Berlin Verlag

ARES WAR HIER // Mathias Énard, Zone

Setzt Ares, der hübsche Olympier, der freilich nach Blut, Brand und Verwesung stinken muss, seinen Fuß hinab vom heiligen Berge, so steht er in seinem herrlichen Vorgarten: Die Mitte ziert ein von Schiffen befahrener Teich, den reich bevölkerten Saum bilden Europa, der Nahe Osten, Nordafrika. Diese Gefilde – einen etwas ins Inländige erweiterten Mittelmeer-Kreis – nennt Mathias Énard die Zone. Auf über 500 Seiten, in denen der französische Orientalist die unzähligen Konflikte in der Geschichte der Zone zu einem einzigen Gewaltstrudel verschmilzt, erzählt Énard gleichsam, mit welchen Mitteln der vor lauter Fleiß schwitzende Ares seinen kriegsfruchtbaren Vorgarten pflügt, düngt und begießt.

Mythen, Epen, Gesänge, Träume, Aktenberichte einerseits, andererseits Blut, Fleisch, Hirnmasse, Gebein, Urin, Kot, Sperma, Speichel, Tränen, auch Alkohol: Die Bedeutung von Krieg wird transportiert von menschlichen und menschgemachten Stoffen. Énard hat sein großes Buch über den Krieg darum gleichermaßen mit Göttern und Dichtern bevölkert wie mit Opfern und Schlächtern. Es erzählt, anhand der Genealogie ihrer Kriege seit der Antike, eine dunkle Kulturgeschichte der Zone. Énard belässt dabei nichts in der Schwebe der Vergangenheit: Schrecken, Abgründe, Ungetüme löst er aus dem Abstrakten heraus und vergegenwärtigt sie im Leben und den Gedanken seines Protagonisten, eines Erben jener Geschichte; in einem einzelnen Menschen bricht sich die ganze Woge.

es gibt so viele Fügungen, Wege, die sich im großen Meeresfraktal kreuzen, durch das ich seit einer Ewigkeit ahnungslos wate, seit der Zeit meiner Ahnen seit der Zeit meiner Väter meiner Eltern meiner selbst meiner Toten und meiner Schuld

Mythos, Geschichte und persönliche Erinnerung bilden den Krieg ab, der sich in den Protagonisten hineingefressen hat, zu dessen innerem Zustand er geworden ist. Für dieses inwendige Brausen und Branden hat Énard eine spezielle Schriftform gewählt: einen einzigen, hunderte Seiten anhaltenden Satz. Der beginnt kleinbuchstabig und treibt immer weiter voran, verlängert und wieder verlängert durch Gedankenstriche, gegliedert nur durch Kommata, und selbst diese werden oft als überflüssig betrachtet – sie fehlen beispielsweise in Aufzählungen. Eine Ausnahme davon stellen nur drei Kapitel dar, die als Auszüge eines fiktiven Romans über das im Bürgerkrieg untergehende Beirut geschrieben sind. Nach diesen kurzen Einschüben rattert, strudelt, zieht der Satz ungebremst weiter, wie die Menschheit selbst, und wie die Gedanken des Einzelnen. Die ungebrochene Linie, das große Warten auf den einen Punkt in der radikalen Ruhelosigkeit – damit findet die inhaltliche Symbolik ihre Konsequenz in der Form.

Eine weitere Besonderheit der Romanstruktur: In der Unterteilung in 24 Kapitel wird die thematische Anlehnung an Homers Ilias auch äußerlich deutlich. Zwar findet im Roman nicht etwa der gesamte alte Stoff eine Übertragung ins Moderne, doch der Zorn als grundlegendes Motiv, sowie die Figuren Achill, Patroklos und Hektor haben ihre Parallelen bei Énard. Und überhaupt diese unzähligen Parallelen, Querverweise, Anspielungen, die sich, mal flüsternd, mal als Nebelhörner, überall heraushören lassen, diese vorsätzliche, eigentlich größenwahnsinnige Überladung der Inhaltsebene, und dazu dann noch die experimentelle Form – bersten müsste die Erzählung unter dieser Last. Man staunt: Sie tut es nicht; das ist die Leistung des Stils, der Sprache Énards.

Ähnlich wie der Autor, der nach dem Studium des Arabischen und Persischen in Paris über längere Zeit in verschiedenen Ländern des Mittleren Osten lebte und danach in Barcelona arbeitete – ein Weltenpendler -, ist der Ich-Erzähler ein rastloser Pendler in der Zone. Francis Servain Mirković, auch Francis Mirkovi, alias Yvan Deroy: geboren in gutbürgerlichen Verhältnissen als Sohn eines französischen Algerien-Veteranen und einer kroatischen Nationalistin, Politikstudent, dann Soldat im Jugoslawien-Krieg auf kroatischer Seite in einem zusammengewürfelten Freiwilligen-Korps, schließlich Mitarbeiter des französischen Auslandsgeheimdienstes.

Man begleitet den Erzähler während einer Zugreise, die in Paris ihren Anfang genommen hat. Der Leser steigt in Mailand zu, Ziel der Reise ist Rom, oder genauer: der Vatikan. Francis/Yvan trägt einen Koffer voller Akten über Kriegsverbrechen und Waffenhandel in der Zone bei sich, der mit einer Kette gesichert ist – wie ein Biest, das es im Zaum zu halten gilt; gleichzeitig wie eine Eisenkugel, die den Gefangenen, als der sich Francis entpuppt, in seiner Unfreiheit festhält. Ein Koffer als Massengrab, als Lager, aus dem Schreie und Gestank dringen. Kein Hauch von Reiseromantik, keine Spur von klassischem Spionage-Abenteuer. Innerhalb eines erzählerischen Labyrinthes bildet diese Zugfahrt den Ariadnefaden; es ist Francis‘ innerer Monolog, in dem der Leser wie der Erzähler, am Faden entlang tastend, umherirren.

Francis‘ Gedankenstrudel lässt Erinnerungen in einem geschichtlichen Rahmen aufgehen, bindet umgekehrt das Historische ins Private ein, sucht und findet darin das Mythologische, das Epische, und schäumt über vor Anekdotischem. Nicht chronologisch, sondern fragmentarisch wird erzählt, wobei jedoch nicht der Eindruck entsteht, die Dinge bestünden lediglich nebeneinander her – auf der Assoziationsebene begegnen sie sich als gleichwertig, gleichzeitig, sie spiegeln sich ineinander, alles ist durchtränkt von allem.

eine mediterrane Symmetrie mehr, wenn die Achse Rom-Berlin den Falz bildet, berühren sich Beirut und Barcelona

Am Mailänder Hauptbahnhof, Stazione di Milano Centrale, wo Francis umsteigt, prophezeit ein Verrückter den Passanten den nahen Weltuntergang, und die wahre Verrücktheit daran scheint es zu sein, dass er die Apokalypse in der Zukunft verortet, anstatt zu erkennen, mit welcher Regelmäßigkeit sie sich in der Geschichte wiederholt. Francis bemerkt beiläufig, er zöge die Verrückten eben an. Vielleicht, weil zwischen ihnen und ihm kein sonderlicher Unterschied zu erkennen ist: Francis sieht die Zone als eine Aneinanderreihung von Nekropolen, dort, wo Menschen wandeln, sieht er gleichzeitig Geisterparaden marschieren, und in seinem Kopf – oder auch laut – spricht er mit den Göttern und Gespenstern.

heute Morgen glänzten die Alpen wie Messer, ich zitterte vor Erschöpfung auf meinem Sitzplatz und konnte kein Auge zutun, ich bin völlig zerschlagen wie ein Drogensüchtiger, im Zug habe ich ganz laut mit mir selber geredet, oder ganz leise

Mag sein, dass man auch Francis verrückt nennen könnte – sicher ist nur, dass der Kriegszustand, den er erlebt hat, in Francis‘ Innerem nachhaltig fortbesteht, und wo liegt schon der Unterschied zwischen Krieg und Wahn? Beides ist schließlich Raserei, und Francis‘ Denken ist nichts Anderes. Milano: Im Namen der Stadt steckt der Raubvogel, der Milan; das Zerpflücken blutiger Beutestücke denkt Francis dabei mit, und gleichzeitig den Namen eines vielfach verwundeten Generals, Millán Astray, der, gemeinsam mit Franco, die Spanische Fremdenlegion begründete. Astray, der bemerkenswert Versehrte – wie Ghassan: ein lybischer Bürgerkriegsveteran, mit dem sich Francis in seiner Zeit in Venedig systematisch betrinkt, um den Tod seines liebsten Kameraden – Andrija, Francis‘ Patroklos – zu vergessen. Ghassan spendet, mal mehr, mal weniger bewusst, viel Material für Francis‘ hungrigen Aktenkoffer. Am interessantesten aber ist die Geschichte der Narben Ghassans:

wie er verwundet wurde, wie er dachte, er sei tot, als er nach der Explosion einer Granate plötzlich von Dutzenden von Splittern zerschnitten wurde, er sah wie seine Drillichjacke aufging unter dem Hagel der Geschosse anschwoll, plötzlich war er voller Blut, war vom Knöchel bis zu den Schultern von zahllosen Stichen durchlöchert, seine ganze rechte Körperseite war von einer scheußlichen schleimigen Masse überzogen, mit Krämpfen vor Schmerz und Panik brach Ghassan zusammen, überzeugt dies sei das Ende, die Granate war nur wenige Meter entfernt eingeschlagen, die Ärzte entfernten acht fremde Zähne und siebzehn Knochensplitter, die in seinem Körper steckten, Überreste des armen Kerls, der vor ihm von der Explosion zerrissen worden war und sich in eine menschliche Granate verwandelt hatte, in rauchende Schädelfragmente, die in einer Blutfontäne fortgeschleudert wurden, deren einziger Metallsplitter ein goldener Vorbackenzahn war, Ghassan hatte Glück im Unglück, es lief ihm noch immer kalt den Rücken hinunter, der Ekel reize noch immer zum Brechen […] Ghassan verwandelt in ein lebendiges Grab, trägt die Reliquien des Märtyrers direkt unter seiner Haut, hat die Vereinigung der Krieger vollzogen durch die Magie der Sprengkörper […]  besonders am Hals hatte Ghassan noch immer winzige unsichtbare oder höchstens unter Röntgenstrahlen sichtbare Knochensplitter unter der Haut, die sich manchmal Jahre später, man weiß nicht warum, in Form von Zysten und Schwielen zeigten und dann herausoperiert werden mussten, am meisten ärgerte ihn aber, dass er dem Arzt davon erzählen musste, erklären musste, warum sein Körper Knochenstücke ausspie

Der Soldat als wandelndes Grab eines anderen Soldaten – dieser Gedanke über die Verkettung von Tod, seine aufs Körperliche zugespitzte Verbildlichung beschäftigen mich auch nach Buchende hartnäckig weiter.

Francis‘ eigene Narben sind weniger spektakulär. Marianne fragt dennoch nach ihnen. Marianne, in der Francis, der sich als Ares sehen wollte, seine Aphrodite fand. Marianne, die Schöne, mit ihrer wohligen Vitalität, ihren Rundungen, ihrer Weichheit, ihrem Duft, ihrer unverdorbenen Körperlichkeit. Marianne – wie die französische Nationalfigur, verkörpert von Brigitte Bardot bis Sophie Marceau. Marianne, die sich mit einem Tritt in seine Weichteile von ihm löst, weil er zu viel Zeit mit dem Alkohol und den Narben Ghassans verbringt, während Marianne so gern in seinen, Francis‘ Narben gelesen hätte.

Es ist ein klassischer weiblicher Fehler, unbedingt an die Gefühlszentren der Männer rühren zu wollen – Stephanie wiederholt ihn. Stephanie, die, wenngleich auch sie eine aphroditische Seite besitzt, eher einer Athene ähnelt. Stephanie, die Taktikerin, die Strategin, die Karrieristin beim Geheimdienst, die Francis immerhin einen kurzen Augenblick von Vaterschaft, von Familie spüren lässt. Was aber soll eine Frau – irgendeine – mit einem Kriegsungeheuer, einem Francis auf Dauer schon anfangen?

Besser ein Anderer sein: ein Yvan Deroy. Dessen Namen trägt Francis spazieren, während der echte Yvan in einer geschlossenen Anstalt vor sich hindämmert – da, wieder ein Verrückter. Diesmal einer, der über seine eigene krude Nazi-Ideologie seinen Verstand verloren hat, zum ahumanen Monster mutiert ist, als hätte Énard hier (Zone erschien 2008 in Frankreich) einen Anders Behring Breivik vorausgeahnt, den er vorsorglich gleich in ein Irrenhaus hineinschrieb. Indem er Francis den Namen Yvans als Pseudonym annehmen lässt, zeigt Énard ein gefährliches, frei in der Zone umherstreifendes Gespenst auf: das des Nationalismus und Faschismus.

Francis‘ Beziehung zu diesem nicht totzukriegenden ideologischen Gespenst ist nicht willkürlich angelegt, und auch nicht allein dadurch hergestellt, dass Yvan sein Schulfreund war, sondern sie besteht bereits in Francis‘ Erbgut: Franjo Mirković, Francis‘ Großvater, war ein kroatischer Faschist der ersten Stunde, wichtiger Funktionär des NDH, des Unabhängigen Staat Kroatien, ein Ustascha. Diese Bewegung hatte mit Ante Pavelić ihren eigenen Führer, mit dem Lager Jasenovac ihr eigenes Auschwitz, ihr fielen im Laufe des Zweiten Weltkrieg, unterschiedlichen Schätzungen nach, 400 000 bis 600 000 Serben, Juden, Roma und antifaschistische Kroaten zum Opfer.

Als Wiedergänger dieses ersten Schlächters unter dem Namen Mirković zog Francis später in den Balkankrieg. Und nicht nur die Tradition seines Großvaters, auch die seines Vaters führte er fort, indem er töten ging: Ob in Jugoslawien oder Algerien – die Morde, Vergewaltigungen, Folterungen bleiben sich gleich.

Von einem Namen zum Nächsten, endlosen Verknüpfungssträngen folgend, strömt Francis‘ Satz punktlos voran. Neun Stationen passiert der Zug auf dem Weg von Mailand zu Francis‘ Ziel – neun Kreise des Inferno, neun Bereiche des Purgatorio, neun Himmel des Paradiso müssen in Dantes Göttlicher Komödie durchwandert werden. Bei Francis verlieren Hölle, Vorhölle und Paradies ihre klaren Umrisse, das Eine durchwabert das Andere. Tag der Zugreise ist übrigens der 8.Dezember, der Tag der Unbefleckten Empfängnis, und über den religiösen Verweis hinaus, liefert Énard hier einen erneuten megalomanischen Querbezug, macht, wie Joyce, einen Tag zu seinem eigenen, und seinen Roman, diesen Gedankenstrom-Koloss, zum Bloomsday eines Erlösungssuchenden.

Einmal noch sucht Francis bei einer Frau nach Erlösung, bei Saschka, der zart-blassen Engelsfigur, die Ikonen malt. Diesmal verschweigt er seine Francis-Substanz und geht unter der Deckidentität eines Insektenforschers namens Yvan Deroy, die Saschka ihm gutgläubig abkauft, in diese Beziehung hinein. Den Namen Yvans zu tragen, fühlt sich für ihn kaum als Lüge an, und auch die Insektenkundler-Identität weist genug Wesensähnlichkeit zu seiner Tätigkeit als Aktensammler auf, um einer für Francis brauchbaren Form von Wahrheit Genüge zu leisten – schließlich ist Francis sattsam kundig auf dem Gebiet der kriechenden oder schwärmenden Massen-Tiere, dieser ruhelosen Betreiber der Verwesung von Fleisch und anderen Strukturen. Doch etwas bremst ihn, bevor er Saschka zu nahe kommt; womöglich sind es tatsächliche Skrupel, dieses Unschuldswesen zu verderben, oder auch nur Francis‘ umfassende Lebensmüdigkeit. Und sowieso, was sollen die Frauen immer alles heilen, und was sollen sie gleichzeitig aushalten: Monster wie Francis oder Andrija, wie zuvor all diese Väter und Vorväter, die denen Francis‘ entsprachen.

Gleich den Kriegern, suchen auch manche Dichter in körperlicher Nähe nach einer Erlösung von ihrer eigenen Scheußlichkeit, und mache kommen von weit her in die Zone, wo die allseits spürbare Geschichte von Gewalt und Untergang ein gutes Pflaster zu bieten scheint, um sich mit seinen eigenen Untiefen zu befassen – wie Borroughs, nachdem er bedröhnt seine Frau erschossen hatte. Doch die meisten verheddern sich hier erst recht unrettbar in ihren dunklen Seiten, sie fügen sich viel zu gut ins Elend aus Prostitution, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Dass Francis seine Erlösung genauso wenig findet, liegt daran, dass er, ähnlich wie die von Énard eingestreuten Dichter, verirrt, besoffen und bekifft immer weiter in Richtung Anti-Erlösung taumelt.

Außerdem gibt es in seiner Weltsicht keine funktionierenden Richtungsweiser mehr: Moralische Kategorien wie Gut und Böse, zeitliche Dimensionen wie Gestern und Morgen – all jene Einordnungen haben für ihn, der nur noch trüben Brei denken kann, ihre Klarheit verloren, und Begriffe wie Schuld, Sühne, Erlösung bieten da keine Trittsicherheit. Einzig der Begriff SCHICKSAL tritt großbustabiert aus dem Strudel hervor.

Indem Énard den moralischen Boden schwammig hält, drückt er sich jedoch nicht etwa um die Frage nach Francis‘ eigener Schuld. Diese Schuld ist deutlich, und sie ist massiv. Francis hatte sich, vielleicht nur um der Mutter zu gefallen, vielleicht auch aus eigener Eitelkeit, freiwillig in den Krieg begeben. Er suchte dort nach dem Helden, dem Mann Francis und fand stattdessen Francis, das Ungeheuer. Aus niederen Beweggründen gehasst, aus Zorn getötet zu haben: Darin besteht die Schuld seiner Soldatenzeit. Und während seiner Geheimdienstzeit erhöht er seinen Schuldzähler um die Folgen seiner Abmachungen mit dieser oder jener Instanz im Machtgemenge der Zone – dort wird jeder Vorteil durch einen Verrat erkauft, und jeder Verrat ist der Ausgangspunkt neuer Opfer-Biografien, in denen Francis‘ Name nicht selten als Fußnote angeführt werden dürfte. Im Laufe des Buchs wird deutlich, wie sehr Francis‘ Inneres und das des Koffers Eins sind.

als der Koffer voll war, musste ich ihn verkaufen, diese unzähligen überall in meiner Zone geduldig zusammengetragenen Dokumente Namen Berichte loswerden (…), die in fünf Jahren endloser Nachforschungen gesammelten Dokumente, die aus Archiven gestohlenen Geheimunterlagen, die abgeglichenen Zeugenaussagen, wozu diese zahllosen Stunden des geduldigen Zusammenstellens dieser Liste um das leere Leben (…) zu füllen, um meinem Dasein einen Sinn zu geben, vielleicht, wer weiß, um einen schönen Abgang zu haben, um Vergebung für meine Toten zu erhalten, fragt sich nur, von wem

Jene Einheit von Mensch und Aktensammlung ist eine Art wandelnde Büchse der Pandora. Während der Koffer allerdings in umgekehrter Form so funktioniert, das Grauen also nicht in die Welt schickt, indem er geöffnet wird, sondern es in sich sammelt, ist Francis selbst ein Unheilsbringer, und wer an sein Inneres rührt – wie manche seiner Kriegsgegner das taten, und auch die Frauen, die ihn liebten -, entfesselt damit eine scheußliche Bestie. Sich selbst hält Francis daher lieber verschlossen, doch er legt sein Leben mit in den Koffer und will diesen Koffer abgeben, in den Koffer soll hineingeschaut werden, Andere sollen, so wie Francis, in Gräber, Folterkammern und andere Abgründe blicken.

Dass nun vatikanische Diener diesen Blick tun sollen, ist nicht von offizieller Seite entschieden worden, sondern es ist Francis‘ eigene Mission, wie auch die Aktensammlung selbst in privater Arbeit entstanden ist und nicht in geheimdienstlichem Auftrag. Warum aber Francis gerade den Vatikan zum Adressaten seiner Privatmission erwählt hat, beantwortet sich nur in Andeutungen:

von Paris nach Rom, um zitternden Prälaten fünfzig Jahre alte Geheimnisse und auch weitaus jüngere – Ware bleibt Ware, ob Pizzas oder Blumen – gegen klingende Münze auszuhändigen, ich habe den Preis auf dreihunderttausend Dollar festgesetzt, die Ironie würde den Kirchenmännern sicher nicht entgehen, dachte ich, dreißig Silberlinge, sie haben kein Wort darüber verloren, stimmten ohne Murren zu, wagen es nicht mit dem Sünder über den Preis für den Verrat zu verhandeln, Rom bleibt Rom, wer auch immer dort herrscht

Moderne dreißig Silberlinge für den modernen Judas. Immerhin sollte, was Francis zusammenspioniert hat, wohl genügen um den Tatbestand des einen oder anderen Landesverrats zu erfüllen; den Verrat eines Erlösers allerdings kann man ihm schwerlich vorwerfen. Vielleicht ist die Einreichung des Koffers für Francis die eine, die große, mit Fußnoten und Zusatzmaterial versehene Beichte seines Lebens und er hofft doch auf irgendeine Art von Absolution. Vielleicht spielt in Francis versteckten Beweggründen auch eine andere Betrachtung des Judas, die diesem innerhalb der Gnosis zuteil wird, eine Rolle. Dort nämlich werden Judas‘ Motive nicht in Untreue und Geldgier gesehen. Vielmehr wird die Funktion des Judas Ischariot als die eines Erfüllungsgehilfen für Gottes Plan verstanden: Judas, so die Gnostiker, habe den Opferwillen des Gotteslammes Jesus im Sinne der göttlichen Vorsehung gedeutet und mit der Übergabe Jesu an die Römer die Erlösungsgeschichte überhaupt erst in ihren Lauf gebracht. Vielleicht also soll es nicht nur Francis‘ eigener, sondern einer General-Erlösung der gesamten Zone dienen, die Wahrheit ins Licht der Ewigkeit, deren weltlicher Stellvertreter der Vatikan ist, hineinzutragen. Oder vielleicht nutzt Francis die vatikanische Schleuse ins Reich des Transzendenten in dem rotzfrechen Versuch, den Göttern zurückzugeben, ihnen vor die Füße zu pfeffern, was sie auf Erden angerichtet haben – als ob sie nicht darauf antworten würden, für Schuldfragen solle man sich da unten gefälligst als selbst zuständig betrachten. Vielleicht aber braucht Francis, der Söldner aus Gewohnheit, derzeit auch einfach nur das Geld. Wer weiß.

Andere Fragen beantworten sich zum Ende, zum Beispiel die, ob der Koffer sein Ziel tatsächlich erreichen wird, oder ob der endlose Satz doch noch zu seinem Punkt findet. Bis dahin sind es hunderte unruhevoller Seiten, die mitunter anstrengend zu lesen sind – alles andere wäre auch ein Hohn angesichts ihrer Thematik -, aus denen jedoch die gewissenhafte Arbeit des Autors spricht. Man kann nur erahnen, welchen gedanklichen und welchen Recherche-Aufwand er für diesen Roman wohl betrieben hat. Gelohnt hat er sich unbedingt.


>> Mathias Énard, Zone (Berlin Verlag), kartoniert €12, 95

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VINTAGE AMERICAN // James Salter, Alles, was ist

Was ist das eigentlich, dieses Alles, was ist? Für Philip Bowman, den Protagonisten dieses viel besprochenen Alterswerks des als Literatur-Großkaliber gefeierten James Salter, sind es der Krieg und die Frauen, die alles ausmachen. Und auch die Literatur, diese jedoch eher in umrandender als zentraler Funktion.

Bowman ist ein Mann einer Epoche, die im Verlauf seines eigenen Alterns ihr Ende erlebt. Der Zweite Weltkrieg bildet den Einstieg in dieses Zeitgemälde, in diese Lebensgeschichte. Daran anschließend verfolgt man Bowman durch drei, vier Jahrzehnte, zunächst durch die Glanzzeit eines Geistes, der sich unter der Bezeichnung Mid-Century Modern einfangen lässt, dann durch Jahre eines grundlegenden Wandels, der die Gesellschaft, die Wirtschaft, Kultur und Politik erfasst, bei Bowman selbst jedoch nicht greift. Er verkörpert ein Edward-Hopper-Amerika, seine Mentalität ist geprägt durch eine Art US-Klassik, die in Post-Kennedy-Zeiten ausstirbt, in Bowmans Charakter jedoch bestehen bleibt. Salters Roman zeichnet sich vor Allem dadurch aus, dass er jene Atmosphäre atmet, die beispielsweise Serien wie Mad Men im Zuge der Retro-Welle mit viel Aufwand künstlich zu erzeugen versuchen.

Man lernt Bowman eingangs als Lieutenant junior zur See kennen und befindet sich unmittelbar im Geschehen auf den Schauplätzen des Pazifik-Krieges. Als gewissenhafter Marineoffizier erfüllt Bowman seine ihm zugewiesenen Funktionen an Bord eines Kriegsschiffes. Mehr als das – ein zuverlässiger und tüchtiger junger Mann – ist über Bowman zu diesem Zeitpunkt nicht zu berichten, während sich seine Kameraden durch ganz andere Charakterzüge und Erlebnisse auszeichnen: Spaßvögel, Frauenhelden, heimliche Poeten. Für Bowman werden erst seine Kriegserlebnisse zum Auslöser seiner charakterlichen Entwicklung. Die Schilderung dieser entscheidenden Jahre erfolgt in überraschender, aber bewusster Knappheit: Auf rund zehn Seiten reihen sich allgemein gehaltene Ereignisbeschreibungen aneinander und bereiten den Weg für eine einzelne, etwas ausführlichere Episode um Bowmans eigenen Kriegseinsatz. Der schnelle erzählerische Wechsel zum zivilen Leben erscheint allzu abrupt, doch die Scharfkantigkeit dieses Bruches verdeutlicht eine Zweiteilung, die Bowmans Leben fortan unwiderruflich bestimmt. Im Licht jenes prägenden Infernos, das den Roman kurz und heftig einläutet, zeichnen sich die Folgejahre in Bowmans Leben durch ihren Mangel an existentiellen Erfahrungen und Erlebnissen aus.

Während des Lesens entfaltet ebendieser Mangel eine ermüdende, bisweilen irritierende Wirkung. Bowman beginnt in New York – eher zufällig als zielgerichtet – bei einem literarisch durchaus ambitionierten Verlag als Lektor zu arbeiten. Doch die Einblicke in seine eigentliche berufliche Tätigkeit halten sich in Grenzen. Nur sehr selten werden Autoren, mit denen Bowman zusammenarbeitet, überhaupt dargestellt. Im Vordergrund stehen dagegen die gesellschaftlichen Verpflichtungen und Zerstreuungen, die nun, da sein Umfeld aus der illustren New Yorker Kultur-Szene besteht, Bowmans Alltag bestimmen. Privat glaubt Bowman sein Glück mit Vivian, der schönen Tochter einer wohlhabenden Familie vom Lande, gefunden zu haben. Was er anfangs selbstverständlich für Liebe hielt, begreift er nach und nach als oberflächliche Anziehung, der es an einem Fundament aus Gemeinsamkeiten fehlt. Die baldige Scheidung verläuft unspektakulär. Übrigens zählen Scheidungen in der Salterschen Gesellschaft zum Alltag, jede Charakterisierung einer noch so nebensächlichen Figur beinhaltet einen Scheidungszähler. So wird durchs Hintertürchen die Trautes-Heim-Idylle, die das Bild der 50er und 60er Jahre oft mitbestimmt, als nostalgieverklärter Mumpitz entlarvt. Gleichzeitig wird eine nervtötende Oberflächlichkeit im gesellschaftlichen Umgang offenbar, der sich auf Klatsch und Banalitäten konzentriert. Bowman selbst heiratet nach seiner ernüchternden Ehe-Erfahrung nicht noch einmal, in willkürlich zu Stande kommende Beziehungen stürzt er sich jedoch immer wieder. Wie im Beruf legt er auch in seinem Beziehungsleben eine zunehmende Professionalität an den Tag, was im gesellschaftlichen Punktesystem nach Salters Darstellung einen steigenden Männlichkeitswert bedeutet. Sexuelle und allgemeine Ereignisse und Erfahrungen haben hier einen gleichrangigen Stellenwert. Salter erzählt seine Geschichte Amerikas aus einer Privatperspektive. Die Konsequenz daraus ist, dass den intimen Meilensteinen eine größere Bedeutung in Bowmans Lebenslauf zukommt als so große historische Ereignisse wie zum Beispiel die Attentate auf Martin Luther King oder die Kennedys erlangen, die zu einer öffentlichen Geschichte Amerikas gehören. In Bowmans Geschichte finden sie, wenn überhaupt, eine erstaunlich gleichgültige Erwähnung – nur gelegentlich gibt ein halber Nebensatz hier und da einen Hinweis auf eigentlich welterschütternde Begebenheiten, weniger wegen ihres Eindrucks auf Bowman, denn tatsächlich üben sie auf diesen keinerlei Wirkung aus, sondern wohl nur um dem Leser anstelle von Jahresangaben eine zeitliche Einordnung zu ermöglichen. Es drückt sich dadurch aber auch eine Verkapselung Bowmans in seiner eigenen Welt aus, was sich im Verlauf der Geschichte als generelles Merkmal der gutverdienenden Kultur-Schicht, der Bowman angehört, erweist. Abenteuer und Neugier auf Unbekanntes erlaubt man sich ausschließlich auf sexuellem Gebiet. So wirken Salters Figuren auch nur in Schilderungen ihrer intimen Seiten überhaupt lebendig. Allerdings schafft selbst die wildeste Zweisamkeit noch längst keine echte Nähe. Bowman beginnt eine Affäre mit der unglücklich verheirateten Engländerin Enid, die er heiß und kopflos begehrt. Doch trotz ihrer körperlichen Innigkeit kommt zwischen den beiden keine emotionale Eindeutigkeit zu Stande, die Unsicherheiten bleiben. Gemeinsam erleben sie traumhafte Reisen in Europa, die nichts anderes als eine besonders intensive Form von Realitätsflucht darstellen. Während Vivian und Bowman weder aus sexueller noch charakterlicher Sicht gut zusammenpassten, kann sich Bowman in der Affäre mit Enid körperlich bewähren und ausleben. Der transatlantische Abstand zwischen ihnen ist aber auch Sinnbild eines innerlichen Getrenntseins: Einerseits macht es einen besonderen Reiz aus, dass die beiden für einander undurchschaubar bleiben, denn dadurch nutzt sich die gegenseitige Faszination lange Zeit nicht ab, andererseits bleibt eine Fremdheit bestehen, die eine Vertiefung ihrer Verbindung verhindert. Erst mit Christine lernt Bowman eine Frau kennen, mit der er nicht nur auf körperlicher Ebene harmoniert, sondern auch im Wesen eine Verbindung erlebt. Tatsächlich lässt Bowman sich dazu hinreißen, wieder ein gemeinsames Alltagsleben mit einer Frau zu führen – und findet Gefallen daran. Die grobe Enttäuschung jedoch folgt nur kurze Zeit später und bezeugt, dass selbst in dieser vermeintlich perfekten Beziehung wieder nichts von Bestand geschaffen werden konnte. Danach folgen nur noch Episoden, die Bowman zwei Aspekte vor Augen führen, die ihm klar machen, dass er seinen Lebenshöhepunkt überschritten hat, bevor man in der dahinplätschernden Geschichte jenen Höhepunkt überhaupt recht wahrgenommen hat: Einerseits ändern sich die Frauen – man stellt fest, dass die emanzipierte Frau in Bowmans Wahrnehmung auf die Stufe eines reizlosen Backfischchens zurückfällt, dessen Eroberung nicht lohnt. Andererseits wird Bowman schlicht und einfach alt, was ihm so plötzlich bewusst wird, dass es eine der seltenen wirklichen Überraschungen in seinem Leben darstellt.

Ich war einige Male durchaus geneigt dieses Buch vor dem Ende aus der Hand zu legen. Man wird nicht warm mit Salters Roman-Personal, alles wirkt glatt und gleichgültig, klassisch, aber oberflächlich. Das Cover der deutschen Ausgabe gibt diese Atmosphäre in perfekter Weise wieder: Die imposanten Fassaden New Yorks, so schön, aber so steril, hunderte Fenster und doch kein Mensch zu sehen, im Vordergrund allein ein Sternenbanner als bewegter Farbtupfer. Selbst Bowmans Beziehung zu seiner Mutter, der einzigen Frau, die ihm wirklich nahe kam, bleibt in ihrer Darstellung uneindeutig: Das, was seine Mutter ihm gab, nämlich die Sicherheit ein geliebtes Kind zu sein, wird zwar lobend erwähnt, aber gleichzeitig marginalisiert, indem die Erzählung von Bowmans Leben als Startpunkt die Zeit des Krieges und nicht der Kindheit wählt. (Nur in kurzen Rückblenden wird ein Einblick in jene Kindheit gewährt – doch der Krieg steht als Trennmauer zwischen der Gegenwart und dem Jungen, der Philip war, seine eigene Kindheit wirkt eher wie das vergangene Leben eines Fremden.) Manches Mal glaubt man, nun arbeite sich die Geschichte auf eine dramatische Spitze hin, dann versandet jedoch jegliche Sensation in ihrer Einbettung in Beiläufigkeiten. Und doch: Rückblickend verstehe ich das als konsequent angewandtes Stilmittel, das zwar allgegenwärtigen Einsatz findet und dennoch nicht so plakativ ins Auge springt, dass ich sofort dessen Absicht bemerkt hätte. Erst kurz vor dem unaufgeregten Roman-Ende kommen mir wieder die Beschreibungen von Bowmans Einsatz auf einem Kriegsschiff im Pazifik in den Sinn, was Salter still und leise provoziert, indem er einen von Bowmans damaligen Kameraden zufällig auf einer Party auftauchen lässt, wo sich die beiden dann freundlich und unverbindlich in ein paar Sätzen über ihr Leben austauschen. Hier ist der Bogen, von dem Bowman die ganze Zeit durch seinen Namen spricht, plötzlich vollzogen. In manchen Leben muss sich eben alles, was ist, an einer einzigen Erfahrung messen – und scheitert daran.


Auch James Salter selbst ist einer dieser Männer, die in sich eine vergangene Epoche zu konservieren scheinen. Mit seinem Protagonisten Philipp Bowman teilt er einige markante Eigenschaften und biographische Stichpunkte. 1925 geboren als Sohn eines erfolgreichen Geschäftsmannes und einer anspruchsvollen jungen Dame aus bestem Hause, wächst Salter in gutbürgerlichen Verhältnissen in New York auf. Rückblickend beschreibt er sich als verwöhntes und naives Kind. Dem imposanten Vater ist nur schwerlich etwas anteilnehmende Aufmerksamkeit für den blassen Sohn abzuringen, zumindest solange Salter Junior sich vorrangig mit Büchern beschäftigt. Vielleicht auf Druck des Vaters, vielleicht aber auch um den alten Herren zu beeindrucken, der seinerzeit jahrgangsbester Absolvent an der Militärakademie West-Point war, geht Salter mit 17 ebenfalls nach West-Point. Sein Leben ändert sich dadurch umfassend. Der Drill und die abgeschlossene Gemeinschaft beeinflussen stark seinen Charakter, und das Thema Männlichkeit entwickelt sich zu seinem literarischen Leitfaden. Außerdem beginnt dort seine langjährige militärische Laufbahn, er durchläuft eine Ausbildungen zum Air-Force-Piloten und unternimmt zunächst – der Zweite Weltkrieg hat kurz zuvor sein Ende gefunden – Transportflüge im Pazifik-Raum. Eine Farmerstochter aus Virginia wird in jener Zeit die erste Mrs.Salter. Über dieses Ehe gibt Salter bemerkenswert wenige, gleichgültige Kommentare ab. Bezüglich seiner zahlreichen Affären in jenen Jahren erweist er sich in diversen Interviews dafür als umso auskunftsfreudiger. Alte Fotos zeigen Salter als attraktiven jungen Mann mit anziehender Ausstrahlung in Uniform oder Fliegeranzug – gut gebaut, militärisch verwegen, selbstgewiss. Entsprechend der weltweiten Verstreuung von Air-Force-Stützpunkten, führt es Salter beruflich nach Europa, nach Asien oder nach Hawaii, wo er jeweils diverse Techtelmechtel unterhält. Im Korea-Krieg wird Salter als Jagdflieger eingesetzt. Seine Kriegserfahrungen bezeichnet er als unwiderruflich prägend, wenn auch nicht als traumatisch. Dennoch bewegt das Erleben des Krieges etwas in ihm, erzeugt den Drang zu schreiben, erzwingt in ihm ein verändertes Denken über Lebensinhalte, Lebensaufgaben. Seine Zeit als Kampfpilot verarbeitet er in The Hunters (hierzulande erscheint The Hunters 2014 unter dem Titel Jäger, die deutsche Ausgabe entspricht einer 1997 von Salter überarbeiteten Version des Romans). Schließlich wagt er, Anfang dreißig, den zweiten radikalen Richtungswechsel in seinem Leben, gibt die vertraute Uniform ab und lebt fortan als Schriftsteller. Es entstehen Kurzgeschichten, Romane, Drehbücher. Als Quereinsteiger in die Schriftstellerwelt sind seine Zukunftsaussichten ungewiss – zumal verglichen mit den Zeiten im geregelten Militärdienst -, doch Salter besitzt Charisma, ist gesellschaftsfähig und schafft es, die richtigen Menschen für sich und sein Talent zu interessieren. The Hunters wird mit Robert Mitchum verfilmt. Salter orientiert sich nun verstärkt in Richtung Filmbranche. Er verdient Geld und erarbeitet sich Renommee als Drehbuchautor, unterhält Freundschaften mit Roman Polanski, Federico Fellini, Robert Redford. Salter fühlt sich wohl in seiner Rolle als Mitglied der intellektuellen Society, er leistet sich einen ausgesuchten Lebensstil und wohl auch reichliche amouröse Abenteuer. Inzwischen lebt er mit seiner zweiten Frau, der Dramatikerin Kay Eldredge, wahlweise in New York, auf seinem Anwesen in den berühmten Hamptons oder in seinem Häuschen im Aspen, einem noblen Ski-Örtchen in Colorado mit recht prominenter Einwohnerschaft.


>> James Salter, Alles, was ist (Berlin Verlag) kartoniert €10,99