BRENNSTOFF

BRENNSTOFF // Gutfeuer

Gutfeuer, Sonja Grebe

Ein Gutmensch bin ich also? Ist mir jahrelang gar nicht aufgefallen. Ich: Gutfrau. Ja, wo kämen wir nur hin ohne die Bescheidwisser, die Weltdurchschauer, die einem erklären, wer man ist, wie der Hase läuft, wo der Frosch die Locken hat und was es unter Adolf nicht gegeben hätte: die Wahrheitsmenschen. Sie essen Wahrheit, sie saufen Wahrheit und rülpsen sie, sie schlafen auf Wahrheitsmatratzen, marschieren in Wahrheitsschuhen herum, auf Wahrheitsstraßen. Unbegreiflich, warum dies hier nicht längst ihr Wahrheitsstaat geworden ist, auf den sie mit so viel Feuereifer hinarbeiten. Schuld daran, sagt ihnen ihr innerer Erkläromat, sind diese lästigen Gutmenschen, die der Wahrheit immer im Wege stehen müssen. Um mit diesem Titel bedacht zu werden, braucht man inzwischen schon nicht mehr gleichzeitig Veganer, Umweltschützer, Waldorf-Pädagoge und Linkswähler zu sein, sondern es genügt, Brandanschläge auf Unschuldige als abartig zu bezeichnen. Die Gutfrau sagt das gern noch mal deutlich: BRANDANSCHLÄGE AUF UNSCHULDIGE ZU VERÜBEN IST ABARTIG. Die Gutmenschen, so hallt es wider, diese Schwachmenschen, Weichmenschen, Blindmenschen, kapierten eben nicht, was Mut zur Wahrheit bedeute, und dass dieser sich hier nun in Taten zeige. Gefaselgeschwulste, pathologische Pathetik: Eine Wahrheit, für die Andere brennen sollen, ist eine Geisteskrankheit. Wenn schon, dann selber brennen. Gutfrau, die ich also bin, will ich, dass meine Hütte vor Gutfeuer lodert, für´s Gute will ich selbst als Brennstoff funktionieren, Feuer und Flamme sein für was Warmes, was Positives. Ihr kalten Deppen!


Bild: „And we´re carrying the fire“ (Grebe, 2014)


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BRENNSTOFF // Fieber-Musik

Diese Gelee-Tage: Jede Bewegung muss ich gegen eine widrige Substanz durchsetzen, die meine eigene ist. Ein Gelee-Ich im Gelee-Raum. Bekäme ich nicht die allmorgendliche Starthilfe durch einen kräftesprotzenden Vierjährigen, würde ich jene Tage so verbringen wie die Mücke ihre Äonen im Bernstein. Kinder beherrschen, ganz von Natur aus, die hohe Kunst des positiven Radaumachens. Die Musik professionalisiert das. Sie hat den Krach urbar gemacht, sodass er Ernteerträge abwirft, die mitunter überraschend ausfallen. In ihrer unruhigen, juckigen Form erhöht Musik heilsamerweise meine mentale Temperatur und macht damit krankheitsträchtige Substanzen unschädlich. Rabimmel, rabammel, rabumm – mein Mixtape für heute:



 

BRENNSTOFF // Fern-, Frauen-, Feuerweh: Ernst Wilhelm Lotz

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Ernst Wilhelm Lotz,

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen

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Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,

Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,

Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht

Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.

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Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,

Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,

Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,

Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.

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Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,

Es müssten Pantherinnen sein, gefährlich zart,

In einem wild gekochten Fieberland geboren.

Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

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Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.

Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.

Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.

Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.


Geboren 1890 in Westpreußen, gestorben 1914 in Frankreich – Ernst Wilhelm Lotz gehörte zu jenen jungen Wilden, die ihr Wüten über den erstarrten Zeitgeist erst in ihre Kunst und dann in ihr Marschgepäck steckten: Aufbruch ins Unverbrauchte! Als Sohn eines Kadettenhausprofessors verbrachte Lotz seine Kindheit an unterschiedlichen Standorten von Kadettenanstalten und schlug später selbst eine militärische Laufbahn ein. Kurz unterbrach er diese für die Kunst, versuchte sich hauptberuflich als Kaufmann und finanzierte so seine Dichter-Existenz. Er übersetzte Gedichte von Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, schrieb selbst einige wenige. Zeitweise lebte er in Dresden in einer Wohngemeinschaft mit dem expressionistischen Maler und Dichter Ludwig Meidner. Bei Kriegsausbruch im August 1914 meldete sich der frühere Leutnant zurück zum Heer und wurde an die Westfront entsendet. Anfang September bereits erhielt Lotz das Eiserne Kreuz – Ende September fiel er während eines Angriffs nahe Bouconville.


Bild: Kunstschmiede Brandtbart