ACTmusic

NACHTEINSAMKEIT // Michael Wollnys Nachtmusiken

Der Wechsel vom September zum Oktober: Zeit des Hummeltods, das Flügelgesplirr der Libellen verstummt, aus den Kehlen dahinziehender Gänseschwärme klingt es zum Abschied wie aus rauen Klarinetten, der Froschwinterschlaf beginnt bald und die meeresrauschenden Pappelblätter werden nach und nach zu Bodenlaub. In die stille Bresche, die der Herbst schlägt, springen der tockende Fall der Eicheln und Kastanien, Regenplippeln, das zahnlose Schmatzen von Nasserde. Danach, später, stecke ich in der Wintertaubheit. Erst im Frühjahr höre ich wieder klar.

Früher einmal war die dunkle Jahreszeit die von fernem Wolfsgeheul und nahem Kaminprasseln. An Vergangenes, leicht Schauergemütliches, an die Romantik und ihre Dunkelheitsliebe erinnert mich Der Wanderer, der auf Michael Wollnys Album Nachtfahrten zu finden ist, das heute erscheint. Wollny (Klavier) und sein langjähriger Begleiter Eric Schaefer (Schlagzeug) haben die wechselnde Bassistenrolle im Trio dieses Mal mit Christian Weber besetzt. Anders als beim zuletzt erschienenen Weltentraum mit seinem zeitweiligen Popsong-Nachgeschmack, klingen die Hörproben zu Nachtfahrten (beides ACTmusic) danach, als sei der Ton hier etwas getragener, etwas klassischer – ich kann´s mir gut vorstellen als Herbst- und Winternachtmusik.



>> Michael Wollny (geb. 1978 in Schweinfurt) tourte bereits als Zwanzigjähriger als Konzertpianist umher und arbeitete fortan mit einer Vielzahl profilierter Jazz-Musiker wie Hubert Winter, Heinz Sauer und Nils Landgren zusammen. Neben kommerziellem Erfolg, sicherten ihm sowohl diese und weitere Ko-Produktionen als auch die Aufnahmen mit seinem eigenen Trio diverse Preise und Stipendien. Inzwischen lebt Wollny in Leipzig, wo er als Professor an der Hochschule für Musik und Theater tätig ist.


Jazznight mit Michael Wollny Trio, Nils Landgren, Lars Danielsson, Laeiszhalle Hamburg, 2014 - war schön

Jazznight mit Michael Wollny Trio, Nils Landgren, Lars Danielsson, Laeiszhalle Hamburg, 2014 – war schön


(Das Schlagwort NACHTEINSAMKEIT übrigens habe ich noch einmal aufgegriffen, nachdem es mir bereits letztes Jahr im Oktober als roter Faden diente. Manchen Schlagwörtern, dachte ich, kann ich ja mal wieder einen Besuch abstatten, sobald sich  – wie hier – neue Beladung für sie angesammelt hat.)

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NACHTEINSAMKEIT // Lars Danielsson, Liberetto II

Nachteinsamkeit heißt Selbstversunkenheit, der ein himmelgroßer Resonanzraum zur Verfügung steht. Der will gefüllt sein: mit Stille, mit Gedanken, mit Nachtgeräuschen, natürlich aber auch mit Musik.

Vor Kurzem erst ist das neue Album des schwedischen Jazzquartetts um Lars Danielsson erschienen: Liberetto II versammelt zwölf nachttaugliche Stücke, die trotz ihrer Zugänglichkeit nichts an Komplexität fehlen lassen. Dafür sorgt die hochkarätige Besetzung: So ist Magnus Öström, ehemals Percussionist für e.s.t., wieder im Quartett vertreten, und als Gäste beteiligen sich unter Anderem der norwegische Multiinstrumentalist Mathias Eick sowie die große dänische Jazz-Stimme Caecilie Norby. Durch viele gemischte Zusammenarbeiten sind alle am Album, nicht nur am Quartett, beteiligten Musiker längst hörbar miteinander vertraut. Diese Harmonie spiegelt sich in der Klarheit und Sättigung der für Danielsson typischen Klangfarben. Schön zum nächtlichen Begleithören.


>> Lars Danielsson, Liberetto II (ACT)