FORMWANDLUNGEN > Noëmi Lerch (mit Walter Wolff), Willkommen im Tal der Tränen

Ja ja, ich bin jetzt eine von allen, die was darüber schreiben, aber das macht mir nichts – einen Hype würde ich hier glatt begrüßen. Denn Willkommen im Tal der Tränen ist ein seltenschönes Buch. Die linken Seiten so schön schwarz mit weißen Grafiken; auf den rechten der schöne Text schwarz auf weiß. Der Einband in grauen, rauen Stoff geschlagen, und darauf, glattschwarz, eine der schönen Grafiken. Dekorativ ist das, hübsch, „so schön haptisch“, wie man Leute sagen hört, also gestalterisch wirklich einmalig.
Aber das allein meine ich gar nicht.
Es geht um drei Mann auf dem Berge: Zoppo, den Lombard und den Tuinar. Wer sie sind, wie sie aussehen – unwichtig. Es zählt, was sie machen: Käse, Polenta, melken, schweigen, ein Feuer, eine Faust, Kaffee, ausmisten, schauen, frieren, den Käse wenden, singen, gehen, streiten, warten, Holz aufladen, den Tisch decken, schlafen. Es geht um Arbeit und Sein. Und die Alpenlandschaft.
Die Schweizerin Noëmi Lerch steht mit dem einen Fuß in der Literatur, mit dem anderen in der Landwirtschaft, was in ihrem Fall heißt: Sie weiß nicht nur, wie es sich auf der Alp lebt, inmitten herrischer Natur, mit Vieh, Hütehund, Familie und Touristen, sondern auch, wie es sich über Arbeit, Sein und Landschaft schreiben lässt.
Während sich Alpen-Prosa im Großen und Ganzen recht bipolar präsentiert, entweder als klassischer, romantisierender Alpen-Kitsch oder als hartlederner Alpen-Noir, ist das hier… Etwas seltenschönes jedenfalls, und ich würde es fast Alpen-Mystik nennen, aber diese tiefe, aufs Elementare konzentrierte Versenkung unternimmt Lerch keinesfalls in irgendwie esoterisch gearteter Absicht. Arbeit, Sein, Landschaft werden so konsequent reduziert, dass gewissermaßen ein Alpen-Destillat entsteht.

Die weite Ebene. Im Winter ist da niemand. Es gibt diese Orte. Sie brauchen Zeit. Keinen Besuch. 

Im Sommer, da sind dann die Touristen da, die leuchtend bunte Funktionsjacken, Trekkingschuhe und Wanderrucksäcke tragen, sodass sie sich nie mit der Landschaft verbinden. Den Lombarden, den Tuinar und Zoppo grüßen sie nicht, sondern fotografieren die pittoresken Männer ungefragt während ihrer pittoresken Tätigkeiten, beim Ausmisten zum Beispiel, genauso, wie sie auch die Kühe fotografieren, oder ein Stück Landschaft. So fotografieren sie Arbeit, Sein und Landschaft – von außen. Und somit ist auch die notwendige Binsenweisheit abgehakt, dass Touristen ja meistens viel fotografieren, aber eigentlich gar nichts sehen.
Was es zu sehen gibt, sieht man, indem man mit Zoppo und dem Tuinar in die malerische Ebene geht und Holz auflädt, oder den spärlichen Kaffeetisch deckt – das hört sich jetzt romantisch an, nicht wahr? Zoppo, der Lombard und der Tuinar arbeiten als Viehhirten, und sie erledigen alles, was in der Viehwirtschaft so zu erledigen ist, und was könnte wohl näher an der ursprünglichen Idylle, an den antiken Hirtengedichten sein als das? Nichts da. Mag der Buchtitel vielleicht auch schmachtig klingen – was im Erzählten herrscht, ist weder Romantik noch Dramatik, sondern eine große Stille, die mal mehr, mal weniger bleiern gestimmt ist.

Der Stausee liegt wie ein leerer Mond unter der Alp. Im Dunkeln des Morgens sieht man die Lichter der Bagger. Sie graben ein tiefes Loch. […] Für den Schlamm, der sich am Grund angesammelt hat und den Ablass verstopft. Im Schlamm sind die Reste vom alten Dorf. Steine, Balken, tote Bäume. […] Abends kriechen die Bagger wie Käfer an die Ränder vom Mond. Sie verschwinden in den Tunneln, in der Staumauer. […] Den drei Männern bleiben der leere Mond und seine Stille. Die Glocken der Kühe läuten ringsherum und erinnern sie an eine Zeit, die so weit zurückliegt, dass sie sich nicht daran erinnern können. Sie erinnern sich trotzdem. 

Auch einer Blut-und-Boden-Romantik, wie man sie im alpinen Biotop unter hart arbeitenden Agrariern womöglich zu wittern befürchtet, wird nirgendwo Nährstoff gegeben. Der Tuinar zum Beispiel ist prekärer Arbeitsmigrant und kommt eigentlich vom Meer – woher genau, das erzählt das Buch nicht, und es unterhält sich auch keiner drüber, da oben, auf der Alp, wozu auch.
Was es im Verborgenen zu sehen gibt, das sehen die Augen des Lombard, als ihn ein Naturerlebnis ereilt wie eine Epiphanie, vulgo: Der arme Mensch verliert in der großen Stille schlechterdings seinen gesunden Verstand – im Tausch gegen seinen Eintritt in die Einheit der Natur.

Der Lombard schaut auf das weite Grasland. Die Sonne scheint auf den Lombarden und das weite Grasland. Das weite Grasland beginnt im Lombarden aufzusteigen, in ihn hineinzuwachsen. Und die Sonne steigt in den Lombarden hinunter, beginnt in ihm aufzugehen. […] Er spürt, wie sich jede Zelle in ihm öffnet, grün wird und Licht. Und es beginnt ihm weh zu tun, als müsste er auseinandergehen. […] Der Lombard versucht zu atmen, ruhig zu atmen. Er möchte etwas sagen, aber der Mund geht nach innen auf, nicht nach aussen. Er spürt die Lippen im Innern seines Mundes und das Gras unter seiner Haut. Er will die Augen schliessen, aber die Augen drehen sich um. Schauen nach innen anstatt nach aussen. Da drinnen sieht er nichts als das weite Grasland und Sonne. 

Zustandsveränderungen bestimmen hier der Gang der Dinge. Das illustrieren die Jahreszeiten und das Wetter, der Wechsel von Tag und Nacht, von Schneeflocken- zu Kirschblütengestöber. Auch der Stausee, der einst das Dorf fraß, und die Bagger, die nun wiederum am See fressen. Und der Tuinar putzt seine Schuhe und fettet sie, und so trampelt er mit ihnen durch Staub und Schlamm, und so putzt er wieder seine Schuhe und fettet sie. Es wächst das Gras, es grasen die Kühe und werden gemolken, die Milch wird verkäst, es reifen die Käselaibe und werden verzehrt. Kein Zustand besteht ewig, das gilt mitunter eben auch für den geistigen.

Mit den Kühen spricht der Lombard wie mit Engeln. In seinen Augen glüht etwas Heiliges, von dem man nur hoffen kann, dass es bleibt, wo es ist.

Was es wirklich überall zu sehen gibt, das sind die Wechsel, Zyklen, Prozesse, die in dieser Landschaft arbeiten und zugleich in den Menschen und das Sein überhaupt bestimmen:

Manchem sieht man an, was es früher einmal war. Tier oder Mensch. Feuer, Erde, Holz, Stein oder Wasser. Alles kann alles gewesen sein. Alles kann immer zu allem wieder werden. 

Genau da setzen die Grafiken an – gestaltet von Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch, die gemeinsam das Künstlerinnenduo Walter Wolff bilden. Während auf den weißen Seiten mit Wörtern erzählt wird, was geschieht, wird auf den schwarzen Seiten mit Grafiken erzählt, was noch so vorgeht, was alles so vor sich hin geschieht, in der großen Stille. Die Formen entwickeln sich Seite um Seite, wandeln sich zu etwas Konkretem, dann wieder zu etwas Abstraktem. Man kann den Buchblock tatsächlich wie ein Daumenkino in die Hand nehmen und die schwarzen Blätter fliegen lassen und dann sieht man, wie Flächen zu Pflanzen werden, die wiederum vergehen, und wie sich lose Linien zusammenfinden und zur Maserung eines Holzblocks werden, der wiederum verwittert, und wie Blätter entstehen, die nach und nach ihre Stiele verlängern und ihre Blattrippen verformen, und so werden sie Messer, Gabel und Löffel. Und, und, und. Da sind streng geometrische Formen, organisch-schnörkelige Formen, identifizierbare Formen, rätselhafte Formen, die mit den Wörtern mal sehr direkt, mal eher lose korrespondieren und dabei stets eigenständig bleiben. Was dieses Buch anbietet, ist also – auf ganz andere Art, als das in illustrierten Buchausgaben oder Comic-Erzählungen, Entschuldigung: Graphic-Novels der Fall ist – eine echte Möglichkeit, in Stereo zu lesen. Doppelschön.


> Noëmi Lerch, Willkommen im Tal der Tränen, illustriert von Walter Wolff (Verlag Die Brotsuppe)


Herzlichen Dank an den Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!

POTPOURRI DER GEFÜHLE > Schlaglöcher

Schlaglöcher

Erinnern Sie sich an das unruhige Quirlen eines ganz neuen, unverbrauchten Verliebtseins? Wie anstrengend! Erschöpfend, nicht wahr?
[Die Stimme, sagt er, die Stimme sei es gewesen, die ihn damals endgültig von den Füßen geholt habe. Erlegt wie einen Hasen. Denn nichts anderes ist Liebe ja: eine Jagdveranstaltung. Zunächst also eine ziemlich archaisch-brutale Sache, das ganze, und erst wenn eine solche Episode einen selten glücklichen Verlauf nimmt, nennt man das dann Romantik – aber wo war ich gerade? Ich bin meinerseits damals in diese unschuldige Jagdfalle gegangen, die sein Lachen war, so ein Lachen, das sich wie eine leuchtend warme, summende Grube vor mir auftat, und weg war ich.]
Mit der Zeit beruhigt sich die Lage, früher oder später.
[Es vergehen 10 Jahre, 15 Jahre, keiner hat’s gemerkt, und plötzlich ist man eines dieser Jubiläumspärchen und miteinander siamesisch verwachsen, ein festes Gespann, ein Traditionsgebilde. Manche mit Kind, manche ohne, je nach Schicksal bzw. Geschmack. Auch einen solchen geglückten Verlauf nennt man dann Romantik. Andere sind inzwischen längst getrennt oder gerade dabei.]
Und was kommt dann?
[18 Jahre vergangen, keiner hat’s gemerkt, und plötzlich sind wir eben nicht mehr 19 Jahre alt, wir sind so viel älter und so unturbulent geworden, du liebe Güte, wir sind, was man gemeinhin erwachsen nennt, oder? Das kann man meinetwegen Romantik nennen, aber in erster Linie steht dahinter ein Haufen Arbeit. Ich meine Herzschläge, die zehren. Und Zufallsglück, klar.
Und die Sache ist auch die, dass es der Zweieinigkeit durchaus förderlich sein kann, wenn das Leben draußen seine volle Scheußlichkeit ausspielt – draußen bei der Arbeit, draußen auf dem Wohnungsmarkt, draußen auf dem weiten Feld des Zwischenmenschlichen usw. Wenn man dann ein Wir sein kann, so ein Wir, das gegen diese Scheußlichkeit schützt, dann ist das mitunter zwar ein reichlich pragmatischer Zusammenhalt, aber nennen Sie das ruhig auch einmal Romantik, oft genug ist es das nämlich wirklich. Die Sache mit uns ist also die, dass wir traditionell immer genug Scheußlichkeit um die Ohren hatten, dass uns deswegen gar nicht, oder höchstens einmal flüchtig, in den Sinn gekommen wäre, einander als scheußlich zu empfinden.
Und jetzt? Ist das Leben – keiner hat’s gemerkt – plötzlich um eine oder auch zwei Stufen angenehmer, unkomplizierter, weniger scheußlich geworden, verglichen mit dem Stand der Dinge, den wir traditionell gewohnt waren.
Fragt sich nun: Was soll man auf einmal anfangen mit dieser Unscheußlichkeit?
Plötzlich stellt man fest, glücklich zu sein. Man kann einfach so glücklich sein, sehr gut kann man das sogar, sieh mal einer an. Man streitet sich plötzlich um diese belanglosen Dinge, wie das auch andere stinknormale Pärchen so tun, wer den Müll rausbringt und solche Sachen, ja, und das ist dann auch schon alles, herrlich!
Warum bitteschön nennt man Langeweile, was in Wirklichkeit doch vielmehr eine durch haufenweise Arbeit und eine Menge Zufallsglück erreichte Romantik ist? Ach was, Seligkeit ist das! Was sollte jetzt, was sollte hier schon noch Scheußliches auf uns lauern, sag mal?]
Na, neue Turbulenzen, andere Turbulenzen natürlich. Was dachten Sie denn?
[Dass alles so bliebe, so unscheußlich, so unturbulent, ist ja reines Wunschdenken. Mach ein Foto von unserem Esstisch zur Abendbrotzeit – diese ruhigen, gemeinsamen Abendstunden jetzt, die wir so lieben – und schon hast Du ein monochrom Banketje, eins dieser schlichten Mahlzeitstillleben, die Zufriedenheit nachzeichnen und zugleich Wehmut vorwegnehmen. Es ist alles eitel… Wenn uns nun doch irgendwann einmal die Ernüchterung einholen kommt? Die Langeweile? Was, wenn wir bloß dachten, die Jagdveranstaltung sei für uns gelaufen, und Dich, wer weiß, wieder eine Stimme von den Füßen holt, aber eine andere diesmal?
Wie lange schlafen Scheußlichkeiten für gewöhnlich?
Es gibt am Ende immer was zu fürchten. Und zu lieben genauso.]


Bild: Grebe 2020

POTPOURRI DER GEFÜHLE > James Gordon Farrell, Troubles

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Weil von mir glücklicherweise niemand verlangt, ich müsse bezüglich meiner Kriterien irgendeine Art von Objektivität walten lassen, kann ich Ihnen direkt sagen, dass ich Romane, die 500seitig daherkommen und als Sittengemälde ausgewiesen werden, nur äußerst selten in die Hand nehme. Noch seltener kommt es vor, dass ich einen betreffenden Wälzer obendrein so herzlich liebgewinne, wie nun also diesen hier.
Stellen Sie sich feuchte Küstenluft vor, in die sich der Rauch von Torffeuern mischt; eine karge Gegend, nichts als Gras, Moos, Fels und Wasser. Und mitten hinein denken Sie sich jetzt bitte eine krachend überproportionierte Bruchbude mit hunderten von Zimmern voller Stuck, Samt und Edelholz, Motten, Wurmfraß und Schimmel. Und darin: Menschen, die zu Tee sitzen, während gusseiserne Badewannen durch morsche Zwischendecken rauschen.
Troubles erschien 1970 als erster Teil der Empire Trilogy, in der Farrell die Zerfallsprozesse des Britischen Weltreichs zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg zum Tanzparkett seiner Figuren macht – hier nun den Irischen Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1921.
Ja, genau: vor 100 Jahren. Beschrieben in einem 50 Jahre alten Roman. Und das klingt dann mitunter so, als lausche man einer ziemlich heutigen Unterhaltung über den Brexit:

The Major only glanced at the newspaper these days, tired of trying to comprehend a situation which defied comprehension, a war without battles or trenches. […] O’Neill was now saying confidently that there was no need to worry. „All this will be cleared up now within five or six weeks, you can take it from me.“ […] „Yes, yes, to be sure,“ agreed the Major dubiously. „It must end soon. That’s what we used to say in the trenches,“ he added with a faint smile. „Of course, of course, “ O’Neill said, failing to perceive the Major’s irony. 

Heute ist die Union freilich eine andere und nicht die Republik Irland diejenige, die rauswill, sondern Großbritannien, oder besser Britannien, oder wie auch immer – während der Streit um etwaige Grenzverläufe derselbe ist.
Die „trenches“, die der englische Major erwähnt, sind die des Ersten Weltkriegs, denen er nicht ganz unbeschädigt entrinnen konnte. Mit dem Zivilleben holen ihn auch zivile Themen wieder ein. Angela Spencer zum Beispiel, die der Major – mit zivilem Namen Brendan Archer – 1916 während eines kurzen Heimaturlaubs in Brighton kennenlernte, Turteleien inbegriffen. Drei Jahre lang schrieb die Tochter eines Hoteliers Liebesbriefe und unterzeichnete diese stets als „Your loving fiancée“, was den Major stets milde erstaunte, aber sei’s drum – in der Absicht, die Verhältnisse zu klären und gegebenenfalls eine Hochzeit vorzubereiten, macht sich der nach Fronteinsatz und langem Klinikaufenthalt nun einigermaßen genesene Major im Sommer 1919 auf den Weg nach Kilnalough, Irland, dem Wohnsitz seiner mutmaßlich Verlobten.
Dabei ist die eigentliche Heimat der englandtreuen und erzprotestantischen Spencers weniger das strukturschwache Küstenstädchen Kilnalough selbst – ihr Leben findet hauptsächlich im Majestic statt, dem familieneigenen Prachthotel, dessen Fassade und scheinbar endlose Masse an Zimmern dem Namen eindeutig gerecht werden. Eine isolierte Festung, bewacht von der Bronzestatue Queen Victorias, die den Gästen, aber ebenso den irischen Bediensteten anzeigt, welcher Geist hier herrscht. Das Majestic ist – Sie ahnen längst, wie diese Geschichte funktioniert – natürlich mehr als ein bloßes Hotel: Es ist ein steinernes Manifest anglo-irischer Überheblichkeit, gelegen auf dem höchsten Punkt einer schmalen Halbinsel, von wo aus es sich recht angenehm auf die niederen Reviere des Katholizismus herabblicken lässt, und der Patriarch Edward Spencer führt diesen Klotz mit ähnlichem Habitus und in ganz ähnlichen Strukturen wie ein Feudalherr.
Nur, die pompöse Residenz hat ihren Zenit längst überschritten. Als der Major in Kilnalough eintrifft, lernt er das Majestic bereits als faulenden Apfel kennen. Es erreicht seit Jahren keine Auslastung mehr, schreibt nur noch rote Zahlen und sein guter Ruf verfällt parallel zur Bausubstanz. Im Pool wuchern Seerosen, Katzen ergreifen Besitz von ungenutzten Gesellschaftsräumen. Was der Major für Sommergäste hält, erweist sich als eine Schar alter Damen, die wegen ihrer jahrelangen Haustreue von Edward längst als Familienangehörige behandelt werden und, seit ihre Gelder bedauerlicherweise irgendwann aufgebraucht waren, stillschweigend freie Kost und Logis genießen. Nicht zuletzt Edward selbst, den man hier schnell als den (unfreiwilligen) Bannerträger britischer Schrulligkeit identifiziert, trägt seinen Teil zur Vanitas-Atmosphäre bei: Der Witwer ist ein emotionales Pulverfass, bewegt sich zwischen cholerischen Ausbrüchen, Jovialität und Schwermut, er widmet sich exzessiv seinen Hunden und Schweinen, versucht sich auch mal als Erfinder und ignoriert stets die Bedürfnisse seines Hauses und die seiner Kinder. Ein stattlicher, löwenköpfiger, bärbeißiger Unglücksvogel, dessen Verstand nach und nach genauso erodiert wie Haus und Empire.
Und der Major, dessen ziviler Name in diesen Roman beinahe nie Erwähnung findet? Der kommt ursprünglich als Besucher, und bleibt dann lange, lange, wie einst Hans Castorp, nur dass sich diesen Zauberberg eher Monty Python hätten ausdenken können. Es mag seinem soldatischen Wesen geschuldet sein, dass der Major im Majestic sofort dem Gefühl aufsitzt, sich vielmehr im Einsatz anstatt an einem Erholungsort zu befinden. Und Edwards Feldherrenmanier unterstützt diesen Eindruck nach Kräften. Dem Hausherren kommt ein qualifizierter Kampfgefährte gerade recht, sowohl in der Schlacht um den Erhalt des maroden Hauses, als auch zur Verteidigung gegen die überall lauernden (oftmals imaginären) „Shinners“, wie die Partisanenkämpfer von Sinn Fein hier genannt werden. Schon die erste Begegnung der beiden verläuft militärisch druckvoll – kaum dass der Major seinen ersten Schritt ins Majestic getan hat, zerrt Edward ihn sogleich an die Front.

[…] now they had reached Edward’s study, a room smelling strongly of dogs, leather and tobacco. It turned out to contain a staggering amount of sporting equipment piled haphazardly on an ancient chaise-lounge scarred with bulging horsehair wounds. Shotguns and cricket stumps were stacked indiscriminately with fishing-rods, squash and tennis rackets, odd tennis shoes and mildewed cricket bats. „Take your pick. More in the gun room if those won’t do. You’ll find the ammo over there.“ Edward pointed at a drawer which had been removed from a sideboard and was lying on the floor beside the empty, blackened grate. A huge and shaggy Persian cat was asleep on the pile of scarlet cartridges it contained, scarcely bothering to open its yellow eyes as it was lifted away and deposited on a brass-mounted elephant’s foot. By now they had been joined by two or three other men in white flannels who were also rummaging for ammunition to suit their respective firearms; evidently a tennis match had been in progress. The Major, who had no intention of shooting anyone on his first day in Ireland if he could possibly avoid it, tugged dubiously at a .22 rifle which had become entangled with a waterproof wader, a warped tennis racket and hopelessly tangled coils of fishing-line.

Bis unters Dach Unordnung, unzurechnungsfähige Männer, Katzen, Katzen, Katzen. Wohl oder übel – der Major betrachtet das Haus von Beginn an als Objekt seines Pflichtgefühls, als eine Stellung, die es zu halten gilt, und er bleibt. Er bleibt viel länger als Angela. Er bleibt so lange, dass er irgendwann selbst der Schicksalsfamilie aus gestrandeten Gästen und Gastgebern angehört; auch er genießt stillschweigend freie Kost und Logis, und ebenso stillschweigend nimmt er nach und nach die Verantwortung für das Majestic und seine Bewohner in die eigenen Hände.
Die Troubles um die Unabhängigkeit Irlands wüten unterdessen landesweit. Im Majestic spürt man davon wenig – von Edwards hysterischen Scheingefechten einmal abgesehen. Bis es für die anglo-irische Filterblase reell gefährlich wird und an der Frühstückstafel kein Besteck, sondern Revolver neben den Tellern liegen (die entsprechende Munition in den Zuckerdöschen), dauert es ganz schön lange. Doch was sich in der Zwischenzeit innerhalb des Hauses an Unruhen ereignet, das entspricht durchaus den großen Geschehnissen, gespiegelt auf kleinkosmischer Ebene. Hier toben Stolz, Verzweiflung, Sehnsucht, Trauer, Liebe, Anstand, Begehren und Hass auf engstem Raum. Es ringen verschlagene, nachtsichtige Katzen mit treuherzigen, blinden Hunden um Revieransprüche. Es wird scharf geschossen, geliebt, gelitten, geblutet, sich geschämt, sich amüsiert, sogar gestorben. Draußen wird Queen Victoria auf ihrem Ehrenplatz in der Hotel-Auffahrt angegriffen – drinnen wird eine lange nicht beachtete Marmor-Venus vom Staub befreit. Die Spencer-Kinder – Bruder Ripon, sowie die stets brandgefährlichen Zwillingsschwestern Faith und Charity – bescheren Edward graue Haare, indem sich ihre amourösen Absichten weder um konfessionelle Grenzen noch Anstandsregeln scheren. Und während Angela, des Majors ziemlich antriebslose „loving fiancée“, zunehmend kränkelt, kommt im Gegenzug deren liebste Freundin, die irische, katholische Sarah, nach einer ominösen Bettlägerigkeit Stück für Stück wieder auf die Beine, und diese Beine, ach!, haben geradezu bezaubernd zart-zierliche Waden! Wobei es aber dann doch eher der bezaubernde, herrische Kopf ist, der dem Major das Leben schwer macht. Sarah ist seine große, private Herausforderung. Um nicht zu sagen Schlacht. Fehlt sie ihm in seiner Nähe, läuft der ansonsten doch sehr kampferprobte Major kläglich aus dem Ruder.

He mastered with difficulty a great explosion of rage […], but he knew that the real reason for his irritation was the deprivation of Sarah’s company, for which, feverish and vulnerable, he felt an acute longing.

Schlimmer ergeht es ihm eigentlich nur, wenn die irrlichternde Sarah in seiner Nähe IST. (Sie kennen das vielleicht?)
Der letzte Winter im Majestic lehrt die Hausgemeinschaft bereits das Fürchten und den Major das Leiden, aber das ist noch nichts gegen den kommenden Frühling, der zum großen, apokalyptischen Feuerwerk (der Gefühle) gerät, und ich wünschte sehr, Rowan Atkinson hätte all dies dereinst verfilmt als Blackadder-Serienspecial, ja, das wäre wundervoll gewesen, aber egal jetzt – diese Geschichte ist extrem unterhaltsam, tiefgründig, anrührend und genügt sich selbst, vollauf.


> James Gordon Farrell, Troubles, Teil 1 der Empire Trilogy; die Originaltitel der Teile 2 und 3 lauten The Siege of Krishnapur und The Singapore Grip


Foto: Grebe 2016

POTPOURRI DER GEFÜHLE > Hass

Stellen Sie sich einmal eine Parabel vor. Nein, keine literarische jetzt. Sie erinnern sich – 10. Klasse, Funktionsgleichungen usw.: ein U-förmiger Graph, dessen gebogene Arme spiegelgleich verlaufen und im Scheitelpunkt zusammentreffen. Zeichnen Sie also auf ihr gedankliches Kästchenpapier nun bitte ein Koordinatensystem und eine darin nach Belieben angelegte Parabelkurve. So. Und die eine Parabelhälfte versehen Sie mit dem Wörtchen Liebe. Und die andere mit dem Wörtchen Hass.
Wozu diese Übung? Weil wir ständig ignorieren, dass die beiden Geschwister sind. Der Hass ist der schwarze Zwilling der Liebe. Im Ernst! Die beiden teilen ein und denselben Ursprung, nämlich den Magmakessel des Elementaren. Was auch immer in der Lage ist, unsere Liebe / unseren Hass auf sich zu ziehen, besitzt eine existenzielle Qualität, es beschäftigt uns mit äußerster Intensität, es lodert in den Tiefen der Knochen, nimmt uns vollständig in den Griff und quetscht ungeahnte Energien aus uns hervor – selbst unsere Ängste verkriechen sich lieber in ihre Mauselöcher, wenn wir auf dem Rücken eines solchen Gefühls anmarschiert kommen.
Ich glaube, dass nur, wer auch wirklich lieben kann, die Fähigkeit zu wirklichem Hass besitzt. Denken Sie an die Spiegelgleichheit: Wenn Sie nicht wissen, wie es sich anfühlt, etwas mit der Kraft einer Kernschmelze zu lieben – wenn Sie einen solchen Grad von Intensität also nie kennengelernt haben, dann erreichen Sie den auf der Hass-Skala genauso wenig. Dann haben Sie gewissermaßen nicht das Zeug dazu.
Oftmals spricht man von einem Hass, der plötzlich um sich greife oder überkoche, und meint damit oftmals eigentlich den Zorn – der einem wilden Impuls entspringt und somit eher als der böse Zwilling des kopflosen Begehrens gelten kann. Während der Zorn ein explosiver, blindwütiger Geselle ist, der mitunter ebenso spontan wieder verraucht wie er sich entzündet, ist der Hass ein unsterblicher, konzentriert arbeitender Gott. Hass ist, wie die Liebe, hartnäckig und gezielt auf wenige, bestimmte Personen gerichtet. Der Zorn / das Begehren sind da viel flexibler.
Manchmal lese ich so Kommentar-Ketten auf Twitter, Sie wissen schon, die so vor Gift und Geifer triefen, dass Sie direkt glauben, aus dem Gerät, mittels dessen Sie sich da durchscrollen, müsste es tropfen, eine ordentliche Pfütze voll. Manchmal schaue ich mich argwöhnisch auf diesen Internetseiten um, die sich ganz legal der Romantik von Grundgesetzabschaffung und Menschenvernichtung widmen. Manchmal gerate ich auf einem Parkplatz, in einer Kassenschlange, in der Fußgängerzone, im Zug, im Schwimmbad – suchen Sie’s sich aus – in eine dieser unsäglichen Pöbeleien hinein, die offenbar so untrennbar zum Leben dazugehören wie Zähneputzen oder Noroviren, und mir ist klar, dass ich vor allem deswegen unverletzt und (mit Glück) unbespuckt aus solchen Angelegenheiten hervorgehe, weil ich weder dunkelhäutig, schwarzhaarig, sichtbar religiös oder Rollstuhlfahrerin bin, noch Greta-Zöpfe, Merkel-Blazer oder irgendeine Form von Arbeitskleidung trage, weil ich in einer allgemein ziemlich gnädigen Stadt wohne und bislang auch einfach – denn als mittelgroße Frau ziehe ich meistens den Kürzeren, was das körperliche Kräfteverhältnis anbelangt – Glück hatte.
Verrohung, Hate Speech, hassmotivierte Angriffe auf Mitmenschen, ach, diese flächendeckend präsente Hass-Massenware, dieser ganze, quicklebendige Hass-Mainstream – was taugt der Begriff Hass überhaupt, um das ganze einzuordnen? Ich meine, wo es doch zu einem so beliebten Hobby, zum Breitensport geworden ist, willkürlich seine Mitmenschen – direkt oder anonym, in echt oder in Internetland – mal eben anzugreifen, aus Bock, verbal, brutal, illegal, scheißegal?
Hass ist ein Gefühl. Ein furchtbar intensives. Eines, das sogar dem Hassenden selbst eine Qual ist. Der reaktive Hass ist ein genauso zielgebundenes, genauso unwillkürliches Gefühl wie die Liebe.
Indessen ist die Sache mit den Gefühlen immer, von Natur aus, eine etwas diffuse, klar. Wenn man nun aber alles, was auf irgendeine Weise laut, böse, gewaltlüstern ist, mit dem Wörtchen Hass versieht, macht man aus einer diffusen Kategorie eine beliebige. Vor allem jedoch gibt man Leuten, deren einzige Freude es ist, sich mit der Aggressivität eines besoffenen Rottweilers an der Gesellschaft auszutoben, damit eine besondere Rechtfertigungsbasis: Gefühle kommen ja nicht aus dem Nichts – sie werden hervorgerufen! Von ETWAS hervorgerufen, klar? Unsere Gefühle sind wichtige Zeugen! Unsere Gefühle sind Reporter, deren Berichte Ihre werte Aufmerksamkeit verdienen, denn sie dokumentieren die Lage in den Krisengebieten, die unser Alltag sind, kapiert? Unsere Gefühle sind Botschafter im Auftrage unserer geschundenen Seelen, jawohl, also besitzen sie quasi diplomatische Immunität, merkt Euch das, Ihr F*#§%+!
Überlegen Sie, wie furchtbar praktisch es doch ist, eine Regung der niedersten Triebe – reine Gewaltlust nämlich – zum Ausdruck eines tief empfundenen und zutiefst menschlichen Gefühls zu erklären, um nicht zu sagen: zu veredeln. Sehen Sie mal, was für schamloser Mist plötzlich Validität erlangt, indem er als Gefühlsausdruck verkauft wird!
Menschen haben Gefühle, gute, böse, verwirrende. Das ist der Ausweis des Menschlichen schlechthin. Aber wissen Sie: Wer es mal eben so zwischen dem Frühstück und der Runde mit dem Hund, oder beim Schwätzchen mit KollegInnen, oder in der Kassenschlange im Supermarkt, oder zu Tisch bei einer Familienfeier, oder – Sie wissen genau, was ich meine: Wer es mal eben so zwischen zwei Schlückchen Kaffee fertigbringt, seinen Mitmenschen zu sagen, sie sollen doch bitteschön durchgefickt, gehäutet, an die Wand gestellt werden oder zusehen, wie ihre Kinder am Spieß braten, der hat alle möglichen Probleme, aber Gefühle hat er keine. Selbst Hass wäre dafür ein zu großzügiger Begriff. Gefühle sprechen an dieser Stelle nicht aus dem Menschen – da zeigt sich im Gegenteil, dass sie fehlen, die Gefühle, da sind weit und breit keine in Sicht. Da ist bloß Bock auf Tollwut, Lust auf billige Gewalt, kopfloser Hau-drauf-Instinkt. Und das, Leute, genau dieses Fehlen von Gefühlen, ist der Ausweis des Unmenschlichen, und sonst gar nichts.

ANEINANDER VORBEINSAM > Salzmorgen

Weil es heute Sperriges mitzuschleppen gibt, bringe ich das eigene und das Nachbarkind mit dem Auto zur Schule. Natürlich ist das eine dumme Idee – auf dem Rückweg lande ich punktgenau in diesem Verkehrshoch, das einmal morgens, einmal spätnachmittags (die Gezeiten der Blechmeere) die Stadt beherrscht. Hinzu kommt die Sperrung einer Nebenstrecke, sodass sich alles auf meinem Weg bündelt. Da stehe ich nun auf der Straße herum, komme ein bisschen voran, in der Schrittgeschwindigkeit eines Montagmorgens, stehe wieder. Der Motor dröhnt, er brummt die sehr lange und sehr eintönige Ballade vom automobilen Einzelpersonenverkehr (das Kulturgut der Autobahnen, Landstraßen und innerstädtischen Hauptverkehrsadern). Auch der Körper dröhnt ein bisschen (die Erkältung). Dunkel ist es, dreckig schwarz blitzt die Fahrbahn unter Scheinwerfern auf, dreckig grau schlafen die Bürgersteige. Ich wünsche mich weg, nach Brachland, die Füße bis über die Knöchel in schönstem Unkraut und um die Ohren nichts als einen Himmel voller Krähen und Bussarde. Der Motor dröhnt. Neben mir, hinter mir, vor mir Autos, in denen je ein einzelner Mensch sitzt, wie ich: Alle drei Meter ein Mensch, einzeln verpackt, und ein Motor, der sein Lied dröhnt. Ich schaue mir die Gegenspur-Gesichter an, die im Scheinwerfer aufglimmen, und ich könnte mir kein einzelnes merken, und niemand merkt sich mich. Einsam wirken wir alle. Montagmorgeneinsam. Arbeitswegeinsam. Mitsichselbsteinsam. Das Auto ist der schmückende Rahmen dieser Einsamkeit. Der Motor dröhnt.

Warum singe ich vor mich hin?

Ich habe den dröhnenden Kopf auf einen Schlag voller Musik. Heute aber nicht die bewährten Trostlieder, diese Brachlandlieder, gemütlich, warm – dafür ist mir inzwischen tatsächlich zu grau zumute, leicht jaulig sogar. Sondern also diese salzigen, leicht jauligen Lieder, die ein bisschen trösten und zugleich brennen (das Geisterflüstern verflossener Berührungen und anderer Wohlgefühle, auch von Herzeleid, Scham, oder auch von Momenten einer „So ist das also“-Erkenntnis, die, äußerlich unsichtbar, innerlich genauso einschlagen kann wie eine Umarmung, eine Backpfeife). Intensität ist das eigentliche Gegenteil des Montagmorgens. Musik, die eine gewisse, erlebte Intensität speichert (die Musik der wunden Punkte und der peinlich gehüteten Wunder), kann mir vielleicht gegen diese mitsichselbsteinsame Parade von Gesichtern, meines inbegriffen, helfen – ? Sie muss bloß irgendwie ankommen gegen den Motor, der sein Lied dröhnt.

Morgen wieder zu Fuß.

 

 

ANEINANDER VORBEINSAM > Zusammen ist man irgendwie noch ein bisschen mehr allein

> Mira Gonzalez, Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können (Hanser)


Ich gucke Leute an, die tanzen und sich anfassen
Ich trinke Wodka mit Eis und fühle mich unglaublich beschissen
Ich frage mich, ob sich irgendjemand hier einsamer fühlt als vor einer Stunde
als sie allein in ihren Zimmern waren und sich Sachen im Internet angeguckt haben
(Ohne Titel 5)

Na, jede Zeit bekommt eben die Lyrik, die sie verdient.

„Ich frage mich“ ist an dieser Stelle rhetorisch gemeint, oder nicht? Vielmehr garstig ironisch – denke ich, wenn ich einen eher garstigen Tag habe. An einem eher lethargischen Tag allerdings nehme ich diese Frage wörtlich, so, wie ich mir diese Frage auch als lethargische 15-, 16jährige auf einer Party ganz ernsthaft gestellt hätte, wäre Sachen im Internet angucken damals schon ein Ding gewesen: Fühlen sich eigentlich alle heimlich einsam oder bin nur ich der Jammerlappen hier?

Ich bin aber doch nicht mehr 15, 16?
…Richtig?

Wie viele Merkmale, die Dich heute von Dir mit 15, 16 unterscheiden, kannst Du innerhalb von 20 Sekunden auflisten? Go!
Es ist gut, im Inneren immer ein bisschen wie 15 oder 16 zu bleiben. Discuss!

Vor fünf Jahren erschien Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können von Mira Gonzalez, bei Hanser, in einer übertrieben besonderen Ausgabe. Zweisprachig, tolle Typo, bisschen Pink etc. Nicht, dass ich das nicht hübsch fände. Aber ich frage mich durchaus, ob es not tut, ein Buch zu machen aus etwas, was sich überhaupt nicht anders anfühlt als zwei Stunden Rumeiern auf Twitter. Dem Twitter von 2014, wohlgemerkt. So viele Leute, so wenig echte Themen…

Na, jeder Lyrikband ist eben ein Dokument seiner Zeit.

Gut. Wie lange währte jene Zeit also, welche in Mira Gonzalez‘ Lyrik drinsteckt? Eine Tweetlänge? Fifteen minutes? Oder dauert sie ungebrochen an?

Ich berührte den klebrigen Staub auf der Innenseite meines Wandschranks und fühlte mich ohne besonderen Anlass schuldig
(aus: Ich wünschte, du würdest mich anschreien und ich würde zurückschreien und wir würden uns beide daran erinnern, dass wir mal eine Beziehung hatten, die das Geschrei wert war)

Du genießt deinen Hunger
Hunger ist ein lösbares Problem
Es liegt ein roher Triumph auf jedem Ort

an dem du keinen Sex hattest
(aus: 3,14159265359)

Ich glaube, ich höre auf, meine Brille zu tragen
Die Dinge erscheinen mir angenehmer, wenn ich nicht allzu scharf sehe
Ich hätte gern ein Gefühl, als würde mir 3 Jahre lang gemächlich ins Gesicht geschlagen
(aus: Vor 2 Wochen habe ich auf einer Party nach Drogen gesucht)

Diese Gedichte dokumentieren eine Zeit der Verweigerung gegenüber Anforderungen vieler Art. Anforderungen an die Form, denn die Form dieser Gedichte ist mal so, mal so, insgesamt eher irgendwie schnuppe. (Ich glaube, daher nervt mich diese hübsche Ausstattung der Hanser-Ausgabe auch so, die ist so appealing, das fühlt sich so ganz falsch an; man müsste diese Gedichte in Oktavhefte drucken, wie man sie in der Schule hatte, um seine Hausaufgaben zu notieren. Am besten sollten sie vielleicht gar nicht erst gedruckt, sondern handgeschrieben sein, mit Kuli; dazwischen ein paar Kritzeleien und, was weiß ich, Tabakkrümel.) Anforderungen an den Inhalt, denn der ist insgesamt ziemlich schnuppe, dabei stets sensationslos und zum Herzerbarmen selbstreferentiell. Anforderungen sozialer Natur an das lyrische Ich, dem die Natur des Sozialen insgesamt irgendwie fremd, aber sowieso auch irgendwie schnuppe ist. Über ihre Zeit, deren Dokumente diese Gedichte sind, sagen sie also vor allem aus, dass es sich dabei um eine Unzeit für Handlungs-, Gestaltungs- und Erfüllungswillen handelt.

Wenn ich Zeit sage, sind Sie übrigens aufgefordert, Raum bzw. Blase mitzudenken. Zeit und Raum markieren hier eine Blase, in der folgende Attribute bestimmend sind: millennial, single, mental instabil, emotional haltlos, isoliert, passiv, weiblich, westlich, weiß.

Ich hatte nichts gegen den Sex und die Autofahrten
die leisen Entschuldigungen für unser Unvermögen, mit unseren Mündern etwas Handfestes hervorzubringen
Ich habe in diesen Nächten so gut geschlafen
(wieder aus: Ich wünschte, du würdest mich anschreien und ich… usw.)

Warum lese ich diese Gedichte gern?

Am wohlsten fühle ich mich unter Leuten, die mir Vorwürfe machen
Ich finde, wer mir nicht dauernd Vorwürfe macht, lügt
oder will mich irgendwie anders (…)
In letzter Zeit hege ich die Vermutung, dass Trockenfrüchte mehr Kalorien haben als normale Früchte
Ich fühle mich wie 400 tote Quallen auf der Autobahn
(aus: Was ich heute gegessen habe: Kaffee, Currygemüsezeug aus dem Biomarkt, Pflaumen)

Warum zum Teufel fühle ich mich durch diese Gedichte so oft ertappt, erwischt, getroffen? Ich bin kein Single, nehme keine Drogen, bin emotional überhaupt nicht haltlos und mein 15-, 16jähriges, emotional haltloses, isoliertes, passives Ich, das offenbar in vielen Millennialköpfen noch selbstverständliches Wohnrecht genießt, habe ich doch längst unter viel Aufwand und Getöse rausgeschmissen! …Richtig?

Warum haben die vergangenen fünf Jahre mit ihren Themen, die uns doch alle so kollektiv, aktiv und aware haben werden lassen – Pegida, „Flüchtlingskrise“, Trump, Me too, Fridays for Future etc. pp. – dem atmosphärischen Wahrheitsgehalt dieser Gedichte nichts anhaben können? Wir glauben, endlich der nihilistischen Niemandsherrschaft entronnen zu sein, die uns seit den 90ern fest in ihrer Gewalt gehabt hat, denn nun gibt es plötzlich wieder Themen, die zählen, Dinge, für oder gegen die wir sein können, Menschen, die etwas zu SAGEN haben, nicht wahr? Kommt, ein paar Tage noch, und dann beginnt das nächste Jahrzehnt, ein ganz neues Jahrzehnt, und es wird das Jahrzehnt ganz neuer Bewegungen sein, und alle, alle machen mit! Innere Isolation war gestern – Schurkentum, Heldentum liegen auf einmal wieder in der Luft, wo zuvor bloß Kifferqualm war!
Wir sind doch endlich AUFGEWACHT jetzt!

…Richtig?

ANEINANDER VORBEINSAM > Ein Männlein steht im Wäldchen

Zwei Stunden lang bin ich mindestens unterwegs, nie weniger, gern mehr. (Das jedoch nur, wenn es die Tagesplanung hergibt. Ganz ohne Plan und Uhr verschwunden, einen vollen Tag lang, bin ich schon ewig nicht mehr. Ich vermisse das zwar nur selten, aber wenn, dann sticht es mich allerdings ins Zwerchfell, ja.)
Es ist nicht bloß das Wetter, was mich ausfliegen lässt – inmitten verregneter Herbsttage plötzlich diese hellwarme Enklave. Mir ist auch sonst jedes Wetter recht, ich bin da nicht so.
Frühmorgens lassen sich Tiere blicken: Feldhasen, ein Fasanenpaar, Rehe. Als ich mich durchs Dickicht eines Knicks drücke, kullern fluchtartig ein paar grau-braun-melierte Federkügelchen vor mir davon. Mich überrascht, dass Wachteln „in Rudeln“ leben, was hier natürlich ein falscher Ausdruck ist, aber zugleich der genau richtige. Und mich überrascht, wie exakt sie in ihrer Motorik einem Dutzend angestoßener Billardkugeln gleichen.
Dass ich gerade, kurz nach Dämmerung und reichlich fern von Zuhaus, über Billardkugeln nachdenke, während ich knöcheltief in einem weichen Rübenacker stehe, der so abseitig liegt, dass hier nicht einmal die Wachteln auf Störungen gefasst sind, daran überrascht mich längst nichts mehr. Das ist normal.
Etwas überrascht wirken höchstens vereinzelte Passanten, die mitten im Feld, in aller Herrgottsfrühe, keinen Gegenverkehr erwartet hätten; heute ein Jogger, eine Radlerin, ein Frauchen samt Labrador. Natürlich grüße ich freundlich.
Ich wohne noch nicht sehr lange hier, aber irgendwann werden sich die Leute schon daran gewöhnen, dass ich ihnen ab und an im Feld begegne, irgendwie fehlplatziert, als wartete ich hier auf einen Bus, der mich ins Büro bringt. Oder zum Mond. In meinem Heimatort wundert sich jedenfalls kaum noch einer, wenn ich unerwartet eine Uferböschung emporgekraxelt oder von einem Jägersitz herabgepurzelt komme.
Zuhause ist – und das formuliere nun bitte jeder so für sich, wie es jeweils am ehrlichsten gesagt ist – Zuhause ist für mich, wo ich jeden Baum, Strauch und Graben kenne. Mir kann also durchaus niemand, der mir beim Stromern begegnet, vorhalten, ich liefe bloß in der Gegend herum, wo ich rein gar nichts zu Suchen hätte.
Natürlich suche ich Zuhause.
Und stehe dabei, indem ich mir die hiesigen Bäume, Sträucher und Gräben bekannt mache, längst drin im Vertrauten, im Familiären will ich fast sagen – ich meine: Wissen Sie, weshalb mich der Herbst so beklemmt, der Winter so strapaziert? Weil mir in dieser Zeit Stück für Stück, mit jeder Frostnacht, meine traulichste Gemeinschaft abhanden kommt. Wem es eher schwerfällt, unter Leuten Gemeinschaft und Vertrautheit zu finden oder herzustellen, der kann so wunderbar leicht unter die Pflanzen gehen, sich so leicht den Singvögeln und Insekten anschließen, sich allzu leicht in diese Gemeinschaft hineinverlieren, die all denen Zutritt gewährt, die bereitwillig darin verschwinden mögen.
Ich bräuchte, um unterwegs keinen leicht überraschten Gesichtern mehr zu begegnen, nur irgendein eindeutiges Attribut mit mir zu führen. Ich müsste bloß atmungsaktive Laufkleidung und Turnschuhe tragen. Ich bräuchte nur, wie früher, einen Kinderwagen zu schieben. Ich könnte ganz einfach zwei Nordic-Walking-Stöcke in die Hände nehmen, das würde schon vollkommen genügen.
„Du brauchst einen Hund!“, diesen naheliegenden Ratschlag bekomme ich am häufigsten zu hören, klar.
Dass die Tiere sich mit fortschreitendem Morgen rarer machen, liegt anteilig auch daran, dass sich die Leute, die joggen, walken, radfahren und Hunde ausführen, nun häufen. Trotzdem begegne ich selten mehr als diesen üblichen zwei, drei Menschen, denn auf die anständigen Wege, wo man nun einmal Leuten begegnet, komme ich nur zurück wie ein Lied auf den Refrain – dazwischen schlage ich meine etwas weiter ausholenden Bögen ins Unwegige.
Natürlich brauche ich keinen Hund, um Querfeldein-Gänge zu machen. Als ob ich ohne Hund die Querfeld-Eingänge nicht passieren könnte, nicht passieren dürfte.
Ich bin mein eigener Hund.
Wieder ein Reh, diesmal so nah, dass ich den Fächer seiner Wimpern erkennen kann. Es registriert schnell, dass ich zu dichtauf bin, und setzt sich zügig, aber unangestrengt in das am Ackerrand beginnende Waldstückchen ab.
Bei Fotos und Darstellungen von Rehen richtet man sein Augenmerk vorrangig auf ihre Zierlichkeit – was aber meinen Eindruck von ihnen in freier Wildbahn an erster Stelle bestimmt, ist ihre Lautlosigkeit. Wie kann sich etwas von dieser Größe in dieser Umgebung und mit dieser Geschwindigkeit bewegen, ohne dabei auch nur das geringste Geräusch zu verursachen? (Das Reh als klassisches Vergleichstier für zarte, elegante Frauen – ein Vergleich, der die rehische Scheu mitmeint. Und der wohl auch jene nebengeräuschlose Präsenz mitdenkt. Und damit, alles in allem, der Adressatin eine gewisse Schwächlichkeit, Kläglichkeit attestiert. Noch nie habe ich gelesen oder gehört, wie der Reh-Vergleich einem Mann gegolten hätte.)
Ich bin keine vergleichbare Verschwindekönigin. Aber wenn ich in diesem Umfeld nicht gesehen werden möchte, vielleicht, weil ich gerade nicht unbedingt Lust dazu habe, schon wieder ein milde irritiertes Gesicht freundlich zu grüßen – wenn ich hier also nicht gesehen werden möchte, wissen Sie, dann sieht mich auch niemand.
Wer versuchen sollte, sich zusammengekauert hinter einem Baumstamm zu verstecken, der wird übrigens ganz sicher gesehen, versprochen – das erfolgreiche Verschwinden ist keine Frage des Stillhaltens, sondern der Bewegung.
Nach einer, vielleicht auch anderthalb Stunden fühle ich mich ganz und gar eingelaufen in der Gegend. Ich kann jetzt mit dem Bachwasser mitfließen, mit dem Espenlaub mitrauschen, mich unterschiedslos zwischen schwankenden Kiefernästen bewegen; ich bin vollständig synchronisiert.
Und sie lässt schrittweise nach. Die Unruhe.
Natürlich laufe ich nicht herum wie eine Irre, bloß weil mich ein paar Sonnenstrahlen nach draußen locken, sondern weil ich ein Wespennest im Brustkorb sitzen hab.
Es ist nicht ganz leicht und wird mit den Jahren eher noch zäher, schwergängiger, immer wieder aufs Neue anzufangen. Umziehen, sich einrichten, sich einfinden. Sich von vorn erfinden. Anschluss suchen, Anschluss finden, den Anschluss halten und ausbauen, bis man aus den Oberflächlichkeiten herauskommt; dazu braucht es freilich nicht nur die entsprechenden Anstrengungen, sondern obendrein Glück. Möglichst einen Job finden; welchen diesmal? Bloß nicht irgendwo auf dem Weg verloren gehen. Bloß die Orientierung behalten.
Wohin jetzt mit diesen Wespen?
Hierhin, dorthin. Weiter. In den Wald.
Gute Menschen, gute Arbeit zu finden ist immer schwierig. Zu verschwinden ist ganz einfach.
Jeden Baum, Strauch und Graben nach und nach kennenzulernen und sich, unabhängig von Google Maps, die Gegend zu erschließen, sodass man stundenlang, ach, so lange wie irgend möglich querfeldein herumkommt, ohne sich zu verlaufen – im Grunde nur ein vielleicht etwas zwanghaft geratenes Ritual, um den eigenen, inneren Richtungssinn zu beschwören, nicht?
Mann und Kind haben sich eingefunden, haben Anschluss, haben Alltag. Die zurückgelassenen Freundinnen und Kolleginnen haben nach wie vor ihren Alltag. Ich rede mit allen ausgiebig über ihre Alltage, gern.
Wo muss ich meinen eigenen Alltag suchen? Statt Alltag kommen die Wespen. Ich rede gern über alle Alltage, aber nie über die Wespen.
Um mich muss sich niemand Gedanken machen, ich verschwinde seit jeher allzu leicht und liebend gern. Mir tut das gut. Andere (und das sind viele) gehen jagen oder in fragwürdige Clubs, betreiben exzessiv Sport, bringen sich vorsätzlich in Kalamitäten usw. Sollen sie ruhig. Ich verschwinde. Zumeist wegen der Wespen. Ich verschwinde mitsamt der Wespen – um ohne sie zurück zu kommen.
Natürlich komme ich jedes Mal zurück.
Natürlich ist –
Halt.
Was war da?
Ich kriege nicht gleich die Angst, wenn es mal knackt im Gebüsch, nein. Höchstens einmal die Wildschwein-Angst. (Wildschweine sind das gefährlichste, was in der Feldmark droht.) All diese Abende, an denen meine Mutter mir eintrichterte, ich müsse spätestens um zehn zurück zu Hause sein, denn es sei nachts viel zu gefährlich, allein durch die Feldmark zu radeln, zumal für Mädchen – als säße da irgendwo irgendjemand lauernd im Graben herum, um nach fünf oder zehn Stunden einsamer Warterei im Nirgendwo endlich mal zuzuschlagen, herrje, wie albern.
Da war weder Geräusch noch Geruch; es sind die Augen, die etwas „gewittert“ haben, was hier natürlich ein falscher Ausdruck ist, aber zugleich der genau richtige. Keinen Mucks machen jetzt. Horchen, schauen.
Fichten, Brombeerranken, Amselrascheln, in der Ferne eine Bundesstraße, Birken, Taubenflug, Kieferndickicht.
Hinter mir. Mit einem Ruck drehe ich mich um und sehe nun das rot-karierte Flanellhemd so klar und nah, dass ich mich glatt selbst wundere, weswegen ich nicht schreie.
Ich renne auch nicht weg, ich will das Flanellhemd nicht im Rücken haben, während ich kopflos vor ihm davon kullere wie ein gescheuchter Hühnervogel, ich habe mein Taschenmesser dabei, ich –
Der rot-karierte Mann bewegt sich gar nicht.
Für einen Moment empfinde ich gerade das als besonders bedrohlich, besonders unheilvoll. Und der Moment geht vorüber. Und der Mann bewegt sich noch immer nicht.
Na, kein Triebtäter.
Gut.
Jäger? Blödsinn.
Harmloser Pilzsammler?
Ich bleibe in Bewegung, ich schaffe vorsichtig Abstand. Der Mann steht mit geschlossenen Augen und sehr geradem Rücken einfach da, auf einem lichten Fleckchen zwischen den Kiefern, deren harzige, zottige Astwedel windbewegt um ihn herum tänzeln. Er selbst rührt sich nicht im Geringsten, er ist sein eigener Stamm, sein eigener Stein.
Die Ellbögen vom Oberkörper weggewinkelt, bilden Ellbogen, Ellbogen, Kopf ein ziemlich gleichseitiges Dreieck. Seine Hände halten seinen Brustkorb, als hielten sie ein großes Gefäß. Sie ruhen flach, besänftigend auf den unteren Rippen, genau dort, genau auf jenem Breitengrad der Brust, wo auch die Quartiere der Wespen liegen.
Was fange ich nun mit diesem Bild an? Ein schiefes Lächeln ziehen, über mein dummes Erschrockensein von eben. Und sonst? Ich frage mich, ob der Karierte mich tatsächlich gar nicht bemerkt hat. Oder ob ich ihn nicht doch in seiner Kontemplation unterbrochen habe und er nun, innerlich sehr angestrengt, über diese Störung hinwegmeditiert. Wie lange er wohl schon so dasteht? Und wie kommt er überhaupt dazu? Ich meine, sich so ins hinterste Abseits zu verkrümeln, um dort zu meditieren. Rundum einsam.
Kurz, wie geht’s ihm?
Warum gehe ich nicht näher ran, grüße, sage ganz schlicht: „Sie haben mich erschreckt, wissen Sie“? Oder, umgekehrt: „Ich möchte Sie nicht erschrecken, wissen Sie“? Woher diese Scheu, seine Ruhe zu stören? Oder geht es etwa gar nicht so sehr um seine Ruhe, sondern, umgekehrt, vielmehr um meine eigene, sorgsam gepflegte Unsichtbarkeit, die damit unterbrochen, gestört würde?
Kurz, warum frage ich nicht: „Was machen Sie so allein hier, Mensch? Wie geht’s Ihnen?“, sondern bleibe stattdessen in Bewegung, vergrößere weiterhin den Abstand, weiter, weiter, lautlos?
Bis sich das Kieferndickicht sacht winkend vor diesem Bild schließt, und ich –
Du liebe Güte, ich muss jetzt aber auch wirklich zurück! Einkaufen!


Foto: Grebe 2019

SPÄTSOMMER > Ende der Freibadsaison

Gras (2)
Die Freibäder schließen bald, und wahrscheinlich war dieser letzte über 30° heiße Augusttag wohl mein letzter Freibadtag für dieses Jahr.
Ich, die solche Hitze ja furchtbar hasst, bin selig, wenn ich mich da im Wasser abkühlen und danach reptilisch im Halbschatten ausstrecken kann. Rege Freibadgängerin bin ich allerdings erst wieder, seitdem ich nicht mehr allein, sondern mit Kind planschen gehe.
Früher, viel früher war ich selbst Freibadkind. Im Dorf gab’s ja nix – aber ein Freibad, und ein schönes noch dazu, sogar ein beheiztes: Die Abwärme der Kühlanlagen des Kalibergwerks temperierte Nichtschwimmer-, Babyplansch- und Wettkampfbecken. Hatte der Kali seine Betriebsferien ausgerufen, merkte man das an der schlagartig eisigen Badetemperatur, was zumeist passend mit den brennendsten Sommertagen zusammenfiel.
Dieses Freibad wird, wie haufenweise andere Freibäder, geschlossen werden, wenn das Geld der Kommune noch knapper wird. Momentan vernachlässigt man es gründlich, katalogisiert nach und nach seine Mängel und Gefahren und wird es irgendwann erleichtert dicht machen, nächstes Jahr vielleicht, und das war’s dann also für mein Freibad, in dessen türkisblauen Fliesen sich meine Grundschulsommer spiegelten. Morgens mit dem Fahrrad hingefahren, mal mit einer Freundin, mal allein, nur ein Handtuch und eine Flasche Brause dabei, erst spätnachmittags wieder zurückgeradelt und sich an Sattel und Lenker, die stundenlang in praller Sonne standen, die Pelle verbrannt. Und es war unser Freibad, als ich wieder zurück auf dem Dorf war, mit eigener Familie. Mein Kind mit seiner Seepferdchen-Badehose, immer ein paar Kinder aus der KiTa, der Grundschule drum herum, kreischend, gackernd. Ich mit den Mamas am Beckenrand oder auf der Picknickdecke. Schönster Provinzsommer.
Belächeln Sie das nicht! Wenn Sie Hamburger Verhältnisse gewohnt waren – all der Style um mich her im Stadtpark, auf dem Spielplatz, all die Body-Issues, die ich eigentlich gar nicht hatte und doch entwickelte – und dann kommen Sie nach Haus, in Ihr Freibad, und auf der Picknickdecke sitzen Sie mit den anderen Müttern (die Sie teils schon lange kennen, aus Vor-Muttersein-Zeiten) und die haben keine Porzellanhaut, keine streifenfreien Bäuche, keine Kleiderständermaße, ach, aber die pflegen einen solchen Umgang damit, die pflegen und verbreiten einen so unkomplizierten Pride, dass Sie nie wieder dämliche Frauenzeitschriften kaufen müssen, die Ihnen erzählen wollen, wie Body-Positivity angeblich funktioniert. Ich besitze nur noch ballermannbunte Badewäsche – eine Landei-Nixe wie aus dem Bilderbuch – und wenn’s bei Aldi mal wieder korallenrote oder tropisch blumige Bikinis für’n Fünfer gibt, kauf ich den nächsten und hüpf damit ins Wasser, völlig unfrisiert, ungeschminkt, scheiß auf den perfekten Glow, und dann habe ich einen wundervollen Tag, wissen Sie?
Auch hier haben wir nun unser Freibad, und mein zufriedenes Körpergefühl ist nicht baden gegangen, und mein Kind hat liebe Freunde gefunden, die wir gern mitnehmen (und sie uns). Ländlich gelegen, nicht ums Eck also, aber, ja: idyllisch.
Das hilft gut gegen das Heimweh. Alle Freibäder in der Provinz sind über den universellen Provinz-Freibad-Äther miteinander verbunden. Sie teilen dieselben sonnenverbrannten Liegewiesen von Rasen, Klee, Schafgarbe, Breitwegerich und Löwenzahn. Dieselbe Geräuschkulisse: Rauschen von Duschen und Wasserbewegung. Lachen, Brüllen, Mama-Papa-Rufen. Überall Gespräche, Gespräche – in Freibädern wird ja viel mehr gesprochen, als man sich bei oberflächlichem Nachdenken so einbildet. Patschende Bälle. Schwalbengeschrill. Die Wespen überm Wasser, in der Ferne, auf einmal nah am Ohr. Das Klatschen und die Wasserfontänen unterm Sprungturm. Treckersummen weht manchmal von den Feldern rüber. Dieselben Gerüche, die sehr eindeutig und sehr dominant sind: Chlor, Sonnencreme, Pommes und Petrichor. Dieselbe knallblau glasierte Keramikschale, die der Himmel ist und sich an Schönwettertagen über allem wölbt, wie eine Hand, die etwas bloßlegt, etwas beschirmt, na, beides. Die Leute, wie überall: platt auf Liegetüchern ausgestreckt, Brotlaibe, die in der Sonne backen. Die Horden der Zwölfjährigen: Halt’s Maul Missgeburt wie dumm bist du fick dich Mann fick dich Nutte!, aber ich bin nicht mehr zwölf, mich gluckert niemand mehr unter. Die Teenager: stecken noch in den Skizzen der Körper, die sie in fünf, in zehn Jahren haben werden. Die Beine haben schon Höhe erobert, die Arme schon Weite erlangt; die Dynamik ist furchtbar ungelenk, noch. Körper, die bloße Zollstöcke sind und mit jedem Schritt und Schwimmzug die unsichtbaren Hohlformen ausmessen, die noch mit unzähligen Stoffen aufzufüllen sind, nach und nach, täglich. Im Wasser und unter der Sonne das ganze Spektrum von Altersstufen, Körperkonsistenzen, Temperamenten, Hautvarianten, Haarigkeiten. Tattoos von Lakritzschwarz über Verblichenheitsgrün bis Pastellbunt. Ich sehe sehr selten Badende mit Körperbehinderungen – weil sie sich nicht wohlfühlen würden, oder wegen der unbestreitbaren Bosheit der Anderen, oder mangelnder Barrierefreiheit? Oder ist das bloße Statistik?
Ich beobachte manchmal ein Kinder-Gerangel, das dann doch zu grob wird, und schalte mich als Spielverderberin ein, aber viel öfter beobachte ich, wie leicht sich wildfremde Kinder zum Toben zusammenschließen, wie mühelos sie in gemeinsame Drehbücher oder Wettkampfregeln hineinfinden; ist schon lange her, dass ich mal helfen musste, eine geplatzte Kinderlippe zu verarzten. Unter den Erwachsenen erlebe ich seltsam selten Giftigkeiten, dabei machen die Hitze, die halbnackte Situation und die Verteilungskämpfe um Sonnenplätze, Schwimmbahnen, den Platz in der Pommes-Schlange fraglos reizbar. Es ist vielleicht wirklich die Halbnacktheit, die den Mumm zum Streiten dämpft. Ab und an muss man sich natürlich dennoch überwinden, dennoch mal was sagen, mitunter selbsternannten Blockwarten in die Parade fahren, auch wenn man sich selbst, so als nasse Katze im Blümchenbikini, nun nicht gerade respektabel vorkommen mag.
Ich trinke Thermoskannenkaffee, für die Kinder gibt’s kalten Tee, Äpfel, Cracker, manchmal Pommes für zwei Euro die Portion. Das Surfer-Hair und den Bronzeteint, die wohlige Einschlafmüdigkeit abends, das gibt es alles umsonst. Wir bezahlen hier ein paar Euro fuffzig für den ganzen Tag und zwei, drei Personen – weniger als eine Schachtel Kippen kosten würde, oder ein Royal TS, oder ein Starbucks-Coffee oder -Latte in Größe Venti.
Die finanzielle Hürde, hierherzukommen und einen Tag mit Schwimmen und Seelenbaumelei zu verbringen, ist also recht niedrig. Ich finde das wichtig. Ich finde das notwendig fürs Gemeinwesen. Freibäder, die bezahlbar sind, sind ein Stück Gemeinwohl. Nur ist eben ein Freibad, das bezahlbar ist, alles andere als eine geölte Rendite-Maschine.

Ich formuliere zwar ungern alarmistische Sätze, aber voilà: Wir sind über den Spätsommer des demokratisch erwünschten Gemeinwohls längst hinaus. Das ist kein Anflug von Gestrigkeit, ich will absolut nicht zurück in die 80er, nein danke – ich würde vielmehr gern in die 2040er schauen und ein Bild vor Augen haben, überhaupt irgendein Bild, im äußersten Idealfall ein gutes. Aber wohin sollen die laufenden Entwicklungen schon führen? Es ist so gegeben und offenbar in Stein gemeißelt, dass die Institutionen, die uns allen zur Verfügung stehen, uns dienen, uns helfen, uns guttun sollten, per se keinen Wert besitzen, solange sie nur dieses diffuse Gemeinwohl, aber keinen wirtschaftlichen Profit generieren. Bildung, medizinische Versorgung, Pflege, Lebensmittelproduktion, Infrastruktur, Umweltschutz müssen Geld abwerfen, so ist das halt, wie stellen Sie sich das denn vor – um jeden Preis natürlich, und eben auch um den Preis des Menschlichen, was nebenbei bemerkt ihren eigentlichen Kern darstellt. Darstellte… (2040 werden meine Enkelkinder vielleicht im Geschichtsunterricht davon hören, Was war der Sozialstaat?, aber vielleicht wird so was wie Geschichtsunterricht auch schon 2030 aus der Mode gekommen sein.) Und ich weiß nichts mit einer Politik anzufangen, die a) ihre Parlamentszeit offensichtlich als Bewerbungsgespräch für eine anhängige Wirtschaftskarriere nutzt, b) noch den letzten völkischen Mist aufwärmt und mit diesem Quatsch unglaublich viel mediales und politisches Interesse bindet, kurz, die offenbar ihre einzige politische Aufgabe darin sieht, ein ekelhaftes Problem zu sein, c) insgesamt keine besondere Panik zu verspüren scheint angesichts der Liste von Herausforderungen für die Zukunft: Energiewende, Verkehrswende, Pflegewende, Agrarwende – und eine Wirtschaftswende, wie könnte die aussehen? Ihnen fällt sicherlich noch die eine oder andere Wende ein, die nicht unwichtig wäre, bitte anfügen nach Belieben.
Ich wünsche mir viele Dinge für die Zukunft – keine unbescheidenen übrigens. Ich möchte zum Beispiel im Sommer mit den Kindern schwimmen gehen können, und ich wünsche mir, dass alle das tun können. Aber die einen, denen diese Dinge wurscht sind, rufen, dass ich mir doch selber ein Haus mit Garten kaufen und einen 10.000-Liter-Pool zulegen soll, anstatt zu maulen – jeder für sich, keiner für alle, Kaufen über alles. Und die anderen, denen jene Dinge genauso wurscht sind, schreien Aber die Flüchtlinge, die Flüchtlinge! und haben ansonsten keine Meinungen dazu, dabei IST das ja nicht mal eine Meinung. Und diejenigen, denen solche Dinge ausnahmsweise nicht wurscht sind, die gucken in ihre Haushaltskasse und… ja, genau.


Foto: Grebe

SPÄTSOMMER > Lack und Leben

Garten3

Sommerhitze ist wie Fieber – macht schwitzig und lähmt. Manche haben das gern. Andern ist das, wie in vormoderner Zeit, ein Begleitzeichen von Seuche und Verfall. Hitze ist Lust und/oder Leid. Hitze ist Hochdruck. Hitze ist Dringlichkeit: Trinken Sie zwei bis drei Liter täglich!, verschlingen Sie Ihr Eis sofort, sonst schmilzt es dahin und pladdert Ihnen vor den Latz!, lassen Sie niemals Kinder, Hunde, Katzen, Schokolade, Thermopapier-Kassenbelege im Auto, auch wenn Sie bloß kurz mal __!, verwenden Sie Sonnencreme!, mit besonders hohem LSF!, sonst Krebs!, behalten Sie Ihren Kreislauf im Auge!, suchen Sie umgehend medizinische Hilfe, falls Übelkeit, Nackensteifigkeit, Bewusstseinsstörungen bei Ihnen auftreten: Sonnenstichsymptome!, achten Sie auf Ihre Mitmenschen, insbesondere ältere!, und die Bienen – stellen Sie Bienentränken auf!, vergessen Sie nicht, Ihre Hortensien dreimal täglich zu wässern!, gießen Sie Gärten, gießen Sie Bäume!, nein, verschwenden Sie kein Wasser!, lassen Sie Lebensmittel nicht ungekühlt stehen, nie!, Ihr Brot, gestern gekauft: es schimmelt!, Ihre frische Melone: schon klitschig geworden, übersüßlich, belagert von Fruchtfliegen!, Ihr Kartoffelsalat: fürchten Sie Salmonellen!, und fürchten Sie die Wespen, die Wespen!

Die Hitze krakeelt! Alles schwelt, man schmort. Bis:

Im September legt sich was übers Sonnenauge. Dass es seine Lider schließe, lässt sich nicht behaupten – November ist noch fern -, doch es besitzt eine Nickhaut: feines, durchscheinendes Gewebe, welches nun seine brennende Klarheit verdeckt.
Setzen Sie sich ein Stündchen nach draußen, an die milde Luft, ins Helle, und essen Sie… in aller Ruhe… ein Eis.
Wie schmeckt Ihnen jetzt dieses Eis?
Wie fühlt es sich an, eine Stunde lang an der frischen Luft zu sitzen, nun, da diese Stunde nicht mehr vergoldet wird von Sonnenbrand?
Die Luft sitzt nicht mehr auf Ihnen drauf wie eine herrische Katze, dick und warm, sondern rührt sich wieder, rührt sich leicht und schwingend, rührt in trockenen Blättern herum.
Aber klingt dieses Geraschel nicht melancholisch?
Meine Sonnenblumen wanken, von kleinen Windböen geschüttelt. Ich glaube, sie zittern.

Wenn Sie gern Fotos knipsen, kennen Sie das: Intensives Sonnenlicht ist der schönste Goldlack. Alles leuchtet wie von innen heraus. Eine hochsommerliche Beleuchtung veredelt selbst noch die verschrumpeltsten Erdbeeren oder das verdorrteste Rosenköpfchen.
Was nun, im September, wenn auf das ganze anstrengende Gleißen die Erschöpfungsmüdigkeit folgt? Wenn bald der Goldlack ab ist?

Gerade lese ich ein schmales Gedichtbändchen: Menno Wigman, Im Sommer stinken alle Städte.
Selten hat ein Buchtitel so schamlos recht. Bei Hitze beginnt ja die ganze Zivilisationssuppe zu kochen. Aus Eckpfützen, Bordsteinrinnsalen, U-Bahn-Sitzen und dem Saum dichter Gebüsche steigen stechende Aromen empor. Der Sommer kocht allem das Mark aus den Knochen, und vor allem uns: Es brodelt binnenmenschlich. Und zwischenmenschlich sowieso.
Das ist natürlich das blanke Leben.
Beim ersten Durchlesen wundert es mich fast, in einem Gedichtband mit solchem Titel nicht ein einziges Sommerhitze-Gedicht zu finden, aber eben nur fast: Auch ohnedem ist hier alles drückend, drängend, dräuend, alles gärt und kocht. Das Leben halt.
Hier insbesondere das Leben auf der Kippe, das Leben kurz vor oder nach dem Kippen, das Leben mit Kippe, Schnaps oder Koks.

Allgemeine Raublust! Perfektion! Paarungstrieb!
(
aus: Billboards)

Es sind Abgesänge auf das Leben – das eigene, das allgemeine, das spezielle Stadtleben von Amsterdam; außerdem zwei Gedichte, die Wigman für „einsame Bestattungen“ (wo es also keine Freunde oder Angehörigen, keine sonstigen Anwesenden gibt) schrieb und dort vortrug. 33 Gedichte, die sich nichtsdestotrotz fest ans Leben krallen.

Ich kenne die Tristess von Copyshops, / von hohlen Männern mit vergilbter Tagespresse, / bebrillten Müttern mit Umzugsberichten, / den Geruch von Briefpapieren, Kontoauszügen, / Steuerformularen, Mietverträgen, / der nichtigen Tinte, die sagt, dass es uns gibt. (…) / hätt ich doch etwas Neues, etwas Neues bloß zu sagen. / Licht. Himmel. Liebe. Krankheit. Tod. / Ich kenne die Tristess von Copyshops.
(
aus: Zum Schluss)

Dies „hätt ich doch“ ist so präsent, es quillt aus wirklich jeder Zwischenzeilen-Ritze. Hätt ich doch! Was Besonderes an mir, mehr geliebt, besser Bescheid gewusst, einen Plan – hätte, wäre, könnte! Nur, helfen tut’s ja doch nicht. Mal schimpft Wigman gegen diese Vergeblichkeit an, mal lässt er sich auch sachte hineinfallen; immer hält sie ihn fest an der Hand.

Viel Geschimpfe, viel Weh. Und doch: das blanke Leben halt. Wigman starb 2018, 51jährig, und wie ich hier so sitze und ein paar seiner Gedichte lese, kommt mir in den Sinn, dass er damit unmöglich einverstanden gewesen sein kann. Wer sich so sehnt, so garstig liebt und so melancholisch pöbelt, wer sich so heiß am Leben abarbeitet… So eine Hitze ist ja purer, allerschönster Goldlack. „Und doch“, spricht da der Körper, der kranke, und fragt bald nicht mehr nach Sonnenschein.


> Menno Wigman, Im Sommer stinken alle Städte (Parasitenpresse) ist eine 2016 aufgelegte Auswahl von Gedichten aus Wigmans Werken ’s Zomers stinken alle steden (1997), Zwart als kaviaar (2001), Dit is mijn dag (2004), Mijn Naam is Legioen (2012) und Slordig met geluk (2016).


Foto: Grebe 2019

SPÄTSOMMER > Der dreißigste August

Das Jahr ist ein Gliedertier: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Die Lebensphasen, die stellt man sich oftmals genauso gestaffelt vor wie die Jahresphasen; überhaupt vergleicht man sie mit allen möglichen Schrittfolgen des Gangs der Natur:
Anfangs die morgendlich frische Kindheit, es folgt die mittagsheiße Blütezeit als Erwachsener, Lebensernte im Lebensherbst, schließlich die nächtlich kalte, lichtarme Endphase, wo die Dinge absterben, sich auflösen, unter die Erde gehen.

Ich schaue meinen Sonnenblumen zu, wie sie ihre Köpfe gegen den dicken Himmel stemmen – noch weiter hoch, und noch ein bisschen. Der Himmel wiederum schmilzt ihnen die Köpfe krumm und drückt sie so von sich weg, und weiter bodenwärts, und noch ein bisschen.

Spätsommer haben wir’s. Das ist, so als Jahresphase, also rein äußerlich schon, etwas massives.

August! Da waren sie, die Tage aus Eisen, die in der Schmiede zum Glühen gebracht wurden. Die Zeit dröhnte. Die Strände waren belagert, und das Meer wälzte nicht mehr seine Wellenheere heran, sondern täuschte Erschöpfung vor, die tiefe, blaue. Am Rost, im Sand, gebraten, geflammt: das leichtverderbliche Fleisch des Menschen. Vor dem Meer auf den Dünen: das Fleisch. Ihm war angst, weil der Sommer sich so verausgabte. Weil das bedeutete, daß bald der Herbst kam. Der August war voll Panik, voll Zwang, zuzugreifen und schnell zu leben.

Das stammt aus Ingeborg Bachmanns Erzählung Das dreißigste Jahr, worin ein namenloser Er (mal wird allwissend über ihn geplaudert, mal kommt er selbst zu Wort) die Dreißig als Wendepunkt in seinem Leben begreift, als eine Bewusstseinswende und auch eine Wende der äußeren Gegebenheiten, zusammenfallend mit dem Spätsommer.

Er pendelte zwischen dem Meer und der Stadt hin und her, zwischen hellen und dunklen Körpern, von einer Augenblicksgier zur andern, zwischen Sonnengischt und Nachtstrand, mit Haut und Haar gepackt vom Sommer. Und die Sonne rollte jeden Morgen schneller herauf und stürzte immer früher hinunter vor den unersättlichen Augen, ins Meer. Er betete die Erde und das Meer und die Sonne an, die ihn so fürchterlich gegenwärtig bedrängten. Die Melonen reiften; er zerfleischte sie. Er kam vor Durst um. Er liebte eine Milliarde Frauen, alle gleichzeitig und ohne Unterschied.

Als Jugendliche (Oberstufe) ließ ich mich davon total erschlagen, von dem Geruch und dem Geschmack, den diese Erzählung abgibt, von ihrer gärigen Üppigkeit, die so gefährlich nah dran ist, in Fäulnis umzukippen. Ihrer Kompostwärme. Gewitterdruck lastet auf diesen Sätzen. Mich erschlug’s wirklich – aber mitgeben konnte es mir so gar nichts. Noch nichts. Zu früh alles.

Selbst dreißig geworden, verschwendete ich dann aber keinen einzigen Gedanken an Bachmannsche Sätze. Ich hatte ein Kleinkind und einen Haufen Dinge um die Ohren und nie Schlaf, ich steckte mit dem Kopf vollauf in einem ebenso lebenswütigen Frühling, kurz, ich hatte zu tun.

Und jetzt, Mitte dreißig?

Wer bin ich denn, im goldnen September, wenn ich alles von mir streife, was man aus mir gemacht hat? Wer, wenn die Wolken fliegen!

denkt Bachmanns Er, vom Sommer getrieben, gegart, geschleift.

(…) nichts, was ich denke, hat mit mir zu schaffen. Nichts anderes ist jeder Gedanke als das Aufgehen fremder Samen. Nichts von all dem, was mich berührt hat, bin ich fähig zu denken, und ich denke Dinge, die mich nicht berührt haben. (…) Warum habe ich einen Sommer lang Zerstörung gesucht im Rausch oder die Steigerung im Rausch? – doch nur, um nicht gewahr zu werden, daß ich ein verlassenes Instrument bin, auf dem jemand, lang ist’s her, ein paar Töne angeschlagen hat, die ich hilflos variiere, aus denen ich wütend versuche, ein Stück Klang zu machen, das meine Handschrift trägt. Meine Handschrift!

Über Nacht kommt so ein Morgen, wo der Heuduft des Sommers ins Schwächeln gerät, weil er das Gewicht der Herbstgerüche von Totholz, Waldpilzen, nassem Laub plötzlich mittragen muss.
Auf den, seiner Trägheit und Hitze wegen, so quälend endlos anmutenden August folgt der September wie eine unerwartet eingetroffene Nachricht, mit der zunächst einmal nichts vernünftiges anzufangen ist.
Auf „Mitte dreißig“ folgt „fast vierzig“ wie eine Unebenheit im Boden, ein beginnendes Gefälle, worauf man nicht gefasst war.

Auf Frühling folgt Sommer, auf Sommer Herbst, dann Winter – so geht das Jahr, hat man gelernt. Doch fängt die Zählung des Jahres ja mitten im Winter an, und sein kalendarischer Mittelpunkt liegt bloß ein paar Tage hinterm Frühlingsende, und wenn der Sommer vorbei ist, beginnt schon gleich, im Handumdrehen, das letzte Jahresviertel.
Und mag man (weil man um die Ohren hat, weil man zu tun hat) auch noch so unbeirrt wähnen, in vollem Lauf unterwegs zu sein – nur einen Schritt weiter, und schon ist man da, und noch einen, schon steht man mittendrin, mit beiden Beinen: im Abschlussquartal, nicht wahr?
Im Endspurt, wo die Ziellinien drohen.


> Ingeborg Bachmann, Das dreißigste Jahr (Piper)


Foto: Grebe 2019