Bruce Chatwin

LONESOME TRAVELLER // Bruce Chatwin, In Patagonien

Einmal Alleinreisender sein, unterwegs in eigenem Auftrag, in odysseeischer Mission sozusagen: um sich zu verlieren und sich in der Verlorenheit ganz neu zu finden und zu erfinden. Der romantischen Idee nach erfordert eine solche Reise als Begleiter lediglich ein leeres Notizbuch, außerdem eine möglichst grob gehaltene Reiseplanung und eine Menge freier Zeit. Man wähle nun bitte auf einem gedachten Globus das Gebiet mit der, aus individueller Sicht, stärksten traummagnetischen Anziehungskraft und schwelge sich fort.

Vielleicht waren die guatemaltekischen Sorgenpüppchen aus dem Weltladen, die meine erste kindliche Begegnung mit der Idee von Weite Welt verkörperten, schuld daran. Vielleicht auch nur dieser Tim-und-Struppi-Film, der so schön schauerlich damit beginnt, dass sieben Forscher mit einem Schlaf-Fluch der alten Inka belegt worden sind, nachdem sie ein Grab in einer Tempelanlage ausgehoben hatten, woraufhin sich Tim, Haddock und Co. nach Peru begeben, um sich Im Sonnentempel mal genauer umzusehen (aber wenn dies als kindiche Vorbereitung auf spätere Vorlieben gesehen werden könnte, dann vielleicht eher als der Einstieg in mein jugendliches Idiana-Jones-Faible). Doch um ehrlich zu sein habe ich schlichtweg keine Erklärung dafür, woher der ominöse Südamerika-Tick rührt, den ich seit jeher pflege. Sicher ist nur: Als ich als Jugendliche Julio Cortazár in die Finger bekam, riss das alle Tore in mir auf und bewirkte, dass sich Südamerika endgültig als mein erklärter Sehnsuchtsort manifestierte. Hörte ich in der Oberstufe von Anderen, sie gingen für ein Jahr nach Chile oder Argentinien, bekam ich feuchte Augen – ich selbst lernte allerdings nicht einmal ordentliches Spanisch. Schmachtend kleben meine Augen an jedem Bildband über mexikanische Kitschkunst oder die Horizonte Feuerlands – niemals spare ich aber auch nur einen Euro auf mein Ticket nach Valparaiso, Buenos Aires oder Montevideo. Dieser Schizophrenie meiner Liebe liegt wohl die Ahnung zu Grunde, dass man ein Phantom zwar begehren, aber nicht heiraten kann: Die Erfahrung des Echten wäre in diesem Fall der Tod eines viel zu wunderbaren, viel zu sehr geliebten Falschen.

Bruce Chatwin beginnt seinen Reisebericht In Patagonien mit einer Kindheitserinnerung, die in ihrer Funktion als Türöffner bereits darauf vorbereitet, dass dieses Buch anderen Regeln und Mustern des Erzählens folgt als Reiseliteratur im üblichen Sinne:

Im Wohnzimmer meiner Großmutter stand ein kleines Schränkchen mit einer Glastür, und in dem Schränkchen befand sich ein Stück Haut. Es war nur ein winziges Stück, aber dick und ledrig, mit Strähnen borstigen rötlichen Haars. Es war mit einer rostigen Nadel an einer Postkarte befestigt. Auf der Postkarte standen in verblasster schwarzer Tinte ein paar Worte, aber ich war noch klein und konnte noch nicht lesen. „Was ist das?“ „Ein Stück von einem Brontosaurus.“

Der vermeintliche Brontosaurus stamme aus Patagonien und sei von einem Cousin der Großmutter, Kapitän Charley Milward, aus ewigem Gletschereis befreit, zerlegt, eingesalzen und in Fässern verpackt nach South Kensington ins Naturhistorische Museum verschickt worden, überdauert habe allerdings nur der speziell präparierte Hautfetzen – so weit die Familienlegende. Und somit offenbart sich auch die Quelle von Chatwins Faszination für den südamerikanischen Kontinent als Episode, die dem Reich der Märchen näher steht als der Realität. Später wird sich das Brontosaurus-Präparat als Teil eines historischen Riesen-Faultiers erweisen, was den Gegenstand beinahe vollständig seiner nahezu magischen Aura beraubt. Die Lebensgeschichte des Charley Milward dagegen – Kapitän eines Handelsschiffs, Überlebender eines Schiffbruchs in der Magellan-Straße, später Eigner einer Schiffswerft in Punta Arenas – bietet abenteuerromantischen Fantasien nachhaltige Nahrung. Und als der Kalte Krieg Chatwins Kindheit in Form von schulischen Vorträgen über ein im Nuklearbombeninferno versinkendes Europa heimsucht, wird das so ferne, mythisch verklärte Patagonien für den Jungen zum Zentrum seiner kindlichen Auswandererpläne.

Als Chatwin Ende 1974 seine lange Reise quer durch den Süden von Chile und Argentinien tatsächlich antritt, ist die Fundstätte des Brontosaurus bezeichnenderweise unter seinen gesteckten Zielen ebenso vertreten wie die Wirkungsorte des Charley Milward. Was Chatwin sucht und was er findet, ist ein von persönlichen und gesellschaftlichen, kulturellen, geschichtlichen Mythen gestaltetes Stück Erde. In Patagonien liest sich folgerichtig nicht wie eine informative Reisebeschreibung für den interessierten Touristen. Vielmehr ist es ein autobiographisch orientierter Erlebnisbericht, dessen Wahrheitsgehalt sich im Übrigen nur schwer bestimmen lässt, was der Wahrhaftigkeit des Erzählten allerdings keinen Abbruch leistet. Es liefert keine zusammenfassenden, auf Allgemeingültigkeit zielenden Beobachtungen, die gewissenhaft aus den Metropolen, den abseitigen Landstrichen, den touristischen Ortschaften zusammengetragen worden wären und Land und Leute zu portraitieren versuchten, sondern spürt das Atypische auf und das Anekdotische, es befasst sich mit den menschlichen und gegebenheitlichen Sondererscheinungen, die Chatwin im Laufe seiner Reise entdeckt. So verwundert auch nicht, dass Daten zu geographischem oder zeitlichem Verlauf der Reise kaum genannt werden – sie spielen, wenn überhaupt, nur eine zweitrangige Rolle, zurücktretend hinter der Fokussierung auf eine scheinbar von Zeit und Raum gelöste Erlebnisebene. Essay, Tagebuch, Geschichtsschreibung und Reisebericht vermischen sich mit einer guten Portion Fiktion, das Ergebnis ist ein sprachlich eleganter Hybrid aus Dokumentation und Dichtung.

Das Mylodon, so der wissenschaftliche Name des in diesem Kontext so schicksalsträchtigen Riesen-Faultiers, gedieh auf dem gesamten südamerikanischen Erdteil hervorragend, solange sich dieser in geographischer Isolation befand. Zum Verhängnis wurde dem Mylodon das tektonische Zueinanderstreben der beiden amerikanischen Kontinente, welches schließlich das Entstehen einer Landverbindung bewirkte; erfolgreiche Karnivoren aus dem Norden überrannten von nun an den Süden und veränderten die Entwicklung der ansässigen Fauna im Sturm.
Die Verschwindensgeschichte des Mylodons übernimmt innerhalb Chatwins zeitüberspannenden Erzählens die Aufgabe eines gedanklichen Leitbildes: Hier versammeln sich Berichte, in denen sich Epochen- und Strukturwandel, Untergänge und Aufstiege spiegeln. Nahtlos vom Mylodon zur argentinischen Militärdiktatur zu wechseln, die sich 1976, während Chatwin also von Nahem zuschaute, etablierte, erscheint somit nur auf den ersten Blick als konzeptlos und zusammengewürfelt. Tatsächlich erzählt Chatwin so, in spielerisch skizzierter Form, die Geschichte jenes Erdteils als eine Geschichte radikaler Wechsel der herrschenden Kräfteverhältnisse. Blutige Eroberungsschritte durch menschliche Invasoren säumen hier den Horizont. Die Conquistadores und die Christianisierungswalze in ihrem Schlepptau bringen flächendeckende Verheerung übers Land. Herbe (ziemlich detailverliebt von Chatwin portraitierte) Einwanderer aus Übersee – Waliser, Schotten, Deutsche, Russen und andere – verdrängen mit ihrer schieren Masse und Zähigkeit die Ur- und Zweitbevölkerung; sie selbst, deren Ursprungsheimatländer zuvor oftmals ähnlichen Wechseln unterlagen, fürchten wiederum die Landreformen, die nach dem Militärputsch für eine totale Umverteilung sorgen könnten. Texanische Gringos, französische Hochstapler, deutsche Vagabunden schillern in lokalen Legenden auf, die Chatwin in seine Erlebnisschilderungen einflicht. Verbrieftes und Verklärtes gehen Hand in Hand: Eine Estanzia, auf der durch gewaltsame Übernahme eine kommunistische Enklave eingerichtet worden war, währte exakt so lange, bis von den neuen Machthabern das letzte Stück Vieh verspeist wurde, und löste sich dann, zwangsläufig, in revolutionäre Luft auf. Ein Indianer, der von Charles Darwin auf der Beagle als Vorzeigeexemplar eines bekehrten Wilden über die Weltmeere bis nach England verschleppt worden war, bildete sich schließlich so viel auf seinen Sonderstatus als Zivilisierter ein, dass er, wieder daheim bei seinen Landsleuten, den Yaman, in Schwermut verfiel und eines Tages, aus Ärger über aus England erhaltene Geschenke, die ihm zu läppisch vorkamen, ein Blutbad unter den ortsansässigen Missionaren anrichtete. Eine Engländerin, der Chatwin einen Besuch abstattet, erzählt von ihrer in spätem Alter angetretenen Reise durch die Gärten dieser Welt, ohne Vermögen, ohne Ziel, ohne Option auf Rückkehr in ein Zuhause. Interviews und Seemannsgarn, Mythen und Fakten, Erlebtes und Geträumtes.

Und Chatwin selbst? Schwebt mehr als allwissender Erzähler denn als leibhaftiger Reisender seltsam unberührbar über den Dingen. Mit eigenwilligem Esprit zeichnet er die Szenerien dieses Landes aus unverbrauchten Blickwinkeln. Trotz seiner radikal subjektiven Betrachtungsweise, der er mit federleichter Hand einen dichterischen Ton verleiht, bewahrt sich Chatwin gegenüber dem Leser eine gewisse Unnahbarkeit, als Person tritt er kaum einmal erkennbar hervor, eher nimmt man ihn als alles verbindende Substanz wahr: der Erzähler als Bindemittel einer großen, ewig fließenden Geschichte.

Ergänzend finden sich im Innenteil Fotoaufnahmen, die Chatwin während dieser Reise machte. Kein prächtiger Bildteil, sondern rätselhaft anmutende Ausschnitte aus Szenen, die Chatwin unterwegs erlebte: die Gute Stube eines Farmhauses, ein mitten im Nirgendwo abseits gestellter Bauwagen, stumme Felsen. Wohltuend unspektakuläres Bildmaterial, das die gefühlte Nähe zum fernen Kontinent noch vergrößert.


>> Bruce Chatwin, In Patagonien (Rowohlt), kartoniert €8,99

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