20stes Jahrhundert (Literatur)

DIE BESESSENEN // Ein Schauerroman von Witold Gombrowicz

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Oder doch eher: Mimikry eines Schauerromans?

In Die Besessenen – 1939 als Fortsetzungsroman parallel in zwei polnischen Zeitungen erschienen – fährt Witold Gombrowicz allerlei einschlägige Subjekte und Motive auf, wie man sie in einem ordentlichen Roman gothique eben erwartet: Da gibt es ein junges, durchaus begehrenswertes Fräulein, das sich in ein Unheil verstrickt; einen jungen Mann, der die volle Tapferkeit seines Herzens aufbieten muss, um jenes Fräulein, aber ebenso sich selbst, vor dem Untergang zu bewahren; einen dem Wahn verfallenen Bösewicht, der wiederum das Verhängnis fleißig vorantreibt; ein altes Schloss in einer abgelegenen, moorigen und nebelverhangenen Gegend, das in seinem fortschreitenden Verfall vor sich hin schmort; dazu dessen Hausherrn, der natürlich ein tatteriger, verrückt gewordener Sonderling ist; und auch der verschrobene Diener an seiner Seite, der wegen der jahrzehntelangen Treue seiner Dienste über alle dunklen Geheimnisse des Hauses im Bilde ist, fehlt nicht. Gombrowicz macht sich also gründlich der Klischeeausreizung schuldig – natürlich vorsätzlich.

Veröffentlicht unter Pseudonym, um ein wenig Abstand zwischen sich selbst und seine Urheberschaft zu bringen, dienten Die Besessenen ihrem Autoren wohl in erster Linie zum Broterwerb. Seine ersten beiden Veröffentlichungen, der Erzählband Memoiren aus der Epoche des Reifens sowie der Roman Ferdydurke, welche in einem kleineren Leserkreis zirkulierten, hatten bislang für wenig Einkünfte, aber einiges Mißverständnis gesorgt; mit der Kritikerschaft zumindest kam Gombrowicz auf keinen grünen Zweig. Mag sein, dass Gombrowicz darum ein Ausflug in die Trivialliteratur, insbesondere ein anständig bezahlter, nun nicht ganz ungelegen kam. Wie dem auch war – in eine Reihe gestellt mit seinem übrigen Werk, das gern groteske Komik versprüht und in Form und Inhalt stets zu Experimenten aufgelegt ist, erscheinen Die Besessenen in ihrem eher konventionellen erzählerischen Kostümchen als Außenseiter. Man soll aber seine Kinder lieben, wie sie eben sind, und so lässt auch Gombrowicz seinen Besessenen durchaus merklich Liebe und Fürsorge angedeihen; keineswegs jedenfalls erweckt dieser Roman den Eindruck, Gombrowicz habe ihn nicht gern geschrieben, obgleich er sich im Nachhinein etwas für ihn zu schämen schien.

Es beginnt mit einer Zugfahrt von Warschau hinaus aufs Land, auf der die baldigen Schicksalsgenossen Walczak, Professor Skolinski, Fräulein Maja Ocholowska, außerdem der alte Fürst Holszanski und sein Sekretär Cholawicki, Verlobter des Fräulein Ocholowska, zusammenkommen. Die restliche Wegstrecke klappert man mit dem Pferdegespann ab und begibt sich damit in eine sehr gestrige, sehr überholte Welt: Die einen lassen sich nach Polyka kutschieren, zum Adelssitz der verarmten Ocholowskis, den Majas Mutter zu halten versucht, indem sie ihn nun als Pension für Sommerfrischler betreibt, die anderen – und hier deutet sich schon die Teamaufstellung der später miteinander ringenden Seiten an – preschen dem heruntergekommenen Schloss Myslocz entgegen. Myslocz, Stammsitz der Holszanskis, besitzt als Gebäude keinen Wert mehr, doch birgt es eine Vielzahl von mutmaßlichen Kunstschätzen, die der gierige und intrigante Cholawicki dem greisen Hausherrn abzuluchsen gedenkt. Auch Skolinski, der Kunsthistoriker, hegt eine fiebrige Neugier auf die möglichen Sensationen, die er in den Beständen des scheuen und zurückgezogen lebenden Fürsten vermutet. Er ist nach Polyka gekommen, um vor Ort einen Plan auszuhecken, der ihm Zugang zum nahe gelegenen Schloss verschaffen soll. Währenddessen ergeht sich Maja auf dem elterlichen Landgut in der Verbesserung ihres Tennisspiels. Verarmt oder nicht, als Fräulein von adeligem Geblüt gilt es, im alltäglichen Lebenswandel eine strenge Exklusivität walten zu lassen, was allerdings nicht nur die Wahl ihrer sportlichen Vergnügungen anbetrifft: Mit Cholawicki hat sich Maja eine vielversprechende Partie geangelt, und sie beide pflegen einen recht offenen Umgang mit der Tatsache, dass ihre Verlobung auf gewinnorientiertem Kalkül beruht; wären nur erst die Mysloczer Schätze erschlichen und versilbert, ließe es sich zusammen auf Polyka schon recht angenehm residieren. Walczak, diesen gewitzten, aber dahergelaufenen Streuner und Überlebenskünstler, den Frau Ocholowska als privaten Tennistrainer für ihre Tochter engagiert hat, behandelt das Fräulein dagegen mit aller Herablassung, wie sie von Majas Seite aus gegenüber einem Sprössling des städtischen Elendsproletariats geboten ist. Und das umso mehr und umso verbissener, da schon am Tag ihrer gemeinsamen Ankunft auf Polyka zwischen Walczak und Maja eine unleugbare und ungewollt innige Verbindung zutage tritt, eine frappierende Wesensähnlichkeit, die in ihrer Deutlichkeit selbst den Gästen der Pension als etwas Unheimliches erscheint. Dieser teuflischen Ähnlichkeit zwischen den eigentlich so Ungleichen entspringt eine heftige Dynamik wechselseitiger Anziehung und Abstoßung, die, neben den beiden Wesenszwillingen selbst, freilich auch Cholawicki nervös werden lässt. Skolinski sieht indes im draufgängerischen Walczak einen idealen Komplizen für sein eigenes Vorhaben in Sachen Myslocz, mit dem er wiederum Cholawicki in die Quere kommt. Als sich die Handlung nach und nach aufs Schloss verlegt, spitzen sich jene individuellen Umtriebe und Hirngespinste zusehends auf regelrechte Besessenheiten zu, wofür eine bösartige Kraft zu sorgen scheint, die auf Myslocz ihren Ursprung hat. Von dort aus treibt sie ihr Unwesen mit den Figuren, verfolgt sie bis in ihre Träume, hält sie fest in unentrinnbarem Griff. Ihr giftiger Einfluss wirkt bis nach Warschau, wohin sich Maja Hals über Kopf flüchtet, wie kurz zuvor auch Walczak dorthin geflohen ist, der inzwischen übrigens Leszczuk heißt – eine Veränderung, die während der vorangeschrittenen Veröffentlichung des Fortsetzungsromans vorgenommen wurde, mit der Begründung, es gäbe einen realen Walczak, der mit der Romanfigur nicht verwechselt werden dürfe; allerdings tritt diese Namensänderung seltsam zufällig zu einem Zeitpunkt ein, an dem sich Walczak und Maja erstmals sehr nah kommen, als werde Walczak dadurch gleichsam neu geboren als ein Anderer. Jene grausame Kraft ist es auch, die den Fürsten in die vollständige Verwahrlosung treibt und ihn nicht zur Ruhe kommen lässt: Permanent faselt er von einem gewissen, aber undeutlich bleibenden Unheil, ist schreckhaft, oft schlaflos und unfähig, seine geistigen Kräfte über längere Strecken zu sammeln. Cholawicki entdeckt, dass es eine entlegene Kemenate im Schlossgewölbe gibt, vor der es Holszanski besonders graust, und verortet dort den Schlüssel zum um sich greifenden Bösen. Grzegorz, der alte Schlossdiener, weigert sich anfangs unter vielmaligen Bekreuzigungen, dem längst selbst in den Irrsinn abgeglittenen Cholawicki Auskunft über die furchtbaren Geschehnisse zu erteilen, welche sich einst in dem als Küche benutzten Raum zugetragen haben. Zwischen Skolinski, der sich dem Schlossherren mittlerweile angenähert hat, und Cholawicki entwickelt sich nun ein Wettrennen um die Aufdeckung des Geheimnisses der Kemenate. Derweil umkreisen Maja und Leszczuk einander in Warschau und geraten dabei immer tiefer in mentale Turbulenzen. Beide rutschen hinab in die halbweltliche Sphäre der Großstadt mit ihren Dieben, Schwerenötern, Escort-Fräuleins; bald wird es brenzlig, blutig, und final bleibt den beiden nur der Entschluss, es um jeden Preis mit der bösartigen Macht aufzunehmen, die sie sonst unaufhaltsam in den Abgrund zerren wird. Gemeinsam mit dem inzwischen ebenfalls verzweifelten Professor und einem tapferen Hellseher begeben sie sich, um ihr Seelenheil zu retten, schließlich ins Herz von Myslocz.

Wie es kam, dass am Ende ein einzelnes Handtuch diesen ganzen spiritistischen und psychologischen Wahn ausgelöst hat, das muss man schon selbst lesen, denn das lohnt sich.

Mit der abrupten Auflösung des ganzen lässt Gombrowicz seine Leserschaft allerdings fallen wie eine heiße Kartoffel – wirklich, der alberne Irrsinn hatte Tempo, Witz und Leidenschaft, kurz gesagt einen wahnsinnigen Unterhaltungswert, aber der kurze Schlusswink mit dem erhobenen Zeigefinger, der sich im Kontrast zu den zuvor ausgebreiteten heidnischen Spukereien einer deutlich aufklärerischen Haltung befleißigt, macht den diabolischen Spaß auf seiner Zielgeraden beinahe zunichte: Der Ton fällt hier jäh ab, wird hölzern und irgendwie lieblos, als Gombrowicz den Roman plötzlich zurückzerrt auf das Terrain der Vernunft. Wer sich hier jedoch verschaukelt fühlt, sieht nicht, dass er sich 300 Seiten lang selbst verschaukelt hat, indem er allzu bereitwillig in die eigenen Erwartungsfallen getappt ist. So, wie sich die Romanfiguren in ihre scheinbar zwingende Entwicklung fügen und blindlings zu Besessenen in Höchstform auflaufen, fügt man sich lesend in die Annahme, sich hier ungestraft wohlig gruseln zu dürfen. Dafür, sich dem unterhaltenden Schauersog achselzuckend hingegeben zu haben, fängt man sich mit dem abschließenden Satz denn auch einen verdienten Rüffel ein: „Gott sei Dank!“, rief der Hellseher aus. „Endlich habt ihr das verstanden! In dieser Welt voll Unklarheit und Rätsel, Dämmerung und Trübheit, Seltsamkeit und Irrtum gibt es nur eine untrügliche Wahrheit – die Wahrheit des Charakters!“ Vielleicht mochte der Autor mit seinem so betont, ja geradezu aufgesetzt vernünftigen Fazit illustrieren, wie gefährlich verführerisch der Wahn im Vergleich zur Wahrheit auf uns wirkt. Vielleicht, nuschelt ein zweifelnder Gedanke, wollte er damit aber auch heimlich die Romantik des Wahns gegen die Nüchternheit der Wahrheit verteidigen?

Real schauerlich ist zumindest die zeitgenössische Stimmungslage, der Gombrowicz ausgesetzt war, während er Die Besessenen verfasste. Womöglich spiegelt das geschilderte Umsichgreifen einer diffusen, aber klar wahnhaften Besessenheit, der eine furchtbare, destruktive Kraft innewohnt, nicht zuletzt die europaweit spürbaren Vorwehen des Zweiten Weltkrieges. Der letzte Abruck der Besessenen erfolgte am 31. August 1939, dem Vorabend des deutschen Überfalls auf Polen. Gombrowicz selbst war Ende Juli 1939 zu einer Schiffsreise nach Argentinien aufgebrochen. Vom Kriegsausbruch überrascht, blieb er glatt 24 Jahre lang in Buenos Aires, wo er sich als Bankangestellter durchschlug und weiter schrieb. 1963 kehrte er nach Europa zurück, jedoch nie nach Polen, arbeitete kurzzeitig in Westberlin und starb 1969 in Südfrankreich.


>>Witold Gombrowicz, Die Besessenen, lieferbar als Taschenbuch bei Fischer, €9,95; dtv-Ausgabe antiquarisch

FLUGWESEN // Ernst Jandl, Ikarus

IKARUS

Ernst Jandl, Ikarus

Er flog hoch
über den andern.
Die blieben im Sand
Krebse und Tintenfische.
Er flog höher
als sein Vater,
der kunstgewandte
Dädalus.
Federn zupfte die Sonne aus seinen Flügeln.
Tränen aus Wachs tropften aus seinen Flügeln
Ikarus flog.
Ikarus ging unter.
Ikarus ging unter
hoch über den anderen.


Nicht zu dicht am Wasser, nicht zu nah an die Sonne heran zu fliegen – so lautete die klare Flugvorschrift. Die Vernunft des Mittelwegs aber greift nur beim Alten, die Unvernunft des Höhenflugs entspricht dem Wesen des Jungen. Ur-Angst aller Eltern, gleichzeitig Ur-Sprung menschlicher Großleistungen: dass wir über unsere Vorgaben hinausfliegen.


Bild: Grebe, 2016

FLUGWESEN // Joachim Ringelnatz, Flugzeuggedanken

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Joachim Ringelnatz, Flugzeuggedanken

Dort unten ist die Erde mein
Mit Bauten und Feldern des Fleißes.
Wenn ich einmal nicht mehr werde sein,
Dann graben sie mich dort unten hinein,
Ich weiß es.

Dort unten ist viel Mühe und Not
Und wenig wahre Liebe. –
Nun stelle ich mir sekundenlang
Vor, daß ich oben hier bliebe,
Ewig, und lebte und wäre doch tot – –
O, macht mich der Gedanke bang.

Mein Herz und mein Gewissen schlägt
Lauter als der Propeller.
Du Flugzeug, das so schnell mich trägt,
Flieg schneller!


In der Luft ist kein Bleiben; auf uns wartet immer ein Boden. Seliges Schweben über den Dingen – das schenkt die Luft dem Fliegenden nicht großzügig hin, die Leichtigkeit ist der Schwerkraft abgetrotzt mit bombastischem technisch-energetischem Aufwand. Dieser Aufwand hat nicht nur neue Verkehrswege erschlossen, sondern darüber hinaus einen neuen Seinszustand, eine neue Perspektive: Vom Boden abhebend, darf die Seele für ein Weilchen das irdische Leben hinter sich zurücklassen, und sie darf den Körper dabei mitnehmen, um von oben, aus entrückter Ferne, darauf hinabschauen zu können. Gefühl von Freiheit – während man doch eingeschlossen ist in eine hermetische Kapsel. Man fliegt nicht selbst, man wird getragen. Diese Passivität: nur ein transitorisches Wohlgefühl. Du kannst jetzt selbst laufen, sagt man zum Kind und nimmt es vom Arm, weil es schwer wird – und es läuft selbst. So wird es groß werden, und alt werden irgendwann. Immer wartender Boden.


Foto: O.Grebe, 2015

FABULIERIOSITÄTEN // Mynona, Goethe spricht in den Phonographen (Eine Liebesgeschichte)

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„Es ist doch schade“, sagte Anna Pomke, ein zaghaftes Bürgermädchen, „daß der Phonograph nicht schon um 1800 erfunden worden war!“ „Warum?“ fragte Professor Abnossah Pschorr. „Es ist schade, liebe Pomke, daß ihn nicht bereits Eva dem Adam als Mitgift in die wilde Ehe brachte; es ist Manches schade, liebe Pomke.“ „Ach, Herr Professor, ich hätte wenigstens so gern Goethes Stimme noch gehört! Er soll ein so schönes Organ gehabt haben, und was er sagte, war so gehaltvoll. Ach, hätte er doch in einen Phonographen sprechen können! Ach! Ach!“

Da sich das Fräulein Pomke doch so sehr danach sehnt, Herrn Goethes wahre Stimme einmal zu hören, macht sich Professor Pschorr, der sich doch so sehr danach sehnt, der lieben Pomke einmal näher zu kommen, nun daran, ihr diesen Herzenswunsch zu erfüllen. Die Hoffnung, im Gegenzug von ihr mit herzlicher Zuwendung belohnt zu werden, lässt ihn ein aberwitziges Vorhaben planen und dieses mit Mut und Tücke in die Tat umsetzen.

Professor Pschorr, Erfinder des Ferntasters, versank in sein habituelles erfinderisches Nachdenken. Sollte es nicht noch jetzt nachträglich gelingen können, diesem Goethe (Abnossah war lächerlich eifersüchtig) den Klang seiner Stimme abzulisten? Immer, wenn Goethe sprach, brachte seine Stimme […] Schwingungen hervor […]. Diese Schwingungen stoßen auf Widerstände und werden reflektiert, so daß es ein Hin und Her gibt, welches im Laufe der Zeit zwar schwächer werden, aber nicht eigentlich aufhören kann. Diese von Goethes Stimme erregten Schwingungen dauern also jetzt noch fort, und man braucht nur einen geeigneten Empfangsapparat, um sie aufzunehmen.

Das weitere Grübeln des Erfinders fördert allerdings ein grundlegendes Problem zu Tage: Um einen solchen Empfänger auf eine einzelne Stimmfrequenz justieren zu können, müsste diese zunächst einmal genauestens bestimmt werden, wozu ausführliche Studien des dazugehörigen organischen Sendeapparats von Nöten wären – hierfür also müsste Pschorr dem lieben Goethe an die Kehle.

Schon wollte er das Ding aufgeben, als er sich plötzlich darauf besann, dass ja Goethe selbst, wenn auch in Leichenform, noch existierte.

Nur empfängt dieser Goethe keine Gäste mehr: Der honorige Leichnam steht für Forschungszwecke nicht zur Verfügung; Pschorrs entsprechender Antrag wird in Weimar kategorisch abgelehnt. Daran aber soll es nicht scheitern, befindet der Herr Professor, und so macht er sich nicht nur mit wissenschaftlichem, sondern auch mit allerlei Einbruchsgerät im Gepäck auf den Weg zur Weimarer Fürstengruft. Der handwerkliche Aspekt des geplanten Einstiegs in die Grabstätte stellt für Pschorr kein Hindernis dar – dafür qualifiziert ihn sein ingenieurstechnisches Geschick. Und darüber hinaus verfügt er über die nötigen psychophysiologischen Fähigkeiten, um die Bewacher der Gruft auszuschalten. In seinem Hotelzimmer übt Pschorr zunächst eine tiefe, sonore Stimmlage und eine geheimratliche Haltung ein. Um Mitternacht dann erscheint er, verkleidet als der leibhaftige alte Goethe, vor der Gruft und setzt die Wächterschaft per Spezial-Hypnose außer Gefecht.

Bis der Krampf sich löste, blieben ihm gut und gern etwa zwei Stunden, und diese nutzte er kräftig aus. Er ging in die Gruft, ließ einen Scheinwerfer aufzucken und fand auch bald den Sarg Goethes heraus. Nach kurzer Arbeit war er mit der Leiche bereits vertraut. Pietät ist gut für Leute, die sonst keine Sorgen haben.

[Und überhaupt: Hätte nicht gerade der forschungsbegeisterte Goethe selbst an einem solchen Unternehmen Gefallen finden müssen? Noch dazu, da doch die Gunst einer Frau damit errungen werden soll?] Gleich nach Pschorrs Abreise am nächsten Morgen geht die Erfinderei in ihre heiße Phase über, und bald sind die Kehlkopfrekonstruktion sowie ein Miniaturphonograph mit Mikrophonvorrichtung fertiggestellt. Die Inbetriebnahme der Erfindung soll in Goethes ehemaligem Arbeitszimmer stattfinden, wo die höchste Schwingungsdichte der Goethestimme zu erwarten ist. Mit dem Versprechen, ihren Goethe für sie plaudern zu lassen, lädt Pschorr die Pomke zu einem Ausflug nach Weimar ein, wo die beiden mit ihrem Anliegen bei Hofrat Professor Böffel vorstellig werden:

„Was wollen sie mit dem Kehlkopf, wenn ich fragen darf?“ „Ich will den Stimmklang des Goetheschen Organs täuschend naturgetreu reproduzieren.“ „Und sie haben das Modell?“ – „Hier!“ Abnossah ließ ein Etui aufspringen. Böffel schrie sonderbar. Die Pomke lächelte stolz.

Anfänglich skeptisch, gibt Böffel seiner Neugier nach; Pschorr darf den sonderbaren Apparat in Goethes Arbeitszimmer zum Einsatz bringen. Der Durchführung des Experiments, bei dem per Blasebalg Luft durch den Kehlkopfapparat gefiltert und die daraus isolierten Stimmschwingungen vom Phonographen hörbar gemacht werden sollen, wohnen Pomke, Böffel und einige Assistenten bei, und tatsächlich werden sie, nachdem Pschorr ein wenig geblasebalgt hat, zu Zuhörern eines der berühmten Gespräche Goethes mit Eckermann. [Eckermann fungierte in jenen Gesprächen sozusagen als Interviewführer, der Goethe, indem er diesem offene Fragen stellte und sachkundig gezielt nachhakte, zu wissenschaftlichen und philosophischen Ausführungen anregte. Diese Unterhaltungen veröffentlichte Eckermann, wie es Goethes Wunsch gewesen war, nach dessen Tod.] Die hier gehörte Passage ist überdies von besonderer Sensation; elektrisiert lauscht das Publikum, wie Goethe sich über die Farbenlehre nach Newton auslässt. [Goethe verteidigte den Wahrheitsanspruch seiner eigenen Farbenlehre gegenüber der Newtons, die seiner vorausgegangen war, wie eine Furie. An Newton selbst ließ er kaum ein gutes Haar. Als begabt zwar, doch nicht schöpfungsbegabt beschrieb Goethe diesen, und so einer – etwas frei formuliert nach Goethes Polemik gegen Newton -, der von Schöpfung an sich schon nichts verstehe, solle doch bitte die Finger davon lassen, die Schöpfung selbst mit seinen eitlen und gar fehlerhaften Erklärungen zu etikettieren. Bisweilen garstig überheblich, strebte Goethe mit seiner eigenen Farbenlehre nichts Geringeres an, als den frei denkenden Dichter als Weltversteher über den begrenzt denkenden Naturwissenschaftler zu erheben. Newton habe, indem er künstliche Versuchsanordnungen zur Erforschung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten verwendete, der Natur, einem Inquisitor gleich, unwahre Geständnisse abgefoltert. Goethe führte dagegen den Ansatz der Aufklärung ins Feld: Aus verengten Blickwinkeln lässt sich kein umfassendes Erkennen erreichen, dazu bedarf es des fragenden Blickes auf die ganze Welt und den ganzen Menschen.]

„Wie gesagt, mein lieber Eckermann, dieser Newton war blind mit seinen sehenden Augen. Wie sehr gewahren wir das, mein Lieber, an gar manchem so offen Scheinenden! Daher bedarf insonders der Sinn des Auges der Kritik unsres Urteils. Wo diese fehlt, dort fehlt eigentlich auch aller Sinn. Aber die Welt spottet des Urteils, sie spottet der Vernunft. Was sie ernstlich will, ist kritiklose Sensation. […]“ Das hörte die Pomke mit frohem Entsetzen. Sie zitterte und sagte: „Göttlich! Göttlich! Professor, ich verdanke Ihnen den schönsten Augenblick meines Lebens.“

Die Zuhörerschaft tobt vor Begeisterung, das Fräulein Pomke allen voran. [Fraglich ist allerdings, ob in diesem Falle nicht vielleicht der Sinn des Ohres insonders der Kritik des Urteils bedurft hätte. Pschorr verstaut seine Gerätschaften nach erfolgreicher Demonstration allzu schnell wieder im Köfferchen und scheint auch zu wissenschaftlichen Plaudereien nicht aufgelegt zu sein. Man erinnere sich außerdem der besonderen Fähigkeiten des Professors Pschorr (nebst dessen eigenen Stimmübungen), der hier geradezu als Magier vor verzaubertem Publikum auftritt. Ob also bei diesem Experiment alles mit rechten, naturwissenschaftlichen Dingen zugegangen ist, sei dahingestellt. Das Fräulein zumindest schwelgt glücklich in kritikloser Sensation. Und was Pschorr ernstlich will, ist eben Pomke.] Nach diesem außerordentlichen Erlebnis machen sich der Professor und sein Fräulein wieder auf den Heimweg, Pschorr bietet der noch vollkommen berauschten Pomke seinen Arm, man schlendert selig gemeinsam umher. Endlich scheint die Gelegenheit zu einem Geständnis günstig:

„[…] Geliebte! Geliebte! Denn (oh!) das! Das sind! Das bist Du! Du!“ Aber die Pomke hatte gar nicht hingehört. Sie schien zu träumen. „Wie er die R’s betont!“ hauchte sie beklommen. Abnossah schneuzte sich wütend die Nase; Anna fuhr auf, sie fragte zerstreut: „Sie sagten etwas, lieber Pschorr? Und ich vergesse den Meister über sein Werk! Aber mir versinkt die Welt, wenn ich Goethes eigne Stimme höre!“

Sie stiegen zur Rückfahrt in den Bahnwagen. Die Pomke sprach nichts, Abnossah brütete stumm. Hinter Halle a.S. schmiß er das Köfferchen mit dem Kehlkopf Goethes aus dem Fenster vor die Räder eines aus entgegengesetzter Richtung heranbrausenden Zuges. Die Pomke schrie laut auf: „Was haben Sie getan?“ „Geliebt“, seufzte Pschorr, „und bald auch gelebet – und meinen siegreichen Nebenbuhler, Goethes Kehlkopf, zu Schanden gemacht.“ Blutrot wurde da die Pomke und warf sich lachend und heftig in die sich fest um sie schlingenden Arme Abnossahs.


Mynona – man lese diesen Namen bitte einmal rückwärts, um ihm auf die Schliche zu kommen – war das Pseudonym des Schriftstellers Salomo Friedlaender (1871 – 1946). Geboren in Posen, kam er zwecks Medizinstudium nach München und Berlin, wechselte jedoch alsbald in die Fächer Kunst und Philosophie. Nach seiner Promotion lebte er als freier Schriftsteller in Berlin, wo er Freundschaften mit Martin Buber, Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam und Alfred Kubin unterhielt und Raoul Hausmann, Hannah Höch und Paul Scheerbart kennenlernte. Unter seinem Pseudonym schrieb Friedlaender für diverse expressionistische Zeitschriften und war selbst Mitherausgeber der Zeitschrift Der Einzige (Fachgebiet: Individualistischer Anarchismus). Seine Texte, in denen Expressionismus und Dadaismus, Groteske und Parodie zu erkennen sind, nahmen Einfluss auf die Literarische Avantgarde. 1934 emigrierte Friedlaender nach Frankreich, zwölf Jahre lang lebte er in Paris. Er starb dort in verarmten Verhältnissen.


Die Erzählung findet sich in dieser rundum schönen Anthologie:

>> Moritz Baßler (Hrsg.), Literarische Moderne, Das große Lesebuch (Fischer Verlag) €14,50

SELBSTBEGEGNUNGEN // Sylvia Plath, In Plaster

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In Plaster

Ein Ich, und sein Gegenbild in Gips:

 

I shall never get out of this!  There are two of me now:

Zwiegespalten ist schon ein Spalt zu viel.

This new absolutely white person and the old yellow one,

And the white person is certainly the superior one.

She doesn’t need food, she is one of the real saints.

At the beginning I hated her, she had no personality —

She lay in bed with me like a dead body

And I was scared, because she was shaped just the way I was

 

Only much whiter and unbreakable and with no complaints.

Die Eine: schadhafte Persönlichkeit. Die Andere: makelloses, heiligweißes Gespenst.

I couldn’t sleep for a week, she was so cold.

I blamed her for everything, but she didn’t answer.

Sich in sich selbst zu streiten führt zu nichts…

I couldn’t understand her stupid behavior!

When I hit her she held still, like a true pacifist.

Then I realized what she wanted was for me to love her:

She began to warm up, and I saw her advantages.

 

Without me, she wouldn’t exist, so of course she was grateful.

I gave her a soul, I bloomed out of her as a rose

…oder vielleicht doch: zu sich als Ganzem? Nein, so billig ist das Ganze nicht zu haben.

Blooms out of a vase of not very valuable porcelain,

And it was I who attracted everybody’s attention,

Not her whiteness and beauty, as I had at first supposed.

I patronized her a little, and she lapped it up —

You could tell almost at once she had a slave mentality.

Sklavin und Herrin – voneinander, das darf man nicht aus dem Blick verlieren, wechselseitig abhängig. Was, wenn sich die Vorzeichen umkehren?

 

I didn’t mind her waiting on me, and she adored it.

In the morning she woke me early, reflecting the sun

From her amazingly white torso, and I couldn’t help but notice

Her tidiness and her calmness and her patience:

She humored my weakness like the best of nurses,

Holding my bones in place so they would mend properly.

Knochen bedeuten Struktur – von geduldigem Gips schützend umhüllt und fixiert.

In time our relationship grew more intense.

 

She stopped fitting me so closely and seemed offish.

I felt her criticizing me in spite of herself,

As if my habits offended her in some way.

She let in the drafts and became more and more absent-minded.

And my skin itched and flaked away in soft pieces

Haut dagegen bedeutet Gefühl – unter gipserner Starrheit abgestorben.

Simply because she looked after me so badly.

Then I saw what the trouble was:  she thought she was immortal.

 

She wanted to leave me, she thought she was superior,

And I’d been keeping her in the dark, and she was resentful —

Wasting her days waiting on a half-corpse!

And secretly she began to hope I’d die.

Then she could cover my mouth and eyes, cover me entirely,

Bösartig, diese Vorstellung von gegenseitiger Annäherung: der Einen die Anpassung an sich, die Andere, aufzuzwingen…

And wear my painted face the way a mummy-case

Wears the face of a pharaoh, though it’s made of mud and water.

…um sich dann mit der Einen schmücken zu können.

 

I wasn’t in any position to get rid of her.

She’d supported me for so long I was quite limp —

I had forgotten how to walk or sit,

So I was careful not to upset her in any way

Or brag ahead of time how I’d avenge myself.

Living with her was like living with my own coffin:

Yet I still depended on her, though I did it regretfully.

Wer ist nun die Sklavin?

 

I used to think we might make a go of it together —

After all, it was a kind of marriage, being so close.

Now I see it must be one or the other of us.

Scheidung! Nur, wie die Andere von der Einen amputieren? Wie geht Schluss machen?

She may be a saint, and I may be ugly and hairy,

But she’ll soon find out that that doesn’t matter a bit.

I’m collecting my strength; one day I shall manage without her,

And she’ll perish with emptiness then, and begin to miss me.

Aber lässt sich ein Zwiespalt rückgängig machen? Oder geht der Schluss nicht eher so: Die Eine sammelt ihre Stärke, um zu gehen, und die Andere vergeht vor lauter Leere – und beide zusammengenommen begehen diesen einen Selbstmord?


>>Gedicht aus: Sylvia Plath, Poems (Faber And Faber Ltd.)

WORAUF WARTE ICH HIER? // Jorge Luis Borges, Die Wartezeit

Jorge Luis Borges

Die Droschke setzte ihn vor Nr.4004 dieser Straße im Nordwesten ab. Es war noch nicht neun Uhr morgens; der Mann bemerkte befriedigt die gefleckten Platanen, das Erdquadrat am Fuß  jeder einzelnen, die schlichten Häuser mit kleinen Balkonen, die Apotheke nebenan, die abgeblaßten Rhomben der Farben- und Eisenwarenhandlung. […] Der Mann dachte, alle diese Dinge (jetzt beliebig und zufällig und durcheinander wie Dinge, die man in Träumen sieht) würden mit der Zeit […] unwandelbar, notwendig und vertraut sein.

Mit diesem Einstieg setzt Jorge Luis Borges den Protagonisten seiner Erzählung Die Wartezeit einsam in einem Randviertel Buenos Aires‘ aus. Dort erwarten ihn eine spärliche Unterkunft, eine verhuschte Haushälterin, ein Alltag in der geduckten Haltung eines Verfolgten. Den Kutscher, der ihn dort abgeliefert hat, bezahlt er versehentlich mit einem uruguayischen Zwanziger, den er seit jener Nacht im Hotel von Melo in der Tasche trug. Der Mann reichte ihm vierzig Centavos und dachte dabei: „Ich bin verpflichtet, so zu handeln, daß alle mich vergessen. Ich habe zwei Fehler gemacht: Ich habe eine ausländische Münze gegeben und merken lassen, daß mich dieser Irrtum stört.“

Eine Kriminalgeschichte könnte sich daraus entspinnen: Was ist in jenem Hotel geschehen? Was hat den Protagonisten dazu gezwungen, über Landesgrenzen zu fliehen, abzutauchen? Oder wer?

[…] als die Frau ihn fragte, wie er heiße, sagte er Villari, nicht in heimlichem Trotz, […] sondern weil dieser Name ihn quälte, weil es ihm unmöglich war, an einen anderen zu denken. Bestimmt verfiel er nicht in den literarischen Irrtum zu meinen, es sei schlau, den Namen des Feindes anzunehmen.

Am Fluchtort angekommen – entkommen jedoch nicht. In seinem Versteck fühlt sich der Mann keineswegs befreit, im Gegenteil erkennt er sich hier als Gefangener seines Feindes, mehr noch, als vollkommen durch ihn „Vereinnamter“: Man ist, was man fürchtet. Villari, der Verfolger, dessen Abwesenheit ihm gleichsam Allgegenwärtigkeit verleiht, führt indirekt Herrschaft über die Gedanken, Träume, den Alltag des Verfolgten. Über Tage hinweg verlässt der Mann seinen Unterschlupf nicht, wagt sich nur gelegentlich im Schutz der Dunkelheit hinaus, um ein Kino zu besuchen, verkriecht sich, liest. Besonders gründlich die Zeitungen, aber nicht etwa, um wenigstens lesend am Leben der Außenwelt teilzuhaben, sondern in der Hoffnung, womöglich etwas über Villari in Erfahrung bringen zu können. Im Kino sieht er Gangsterfilme – sicher kamen in ihnen auch Bilder vor, wie es sie in seinem früheren Leben gegeben hatte -, verlässt jedoch den Kinosaal jeweils vor Filmende. Wohl möchte er die Berührung mit den ausströmenden Besuchern umgehen. Vielleicht ist es aber auch das Finale, die Abrechnung zwischen den Kontrahenten im Film, die er meidet? Weil sie ihn zu sehr betrifft, oder ihn gerade nicht betrifft? Tagsüber arbeitet er sich gewissenhaft durch eine Divina Commedia, die sein möbliertes Zimmer bereit hielt. Er glaubte nicht, daß Dante ihn zum letzten Höllenkreis verdammt hätte, wo Ugolinos Zähne ohne Ende den Nacken Ruggieris benagen. Ugolino, der von Ruggieri gefangen genommen und zum Hungertod verdammt worden war, frisst nun, während der Ewigkeit der Hölle, an Ruggieris Kopf – auch diese Variante der Abrechnung gehört ins Reich der Kunst, und die Kunst trennt der Mann strikt von seinem Leben: Er sah sich nie als Kunstfigur. Sein Leben ist kein Epos, auch keine Kriminalgeschichte, sondern ein Wartetraum: Während Realität durch Handlungen produziert wird, gleicht das Leben des Mannes mehr dem verarbeitenden Prozess Traum, ist passiv, Zeit und Raum haben darin ihre Verbindlichkeit verloren. Sein eigenes finales Zusammentreffen mit seinem Feind vollzieht sich nicht einmalig, sondern in Dauerschleife – in Gedanken, in Alpträumen. Indem das Finale so vorauswirkt, ohne tatsächlich zu geschehen, ist die Wartezeit das eigentliche Finale: In seinem Warten besteht das eigentliche Kämpfen des Mannes mit seinem Feind Villari.

Gegen Morgen träumte er oft einen Traum gleichen Inhalts mit veränderlichen Umständen. Zwei Männer und Villari betraten mit Revolvern sein Zimmer oder überfielen ihn, wenn er aus dem Kino kam, oder waren alle drei zusammen der Unbekannte, der ihn angerempelt hatte, oder erwarteten ihn traurig im Patio und schienen ihn nicht zu kennen. Wenn der Traum zu Ende war, nahm er den Revolver aus der Schublade des Nachttischs dicht neben seinem Bett (und tatsächlich bewahrte er in dieser Schublade einen Revolver auf) und schoß ihn auf die Männer ab. Der Knall der Waffe weckte ihn, aber immer war es nur ein Traum, und in einem anderen Traum wiederholte sich der Überfall,  und in einem anderen Traum musste er sie wiederum töten.

Schließlich – an einem trüben Morgen – stehen Villari und ein Unbekannter vor dem Bett des gerade aufwachenden Mannes und richten ihre Waffen auf ihn. Er dreht sich von ihnen ab, stellt sich schlafend oder kehrt vielleicht sogar schnell zurück in seinen Schlaf. Tat er es, um das Mitleid derer, die ihn töteten, zu erwecken, oder weil es weniger hart ist, ein schreckliches Ereignis hinzunehmen, als es sich immerzu vorzustellen und endlos darauf zu warten, oder […] damit die Mörder ein Traum seien, wie sie es am selben Ort, zur selben Stunde schon so oft gewesen waren? Der darauf folgende Schlusssatz lautet: In dieser Magie befand er sich, als der Schuß ihn auslöschte.

Ihn, den Mann? Oder doch seinen Traum?


Die Erzählung Die Wartezeit findet sich in:

>>Jorge Luis Borges, Das Aleph – Erzählungen 1944-1952 (Fischer), €8,95

WORAUF WARTE ICH HIER? // Die Türhüterparabel

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Ein Mann vom Lande verlangt Einlass in das Gesetz. Ein Türhüter verwehrt ihm den Eintritt, merkt aber an, es könne später vielleicht möglich sein, dass der Mann passieren dürfe. Danach aber müsse der Mann an weiteren Türhütern vorbei, einer schrecklicher als der andere. Und so wartet der Mann, vor der Tür, Tage, Jahre, lässt sich immer wieder verhörartig vom Türhüter befragen, ohne dass die Antworten je etwas bewirken würden, und versucht oft, den Türhüter zu bestechen, der zwar alle Güter annimmt, jedoch nie eine Gegenleistung erbringt. An die weiteren Türhüter denkt der Mann vom Lande schon längst nicht mehr. Duldsam wartet er sich vor der ersten Tür zu Tode. Im Sterben fragt er den Türhüter, weshalb nie jemand außer ihm in all den Jahren versucht habe, Einlass zum Gesetz zu erhalten. Der Türhüter antwortet, dieser Eingang sei nur für ihn, den Mann, und niemanden sonst bestimmt gewesen, und schließt die Tür.

Unter dem Titel Vor dem Gesetz veröffentlichte Franz Kafka diese Parabel zunächst 1915 in der jüdischen Wochenzeitschrift Selbstwehr, 1919 erschien sie im Erzählsammelband Der Landarzt. Außerdem bildet sie einen Teil des Romans Der Process, der unvollendet blieb, nachdem Kafka seine Arbeiten daran aufgegeben hatte; dort wird sie dem Angeklagten K. vom Gefängniskaplan erzählt.

Es ist eine dieser Lehrgeschichten, die zum Verrücktwerden gleichermaßen simpel wie vertrackt sind, macht doch der Mann alles richtig und dennoch alles falsch. Welcher Art ist überhaupt dieses Gesetz, und was erhofft sich der Mann von seinem Eintritt? Und war der Eingang nun dazu bestimmt gewesen, von dem Mann betreten zu werden, oder nur dazu, ihn lebenslang warten zu lassen? Die gängige Deutung versteht den Türhüter als eine Prüfung, die der Mann vom Lande wegen seiner Hörigkeit gegenüber Autoritäten, wegen seiner mangelnden Entschlusskraft, wegen seiner bäuerlichen Machtlosigkeit nicht besteht. Von welcher Ebene aus die Geschichte auch interpretiert wird, sei es eine politische, sei es eine psychologische, wie auch immer: Sie wird gelesen als Geschichte eines Scheiterns, und gemeint ist das Scheitern des Einen. An den Türhüter an sich denkt niemand. Es kommt mir vor, als sei die eigentliche Pointe der Geschichte diese: Erst, als der Mann stirbt, wird auch der Hüter endlich von der Türpflicht befreit. Zeugt es nicht selbst von gewohnheitsmäßiger Obrigkeitshörigkeit, dass nie von Zweien (oder, falls die Weiteren nicht bloße Erfindungen waren: von Allen) die Rede ist, die hier jeweils ihr Leben dusselig zu Tode gewartet haben?


Foto: Grebe, 2014

NACHTEINSAMKEIT // Heym’sche Nächte

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Nachtspaziergang (Grebe, 2015)


Nacht

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Der graue Himmel hängt mit Wolken tief,

Darin ein kurzer, gelber Schein so tot

Hinirrt und stirbt, am trüben Ufer hin

Lehnen die alten Häuser, schwarz und schief

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Mit spitzen Hüten. Und der Regen rauscht

In öden Straßen und in Gassen krumm.

Stimmen ferne im Dunkel. – Wieder stumm.

Und nur der dichte Regen rauscht und rauscht.

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Am Wasser, in dem nassen Flackerschein

Der Lampen, manchmal geht ein Wandrer noch,

Im Sturm, den Hut tief in die Stirn hinein.

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Und wenig kleine Lichter sind verstreut

Im Häuserdunkel. Doch der Strom zieht ewig

Unter der Brücke fort in Dunkel weit.


Nacht in einer kleinen Stadt

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Der Mond stand auf den Giebeldächern,

Er glänzte tief durch das Geäst

Der hohen Linden und der Nachtwind

Trug ihren Duft zum Fenster her.

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Am Himmelsgrund zog eine Wolkenwand

Gewitterschwer, weit hinten überm Strom.

Und ab und zu huschte ein bleicher Schein

Hinauf, und Donner grollte fern.

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Und da, von einem hohen Baum

Ganz nah, löste ein heller Klang

Sich, stieg empor, schwebte im Glanz und starb.

Der Nachtwind klagt im Laube nach.


>> Georg Heym (1887 – 1912), der in einer Familie aufwuchs, deren grundlegende Stimmung die Schwermut war, schrieb einst über sein vom Vater ihm vorgegebenes rechtswissenschaftliches Studium in sein Tagebuch: Meine Natur sitzt wie in der Zwangsjacke. Ich platze schon in allen Gehirnnähten. […] Und nun muß ich mich vollstopfen wie eine alte Sau auf der Mast mit der Juristerei, es ist zum Kotzen. Ich möchte das Sauzeug lieber anspeien, als es in die Schnauze nehmen. Ich habe solchen Trieb, etwas zu schaffen. Ich habe solche Gesundheit, etwas zu leisten. Wie seine Freunde es beschrieben, hatte Heym sich seiner Familie nie sonderlich nah gefühlt, da er mit seiner Lebensfreude, seiner Lebendigkeit in einem schwer versöhnlichen Kontrast zu seinem Vater, seiner Mutter und Schwester stand. Und doch dominiert gerade die Dreieinigkeit von Kreuz, Tod und Gruft in seinen Gedichten. Sein früher Tod wiederum erklärt sich keineswegs durch Selbsttötung oder Krankheit, denen doch solcher Trieb, solche Gesundheit entgegengestanden hätten: In dem Versuch, seinen besten Freund zu retten, der beim Schlittschuhlaufen im Eis eingebrochen war, ertrank Georg Heym in der Havel. 

 

BRENNSTOFF // Fern-, Frauen-, Feuerweh: Ernst Wilhelm Lotz

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Ernst Wilhelm Lotz,

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen

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Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,

Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,

Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht

Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.

^

Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,

Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,

Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,

Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.

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Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,

Es müssten Pantherinnen sein, gefährlich zart,

In einem wild gekochten Fieberland geboren.

Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

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Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.

Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.

Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.

Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.


Geboren 1890 in Westpreußen, gestorben 1914 in Frankreich – Ernst Wilhelm Lotz gehörte zu jenen jungen Wilden, die ihr Wüten über den erstarrten Zeitgeist erst in ihre Kunst und dann in ihr Marschgepäck steckten: Aufbruch ins Unverbrauchte! Als Sohn eines Kadettenhausprofessors verbrachte Lotz seine Kindheit an unterschiedlichen Standorten von Kadettenanstalten und schlug später selbst eine militärische Laufbahn ein. Kurz unterbrach er diese für die Kunst, versuchte sich hauptberuflich als Kaufmann und finanzierte so seine Dichter-Existenz. Er übersetzte Gedichte von Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, schrieb selbst einige wenige. Zeitweise lebte er in Dresden in einer Wohngemeinschaft mit dem expressionistischen Maler und Dichter Ludwig Meidner. Bei Kriegsausbruch im August 1914 meldete sich der frühere Leutnant zurück zum Heer und wurde an die Westfront entsendet. Anfang September bereits erhielt Lotz das Eiserne Kreuz – Ende September fiel er während eines Angriffs nahe Bouconville.


Bild: Kunstschmiede Brandtbart

ARES WAR HIER // Agota Kristof, Das große Heft

Dieses Buch ist eine Übung in Aushalten. Agota Kristofs mühevolles Aushalten ihrer eigenen Vergangenheit hallt darin wider. Und auch als Leser gilt es Einiges auszuhalten: verstörende Schilderungen aus dem Inneren einer dunklen Fallgrube, die eine alte Welt verschluckte, zerkaute und wieder ausspuckte – als eine neue Welt, deren langwierige und schwergängige Beschäftigung es werden sollte, sich den Schwefelgeruch ihres Ursprunges von der Haut zu waschen.

Ihren Roman Das große Heft erzählt Agota Kristof als Aneinanderreihung absolvierter Übungen. Heftiges Kapitelgeratter gibt den Erzähltakt vor; über 60 Abschnitte, bei etwa 200 Seiten Buchumfang. Form und Sprache halten sich nicht auf mit Schönheitspflege, haben ihr Marschgepäck auf das Existenzielle reduziert und preschen ungerührt hinein in die Zentren heißer Breie.

Die Eigenschaften des Tons stimmen überein mit dem Charakter der zwei Brüder im Mittelpunkt dieses Romans – was nur folgerichtig ist, lässt Agota Kristof doch diese beiden Jungen, ein Zwillingspärchen im nicht näher bestimmten Schulalter, den Roman selbst schreiben: Das große Heft ist ihr Heft, die Kapitel darin sind ihre eigenen Aufsätze, in denen sie ihr Schreiben üben und ihre Übungen beschreiben. Sie betätigen sich als Chronisten eines vom Krieg entstellten Alltagslebens. Im Kapitel Unsere Studien erklären sie, wie sie üben, schreiben und denken:

Wir beginnen zu schreiben. Wir haben zwei Stunden, um das Thema zu behandeln, und zwei Blatt Papier zur Verfügung. Nach zwei Stunden tauschen wir unsere Blätter aus, jeder von uns korrigiert die Schreibfehler des andern mit Hilfe des Wörterbuchs und schreibt unten auf die Seite: „Gut“ oder „Nicht gut“. Wenn es „Gut“ ist, können wir den Aufsatz in das Große Heft abschreiben. Um zu entscheiden, ob es „Gut“ oder „Nicht gut“ ist, haben wir eine einfache Regel: Der Aufsatz muß wahr sein. Wir müssen beschreiben, was ist, was wir sehen, was wir hören, was wir machen. Zum Beispiel ist es verboten zu schreiben: „Großmutter sieht wie eine Hexe aus“, aber es ist erlaubt zu schreiben: „Die Leute nennen Großmutter eine Hexe“. […] Auch wenn wir schreiben: „Der Adjutant ist nett“, ist das keine Wahrheit, weil der Adjutant vielleicht zu Gemeinheiten imstande ist, die wir nicht kennen. Wir werden also einfach schreiben: „Der Adjutant gibt uns Decken.“ Wir werden schreiben: „Wir essen viele Nüsse“, und nicht: „Wir lieben Nüsse“, denn das Wort „lieben“ ist kein sicheres Wort, es fehlt ihm an Genauigkeit und Sachlichkeit.

Ihre Sammlung von Aufsätzen beginnt mit der Schilderung ihrer Ankunft bei der Großmutter: Die Mutter bringt die Zwillinge hinaus aus der Großen Stadt, die bombardiert wird und wo Hunger und Tod Einzug halten, weg, aufs Land, zur Hexe.

Großmutters Haus ist fünf Minuten Fußmarsch von den letzten Häusern der Kleinen Stadt entfernt. Danach kommt nur noch die staubige Straße, bald von einer Barriere durchschnitten. Es ist verboten, weiter zu gehen, ein Soldat hält dort Wache. […] Wir wissen, daß es hinter der Barriere, durch Bäume verborgen, einen geheimen Militärstützpunkt gibt und, hinter dem Stützpunkt, die Grenze und ein anderes Land.

Für die Mutter ist dies ein scheußliches Wiedersehen, für die Jungen eine befremdende erste Begegnung mit jener Großmutter mütterlicherseits.

Unsere Mutter sagt: – Es sind ihre Enkel. – Meine Enkel? Ich kenne sie nicht mal. Wieviel sind es? – Zwei. Zwei Jungen. Zwillinge. […] – Was hast du mit den andern gemacht? […] – Welchen andern? – Hündinnen werfen viele Junge auf einmal. Man behält zwei, die andern ersäuft man.

Mit der Mutter, die sich nach der Abgabe der Kinder weinend in die Große Stadt zurück quält, verabschieden die Brüder auch jegliche Behutsamkeit und Zärtlichkeit aus ihrem Leben. Das Reich der Großmutter, in dem sie fortan leben, ist ein archaisches. Nicht nur das Tragen von ordentlicher Kleidung und das Schlafen in sauberen Decken und Laken sind Angewohnheiten, die nicht hierher gehören. Zu spielen ist plötzlich nur noch eine alte, vergessene Idee, auf die die Jungen hier nicht kommen – es gibt die Arbeit, die sie zur Selbstversorgung zu erledigen haben, und es gibt die Übungen, die sie absolvieren.

Verschiedene Übungen werden in einer Reihe von Kapitelüberschriften benannt: Übung zur Abhärtung des Geistes, Übung in Fasten, Übung in Blindheit und Taubheit, Übung zur Abhärtung des Körpers, Übung im Betteln, Übung in Grausamkeit. Andere Kapitel heißen Der Schmutz, Der Adjutant, Der Deserteuer, Die Magd des Pfarrers oder Die Menschenherde, Der Leichenacker. In sachlich-trockenem Ton beschreiben die Jungen ihr Umfeld und alltägliche oder ungewöhnliche Begebenheiten. Die Großmutter zeigen sie als körperlich verwahrlostes, jedoch geistig hellwaches Relikt einer primitiv anmutenden Vergangenheit. Die Leute erzählen, die Hexe habe einst ihren Ehemann vergiftet – daran zweifeln die Jungen nicht. In einem Zimmer in Großmutters Haus haben sich ein Offizier und sein Adjutant einquartiert, zu denen die Zwillinge im Lauf der Zeit ein spezielles Verhältnis entwickeln. In der Kleinen Stadt sind die Zwillinge als Neulinge, zumal als Enkel der Hexe, schnell überall bekannt – und gefürchtet. Wegen ihrer stoischen Art, die als unnatürlich und kaltblütig empfunden wird, wegen ihres zunehmend verwahrlosten Äußeren, und weil sie nichts fürchten und niemandem gehorchen, gelten sie als unheimliche Teufel. Dass da der Pfarrer wenigstens eine Nebenrolle im Buch einnehmen muss, ergibt sich zwangsläufig – es überrascht ebenfalls nicht, dass die Rolle des Pfarrers die eines verdorbenen Feiglings ist. Der Buchhändler ist unfreundlich zu den Brüdern, der Briefträger beschimpft sie als Mörderbrut. Mit den Ausgestoßenen allerdings vertragen sich die Zwillinge. Mit Hasenscharte etwa, der Nachbarstochter, die eine erbärmliche Gestalt ist: unschön pubertär und verzweifelt süchtig nach Zuneigung, die sie in jeder – auch schmerzhafter – körperlichen Form einfordert. Oder mit dem Schuster, der ihnen Stiefel gibt ohne Bezahlung dafür zu wollen – er ahnt, dass er ohnehin bald deportiert werden wird. Bombardierungen treten immer häufiger in der Nachbarschaft der Zwillinge auf, und während Zivilisten wegsterben, vermehrt sich die Soldatenzahl am Ort. Man beobachtet, wie der Große Krieg sich die Kleine Stadt einverleibt. Um sich in diesem Umfeld behaupten zu können, exerzieren die Brüder ihren selbst aufgestellten Lehrplan durch.

Wenn es was zu töten gibt, müssen Sie uns rufen. Wir werden es tun. Sie sagt: – Ihr mögt das, was?Nein, Großmutter, wir mögen es nicht. Gerade deswegen müssen wir uns daran gewöhnen. Sie sagt: – Ich verstehe. Eine neue Übung. Ihr habt recht. Man muss töten können, wenn es nötig ist. […] Wir gewöhnen uns schnell daran, die Tiere zu töten, die zum Essen bestimmt sind: Hühner, Kaninchen, Enten. Später töten wir Tiere, die zu töten nicht nötig wäre. […] Eines Tages hängen wir unsere Katze an einen Ast, einen roten Kater. […] Er wird von Zuckungen, Krämpfen geschüttelt. Als er sich nicht mehr rührt, hängen wir ihn ab. Er bleibt flach im Gras liegen, reglos, dann springt er plötzlich auf und rennt davon. Seitdem sehen wir in manchmal von weitem, aber er kommt nicht mehr in die Nähe des Hauses. […] Großmutter sagt: – Diese Katze wird immer scheuer. Wir sagen: – Keine Bange, Großmutter, wir kümmern uns um die Mäuse. Wir basteln Fallen, und die Mäuse, die sich fangen lassen, ersäufen wir in kochendem Wasser.

Anstatt des Katers, erfüllen also nun die Zwillinge die Raubtier-Rolle im Haus. Was sie dort, im Kleinen, lernen und üben, wenden sie später in größerem Rahmen an. Nachdem sie damit begonnen haben, über sich selbst und über einander hart zu urteilen, richten sie bald auch über Andere, unterziehen die Menschen in der Kleinen Stadt prüfenden Betrachtungen, fällen Urteile – und vollstrecken sie. Einen im Wald aufgefunden Soldatenleichnam plündern sie aus und verstecken daheim die erbeuteten Waffen für spätere Zwecke. Aus diesem Bestand stammt eine Handgranate, die bald im Pfarrhaus zum Einsatz gebracht werden wird. Nicht gegen den Pfarrer selbst, den die Jungen zu Gute der Versorgung von Hasenscharte erpressen, sondern gegen dessen Magd. Das Todesurteil wird nach einer Beobachtung über sie verhängt, die die Zwillinge während des Tages machen, an dem die Menschenherde durch die Stadt getrieben wird:

Wir sind ins Pfarrhaus gekommen, um unsere saubere Wäsche zu holen. Wir essen mit der Magd Butterbrote in der Küche. Wir hören Schreie auf der Straße. Wir legen unsere Brote hin und gehen hinaus. […] An der Straßenecke erscheint ein Militärjeep mit fremden Offizieren. Der Jeep fährt langsam, gefolgt von Soldaten, die ihr Gewehr quer über der Brust tragen. Hinter ihnen eine Art Menschenherde. Kinder wie wir. Frauen wie unsere Mutter. Alte Männer wie der Schuster. Es sind zweihundert oder dreihundert, die vorwärtsgehen, eskortiert von Soldaten. Einige Frauen tragen ihre kleinen Kinder auf dem Rücken, auf der Schulter oder an ihre Brust gedrückt. Eine von ihnen fällt hin; Hände ergreifen das Kind und die Mutter; man trägt sie, denn ein Soldat hat schon das Gewehr angelegt. […] Genau vor uns ragt ein magerer Arm aus der Menge, eine schmutzige Hand streckt sich aus, eine Stimme bittet: – Brot. Lächelnd macht die Magd eine Geste, wie um den Rest des Butterbrots herzugeben; sie nährt es der ausgestreckten Hand, dann, laut lachend, zieht sie das Stück Brot zurück, zu ihrem Mund, beißt hinein […]. Ein Soldat, der alles gesehen hat, gibt der Magd einen Klaps auf den Hintern; er zwickt sie in die Backe, und sie winkt ihm mit ihrem Taschentuch nach […]. Wir gehen ins Haus zurück. […] Die Magt sagt: – Eßt eure Brote auf. Wir sagen: – Wir haben keinen Hunger mehr. […] – Ihr seid zu empfindlich. Am besten vergeßt ihr, was ihr gesehen habt. – Wir vergessen nie etwas. Sie schiebt uns zum Ausgang: – Nun beruhigt euch! […] Diese Leute sind nichts weiter als Tiere.

Die Jungen sind und bleiben namenlos. Die Zeit, die sie erleben, der Ort an dem sie wohnen ebenfalls, so auch die Menschen in ihrer Familie und am Ort. Statt Namen gibt es nur Funktionsbezeichnungen und Eigenschaftsbegriffe, die Mutter, die Magd, der Polizist, die Kleine Stadt und so fort. Die Militärs sprechen in fremder Sprache, die nicht näher bestimmt wird, auch die Großmutter spricht gelegentlich in einer fremden, allerdings einer wieder anderen Sprache. Machtbereiche und deren Grenzen lassen sich nicht einordnen. Und so besitzt das Großmutter-Reich eine kriegsspezifische Allgemeingültigkeit. Es spiegelt einerseits verborgene Zustände im Menscheninneren wider, andererseits den Zustand ganzer Gesellschaften während Kriegszeiten: Jegliches Denken schrumpft auf den Überlebensgedanken zusammen, jegliche Empfindsamkeit verstumpft, am Ende füllen wild wuchernde Perversionen die Lücken, die das große Sterben der Gefühle gerissen hat.

Die Fokussierung auf die zivile Kehrseite des Krieges ignoriert konsequent seine politische Dimension und seinen militärischen Verlauf. Welche Ursachen und Ziele der Krieg hatte, spielt keine Rolle, welche Ergebnisse sein Ende bringt, wird nicht in Begrifflichkeiten wie Sieg und Niederlage ausgedrückt. Ein Kriegsroman ohne den Krieg als Hauptdarsteller – worum es geht, sind die Schatten, die er wirft. Zunächst hebelt der Ausnahmezustand Krieg die Ordnung der menschlichen Dinge aus, dann etabliert er seine eigene Ordnung. Die Schulen schließen, die Kinder beginnen damit sich zu gruppieren und nach Opfern zu suchen, die sie dann quälen. Die Versorgungsketten brechen ein, der Mangel an Nahrung und Kleidung wird schmerzlich, lebensgefährlich, oft tödlich, gleichzeitig funktioniert die Logistik der Kriegsindustrie prächtig. Alle Strukturen, von der Familie bis zum Staatswesen, werden radikal umgepflügt, und menschliche Zusammenhänge, Besitzverhältnisse, Gesetzgebungen gelten nichts mehr. Gewalt ersetzt Sprache als Kommunikationsmittel. In der Folge findet ein fester Kanon der Gräuel seine Anwendung: Enteignung, Vertreibung, Deportation, Vernichtung, Folter, Vergewaltigung, Mord, Totschlag. Agota Kristof beschreibt das archetypische Wesen des Krieges, indem sie eine Geschichte über menschliche Verrohung schreibt.

Die Barbarei ist ein grundlegendes, wiederkehrendes Motiv in der Menschheitsgeschichte, und insofern steht der erzählerische Ton, den Agota Kristof anschlägt – die Reduziertheit der Form, die stoische Härte -, nicht von ungefähr dem Ton grundlegender Menschheitserzählungen nahe: den Mythen, Sagen und Urgeschichten – den Volksmärchen etwa, oder den griechischen und römischen Sagen, den alttestamentarischen Geschichten. Angesichts der Anklänge ans Epische fällt besonders ins Auge, dass Agota Kristof ihrer Geschichte jedoch die Helden, die göttliche, rechtsprechende Instanz, sowie die klare Trennung zwischen Gut und Böse verweigert.

Die Brüder selbst stellen nicht etwa Kain und Abel oder Romulus und Remus dar, sie verkörpern keine klaren Konflikte, sondern eine komplizierte Einheit. Am ehesten noch erinnern sie an die Gebrüder Grimm, indem sie sich dem gewissenhaften Niederschreiben von Geschichten verpflichtet haben. All diese Überlegungen zu literarischen oder historischen Parallelfiguren aber führen nirgendwo hin. Die Zwillinge schreiben ihr Epos nirgendwo ab, sie schreiben ihr eigenes.

Zum Schluss kümmern sich die Brüder um die Gebeine ihrer Mutter, und sie nutzen die Gebeine ihres Vaters als Brücke in ihre Zukunft. Die Vergangenheit ist tot, nur die Einheit der Brüder besteht noch. Dass diese Einheit schließlich aufgespalten wird in zwei von einander getrennte Leben in zwei verschiedenen Ländern, darin besteht die wohl nachhaltigste Auswirkung des Krieges auf die Brüder. Um die literarische Funktion der Zwillinge zu klären, lohnt am meisten der Blick auf diese Trennung – und auf die Biografie der Autorin. Vielleicht, denke ich, verkörpern die Zwillingsbrüder eine seelische Einheit, die beim Schritt ins Exil zerreißt: Ein Teil entflieht den Schrecken der Heimat, der andere verbleibt in Verbundenheit zu ihr.

>>Agota Kristof wurde 1935 im ungarischen Csikvánd geboren. Sie wuchs auf in einer Kleinstadt nahe der ungarischen Grenze, Kőszeg, die Agota Kristof als Vorlage für die Schauplätze ihrer Romane nahm. Mit 14 wurde sie ins Internat geschickt. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen, der – man möchte fast sagen: bezeichnenderweise – ihr Geschichtslehrer war. Als der Ungarische Volksaufstand 1956 das Land erschütterte, flohen über 200 000 Ungarn aus ihrer Heimat. Agota Kristof, gerade Mutter geworden, ging mit Mann und Kind ins schweizer Exil. Dort haderte sie mit der Sprache, litt an der Sehnsucht nach der Heimat, verzweifelte schließlich an der Ehe und behielt Jahrzehntelang ihr Unglück am Exil bei – trotz ihrer perfekten Aneignung des Französischen, das zur Sprache wurde, in der sie ihre Romane verfasste. 2011 starb Agota Kristof in Neuenburg in der Schweiz.


>> Agota Kristof, Das große Heft (Piper Verlag), in diversen kartonierten Ausgaben ab €8,99