20stes Jahrhundert (Musik)

VERGISSMEINICH // Alltag, Nichtsnacht


Sie kennen Müdigkeit. Verschiedenste Arten von Müdigkeit. Sie kennen Schläfrigkeit, ermattete Schlappheit oder tief, sehr tief wurzelnde Kraftlosigkeit. Sie kennen auch genügsamere, zufriedenere Arten von Erschöpfungsmüdigkeit. Viele von Ihnen kennen Mischformen der Müdigkeit, wo sie sich mit Aggressivität oder auch dumpfer Orientierungslosigkeit verbindet. Einige unter Ihnen haben Erfahrung mit jener trost- und bodenlosen Müdigkeit, die einen reell glauben macht, ein verirrtes, halb verhungertes und schließlich in sibirischer Januarkälte erfrorenes Nutzvieh zu sein.
Aber kennen Sie auch E.I.N.S.C.H.L.A.F.E.N?
Es gibt das Einschlafen vorm Fernseher, das Einschlafen mit Buch, das Einschlafen in der Bahn, dem Auto oder Flugzeug, auch das nicht ungefährliche Einschlafen in der Badewanne; es gibt das sprichwörtliche Einschlafen im Stehen, das zügige Einschlafen nach harter Arbeit oder Sport, das anspruchslose, routinierte, somit nebensächlich gewordene Einschlafen, das Einschlafen unter Alkohol- oder sonstigem Einfluss, das Einschlafen unter Bauchweh und natürlich das unruhige, unbefriedigende (weil unbefriedende) Einschlafen unter Sorgen, Sorgen, Sorgen.
E.I.N.S.C.H.L.A.F.E.N. aber ist etwas anderes.
Lichtschimmer, Farben und Gerüche um Sie her sind milde und weich. Frische Bettwäsche. Ein Kerzchen auf der Kommode spendet zart flackerndes Sonnenuntergangsleuchten. Ihnen ist warm (die übliche Kriechkälte ist restlos aus Ihren Fasern verschwunden; sowohl das Gefühl als auch die bloße Idee von Kälte sind so vollständig verschwunden, dass sich bei Ihnen nicht der kleinste Gedanke daran regt, wie kalt und klamm sich Einschlafen für gewöhnlich anfühlt), zugleich liegt ein angenehm luftiger Hauch im Raum.
Sie mögen diesen Raum. Sie haben sich darauf gefreut, hier zu schlafen; Sie haben die Wandfarbe, das neue Bett, die neuen Bettbezüge, die Bilder, Zimmerpflanzen und sparsame Deko bedachtsam (und in der seltenen, wohligen Gewissheit, sich hierbei nicht zu verschulden oder es sonstwie zu übertreiben) ausgewählt.
Sie hatten einen leichten Tag. Sie haben gelacht. Sie wurden geküsst. Sie haben etwas Gutes gekocht und gut gegessen, ohne Hast, gemeinsam mit Menschen, die Sie lieben und in deren Nähe Sie sich gesund fühlen (der Nachhall ihrer Stimmen liegt Ihnen, leise, noch im Ohr).
Durchs geöffnete Fenster hören Sie das entfernte Rauschen der Stadt und, näher, das nicht zu ungestüme Ein- und Ausatmen des Windes; nirgendwo bellt ein einsamer Hund.
Sie selbst sind nichts weiter als das sachte Pochen, das Sie mit zwei Fingerspitzen unterhalb Ihrer Daumenwurzel ertasten (Ihr Puls, der mitunter wie eine Horde durchpreschender, um sich keilender Stiere gegen diese zwei Fingerkuppen schlägt, dann wieder flach, unrund plitschernd, wie Sand unter ihnen wegrieselt, rollt und rollt nun in unbeirrtem Takt an ihnen vorbei, flink, aber nicht getrieben, fest, aber dabei geschmeidig – ein kleines, samtpelziges, agiles Tierchen).
Sie fühlen sich in dieser Wohnung so wohl wie lange nicht. Ihre Lieben genauso. Es sind nicht nur die schönen Fliesen, die lichte Aufteilung des Wohnbereichs und derlei Banales: Noch ist diese Wohnung bloß ein unbeschriebener Raum. Ein freundlicher, duftiger Kokon. Und Sie leben nun darin.
All Ihre Dinge und auch Sie selbst haben inzwischen hinreichend Ihre Ordnung gefunden; Alltag bahnt sich an. (Ein freundlicher, duftiger Alltag, will man glauben.) Ruhe.
Die Kerze: Der buttergelbe Hof des Flämmchens simmert brav vor sich hin. Irgendwann wird er sich zunächst verkleinern, dann verlöschen. Sie lassen es achtlos brennen, ohne Sorge: Das Kerzchen wird sich von selbst löschen, und nichts kann Feuer fangen, nichts wird schwelen. Aufbrennen, Ausgehen, ganz folgenlos.
Halbgeschlossenen Auges schauen Sie in den Raum und spüren halbbewusst, dass Sie, indem Sie sich selbst so ganz vergessen, einmal so ganz bei sich ankommen. Sie sind ein rundgeschliffener, von sommerlicher Sonne erwärmter Stein – ach was, Sie sind Pudding! Süß wunschloser, ichloser Pudding. Nichts-Ich.
(Das, was Sie eigentlich sind und was Sie immer waren, das, was Sie also wirklich ausmacht – das liegt nach dem Umzug noch immer in diesen ein, zwei Kartons, die Sie bislang nicht ausgeräumt haben. Auf dem Dachboden. Immer sind es diese ein, zwei unausgeräumten Kartons im Oberstübchen, die beinhalten, was einen Menschen grundlegend ausmacht. Sie haben das bloß vollkommen vergessen, heute.)
Und so S.C.H.L.A.F.E.N.
Sie schließlich.
E.I.N.


Foto: Grebe

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KOPFGEBÄUDE // Tom’s House

Wer baut, vertraut. Oder: Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen. Ja ja. Man will eben einer guten Zukunft einen Ankerplatz in dieser Gegenwart einrichten. Wohin einen diese Zukunft aber führen wird, kann man nie wirklich sagen; das gilt selbst dann, wenn man, anders als ich, sie schon fest an einem Ort verankert zu haben glaubt. Ein geistiges Haus, so einen mentalen Stützpunkt, so was braucht man natürlich auch – und kann man nötigenfalls einfach mitnehmen. Planung und Pflege muss man dem allerdings ebenso angedeihen lassen; vielleicht, indem man drüber schreibt, meinetwegen auch singt. Ach, wie banal das klingt, aber: Ach, wie schön es doch ist, sich in einem Song zuhause zu fühlen:

LICHTKÖRPER UND SCHATTENWESEN // Flackertanz

Üblicherweise verheißen Kerzen, sobald sie in Songtexten angezündelt werden, brennenden Kitsch oder wächserne Pathetik. Don van Vliet aber vernichtete das eine wie das andere durch krude Fröhlichkeit. Und tut das – man könnte das als Tele-Booglarisierung bezeichnen – immer noch, inzwischen eben von irgendwo hinter der Venus aus, wo er dieses Jahr auch seinen 75.Geburtstag feierte. Die Topografie der Van Vliet´schen Innenwelt bleibt wundersam: verwunschenes Gelände, beschienen von fremden Himmelskörpern und durchzogen von Schattenschluchten, bevölkert von Fabelgetier. Dieses flackertanzende Hirn, wilde Ton- und Farbschleuder – vielleicht war die Erde auch gar nicht sein angestammter Lebensraum.

BRENNSTOFF // Fieber-Musik

Diese Gelee-Tage: Jede Bewegung muss ich gegen eine widrige Substanz durchsetzen, die meine eigene ist. Ein Gelee-Ich im Gelee-Raum. Bekäme ich nicht die allmorgendliche Starthilfe durch einen kräftesprotzenden Vierjährigen, würde ich jene Tage so verbringen wie die Mücke ihre Äonen im Bernstein. Kinder beherrschen, ganz von Natur aus, die hohe Kunst des positiven Radaumachens. Die Musik professionalisiert das. Sie hat den Krach urbar gemacht, sodass er Ernteerträge abwirft, die mitunter überraschend ausfallen. In ihrer unruhigen, juckigen Form erhöht Musik heilsamerweise meine mentale Temperatur und macht damit krankheitsträchtige Substanzen unschädlich. Rabimmel, rabammel, rabumm – mein Mixtape für heute:



 

LONESOME TRAVELLER // One of these days I´m gonna stop all my travelling


>> Die längste einsame Reise ist das eigene Leben. Der 1931 in Glasgow geborene Anthony James „Lonnie“ Donegan tingelte, mit kurzen Unterbrechungen, lebenslang in Europa und den USA als Jazz-, Blues- und Folk-Musiker umher. Anfang der 50er Jahre trug er maßgeblich dazu bei, die in den USA entstandene Folk-Spielart Skiffle in Großbritannien populär zu machen, was einen veritablen Skiffle-Wahn auslöste und Donegan den Titel King of Skiffle einbrachte. Als Junge begann er Gitarre zu spielen, nachdem er mit seiner Mutter nach deren Scheidung nach London gezogen war, wo die Radiosender viel Bluesmusik brachten. Während seiner Stationierung im Nachkriegs-Deutschland gründete er seine erste eigene Jazz-Combo, arbeitete später mit weiteren Jazz-Bands für verschiedene Album-Aufnahmen zusammen, trat solo auf und schrieb fleißig Songs für Andere. Regelmäßig spielte er in der Hamburger Szene und nahm Alben mit deutschen Jazz- und Skifflemusikern auf. In England skifflete und kalauerte er sich vorrangig als Gute-Laune-Bombe durch diverse Show-Formate. Unterwegs in den USA erlitt er schließlich seinen ersten Herzinfarkt. Damit war die Reise für Donegan aber nicht vorbei: Ende der 70er nahm er seine Songs gemeinsam mit Kollegen wie Ron Wood, Brian May und Ringo Starr neu auf, trat weiter auf, erlitt einen zweiten Herzinfarkt, der ihn ein zweites Mal nicht aufhielt. Ende der 90er spielte er sogar noch auf großen Festivals und brachte ein gemeinsames Album mit Van Morrison heraus. Erst 2002 endete die Reise, Lonnie Donegan starb während einer Großbritannien-Tour, kurz vor einem Auftritt.


DISPO FEVER // Geld (Ist es das, was ich will?)

(…) all you need is love – als man Keith Richards (…) von diesem Songtitel der Beatles erzählte, soll er einer hübschen, apokryphen, mindestens sehr gut erfundenen, also vielleicht nicht wirklichen, aber allemal wahren Geschichte nach geantwortet haben: Oh yeah? Try paying the fuckin´ rent with it. *

Vielleicht ist der wahrhaft lebensbestimmende Dualismus nicht der von Gut und Böse, sondern der von Wunsch und Wirklichkeit. Was uns antreibt, sind unsere Lebenswunschvorstellungen, von welcher Größe und Beschaffenheit auch immer sie sein mögen. Dem gegenüber steht die Lebensrealität, sie ist der Gegner, dem es die Erfüllung jener bedeutenden oder banalen, leichten oder schweren (auch: guten oder bösen) Träume abzutrotzen gilt. Mal gelingt es, den Traum zur Realität zu machen, mal vernichtet die Realität den Traum. Jeder – das behaupte ich hier großspurig und nehme es auch nicht zurück – wünscht sich gelegentlich einen Vorteil für sich in diesem allgegenwärtigen Kampf, einen kleinen Wettbewerbsverzerrer, der zu Gunsten von Traum und Wunsch arbeitet. Manche hoffen da auf höhere Mächte: Glaube, Aberglaube, Esoterik. Manche arbeiten sich durch präzise formulierte Lebenspläne, bauen auf Coaching, Training, Schönheitsoperationen, Netzwerke. Und dann wäre da noch der allgemeine Faktor GELD – und, in dessen Anhang, die ewige Frage danach, ob GELD nun ein Teil der Lösung oder ein Teil des Problems ist. GELD ist eine sehr spezielle, irdisch verfügbare Superkraft: Ach, könnte man nicht viel einfacher ein idealerer Mensch sein, wenn der Dispokredit nicht ewig ausgereizt wäre? Ob GELD das Leben verschönert oder doch den Charakter verschlechtert, beantwortet sich schlicht abhängig davon, ob man selbst GELD hat oder eben nicht.


Die Beatles und die Rolling Stones waren sich zumindest darin einig, darüber singen zu müssen: Money (That´s What I Want) ist ein Titel, den gleich beide Bands aufnahmen. Wenig darin lässt an love is all you need denken, stattdessen heißt es eher unromantisch: Your lovin´ don´t pay my bills. Geschrieben wurde das Stück von Berry Gordy jr. und Barrett Strong, die es 1959 in Gordys improvisiertem Garagen-Tonstudio aufnahmen. Gordy klimperte am Klavier, es fehlte an einer passenden Text-Idee, und so forderte Gordy seine Zuhörer auf, ihm ein Thema zu geben, irgendwas, womit einfach jeder etwas anfangen könne. Die prompte Antwort lautete: GELD. Nicht nur durch die beträchtlichen Tantiemen-Einnahmen, die ihnen die zahlreichen erfolgreichen Cover-Versionen dieses Songs einbrachten, mussten sich bald weder Gordy noch Strong länger Sorgen ums GELD machen: Berry Gordy jr., der als eines von acht Kindern in einfachsten Verhältnissen in Detroit geboren wurde und sich als Fließband-Arbeiter bei Ford und als Boxer durchschlug, gründete später Motown Records und wurde millionenschwer. Barrett Strong startete einen Hit-gepflasterten Werdegang als Songwriter, der ihn bis in die Rock´n Roll Hall of Fame und (!) die Songwriters Hall of Fame führte. (Über die Finanzlage der Beatles und der Stones zu philosophieren, halte ich im Übrigen für müßig.)


Und jetzt ein dreifaches MONEY / MONEY / MONEY:


* Zitat aus: Dietmar Dath / Barbara Kirchner, Der Implex – Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee; Teil Oh l´ Amour, Kapitel Hippies im Mietrückstand (Suhrkamp, 2012)

MERZ UND ANDERE SCHNIPSEL // Das wohlpräparierte Klavier


Es gilt das akademisch verbotene, nichtmusikalische Klangfeld, soweit dies manuell möglich ist, zu erforschen. (John Cage, The Future of Music, 1937)

John Cage (geboren 1912 in Los Angeles, gestorben 1992 in New York) entwickelte seine musiktheoretischen und kompositorischen Neuansätze aus einem Geist heraus, den er mit der modernen Avantgarde seiner Zeit teilte. Die Liste der Künstler, mit denen er berufliche Zusammenarbeit oder persönliche Freundschaft pflegte, liest sich wie ein Querschnitt durch die Inventarliste der Kunst des 20sten Jahrhunderts: Marcel Duchamp, Lázló Moholy-Nagy, Piet Mondrian, André Breton, Max Ernst, Willem de Kooning, Hans Arp, Mark Rothko, um nur einige Namen zu nennen. Das musikalische Eigenleben der Gegenstände, die Aleatorik (das Zufalls- oder vielmehr: Unbestimmtheitsprinzip) als musikalische Methode – mit seinem grundlegenden Um- und Neudenken prägte er die Neue Musik, gilt als Vater des Happenings und als Einflussgeber für die spätere Fluxusbewegung sowie verschiedene Ausprägungen von Improvisationsmusik.

Seine Komposition Bacchanale spielte er 1940 auf seinem präparierten Klavier ein, einer Eigenerfindung: An den Saitenchören angebrachte Radiergummis, Nägel, Pappschnipsel und andere Kleinteile schaffen eine Klangerweiterung ins Perkussive – das Geräusch wird Bestandteil der Musik.



VINTAGE AMERICAN // At the Village Vanguard

Taucht die Ortsangabe Live at the Village Vanguard im Namen eines Albums auf, wird das als Gütesiegel verstanden. Ich war nie in New York, aber käme ich aus irgendwelchen utopischen Gründen eventuell doch einmal dorthin, sähe mein (genau: utopisches) Touristenprogramm folgendermaßen aus: Leute gucken, Straßenmusikern zuhören, unzählige Gebäude-Fotos machen, Leute gucken, mich im Central Park verlaufen, Leute gucken, permanent essen (Hot Dogs, Bibimbap, Knisch, Pastrami, Tsimmes, Sukiyaki – unzählige Delis bedeuten unzählige Möglichkeiten), vielleicht einmal Edgar Allan Poes Häuschen anschauen, Galerien abklappern, Leute gucken, Kaffee über Kaffee trinken, Museen-Marathon, immer noch essen, Musikclubs besuchen. Wahrscheinlich könnte ich es mir nicht verkneifen vor bzw. in der Modeboutique herumzulungern, in deren Räumlichkeiten zuvor das CBGB (OMFUG) beheimatet war. An utopischen Abenden würde ich gern in ein Yellow Cab steigen und dem Fahrer per Zielangabe irgendein Pub oder Club mit lauter Live-Musik selbst überlassen, wohin er mich dann bringt – The Trash Bar, The Bell House, Old Man Hustle, wer weiß. Und an jedem zweiten Abend jenes utopischen Aufenthalts würde ich dann die Jazz-Clubs besuchen, deren Eintritt deutlich teurer ausfällt: Blue Note, Birdland Jazz Club NYC, Iridium Jazz Club, Village Vanguard. Und um nun endgültig vom Utopischen ins Phantastische zu kippen, würde ich natürlich meine Besuche im Village Vanguard in der Vergangenheit machen, hauptsächlich in den 1960ern: Thelonious Monk dort sehen und Miles Davis, John Coltrane, Sonny Rollins und Bill Evans. Solange, bis ich eine Möglichkeit gefunden haben werde, diesen Plan irgendwie zu verwirklichen (ich baue da sehr auf die Techniken der kommenden Zukunft), erfolgt die Reise vorerst rein akustisch.



GROSSE FRAUHEIT // Auf Provinzflucht mit Judy Henske


Im Büro eines Provinz-College und später einer Quäker-Kooperative zu arbeiten, mag für viele eine erfüllende Aufgabe sein. Judy Henske teilte wohl nicht diese Zufriedenheit und schulte sich kurzerhand selbst um, von der Sekretärin zur Sängerin. Geboren wurde Judy Henske 1936 in einer Kleinstadt im Nord-Osten der USA namens Chippewa Falls/Wisconsin. Immerhin konnte der Nachbarstaat Illinois mit Chicago eine veritable Metropole als Fluchtpunkt anbieten. Aber das war für Judy Henske längst nicht alles in Sachen Fernziele: Ende der 50er Jahre zog es sie aus dem waldreichen Norden den Stränden und der Sonne Kaliforniens entgegen, wo sie in San Diego zeitweise auf einem Schiff wohnte und singend durch die Kaffeehäuser Los Angeles´ tingelte. Dort schloss sie sich Anfang der 60er einer Gesangstruppe namens Whiskey Hill Singers an, die sich jedoch bald wieder zerstreute. Henske landete auf Umwegen in Hollywood, wo sie an einer Dokumentation über die Folk-Bewegung und an Album-Aufnahmen anderer Musiker mitwirkte. Außerdem trat sie als schnell populär gewordener Side-Act in der Judy-Garland-Show auf, flog wegen ihres deftigen Humors jedoch bald wieder aus der Besetzung – so schlug sie sich also weiter als Solo-Sängerin durch. Regelmäßig ging sie für Auftritte nach New York und lernte dort Woody Allen kennen, kurze Beziehung inklusive. Der Mann, den sie später heiratete, hieß dann aber Yerry Jester, Mitglied des Modern Folk Quartet. Das Musiker-Ehepaar hielt sich mit pausenlosen, auch gemeinsamen Auftritten in New York und entlang der Ostküste über Wasser. Für eine Karriere als Entertainerin ging Henske nach Los Angeles zurück, floppte aber gründlich und wechselte wieder an die Ostküste, als Yester Ende der 60er Jahre dort einem vielversprechendem Band-Projekt namens The Lovin´ Spoonful beitrat. Parallel dazu kehrte Henske wieder ganz zur Musik zurück und nahm gemeinsam mit Yester ein Psychedelic-Folk-Album auf, das Frank Zappa auf seinem Label Straight Records verlegte. Das Ehepaar wirkte fortan als Rosebud gemeinsam weiter – bis schließlich das Ende Rosebuds und damit auch der Ehe zwischen Henske und Yester ins Haus stand, als sich Henske und der für Rosebud als Keyboarder verpflichtete Craig Doerger verliebten. Seither lebte Judy Henske weitestgehend im Privaten und trat erst ab den 90er Jahren wieder vereinzelt musikalisch auf. Obwohl ihr Einfluss mit der Zeit in Vergessenheit geriet, gilt sie rückblickend als wichtige Inspirationsquelle vieler amerikanischer Schriftsteller und Musiker.


WHERE THE WEIRD THINGS ARE // Moondogs Reisen

Ein weites Feld der Literatur sind Lebensgeschichten, seien es fiktive oder verbürgte, bekannte oder verborgene, exemplarische oder exzentrische. In manchen Fällen wird die Literatur jedoch von der Realität rechts überholt, was die Originalität der Protagonisten und des Handlungsbogens einer Lebensgeschichte anbelangt. Einer jener Spezialfälle des Schicksals beschäftigt derzeit mein Gehör und heißt Moondog.

Geboren 1916, in der Aufbruchszeit des 20sten Jahrhunderts, verlebte Louis Thomas Hardin als Sohn eines Wanderpredigers eine vom Umherziehen geprägte Kindheit im Mittleren Westen der USA. Gestorben ist er zum Ende jenes Jahrhunderts, 1999,  im „Tiefen Westen“ Deutschlands – als Moondog. Zwischen diesen Eckdaten erstreckt sich zum Einen die Entfaltung der musikalischen Neuzeit, zum Anderen die Biographie eines wunderlichen Musikers und Poeten.

Abenteuerhaftes Potential besitzen bereits seine jungen Jahre, in denen Hardin durch die Tätigkeit seines Vaters unter Anderem Kontakt zu Indianern und deren musikalischer Kultur erhält. Auch Explosionen fehlen nicht in seiner Lebensgeschichte: Der sechzehnjährige Hardin verliert bei einem tragischen Unfall mit einer Dynamitkapsel sein Augenlicht. Dieses Ereignis erweist sich wörtlich als Urknall, rückblickend bezeichnet Moondog seine Erblindung als Grundstein seiner musikalischen Entwicklung. Auf einer Blindenschule erhält er die Gelegenheit mehrere Instrumente zu erlernen. Unermüdlich vertieft er autodidaktisch seine Kenntnisse zu Kompositionslehre und Klassischer Musik, verschlingt alles, was in Blindenschrift zum Thema Musik zu beschaffen ist, und setzt schließlich eigene Werke in Blindenschrift um.

Nach Ablauf seiner Schulzeit verliert sich seine Spur für eine Weile, danach aber taucht Hardin als stadtstreichender Künstler im Big Apple auf. Selbst im von Sondernaturen bevölkerten New York der 1940er Jahre erfährt er eine stetig wachsende Aufmerksamkeit. Zum Teil ist der Zulauf, den seine Straßenauftritte finden, dem Kuriositätswert seiner Erscheinung geschuldet: Der Liebhaber europäischer Sagen – speziell fasziniert ihn die Nordische Mythologie – tritt als skurriles Wikingerwesen auf und nimmt damit bereits eine Erscheinungsform des Phantastischen vorweg, die sich erst später als eigenes Genre etablieren soll: Fantasy. Sozial isoliert ist der Sonderling allerdings nicht, er wird bald als Institution des Straßenbilds Manhattans wahrgenommen und unterhält einen regen Austausch mit Künstlern, die das kulturelle Umfeld gestalten. So ist er regelmäßiger Gast der Carnegie Hall, da er freundschaftliche Beziehungen zu Musikern der New Yorker Philharmoniker sowie deren Dirigenten pflegt. Die weitere Liste seiner künstlerischen Bekanntschaften ist lang: Arturo Toscanini, Igor Strawinski, Leonard Bernstein, Charlie Parker, Julie Andrews, Benny Goodman, Charles Mingus, Allen Ginsberg. Eine Vielzahl prominenter Größen begleitet seinen Weg, er nimmt gemeinsame Alben mit ihnen auf, gestaltet gemeinsame Lesungen, er lernt von ihnen und sie von ihm. Sein Lebenswandel bleibt davon unberührt, Moondog – so nennt er sich nach einem Hund, den er besaß, der besonders wehmütig den Mond anheulte – steht mitten im kulturellen Geschehen und lebt trotzdem für sich.

In den 1970ern verlässt Moondog Manhattan. Vor Ort kann sich niemand sein Verschwinden erklären, Moondog hat sich nirgendwo verabschiedet und keine Spuren hinterlassen, weder Freunde noch Presse wissen um seinen Verbleib. Während Paul Simon im Fernsehen Moondogs mutmaßlichen Tod bedauert, streift dieser in Deutschland umher, nachdem er vom Hessischen Rundfunk zu Bach-Konzertveranstaltungen eingeladen worden war und, ohnehin angezogen von der kontinentalen Kultur, während seines Aufenthaltes den Entschluss gefasst hat, nicht mehr in die USA zurück zu kehren. Er beginnt von Neuem ein vagabundierendes Leben, es zieht ihn von Frankfurt nach Hannover, nach Hamburg, und ihm gefallen Land und Leute. Zu seinem Stammplatz wird schließlich die Recklinghäuser Altstadt. Dort gabelt ihn eines Tages eine Studentin auf, sie hat eine seiner Aufnahmen gekauft und bietet ihm daraufhin eine Bleibemöglichkeit. Aus dem Versuch zu verstehen, was um Himmels Willen einen metropolenerfahrenen Amerikaner mit musikalischer Karriere dazu bringen mag ein Straßendasein in der Provinz Nordrhein-Westfalens zu führen, entwickelt sich nach und nach eine Zusammenarbeit: Ilona Sommer gründet ein Label, das Moondogs Aufnahmen sammelt und vertreibt, sie organisiert und begleitet Konzertreisen und Auftritte Moondogs, agiert als Managerin und bringt darüber hinaus dem rastlosen Streuner eine sesshaftere und etwas bürgerlichere Lebensweise nahe. Nachdem sein Leben während der 1980er Jahre somit erneut auf soliderem Boden verlaufen ist, zieht es ihn für einen einzelnen Auftritt wieder zurück nach New York, des Weiteren nimmt er in England zu Beginn der 1990er ein Album auf, verankert bleibt er jedoch in Deutschland – sein Grab findet man in Münster.