIERIOSITÄTEN // Henning Ahrens, Lauf Jäger lauf


Übern Stacheldrahtzaun rüber, hinaus ins Gewucher (so ging jede Kinderhose kaputt). Viehweiden. Brachfelder. Feuchterdige Auwiesen. Vereinzelt gedrungene Kopf- und Silberweiden; Pappelreihen schlaksen aus Uferböschungen hervor. (Viel Zeit hatte ich, und immer ein altes Marmeladen- oder Einmachglas dabei für Schneckenhäuser, Mauseknochen, Samenkapseln und tote Insekten.) Meist ein kleiner Wind, der die Haare kraust, die er schon nicht mehr zu fassen kriegt, wenn man sich leeseits beim Holunderknick hinsetzt oder aber in vergessenen Scheunen stöbert. Mancher Jagdsitz längst verwachsen mit seiner Eiche (einmal brach mir eine Leiter unter den Füßen und ich blieb ein ängstliches Weilchen lang da oben, mitverwachsen). Im Frühjahr das Wyywitt der Kiebitze, im Sommer Feldlärchengeträller, im Herbst hohes Gabelweihengeschrei, im Winter das Quorren und Braaken der Krähen; ewig das Tscheckern der Elstern. Insektisches Hintergrundsurren während der Wärme. Wasser wächst frühlings aus den Senken hinaus, überläuft die Ebene, schwindet in der Hitze zu Rinnsalen in trockenrandigen Betten, kehrt groß im Herbst wieder und friert sich danach zurück in den Boden: vierteljährige Tide der Bäche und Pfuhle. Alles darf, wie es will und wie es muss. Friede, durch den man stakst – der aber wegbrechen kann von einem Moment auf den anderen: Wenn man ein mächtiges Gewitter auf sich zurollen sieht und zu weit draußen ist, um es rechtzeitig zu einem Unterstand zu schaffen. Wenn ein Morast die Füße bis über die Knöchel schluckt und nicht wieder loslassen will. Wenn man auf seine Hand schaut und den rostigen Nagel sieht, den man sich beim Klettern hineingerissen hat. (Ein andermal saß ich, meinen Proviant kauend, im hohen Gras, verscheuchte die seltsam vielen Fliegen mit meinem angebissenen Müsliriegel in der Hand und wunderte mich über einen Geruch wie von ranziger Butter, bis meine andere Hand, durchs Gras tastend, einen gärigen Katzenkadaver fand.) Friede und Schauer liegen nah beieinander. (An Tümpel und Fluss hielt ich völlig zeitverloren Ausschau nach dem kleinen Wassermann, glaubte oft, ihn gesehen zu haben und freute mich; ebenso oft rannte ich schnell davon – nur weg, nur nach Haus! – in panischer Kinderangst vor der Russalka.)


Zwischen Niemandsstadt, Niemandsland und Niemandsfluss spielt auch Henning Ahrens‘ Roman Lauf Jäger lauf.

Während der Fahrt nach Nillberg schaut Oskar Zorrow aus dem Zugfenster und entdeckt in der vorbeiwitschenden Landschaft einen Fuchs. Auch der Fuchs sieht zu Zorrow und blickt ihm direkt in die Augen. Da steht Zorrow auf, geht zur Tür und zieht die Notbremse. Auf offener Strecke liegt nun ein stillstehender ICE und ein Mann springt hinaus, um einem Fuchs nachzujagen.

Zog das Jackett aus, warf es über die Schulter und folgte den Schienen, die eine Landschaft durchpfeilten, welche so flach war, dass sein Blick, der nirgendwo Halt fand, immer wieder ausglitt – schilfige Gräben, gesäumt von Weiden und Erlen, dahinter grün flirrende Felder und Wiesen. Von Mensch und Behausung keine Spur.

Von dem nahen Gutshof und den rätselhaften Bewohnern, die ihn besetzt halten, weiß Zorrow da noch nichts. Doch wird er von ihnen bereits erwartet.

Gemeinsam traten die beiden Männer aus dem Schatten der Erle, und Ohneland zog die Luger hervor. Skeptisch beäugte Bustermann die Waffe und hakte einen Finger hinters Band seiner Fliege. „Wirst du schießen?“ „Wie lautet Johns Bitte?“ „Wir sollen uns ‚kümmern‘.“ Ohneland grinste in sich hinein. „Was zu deuten wäre.“ Gebückt tauchten die Männer ein ins Gras einer Wiese, um dem Fremden, der das Ödland offensichtlich arglos durchstiefelte, den Weg abzuschneiden. Die Grillen geigten ihren Psalm.

Nachdem die beiden Gestalten sich gekümmert haben, erwacht Zorrow gefesselt im ungenutzten Viehstall des Gutshofs. Von nun an steckt er fest in einer isolierten Welt, deren Regeln sich ihm nicht erschließen. Eine sonderbare Clique hat sich hier im verlassenen Herrenhaus verschanzt. Widergänger seien sie; Zorrow versteht nur Bahnhof. Ihr Oberhaupt John Schmutz – Egomane, Leuteschinder, früher als freischaffender Maler Teil der Nillberger Kulturschickeria – führt seine Mitstreiter Vera Ribbek, Karl Bustermann und Kurt Ohneland im Kampf gegen den Erzfeind Erk Brandstetter, der offenbar Jagd auf die Widergänger macht. Auch der Fuchs gehört zu Schmutz; womöglich war er es, der Zorrow als mutmaßlichen Spion Brandstetters meldete. Da man Zorrow nach eingehender Prüfung für harmlos befunden hat, den Eindringling nun aber nicht mehr gehen lassen mag, wird er aufgenommen in die Gemeinschaft

Man wolle ihn, so hatte Schmutz am Abend, auf dem Sofa liegend verkündet, zum Widergänger machen. Auf seine Frage, wie das vor sich gehen solle, hatte Schmutz ihn bei den Haaren gepackt, zu sich herangezogen und gezischt, er werde schon sehen. […] Neben einer von Brombeeren umrankten Kuhhütte hatten sie Halt gemacht und Aufstellung im Kreis genommen. Schmutz brüllte ein „Horrido!“, welches von seinen drei Gefährten mit „Joho! Joho! Joho!“ beantwortet wurde. Dann wies der Maler auf die Augenklappe. „Du bist Erk.“ Sein langer Arm durchschnitt die Luft. „Wir proben den Ernstfall. Ab in die Büsche!“ Oskar Zorrow, welcher nichts begriff, verharrte unter einer Trauerweide und sah, wie Kurt die Luger hinterm Gürtel hervorzog und lächelnd entsicherte. „Verstecken, Oskar.“ Der Vollbart, dessen Hemdkragen durchnässt war von Schweiß, raunte ihm zu. „Kurt wird uns suchen.“

Und töten – und doch sind am nächsten Tag sie alle wieder beisammen, als sei nichts gewesen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Frage stellt, ob Oskar Zorrow es hier mit tatsächlichen Untoten zu tun hat oder mit Gebilden seiner Fantasie; die Antwort darauf bleibt dem Geschmack der Leserschaft überlassen.

Schmutz steckt Zorrow in ein Kleid, nutzt ihn als Modell für seine Ölmalerei und missbraucht ihn schon bald gewohnheitsmäßig. Zorrows Fluchtversuche scheitern: Alle Wege führen, anstatt nach Nillberg, nur immer wieder zurück zum vermaledeiten Landgut. Auf einer Landkarte, die Zorrow entdeckt, hat dieser Niemandsort einen Namen: Morrzow. (Nicht nur der Ort spielt mit Zorrows Namen – die Anderen nennen ihn mal Zorro, mal Sorrow.) Dass der Versuch, aus Morrzow abzuhauen, nicht nur zwecklos, sondern auch gefährlich ist, liegt am verhängnisvollen Nebelgürtel, der es umgibt. Dort verliert man samt seiner Orientierung sein umfassendes Erinnerungsvermögen und das Denken schrumpft zurück aufs Rudimentäre – so kommt man dort auch geistig im Reich der Wildtiere an. Einzig Schmutz wagt sich, zu experimentellen Zwecken, in den Nebel; wieder hinaus findet er dank einer Hänsel-und-Gretel-Taktik, die besser funktioniert als Brotkrumen.

Der in der Angst der Widergänger allgegenwärtige Erk lässt sich lange nicht blicken. Dafür macht Zorrow Bekanntschaft mit Hans von Lange, einem Aussteiger aus der Widergänger-Clique, der die Enteninsel im großzügig angelegten Feuerlöschteich beim Gut bewohnt. In von Langes Hütte lässt sich gut Cognac trinken, der Fischer mit seemännischer Vergangenheit erzählt dabei in kryptischem Singsang von Erk und John, und immer wieder bramarbasiert er über Lu – es ist ihr Kleid, das Zorrow die ganze Zeit über trägt.

„Lu… Lululu… Lu… Lulu… Busenbrut… Untergang… Lu… Himmelsduft… Lugerschuss… Lululu…“

Unterdessen macht sich eine Luise Drechsler, die das Warten auf John Schmutz endgültig satt hat, auf den Weg von Nillberg nach Morrzow. Und bald taucht auch der zackenbärtige Erk auf. Nachdem ihn in seinem Hauptquartier in einem Nillberger Bunker ein Fax mit den Worten Morrzow. Okay? erreicht hat, schnallt er sich seinen Propellerrucksack um und fliegt zum Angriff auf die Widergänger. Auf dem Gut machen sich die lebendigen Engel und Faune in den Deckengemälden des Weinkellers bereit, um ihre eigene Version eines Jüngsten Gerichts zu veranstalten. John Schmutz stimmt, mitten im Gefecht, das titelgebende Volkslied an: Lauf Jäger lauf. Und Hans von Lange, der vom Löschteich aus alles beobachtet, sagt nicht ohne eine gewisse Genugtuung:

„Wenn Morrzow fällt, fällt auch die Welt.“

So weit, so undurchsichtig. Henning Ahrens fabuliert ungebremst voran, immer einen Schritt schneller, als das Leserverständnis mithalten kann. Auf seine Kosten kommt hier, wer absurdes Feuerwerk wertschätzt. Ich selbst hatte den mitunter zwanghaft verfochtenen Originalitätsanspruch des Ganzen gelegentlich über, muss aber zugeben, dass ich gerade davon eben doch fasziniert war – umso mehr noch, da mich die detailreich und naturverständig beschriebene Provinzwildnis als Setting von Beginn an vollkommen für den Roman eingenommen hat. Ich hab halt (siehe oben) ein Herz fürs öde Nirgendwo und freue mich, dass eine ähnliche Liebe, oder zumindest eine diesbezügliche intensive Kennerschaft, auch bei Ahrens zu Tage tritt, der als Bauernsohn im tiefsten niedersächsischen Einerlei aus Feld, Wald und Flur aufwuchs.

Das heimatliche Wildland als Träger für Schauerlichkeiten oder idyllische Verklärungen – das kennt man aus der Romantik.

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritt ein Quellchen springt,
Wenn es aus der Spalte zischt und singt!-
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn der Röhrich knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind-
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnenlenor‘,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen,
Wie eine gespenstische Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitsheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichen Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhr war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide.

Annette von Droste-Hülshoff, Der Knabe im Moor: Diese sechs Strophen kommen mir beim Lesen in den Sinn. Auch weist Lauf Jäger lauf eine solche Gliederung auf: Roman in sechs Folgen lautet der eingangs nachgereichte Untertitel – Zorrow in Not / Zorrow in Morrzow / Zorrow umflort / Zorrow ohne Brot / Zorrow kommt vor / Zorrow entrollt. Ahrens verbastelt Rückgriffe auf die Romantik mit modernem Irrwitz, im weltabgewandten Märchen-Biotop treffen motorisierte Zerstörer und verständnis- und orientierungslose Besucher aus der Gegenwart ein. Da schmeckt man Grimm’sches Salz und Beckett-Pfeffer heraus.

Zwar macht es Lauf Jäger lauf seiner Leserschaft nicht gerade leicht, doch kommt man nicht aus Morrzow zurück ohne anzuerkennen, dass Ahrens hier sprachlich und imaginativ mächtig was aufgefahren hat.


>>Henning Ahrens, Lauf Jäger lauf (Fischer) €12,00


>>Fotos: Grebe, 2015

FABULIERIOSITÄTEN // Mynona, Goethe spricht in den Phonographen (Eine Liebesgeschichte)

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„Es ist doch schade“, sagte Anna Pomke, ein zaghaftes Bürgermädchen, „daß der Phonograph nicht schon um 1800 erfunden worden war!“ „Warum?“ fragte Professor Abnossah Pschorr. „Es ist schade, liebe Pomke, daß ihn nicht bereits Eva dem Adam als Mitgift in die wilde Ehe brachte; es ist Manches schade, liebe Pomke.“ „Ach, Herr Professor, ich hätte wenigstens so gern Goethes Stimme noch gehört! Er soll ein so schönes Organ gehabt haben, und was er sagte, war so gehaltvoll. Ach, hätte er doch in einen Phonographen sprechen können! Ach! Ach!“

Da sich das Fräulein Pomke doch so sehr danach sehnt, Herrn Goethes wahre Stimme einmal zu hören, macht sich Professor Pschorr, der sich doch so sehr danach sehnt, der lieben Pomke einmal näher zu kommen, nun daran, ihr diesen Herzenswunsch zu erfüllen. Die Hoffnung, im Gegenzug von ihr mit herzlicher Zuwendung belohnt zu werden, lässt ihn ein aberwitziges Vorhaben planen und dieses mit Mut und Tücke in die Tat umsetzen.

Professor Pschorr, Erfinder des Ferntasters, versank in sein habituelles erfinderisches Nachdenken. Sollte es nicht noch jetzt nachträglich gelingen können, diesem Goethe (Abnossah war lächerlich eifersüchtig) den Klang seiner Stimme abzulisten? Immer, wenn Goethe sprach, brachte seine Stimme […] Schwingungen hervor […]. Diese Schwingungen stoßen auf Widerstände und werden reflektiert, so daß es ein Hin und Her gibt, welches im Laufe der Zeit zwar schwächer werden, aber nicht eigentlich aufhören kann. Diese von Goethes Stimme erregten Schwingungen dauern also jetzt noch fort, und man braucht nur einen geeigneten Empfangsapparat, um sie aufzunehmen.

Das weitere Grübeln des Erfinders fördert allerdings ein grundlegendes Problem zu Tage: Um einen solchen Empfänger auf eine einzelne Stimmfrequenz justieren zu können, müsste diese zunächst einmal genauestens bestimmt werden, wozu ausführliche Studien des dazugehörigen organischen Sendeapparats von Nöten wären – hierfür also müsste Pschorr dem lieben Goethe an die Kehle.

Schon wollte er das Ding aufgeben, als er sich plötzlich darauf besann, dass ja Goethe selbst, wenn auch in Leichenform, noch existierte.

Nur empfängt dieser Goethe keine Gäste mehr: Der honorige Leichnam steht für Forschungszwecke nicht zur Verfügung; Pschorrs entsprechender Antrag wird in Weimar kategorisch abgelehnt. Daran aber soll es nicht scheitern, befindet der Herr Professor, und so macht er sich nicht nur mit wissenschaftlichem, sondern auch mit allerlei Einbruchsgerät im Gepäck auf den Weg zur Weimarer Fürstengruft. Der handwerkliche Aspekt des geplanten Einstiegs in die Grabstätte stellt für Pschorr kein Hindernis dar – dafür qualifiziert ihn sein ingenieurstechnisches Geschick. Und darüber hinaus verfügt er über die nötigen psychophysiologischen Fähigkeiten, um die Bewacher der Gruft auszuschalten. In seinem Hotelzimmer übt Pschorr zunächst eine tiefe, sonore Stimmlage und eine geheimratliche Haltung ein. Um Mitternacht dann erscheint er, verkleidet als der leibhaftige alte Goethe, vor der Gruft und setzt die Wächterschaft per Spezial-Hypnose außer Gefecht.

Bis der Krampf sich löste, blieben ihm gut und gern etwa zwei Stunden, und diese nutzte er kräftig aus. Er ging in die Gruft, ließ einen Scheinwerfer aufzucken und fand auch bald den Sarg Goethes heraus. Nach kurzer Arbeit war er mit der Leiche bereits vertraut. Pietät ist gut für Leute, die sonst keine Sorgen haben.

[Und überhaupt: Hätte nicht gerade der forschungsbegeisterte Goethe selbst an einem solchen Unternehmen Gefallen finden müssen? Noch dazu, da doch die Gunst einer Frau damit errungen werden soll?] Gleich nach Pschorrs Abreise am nächsten Morgen geht die Erfinderei in ihre heiße Phase über, und bald sind die Kehlkopfrekonstruktion sowie ein Miniaturphonograph mit Mikrophonvorrichtung fertiggestellt. Die Inbetriebnahme der Erfindung soll in Goethes ehemaligem Arbeitszimmer stattfinden, wo die höchste Schwingungsdichte der Goethestimme zu erwarten ist. Mit dem Versprechen, ihren Goethe für sie plaudern zu lassen, lädt Pschorr die Pomke zu einem Ausflug nach Weimar ein, wo die beiden mit ihrem Anliegen bei Hofrat Professor Böffel vorstellig werden:

„Was wollen sie mit dem Kehlkopf, wenn ich fragen darf?“ „Ich will den Stimmklang des Goetheschen Organs täuschend naturgetreu reproduzieren.“ „Und sie haben das Modell?“ – „Hier!“ Abnossah ließ ein Etui aufspringen. Böffel schrie sonderbar. Die Pomke lächelte stolz.

Anfänglich skeptisch, gibt Böffel seiner Neugier nach; Pschorr darf den sonderbaren Apparat in Goethes Arbeitszimmer zum Einsatz bringen. Der Durchführung des Experiments, bei dem per Blasebalg Luft durch den Kehlkopfapparat gefiltert und die daraus isolierten Stimmschwingungen vom Phonographen hörbar gemacht werden sollen, wohnen Pomke, Böffel und einige Assistenten bei, und tatsächlich werden sie, nachdem Pschorr ein wenig geblasebalgt hat, zu Zuhörern eines der berühmten Gespräche Goethes mit Eckermann. [Eckermann fungierte in jenen Gesprächen sozusagen als Interviewführer, der Goethe, indem er diesem offene Fragen stellte und sachkundig gezielt nachhakte, zu wissenschaftlichen und philosophischen Ausführungen anregte. Diese Unterhaltungen veröffentlichte Eckermann, wie es Goethes Wunsch gewesen war, nach dessen Tod.] Die hier gehörte Passage ist überdies von besonderer Sensation; elektrisiert lauscht das Publikum, wie Goethe sich über die Farbenlehre nach Newton auslässt. [Goethe verteidigte den Wahrheitsanspruch seiner eigenen Farbenlehre gegenüber der Newtons, die seiner vorausgegangen war, wie eine Furie. An Newton selbst ließ er kaum ein gutes Haar. Als begabt zwar, doch nicht schöpfungsbegabt beschrieb Goethe diesen, und so einer – etwas frei formuliert nach Goethes Polemik gegen Newton -, der von Schöpfung an sich schon nichts verstehe, solle doch bitte die Finger davon lassen, die Schöpfung selbst mit seinen eitlen und gar fehlerhaften Erklärungen zu etikettieren. Bisweilen garstig überheblich, strebte Goethe mit seiner eigenen Farbenlehre nichts Geringeres an, als den frei denkenden Dichter als Weltversteher über den begrenzt denkenden Naturwissenschaftler zu erheben. Newton habe, indem er künstliche Versuchsanordnungen zur Erforschung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten verwendete, der Natur, einem Inquisitor gleich, unwahre Geständnisse abgefoltert. Goethe führte dagegen den Ansatz der Aufklärung ins Feld: Aus verengten Blickwinkeln lässt sich kein umfassendes Erkennen erreichen, dazu bedarf es des fragenden Blickes auf die ganze Welt und den ganzen Menschen.]

„Wie gesagt, mein lieber Eckermann, dieser Newton war blind mit seinen sehenden Augen. Wie sehr gewahren wir das, mein Lieber, an gar manchem so offen Scheinenden! Daher bedarf insonders der Sinn des Auges der Kritik unsres Urteils. Wo diese fehlt, dort fehlt eigentlich auch aller Sinn. Aber die Welt spottet des Urteils, sie spottet der Vernunft. Was sie ernstlich will, ist kritiklose Sensation. […]“ Das hörte die Pomke mit frohem Entsetzen. Sie zitterte und sagte: „Göttlich! Göttlich! Professor, ich verdanke Ihnen den schönsten Augenblick meines Lebens.“

Die Zuhörerschaft tobt vor Begeisterung, das Fräulein Pomke allen voran. [Fraglich ist allerdings, ob in diesem Falle nicht vielleicht der Sinn des Ohres insonders der Kritik des Urteils bedurft hätte. Pschorr verstaut seine Gerätschaften nach erfolgreicher Demonstration allzu schnell wieder im Köfferchen und scheint auch zu wissenschaftlichen Plaudereien nicht aufgelegt zu sein. Man erinnere sich außerdem der besonderen Fähigkeiten des Professors Pschorr (nebst dessen eigenen Stimmübungen), der hier geradezu als Magier vor verzaubertem Publikum auftritt. Ob also bei diesem Experiment alles mit rechten, naturwissenschaftlichen Dingen zugegangen ist, sei dahingestellt. Das Fräulein zumindest schwelgt glücklich in kritikloser Sensation. Und was Pschorr ernstlich will, ist eben Pomke.] Nach diesem außerordentlichen Erlebnis machen sich der Professor und sein Fräulein wieder auf den Heimweg, Pschorr bietet der noch vollkommen berauschten Pomke seinen Arm, man schlendert selig gemeinsam umher. Endlich scheint die Gelegenheit zu einem Geständnis günstig:

„[…] Geliebte! Geliebte! Denn (oh!) das! Das sind! Das bist Du! Du!“ Aber die Pomke hatte gar nicht hingehört. Sie schien zu träumen. „Wie er die R’s betont!“ hauchte sie beklommen. Abnossah schneuzte sich wütend die Nase; Anna fuhr auf, sie fragte zerstreut: „Sie sagten etwas, lieber Pschorr? Und ich vergesse den Meister über sein Werk! Aber mir versinkt die Welt, wenn ich Goethes eigne Stimme höre!“

Sie stiegen zur Rückfahrt in den Bahnwagen. Die Pomke sprach nichts, Abnossah brütete stumm. Hinter Halle a.S. schmiß er das Köfferchen mit dem Kehlkopf Goethes aus dem Fenster vor die Räder eines aus entgegengesetzter Richtung heranbrausenden Zuges. Die Pomke schrie laut auf: „Was haben Sie getan?“ „Geliebt“, seufzte Pschorr, „und bald auch gelebet – und meinen siegreichen Nebenbuhler, Goethes Kehlkopf, zu Schanden gemacht.“ Blutrot wurde da die Pomke und warf sich lachend und heftig in die sich fest um sie schlingenden Arme Abnossahs.


Mynona – man lese diesen Namen bitte einmal rückwärts, um ihm auf die Schliche zu kommen – war das Pseudonym des Schriftstellers Salomo Friedlaender (1871 – 1946). Geboren in Posen, kam er zwecks Medizinstudium nach München und Berlin, wechselte jedoch alsbald in die Fächer Kunst und Philosophie. Nach seiner Promotion lebte er als freier Schriftsteller in Berlin, wo er Freundschaften mit Martin Buber, Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam und Alfred Kubin unterhielt und Raoul Hausmann, Hannah Höch und Paul Scheerbart kennenlernte. Unter seinem Pseudonym schrieb Friedlaender für diverse expressionistische Zeitschriften und war selbst Mitherausgeber der Zeitschrift Der Einzige (Fachgebiet: Individualistischer Anarchismus). Seine Texte, in denen Expressionismus und Dadaismus, Groteske und Parodie zu erkennen sind, nahmen Einfluss auf die Literarische Avantgarde. 1934 emigrierte Friedlaender nach Frankreich, zwölf Jahre lang lebte er in Paris. Er starb dort in verarmten Verhältnissen.


Die Erzählung findet sich in dieser rundum schönen Anthologie:

>> Moritz Baßler (Hrsg.), Literarische Moderne, Das große Lesebuch (Fischer Verlag) €14,50

FABULIERIOSITÄTEN // Wilhelm Bartsch, Amerikatz

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Die Brooklyn Bridge hängt, Bauch nach oben, am Himmel. Ein Kunststück, das lediglich einer kleinen Handbewegung bedarf: Jensie Immakoolee Stone, genannt Amerikatzhat eines ihrer Fotos der Brücke samt einschlagendem Gewitterblitz kurzerhand verkehrt herum aufgehangen, und so bilden Stein und Stahl nun ein dunkles Firmament, aus dem ein Leuchten herniederfällt.

Was auch immer in der Welt als Festes, Unverrückbares besteht, vermag durch die Kunst einhändig auf den Kopf gestellt zu werden. Dass Wilhelm Bartsch jenes Bild, die Brooklyn Bridge überkopf, als Türöffner verwendet, zeigt in diesem Sinne an, dass sein Roman um einen Detektiv auf Abenteuerpfaden weniger dem festen Boden der Tatsachen verhaftet, sondern in erster Linie der Kunst verpflichtet ist – der des ernsthaften Dichtens wie des wilden Fabulierens: Bartsch dreht die Welt um 180 Grad, schüttelt alles kräftig und macht, was hierbei blitzartig herniedergefallen kommt, zu seinen Figuren, Schauplätzen, Handlungssträngen.

Micah Microbius, Privatschnüffler, Weltenbummler und das Ich dieser Geschichte, betreibt mit seiner Partnerin Adele von Strauch in Berlin-Charlottenburg sein Gewerbe von einer kleinen Klitsche aus, die sich Büro schimpft. Mit seinem neuesten Klienten hängt ein selten dicker Fisch an Micahs Angel: Boris Untied, Stasigeneral a.D. und heute lokaler Sicherheitsunternehmer, öffnet sein großes Portmonee und beauftragt Micah mit der Suche nach seinem verschwundenen Sohn Jan. Die Stasi mag passé sein, für allwissend a.D. hält Micah den alten General jedoch mitnichten, und so verwundert es ihn, weshalb Untied nicht einfach an den eigenen Strippen zieht, die noch immer international greifen, um Untied junior ausfindig zu machen. Eingedenk ausstehender Mietzahlungen, und weil man einen Untied nun einmal nicht los wird – es sei denn, man ist selbst einer -, nimmt Micah den Auftrag an und sein mulmiges Bauchgefühl dabei in Kauf. So beginnt für Micah eine Reise auf den Spuren des Jan Untied, die ihn durch den Wilden Osten und den Wilden Westen führt, mit Stationen von Nagorny Karabach im Kleinen Kaukasus, wo Micah nebenbei eine Familienzusammenführung mit seinem armenischen Großvater erlebt, über New York, bis in die entlegenen Weiten Oklahomas, wo einst für die Cherokee der Pfad der Tränen seinen Endpunkt nahm. Geplant als geordnete Suchaktion, mutiert dieses Unterfangen zur abenteuerlichen Jagd: Micah wird verschleppt, kann sich befreien, trifft auf zwielichtige Geheimdienstler, muss sich zu Fuß durch die Wildnis schlagen, gerät an die falschen Mittelsmänner, in diverse Schusswechsel und verliert beinahe seinen Kopf. Und beinahe sein Herz – allerdings nicht an die cherokesische Künstlerin namens Jensie Stone, Amerikatz, deren Liebhaber Jan Untied war, und deren Lebenspartner Deodat Increase Mason, milliardenschwerer Unternehmer und Abenteurer, womöglich etwas dagegen hatte. Viel wird hier erzählt, auf nichts ist dabei Verlass, am allerwenigsten übrigens auf naheliegende Schlussfolgerungen.

Ein ums andere Mal erwägt Micah ernsthaft, die Flinte ins Korn zu schmeißen. Aber nein, er bleibt dran. Nicht nur zwecks Auftragserfüllung – gleichermaßen nämlich betreibt er Geschichtsfindung im eigenen Auftrag.

Ein wahres Verhängnis nenne ich etwas, das nicht kommt, sondern zu dem man hingeht, hingehen muss. Man benutzt dazu Wege, die auf keiner Karte stehen, und so ergibt sich durchaus eine gar nicht folgerichtige Geschichte. Denn erst, wenn man überhaupt die Chance hat, diese Geschichte halbwegs zu überblicken, sind wirklich zusammengehörige Muster zu erkennen. Vielleicht aber auch nur deshalb, weil wir es so wollen.

Micah erkennt nicht nur, dass Jan und er früher Klassenkameraden waren, sondern findet, indem er reisend und jagend Jans Fluchtwege nachvollzieht, weitere gemeinsame Schnittpunkte. So betätigte sich Jan als Schriftsteller, und auch Micah schreibt seine Erlebnisse mit talentierter Hand nieder. Und wie aus den Fragmenten, die von Jans Literatur geblieben sind, dessen Weg ins Verhängnis ablesbar ist, schreibt sich der Mut zum eigenen Verhängnis in die Reisenotizen des Micah Microbius ein, aus denen nach und nach seine gar nicht folgerichtige Geschichte erwächst. Die Muster zu erkennen, die inmitten jenes Durcheinanders Orientierung bieten – darin besteht nun die eigentliche Herausforderung für Micah.

Nicht anders ergeht es der Leserschaft. Der One-Stroke-No-Stroke-Man (ehemaliger NVA-Panzerhauptmann, in den USA wegen seiner Ein-Strich-kein-Strich-Armeejacke zu diesem Namen gekommen), Foggy Gellhorn (Hobbyschnüffler, Cousin Micahs und dessen Kontaktmann in Iowa), der Hagere und der Hagerere (vermutlich von der NSA auf Micah angesetzt), der Erzbischof von Nagorny Karabach, Kandida Goytia (Modeschöpferin mit Sitz in Kolumbien, Freundin Adeles), Zelda Cazador (mexikanische Totenschnüfflerin), die 99 Teppiche des Mollah Panah Vagif, befreite Sklaven und DDRler auf Abwegen, Rituale der Mohawk und der Cherokee, die Werke des deutschen Raum-Künstlers Gregor Schneider, Itelmenen auf Reisen, Kindheitserinnerungen aus Ost-Berlin, die Geschichte der Stadt Schuscha, ein Beutel voller Turnschuhe, armenischer Kognak – wer oder was eine tatsächlich wichtige Rolle spielt, lässt sich in dieser Geschichte, deren Personenverzeichnis enorm ist und deren Erzählwege oft über holprige Nebenstrecken oder in Sackgassen verlaufen, nur schwer ausmachen. Am besten verlegt man sich also gleichfalls auf Mustererkennung.

Es empfiehlt sich in diesem Zusammenhang, Karl May – Micahs Lieblingslügenbold – und dessen Werk aus dem Hinterköpfchen hervorzukramen und während des Lesens von Amerikatz immer ein Auge darauf zu haben. Ein Gedicht Karl Mays ist dem Roman als Geleitwort vorangestellt, und von dieser Position aus scheint der hochverehrte Pseudologe auf seinen Jünger Micah hinabzuschauen und ihm für dessen erzählerisches Vorhaben seinen Segen zu erteilen. Ein paar Seiten später findet sich dieses Gedicht wieder, ist quasi von außen ins Geschichtsinnere hinübergeschlichen: Es taucht, wie von Geisterhand so aufgeschlagen, in einem Buch auf, das jemand im seltsamsten Fahrstuhl der Welt hat liegen lassen, mit dem Micah täglich fährt und der ihm die schönsten Geistesblitze einflüstert – übrigens war Karl May selbst einst als Fahrgast darin unterwegs gewesen. Bartsch schickt seinen Micah als modernen Kara Ben Nemsi bzw. Old Shatterhand quer durch Ost und West, lässt ihn verschiedenste Sprachen beherrschen und ihn auf stolze, kriegerische Volksstämme treffen, und Micah kennt sich aus oder passt sich schnell an, hat überall seine Freunde, ob nun in der Provinz Martakert, in Kanatsiohareke-New York State, oder daheim in Berlin-Charlatanburg. Angelehnt an die Federführung Karl Mays, agiert Bartsch schreibend eine ganz ähnliche, ungebremste Fabulieritis aus, löst sich jedoch häufig, wie auch May in seinem Spätwerk, vom Abenteuerroman und wendet sich Ernstzunehmendem zu: Neben ein paar weltanschaulichen Denkanstößen, fallen dabei vor Allem Bartschs Übertragungen von Gedichten Ossip Mandelstams und Grigor Narekatsis ins Auge, die sich nahtlos ins Erzählte einfügen.

Was aber bezweckt Bartsch am Ende mit dieser ganzen hanebüchenen Geschichte, mit all diesen skurrilen Figuren? Wozu einen Karl May literarisch exhumieren, ihn wiederbeleben und in neue Kleider stopfen? Kurz, was soll das alles? Der Klappentext antwortet, dies sei als lustvoller Abgesang auf das Zeitalter der Informationsüberflutung zu verstehen, in dem nur überlebt, wer das wirklich Wichtige nicht aus den Augen verliert. Nur höre ich einen solchen Abgesang nirgendwo heraus. Anstatt für Überblick zu sorgen, hat Bartsch seine helle Freude daran, Überladung zu schaffen – doch diese Überladung an sich formuliert längst noch keine Kritik am Zeitalter der Informationsüberflutung. Trotzdem dient der Aberwitz nicht allein dem Selbstzweck. Der Roman begnügt sich nicht damit, bloß kuriose Unterhaltung zu sein: Er erhebt das Hochstaplertum zur Kunstform. Bartsch verbindet Flapsigkeit mit Virtuosität, Humor mit Tiefgang, er probiert, sprachlich und thematisch, mutig drauflos und versprüht dabei irrlichternde Blitze, die den Kopf erhellen.


>>Wilhelm Bartsch, Amerikatz (Osburg Verlag)


Herzlichen Dank für dieses Buchexemplar an den Osburg Verlag und Buchrevier!


Auch zu finden auf: satt.org

LICHTKÖRPER UND SCHATTENWESEN // Marion Poschmann, Die Sonnenposition

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Woraus ist Zeit gemacht? Aus Licht und Dunkel: Ihre ursprünglichste Maßeinheit ist die Abfolge von Tag und Nacht. Ein Wechsel, der sich in den Beschaffenheiten der Zeit fortsetzt: helle Zeiten, finstere Zeiten. So kam sie heran, ist, vergeht – und wohin geht sie dann, die Zeit? Weiter: gen Licht, gen Dunkel.

Draußen geht die Sonne auf und unter. Im Schloß verfallen die Kränze und Kreise. Die Stuckrosetten schwinden, das Deckengemälde Aurora verrottet, in die strahlig angelegten Achsen im Park frißt sich Gras.

Dieses brandenburgische Schloss, Hauptort des Romans Die Sonnenposition von Marion Poschmann, zeigt sich in schäbigem Gewand aus bröckelndem Prachtstuck, Schimmelwucher, verkrauteten Parkflächen, offenliegenden Wunden in Putz und Tapeten: Memento moriendum esse! Einst barocker Fürstensitz, nach dem Krieg als Lagerhalle einer LPG genutzt, beherbergt es heute eine psychiatrische Einrichtung. Im Osten geht die Sonne auf? Von der Stucksonne, die im Speisesaal die Decke nurmehr kläglich ziert, regnen Gipsplacken herab in die Suppenteller der Patienten: Vanitas!

Altfried Janich hat es aus dem Rheinland, dessen menschelnde Fröhlichkeit er nie teilte, hierher verschlagen, in das marode Schloss im maroden Osten, wo er sich um die dunklen Seiten der menschlichen Psyche kümmert. Um die dunklen Flecken, die er durch morsche Wandverkleidungen hindurch erriechen kann, kümmert sich niemand. Als Arzt versucht er, dem man seiner Herkunft, seiner körperlichen Gemütlichkeit und auch seines Vornamens wegen ein ausgeglichenes Wesen unterstellt, seinen Patienten gegenüber ein zentraler, Halt gebender Fixpunkt zu sein – die Sonnenposition einzunehmen. Motivisch ausgedrückt: Licht in ihr seelisches Dunkel zu tragen. Welcher Tendenz die Deutung der Licht-Motivik allerdings folgen sollte, gibt der Eingangssatz des Romans vor: Die Sonne bröckelt. Altfried, der selbst in der Anstalt wohnt, in ihn und sich zersetzenden Räumlichkeiten, spaziert nachts in den Sälen und auf dem Gelände herum, ernährt sich von aus der Küche stibitzten Tiefkühl-Reibekuchen, die er auf dem Heizkörper auftauen lässt, und offenbart nach und nach weitere durchaus pathologische Verhaltensweisen. Oft, sagt er, weiß ich selbst nicht, ob ich mich als Arzt oder als Patient hier aufhalte. 

Nicht etwa als Sonnenkönig tritt Altfried also in Erscheinung, sondern geradezu als nachtwandelndes Schlossgespenst. Er reiht sich damit ein in eine Parade von Spukgestalten, der nicht nur seine Patienten angehören – per Medikation zu zombiösen Flurschlurfern gemachte Figuren, die an der Bewältigung der Wende und anderer Übergangsstadien im Leben psychisch totalgescheitert sind. Fallstudien in episodischer Kürze lassen Einzelschicksale aufblitzen: eine Kindsmörderin, ein Hamsterhorter, eine Brandstifterin, ein Staubbewunderer oder ein Fischstäbchenbefreier zählen dazu. Oft grenzt die Funktion der einzelnen Patienten ans Dekorative; eine Befugnis, im Roman handelnd einzugreifen, wird diesen isolierten Gestalten abgesprochen. Erst, indem man die Insassen der Anstalt als Gesamtheit betrachtet, sieht man sie als Wirkungsverstärker für Poschmanns Licht- und Schattenspiele, nimmt die Patientenschaft die Anmutung eines antiken Chores an, der hier, vor der Kulisse des verfallenen Schlosses, „Auferstanden aus Ruinen“ rückwärts singt.

Auch Altfrieds Großeltern und weitere Anverwandte sind einem Geisterreich zuzurechnen. Einem, das sich durch bewusste und unbewusste Erfahrungsweitergabe entlang der Familienlinie einen Übergangsweg in Altfrieds Lebenswelt gesichert hat. Woher sein eigener Drang, sich unsichtbar machen zu wollen, und vielleicht auch die Wahl seines Arbeitsorts rühren, erklärt sich unter Anderem in der Schilderung des Kriegsschicksals, das seine Großeltern, seine Eltern genommen hatten: die einen ermordet, die anderen, als hilflose Kriegswaisen, Schutz suchend in rettenden Verstecken – das auf die Folgegenerationen übergegangene Erbe solcher Erfahrungen bezeichnet die Psychologie als Schattentrauma. Altfrieds Berufswahl berührt unmittelbar die psychische Blockade seines Vaters und bezieht die Angewohnheit seiner Tante, sich den Geistern der Vergangenheit zu widmen, mit ein. Und indem er in den Osten gegangen ist, an einen Ort, wo Vergangenheit noch in offener Verwesung, unrestauriert zu betrachten ist, ist Altfried in umgekehrter Richtung ein Stück des Wegs gegangen, auf dem sie, die Heimatvertriebenen aus dem Osten, einst westwärts geisterten.

Neben dem Beruf pflegt Altfried ein seltenes und recht verschrobenes Hobby: die Jagd auf Erlkönige. Zur Erklärung: Dieses zielt nicht auf den Elfenkönig, den wir aus der Ballade kennen, sondern ist eine gängige Bezeichnung für Prototypen einer neuen Automodellreihe, deren Fahreigenschaften bei Nacht und Nebel in abgeschiedenen Gebieten ausgetestet werden. Während die Hersteller mit Tarnlacken oder Extra-Verkleidungen die Details ihrer neuen Modelle geheim zu halten suchen, lauern Journalisten und Hobbyfotografen den Erlkönigen auf, aus einfacher Lust an der Jagd oder um exklusive Bilder verkaufen zu können an interessierte Automagazine. Wer Geisterautos jagen will, muss idealerweise selbst zum Geist werden: Viel mehr als für seine Jagd-Objekte selbst, begeistert Altfried sich für die jagdliche Praxis, die Tarnung und lautloses Umherpirschen erfordert und somit seiner Vorliebe fürs Unsichtbarwerden wohltuend entgegenkommt. Es ist ein Wettstreit um die perfekte Tarnung, den er mit den menschenscheuen Erlkönigen austrägt, und jeder gelungene Schnappschuss ist eine Siegertrophäe, ein Beweisfoto seiner, Altfrieds, hohen Verschwindekunst.

Das Hauptgespenst allerdings, das, welches Altfried am meisten beschäftigt, ist sein gerade verstorbener Freund Odilo. Schon die Beerdigungsszene zu Beginn macht deutlich, dass Freundschaft ein Wort ist, das Altfried hier nur unbefriedigt verwendet, eher in Ermangelung eines passenderen Ausdrucks für jene Verbindungsart, die zwischen Odilo und ihm bestanden hat. Als Odilos Mutter den Wunsch äußert, Altfried möge eine Trauerrede für den Freund halten, lehnt Altfried ab, was die Mutter als Zeichen sprachlosen Verlustgefühls deutet. Tatsächlich aber ist es Verzweiflung, vermischt mit Ärger:

[…] dann saß ich nächtelang vor dem weißen Blatt und fand keinen Anfang, überhaupt keinen Ansatz, ich wußte nichts über Odilo, gar nichts, und es lag mir nicht, die glänzende Fassade, an der er sein Leben lang gearbeitet hatte, diese Fassade, die sein Leben war, nun meinerseits noch einmal nachzuarbeiten.

Und doch ist das nun folgende Erzählen Altfrieds nichts Anderes als das – eine Trauerrede für Odilo, in Form einer Anamnese ihrer, nun ja, Freundschaft. Altfried blickt in die jeweiligen Familiengeschichten hinein, er schildert seine ersten Begegnungen mit Odilo und spätere gemeinsame Ausflüge und Gespräche, er gräbt nach jeglichen verwertbaren Einflüssen, Erfahrungen und Erlebnissen. Überrascht stellt Altfried fest, dass seine Schwester, Mila, ein Verhältnis mit Odilo hatte, wovon seinerzeit niemand wusste. Wie konnte überhaupt irgendeine Frau, wie konnte Mila nur eine Beziehung mit Odilo führen, dessen Egozentrismus ihn doch zum krankhaften Zweisamkeitsversager machte? Was fand Odilo an Mila, was bitteschön fand Mila an ihm? Als Modeschöpferin hatte Mila zu ihrem Stil gefunden, als sie damit begann, die Kleider ihrer alten Tante mit modernen Versatzstücken aufzuwerten, und hat diese Verbrämung des Altmodischem mit dem Gegenwärtigen zum Markenzeichen ihrer inzwischen sehr erfolgreichen Kollektionen gemacht – war es das, ihre Liebe zum Gestrigen, zum Verstaubten, die Odilo für sie interessant werden ließ? Eifersüchtelnd fühlt sich Altfried von beiden betrogen, umso mehr, da Mila sich weiterhin stur verschwiegen zeigt, kein Wissen über den geteilten Freund an den Bruder verschenkt. Ratlosigkeit eines Psychiaters: Mit beruflicher Routine analysiert Altfried die Geheimnisse fremder Menschen, während sich die Geheimnisse der ihm Nahestehenden als für ihn unsichtbar erweisen. Es bleibt ihm nur, die Schatten aufzulesen. Odilo – ewig altkluger Junge:

Ich war in Mission meiner Meßdienergruppe unterwegs [so kam die erste Begegnung Altfrieds und Odilos zustande], wir unterstützten notleidende Kinder in Ruanda. […] Ich drückte die Klingel, ein Junge meines Alters, dünn und dunkelhaarig, öffnete die Tür. Frau Leonberger sei nicht da.[…] Auch Kinder könnten spenden, erklärte ich. Rappelte großspurig mit der Büchse. Man habe Taschengeld. Not in Ruanda. Ein Opfer bringen. Opfer? erwiderte er verächtlich. Seine Mutter hätte eventuell etwas gespendet, aber er persönlich halte nichts davon. Man befriedige sich doch nur selbst in dem Gefühl, etwas Gutes zu tun. Ich solle mich nicht ausnutzen lassen. Meine Fähigkeiten besser verwenden.

Die Rolle des früh verstorbenen Vaters übernahm Odilo selbstbewusst, gab den gediegenen Hausherrn, altmodisch, dünkelhaft, spukte, gleich seiner in steifer Haltung erstarrten Mutter, umher in den dunklen Räumen des Familienanwesens, das in der Nähe einer Fabrik für Einmachgläser gelegen war – zwei menschliche Konserven einer vergangenen Gutbürgerlichkeit. Später Promotion in Biologie. Die Erforschung der Biolumineszenz, die ihn schon als Kind faszinierte, sollte sein Fachgebiet werden, auf dem er mit bahnbrechenden Ergebnissen brillierte. Den Lichtwesen der Tiefsee und der Nacht stahl er ihre Rezepte, den grauen Mäusen pflanzte er fluoreszierendes Glimmen per Kanüle ein, spielte Gott: Es werde Licht! Odilo selbst dagegen blieb im Dunkeln: Erlkönig, der Altfried entwischte.

Freundschaft? Was die Verbindung zwischen den beiden ausmachte, lässt eher an die Gravitationskräfte denken, welche die Konstellation zweier Planeten zueinander bestimmen. Odilo, schattenäugig, dunkelhaarig, drahtig, seelisch teflonbeschichtet, Dompteur des Lichtscheins, und Altfried, flammend-rothaarig, weichlich, eine Seele von durchlässiger Konsistenz, Schattenflüsterer: Es gleicht einer Versuchsanordnung, wie Poschmann diese zwei Komplementärfiguren aufstellt, zwei aneinander gekoppelte Prismen, in denen sie Licht, Dunkel und Zeit sich brechen lässt.

Wer nun argwöhnt, dieser Roman der profilierten Lyrikerin Poschmann metaphere und motive womöglich handlungsfrei vor sich hin, erhält hiermit Entwarnung. Mit Spannung verfolgt man das Kräftemessen zwischen Licht und Dunkel, und durch die klare und alles beherrschende Bildsprache überstehen rote Fäden auch das Springen zwischen den zeitlichen Ebenen unbeschadet. Was es gewesen sein mag, das Mila und Odilo zusammenbrachte, oder inwiefern Altfried selbst vielleicht darauf zusteuert, in seiner Anstalt von der Arztseite auf die der Patienten zu wechseln, das erklärt sich zwar nicht innerhalb spannungheischender Erzählbögen voller eindeutiger Aussagen. Stattdessen beginnt man – viel unterhaltsamer – bald ein intensives Such-Lesen zu betreiben, man verfällt selbst ins Psychologisieren, übt sich darin, die vielschichtigen Beschreibungen, Schilderungen und Bilderfluten zu filtern. An kaum einer Stelle bedient sich Poschmann dabei des psychologischen Fachvokabulars, sondern bleibt bei einer Sprache, der das Lyrische eingewoben ist und die mit leichter Hand große Bedeutungsräume aufzutun vermag. Sie spielt mit unterschiedlichen Erzählansätzen: So exerziert sie beispielsweise verschiedene Lebenssituationen durch anhand der Beschreibung ihrer, hier wörtlich genommenen, Hintergründe, nämlich der dazugehörigen Wandtapeten. Episoden aus dem Liebesleben von Mila und Odilo lassen rätseln, ob es sich bei ihnen um Einschübe aus Milas Erinnerung oder Altfrieds Imagination handelt – wie verlässlich ist dieses Erzählte, von woher stammt es, und über wen sagt es tatsächlich etwas aus? Poschmann entfaltet ihre Sprachpracht besonders in ausgiebigen gegenständlichen Betrachtungen, ohne sich dabei je in Petitessen zu verlieren, etwa wenn sie eine Wesensbeschreibung des Anstaltsessens unternimmt – man staunt, wie viel Literatur sich aus einer Orange herauspressen lässt, welches wirkliche Gewicht ein Glas Apfelmus hat, oder über den hohen Gehalt von Transzendenz in halbfesten Speisen:

Götterspeise ist höchst unbeliebt und wird als Dessert nur unter größtem Vorbehalt gelten gelassen. Dies liegt daran, daß zu viele andere Speisen ebenfalls dieses Göttrige aufweisen, die glibbrige Durchsichtigkeit, das formlos Ungreifbare.

Marion Poschmann erhielt 2013 für Die Sonnenposition den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und war im selben Jahr damit auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises vertreten. Mit ihrem Gedichtband Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien, der Anfang März erscheinen wird, steht sie unter den Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2016.


>>Marion Poschmann, Die Sonnenposition (Suhrkamp) €9,99


Ich bedanke mich bei Suhrkamp für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.


 

NACHTEINSAMKEIT // Heym’sche Nächte

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Nachtspaziergang (Grebe, 2015)


Nacht

Der graue Himmel hängt mit Wolken tief,
Darin ein kurzer, gelber Schein so tot
Hinirrt und stirbt, am trüben Ufer hin
Lehnen die alten Häuser, schwarz und schief

Mit spitzen Hüten. Und der Regen rauscht
In den öden Straßen und in Gassen krumm.
Stimmen ferne im Dunkel. – Wieder stumm.
Und nur der dichte Regen rauscht und rauscht.

Am Wasser, in dem nassen Flackerschein
Der Lampen, manchmal geht ein Wandrer noch,
Im Sturm, den Hut tief in die Stirn hinein.

Und wenig kleine Lichter sind verstreut
Im Häuserdunkel. Doch der Strom zieht ewig
Unter der Brücke fort in Dunkel weit.


Nacht in einer kleinen Stadt

Der Mond stand auf den Giebeldächern,
Er glänzte tief durch das Geäst
Der hohen Linden und der Nachtwind
Trug ihren Duft zum Fenster her.

Am Himmelsgrund zog eine Wolkenwand
Gewitterschwer, weit hinten überm Strom.
Und ab und zu huschte ein bleicher Schein
Hinauf, und Donner grollte fern.

Und da, von einem hohen Baum
Ganz nah, löste ein heller Klang
Sich, stieg empor, schwebte im Glanz uns starb.
Der Nachtwind klagt im Laube nach.


>> Georg Heym (1887 – 1912), der in einer Familie aufwuchs, deren grundlegende Stimmung die Schwermut war, schrieb einst über sein vom Vater ihm vorgegebenes rechtswissenschaftliches Studium in sein Tagebuch: Meine Natur sitzt wie in der Zwangsjacke. Ich platze schon in allen Gehirnnähten. […] Und nun muß ich mich vollstopfen wie eine alte Sau auf der Mast mit der Juristerei, es ist zum Kotzen. Ich möchte das Sauzeug lieber anspeien, als es in die Schnauze nehmen. Ich habe solchen Trieb, etwas zu schaffen. Ich habe solche Gesundheit, etwas zu leisten. Wie seine Freunde es beschrieben, hatte Heym sich seiner Familie nie sonderlich nah gefühlt, da er mit seiner Lebensfreude, seiner Lebendigkeit in einem schwer versöhnlichen Kontrast zu seinem Vater, seiner Mutter und Schwester stand. Und doch dominiert gerade die Dreieinigkeit von Kreuz, Tod und Gruft in seinen Gedichten. Sein früher Tod wiederum erklärt sich keineswegs durch Selbsttötung oder Krankheit, denen doch solcher Trieb, solche Gesundheit entgegengestanden hätten: In dem Versuch, seinen besten Freund zu retten, der beim Schlittschuhlaufen im Eis eingebrochen war, ertrank Georg Heym in der Havel. 

 

NACHTEINSAMKEIT // Michael Wollnys Nachtmusiken

Der Wechsel vom September zum Oktober: Zeit des Hummeltods, das Flügelgesplirr der Libellen verstummt, aus den Kehlen dahinziehender Gänseschwärme klingt es zum Abschied wie aus rauen Klarinetten, der Froschwinterschlaf beginnt bald und die meeresrauschenden Pappelblätter werden nach und nach zu Bodenlaub. In die stille Bresche, die der Herbst schlägt, springen der tockende Fall der Eicheln und Kastanien, Regenplippeln, das zahnlose Schmatzen von Nasserde. Danach, später, stecke ich in der Wintertaubheit. Erst im Frühjahr höre ich wieder klar.

Früher einmal war die dunkle Jahreszeit die von fernem Wolfsgeheul und nahem Kaminprasseln. An Vergangenes, leicht Schauergemütliches, an die Romantik und ihre Dunkelheitsliebe erinnert mich Der Wanderer, der auf Michael Wollnys Album Nachtfahrten zu finden ist, das heute erscheint. Wollny (Klavier) und sein langjähriger Begleiter Eric Schaefer (Schlagzeug) haben die wechselnde Bassistenrolle im Trio dieses Mal mit Christian Weber besetzt. Anders als beim zuletzt erschienenen Weltentraum mit seinem zeitweiligen Popsong-Nachgeschmack, klingen die Hörproben zu Nachtfahrten (beides ACTmusic) danach, als sei der Ton hier etwas getragener, etwas klassischer – ich kann´s mir gut vorstellen als Herbst- und Winternachtmusik.



>> Michael Wollny (geb. 1978 in Schweinfurt) tourte bereits als Zwanzigjähriger als Konzertpianist umher und arbeitete fortan mit einer Vielzahl profilierter Jazz-Musiker wie Hubert Winter, Heinz Sauer und Nils Landgren zusammen. Neben kommerziellem Erfolg, sicherten ihm sowohl diese und weitere Ko-Produktionen als auch die Aufnahmen mit seinem eigenen Trio diverse Preise und Stipendien. Inzwischen lebt Wollny in Leipzig, wo er als Professor an der Hochschule für Musik und Theater tätig ist.


Jazznight mit Michael Wollny Trio, Nils Landgren, Lars Danielsson, Laeiszhalle Hamburg, 2014 - war schön

Jazznight mit Michael Wollny Trio, Nils Landgren, Lars Danielsson, Laeiszhalle Hamburg, 2014 – war schön


(Das Schlagwort NACHTEINSAMKEIT übrigens habe ich noch einmal aufgegriffen, nachdem es mir bereits letztes Jahr im Oktober als roter Faden diente. Manchen Schlagwörtern, dachte ich, kann ich ja mal wieder einen Besuch abstatten, sobald sich  – wie hier – neue Beladung für sie angesammelt hat.)

BRENNSTOFF // Fern-, Frauen-, Feuerweh: Ernst Wilhelm Lotz

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Ernst Wilhelm Lotz,

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen

^

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,

Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,

Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht

Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.

^

Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,

Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,

Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,

Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.

^

Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,

Es müssten Pantherinnen sein, gefährlich zart,

In einem wild gekochten Fieberland geboren.

Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

^

Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.

Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.

Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.

Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.


Geboren 1890 in Westpreußen, gestorben 1914 in Frankreich – Ernst Wilhelm Lotz gehörte zu jenen jungen Wilden, die ihr Wüten über den erstarrten Zeitgeist erst in ihre Kunst und dann in ihr Marschgepäck steckten: Aufbruch ins Unverbrauchte! Als Sohn eines Kadettenhausprofessors verbrachte Lotz seine Kindheit an unterschiedlichen Standorten von Kadettenanstalten und schlug später selbst eine militärische Laufbahn ein. Kurz unterbrach er diese für die Kunst, versuchte sich hauptberuflich als Kaufmann und finanzierte so seine Dichter-Existenz. Er übersetzte Gedichte von Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, schrieb selbst einige wenige. Zeitweise lebte er in Dresden in einer Wohngemeinschaft mit dem expressionistischen Maler und Dichter Ludwig Meidner. Bei Kriegsausbruch im August 1914 meldete sich der frühere Leutnant zurück zum Heer und wurde an die Westfront entsendet. Anfang September bereits erhielt Lotz das Eiserne Kreuz – Ende September fiel er während eines Angriffs nahe Bouconville.


Bild: Kunstschmiede Brandtbart

HANNOVER // Gerrit Engelke und der Lärm des neuen Europa

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Sucht man nach Dichtern, die in einer Verbindung zu Hannover stehen, springt zunächst Kurt Schwitters ins Sichtungsfeld und nimmt dort einen großflächigen Platz ein. Das Aushängeschild hannöverscher Dichtung schreibt sich, von hinten wie von vorne, A-N-N-A. Irgendwo in Frau Blumes Schatten entdeckt man als nächstes den kleinen, volkstümelnden Ludwig Hölty mit seinen kleinen Frühlingsblumen. Direkt daneben aber taucht Gerrit Engelke auf, und da ist dann Schluss mit Blümchen, da qualmt es aus Fabrikschloten, röhrt es aus Hochöfen, jaulen die Maschinen und dröhnen die Schritte des Arbeiterheeres.


Gerrit Engelke, Der Mittler

Dich, Dichter und Denker,
Umstürzt das tosende Meer der Lärm-Welt:
Kreischende Wellen, zischende Gischt hasten wie Springflut,
Dich umbrüllend, dir zu.
Wellen um Wellen schleudert die Welt um dich auf:
Fabriken, von fauchenden Eisenbahnen durchtummelt,
Laufende Menschen, schreiende Menschen,
Ineinander geschobene Pferde und Wagen,
Straßenbahnen,
Aufgesprengte Domtürme, Sing-Prozessionen,
Boot-Gewimmel,
Dampfer mit Heul-Sirene,
Und Qualm, Lärm, Qualm, Hammerlärm –
Alles
Stürzt zusammen
Und fällt hämmernd rasselnd blitzend schreiend
Über dich her!

Da faßt dich eine rasende Springwoge
Und schleudert dich hoch!
Höher –
Ein letzter Gischtspritzer leckt dir den Fuß
Und – da schwebst du in Sphären-Klarheit
Erlöst über der Dampf-Welt,
Über der Kampf-Welt da unten, tief unten –
Sink wieder hinab,
In die Welt,
Dichter und Denker!
öffne den Menschen
Die Sinne mit deinem Wort,
Laß sie erkennen, die Menschen,
Den Welt-Trieb-Geist,
Den Gottgeist.


>> Gerrit Engelke (1890, Hannover – 1918, bei Cambrai), der nach der Volksschule eine Malerlehre absolviert hatte, betrieb eine agitationsferne Form der Arbeiterdichtung, die, anstatt sich politisch zu positionieren, nach einem angemessenen Ausdruck für die sich wandelnden Verhältnisse suchte. Richard Dehmel, den Engelke 1913 kennengelernt hatte, verhalf ihm zu ersten Veröffentlichungen in Paul Zechs Zeitschrift Das neue Pathos. Dadurch entstanden Kontakte, die Engelke zu den Werkleuten auf Haus Nyland führten, einem dem Themenkomplex Industrie/Kunst verpflichteten Zirkel aus bürgerlichen und arbeiterschaftlichen Schriftstellern, Dichtern, Malern, Gebrauchskünstlern und Architekten, dem Engelke später selbst beitrat. Seine Texte erschienen von da an auch in der von den Werkleuten herausgegebenen Quadriga. 1916 veröffentlichten er und Heinrich Lersch, ein Kesselschmied und Lyrik-Autodidakt, sowie Karl Zielke gemeinsam den Band Schulter an Schulter – Gedichte von 3 Arbeitern. Zu weiteren Veröffentlichungen kam es nicht mehr: Gerrit Engelke wurde zum Kriegsdienst einberufen und starb, nahe dem heftig umkämpften französischen Cambrai, nach schwerer Verwundung in einem Lazarett der Briten. 1921 wurden die Gedichte aus seinem Nachlass unter dem Titel Rhythmus des neuen Europa von Jakob Kneip, einem Mitglied der Werkleute, herausgegeben.