90er

DAS FÜRCHTE-ICH // Herta Müller, Der Fuchs war damals schon der Jäger

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Der Mensch ist ein soziales Tier.
In Urzeiten hing das Überleben entscheidend von der Gruppe ab; man teilte Furcht und Hunger, man teilte Wärme und Nahrung. Lagerfeuer, Gemeinschaft! Das war dermaßen prägend, dass auf dem Markt für Teelichter, Duft- und Tafelkerzen heute völlig absurde Summen umgesetzt werden: Selbst diese Miniatur-Höhlenfeuer leuchten ja so Ecken in uns aus, da kommt die Glühbirne gar nicht hin! Gleichzeitig hat das den Menschen nie davon abhalten können, mitunter seine Mitmenschen ins Feuer zu schubsen. Ich würde sofort drauf wetten, dass es schon in der Steinzeit Menschen gab, denen die soziale Dynamik innerhalb der Gemeinschaftshöhle so arg zusetzte, dass ihnen nichts als die Flucht übrig blieb. Der Mensch ist ein soziales Tier – im guten Sinne wie im bösen.

Im Totalitarismus findet sich die Perversion der Idealgemeinschaft. An die Stelle des Kümmerns tritt die Kontrolle. Aus der Sicherheit des Einzelnen wird die Bedrängung und Unterdrückung des Einzelnen. Statt menschlicher gibt es nur noch staatliche Perspektiven, Kategorien, Argumente. Nicht irgendwelche Götter entscheiden über Wohl und Wehe – die höheren Wesen heißen „Genosse“ oder „Führer“. Während Politparolen weiterhin die gegenseitige Versorgung und das gemeinsame Vorankommen predigen, lautet die gelebte Praxis: Alle gegen einen und einer über allen.

Herta Müller, die 1987 aus der Sozialistischen Republik Rumänien in die Bundesrepublik emigriert war, veröffentlichte hier fünf Jahre später mit Der Fuchs war damals schon der Jäger einen privat durchwirkten Einblick in das Alltagsleben unter Nicolae Ceaușescus neostalinistischer Diktatur. Szenen aus dem Roman entsprechen Szenen aus Müllers Leben; ihre Zeit als Fabrikmitarbeiterin, später als Aushilfe in Schulen, und die massive Überwachung und Einschüchterung von seiten der rumänischen Geheimpolizei Securitate, der Müller ausgesetzt gewesen war, bilden die Grundlage des Romans.
Herta Müller schreibt, wie immer, zuckerfrei. Die Sprache ist ruppig, hart. Und schwer – dabei trägt sie keinen Ballast, alles Überflüssige ist ihr abgekaut, abgeschmirgelt worden. Unter Druck werden die Wörter zu Bildern gepresst, und wo es keine so recht passenden Wörter gibt, macht Müller eigene.

Abends wurden Hörner und Klauen verbrannt, es stieg stechende Luft in die Vorstadt. Die Fabrik war ein Schlachthaus. Morgens, wenn es noch dunkel war, krähten Hähne. Sie gingen durch die grauen Innenhöfe, wie die ausgezehrten Männer auf der Straße gingen. Und sie hatten das gleiche Geschau.

Physische Eigenschaften, physische Vorgänge spielen eine große Rolle; immer geht der Blick vom Körperlichen aus aufs große Ganze. Das ist auch als Metaphorik zu verstehen, die vom Körper des Einzelnen auf den Staatskörper schließen lässt, welche in der Diktatur schließlich aufs Engste verbunden sind. Öfter denke ich jedoch, dass Müller, indem sie so konsequent an Körperlichkeiten, an Greifbarkeiten entlang erzählt, ihr Heil und ihren Halt im Konkreten sucht, denn das Konkrete liegt näher an der Wahrheit, während das Abstrakte leicht der Ideologie, der Demagogie, der Lüge eine Tür öffnet.
Die allgegenwärtige Angst sitzt ganz konkret im Fleisch, sie drückt im Darm, sie geht durch den Magen. Haar zeugt vielfach von den unweigerlichen, auch den lieber verleugneten Verbindungen, in denen Menschen zueinander stehen. Ein Haar beinhaltet Identitätsinformationen, sein Wachstum ein Stück Lebenszeit; ein Haar bedeutet was. So kann ein verlorenes, gefundenes Haar funktionieren wie eine Flaschenpost. Das Schneiden, das Entfernen oder das Kämmen von Haar werden zu Tätigkeiten, die Wesenszustände beschreiben. Der Frisör berechnet die verbleibende Lebensdauer seiner Kunden anhand der Menge von Haaren, die er ihnen über die Jahre abschneidet – wenn ein Sack voll davon ist, sterben sie, lautet seine Überzeugung: Ohne größeren literarischen Aufwand charakterisiert Müller so den Menschen als reines Produktionswesen, dessen Zeit abgelaufen ist, sobald sein Soll erfüllt, sein Maß voll ist. Für Kinder hat der Frisör immer Bonbons parat, zur Belohnung: „Sie waren mit Haaren verklebt, sie kratzten auf der Zunge.“
Es geht im Roman um Adina, Clara, Liviu, Paul, Abi, Ilija, Pavel – und einen verhängnisvollen Witz über Ceaușescu. Adina, die als Lehrerin ohnehin schon unter der zudringlichen Fuchtel des Schuldirektors steht, wird nun zusätzlich durch den Geheimdienst schikaniert, der während ihrer Arbeitszeit in ihrer Wohnung herumwerkelt und jedes Mal unspektakuläre, aber umso unheimlichere Zeichen seiner Anwesenheit hinterlässt: Mal ist das Klo benutzt und nicht gespült worden, mal liegen Schalen von Sonnenblumenkernen herum. Und von dem Fuchsfell, das in Adinas Schlafzimmer liegt, werden Teile abgeschnitten, der Schweif, die Pfoten, und nahtlos wieder angelegt, sodass Adina es erst bemerkt, als sie den Fuchs einmal bewegt. Clara wird unterdessen von einem Mann, auf den sie sich zunächst keinen Reim machen kann, in eine Affäre gelockt. Dass er anderweitig verheiratet ist, kann sie sich bald denken. Dass es noch weit Schlimmeres mit ihm auf sich hat, auch. Aber wie damit umgehen, wenn sich Angst und Anziehung verbinden? Immer konkreter bedrängt der Geheimdienst die Handvoll Freunde um Adina. Es kommt zu Verhören. Schließlich werden Taschen gepackt und die Stadt bei Nacht und Nebel verlassen. Nur wohin soll man flüchten, wo doch der Staat überall ist? Wem vertrauen, wo doch alle Staat sind? Ein Freund, den es vor Jahren aufs Land, in ein abgelegenes Dörfchen verschlagen hat, bietet fürs Erste Unterschlupf. Die Donau ist hier nah – der Grenzfluss. Nachts laufen oft Menschen durch die Weizenfelder auf diese Grenze zu, wollen schwimmend über die Donau fliehen. Nachts fallen oft Schüsse.

Mähdrescher sind hoch, sagt der Fahrer, das ist gut, wenn man oben sitzt, sieht man im Weizen nicht die Toten liegen. (…) Das Feld stinkt süß, zum Weizenfeld müßte man GOTTESACKER sagen. (…) Meine Frau will gut sein, sie kauft kein Brot. Der Fahrer lacht, er sieht ins Feld, dann kaufe ich das Brot, sagt er. Wir essen und es schmeckt uns, auch meiner Frau. Sie ißt und weint und wird älter und fett. Sie ist besser als ich, aber wer ist hier noch gut. Wenn ihr die Augen aus dem Kopf stehen, geht sie, statt zu schreien, kotzen. (…) sie würgt leise, damit die Nachbarn nichts hören, sagt er.

Der Staat frisst seine Kinder, der Mensch sich selbst. Adina fragt sich, ob sie vielleicht bald genauso im Feld liegen wird, „bis im Sommer der Mähdrescher kommt“, und sie weiß, dass „die steigenden Eiweißprozente im Mehl“ höchstens nährmittelstatistisch interessieren.

Manchmal, sagte sie, wird euch beim Essen ein Haar in den Zähnen hängen, eines, das nicht dem Bäcker in den Teig gefallen ist.

Schilderungen vom Leben in Staatsformen, in denen der Einzelne dramatisch weniger Bedeutung, Rechte, Existenzspielräume besitzt als selbst in der schlechtesten Demokratie, gibt es wie Sand am Meer. Vollkommen egal, ob man nun gute Geschichts- und PolitiklehrerInnen hatte oder totale Nieten: Keiner, der einen Funken Verstand und eventuell sogar Nächstenliebe in sich trägt, kann sich ernsthaft in eine solche Staatsform hineinwünschen. Und doch geht in Europa und der Welt seit einer Weile ein Gespenst um – das Gespenst des „Wohlfühltotalitarismus“: eine geradezu romantische Sehnsucht nach Entmündigung und Kontrolle durch eine radikale, skrupellose, wirres Ideologiezeug daherschwafelnde Obrigkeit. Und dagegen sind mediale Aktivitäten völlig zwecklos. Autobiografien und Dokumentationen, Fotos und Filme, Zeitzeugeninterviews und Museumsausstellungen – zwecklos. Jeder Zeitungsartikel, jeder Tweet, jeder Talk – zwecklos. Selbstverständlich ist auch dieser Beitrag zwecklos, sowieso.

Ich fürchte reell, was die Zukunft politisch, gesellschaftlich wohl so bringt. Und das gar nicht hauptsächlich wegen der Nazis, die ja lieber heute als morgen die Demokratie verfeuern und den Totalitarismus aus dem Keller holen wollen. Die hat’s schon immer gegeben, jedenfalls was meine Lebenszeit anbetrifft; sowohl die Altnazis als auch die Neonazis, sowohl die hirnlosen Hau-drauf-Nazis als auch die intellektuellen Rechtsrücker, sowohl die kriminellen Nazis als auch die tadellosen Biedermeier-Nazis.
Es gibt zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft einen notorischen Teil, der es mit der übrigen Gesellschaft (was folgerichtig bedeutet: mit der Gemeinschaft insgesamt) gelinde gesagt nicht besonders gut meint. Sei’s drum. Die Frage ist bloß, wie viel Gestaltungsspielraum diese Fraktion bekommt. Im Umkehrschluss fragt es sich: Wie viel Gestaltung übernimmt also der Rest?
Müsste nicht jeder sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern?
In Berlin werden politische und anschließend Wirtschaftskarrieren gemacht, und, na, Politik natürlich auch. Was in Berlin nicht gemacht wird, ist Gemeinschaft. Was Berlin nie machen wird, ist einen großen roten Knopf zu drücken, auf dem „Harmoniegesellschaft – an“ steht. Man muss wiederum nicht gleich selbst in die Bundespolitik gehen und diesen Knopf erfinden wollen. Und auch kommunalpolitischen Einsatz kann nicht unbedingt jeder leisten. Aber sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Ist alles schön und gut mit Facebook, Twitter, Instagram ff., aber wir haben das jetzt ein ausgiebiges Weilchen lang in der Praxis getestet und es hat unsere Gesellschaft nicht besser gemacht. Hat. Es. Nicht. Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder – aber Social-Media-Blubberblasen sind nicht die Lösung, nicht wahr? Übrigens sind Social-Media-Blubberblasen auch nicht die Gemeinschaft.
Gemeinschaft wäre, ohne Ekel auch etwas für jemanden tun zu können, den man nicht so hundertprozentig gut leiden kann. Die Fähigkeit, auch ohne Schaum vorm Mund in eine volle U-Bahn zu steigen. Allesamt von unseren Palmen runterzukommen; notfalls ein paar zu fällen. Sich auf die eine oder andere Weise um einander zu kümmern, anstatt bloß um die eigenen Partikularinteressen. Falls wir das hinkriegen sollten, sehe ich gute Chancen, dass es dann ein schönes, ein anständiges Lagerfeuer geben kann. Falls wir –
Aber entschuldigen Sie mich, ich muss weiter, es ist ganz schön dunkel hier, und ich gebe zu, ich fürchte mich ein bisschen.

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PROVINZLEBEN // Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner

[Die Leute] würden lieber an der Vorstellung festhalten, dass John aus heiterem Himmel in die Stadt galoppierte und sie nur so aus Spaß auf den Kopf stellte. Aber so ist es gar nicht abgelaufen. In Wahrheit, wie mehr Zeitgenossen wissen als es zugeben wollen, in Wahrheit war John Kaltenbrunner ein Einheimischer, und hinter seinen Taten stand ein ganzes Leben aufgestauter Empörung. Bis zu dem Tag, an dem er schließlich sein Kriegsross/Vehikel in Gang setzte, hauste er geräuschlos in den hintersten Winkeln von Baker, deren bloße Existenz die meisten Bewohner der Stadt am liebsten leugnen würden. Er pflügte sich durch die Arbeitswelt vom Fließband zum Schlachthaus, vom Schweineimbiss in die Kanalisation. […] Sein ganzes Leben war und blieb eine unvorstellbar üble Pechsträhne, im wahrsten Sinne des Wortes. Und so ging es immer weiter und weiter und weiter, jahrelang, über das Absurde hinaus bis an den Rand des praktisch Unmöglichen, bis all die sauren Äpfel, die Armut und der Dreck, die endlose Suche – bis sich jenes Hochoktangemisch, das ihm ein Tankstutzen namens Baker großzügig einflößte, schließlich entzündete und in die Luft flog, dass die ganze Gegend erzitterte. Das gab ein Getöse. […] Alle wurden hineingezogen: die Presse, die Behörden, die Kirche, die Fabriken, die Schulen, die Flussratten, die Hessen, die Schmalzköppe, die Trolls, jede Familie in der Stadt, die komplette Liste… Niemand kam ungeschoren davon. Einmal im Gange, traf die Abrechnung alle, quer durch die Bank, doch bis es soweit war, lauerte sie abwartend wie ein Werwolf in Quarantäne bei zunehmendem Mond.

Mittels dieser reichlich Unheil versprechenden Einleitung bereitet einen die Erzählstimme des Romans auf das Spektakel vor, das sie im Folgenden ausbreiten wird: die Lebensgeschichte des John Kaltenbrunner – ewiger Sonderling, vom Leben geprügelter Universalverlierer und später Initiator einer lokalen Beinahe-Apokalypse, die sich gewaschen hat. Dass er sie nicht selbst erzählen kann, um der grassierenden Legendenbildung um seine Person entgegenzuwirken, hat leider seine Gründe, und darum übernehmen seine Kollegen von der Müllabfuhr – im Baker-Sprachgebrauch: die Haldenschrate – diese Aufgabe. Es ist ihr kollektives Gedächtnis, das den wahren John Kaltenbrunner zu rekonstruieren versucht, indem es, mal erinnernd, mal mutmaßend, dessen Lebenslauf nachzeichnet. Und so singt hier der Chor der Haldenschrate einen 500 Seiten langen Punksong über das Provinzleben aus der sozialen Froschperspektive.

Was in den verschlafenen Breiten des amerikanischen Corn Belt so als Stadt bezeichnet wird, machen die ausgiebigen Beschreibungen des Hinterwäldler-Kaffs Baker deutlich: Kirche, Schule und ein paar Fabriken, um die herum sich Wohnhäuschen, Mietskasernen, eine eher dürftige Geschäftswelt und natürlich ein paar schäbige Bars angesiedelt haben; nicht mehr als ein trister Haufen in der Ödnis, eingekreist von Maisfeldern und Viehzuchtbetrieben. Hier herrschen ein Welt- und Werteverständnis, das seit Gründerväterzeiten keine nennenswerten Aktualisierungen erfahren hat, Selbstgefälligkeit, Missgunst und Suff. Schulsystem und Gesetzeshüterschaft werden geleitet von Bauern- und Bibeldeppen. Ein bestimmtes Identitätsempfinden leitet der typische Bewohner von Baker nicht aus den Qualitäten seiner Stadt ab, sondern aus dem ewigen kompetitiven Gezänk mit dem Nachbarstädtchen Pottville: Von solidarischem Miteinander kann in der Gemeinde, in der man unter seinesgleichen zu bleiben hat, je nachdem, ob man nun den Farmern, den Fabrikmalochern oder den eingewanderten Latinos angehört, keineswegs die Rede sein, aber ein Wir-gegen-die geht immer.

Am Rande dieser Zusammenrottung menschlicher Feindseligkeiten wächst John auf einem gottvergessenen Farmgelände auf. Madame Kaltenbrunner hat das Familienanwesen während jahrelanger Trauer um den verstorbenen Kaltenbrunner senior gleichgültig zu einer Bruchbude mit umliegender Müllhalde verkommen lassen, und Johns Lebensgeschichte nimmt hier ihren Anlauf, indem er das tut, wozu er schlichtweg geboren zu sein scheint: Er räumt auf. Zu dem, was man eine normale Kindheit nennen würde, finden sich bei John keinerlei Überschneidungspunkte; es gibt weder Freunde noch irgendwelche weiteren Anverwandten, die den Jungen aus seiner Isolation herauszerren würden, wo er sich, nach und nach, autodidaktisch zum begabten Heimwerker und Geflügelzüchter mausert und unterdessen freilich zu einem schrulligen Eigenbrötler mit autistischen Zügen heranwächst.

Das ist der Kaltenbrunner, den die meisten Schüler der Holborn in Erinnerung haben: ein zotteliger, desorientierter Scheunentroll, der stets den Kopf in den Wolken hatte. […] Eines aber steht fest: Unintelligent war er beileibe nicht. Seine schulischen Leistungen, eine Chronik der bewussten Vernachlässigung, sagen überhaupt nichts über seine wahren geistigen Fähigkeiten aus.

Was sollen ihn Schule und soziale Kontakte auch groß interessieren – schließlich werkelt er wie besessen an ganz anderen Dingen: Als selbstberufener Herrscher über den Scheunenhof (Lord of the Barnyard, so der englische Roman-Titel) putzt John das Anwesen zu einem Schmuckstückchen heraus und macht als erfolgreicher Hühnerfarmer  im ganzen Valley Furore und Profit, da ist er noch keine fünfzehn.

Bis hierhin haben wir’s mit einer – etwas kruden, versteht sich – Erfolgsgeschichte zu tun. Längst fliegt diesem Gemeinschaftsverweigerer und Agrar-Wunderkind meine sämtliche Sympathie zu; das ist bei mir wohl autobiographisch bedingt, da rennt der radikal tatkräftige Kaltenbrunner junior nun einmal offene Türen ein. Wann immer ich den Roman in die Finger kriege, um darin weiterzulesen, tue ich das mit einem ähnlichen Appetit, mit dem ich auch ein gutes Stück Fleisch verputze – nein, filigrane Kost ist das nicht, man muss es schon deftig mögen, und eine Neigung zum Schlingen mitzubringen, schadet hier auch nicht. Die Sprache ist gekonnt roh und flapsig, die Story lebt davon, dass sie auf Krawall abzielt; beide suhlen sich streckenweise etwas zu gedehnt in ihrer Saftigkeit und ergehen sich oft in umwegigen Spielereien, aber das macht nichts, mir jedenfalls nicht. Dieser Roman ist nicht angetreten, um perfekt zu sein, sondern laut, garstig und wahnsinnig unterhaltsam. Er ist das rund zwanzig Jahre alte Debut des inzwischen auch schon verstorbenen Tristan Egolf, der als Schriftsteller wie als Punk-Musiker eine Menge Talente hatte, außer vielleicht dem, sein Talent dosiert, bedachtsam einzusetzen. Klar hätte man diesen Roman auch um 200 Seiten verschlankt veröffentlichen können, aber wozu? Kunstfertige Gezügeltheit ist was für Leute, die sonst keine Hobbys haben – Egolf dagegen hat Dampf und lässt dem seinen freien Lauf. (Gewisse Wesensähnlichkeiten zwischen den beiden Angry Young Men, Egolf und Kaltenbrunner, erscheinen mir möglich.)

Natürlich begnügt sich der Autor nicht damit, seinen einsamen Helden einen skurrilen, aber zufriedenen Selfmade-Unternehmer sein zu lassen. Die Jahre auf der Farm – das war ja nur die Vorgeschichte. Das Paradies Kindheit. Mit dem ist es schlagartig aus und vorbei, als eines Tages ein Wirbelsturm durch Baker zieht; Ende Teil I des Romans. Von nun an wird Johns später berühmt gewordene Pechsträhne nie mehr abreißen.

Fürs Erste sind es die profitgierigen kirchlichen Wohltäterinnen aus der mächtigen Ortsgemeinde – durchgehend bezeichnet als die Methodistenvetteln -, mit denen John sich herumschlagen muss; später der halbe exekutive Rechtsapparat des Countys. Noch etwas später, nachdem John diverse staatlich verordnete Progamme durchlaufen hat, deren Ziel es war, ihn gerade zu biegen oder wenigstens für ein Weilchen von der Gesellschaft fernzuhalten, ist es Baker selbst, das ihm das Leben schwer macht, als er, perspektiv- und mittellos, nach ein paar Jahren in der Versenkung dorthin zurückkehrt. Dabei hätte er sich, nur um wieder bei null anzufangen, doch sonstwo niederlassen können – warum also unbedingt Baker, noch dazu in der festen Absicht zu bleiben?

Dafür musste es einen Grund geben. […] John war allzu verstrickt in seine Geschichte mit Baker, um einfach seine Sachen zu packen und fortzugehen. Er hätte es wahrscheinlich nie geschafft, zu innerem Frieden zu finden, wenn er die Stadt verlassen hätte, ohne zuvor ein paar hundert Angelshops in Schutt und Asche zu legen.

Inzwischen sind die alten Geschichten um John – wie er mit seinem Traktor namens Bucephalus zur Schule fuhr, oder wie es zu der Schießerei auf der Farm kam, etc. -, kalter Kaffee aus der städtischen Folklore, und da ihn schon damals niemand so recht gekannt hatte, erkennt ihn nun auch niemand wieder, sodass John in der Stadt nicht viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als irgendein beliebiger, namenloser Taugenichts. Vom finanziellen Null-Level wegzukommen, gestaltet sich für John derweil schwierig: All seine Ausflüge in die lokale Arbeitswelt enden im Desaster. Nicht, dass das an John läge, der sich als zäh genug erweist, jeden, aber auch wirklich jeden Job zu machen – selbst in einer höllenhaften Geflügelfabrik, wo es die Aufgabe des ehemaligen Hühnerzüchters ist, geschundenen Puten im Akkord die Hälse abzuschneiden und dabei knietief in deren Blut und Gekröse zu waten, überzeugt er zunächst mit Bravour. Es ist nur das Pech, das einfach nicht locker lässt, für die dämlichsten Unfälle sorgt und scheinbar nimmermüde das Ziel verfolgt, Kaltenbrunner am besten gleich unter die Erde zu bringen.

Die Agentur hatte die Nase voll. […] Bei allen Arbeitern aus der Stadt, die sie je unter Vertrag genommen hatte, und damit sind die jämmerlichsten Exemplare des weißen Lumpenproletariats der letzten zwanzig Jahre gemeint, waren ihr noch nie so viele Beschwerden in bezug auf einen einzigen Menschen untergekommen. […] Damit stand er offiziell auf der Schwarzen Liste der Zeitarbeitsfirmen von Baker, lebenslang. Nicht nur bei der Arbeit zerrann ihm alles zwischen den Fingern, sondern in allem, was er tat, jede Stunde wieder. Wilbur konnte heute noch den Kopf darüber schütteln. Ein normaler Mensch, der ein Zimmer betreten, die Tür schließen und sich an den Tisch setzen wollte, täte das einfach, und zwar ohne besondere Vorkommnisse; John würde in derselben Situation mit dem Hosenbein am Türrahmen hängenbleiben, die Naht vom Knöchel bis zu den Eiern aufreißen, die Wand beim Versuch, sich zu befreien, beschädigen und sich schließlich auf den Stuhl setzen, nur damit ein Bein unter ihm nachgab.

Wilbur Altemeyer, der im selben Mietzwinger wie John haust, eine Etage über ihm, beobachtet seinen verschrobenen Nachbarn vorerst aus der Ferne, solange, bis von dem ehedem kraftstrotzenden Dockarbeiter nur noch ein humpelndes Häufchen Elend übrig ist, das sein Essen aus Bäckerei-Mülltonnen zusammenklaubt. Als Wilbur beschließt, John müsse dringend geholfen werden, findet John damit erstmals einen Freund. Die beiden hoffnungslosen Junggesellen haben so einiges miteinander gemein, nicht zuletzt, dass sich ihr Stellenwert auf der Baker-Sozialskala auf irgendwo unter null eingependelt hat. Wilbur, dessen eigene vergurkte Lebensgeschichte es in puncto Pech und Elend nicht ganz, aber fast mit Johns bisheriger Vita aufnehmen kann, hat es, als letzte Option auf ein irgendwie geregeltes Leben, zur Müllabfuhr verschlagen. Und als nach und nach Wilburs sämtliche naiven Versuche, John dabei zu unterstützen, in Baker irgendwie auf die Füße zu kommen, grandios in die Hose gehen, wird klar: Auch Kaltenbrunner ist nun reif für die Halde.

John wird zum Müllmann par excellence. Zwar bleibt er unter seinen neuen Kollegen, einem zusammengewürfelten Kollektiv haarsträubend verunglückter Existenzen, anfangs der gewohnt unnahbare Sonderling, setzt aber seine ganze Begabung und allmählich zurückgewonnenen Kräfte ein, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, die Routen der Abholfahrten zu optimieren und sich und seine Mitstreiter gegen die täglichen Attacken vonseiten der boshaften, ständig zum Piesacken aufgelegten Bürgerschaft Bakers zu verteidigen. Dass sich Johns Arbeitsstil mit der Zeit zum Führungsstil aufschwingt, stößt Deponiechef Kunstler ungut auf, der sich als durchgeknallter Autokrat an seinen Mitarbeitern bislang ungebremst austoben konnte, bei John jedoch auf Granit beißt. Was als Kräftemessen zwischen Kunstler und Kaltenbrunner beginnt, schaukelt sich zunehmend hoch, reißt bald die gesamte Belegschaft der Müllabfuhr mit, mündet in den ersten Müllstreik in der Geschichte des Countys und führt schließlich in eine Generalabrechnung des sozialen Bodensatzes von Baker, sprich: der Haldenschrate mit der gesamten Stadt.

Der Bekanntheitsgrad John Kaltenbrunners schnellt nun von null auf hundert. Der Müllstreik, den John vom Zaun gebrochen hat und den er als glanzvoller Stratege mit geradezu militärischem Geschick anführt, lässt den heimischen Pöbel in seinem eigenen Unrat ertrinken – und der brütend heiße Sommer trägt das seine dazu bei. Nach den ersten Wochen, in denen man das Ganze in Baker noch als schlechten, stinkenden Scherz abtut, kommen Ungeziefer, Geier, Kojoten wie die biblischen Plagen eingefallen, gefolgt von Presseteams aus dem gesamten Bundesstaat, die in Baker Stellung beziehen, um rund um die Uhr live über den Untergang einer Kleinstadt zu berichten. Und gerade, als die örtliche Wirtschaft vollends lahmgelegt und die Hysterie so richtig im Gange ist, als erste Plünderungen gemeldet werden, Unruhen an der Tagesordnung sind und Polizei, Stadtrat und Bürgerschaft in ihren Entscheidungen schwanken, ob sie besser kapitulierend allen Forderungen der Haldenschrate nachgeben sollten oder nicht doch lieber diesem Terroristentrupp per Lynchjustiz den Garaus machen wollen – mitten in dieses Szenario hinein fällt das lang herbeigefieberte Basketball-Pokalduell zwischen den Schulen von Baker und dem verhassten Pottville. Austragungsort: Baker.

Schon klar, dass das nicht gut ausgeht. Selten wurde eine Kleinstadt literarisch dermaßen dem Erdboden gleichgemacht, um ihren Einwohnern ihre himmelschreiende Borniertheit heimzuzahlen. Der Typus des hartgekochten Lonesome Hero, der in eine Stadt kommt, um dort aufzuräumen und für Recht und Ordnung zu sorgen, findet hier seine Anwendung, indem Egolf ihn auf den Kopf stellt: Kaltenbrunner nimmt sich eine Stadt vor, in der die herrschende Ordnung nichts taugt, und um damit klar Schiff zu machen, jagt er sie erst einmal kräftig durch ein reinigendes Chaos.

Das Finale Baker-Pottville markiert gleichermaßen das Finale Kaltenbrunner gegen Baker. Am Ende stehen eine brennende Kirche, sechs Zigarettenstummel am Ufer des Patokah River, deutlich bessere Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen für die Haldenschrate und ein panisches Schwein, das über einen Friedhof flitzt. Wäre dieser Abschluss nicht zum Heulen, wäre das alles zum Brüllen komisch – aber gerade diese Mischung aus Bitterkeit und absurder Komik ist wahrscheinlich das eigentliche Wesen des Provinzlebens.


>>Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner (Suhrkamp), antiquarisch


Mit Gruß an Gerhard Emmer, von dem der Buchtipp kam. (Ewig her, ja ja. Meine Mühlen mahlen langsam, aber stetig.) Meinen geistigen Soundtrack hierzu lieferten übrigens die Pixies, Kyuss und Rollins Band!


Bild: Grebe, 2017

GRAN FUTURISMO // Und der Mensch schuf den Roboter nach seinem Bilde

In der Ilias erzählt Homer über Hephaistos, Gott der Schmiedekunst, dieser werde in der Werkstatt von seinen selbst kreierten Mägden aus Gold unterstützt, die mit Vernunft begabt und lernfähig seien. Schon jene roboterhaft anmutenden Wesen scheinen geschaffen worden zu sein, um sowohl die Fähigkeiten und Stärken ihres Schöpfers automatisiert anwenden zu können, als auch um dessen Schwächen auszugleichen:

[…] Hinkte sodann aus der Tür, und Jungfraun stützten den Herrscher, / Goldene, Lebenden gleich, mit jugendlich reizender Bildung: / Diese haben Verstand in der Brust, und redende Stimme, / Haben Kraft, und lernten auch Kunstarbeit von den Göttern. / Schräge vor ihrem Herrn hineilten sie, er ihnen nachwankend. [Achtzehnter Gesang]

Das Bild vom künstlich hergestellten, intelligenten und idealförmigen Helferwesen, das uns untertan und doch in Sachen Kraft weit voraus ist, zieht sich über die Jahrhunderte durch die menschliche Fantasie – über die Romantik mit ihrer Faszination für Automaten bis ins heutige Industrieroboter-Zeitalter. Den Vorsprung in Sachen Schöpfungskraft, den die Götter innehaben, will der Mensch per Wissenschaft aufholen, und so wird er weiter auf den gewaltigen Annäherungsschritt ans Göttliche hinarbeiten, menschenartige Intelligenz irgendwann einmal selbst  – womöglich am Fließband – produzieren zu können.

Was danach kommen mag, darüber wird in der Science Fiction ausgiebig nachgedacht; abseits von Unterhaltungstrash und reinem Abenteuerspektakel findet sich dort eben auch große Philosophie. Auffällig dabei ist, wie sehr der Mensch, der über intelligenzbegabte Maschinen nachdenkt, einer Vorstellung verhaftet bleibt, nach der das Künstliche als Ebenbild des Menschlichen gedacht wird: Roboter, die in menschlicher oder menschenähnlicher Gestalt daherkommen, bevölkern unsere geträumte Zukunft. Warum sind es technische Einheiten, die ein Imitat des Individuums darstellen, die uns so beschäftigen? Warum werden als Antwort auf die Frage nach möglichen Formen künstlicher Intelligenz viel seltener Visionen entworfen, die form- und gesichtslose Schwarmintelligenzen zeigen, die keinerlei Übereinstimmung mit dem Konzept Mensch aufweisen? Der Blick in die Zukunft folgt dem gleichen Interesse wie der Blick zurück in die Historie: Aus diesen Betrachtungen wollen wir lernen, wer wir sind. Science Fiction finde ich dort am interessantesten, wo sie erforscht, welche Ergebnisse die Anwendung der Großen Fragen unter Laborbedingungen hervorbringt: Was ist Leben, und wie entspringt es? Was bedeutet Tod? Was ist Seele?

Weil diese Fragen nicht veralten, tun es auch die Klassiker nicht, die sich mit ihnen befassen. Da kann man etwas weiter zurück gehen, bis zu Frankenstein, und sich des Mitleids nicht erwehren, das man für dessen einsames Monster empfindet, oder etwas weniger weit, bis Blade Runner, und sich fragen, weshalb einem die Replikanten hier menschlicher erscheinen als die Menschen. In Ghost in the Shell ist es ein Hybridwesen aus Mensch und Maschine, das im Stillen zu ergründen versucht, was seine Identität ausmacht: Major Motoko Kusanagi besitzt ein Bionik-Gehirn, kann auf keine Herkunftsgeschichte zurückgreifen, ist nicht fortpflanzungsfähig, und verfügt doch über eine eigene Persönlichkeit. Im Jahr 2029 wird der Teil eines Menschen, Cyborgs oder bionischen Roboters, der dessen Identität speichert, als Ghost bezeichnet. Während ihrer Arbeit für die Sektion 9, einer Sondereinheit des Innenministeriums, verfolgt Kusanagi die Spur eines Hackers namens Puppet Masterder die Sicherheitssperre in den Ghost-Bereich überwunden hat und nun die Identitäten Anderer manipuliert. Zunächst deckt Kusanagis Team auf, dass der Puppet Master mit dem Geheimprojekt eines Technologiekonzerns in Verbindung steht. Doch zeigt sich bald, dass es Kusanagi mit weit mehr als nur einem aus dem Ruder gelaufenen Programm zu tun hat. Der Puppet Master erweist sich als Ghost, der aus unerklärlichen Gründen, durch irgendeinen Zündfunken im System, aus dem Netzwerk selbst heraus entstanden sein muss: eine Seele aus dem Rechner. Als der Major und der Puppet Master schließlich aufeinandertreffen, bietet diese Begegnung denn auch die ideale dramaturgische Gelegenheit, um das mit den Großen Fragen einmal gründlich durchzusprechen.

Diese erste filmische Umsetzung der gleichnamigen Manga-Reihe von Masamune Shirow erschien 1995. Rein optisch mag sich ihr futuristischer Anspruch inzwischen überholt haben: Outfits und Frisuren vieler Charaktere lassen an die Miami-Vice-Epoche zurückdenken; trotz direkter Netzwerkkommunikation zwischen den Ghosts gehören Telefonzellen hier noch zum Straßenbild – das Smartphone ahnte man eben nicht voraus; nicht zuletzt ist es auch das Medium selbst, der gute alte Zeichentrickfilm, das einem in Zeiten des computeranimierten 3D-Kinospektakels schon ziemlich vintage vorkommt. Egal – der (oftmals blutrot angehauchten) visuellen Schönheit und der hartnäckigen inhaltlichen Modernität des Ganzen tut das alles keinen Abbruch.

Nachdem der Stoff zu weiteren Animationsfilmen, diversen Anime-Serien und zur Computerspiel-Reihe verarbeitet wurde und Ghost in the Shell besonders in den 90ern als erfolgreiche Marke funktionierte, steht nun für 2017 eine neue filmische Adaption an: Derzeit drehen DreamWorks und Paramount Pictures einen Realfilm, in dem Scarlett Johansson die Rolle der Motoko Kusanagi spielt; geplanter Kinostart ist im kommenden März. Schon im Vorfeld der Dreharbeiten hat die Rollenvergabe eine Debatte um die unschöne Hollywood-Praxis des Whitewashing losgetreten: Während die Einen schon jetzt hingerissen sind von Johansson als Besetzung, fragen die Anderen sauer, weshalb man mal wieder nicht einer asiatischen Schauspielerin die tragende Heldinnenrolle habe geben wollen. Ob eine blauäugige Maschine, deren Geschichte sich in einer Zukunft abspielt, in der Nationalität oder Hautfarbe kaum mehr von Bedeutung sind, nun unbedingt von einer, sagen wir, japanischen Schauspielerin verkörpert werden muss? Um die Story an sich authentisch umzusetzen, wäre das nicht nötig – ginge es nur darum, hätte man die Rolle des Majors alternativ auch wunderbar etwa an eine puertoricanische Transfrau vergeben können. Dass Hollywood aber ausgerechnet für die Neuverfilmung eines japanischen Klassikers seine weiße Standardprominenz verpflichtet, anstatt der asiatischen oder asiatischstämmigen Schauspielerschaft den Vorzug zu geben, hat allerdings einen zweifach unguten Beigeschmack: Zum Einen verweigert man hier, wo sich doch ein schöner Anlass zu Gegenteiligem geboten hätte, wie gewohnt einer Minderheit das Privileg, sprichwörtlich eine Hauptrolle in der breiten Öffentlichkeit zu spielen, zum Anderen wird wieder einmal mit geradezu kolonialherrschaftlicher Selbstverständlichkeit ein Stückchen Fremdkultur zu einem rundum amerikanischen Massenprodukt verwurstet. Mir selbst wär’s schlicht lieber gewesen, man hätte Kusanagi ein etwas weniger Glamour-beladenes Gesicht gegeben. Am besten aber hätte wohl einfach gleich ein Roboter die Hauptrolle übernehmen sollen?

Wie gesagt, in der Science Fiction beschäftigt man sich häufig mit Fragen, die ums Menschliche kreisen.

KOPFGEBÄUDE // Tom’s House

Wer baut, vertraut. Oder: Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen. Ja ja. Man will eben einer guten Zukunft einen Ankerplatz in dieser Gegenwart einrichten. Wohin einen diese Zukunft aber führen wird, kann man nie wirklich sagen; das gilt selbst dann, wenn man, anders als ich, sie schon fest an einem Ort verankert zu haben glaubt. Ein geistiges Haus, so einen mentalen Stützpunkt, so was braucht man natürlich auch – und kann man nötigenfalls einfach mitnehmen. Planung und Pflege muss man dem allerdings ebenso angedeihen lassen; vielleicht, indem man drüber schreibt, meinetwegen auch singt. Ach, wie banal das klingt, aber: Ach, wie schön es doch ist, sich in einem Song zuhause zu fühlen:

WORAUF WARTE ICH HIER? // Wartemelodie

Warten erfüllt mit Ungeduld – darin steckt, dass es etwas widerwillig zu erdulden gilt: Warten ist Passivität, ein Aussetzen der eigenen Bestimmungskraft, und das schmeckt nach Schwäche und Ausgeliefertsein. Auch zwingt es zum Erdulden des Kontrastes zwischen jener Passivität und dem plötzlich brodelnd und mächtig produktiv erscheinenden Tun ringsumher. Warten isoliert mich unangenehm von diesem Tun, und es spielt dabei keine Rolle, ob ich nun bis in eine fünf Minuten, fünf Jahre oder ganz ungewiss entfernte Zukunft in diese Blase eingeschlossen bin. Dort, im Warten, wo das eigene Tun und Bestimmen ausgesetzt sind, wurmt mich also ein Kontrollmangel. Das Gehirn, diese Kontrollmaschine, rebelliert dagegen, drückt, wenn es mangelnde Kontrolle registriert, den Alarmknopf – Ungeduld als Warnsignal. Dort nämlich, wo es nicht selbst bestimmen kann, fürchtet es Chaos. Falls Warten die Neuronen auf bestimmte Weise zum Klingen bringt, hört das Gehirn es vielleicht so:

 

 

BRENNSTOFF // Fieber-Musik

Diese Gelee-Tage: Jede Bewegung muss ich gegen eine widrige Substanz durchsetzen, die meine eigene ist. Ein Gelee-Ich im Gelee-Raum. Bekäme ich nicht die allmorgendliche Starthilfe durch einen kräftesprotzenden Vierjährigen, würde ich jene Tage so verbringen wie die Mücke ihre Äonen im Bernstein. Kinder beherrschen, ganz von Natur aus, die hohe Kunst des positiven Radaumachens. Die Musik professionalisiert das. Sie hat den Krach urbar gemacht, sodass er Ernteerträge abwirft, die mitunter überraschend ausfallen. In ihrer unruhigen, juckigen Form erhöht Musik heilsamerweise meine mentale Temperatur und macht damit krankheitsträchtige Substanzen unschädlich. Rabimmel, rabammel, rabumm – mein Mixtape für heute:



 

PUBERTÄT REVISITED // Big Henry

WAAAHAAHAHAHAAA! WHOOHOHOHOOO…. SUCKER! SUCKER! WHOOOOOAH… S-U-C-K-E-R!!! (Rollins Band, Liar)

Als ich gerade damit begann meine Bibi-Blocksberg-Kassetten gegen Musik-Alben einzutauschen, waren Henry Rollins´ Zeiten bei State of Alert und Black Flag lange vorbei. Rollins Band hieß sein zu jener Zeit aktuelles Projekt, und zum ersten Mal sah und hörte ich das spätabends auf MTV: Rollins tobte halbnackt und in blutrote Farbe getaucht vor der Kamera herum und brüllte sich, um es blumig auszudrücken, direkt in mein Teenager-Herz. Nach den üblichen endlosen Beschaffungsmühen stand dann endlich Rollins´ 1994er Album Weight in meinem Regal, neben Pearl Jams Vitalogy, Tom Waits´ Bone Machine, Soundgardens Superunknown, neben Tool, Kyuss und Clutch, neben den Sex Pistols, The Clash und diversen Brit-Punk-Compilations – alles in reichlich zerkratzten CD-Hüllen, billig ergattert auf Flohmärkten und in Second-Hand-Shops. Als schüchternes Akne-Opfer mit gegen Null tendierendem Selbstwertgefühl hatte ich diese Alben mehr als bitter nötig – allein meinen Eltern und Großeltern, die im Hause mithörten, ob sie nun wollten oder nicht, war schwer zu vermitteln, wie segnungsreich die Entdeckung des Krachs als therapeutisches Mittel für mich war.


Die Methode, den Krach und die Wut als reinigenden Sturm durch sich hindurchfegen zu lassen um sich von Zögerlichkeit, von Halbheiten, von oft selbst auferlegten Fesseln zu befreien, wirkt Wunder. Als Lebenseinstellung jedoch lässt sich die Fokussierung auf Explosionsenergie schlecht permanent durchhalten. Speziell Punk und Pubertät teilen die Eigenschaft des Transitorischen: Ihre destruktiven Kräfte zersetzen alles, und das beinhaltet am Ende auch sich selbst. Die Wut von der Kette zu lassen – das funktioniert nicht als Dauerzustand. Aber es kann sehr hilfreich dazu beitragen, notwendige, neue Wege zu bereiten, wenn es in konstruktives Toben umschlägt.

No such thing as spare time. No such thing as free time. No such thing as down time. All you got is lifetime – GO! (Rollins Band, Shine)

Man sollte für spätere Zwecke unbedingt eine handliche Portion Pubertäts-Furor in Reserve halten. Insbesondere im Umgang mit sich selbst tut es oft gut, sich dem allmorgendlichen Spiegelbild nicht mit abwägender Unentschlossenheit, sondern mit wutbefeuerter Kompromisslosigkeit zu stellen.


Henry Rollins hat seit der Kindheit einige Wandlungsstufen absolviert. Vom schmächtigen und verhaltensauffälligen Knirps zum Bodybuilder, von der grauen Maus zum zeitweiligen Black-Flag-Frontmann und später zur Rampensau in eigenem Auftrag. Auf seinen Lorbeeren als Rock-Ikone hätte er sich durchaus ausruhen können, aber Rollins funktioniert nun einmal wie ein Hubschrauber im Flug: Sobald er nicht mehr rotiert, stürzt er ab. Weder Sex noch Drugs gehören für Rollins zum Rock´n Roll dazu, seine einzige Droge heißt Arbeit. Der bekennende Workoholic hat, anstatt irgendwann im Off zu verschwinden und Andere seinen Mythos pflegen zu lassen, lieber den riskanten Weg eingeschlagen, sich selbst auf verschiedensten neuen Feldern auszuprobieren – durchaus auf Kosten seines Mythos, denn mit seiner regen Aktivität geht er inzwischen unzähligen Menschen auf den Keks. Er ist Autor und Verleger, Schauspieler und Synchronsprecher, Menschenrechtsaktivist, er betreute Radio- und TV-Formate, produzierte Dokumentationen und tourt seit Jahren mit seinen Spoken-Word-Programmen durch die Welt. Dafür liebt oder hasst man ihn, je nachdem, ob man ihm, dem alternden Rockstar, die Wut und den allmorgendlichen kompromisslosen Blick in den Spiegel abnimmt oder nicht. Denn davon erzählt Rollins, in Interviews, in seinen Texten, besonders bei seinen Spoken-Word-Auftritten: vom ständigen Überdenken des eigenen Denken, vom Aufräumen mit dem Ego und anderen Scheinwahrheiten. Seine Meinungen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen bringt er allenorts laut und dickschädelig mit ein, ob gefragt oder nicht, doch seine Härte gegen Andere geht bei Rollins einher mit einer großen Härte gegen sich selbst. Offensichtlich legt er keinen Wert darauf, sein Image aus seinen besonders erfolgreichen Zeiten zu konservieren, im Gegenteil zerlegt er in unzähligen erzählten Episoden sich selbst und beschreibt seine frühere Attitüde als Arroganz, die ihm heute peinlich ist, als billige Verschleierung von Unsicherheit, der man sich stattdessen offensiv stellen müsse. Immer wieder erntet er harsche Kritik für harsche Statements, mit denen Rollins in seiner Funktion als nimmermüder Alles-Kommentator tatsächlich manches mal übers Ziel hinausschießt. Doch zu Gute halten muss ich ihm den unbedingten Mut, immer eine eigene Meinung zu äußern, die Entschlossenheit, seinen ganzen Antrieb in den Dienst seiner Überzeugungen zu stellen, und seinen Spaß an Selbstkritik. All das kommt zum Ausdruck, wenn man ihm zuhört – sei es, wenn er sich als Vertreter der Spezies harter Kerl kategorisch für die Rechte von Schwulen ausspricht, sei es, wenn er seine Haltung gegenüber Männern mit Vokuhila-Haarschnitt (engl. Mullet) radikal überdenkt. Wer mag, findet dank Rollins´ hyperaktiver Produktivität Stunden über Stunden solchen Materials, das tatsächlich abbildet, wie Rollins sich über die Jahre verändert hat.




GROSSE FRAUHEIT // Indie-Dreigestirne

Gehe ich einen etwa zwanzig Jahre großen Schritt zurück, sehe ich mich wieder als adoleszentes Etwas, dessen mentaler Wuchs irgendwie nicht der populären Idealform zustrebte. In den mittleren 90er Jahren, der neongiftigen Morgenröte der kommenden, etwa zehn Jahre andauernden Billigpop-Ära, verkörperten folgende Vertreterinnen das Prinzip Traumfrau: die Girlies. Blümchen performte Herz an Herz, Lucilectric krähte Weil ich´n Mädchen bin, Gwen Stefani verdrehte die männlichen Köpfe meiner geschlossenen Jahrgangsstufe mit ihrem teils gehauchten, teils geröhrten I´m Just a Girl. Die eigentlich charaktervoll-schöne Heike Makatsch hoppelte, gackerte und trällerte sich durch diverse knallbunte Jugendformate von VIVA interaktiv bis Bravo TV und avancierte, in meinem Umfeld zumindest, zum Maß aller Mädchen-Dinge. Gleichzeitig waren die Spice Girls entsetzlich omnipräsent und produzierten eine Bugwelle nicht minder erfolgreicher Nachfolge-Girl-Groups, deren Namensgebungen unbegreiflicherweise niemanden so recht alarmierten: Atomic Kitten etwa, oder Sugarbabes.

Teil dieser Kommerzveranstaltung namens Girl-Power-Bewegung zu werden war denkbar einfach: Brachte man politisches und kulturelles Desinteresse bereits mit, konnte man den Rest des dafür Nötigen größtenteils bei C&A kaufen: Bandana-Kopftücher, Sonnenbrillen mit runden Buntgläsern, bauchfreie Tops, rosa Accessoires, zu klein geratene Röckchen (aus der Kinderabteilung). Dazu brauchte man dann unbedingt selbstklebende Glitzerbindis, Fingernagel-Klebetattoos, Fake-Nasenringe, Bauchnabel-Piercings, die obligatorischen DocMartens-Stiefel in diversen Farben, puppiges Make-Up, Zöpfchen. Fertig – nur im Wechsel kichern und schmollen musste man schon noch selbst.

Ebenso simpel wie die Girlie-Philosophie an sich gestaltete sich mein Verhältnis zu meinen Mit-Mädchen: Ich konnte die Girlies nicht ausstehen und die Girlies mich nicht. Man warf sich gegenseitig Erbärmlichkeit vor; ich ihnen wegen ihrer Mischung aus Barbie-Gehabe, infantilem Trotz und Karnevalsstimmung, und sie mir wegen meiner Tool-Shirts. Und meiner manierierten Ernsthaftigkeit. Etwas an diesem Ernst ging bei mir jedoch auf durchaus reelle Vereinsamungsgefühle zurück: Alle meine gegenwärtigen Helden waren männlich, die meisten meiner Freunde ebenfalls. Wo waren denn diese Frauen, zu denen ich so gern hätte aufschauen wollen, in Erwartung irgendeiner Motivation von oben? Ich empfand meine Jugend als scheußliche Transit-Zeit, die ich so schnell es nur ginge hinter mir lassen wollte, gleichzeitig war mir klar, dass ich nicht zur Unternehmensberaterin heranwachsen würde – ich benötigte für meine Werdens-Ziele also etwas alternativen Input.

Patti Smith und Debbie Harry? Waren hübsch anzuschauen in ihrem strammen Selbstbewusstsein, das mit ebensoviel Hirn wie Herz unterfüttert war. Leider beide bereits damals zu Tode ikonografiert. Poly Styrene? Siouxsie Sioux? Ja, die lebten auch noch, befanden sich aber seit langen Jahren im Off-Modus. Aktivistinnen mit bewegenden Ideen? Die Zeit der großen Systemumbrüche war ein gerade abgefahrener Zug, dem ich mit meinen Kinderschritten nicht hatte nacheilen können – und dann, als ich genug gewachsen war um die klobigen Lederstiefel (mit gehäkelten Buntbändern) zu schnüren, war die Loveparade, die von Marusha durch Berlin geführt wurde, der einzige veritable Massenzug der Gegenwart. Aktuelle Autorinnen übrigens standen für mich unsichtbar im Toten Winkel. Von diesem Sektor war ich so vollkommen abgeschnitten, dass ich erst Jahre später im großen Panoramarückblick das Ausmaß meiner Entfernung davon begriff.

Im Allgemeinen schienen mir die Musikerinnen am zugänglichsten. Und eines Abends stolperte ich über ein Ding mit zerzaustem Dunkelhaar, das wohl im Schlepptau von Nick Cave bei mir eingezogen sein musste. Es hieß Polly Jean Harvey, war ein wenig herb und sperrig, ganz seelenvoll stimmungsschwankend und machte allgemein einen sehr einladenden Eindruck auf mich. Eine Andere, eine zarte Hysterikerin mit rotem Haarmeer, schlich sich via Plattenschrank meiner älteren Schwester in meinen Einzugsbereich. Da blieb Tori Amos dann auch. Aus diesen zwei Sondererscheinungen machte erst das Auftreten einer hibbeligen Naturgewalt für mich ein bedeutsames Trio: Mit Björk entdeckte ich ein Phänomen für mich, dessen pauschale Anziehungskraft auf mich ich wohl nie so recht verstehen werde.

Nachdem diese Drei mir endlose Weiten eines hübschen Neulands zugänglich gemacht hatten, fand ich mich dort bald ganz gut zurecht und traf auf Catpower, Kim Deal und Andere. Darunter auch diese Anwärterin auf einen Quartett-Platz zur Erweiterung des eng miteinander verbundenen Dreigestirns: Schon zu damaligen Zeiten war Fiona Apple für mich eine vielversprechende Orientierungsfigur, die allerdings noch reichlich biografischen Platz für Weiterentwicklung besaß – mit 20 muss man noch keine Wirkungsfrau sein. Wurde sie aber schnell. Heute bildet die gelegentlich nervtötende, aber auch zur Selbstironie fähige Exzentrikerin gemeinsam mit zwei weiteren speziellen Exemplaren ein neues Musikerinnen-Dreigestirn für mich: der ätherisch anmutenden Annie Clark, alias St.Vincent, und der total verhuschten, während ihrer Auftritte jedoch umso energischeren Anna Calvi. Diese Drei – zwischen 1977 und 1982 geboren und damit auch genau mein Alter teilend (die Jüngsten hier sind Annie Clark und ich) – wirken aus meiner heutigen Perspektive ebenso stabilisierend auf mich und mein Gemüt wie damals Harvey, Amos & Gudmundsdottir. Für mich sind Apple, Clark & Calvi wahre Wohlfühlfiguren; sie laufen ein wenig neben der Leitspur, welche heute nicht mehr die Girlies, sondern die smarten und vollkontrollierten, pseudo-erwachsen denkenden Y-Mädchen vorgeben.