SCHRIFTLICHES TREIBGUT

DINGE // Schlüsselerinnerung

Wenn man sagt, das Umfeld forme den Menschen, muss man es mit der Betrachtung dieses Umfelds schon auch genau nehmen. Keine Frage, dass die Menschen darin das Wichtigste, das Entscheidende sind! Würde ich sagen. Sicherheitslage, Klima, Ernährung, Bildungseinrichtungen, Kulturelles: alles ganz wichtig, formt ungemein! Die unmittelbaren Räumlichkeiten der Kindheit, gewissermaßen der Topf, in dem man heranwächst: prägend, wichtig! Das Große und Ganze wirkt sich im Großen und Ganzen prägend aus. Wie steht’s mit dem Kleinteiligen? Den Dingen?

Babyköpfe sind weich. Die Bettmatratze und die Liegeposition des Kindes wirken sich darauf rundend oder plättend aus; sogar mit bloßem Auge lässt sich das verfolgen. Auch die Elternhand – und nachdem ich das begriffen hatte, damals, hat sich meine Art, wie ich sowohl Menschen als auch Dinge anfasse, merklich verändert – die Hand also, in deren Handflächenkuhle und Fingerfächer der Kopf beim ständigen Tragen liegt, hat ihren Einfluss auf die spätere Schädelform. Begreift man einmal diese Weichheit, so begreift man damit eine Menge und noch mehr.

In meinen schlauen Elternratgebern las ich, ein Kind entwickle, beginnend mit der Spiegel-Phase, erst nach und nach sein Ich-Bewusstsein, zuvor empfinde es sich als eins mit der Mutter. Aber wenn das Ich-Bewusstsein noch nicht besteht, dachte ich mir, während sich das Kind fröhlich brabbelnd mit seinem roten Plastikbecher unterhielt, empfindet sich das Kind dann nicht ganz einfach als eins mit allem?

Ich habe reell keine Ahnung, ob die Farbe, die Festigkeit, der Hohlklang meines ersten bewussten Zahnputzbechers – Hartplastik, fuchsienfarben marmoriert – mich vielleicht rein gar nicht geprägt haben, oder ob die Tatsache, dass ich dieses Ding überhaupt erinnern kann, nicht doch beweist, dass selbst dieser Zahnputzbecher meinen Kopf mitgeformt hat.

Man kann am Umfeld wachsen oder schrumpfen, man kann es wechseln, man kann eins erobern, eins vermissen, kann mit ihm eins oder entzweit sein, eins platzen lassen, eins überhaupt erst entstehen lassen usw., mal formt man sich dem Umfeld ein bisschen entgegen, mal formt man sich ein bisschen von ihm weg, und so formt man sich an ihm und formt es unterdessen gleich mit, aktiv, passiv. Den Schädel formt es immer mit, er ist ja mehr als nur Knochen. Und die Dinge, die formen, sind eben mehr als nur Dinge.

Dass wir von Tieren und Pflanzen wissen, die in Urzeiten lebten, ob vom Mochlodon, von den Belemniten, von Eomaia scansoria, vom Credneria-Baum oder von den Clovis-Menschen, liegt einzig und allein daran, dass sie sich selbst oder Teile ihrer selbst als Dinge hinterließen: fossile Trittsiegel, Schalen, Gerippe, Schnäbel, Krallen, Wirbel, in Bernstein eingeschlossene Samen, einen Beckenknochensplitter, einen einzelnen molaren Zahn. Winzigkeiten.
Manche Art existiert für die Paläontologie vielleicht bloß, weil ein einziges spezifisches Schläfenbein existiert und sonst nichts, und womöglich ist dieser Knochen gar der einzige Fund, der aus einem bestimmten, zigtausend Jahre währenden Umfeld überhaupt zum Fossil werden, überdauern und gefunden werden konnte.
Alles, was an diesem heutigen Tag auf diesem Globus wächst, schwimmt, radelt, kriecht, reift, springt, balzt, stirbt, photosynthest, gräbt, klettert oder gerade das Erdbeerpuddingcremetopping für den fertigen Zitronenkuchen zubereitet, wird in ein paar hunderttausend Jahren genauso verschwunden sein wie ein einzelner Regentropfen vom 28. Januar 1540; all das wird eingehen ins Große, ins Ganze, und somit ins Formlose verschwinden, nichts wird als Einzelnes bestehen können, bis auf, mit viel Glück!, vielleicht eine Entenmuschelkolonie, eine nicht näher bestimmbare Kniescheibe und ein angebissenes Faultier, denen der pure Zufall eine Umkristallisation beschert.

Eine Grundeigenschaft der Natur ist, dass sie die Dinge formt und somit auch sich selbst – unablässig, unermüdlich, immer wieder von Neuem. Eine Grundeigenschaft des Menschen ist es, dass er die Dinge zu lesen, zu verstehen, zu begreifen versucht und somit auch sich selbst.

Es ist schwer, die Dinge, die einem Verstorbenen gehörten, zu ordnen, zu sortieren – besonders schwer, sie wegzuschmeißen. Ein Zahnputzbecher lässt sich plötzlich kaum mehr anheben, weil er nun so viel wiegt wie ein ganzer Mensch. Indem man die Dinge dieses Menschen verschwinden lässt, oder allein schon, indem man die Ordnung der Dinge dieses Menschen stört und somit dessen letzte Handgriffe verschwinden lässt, überkriecht einen endlich die Gewissheit, die sich längst herangeschlichen hat und nur noch nicht so recht hat zupacken können: dass dieser Mensch verschwunden ist.

Eine Menge Leute können mit Esther Kinskys betrachtungssüchtigen Romanen rein gar nichts anfangen, außer sich über deren Lektüre in den Schlaf zu langweilen, und ich kann diese Leute gut verstehen.
Was nicht bedeutet, dass ich dazugehöre.
Hain habe ich nun zu Ende gelesen, nicht am Stück, sondern immer in Zwei- oder Drei-Kapitel-Etappen, immer bei akutem Bedarf nach dieser gewissenhaften, strömenden Schreibe. Ihr Blick aufs Dingliche tut mir gut.
Hain trägt die Bezeichnung Geländeroman und widmet sich einer Auswahl von tristen Provinznestern und Brachflächen in Italien. Kinsky beschreibt die Orte eines längeren Italienaufenthaltes, indem sie systematisch über deren Geländeeigenschaften schreibt, aber ebenso über einzelne Bäume, Linienbusse, Hausfassaden, Unkraut, Plastikblumen, Olivenzweige und so weiter.
Natürlich funktionieren die betrachteten Gegenständlichkeiten hierbei als Prismen fürs Seelische.
Beobachtungen des Tages verbinden sich mit Erinnerungen an Italienreisen während der Kindheit und mit mal nüchternen und forschenden, mal offen schwermütigen Überlegungen, die um zwei Männer kreisen: den kürzlich nach schwerer Krankheit verstorbenen Lebenspartner und den verstorbenen Vater. Hain ist ein Trauerbuch, das oft gramgebückt zu Boden schaut und darum viel Staub und Unrat sieht, es schnüffelt in Grabgewölbe hinein und streift auf Friedhöfen umher, findet allenorts Verstorbenes, Verlassenes, Vergessenes.
Oftmals sind die Dinge Trost und Last zugleich. Selbst die profansten Dinge, etwa ein Stück von der gemeinsamen Kameraausrüstung, können sich zu Heiligtümern auswachsen – kommen sie einem abhanden, ist das ein Drama: Mein Kummer um das Kabel, schreibt Kinsky über eine verlorene Auslöserstrippe, fiel unter einen der möglichen Flüche der Hinterbliebenenschaft, die mir allmählich geläufig wurden: die Beschwerung von Dingen mit Zeugenschaft.

Um sich ein bestimmtes prähistorisches Lebensumfeld in seiner Gesamtheit vorstellen zu können (inklusive der Grundannahme, dass es überhaupt als solches existiert hat), steht der Paläontologie an verwertbarem Material manchmal nicht mehr zu Verfügung als in einen Schuhkarton passt. Das elaborierte Bild von einer erdgeschichtlichen Teilepoche in ihrer biologischen, geologischen, meteorologischen Vielfältigkeit kann mit der Neuentdeckung eines einzigen Mittelfußknochens stehen oder fallen.
Die Wissenschaftler, die sich – wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus – an der Frage abrackern, ob die rund 8500 Jahre alte Jiahu-Schrift nun das erste Schriftsystem der Menschheit ist oder nicht, tun das auf der Basis von 16 kritzeligen Markierungen, die auf ein paar alten Schildkrötenpanzern entdeckt wurden.
Falls dereinst meine Urenkel meine Reserve an Musterbeutelklammern in die Finger kriegen sollten, werde ich wohl nicht mehr da sein, um ihnen zu erklären, wozu man diese kleinen, praktisch ungooglebaren Metalldinger in der Epoche des physischen Postverkehrs benutzte – und auch nicht, wozu ich sie stattdessen benutzte.
Wie viele und was für Dinge braucht man, um glauben zu können, sich anhand jener Dinge die Lebenswelt eines vergangenen Menschen vorstellen zu können?
Wie viele und was für Dinge braucht man, um daran die Erinnerung an eigene vergangene Erlebnisse, vergangene Lebensphasen dingfest machen zu können?

In einer Rede von 2017, die unter der Überschrift Ein Ausweg nach innen stand, sprach Herta Müller unter anderem von ihren Unterhaltungen mit Blumen und Kraut und von wandernden Möbelstücken. Während sie als Kleinbauern-Kind, dessen Zuhause aus Härte und Mangel bestand, endlose Stunden lang abseits des Dorfs im Tal die Kühe hütete, begann sie sich intensiv mit den Weidepflanzen anzufreunden. Später, als Angestellte in einer Maschinenbaufabrik, geriet sie in den Blick des rumänischen Geheimdienstes, der während ihrer Abwesenheit Dinge in ihrer Wohnung hin und her rückte, einen Stuhl umplatzierte, einen Apfel aufs Bett legte, und so die stummen Dinge Drohungen sprechen ließ. Gegen die Angst vor den Schikanen durch den Fabrikdirektor kam nur eine Dahlie an: Die Dahlie kümmerte sich um mich. Nur: Von der Komplizenschaft mit der Dahlie durfte, wie damals im Tal, auch jetzt niemand wissen. Wem sollte ich sagen, dass in der Dahlie eine kluge Ruhe blüht?

Je weniger man mit Menschen spricht, weil einem die Menschen abhanden gekommen sind oder weil man den Menschen abhanden gekommen ist, desto gesprächiger werden die Dinge.

Während ich mit einem Kaffee am Tisch meiner Mutter sitze, hat mein Kind in meinem alten Zimmer, das jetzt ein Enkelkinderspielzimmer ist, einen kleinen Schlüssel gefunden.
Ich weiß, dass dieser Schlüssel aus der silbrigen Aachener-Printen-Blechdose kommt, die als Schatulle für spezielle Fundsachen durch sämtliche Geschwister-Hände ging, denn ich hab ihn damals selbst da hinein getan.
Ich weiß auch genau, wie ich —
Er liegt einfach auf dem Hof. Da sind noch letzte Blütenkätzchen vom Walnussbaum: später Frühling. Meinen Elsteraugen hätte er unmöglich entgehen können, also muss ihn erst kurz zuvor jemand dort verloren haben. Unser Haus steht ständig offen, denn es ist immer irgendwer da, auch die Garagen werden nicht abgeschlossen, und so habe ich praktisch noch nie einen Schlüssel gesehen. Gleichzeitig gibt’s bei uns, das riecht man als Kind ja, einen Haufen Geheimnisse. Diese Geheimnisse krispeln wie Alufolie, und sie riechen ähnlich wie alte Zinnbecher. Genauso riecht auch dieser Schlüssel.
Ich bin nicht ausgelastet, mich juckt der Hafer, also war heute keine Schule: Wochenende. Meine Großmutter werkelt in ihrer Küche, ohne dass ich sie dabei schimpfen höre – kein „Tewe“ liegt ihr dauernd im Weg herum oder guhlt sie nach Küchenresten an, also ist unser Mischling mit dem Iltis-Fell schon gestorben und der weiße Schäferhund noch nicht da: Ich bin zehn Jahre alt.
Mein Großvater – Cordhose, Leinenhemd, Lederweste – tapert aus seinem Wellblechwerkzeugschuppen und rüber zum Wellblechgeräteschuppen, das heißt, ich kann mich unbemerkt an seine Schubfächer neben der Werkbank heranmachen. Drinnen im Schuppen riecht es wie in einer alten Kirche, nur dass in der alten Kirche noch ein Fuder Heu, eine Ziege und ein Kanister Schmieröl stehen müssten. Die Schubfächer sind ungeschlachte Holzdinger, in denen Dosen und Papp-Kistchen aller Art zwischen Zwirn- und Drahtrollen und Nato-Band herumfliegen. Ich finde Pectoral Brustkamellen, Bayrisch Blockmalz, Mentholsalbe, Blutdrucktabletten, aber kein Schloss für meinen Schlüssel.
Die Schränke meiner Eltern in Wohn-, Schlaf- und Badezimmer sind längst akribisch erforscht, besonders das Fach mit den Schmuckschatullen, den Perlen- und Bernsteinketten, Glassteinbroschen usf., da gibt’s keine verschlossenen Überraschungen zu entdecken. Unterm Urgroßmutterbett und in ihrer Kommode zwischen Halstüchern und Häkelbeuteln aus Perlgarn: nur Seifenduft und ein paar verstreute Gewürznelken, sonst nichts. Ich nehme mir die helle, gepflegte, systematisch aufgeräumte Werkstatt meines Vaters vor, von oben bis unten, von Abformsilikon über Leitungsschutzhalter bis Niet-, Spitz- und Sprengring-Zange, und finde kein einziges abgeschlossenes Kästchen.
Was wäre, wenn es niemand von uns gewesen ist, der den Schlüssel auf dem Hof verloren hat?
Der Bauer von nebenan hat im Feld eine Abstellhütte stehen, und natürlich komme ich um vor Neugier, was er darin einschließt, denn ich kenne alles in den Wiesen und Feldern im Umkreis, ich kenne alle Bäume und Büsche mit Namen, ich kenne jede Distel persönlich, und falls hier jemand eine Haarnadel verliert, dann finde ich sie, ich kenne jedes Mauseloch und jeden Hochsitz, und wenn hier ein Hund begraben liegt, dann weiß ich wo, ich kenne jeden Riss im Betongussplattenweg, jeden Vogel und jeden Frosch – nur eben nicht diese Hütte von innen.
Aus dem Garten, wo die Frottee-Schlafanzüge meines kleinen Bruders auf der Wäscheleine hängen, führt ein Gatter zwischen Betonpfeilern auf die Nachbarswiese mit dem Apfelbaum. An den Starenbüschen vorbei, geht es weiter zu unserem anderen Garten, dem Pachtacker meiner Großeltern.
Erbsen, Bohnen, Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, Kartoffeln, Zucchini sind soweit, dazu überall Grashüpfer und Feldlerchenkrawall: Juni. Ich stoppele mir ein paar Erdbeeren und Erbsen, fange ein paar Grashüpfer, lasse sie wieder frei. Ihr Zirpen erfüllt die Wiesen, es klingt rundum: Ende Juni also. Das Wort Zirpen passt nicht zu diesem Rundum-Ton, finde ich, es ist eher ein Schnurren, was die Grashüpfer da von sich geben, allerdings ein hochfrequentes: ein Schnirren.
Ich hasse meine dunkel-lila Leggings mit weißen Mini-Sternchen, denn Leggins haben keine Hosentaschen; den Schlüssel habe ich unter mein buntes Knotenarmband geklemmt. An meine Schuhe erinnere ich mich nicht, mit Schuhen habe ich emotional nicht viel am Hut, am liebsten renne ich barfuß herum, jedoch nicht draußen in der Butnik, die besät ist mit Steinen, Scherben und Metallschrott.
Ich witsche durch den Stacheldrahtzaun in die Weiden raus und muss heute – die Weide wurde gewechselt – nicht vor den Kühen herlaufen, die mir sonst oft neugierig nachrennen. Kühe können verflucht schnell werden.
Immer am Feldgraben entlang. Das Schilfgras überragt mich längst, die Wedel glänzen jetzt in metallischem Brila (Braun-Lila), erst im Spätsommer spleißen sich die Blüten auf und werden zauselig mattbraun. Auch die Acker-Kratzdisteln leuchten zur Zeit lila, und es dauert noch, bis sie dicke Wolken von Distelfluff in den Wind schicken.
Wieder auf dem Feldweg, kicke ich Klickersteinchen. Schon lange, bevor ich die Pappelreihe erreiche, kann ich das gleichmäßige Meeresrauschen hören, das ihr glattes Blattwerk erzeugt – herrscht böiger Wind, klingt es aus den Pappeln wie Brandungswellen.
Jetzt bin ich an der Hütte angelangt. Und? Bin umsonst gelaufen. Ich hätte ja wissen müssen, dass dieser mittelgroße, mitteldicke Schlüssel niemals in das mickrige Vorhängeschloss passt, das die Brettertür versiegelt. Aber vielleicht, wenn ich ehrlich bin, wusst ich’s ja tatsächlich, und es war mir bloß ein bisschen egal.
Ich flaniere zurück und freue mich auf die Knoff-Hoff-Show mit Joachim Bublath und Ramona Leiß, also sind noch nicht große Ferien, denn dann liefe im ZDF nur das Sommerpausenprogramm.
Der Schlüssel landet für spätere Zwecke in meiner Fundsachen-Kiste. Meine Eltern könnten mich, falls sie ins Suchen gerieten, einfach danach fragen, ob ich einen Schlüssel gefunden hätte, aber sie geraten nicht ins Suchen und sie fragen mich nicht danach. Weder heute, noch morgen, noch irgendwann.
„Wofür war der Schlüssel mal da?“, fragt mich mein Kind.
„Du, das weiß ich gar nicht, keine Ahnung.“
Das ist gemein gelogen.
Ich weiß, dass das der Schlüssel zu mir an einem Wochenendnachmittag im Spätjuni 1992 ist.


Foto: Grebe


>>Esther Kinsky, Hain. Geländeroman (Suhrkamp) €24,-

>>Ein Ausweg nach innen – Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2017 von Herta Müller


 

Advertisements

DINGE // The Ineradicable Krempel

Geparden haben Probleme. Ich meine welche außer uns Menschen, unabhängig von uns Menschen; ich meine genuine Gepardenprobleme.
Das schnellste Landtier der Welt hat eine ungeheure Jagderfolgsquote. Dank seiner Spitzengeschwindigkeiten. Aber gerade da liegt der Gepardenhaken: Ein 60kg-Tier, das es auf rund 100km/h bringt, verlangt seiner Physis damit freilich das Äußerste ab. Mehr geht nun wirklich nicht. Nach der energieintensiven Jagd muss der Flitzer möglichst sofort fressen – häufig aber wird ihm seine Beute postwendend von den kräftigeren Räubern abgenommen, denn mit seinem auf Schnelligkeit ausgerichteten Körperbau ist gegen, sagen wir, eine wuchtige Hyäne einfach kein Ankommen. Im ohnehin zierlichen Gepardenkopf, dessen Nasengänge dem Atemvolumen entsprechend auch noch übergroß gebaut sind, ist kein Platz für ein konkurrenzfähiges Gebiss – usw. Und nicht zuletzt bedeutet die Sprintorientiertheit der Geparden auch einen natürlichen Deckel für ihre Geburtenrate: Trächtige Tiere erreichen keine Höchstgeschwindigkeiten, die Rate ihrer Jagderfolge sinkt.
Ich könnte mir stundenlang Aufnahmen jagender Geparden anschauen, das wird nie langweilig. Zeitlupengedehnte Muskelkontraktionen, das Zusammenspiel von Sehnen, Gelenken und Hochleistungswirbelsäule, dieser Schub, der in der Schulter-Unterrücken-Achse wurzelt und den die zerbrechlich erscheinenden Gliedmaßen auf unebenem Boden in bombastische, eigentlich unfassbare Beschleunigung übersetzen: von 0 auf 100 in drei Sekunden.
Ein Produkt jahrtausendelanger Anpassung an die Anforderungen, die ihre Umwelt den Geparden stellte, denke ich und blinzle einmal, zweimal andächtig. Gleichzeitig frage ich mich aber doch, ob die Natur sich da nicht irgendwie verrannt hat und das, was ich jetzt bestaune, womöglich bereits ein Auslaufmodell ist – Hyperspezialisierung erschließt selbst die kleinsten Lücken, ja, aber in diesen Lücken ist es eben eng. Und winkt nicht da hinten, am Zielpunkt solcher arg zugespitzten Wege, als Trophäe oft bloß noch das Aussterben?

Im Drogeriemarkt.
Ich stehe ratlos am wöchentlich wechselnd bestückten Angebotsregal und frage mich, warum zum Kuckuck wir tatsächlich diesen Krempel kaufen:
Verstellbare Spülbürste / Gesichtsmassagegerät mit Mikrodermabrasionstechnologie – professionelles Diamantpeeling! / Faltbare Salatschleuder.
Alle wissen reell, dass das niemand braucht. Alle wissen, dass das reine Überflussprodukte sind, die nicht die Welt verschönern oder gar verbessern, sondern sie bloß sukzessive übermüllen, und dazu kosten sie auch noch Geld, in der Herstellung, in der Anschaffung, mitunter auch noch im Verbrauch, und nichts davon täte not. Alle wissen das.
Faltbare.
Salatschleuder.
Natürlich wird nur darum so blindlings produziert, weil gekauft wird. Aber warum wird so blindlings gekauft, nur weil produziert wird?

Warum eigentlich stehe ich hier so am Regal herum?

Im Grunde kenne ich gar keine Langeweile, ich gehe also nicht einkaufen, um mich zu beschäftigen – was ich für eine der wichtigsten Konsum-Triebfedern halte, insbesondere beim Internetkauf.

Ich bin auch keine kompetitive Konsumentin, ich muss nicht „mithalten“. Was Luisa und Anne gekauft haben, brauche ich noch lange nicht. Ich kapiere nicht, was den Spaß an diesem Wettbewerb ausmachen soll, und wie tief dieses Bedürfnis, das zu haben, was alle haben, wohl sitzen muss. Wie eingeprügelt.
Apropos: Ich war längst nicht das einzige Kind, das auf dem Schulhof Kloppe von den Benetton-Pulli-Kindern kriegte, weil meine Sachen von den älteren Schwestern, von C&A oder aus dem Supermarkt waren. Ich kam aber nie heim und schrie, ich wolle endlich auch mal Adidas-Schuhe oder Oilily-Taschen haben – ich drosch stattdessen in der nächsten Pause mit Attacke zurück. Bis heute macht es mich ernsthaft aggressiv, wenn mir jemand Marken-Namen vorflötet. Ebenso gereizt reagiere ich wiederum auf Spielplatz-Eltern, die sich als Fair-Trade- und Nachhaltigkeitskommission betätigen. Himmel noch eins, im Grunde wünschte ich mir doch bloß, dieser ganze Mumpitz spielte in unserem Umgang miteinander keine, und zwar wirklich so gar keine Rolle.
Apropos Kinder: Ich hab ein ganz mulmiges, widerwilliges Gefühl, wann immer ich diese Neusitte beobachte, Geschwister von Geburtstags- oder Einschulungskindern mit Ausgleichsgeschenken, mit eigenen Minischultüten zu versorgen, als wäre das sonst ungerecht. Ich fände viel besser, einem Kind zu vermitteln, dass es der Schwester, dem Bruder, die einmal einen ganzen Tag lang im Mittelpunkt stehen, das auch gönnen darf und das Kind an einem anderen Tag im Jahr schließlich selbst im Mittelpunkt steht, anstatt es darauf zu dressieren, dass es aus den besonderen Erlebnissen Anderer immer auch einen Kompensationsanspruch für sich selbst ableitet. Das Ganze schafft mehr Neid-Leid als es lindert – das glaube ich fest, aber laut sage ich das natürlich selten, denn ich muss schon aufpassen, dafür nicht als herzlose und außerdem geizige Arschlochmama gelyncht zu werden.
Apropos Mama: Warum fühlen wir uns überhaupt ständig gezwungen, unsere (hoffentlich) Liebe (oder was sonst?) in einer Maßeinheit auszudrücken, die „gekaufter Spielkram“ heißt?

Ich rede übrigens gern mit meinem Mann und meinem Kind, auch mit Freunden, sogar mit meiner Mutter, meistens; jedenfalls: Ich glaube nicht, dass ich übermäßig oft Dinge anschaffe, nur um künstlich für Ablenkung bzw. für Gesprächsthemen zu sorgen. Ich frage immer „Wie geht’s dir?“, weil mich das immer interessiert – „Wo hast du das gekauft?“ frage ich dagegen selten. Mein Sohn fragt viel öfter „Wollen wir was basteln?“ als „Kann ich das Tablet haben?“, noch zumindest. Als Pärchen kann man, entweder aus lauter Langeweile aneinander oder schlicht aus Angst, sich ansonsten ernsthaft unterhalten zu müssen, natürlich ersatzweise, sagen wir, neues Essgeschirr auswählen, kaufen, gemeinsam ausprobieren, diskutieren, rezensieren etc. Ich finde allerdings sinnvoller, sich erst dann einen neuen Satz Teller anzuschaffen, wenn man sich zuvor kräftig klirrend gestritten hat. Bloß, wer kommt denn überhaupt noch dazu, sich ordentlich zu streiten, wo man einander doch so wunderbar aus dem Weg gehen kann, indem man, jeder für sich, das Internet nach Sneakern, formschönen Thermosflaschen, Edelsteinstaub zur Trinkwasser-Energetisierung, handgenähten Wimpelgirlanden, Sonnenbrillen, Nasendilatatoren, aus Skateboard-Holz gedrechselten Ohrringen, japanischen Rennrädern usw. durchforstet?

Krempel fragt nicht, Krempel versteht.

Leider kann ich mich für praktische / liebenswerte Überflüssigkeiten einfach nicht begeistern. Ich horte, das gebe ich zu, ein bisschen Erinnerungsschnickschnack, aber das Bedürfnis, regelmäßig zusätzlichen Schnickschnack anzuschaffen, geht mir komplett ab. Ich misstraue diesem Zeug zutiefst, denn es verlangt mir meistens auch noch ab, dass ich irgendwas Überflüssiges damit anstelle, was den Rahmen meiner Verhaltensweisen vollends ins ungesund Blödsinnige hinein verschieben würde. Kostbare Zeit verplempern, das kann ich hervorragend im Internet, das genügt mir schon, danke – wozu mich also auch noch mit Produkten eindecken, deren einziger Zweck darin besteht, dass ich meine Zeit mit ihnen noch besser verschwenden kann? Saisonal wechselnde Dekorationsartikel, die ich stundenlang hin und her arrangieren kann. Die Staub sammeln, damit ich diesem wiederum mit diversen Haushaltsutensilien zu Leibe rücken kann. Dinge, die mich beschäftigt halten, damit ich nicht stattdessen über, du liebe Güte!, mich selbst nachdenken muss.
Es gab Zeiten, da galt man als Hausfrau und Mutter tatsächlich nur als das: als Frau, die im Haus festhing und sich dort um Haushalt und Kinder zu kümmern hatte. Welche Nöte und dementsprechende Bedürfnispalette sich daraus ergaben, und wie sich diese im Sortiment der Warenhäuser und Drogerien niederschlugen, ist nur logisch. Die Kaffeekranzkultur der Wirtschaftswunderzeit zum Beispiel, mit ihren Sammeltassen, Tassendeckchen zur Schonung der Untertassen, bunten Kaffeekannenwärmern, Tropfenfängern aus Schaumstoff mit schmetterling- oder blümchenförmigem Dekor, Spitzendeckchen usw., hat nicht umsonst jahrzehntelang überdauert, bis sich der Lebensalltag irgendwann doch einmal wandelte.
Als notwendiges Element, um den Alltag erträglich gestalten zu können, sind inzwischen einfach modernere, aber genauso hochgezüchtete, bis zum Gehtnichtmehr ausdifferenzierte Trostproduktwelten an ihre Stelle getreten. Immer noch kauft man – in haarsträubender Masse – Zeug, das den Geist häuslicher Geborgenheit heraufbeschwören soll, um, ich weiß auch nicht, unsere Angst vorm nackten, kalten Alltag darunter zu ersticken? Man google an dieser Stelle bitte einfach die Begriffe „Grillbedarf“ oder auch „Hygge“: Wer Oma damals für ihre penible Gardinenpflege belächelt hat, kann angesichts 18teiliger Grillsets in frischer Farbgestaltung inklusive Silikonhandschuhen, Rauchwedel, BBQ Meat Claws für Pulled Pork, kupferbeschichteter Antihaft-Grillmatte etc. bei Bedarf nun gerne sich selbst auslachen oder sich das cosy Kaschmir-Grobstrick-Plaid bis über die schamroten Ohren ziehen.

Nichts von all diesem unsinnig spezialisierten Gedöns braucht es wirklich auf der Welt, die dadurch ja nicht das kleinste bisschen weniger schlecht, weniger gleichgültig gemacht wird, nicht wahr?
Nur, wenn ich mich schon frage, was zum Henker das eigentlich alles soll – müsste ich mich da nicht auch fragen: Wozu überhaupt braucht die Welt nun unbedingt ihre Geparden?
Und wozu braucht sie eigentlich unbedingt solche Leute wie –
Wozu braucht sie, bitteschön, mich?

Warum stehe ich hier am Regal herum?
Um mir etwas scheinbar Harmloses anzuschauen: eine Sache von höchster Dinglichkeit, die, ich wette mal, uns alle überdauern wird.


Foto: Grebe

BERG+WERK // Was bitte will Peter Handke damit – das ist MEIN Berg!

Ihr seid das Salz der Erde – heißt es in der (Obacht:) Bergpredigt.
Damit wird nicht etwa den Gläubigen erklärt, sie würden den Boden schmackhaft machen. Gehen wir davon aus, Erde meint hier die Welt. Und Salz? Steht für Reinheit, denn es konserviert, es verhindert Fäulnis.
Soviel zum Ethos des Salzes.

Wir holen das Beste für die Erde aus der Erde, heißt es auf der Homepage der K+S, der weltweit größten Salzproduzentin. Auch das Kalibergwerk Sigmundshall in Bokeloh gehört ihr an.
Salz ist freilich nicht bloß zum Streuen da, sondern in Landwirtschaft, Industrie, Forschung, Medizin als Roh- und Hilfsstoff elementar wichtig.
Kaliumchlorid, wie es hier aus dem Rohsalz gewonnen wird, findet traditionell in Düngemitteln seinen Einsatz. Des Weiteren nutzt es die Industrie als Härtesalz, Schwebemittel und in allerlei sonstigen Verwendungsformen.
In hochdosiertem Zustand verabschiedet sich Kaliumchlorid von seinem guten Händchen für Fruchtbarkeit & Produktivität – es führt zu Herzstillstand. Bei Einschläferungen wird es dem Tier per Spritze verabreicht. Ebenso bildet es die letale Komponente bei Hinrichtungen mittels Giftinjektion.
Soviel zur Salz-Praxis.

Seitwärtsschritt, hinüber in die indische Mythologie: Göttin Kali ist unter anderem Beschützerin und Erlöserin, insbesondere aber grauenerregende Todbringerin. Die Poeten fürchten sie und suchen doch inbrünstig ihre Nähe.
Vielleicht klingt das ja in diesen ein, zwei Sätzen an, mit denen Peter Handke das schmale Bändchen Kali – Eine Vorwintergeschichte eröffnet – ganz beiläufig, wie um eine Unterhaltung fortzuführen:

Auch mir hat sie Angst gemacht, macht sie Angst. Aber ich möchte mich ihr stellen.

Über sie wird noch zu reden sein. Aber ich sag’s gleich, es ist das Kalibergwerk in dieser Geschichte, worüber ich hier am meisten – viel zu viel! – rede und weswegen ich Kali überhaupt gelesen habe. Es ist „mein“ Kali.

Der Buchumschlag und der Blick aus meiner Haustür zeigen ein- und denselben Haufen Rohsalz – rund 120m hoch, die einzige Erhebung im platten Umland, früher reinweiß, heute, je nach Wetterlage, mitunter sogar pechschwarz -, und ich habe erst gar nicht versucht, hier die unbefangene Leserin zu spielen.
Was aber, wenn auf einem Buch außerdem noch Handke draufsteht, eh wurscht ist, denn da ist es mit der Neutralität sowieso vorbei: Entweder man verehrt Handke, und zwar schwelgend – oder man schimpft über ihn, mit Geifer und Genuss.
Mich braucht man allerdings weder unter seinen Schwärmerinnen und Schwärmern zu suchen, noch unter denjenigen Hatern, die das Handke-Bashing mit dermaßener Akribie und so hohem emotionalen Einsatz betreiben, dass sie, bezüglich der Intensität ihrer Beschäftigung mit Handke, ja gar nichts anders machen als die Schwärmenden.
Was das angeht, hat mich Kali nun auch nicht radikalisieren können. Ich empfinde es als ein wenig relevantes Rotwein-Buch, und das mit dem Rotwein und mir — es ist einfach unerquicklich, lassen wir das. Tatsächlich ist es der erste Handke, den ich bis zum Schluss lese. Im Normalfall nehme ich Handke bloß zur Hand, um mir einen notdürftigen Einblick in etwas zu verschaffen, das überwiegend als poetisches Spitzenprodukt gewertet wird, und dann lege ich ihn auch schon wieder weg. Pathos-Allergie.
Kali lese ich über weite Strecken mit Gleichgültigkeit. In manchen Passagen werde ich ärgerlich, insbesondere während der Schlusspredigt. Die Erzählform wiederum, und wie Handke deren Spielräume auslotet, gefällt mir, ja, aber ich bete ganz gewiss nicht das Handke Unser.

Welche Position Kali im Handke-Katalog einnimmt, dazu kann ich wenig sagen, ich kann keine Querbezüge zu seinen anderen Werken herstellen, keine Charakteristika benennen. Die Erlösungssuche, oder die Wanderung – sind das nicht typische Motive? Mir ist so, als hätte ich das mal so aufgeschnappt.

In diesem Fall nimmt die Wanderung ihren Anfang in einer namenlosen, trubeligen Großstadt; eine namenlose, gefeierte Sängerin beendet hier just ihre Sommer-Tournee. Den Winter will sie in einem Landstrich verbringen, der als Toter Winkel bezeichnet wird – für sie ist es die Gegend hinter dem Kindheitsfluß, hinter dem Kindheitssee, hinter dem Kindheitshügel.
Mit ihrer Wanderung folgt die Sängerin einer – ja was? Eingebung? Im laufenden Fernsehprogramm hat sie einen Mann gesehen und als den ihr bestimmten erkannt, und so macht sie sich nun entschieden auf den Weg zu ihm.
Und sie wird ihn finden, denn auch das ist ihre Bestimmung: eine Finderin zu sein. Da ist durchaus eine gewisse Portion Soft-Zauber am Werke. Einen verlorenen Ring im Kies, eine Kontaktlinse im Flokati – alles, was nahezu unmöglich wiederzufinden ist, fischt sie mit einem einzigen, zielsicheren Griff wieder hervor, und spricht dabei eine Warnung aus: Was einmal wiedergefunden worden sei, dürfe kein zweites Mal verloren gehen, denn es würde dann auf ewig verloren sein.
Der ihr bestimmte Mann ist, wie sie intuitiv weiß, der leitende Ingenieur des Kalibergwerks im Toten Winkel. Wo ein Abraumberg von schneeweißem Rohsalz monolithisch aus der Ebene aufragt und ein Areal der Reinheit markiert, in einer Welt, die andwerswo keine Gewissheiten mehr, nur noch Verwirrung bietet. Wo sich unter Tage eine weiß-glitzernde Gegenwelt erstreckt, die mit jedem neuen Stollen, den die Vertriebenen dieser Erde, welche hier als Knappen Arbeit fanden, weiter wächst und wächst. Wo im Übrigen derzeit ein Kind vermisst wird – wie praktisch also, dass eine esoterisch zertifizierte Finderin gerade auf ihrem Weg dorthin ist.
Und wie tragisch zugleich, trägt doch die Sängerin mit ihrer Ankunft Gefahr ins Kali-Land. Sobald sie und der Salzherr, wie der Ingenieur oftmals genannt wird, zusammenkommen, sind nämlich beide – warten Sie, lassen Sie mich einmal tief Luft holen: des Todes!

„Ja, wenn wir beide, unser beider Körper, einander lieben, müssen wir sterben, Sie mit mir, und ich mit Ihnen. Jetzt ist es gesagt. Und da es gesagt ist, hat es zu geschehen.“

Treffen sich zwei – beide tot. Welch Jammer, welch Tragödie; welch wohlig-todesromantischer Schauer! Wie nimmt jetzt der Ingenieur auf, was die Sängerin da gesagt hat?

Der Gastgeber hat ihr reglos zugehört, und ist dann mit einem Ruck aufgestanden, wobei der Sessel umfällt. Hat er ihn absichtllich umgeworfen? Für einen Augenblick erscheint sein Gesicht wutverzerrt. Und beißt er sich jetzt nicht in die geballte Faust?

(Entschuldigung, genau so steht das da, so was denke ich mir ja nicht aus!)
Nun: Soll es mit den beiden denn wirklich dieses Ende, dieses bittere, nehmen? Gibt es denn wirklich keine Hoffnung auf Erlösung?
Muss womöglich zunächst das verschwundene Kind (das vielleicht ein ganz konkretes ist, vielleicht aber doch auch ein ganz abstraktes?) aufgefunden werden; muss diese eine Rettung jeder weiteren Rettung vorausgehen?
Falls aber wirklich niemand sonst mehr retten kann – könnte da nicht, ausnahmsweise, der Erzähler, sagen wir, ein bisschen mogeln vielleicht?

Der Erzähler, mit dem man es hier zu tun hat, ist nämlich durchaus ein sich beteiligender Erzähler, einer, der immer wieder selbst in den Roman eintritt, suchend und fragend durch die Landschaft streift, den Figuren nacheilt oder wie im Rüttelflug über ihnen stehend sie fixiert. Umgekehrt ist den Romanfiguren stets bewusst, dass sie ziemlich eigenwilligen Gesetzmäßigkeiten unterliegen und dass es eine mehr als nur abstrakte lenkende Hand über ihnen gibt, und nichts davon scheint sie zu verwundern.
Ich neige die ganze Zeit über dazu, den Erzähler als Erträumer dieser Geschichte zu verstehen.
Zumal innerhalb seines Erzählens eine somnolente Willkür waltet. Der feste Boden konkreter Orts-, Zeit- und Namensangaben wird nie betreten. Alles schwimmt stets im Dehnbaren und Veränderlichen, beispielsweise sehen wir, mitten in der eindeutig vorwinterlichen Szenerie, die Sängerin plötzlich von munteren Libellen umschwirrt und von Sommerschilf umgeben. Im Toten Winkel ist, so liest man, seit Jahren kein Kind geboren worden. Das letzte war das jetzt vermißte, aber das ist nun schon ein Jahrzehnt her – und doch säumen, je länger die Sängerin dort verweilt, mehr und mehr Kinder die Szenen in der Knappensiedlung, als wüchsen diese einfach in die Erzählung hinein wie die Pilze. Die Figuren liefern sich Dialoge, wie sie sonst eher in Wachträumen oder symbolistischen Filmen stattfinden, bleiben, bis auf mickrige Ausnahmen, namenlos und auf ihre Funktionsbeschreibung reduziert (die Sängerin, der Fahrer, die Pastorin, der Maler usf.) und würden sich alles in allem auch gut zu Märchenfiguren eignen, kurz: Sie erinnern an alles mögliche, nur freilich nicht an wirkliche Menschen.

Im Grunde liest sich Kali wie ein Kunstmärchen der Romantik, dessen Autor leider 1942 geboren wurde anstatt 1772. (So was kommt vor, solche Fehler unterlaufen der Welt schon mal.)
Obwohl – ein Romantik-Stück, in dem ein Jeep durch Rohsalzstollen brettert, vorbei an Baggern und anderem montanem Großgerät? Das steckt schließlich alles drin. Und doch tut es dem Eindruck vorindustrieller Verwunschenheit, den Handkes Kali-Land erweckt, seltsamerweise keinen Abbruch. Den vorhandenen technischen Elementen zum Trotz, spricht Kali eine Sprache, die ich genauso aus romantischen Tiefenexpeditionen wie Die Bergwerke zu Falun von E.T.A. Hoffmann und Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen kenne.

Novalis‘ Vater war übrigens von Beruf Salinendirektor.
Aber wie kam Handke wohl auf den Trichter mit dem Salzbergbau?

Katja Flint: Ungefähr fünf Jahre lang waren Flint und Handke miteinander verbandelt. 2007, nicht lange nach der Trennung, erschien Kali.
Da unser Dorf, das Kalidorf, nun mal ein kleines Dorf ist, geht hier niemals auch nur ein Körnchen lokalen Tratsches verloren, und eine der unausrottbaren Ortslegenden besagt, Katja Flint habe früher mal auf dem Tienberg gewohnt. Womit die Werkssiedlung von Sigmundshall gemeint ist, das Dorf im Dorf. La Flint wurde hier geboren und verbrachte ihre ersten Lebensjahre wohl tatsächlich auf dem Tienberg, machte dann aber schnell anderswo mit dem Aufwachsen weiter. Vom Kalibergchen im niedersächsischen Niemandsland ging es, noch als Kind, nach Amerika, zu den großen Salzseen. Vater Flint soll Ingenieur gewesen sein, aber allzu genau wusste und weiß man’s nun auch wieder nicht. Und interessant war das eigentlich auch bloß solange, wie Flint und Lauterbach noch täglich die BILD, die Bunte und Sat1 beschäftigten.
(Was ich von diesem Teil-Wissen habe? Hauptsächlich, dass ich mir die Sängerin, wie sie so im Ingenieurshaus oberhalb der Knappensiedlung mit dem Salzherrn gemeinsam nachtmahlt – ach, nicht bloß da, sondern: dass ich mir sie permanent als rothaarige Katja Flint vorstelle.)

Einen Teil seines Vorlasses hat Peter Handke ans Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek gegeben. Darunter auch Materialien, die seine Arbeit an Kali begleiteten.
Irgendjemand von hier muss ihm ein Exemplar des Bildbands zum 100jährigen Jubiläum von Werk Sigmundshall gegeben haben, den Handke sich kopierte, denn der war nur in winziger Auflage, bloß zum regionalen Eigenbedarf gedruckt worden; natürlich hatten auch meine Eltern damals einen gekauft.
Und Handke war zum Knipsen im Nachbarort Steinhude – es gibt Fotos vom Steinhuder Meer, von der Badeinsel, von den Booten, die übers Meer und auch durch Handkes Erzählung segeln, und ein sicherlich vom Wilhelmsstein, der Festungsinsel im Meer, aufgenommenes Bild, das die knallweiß überm Wasserspiegel schwebende Kali-Nordseite zeigt (die allerdings längst ganz anders aussieht, als Handke sie noch fotografierte: Der rohe Abraum verwittert mit den Jahren zu grauem Steinsalz, außerdem wird der Berg inzwischen mit dunkler Schlacke überzogen, auf der sich Pflanzenbewuchs ansiedeln soll).

Das „Meer“ scheint freilich eher ein See, in der Ferne das Gegenufer? Dann der Bootssteg mit einem nun doch zu einer Meerespassage passenden Schiff; Name: DER AUSWANDERER.

Das Steinhuder Meer ist tatsächlich ein Binnengewässer. Mittendurch verlief früher die schwimmende Grenze zwischen Preußen-Hannover und Schaumburg-Lippe. Die besagten Auswandererboote dienen allein der Personenschifffahrt, und sie bekamen diesen Namen, weil sie, indem sie über den See setzten, Landesgrenzen überschritten. (Angepasst ans seichte Heimatgewässer, ist dieser Bootstyp übrigens nirgendwo sonst zu finden.) Die größte Tiefe des Meeres beträgt keine drei Meter, und meine Oma erzählte, wenn man die Untiefen-Linien finde, wo das Wasser nie mehr als knietief sei, könne man von einem Ufer bis zum anderen quer übern See gehen. (Ich war zu feige, das je selbst auszuprobieren, aber ich weiß auch, dass sich diese Feigheit nie so ganz ohne Grund einschaltet – sie meint’s gut mit mir.)

Handke lässt seine Sängerin ebenfalls eine Überfahrt im Auswanderer machen, dem großen Salzrücken entgegen, und nimmt dabei die Bootsbezeichnung wörtlich: Ihre Mitpassagiere sind Migranten aus aller Welt, Hoffnungslose, Versprengte, die von den Auswanderer-Booten zum Toten Winkel gebracht werden, wo sie Zuflucht und Arbeit suchen. Entsprechend mischen sich in der Werkssiedlung alle erdenklichen Religionen und Ethnien und es herrscht ein wildes Gewirr von Schriftarten und Vokabeln.
Der Salzherr erzählt:

Seit jeher war das hier eine Flüchtlingsgegend. Lange, bis nach dem letzten Krieg, und noch in den Jahrzehnten danach, kamen wir Flüchtlinge ausnahmslos aus dem Osten. Und bis Ende des vergangenen Jahrhunderts sind die meisten von uns hier heimisch geworden, fast – haben jedenfalls Arbeit gefunden im Salz, haben sich in der Gegend eingekauft. Aber die Flüchtlinge dieses neuen Jahrtausends werden ganz und gar nicht mehr heimisch. Und sie kommen inzwischen aus sämtlichen Erdgegenden.

Was dieses vergangene Jahrhundert anbetrifft, ist das keine Fiktion: Das Bergwerk zog stets die Verlorenen an.
Zunächst bot es in der extrem strukturschwachen Region den wirklich Unterprivilegierten geregelte und verhältnismäßig gut bezahlte Arbeit. In der traditionell kleinbäuerlichen Gegend waren Tagelöhnerei und das, was man heute Arbeitsmigration nennt, ganz normal. Meine Urgroßväter (väterlicherseits) arbeiteten saisonweise als Reetschneider in Holland oder als Heringsfischer in der Nordsee; ihre Reisewege bewältigten sie – es hieß nicht umsonst Wanderarbeit – zu Fuß. Die Höfe, die notdürftig die Selbstversorgung der Familien sicherten, wurden unterdessen von den Frauen und Kindern allein unterhalten. Noch in der Nachkriegszeit war es üblich, sich Kühe und Schweine zum Eigenbedarf zu halten.
Mein Bokeloher Urgroßvater (mütterlicherseits) schuftete als dreizehnjährige Vollwaise in einer Weberei, bevor er auf Sigmundshall Arbeit fand. Für viele, die wie er dort ihren Hauerschein machten, war dieses Papier das erste Zeugnis, das sie je erhielten.
Zwar wurde der Förderbetrieb in Bokeloh Ende der 1920er pausiert, um nicht durch Überförderung die Rohstoffpreise ungewollt abzusenken, doch blieb mein Urgroßvater als Teil einer kleinen Wach- und Instandhaltungsmannschaft am Berg. Im Krieg wurden in Sigmundshall, anders als in den südlicher gelegenen Werken der Kali-Gesellschaft, keine Zwangsarbeiter eingesetzt, sondern die Stollen als Lagerstätte für die zentrale Lebensmittelnotversorgung genutzt. Ein Ali-Baba-Schatz aus Getreide, Margarine und Rübenzucker. Aber ob das wohl wirklich alles war, was da lagerte?
Mein Urgroßvater und sein Schäferhund liefen vor den Stollenzugängen Streife. Solche Schäferhunde wie diesen – einen Berger Blanc Suisse – hatten wir immer wieder in der Familie. Ihr Fell ist dick wie gehechelter Flachs und mattweiß wie Rohsalz.
Natürlich krempelte der Weltkrieg, der Zweite, selbst in abseitig-ländlichen Gebieten sämtliche Innereien um, schäumte Tollwut auf, schlug die Ordnung der Dinge zu Klump.
Der in erster Linie jüdisch besetzte Landhandel in seiner uralten, bewährten Form wurde ausgelöscht. Wem die obligatorischen Kriegerdenkmäler in Dörfern nicht fremd sind, weiß, dass jeder darauf verzeichnete Name, über einen persönlichen Verlust hinaus, eine stillstehende Viehzucht, einen un- oder mangelbewirtschafteten Hof, einen ungeführten Handwerksbetrieb bedeutete. Neue, dringend benötigte und doch von den Einheimischen oftmals nur zähneknirschend begrüßte Arbeitskräfte kamen in den Ort: Flüchtlinge, Vertriebene, Heimatlose. Darunter mein Großvater aus Posen, der zupackend und zäh genug war, um praktisch jeden Job zu machen.
Aber es gefiel den Leuten eben nicht, dass Fremde sich hier niederließen. Dass Fremde anrührten und weiterführten, was verstorbenen Vertrauten gehört hatte. Dass fremde Gesichter die vermissten ersetzten. Zudem sprach man hier Calenberger Platt und konnte sich mit den ungeliebten Eindringlingen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und sonstwo nicht mal verständlich streiten! Allein, es nutzte alles nichts – man brauchte sie. Murrenden Herzens schraubte man die Garstigkeiten etwas zurück. Man stürzte sich probeweise gemeinsam ins Vorankommen. Man staunte, wie gut das ging, und heiratete, siehe da, alsbald fleißig untereinander.
Nach Wiederaufnahme des Förderbetriebs wurden Hammer und Schlegel durch Schlagbohrmaschinen ersetzt, modernes Fuhrgerät angeschafft, und die werkseigene Rohstoffverarbeitung reifte immer weiter aus. Die Fördermenge erhöhte sich radikal.
Urgroß- und Großvater arbeiteten lange gemeinsam im Werk und verstanden sich prächtig. Später war auch mein Vater einer von denen, die auf Sigmundshall anfingen, weil sie nicht wussten, wohin sonst, aber er blieb nur für ein paar Jahre; unter Tage hielt er’s nicht aus.
Einen weiteren schlagartigen Bevölkerungszuwachs, wenn auch keinen vergleichbar großen, erlebte der Ort erst wieder im Zuge des Mauerfalls, und auch hier wieder bloß wegen des Berges. Die vormals staatlich geführten ostdeutschen Kali- und Salzunternehmen gingen in Treuhand-Verwaltung über und später schließlich in der K+S auf. Während im Osten zusammengestrichen und verscherbelt wurde, zogen scharenweise Bergmänner samt Familien aus dem Südharz-Kalirevier weg, und sie gingen auch und gerade in den Norddeutschen Kali-Bezirk. Etwa in der dritten Grundschulklasse kamen mein Dorfkinderjahrgang und ich mit etwas in Berührung, was wir mehrheitlich so gar nicht kannten: mit Kindern von anderswo, Kindern, die einen Dialekt sprachen, den wir nicht einordnen konnten und mitunter auch nur schwer verstanden, Kindern, die gerade einen weiten Umzug hingelegt hatten und uns damit ein Gefühl dafür einimpften, dass es außer Bremen und Hamburg, wo vielleicht ein paar Tanten wohnten, und Mallorca und Holland, wo man Urlaub machte, auch noch andere Orte gab, von denen wir gar nichts wussten. Wir waren ziemlich unschlüssig, ob wir sie verprügeln sollten, weil sie „Glasse trey“ anstatt „Klasse drei“ sagten, oder ob wir uns nicht vielmehr um ihre Freundschaft prügeln sollten, weil sie aus ihrer ehemaligen DDR so viele coole Dinge zu zeigen und zu erzählen hatten: Sie kannten sich mit gigantischen LPG-Landmaschinen aus, während manche Bauern hier immer noch mit dem kleinen roten Traktor vom Großvater durch den Ort pöttelten, oder sie hatten schon als Dreijährige mit professionellem Kunstturnen angefangen und machten mühelos serielle Flickflacks. Jedenfalls: Sie beschäftigten uns ungemein – aber leicht hatten sie’s mit uns nicht.

Handke spinnt diesen Faden in seinem Kali-Land weiter: Hier bildet die Arbeiterschaft ein noch internationaleres, heterogeneres Vielvölkergemisch, das über Tage, bei Licht besehen, seine Mängel nicht verbergen kann. Doch sind unter Tage sämtliche Querelen und Sprachbarrieren wie von Zauberhand aufgehoben, und es wird klar, dass Handke den in schwindelnde Tiefen wachsenden Bau – siehe Sigmundshall, das inzwischen eine, wie man sagt, Teufe von 1400m erreicht hat – als einen gespiegelten, einen geglückten Turmbau zu Babel skizziert.
Womöglich kann man in dieser Konstruktion sogar einen Fingerzeig auf die Geburt der EU aus dem Geiste der Montanunion erkennen. Wem das nicht poetisch genug ist, der kann sich aber auch den seiger (senkrecht) in die Tiefe verlaufenden Salzstock als eine unterirdische Variante des Elfenbeinturms vorstellen, in dem die Knappen, jeder für sich wie auch alle gemeinsam, einer Ästhetik des Tätigseins frönen; ein abgeschiedener Ort der Reinheit, der ergiebigen Arbeit, durchzogen von Stollengängen, die an sakrale Gewölbe erinnern und die man sich meinetwegen von diesen klassischen Salz-Lampen aus rötlichem Sylvinit beleuchtet denken kann, wenn’s gefällt.

Dass es nicht weit von Sigmundshall einen Fliegerhorst gibt, ist Handke wohl auch nicht entgangen. Früher kreiste die Transall auf Übungsflügen über den hiesigen Dächern, heute der A400M – in Kali tragen Kampfflugzeuge vom Militärflugplatz in der Nähe durch jähes, gleich wieder abflauendes Vorbeidröhnen zum Szenario einer latenten Bedrohung bei, die den Kali-Ort stets belauert: Handke lässt den Begriff Dritter Weltkrieg fallen, meint damit offenbar aber keinen heißen Krieg, sondern einen voranschreitenden Untergang, einen Zerfall der gewohnten Konstellationen und Fundamente.
Es ist die übliche Wehklage vom mangelnden Miteinander in der Welt, vom Mangel auch an Freude, Spiel und Unverfälschtheit, wie wir sie bei Bedarf täglich aus unserem medialen Input herauslesen können, die auch in Kali als ideeller Faden zu finden ist.
Dort kommt sie im letzten Drittel so richtig in Schwung. Der Ton plustert sich zu anklagendem Zetern auf, das sich gegen die Verwirrten und das Gesindel usf. richtet, um von dort aus direkt zum salbungsvollen Visionieren zu werden, wenn Handke seinen Erlösungskitsch entfaltet, den er dem Untergangsdrall entgegenstellt. Und wie er da nun völlig überreizt zwischen Suada und Hymnus hin- und herhechtet, das gibt mir einfach den Rest.
Zusätzlich greift Handke tief in die Kostümkiste, lässt die Arbeiter bzw. Flüchtlinge ein Fest feiern, das selbst für einen UFA-Heimatfilm zu süßlich gewesen wäre, und lässt sein Wort zum Sonntag, seine finale Predigt, direkt von einer, ja, Pastorin in einer altehrwürdigen Kirche besorgen.
Wie gut, dass das Ende der Geschichte nun aber auch erreicht ist.

CIMG8408 (2)

Jene Kirche im Feld, sicher die Sigwardskirche in Idensen (wieder ein Nachbarort), muss Handke ebenfalls besucht haben, denn es stimmt, dass sie keine Kanzel hat, dass man sich den Schlüssel, wenn die Kirche außerhalb der Sommerzeit geschlossen steht, im Pfarrhaus holen kann, um die Fresken zu besichtigen, dass in der Vorwinterzeit, in der Kali ja angesiedelt ist, der Blick zum Berg hin über brache Agrarflächen ohne Vieh geht, dass die Kirche umringt ist von schiefen, moosigen Grabsteinen, wie eine Landkirche in England.
Es ist schon eine besondere Kirche, eine Kleinkirche von großem historischem Wert, denn neben ihrer eigentümlichen Architektur sind ihre originalen Wandbemalungen aus der Romanik erhalten geblieben; außerdem schlägt im Sigwardsturm die älteste Glocke Niedersachsens.
Ein religiöser Mensch bin ich nicht, nur: Ich mag es sehr, in alten Kirchen zu sitzen. Die Sigwardskirche habe ich besonders gern, weil sie so klein und so ursprünglich ist. Und weil ich dort immer unterschlüpfen konnte: Wenn ich zu Fuß durch die Gegend stromerte und in den Regen kam, oder wenn ich blindwütig davonradelte, um meine Ruhe zu haben, fand ich die Kirche zumeist leer und blieb einfach eine Weile da, unter den Fresken sitzend, die den Augen wegen der niedrigen Raumhöhe so nah sind, dass ich mir vorkam, als wäre ich soeben nicht einfach in die Kirche hineingetrampelt und auf eine Bank geplumpst, sondern vielmehr behutsam, wie ein kostbares Andenken oder ähnliches, in eine bemalte Schachtel gebettet worden.
Die Kaninchenbau-Sicherheit, der kühl-mehlige Steingeruch, das Storchengeklapper vom gewaltigen Nest auf dem Turm.
Die Wandmalereien bilden unter anderem den Turmbau zu Babel ab, und da sind wir wieder bei Handke und seinem Babel-Motiv. Außerdem beschäftigt mich im Zusammenhang mit Kali, dass meine Urgroßmutter die Kirche noch hartnäckig de Witte Kaark, die Weiße Kirche nannte, denn das war die Sigwardskirche zuvor wirklich: so weiß wie der Salzberg. Damit die Fresken die Kirchgängler nicht vom Beten ablenkten, waren die üppigen Malereien von den Bilderstürmern mit weißem Kalk übertüncht worden, was zufällig die Bilder über die Jahrhunderte hinweg hervorragend konservierte. Erst in den 1930ern wurde begonnen, die Malereien wieder freizulegen und zu restaurieren. Genauso wie es auf den Faltblättern zur Kirchengeschichte steht, erklärt es auch Handkes Pastorin.

Die frustierte Pastorin ist für mich der Prüfstein, an dem sich entscheidet, dass ich in Handkes Kali-Welt nichts verloren habe. Eine Ortsgeistliche, die ihre Schäflein verachtet, die ihre Kirchenräume als von ihnen beschmutzt empfindet, die während des Gottesdienstes zur Gemeinde spricht:

Nur noch Gesindel seid ihr auf Gottes Erde, Desperados. Vernichtet gehört ihr. Weg mit euch. (…) Schämt euch, zu leben. Aber nein, ihr schämt euch nicht, könnt euch nicht mehr schämen. Es ist die Zeit der Schamlosigkeit, des Sichnichtmehrschämenkönnens.

usf.

Wer sich eigentlich schämen sollte, das sind natürlich immer diejenigen, die aller Welt Schamlosigkeit vorwerfen und unterdessen höchstselbst – ohne sich zu schämen – solche Sätze klopfen wie: Vernichtet gehört ihr.
Wenn sich auch der Zorn der Pastorin später legt und sogar ins große Lobpreisen umkippt, so spricht doch überwiegend ein herrschsüchtiges, menschenfeindliches, durchaus narzisstisch gekränktes Wesen aus ihr. Und nicht nur aus ihr allein, sondern dieses Unwesen durchzieht die Geschichte kreuz und quer – da habe ich die Untiefen-Linien gefunden, auf denen es sich von einem Ufer der Erzählung bis zum andern spazieren lässt. Die Pastorin übersetzt lediglich jenen diffus herumnebelnden und doch bestimmenden Geist – und der Heilige ist das nicht – in geschwollen formulierten Hate Speech.
Und eigentlich wundert mich nun gar nicht mehr, welch üppiges Schreibpensum Handke doch hat, denn für jemanden, der sein literarisches Personal sowohl solche Hassreden (wie die Pastorin), als auch solche gezierten Tänzchen (wie die Sängerin mit ihrem Salzherrn oder die Flüchtlinge zum Fest) aufführen lässt, müssen diese profanen Realmenschen, die sich ja leider immens von den eigenen, streng an den Strippen geführten Figuren unterscheiden, die reinste Zumutung sein, also bitte, also dann lieber in Abgeschiedenheit leben und gedanklich die eigenen Romanwelten bewohnen, wo man spricht: „Mein Wille geschehe!“, und siehe da, er geschieht!

2018 stellt Sigmundshall übrigens, nach 120 Jahren, seinen Förderbetrieb endgültig ein. Der vertikale Abbau verschlingt inzwischen mehr an Aufwendungen als er an Ertrag wieder einfährt. Wie seltsam, wenn die täglichen Abbausprengungen ausbleiben – abends, pünktlich um 20.50 Uhr, donnerte es unterirdisch, dass die feinen Gläser im Küchenschrank singend erzitterten, schon damals, schon immer.
Die meisten Bergmänner ziehen mit ihren Familien von hier weg, wechseln das Bundesland, haben Anschlussbeschäftigung in noch aktiven Kaliwerken gefunden. Der Tienberg leert sich, und die Grundschulklassen werden kleiner. Der Bruder einer Bekannten ist bereits kurzentschlossen zum jüngsten K+S-Projekt gewechselt, zu der auf gigantischen Ertrag ausgerichteten Werksanlage Bethune, die letztes Jahr die Förderung aufgenommen hat – ganz abgelegen in der kanadischen Wildnis.
Die Abraumhalde von Sigmundshall, der weiße Salzberg, wird seit Jahren kontinuierlich begrünt. Das ist mühsam, aber dieser Oberflächenschutz ist notwendig, da die vom Regenwasser ausgewaschene Lauge trotz der Drainagen die umliegenden Gewässer schädigt. Die Südseite ist längst mit vulkanisch anmutender, mattschwarzer Schlacke überzogen. Teils ist sie schon von Kraut und zähem Gesträuch bewachsen; es heißt, dass bereits die Rehe gelegentlich auf dem Berg herumkraxeln. Vielleicht entsteht so, oberhalb des einstigen Meeres, das heute in Form einer fossilen Salzschicht vertikal im Berg steckt, mit der Zeit ja ein vertikaler Wald.
Typisch reinweiß strahlt inzwischen nur noch die zuletzt aufgeschüttete Nordhalde, aber auch das nicht mehr lang, nicht mehr ewig jedenfalls, und irgendwann ist es dann ganz und gar aus mit dem Leuchten hier.

CIMG7251 (2)


>>Peter Handke, Kali – Ein Vorwintergeschichte (Suhrkamp) €7,-


Alle Fotos: Grebe


Zitate aus dem Buch sind hier durch Kursivschrift gekennzeichnet.

KÖTER // Nur bei Midi

Herr Lehmann und der Hund – diese Szene kennt praktisch jeder. Marion Poschmanns Hundenovelle, Rebecca Hunts Mr. Chartwell oder Michael Köhlmeiers Idylle mit ertrinkendem Hund kennen viele. Überhaupt sind Bücher, in denen der Auftritt eines Hundes – insbesondere der eines Churchillschen Schwarzen Hundes – eine bedeutungstragende Funktion erfüllt, schlechterdings keine Seltenheit. Wer danach sucht, wird also finden, und zwar allerhand.
Ebenso gibt es durchaus einige Reportagen, Romane, Erzählungen, die sich der Plastiktristesse der Supermarkt- und Discounterwelt widmen. Etwa die erfolgreich abverkauften Leiden einer jungen Kassiererin von Anna Sam. Mir fällt auch Infarkt von Jens Wonneberger ein, wo sich menschliche Lebenswege zwischen Käsetheke und Spirituosenregal kreuzen; Sven Amtsberg erweitert seinen Superbuhei konsequenterweise gleich um eine anhängige Kneipe. Der Kinofilm In den Gängen, angesiedelt in den Regalschluchten eines Großmarkts, basiert auf einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer, die in Die Nacht, die Lichter zu finden ist.
Was diese Stichworte sollen? Später – fürs Erste soll hier nur die Überlegung nachgezeichnet werden, ob es dem Buchmarkt womöglich an Geschichten fehlt, in denen Riesenköter und Kleindiscounter eine Rolle spielen. Nun: Tut es nicht.

Bücher überhaupt – Bücher gibt’s ja generell wie Heu. Bös gesprochen: epidemisch. Ich bin nicht mehr auf dem Laufenden, was beispielsweise die Halbwertszeit eines aktuell als Taschenbuch veröffentlichten Krimis aus einem bekannten Publikumsverlag anbetrifft, aber: Ich erinnere mich nur allzu gut an Programmfluten, die oftmals kaum voneinander unterscheidbare Titel aus Belletristik und Unterhaltung in Unmengen in den Laden spülten, und ich erinnere mich an die lästige Arbeit, den größten Teil davon, drei bis sechs Monate später, wieder in genau jene Kartons zu stopfen, aus denen die Neuerscheinungen doch eben erst gekrochen kamen, um sie nun als Remittenden an die jeweiligen Auslieferungen zu senden.
Ich weiß nicht recht, wer in der Branche, aus der ich komme, eigentlich je wirklich Geld verdient, je richtig Kohle gescheffelt hat – so jemandem begegnet bin ich dort nämlich nie. Mir bekannt sind lediglich diejenigen, die an dem, was sie schreiben, überhaupt nichts oder nicht ausreichend verdienen, zweitens diejenigen, die dann diese Texte verlegen, ohne damit reich zu werden, und drittens diejenigen, die sich zunehmend auf den Verkauf von Plüschtieren und Schokoladentafeln verlegen, bevor sie den Laden am Ende doch bloß dichtmachen. Irgendwann, lange vor meiner Zeit, war das einmal ganz anders. Sicher. Und dort draußen, sehr vereinzelt, gibt es sie natürlich auch heute noch: diese seltenen Einhörner, die es aus irgendwelchen Gründen auf den Gipfel eines Berges geschafft haben, wo sie, einsam in der Sonne glänzend, herumstehen und vom Tal aus betrachtet sehr hübsch anzuschauen sind.
Multipliziert man die gegebene Menge an Buchtiteln mit der gegebenen Menge an medialen Content-Schleudern, dann ergibt das potenziell eine ungeheuer flächendeckende Präsenz von Literatur – und zwar von Literatur, die als Produkt gedacht wird. So ist das eben, es geht hier ja schließlich nicht um irgendein romantisches Hobby, Ihr Eumel. Und selbst ich trage mit meinem gelegentlichen, kleinen Gepuste dazu bei, die Böen anzufachen, sodass sich die Geschwindigkeit des großen, omnipräsenten Marktwirbelwinds stetig erhöht.
Eigentlich war das nie der Sinn der Sache.

Ich vermisse durchaus meinen kindlichen Ausgangsglauben, ein Buch sei mehr als ein bloßes Produkt – aber da hat der Einzelhandel über die Jahre, und besonders über die Weihnachtszeiten hinweg, ganze Arbeit an mir geleistet.
Genauso vermisse ich, wenn ich mich in der fleißig brodelnden Rezensionssuppe so umschaue, oftmals den sichtbaren Willen, etwas Geschriebenes nicht nur als ein Erzeugnis der Medienproduktionsbranche wahrzunehmen, sondern in erster Linie als den Versuch eines anderen Menschen, sich uns mitzuteilen.
Man kann diesem Versuch nun trauen oder auch nicht. Man kann sich blind darauf einlassen oder lieber skeptische Untersuchungen anstellen. Auf die gleiche Art, wie man, sagen wir, eine Jacke überzieht, kann man die Texte Anderer anprobieren, um zu testen, wie man sich darin fühlt, was wohlgemerkt ein Vorgang ist, den man allein absolviert und dessen Ergebnis dementsprechend ein ziemlich einmaliges ist. Trotzdem neigen wir hartnäckig dazu, etwas, das seinem Wesen nach einer zwischenmenschlichen Begegnung entspricht, mit einer Rezension zu quittieren, die sich an einem Leistungskatalog entlanghangelt, mit Pauschalbetrachtungen und Pauschalurteilen flirtet, und die letztlich ihrem Wesen nach einer Produktbewertung entspricht. Machen wir das denn tatsächlich wegen dieser Neunfünfundneunzig, die wir bezahlt haben? Oder macht uns diese immer etwas selbstgefällige Pose einfach zuviel Spaß?

Ich habe ja nicht die Nase voll vom Literaturkaufen und Literaturlesen, auch nicht vom Lesen und Texten über Literatur, oder dem Lesen und Schreiben generell. Im Gegenteil, wenn es nach mir ginge (tut es nicht, ich weiß), könnte es gar nicht genug Leute geben, die von sich schreiben und von den Anderen lesen; es könnte nicht genug schreibende Krankenschwestern, Busfahrer, Müllmänner und lesende Polizisten, Sparkassenfilialleiter, Senior Sales Managerinnen geben.
Ich meine das absolut ironiefrei ernst, denn ich finde das wirklich wichtig: Alle haben etwas mitzuteilen, und in allem wirklich Gemeinten, was es mitzuteilen gibt, gibt es wiederum für alle etwas zu finden, zu entdecken, zu erfahren.
Die Nase voll habe ich dagegen vom Werbegeklapper, das inzwischen jede noch so private Nische gekapert hat. Und ich habe die Nase voll von diesem Trend zur Überprofessionalisierung, der mittlerweile alle Bereiche erfasst hat, die sich, auf welchem Level auch immer, mit Literatur beschäftigen. Braucht es das denn?

Was es auf keinen Fall bräuchte, wenn es da nach mir ginge (aber das tut es auch hier nicht), sind:
Diese Angst davor, sich lächerlich zu machen, indem man zu viel von sich preisgibt oder den Rahmen des eigenen Könnens derartig überstrapaziert, dass das in einem Ausrutscher endet – warum so dünnhäutig und schisserig?
Diese Bereitwilligkeit, sich über diejenigen lustig zu machen, die zu viel von sich preisgeben oder den Rahmen ihres Könnens derartig überstrapazieren, dass das in einem Ausrutscher endet – wozu immer gleich die Häme und die Nickeligkeiten?

Ich finde eine sicherlich nutzlose, aber trotzdem schöne Zufriedenheit darin, wenn ich Dinge um ihrer selbst willen schreibe, und ich muss ab und an zurück ins analoge Tagebuch wechseln, damit mir das Bewusstsein dafür nicht versehentlich flöten geht. Zuletzt habe ich ein paar geplante Texte und Buchbesprechungen am Ende bleiben lassen, weil mir auf die Frage, was das alles mit mir zu tun habe, nichts Zufriedenstellendes einfiel – und was sollte auch schlimm daran sein, wenn mitunter ein paar Wochen lang kein einziger Beitrag von mir in diesem Internet auftaucht?
Umgekehrt, als Leserin also, mag ich sehr, wenn aus Texten heraus erkennbar wird, dass da jemand beim Schreiben (und vielleicht auch nur dort) ganz bei sich selbst ist. Ob das auf ein Buch zutrifft, dass sich fünfzig Mal verkauft hat, oder auf einen Blog, der fünf Follower hat, spielt keine Rolle, und wenn es auch nur ein einziges Seelchen gibt, das da oder dort im Text etwas für sich gefunden hat, was es brauchte, dann hat sich damit die Frage nach der Daseinsberechtigung einer solchen Literatur von selbst geklärt.

Schreibt halt Gedichte über umgekippte Wassergläser; Romane übers Schnürsenkelbinden; Essays über die Geschmacksunterschiede beim Kauen von Bleistiften und Fingernägeln. Von mir aus.
Aber schreibt!


>> Das hier ist ein Text aus einer meiner anderen Schubladen. Riesenköter, Kleindiscounter,  Mittelmaß – wer insgesamt ca. zwei Stunden seiner Zeit verpulvern mag, der landet via Link direkt im (zwar kein bisschen an den Haaren herbeigezogenen, freilich aber etwas überfrisierten) Midi-Markt in Leefeld: Nur bei Midi


 

FLUGWESEN // Was vom Himmel fällt

f244bb52520724366b4fae7f68fc29ab (3)

Wenn es Nacht wird, bin ich zumeist daheim, sortiere das Geschirr, zähle Staubkörnchen oder rühre in Farbtöpfen herum. Es ergibt sich kaum noch, dass ich mal nachts an die Luft komme, noch dazu allein, wobei nachts übrigens das bloße im Dunkeln meint und nicht etwa nach Mitternacht oder gar über Nacht, und ich — Aber mecker nicht, Ilsebill, Zeiten ändern sich halt, und irgendwann ändern sie sich wieder aufs Neue, und was soll überhaupt die Klagerei? Ja ja.

Wenn es Nacht wird, öffnet sich, indem die Bläue des Himmels westwärts davonschiebt, die Schleuse ins unfassbare Schwarz, das sich im Pupillenrund spiegelt. Sobald der Blick ein Körnchen von der sich auftuenden All-Ewigkeit zu fassen kriegt, zischt dieses Körnchen zur Pupille herein und via Sehnerv direkt ins Hirn, boom!, wo es aufkeimt, sternenartige Blüten und ein Gewucher von Galaxien austreibt, und so einen Raum entfaltet, der gefüllt zu werden verlangt. Rasch ringeln sich ganze Schöpfungsketten dahin, und es bildet sich ein Äther, ein Stoffgemisch aus kostbarsten Substanzen: Klarheit, Neugier, Liebe, Sehnsucht, glorreichem Mut zum Blödsinn. Das macht einen Menschen aus: dass sich darin solche Tiefe und Größe und auch Schwärze auftun, wie sie sonst nur dem Weltall gegeben sind. Dass wir in erster Linie Tag-Aktive sind, kommt mir wiederum glatt wie eine gelebte Bitte an die beruhigend blaue bis weißgraue Himmelsdecke vor, sie möge uns doch vor solcher Tiefe und Größe und auch Schwärze behüten.

Wenn es Nacht wird, kommen die Minusgrade besonders zur Geltung, es ist, als speiste sich die Kraft der hiesigen Winterkälte direkt aus dem sperrangelweit offenstehenden All, wo ihre große Schwester herrscht – ungleich brutaler, als es die mickrige Erdlingin je könnte, versteht sich. Die Luft ist lupenrein und ohne jede Regung, sie ist leergefroren, Nebel und Wind und alles müssen vor Kälte einfach zu Boden gefallen sein. Das leise Bersten mikroskopisch kleiner Türme und Brücken aus Eiskristall unter meinen Stiefelsohlen wächst sich in der Stille zu etwas Großem aus, das sich stachelig ins Ohr drückt. Überhaupt wird nun so allerlei hörbar, was sonst unter Alltagsklang verborgen liegt, wie das rauschende Blutgestöber, das den Körper durchläuft. Außerdem rätselhafter Schall – vielleicht das Restbrausen entfernter Städte und Stürme, oder eine akustische Ahnung von den Schwingungen, die durch das Glühen und Quirlen des äußeren Erdkerns verursacht werden, weit, weit unter uns, ganz tief, so tief, tief… un…….ten…………….. Auch die Stille an sich ist ein besonderer Klang.

Wenn es Nacht wird, beginnen irrationale Versuchungen zu zirpen – ganz verschiedenartige, je nachdem, ob man sich in der Stadt oder auf dem Land und in welchem Alter man sich befindet. Ich stehe gerade am Ackerrand, Weg und Siedlung im Rücken, vor mir nichts als Flachland. Die Horizontlinie erstreckt sich ungebrochen von einem Ende meines Gesichtsfeldes zum anderen, sie ist ein massiv anmutender Balken und tiefschwarz – die Entfernung verdichtet das Dunkel, und der Querbalken markiert dessen höchsten Sättigungsgrad. Der Raum, dessen Grundfläche von der platten Ebene gebildet wird und der sich aufspannt bis weit hinter die mir bekannten Sternbilder, liegt still und klar und wie aus Glas gegossen da. Es kommt selten vor, dass er bequem begehbar ist, nur wenn eine solche trockene Kälte länger andauert und der Oberboden steinhart gefroren ist wie jetzt, lässt es sich quer über die Ackerflächen spazieren. Noch im Dezember wäre man dort in knietiefem Schlamm stecken geblieben, da Temperaturen und Niederschlagsmengen diesen Winter lange Zeit so hoch gewesen sind. Später wird das Frühjahrshochwasser kommen und aus den Agrarflächen eine Seenplatte machen, die wiederum eine einzige Morastlandschaft hinterlassen wird. Das Jahr über ist die rohe Ackerkrume zu weich, es wird gepflügt, geeggt, gedrillt, gesät, außerdem Jauche gefahren, und dann schießen die Rüben und Kartoffeln, der Weizen und der Raps.
Nun aber ist die ganze Ebene verwaist und außerdem durchgehend trittfest. Der ferne schwarze Streifen zieht an mir – ich stapfe los. Ich laufe schnurgerade auf seine Mitte zu, ich wünsche mir unsinnigerweise nichts anderes, als mich in dieses dicke Schwarz hinein aufzulösen, worin sich alles auflöst, indem es sich in- und übereinander verdichtet. Ich marschiere quer zur Pflugrichtung, trete auf die verharschten Rücken der Traljen und meide ihre Täler, die von Frost und Flugschnee marmoriert sind – flüchtige Ebenbilder des Gesprenksels, das da über mir gleißt. Meine Wangen brennen, meine Schritte haben in einen runden Rhythmus gefunden, rattern über den linierten Boden hin und machen Strecke, es ist herrlich.
Da löst sich etwas aus dem schwarzen Horizontbalken, tropft daraus hervor, ein Klecks, der allmählich, indem ich ihm näherkomme, die Form eines Vogelkörpers annimmt. Eine tote Krähe. Es ist nichts Sonderbares, auf verendete Tiere zu stoßen, und die Witterung tut ihr übriges dazu. Allerdings frage ich mich, gerade angesichts der Kälte, weshalb so ein Kadaver noch keinen winterhungrigen Verwerter gefunden hat. Fuchs, Marder, Bussard und die Rabenverwandten verputzen für gewöhnlich in Windeseile alles, was sich nicht mehr rührt. Ich bleibe ein Weilchen bei der Krähe stehen und betrachte sie, im kaltweißen Mond- und Schneeschimmer glänzen Schnabel und Gefieder metallisch, sie liegt hier wohl noch nicht allzu lang. Man darf totes Getier nicht anfassen, ja ja, ich weiß, aber ich ziehe einen Handschuh aus und streiche einmal über den Vogelkopf. Hart, glatt und kalt wie ein Flusskiesel.
Das Ziehen verschwindet augenblicklich – indem ich den Vogelkopf loslasse, lässt mich der Horizont los. Ich habe etwas gefunden, und wer etwas gefunden hat, der kann nach Hause gehen. Wird auch Zeit, der Elternabend ist schon lange vorbei, und allmählich denken die zu Hause noch, ich wär auf dem Heimweg verfroren.

FLUGWESEN // Flugraum-Notizen

Frühsommer. Morgens wabert das Brummen der Hornissen zum Fenster herein. Ich koche Kaffee, das Radio läuft. Wird der Hornissenton lauter als die Stimme des Nachrichtensprechers, weiß ich, dass es eine von ihnen über die Fensterschwelle in die Küche verschlagen hat. Manchmal sind es gleich drei oder vier, die in unterschiedlichen Winkeln herumstöbern. Ich denke anfangs, dass sie hier nach Fressbarem suchen, doch in die Obstschale werfen sie nicht einmal einen Blick, unternehmen lediglich eine Orientierungsrunde durch den Raum; sie drehen sich im Flug wie Kompassnadeln und suchen ganz von selbst wieder ihren Weg nach draußen. Nur in der Früh machen sie diese Ausflüge in meine Wohnung, nachmittags und abends sind sie im Garten und anderswo beschäftigt.
Ich kann die Rotrücken gut leiden, was wohl vor allem darauf beruht, dass sie mich noch nie gestochen haben. Ihr Flugdröhnen ist kein unangenehmes Geräusch, es erinnert an Handwerkergerät und Landmaschinen, und auch ihre Geschäftigkeit gleicht der von Bauern und Bauarbeitern: Sie sind umtriebig, aber unaufgeregt, nie hektisch. (Die häufigen Rinderbremsen sind sehr viel aggressivere Hausgäste, und ihre Flugraserei ist, bei gleicher Körpergröße, ein ungleich bedrohlicheres Spektakel als das eher unwilde Schwärmen der Hornissen.)
Als eine der Verirrten nicht so recht hinausfinden kann, reiße ich das Fenster weit auf – sonores Chorsummen schlägt mir von draußen entgegen. Die Morgensonne fällt wärmend auf die Fachwerkfassade, und auf den Balken sitzt eine beachtliche Rotte von Hornissen. Ihre Kieferwerkzeuge tragen Holz ab. Mir geht auf, dass nicht nur Niederschlag, Wind und Frost, sondern auch Hornissenfraß eine Verwitterungskraft ist, und ich frage mich, wie viel Holzsubstanz diese kräftigen, aber tatsächlich ja doch winzigen Mandibeln wohl im Laufe eines einzelnen Vormittags abnagen. Und im Laufe eines ganzen Jahres?
An diesen Balken arbeiten sie seit mittlerweile 150 Jahren.


Der alte Hof ist hufeisenförmig angelegt. In diesem Rund ziehen, solange es hell ist, die Rauchschwalben ihre Hochgeschwindigkeitskreise, und in der Dunkelheit die Fledermäuse. Meine Fenster stehen ständig offen – unterm Dach wird es schnell heiß. Außerdem riecht die Luft jeden Tag gut und immer ein bisschen anders. Nur wenn es stürmt oder die umliegenden Bauern Gülle fahren, bleiben die Schotten dicht.
Tagsüber verfliegt sich gelegentlich eine der Schwalben ins Wohnzimmer, vielleicht, weil sie einer Wespe nachgejagt ist, vielleicht auch nur, um sich mal umzuschauen. Ich bestaune, wie sie selbst in kleinen Räumen umgebremst fliegen. Wie sie ins Wohnzimmer, in die Küche stürzen, in Haarnadelkurven durch enge Winkel und um Lampen und Möbel herum schießen. Sie halten dabei einfach nie inne, berechnen nicht voraus. Schneidet eine Schwalbe durch den Raum, sehe ich für zwei, drei Sekunden nur einen schwarzen Pfeil, der genauso plötzlich wieder durchs Fenster verschwindet, wie er hereingekommen ist – in denselben zwei, drei Sekunden sieht die Schwalbe: Fenster, Decke, Boden, Bügelbrett, Kugellampe, Tisch, grau, grün, schwarz, Türzarge, Regal, Kalender, Radio, weiß, rot, Kaffeemaschine, Dachschräge, Einbauschrank, Küchenuhr, Türzarge, Stuhllehne, Mensch, Stifte, Blumenvase, Fenster.
Nachdem sich die Schwalben abends in ihre Nester in den Ställen zurückgezogen haben, kommen die Fledermäuse aus den Scheunen. Einmal wache ich nachts auf – es ist nach drei, ich bin mit Buch auf dem Sofa eingeschlafen – und erschrecke fast zu Tode, als mich in meinem Dämmerzustand eine fremde Hand am Kopf zu streifen scheint. Was aber bloß der nahe Flügel einer Fledermaus gewesen ist, die nun in Ellipsen um den Lampenschirm fegt; ihr unwirklich großer Schatten rast im Kreis über die Wände wie ein Karusselltier. Kommen Fledermäuse herein, fliegen auch sie mit ungeheurer Geschwindigkeit auf engstem Raum die erstaunlichsten Manöver, ohne dabei ein einziges Mal zu verlangsamen. Fünf, zehn, auch mal zwanzig Minuten lang ziehen sie horizontale Achten oder tasten in scharfwinkligem Flug die Wände ab, brettern frontal auf Hängeschränke und Fliesenspiegel zu und berühren, wie magnetisch abgestoßen, doch nie etwas. Wenn sie dann noch immer nicht nach draußen gefunden haben, hilft es, das Licht zu löschen. Der Flatterflug ihrer Hautschwingen ist geradezu gespenstisch lautlos, nur das leise Gewisper, das dem der Schwalben übrigens nicht unähnlich ist, ist ab und an zu hören. Ich stehe lauschend im dunklen Raum, kann die Besucherin weder auf mich zukommen hören noch sehen, aber in zyklischen Abständen ist an einem deutlichen Lufthauch – als würde man aus nächster Nähe von einem Menschen angepustet – zu erfühlen, dass sie gerade dicht an meinem Ohr, an meinem Gesicht vorbeischießt. Kehrt das Pusten nicht mehr zurück, ist das Fledertier draußen. Am nächsten Morgen finden sich mitunter die abgetrennten Flügelpaare von Roten Ordensbändern oder anderen Eulenfaltern auf dem Zimmerfußboden.


Tagfalter und Bienen schwirren unfassbar selten umher, man muss sie tatsächlich suchen gehen, wird aber selbst an Distelgestrüpp kaum fündig. Im großen Wintergarten, der zu meinem Elternhaus in der Nähe gehört, fanden sich bis vor ein paar Jahren allsommerlich Dutzende von Flugtieren, die es nach draußen zu bugsieren galt: Schmetterlinge, Käfer, Hautflügler, Zweiflügler; darunter ulkige Exemplare, die in keinem Kosmos-Naturführer auftauchten. Als Kind wurde dort Regenwald-Expedition gespielt – der Wintergarten funktionierte im Großen ja nicht viel anders als die Insektenfallen, die in Tierfilmen über tropische Fauna so oft eine Rolle spielten. In den blühenden Hinter-Glas-Dschungel von Orchideen, Kakteen, Zitruspflanzen und Paradiesvogelblumen verirren sich heute nur noch vereinzelte Bienen anstatt, wie früher, halbe Völker, und die Schmetterlinge bleiben, bis auf den einen oder anderen Kohlweißling, gleich ganz aus. (Die meisten Schmetterlinge entdeckte ich dieses Jahr stattdessen auf dem Elternhaus-Dachboden, aufbewahrt in einer alten Seifenschachtel.)


Libellen gedeihen dagegen gut. Wir schlurren die Uferböschung zum Fluss hinab, und kaum treten wir ins Röhricht, flirrt schon eine Wolke von Prachtlibellen empor wie Metallic-Konfetti – dunkeltürkis, grün-golden, kupferglänzend, azurblau – die eine schillernde Ewigkeit lang braucht, bis sie sich wieder einigermaßen gelegt hat. In Hausnähe sind Großlibellen häufig: Schüttele ich drinnen die im Garten getrocknete Wäsche aus, plumpst oftmals eine leicht zerknautsche Edellibelle hervor, deren Knisterflügel zum Glück robuster sind, als sie zunächst aussehen.


Das Kind steht im Garten und schreit. Nicht vor Angst; trotzdem vermittelt diese bestimmte Geschrei-Frequenz eine besondere Dringlichkeit, und ich frage mich, ob vielleicht eine Kuh ausgebüxt ist oder was. Wie ich die Diele herunterkomme, sehe ich, dass die Rasenfläche, auf der mein Kind wild gestikulierend herumhüpft, von dahinziehenden Flecken übersät ist. Im kräftigen Juli-Licht zeichnen sich die einzelnen Schlagschatten eines Luftgeschwaders auf dem Boden ab: Über uns sind Störche. Im Tiefflug erzeugen sie ein Geräusch, das man sonst nur aus Filmen kennt – wenn fiktive Drachen oder Raumschiffe an fiktiven Mikrofonen vorbeisausen, oder wenn kolossale Trümmerteile vom Himmel herniederstürzen: Ffffwwwuuuch.
Es gibt in der Region fast 60 Nester und eigens einen Weißstorch-Beauftragten, der über die Population, ihre Verteilung und Entwicklung Buch führt. Im Dorf nisten drei Paare; durchs Schlafzimmerfenster kann ich, bequem vom Bett aus, ins Nest auf dem Nachbardach hineingucken; auf unserem Dachfirst hocken häufig Fremdstörche, bis sie von den Nestinhabern nebenan verscheucht werden; man muss öfters das Auto waschen, weil Storchenmist aggressiv auf den Lack wirkt; den ganzen Tag über herrscht Geklapper. Allerdings ist es ungewöhnlich, dass sich die Störche zu einer solchen Schar zusammentun, wie sie nun über uns dahinzieht. Selbst, wenn sie gerade gesammelt aus ihrem Winterquartier hierher zurückkehren, oder im Herbst, wenn sie sich vor dem Aufbruch nach Süden gruppieren, sieht man die Störche in eher kleineren Einheiten über den Dächern kreiseln oder durch die Wiesen staksen.
Nach den heftigen Regenfällen von Juni bis Juli stehen bei uns weite Auflächen und die umliegenden Viehweiden unter Wasser, wie man es sonst nur von der üblichen Frühjahrsüberschwemmung her kennt; viele Feldwege sind abgesoffen, die Suppe staut sich auf dem gesättigten Boden zu knöchel- bis knietiefen Tümpeln. Es gibt Frösche, Fische, ertrunkene und strampelnde Heuschrecken, Schermäuse, Maulwürfe im Überfluss. Das zieht die Störche an. Sie kommen plötzlich geballt, auch von weit her – wie Horden von Touristen fallen sie in riesigen Schwärmen hier ein.
Wir stehen also im Garten, und fast eine Minute lang flackern die gewaltigen Schatten über uns hinweg. Die Störche landen auf der Pferdekoppel neben unserem Grundstück. In den flachen Pfuhlen ist kaum Platz für alle, aber die Störche drängeln nicht. Grüppchenweise stochern sie im Wasser herum, und die übrigen hocken unterdessen auf dem Zaun wie die Hühner auf der Stange.
Wir zählen 49 Störche. Es kommt einem glatt so vor, als wäre eine biblische Plage hereingebrochen – nur schöner, natürlich.


Im Zuge der Überschwemmungen nehmen nicht bloß die Störche, sondern besonders die Mücken bald überhand. Draußen tanzen dichte, Salz-und-Pfeffer-farbene Schleier in der Luft, immer etwa eine Menschenlänge überm Boden. Die Fenster kann ich abends und nachts unmöglich noch offenstehen lassen, binnen Minuten schwärzt sich sonst die Zimmerdecke, und es sirrt rundumklingend. Als läge man in einer Badewanne voll Sirren. August-Geräusch. Ihre Stiche nehme ich den Mücken im Vergleich weit weniger übel als dieses Geräusch, dieses seltsam jaulige und wimmerige, absolut unerträgliche, quälende, verrückt machende Geräusch. Der Staubsauger steht immer griffbereit, als wär’s ein Feuerlöscher.


Ich komme nicht umhin, über die Ähnlichkeit nachzudenken, die zwischen Stubenfliege und Mensch besteht. In der Küche hängt eine Schirmlampe von der Decke, und am unteren Schirmrand spaziert eine Fliege kopfüber immer im Kreis herum, immer linksdrehend. Das fällt mir nur deswegen auf, weil der rundlaufende Schatten, den sie wirft, mir bald auf den Geist geht. Groß wie eine Katze, huscht der Schatten in stetiger Wiederholung über die Arbeitsplatte hinweg. Eine Runde, zwei Runden, immer weiter, drei Runden; ich zähle bis acht. Dann kommt eine zweiter Großschatten hinzu. Noch eine Fliege, die den unteren Schirmrand entlangspaziert, kopfüber, fast im Kreis herum – rechtsdrehend nämlich, also steht sie der linksdrehenden Fliege zwangsläufig bald gegenüber. Sie prügeln sich. Die Linksdrehende gewinnt. Und spaziert weiter. Vielleicht war’s aber auch die Rechtsdrehende, die gewonnen und nun das Linksdrehen für sich entdeckt hat.
Ich lasse die Finger vom Laptop, um hier nicht ernsthaft über Stubenfliegen zu schreiben – so weit kommt’s noch. Die Fliege, der das offenbar nicht entgangen ist, düst sofort vom Lampenschirm herab und lässt sich auf der Tastatur nieder. Sie fliegt drei Buchstaben gezielt an: das M, dann das Y, danach das W: Mmmyyywww. Ich finde, das deckt sich sehr viel besser mit dem tatsächlichen Flugton der Stubenfliege als dessen gängige Umschrift Bssss.


Foto: Grebe


 

FLUGWESEN // Der Schmetterlingskasten


In der Küche meiner Eltern hängt, seit vierzig Jahren oder vielleicht länger, direkt über der Eckbank ein alter Schmetterlingskasten. Tropenschmetterlinge, aus denen ein Morphofalter wegen seiner Größe und des flächigen, irisierenden Blautons seiner Flügel hervorsticht. Neun kleine Totheiten, denen – aufgespießt auf zierliche Nadeln – schlechterdings nichts anderes übrig bleibt, als schön und bunt ihren Teil zur Raumdekoration beizutragen. Auch eine Art Memento. In der Uromaküche war es die Kastenuhr, deren dunkles Tackern so klang, als ginge hier nicht bloß die Zeit voran, sondern jemand mit Absatzschuhen auf dem Dielenboden immer im Kreis herum, in der Omaküche war es der wimmelnde Fliegenfänger, der in diesem Haus schon allein aus metaphorischen Gründen nicht fehlen durfte, und bei uns eben dieser Kasten mit den kleinen, bunten, toten Schönheiten, der beim Frühstücken und Mittagessen, beim Backen und Basteln, bei Kaffee und Kuchen immer im Sichtfeld war. Neun kleine, schöne, tote Buntheiten: ein Falter für jeden, der im Haus wohnte, aber das war natürlich reiner Zufall. In meiner kindlichen Kleinheit kamen sie mir sehr viel größer und strahlender, auch viel geheimnisvoller vor als heute. Ich hing oft mit den Augen an ihnen dran, vor allem, während ich meine Schulhausaufgaben machte und mich eigentlich auf meine Hefte konzentrieren sollte.


Die Flugträume, die ich als Kind hatte, verliefen zunächst idyllisch. Ich ging in den Garten (der sich immer im Frühlingszustand befand), breitete die Arme aus und legte mich langsam, nach und nach, vornüber in die waagerechte Schwebe; dann stieg ich auf. Es war kein gezieltes Fliegen, eher ein angenehmes Emportrudeln im Thermiklift, ähnlich dem Gaukelflug der Gabelweihen, die es beherrschen, unangestrengt, fast wie Heliumballons, aus dem Feld abzuheben und sich in die Höhe tragen zu lassen. Allerdings besaß ich nicht die Kraft dieser Vögel, die ihnen das Steuern und den Jagdflug ermöglicht, sondern die Sperrigkeit der schwächlichen Schmetterlinge, deren Flügel dem Wind zuviel Angriffsfläche bieten; jede leichte Böe trug mich, wohin sie wollte. Ich wurde von Luftwellen sachte mitgespült, trieb über die Kuppen der Blütensträucher hinweg, sank unkontrolliert ab, um mich beinahe im Flieder zu verfangen, bevor ich, von einem Windstoß angeschoben, wieder aufstieg. Der Horizont fiel wackelig nach unten weg, ich wurde über den Apfelbaum gepustet; mit dem Bild seiner weiß blühenden Baumkrone von oben endete der Traum.

Ich machte anschließend Fortschritte im Flugträumen, aus dem Passivflug wurde ein etwas aktiveres Unterfangen: Mittels Schwimmbewegungen ließen sich Richtung und Flughöhe beeinflussen. Außerdem startete ich nicht mehr behutsam, sondern rannte in den Garten, nahm Anlauf mit Schritten, die den Boden prügelten, stampfte mich in die Luft empor – ich konnte meine Kräfte auf den Luftraum anwenden. Gegen Ende des Traums bäumte sich eine Windwelle auf, die mich, übers Hausdach hinweg, in den Himmel riss wie einen abgenabelten Flugdrachen.

Später verwandelte sich das Fliegen in überschnelles Rennen. Ich nahm auf dieselbe Art Anlauf wie in den früheren Flugträumen, stieg aber nicht mehr so weit empor, sondern gebrauchte die Energie für Schritte, die mich hoch abstießen und schnell vorantrugen. Ich lief aus dem Garten und die Hauptstraße hinunter, nahm mit jedem Schritt an Fahrt auf und überholte bald die am Straßenrand entlanggleitenden Bussarde, bald die anderen Autos. Mit Siebenmeilenschritten preschte ich über Bundesstraße und Autobahn, drückte mich bei jedem Bodenkontakt federnd vom Asphalt ab und wurde hunderte Meter vorwärts katapultiert, herrlich rasend; ein in rhythmischen Zügen durch die Luft schneidendes Projektil. Allerdings war ich an die Straßen gebunden – versuchte ich, aufs Feld auszuweichen, überschlug ich mich krachend. Im Schwarm der Fahrzeuge musste ich wiederum garstige, wespenhafte Rennmotorräder im Blick behalten, mich vor dem Gegenverkehr retten, indem ich über die Rücken entgegenkommender Autos und Lieferwagen hüpfte, Auffahrgefahren ausweichen, indem ich Sportwagen übersprang, deren Beschleunigungszyklen ich jedoch nicht vorausberechnen konnte. Bremsen konnte ich nicht, nicht einmal leichtes Verlangsamen war mir möglich. Zumeist endete der Traum, indem ich an der harten Stirn eines LKWs zerschellte, dessen Frontscheibe mich als Fracht so gleichgültig mit sich weitertrug wie einen geplatzten Falter.

Die Rennträume mit ihrem Unfall-Ende waren der Übergang von den Flug- zu den Lähmungsträumen, in denen ich unbeweglich in einem Raum lag, der zwar mein Schlafzimmer, aber gleichzeitig ein seltsam fremder Raum mit einer durchlässigen Wand war. Mir war bewusst, dass ich durch die Fenster hinaus in den Garten fliehen musste, denn durch die durchlässige Wand würde etwas zu mir in den Raum kommen, um mich zu fressen. Unterhalb meiner Hirnrinde juckte und jaulte es, äußerlich aber konnte ich nicht einmal blinzeln, mich partout nicht rühren, geschweige denn weglaufen. Das währte eine halbe Traum-Ewigkeit lang, bis schließlich etwas auf mich zukroch, etwas, das von Traum zu Traum unterschiedlich anthropomorph gestaltet war, jedoch das Fressverhalten und den signifikanten Mimikmangel eines Insekts besaß. Erst indem ich das (oder die) Wesen zu sehen bekam, gelang es mir plötzlich, einen kleinen Finger zu bewegen, ein winziges Fingerzucken nur, das aber die Lähmung durchbrach als zerrisse es ein Spinnennetz, und ich wachte sofort auf. (Im Übrigen waren das die letzten Intensivträume, die ich hatte; lange schon schlafe ich dunkel und erinnere, sobald ich aufgewacht bin, keinerlei Bilder mehr.)


Hätte ich vielleicht eher davon geträumt, Ärztin oder Rechtsanwältin zu sein, wenn ich damals einfach meine Hausaufgaben gemacht und mich Herrgott noch eins auf meine Hefte konzentriert hätte?


 

PROVINZLEBEN // Stadt, Land, Fluss

The Doldrums – die Kalmen: Was im seemännischen Sprachgebrauch die gefürchteten Dauerflauten in manchen Meereszonen bezeichnet, lässt sich als charakterisierender Begriff natürlich wunderbar auf die ereignisarmen, dörflich bis kleinstädtisch geprägten Breiten übertragen, wo, fernab metropolischer Turbulenzen, das Leben im Großen und Ganzen ziemlich gleichförmig vor sich hin dümpelt.

Jagt man Rohnert Park – The Friendly City durch Google, erfährt man, dass es sich dabei um eine Planstadt mit 40.000 Einwohnern in Kalifornien handelt; dazu poppen Fotos von steril-gepflegten Vorgärten, Angelteichen und einem Wal-Mart Supercenter auf. Aber wozu kalifornische Planstädte googlen, wo ich doch auf dem Weg zum nächsten Supermarkt in der nahen Kreisstadt (40.000 Einwohner) für solche Bilder (steril-gepflegte Neubaugebiete, Angelteiche) nur aus dem Autofenster gucken muss.


Die an hiesigen Jägerzäunen befestigten Zeitungsrollen füllen sich täglich mit Nachrichten über haarsträubende Katastrophen, Mord, Totschlag, Krieg, Korruption und Dekadenz, die überall, rund um den Globus, gegenwärtig sind, nur eben nicht hier: in der soliden und sicheren Provinz, Standort ländliches Niedersachsen. In der Region hegt man freilich so seine eigenen Meinungen zu Globalgeschehen und Großstadt-News und tut diese auch kund – beim Frisör, während des Brötchenkaufs beim örtlichen Bäcker oder an der Bierbude beim Schützenfest. Und nicht selten verhält sich dabei die Stimme aus dem provinziellen Off gegenüber den Ereignissen auf der Weltbühne ganz ähnlich, wie etwa eine kinderlose, philiströse alte Tante, die sich neunmalklug über die Beziehungsformen, Erziehungsmethoden, Wohn- und Jobsituationen ihrer jüngeren Verwandtschaft auslässt. Um die etwas unmittelbarere Lebensrealität kümmert sich indes die Regional-Presse: Stadtmarketing Dödensen gibt diesjährige Termine für verkaufsoffene Sonntage bekannt / Autohaus Münkelmann präsentiert neue Kleinwagenmodelle / TSV Blumenfeld schlägt Krähenwinkel 86 mit 3:1 / Senioren-Residenz Rosengarten lädt zum Tag der offenen Tür / Autofahrerin erleidet Blechschaden bei Wildunfall auf der B443 / Kreissparkasse spendet Ausrüstung für Handballsparte des TUS Klein Audorf / Hof Blanke serviert hausgemachte Torten in neu eröffnetem Scheunen-Café / Bauarbeiten an der Hauptstraße West blockieren die Durchfahrt zur Mülldeponie / Shanty-Chor Frische Brise e.V. sorgt für musikalische Untermalung beim Heinstedter Spargelfest / Ortsbrandmeister Hannes Heinemann freut sich über geglückte Renovierung des Zeughauses / etc. Weit und breit keine Mordfälle in Sicht, hier oder in den umliegenden Gemeinden. Ebenso keine international bekannten Großveranstaltungen, welche Horden von touristischen Marodeuren in die Gegend schwemmen, die nur Krach, Verkehrschaos und am Ende hohe Entsorgungskosten für Berge von Verpackungsmüll und Bierflaschenbruch verursachen. Außerdem steht man hier wirtschaftlich gar nicht so übel da, sofern man nun nicht gerade einen Milchviehbetrieb unterhält. Wer hier lebt, hat’s also gut, und wer’s gut hat, der kann zufrieden sein. Im Umkehrschluss gilt: Wer hier nicht zufrieden ist, mit dem stimmt doch was nicht.


Kurze Unterbrechung dieses Beitrags für eine dringende Meldung der Whatsapp-Gruppe Kindergarteneltern:  Seit gestern vermisst: Gesucht wird die vierjährige Nuschka! Nuschka ist zuletzt am späten Nachmittag gesehen worden und über Nacht verschwunden geblieben! Sie hat schwarzes Fell mit weiß abgesetzten Pfötchen. Nuschka ist mutmaßlich durch eine geöffnete Terrassentür entlaufen und normalerweise KEINE Freigängerin! Die Halter gehen davon aus, dass Nuschka jetzt SEHR verängstigt ist und die Nähe zu Menschen suchen wird! Hinweise bitte an…


Wenn manche Ortsansässige bezüglich der lokalen Lebensqualität eine gewisse Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen, handelt es sich dabei natürlich um jugendliche Einzeltäter.


Architektonisch besehen hat man im mir bekannten Teil des Hannöverschen Umlands bis hin zum Landkreis Schaumburg die 1990er Jahre über zwanzig Jahre hinweg am Leben erhalten. Erst seit kurzem zeichnet sich der Trend ab, etwa bei städtischen Bauprojekten, von der typischen Vor-Jahrtausendwende-Formsprache Abstand zu nehmen und auch in der Außengestaltung die klassische Uli-Stein-Cartoon-Farbpalette durch zeitgemäße Farbtöne aus dem Spektrum eines neuen IKEA-Katalogs zu ersetzen; der private Häuslebauer allerdings ist bislang eher selten zum Stilwandel aufgelegt.
Mag sein, dass der derzeitige Eigentumsbauboom in der Region zurückzuführen ist auf die aktuell niedrige Baufinanzierung, oder meinetwegen auf diese virale Begeisterung für die Romantik des Landlebens – hier im Dorf zumindest verlaufen Bauboomphasen analog zum Generationenwechsel: Nach Kriegsende kehrten viele Männer hierher heim, kamen viele Vertriebene hierher, die sich verstärkt ans Familiegründen und, mit Beginn des Wirtschaftswunders, auch ans Hausbauen machten (Siedlungshäuschen); deren Kinder bauten in den 1970ern munter ihre sandfarbenen, beigen, braunen Einfamilienhäuschen im Pulk an den Dorfrand an; in den 1990ern folgte der nächste Schub, und es entstanden doppelhausweise bewohnbare Riesentetrapaks mit putzigen Design-Akzenten in den Eingangsbereichen und Fensterrahmen in knallblau, außerdem einzelne Barbie-Häuschen mit glasierten (knallblauen) Dachziegeln. Inzwischen ist die nächste Eigenheim-Staffel im Bau, aber bis auf ein einziges Häuschen mit Pultdach und strenger, minimalistischer Linienführung sind hier noch keine nennenswerten Versuche in Modernität zu beobachten. In der nahen Kleinstadt immerhin wurde letztens ein größeres modernes Immobilienprojekt fertiggestellt – zwanzig ineinander verschachtelte Penthouse-Wohnungen, die ihrer Geometrie nach an einen liegenden Jenga-Turm erinnern und deren Außenoptik von strengem, flächigem Weiß bestimmt wird, aufgelockert durch anthrazitfarben geklinkerte Elemente und den Einsatz von hellem Holz.
Um aufs Dorf zurückzukommen: Ich weiß gar nicht genau, wann und warum man einst aufgehört hat, diese eigentlich ortstypischen, langlebigen Fachwerk- und Rotklinkerhäuser zu bauen, die in Schönheit altern, in Würde verwittern.


Wissen Sie eigentlich, wie man Lüttje Lagen trinkt? Man greift mit Zeigefinger und Daumen ein kleines Glas mit 5cl dunklem Broyhan-Bier, klemmt zwischen die übrigen Finger ein langstieliges Schnapsglas mit 1-2cl Korn, setzt das Bierglas an und hebt dann ruckartig den Kopf in den Nacken, sodass man das Bier und den über den Bierglasrand plätschernden Korn zusammen runterkippt. Sichbetrinken, gehobener Schwierigkeitsgrad: Man benötigt dafür eine gute Fingerfertigkeit – bei gleichzeitiger Trinkfestigkeit, sonst ist es nämlich auch mit der schönsten Fingerfertigkeit nach der sechsten Lage schon vorbei.
Sie ahnen vielleicht, von welchem Charakter eine Region ist, die eine solcherart perfektionierte Trinkkultur hervorgebracht hat?


Musikalische Fackelträger der binnenländisch-niedersächsischen Seele sind seit jeher: Fury in the Slaughterhouse, Terry Hoax und die Scorpions. Das Provinz-Mixtape, Edition Landkreis Hannover, setzt sich weiterhin zusammen aus Schlagerkrachern, Autoscooter-Mucke und radiotauglichem Durchschnitts-Pop; die B-Seite wiederum ist bespielt mit schnauzbärtigem Classic Rock und dazu viel, viel Gruftie-Kram. Während beispielsweise die Supermarktbeschallung in manchen Hamburger Märkten einen durchaus souligen Einschlag erkennen lässt, dürfte man dagegen in hiesigen Filialen musikalisch den Nerv treffen, wenn man sich irgendwo zwischen Plastik und Patschuli bewegt: Depeche Mode und Helene Fischer, sowieso, auch Roxette, Bon Jovi und den regionalansässigen Heinz Rudolf Kunze liebt man hier treu, und dazwischen könnte man bedenkenlos Deine Lakaien und die Sisters of Mercy einstreuen, oder auch Blutengel, Schandmaul und dergleichen, die der Kundschaft vom alljährlich im nicht allzu weit entfernten Hildesheim stattfindenden M’era Luna Festival her bekannt sind, im Wechsel mit Eurodance-Perlen, Andrea Berg und Silbermond abdudeln – im Geschmackskosmos des sogenannten Calenberger Landes jedenfalls fügt sich das alles ziemlich nahtlos zusammen.
Unangefochtene Könige des T-Shirt-Aufdrucks und der Autorückscheiben-Banner sind nach wie vor, seit Jahren unverändert: AC/DC, Subway to Sally und die Böhsen Onkelz.


Morgens und mittags rauschen vor dem örtlichen Kindergarten die Eltern in gebündelter Schar ein, bringen die Zwerge, holen sie ab. Familie G. fällt dabei jedes Mal durch die hemmungslos übertriebene Lautstärke auf, mit der Mamas Ska-Sortiment aus den Boxen dröhnt. Kind und ich singen lauthals kauderwelschend mit: Aye aye aye, aye aye aye! – Tell you baby – You huggin up the big monkey man!  Und: Stop your messing around – Better think of your future – Time you straighten right out – Creating problems in town – Rudy! – A message to you, Rudy! Mit Vorliebe also einschlägige Trojan- und 2-Tone-Label-Klassiker. Die Best-ofs von Prince Buster oder Toots & The Maytals. Oder artverwandtes von The Clash – Wrong ‚Em Boyo zum Beispiel. Ein paar satte Bläser und sonnigen Off-Beat in die hiesige Atmosphäre pusten – irgendjemand muss das ja machen! Bislang finde ich allerdings weder mit meiner musikalischen Alltagspraxis, noch meinem Dress-Code, noch meiner Freizeitplanung Nachahmerinnen am Ort, und es mag wohl sein, dass die übrigen Mütter gern glauben, ich würde mir in der etwas albernen Rolle der Etwas-andersartigen-Mama ganz gut gefallen. Aber das ist Quatsch. Im Gegenteil bemühe ich mich sehr, hier nicht als allzu schrullig wahrgenommen zu werden – noch nicht. Zumindest nicht, solange das im Zweifelsfall mein Sohn ausbaden muss, der sich hier gerade ein funktionierendes soziales Umfeld aufbaut. Aber was manche gewisse Eigenarten angeht, bestehe ich dann doch darauf, dass sie gepflegt und erhalten werden müssen, selbst – oder gerade – wenn man damit allein auf weiter Flur dasteht. Alldieweil bekommt mein Fünfjähriger regelmäßigen Spielbesuch, von viel mehr Kindern, als ich in seinem Alter überhaupt je mit Vornamen gekannt hätte, und denen gefällt’s bei uns zu Hause ziemlich gut.


Bei erstaunlich vielen Calenberger Landsleuten, die innerhalb eines bestimmten Jahrgangsfensters geboren wurden, gehören New Model Army zum festen Bestandteil des Platten-/CD-Schranks. Das liegt wohl an der spezifischen Doppelnatur, die die knarzigen alten Recken in diesem Umfeld entfalten: Keine andere Band brachte so gut auf einen gemeinsamen Nenner, was man hierzulande als Subkultur empfand, und gleichzeitig klingt aus den staubtrockenen, knüppelharten Bassläufen, aus Justin Sullivans schmucklosem Gekrähe und aus dem handfesten Songwriting ohne Schnickschnack eine bis heute gültige Wesensänlichkeit mit diesem an sich nüchternen, ruralen Landstrich heraus. Für den gar nicht so kleinen Teil der Landbevölkerung, der zu einer gewissen rustikalen Form von Melancholie neigt, haben sich NMA, die sich ebenso wenig verändern mögen wie man eben selbst, als langjährige Begleiter etabliert. The Ghost of Cain zählte auf jeden Fall zum Standardrepertoire für all die jugendlichen Einzeltäter hier, die sich in ihrer Unzufriedenheit an der lokalen Lebensqualität suhlten, weil es eine Platte war, die eine enge atmosphärische Verschwisterung mit dem Ortsgefühl einging und doch nach einem Aufmucken gegen ebendieses Ortsgefühl klang. Ich bekam sie mit vierzehn von der älteren Schwester einer Schulfreundin geliehen und hörte sie etwa achttausendmal, bevor ich mich dann selbst mit dem ganzen NMA-Kram eindeckte und das Bandlogo mit Autolack und selbstgeschnippelter Schablone auf meinen Rucksack sprühte. Zwar war ich nach einem halben Jahr mit dieser Phase restlos durch und ließ die CDs danach verstauben, aber umso unverwässerter verbinde ich nun mit NMA einen Sommer voller träge verbrachter Nachmittage am Flussufer.


Von Seegraben, Beeke und Aue ging’s für mich erst mal ans Leineufer. Dann weiter an die Kieler Förde, zu Schwentine und Nord-Ostsee-Kanal. Danach rüber zu Elbe und Alster. Und nun wieder zurück an den Seegraben. Wer weiß, wo ich in zwanzig Jahren bin: an der Weser, der Maas, der Birkenheider Dummbäke, oder doch der Themse? Oder vielleicht begnüge ich mich auch einfach damit, es den Lachsen nachzumachen: gegen den Strom an in die Heimat zurückstrampeln, laichen, sterben?


Die Störche sind zurück und kreiseln über den Dächern herum, staksen durch die frühjahrsnassen Äcker und Weiden, klappern. Auch die Kiebitze schreien wieder ihr Wyywitt. Die Trecker schwärmen aus, pflügen, eggen, drillen und düngen. Je nach Bodentemperatur und Pollenflug verändert die Luft hier ihren Geruch. Wenn es in der Stadt Frühling wurde, hab ich das oft erst am saisonalen Deko-Wechsel im Supermarkt erkannt und mein Dorf dann heimlich, aber schrecklich vermisst.


Die Stadt vermisse ich meist so lange, bis mir wieder in den Sinn kommt, wie viele wirklich verflucht hässliche Häuser es da gibt. In denen man dort ja tatsächlich lebt, und das auch noch haarsträubend teuer. Und dann spaziert man da durch die hübscheren Viertel, an den hübscheren Häusern entlang, in denen die Leute wohnen, die für ihre Wohnung monatlich den Gegenwert eines Gebrauchtwagens hinblättern, und denkt ganz versonnenheitsblöde bei sich, wie schön sie doch ist, die Großstadt, mit ihrem Flair, mit ihrem Charme.


Wenn ich mit siebzehn aus der Schule nach Hause kam, mit dem Bus, der zwischen Kleinstadt und Dorf pendelt, packte mich ein mitunter kaum auszuhaltendes, klaustrophobisches Gefühl. Ich guckte mir diese Gegend an, die in etwa soviel Charakter besitzt wie eine Packung Toastbrot, und war mir ganz sicher, dass ich, wenn ich noch länger hierbliebe, unweigerlich irgendwann meinen gesamten Biss verlieren würde. So wenig Leute hier, und so groß die Borniertheit und der Mangel an Neugier.
Natürlich war es das einzig Richtige, mit achtzehn sofort die Beine in die Hand zu nehmen und in die nächstbeste Stadt wegzulaufen, denn natürlich ist es schön, in der Stadt zu wohnen. Erst mal, ein paar Jahre lang jedenfalls.
Irgendwann aber, als ich so mit Ende zwanzig allmählich müde war vom Feiern, begann mich plötzlich ein mitunter kaum auszuhaltendes, klaustrophobisches Gefühl zu packen, wenn ich mich durch überlaufene Geschäfte drängelte, wenn ich mir unsere kleine Großstadt-Wohnung so anschaute und mal wieder vom stets hörbaren Gerödel der Nachbarn über und unter und neben uns genervt war, wenn ich selbst morgens um sechs im hintersten Stadtparkwinkel kein Plätzchen fand, das ich, nur mal kurz, nur für mich selbst besitzen durfte, sondern spätestens nach einer Viertelstunde schon wieder umlagert war von den ewigen Joggern, Hundehaltern, Taijiquan-Betreibern und sonstigen Frischluft-Bedürftigen.
Die Stadt bietet so viel Input, so viel Ablenkung, aber so wenig ungestörten Raum. Das ist schlechterdings das Merkmal der Stadt: ihre Dichte. So viel Leute da. Aber auch so viel Mimese und Mimikry, so oft so wenig zu entdecken unterhalb der Oberfläche. Spätestens unter den Kindergartenmamas habe ich mich dort bisweilen gefühlt wie in einer von artifiziell verfremdeten Lebewesen bevölkerten Blase, und ich war mir ganz sicher, dass ich, wenn ich noch länger hierbliebe, unweigerlich irgendwann meinen gesamten Biss verlieren würde. Ich kam mir ziemlich blöd dabei vor, am Essen zu sparen, damit von unserem Budget irgendwie Geld übrig blieb, das ich dann in überteuerten Krempel stecken konnte, auf dass ich von den Miteltern nicht scheel angeguckt werde, weil mein Kind als einziges mit den falschen Klamotten rumläuft, bei angesagtem Spielzeug nicht mitreden kann und noch nie im Szene-Familiencafé frühstücken war. Und ich hatte es schnell satt, beim Spielplatztreff so zu tun, als interessierte ich mich für vegane Backrezepte für den Kindergeburtstag und für die besten Kursanbieter in Sachen Eltern-Kind-Yoga. Nichts für ungut: Wem das etwas gibt, dem wünsche ich ehrlich viel Spaß damit, aber eben ohne mich.


Meanwhile in Schicksterhude: Die Schlange vor dem Café Eispalast hat sich laut der Eispalast-App inzwischen auf 1,3km Länge ausgedehnt, die Wartezeit beläuft sich aktuell auf ca. 2 Stunden und 27 Minuten. Ab heute bieten wir Euch wieder täglich frische, hausgemachte Eis-Kreationen! Probiert unbedingt unsere Lakritz-Rosmarinsalz-Sensation! Außerdem: Soja-Sesam-Quinoa, White Choc mit einem Hauch Amalfi-Zitrone, laktosefreies Vanilla de Luxe, Pili-Nuss-Crunch, Granadilla-Curuba-Sorbet und Cherimoya-Champagner. 


Es gibt keine Adresse, die mich so ganz von selbst zu einem interessanteren Menschen machen würde, oder zu einem einsamen, oder zu einem zufriedenen.
Was gibt mir die Stadt? Sie gibt mir zu denken. Das Dorf gibt mir zu atmen. Ich kann das eine wie das andere gut gebrauchen. Ganz vorbehaltlos zuhause fühle ich mich weder hier noch da, denn weder hier noch da gehöre ich so recht hin und füge mich sonderlich passgenau ein.
Ich habe lieber aufgehört, mein Zuhause an bestimmten Orten zu suchen – ich finde mein Zuhause in einzelnen Menschen, mit denen ich wirklich reden kann und an denen mir viel liegt. Die brauche ich, und die habe ich, hier und da; alles andere spielt für mich keine große Rolle mehr.


GLOBAL THINKING // Scherbografie

cimg6848

Geheimnis bleibt dem tiefsten Geist,
Was Dasein heißt.
Gott hat das Rätsel ausgesprochen,
Sich selbst darüber den Kopf zerbrochen,
Bis er in Scherben zerschellt;
Die nennt man nun: die Welt.

Paul Heyse (1830 – 1914)


Ich kenne – mich selbst eingeschlossen – niemanden, der nicht ab und an oder gar dauerhaft von dem Gefühl beschlichen wird, sich im Leben auf einem Scherbenhaufen zu bewegen. Man besitzt einen natürlichen Gefüge-Sinn, der unversehrte Einheiten als etwas Ideales empfindet, und der aufspürt, wo man es mit bruchgefährdeten oder bereits zerstörten Unitäten zu tun hat. So, wie man von gut oder böse spricht, wendet man auch heil oder kaputt als Urteil an. Das untersuchende Gespür richtet sich auf das kleine wie auf das große Ganze aus, tastet das Private ab, prüft die engen und die weiten Kreise, in die das Individuelle eingebunden ist, auf Dellen, Risse und Lücken, und nimmt, als größte Einheit, die Kugel, auf der sich das Weltleben abspielt, in den Fokus. Die Biografie des Einzelnen, menschliche Beziehungen, ideelle Werte – schon im Kleinen stößt das Gespür allseits auf gesprengte Einheiten, auf kaputte Systeme, und wie sollte da der Gefüge-Sinn erst im Großen das Heile finden? Weltkarte, politisch: ein Mosaik aus bunten Scherbchen.

KOPFGEBÄUDE // Raum und Zeit

Jeder hat ein eigenes Bild vor Augen, sobald der Begriff Elternhaus fällt. Für mein Kind, das schon mehrere Häuser bewohnt hat, wird dieses Bild später sicherlich weniger eindeutig ausfallen, als für mich. Mein Elternhaus ist nicht einfach ein Haus – es  ist DAS Haus. Ich selbst bin mittlerweile neunmal umgezogen, von Mietwohnung zu Mietwohnung und Stadt zu Stadt; eine derart flexible Vorstellung von Zuhause wäre für meine Mutter oder Großmutter kategorisch undenkbar gewesen. Ein Viergenerationenhaushalt waren wir damals. Von der Diele bis unters Dach: Alte, Älteste, Eltern, Kinder, Hunde, Katzen, Karnickel. Hier wurde geboren, gelebt, gestorben. DAS Haus verließ niemand einfach so.

Meine Eltern waren immerhin die Ersten, die ein Auto anschafften. Die Ersten, die in Urlaub fuhren – ein Unterfangen, dessen Sinn sich den Älteren partout nicht erschloss, sie wussten einfach nichts mit dem Konzept Urlaub anzufangen. Darüber hinaus sorgte man sich, Bauchweh leidend vor Bangigkeit, um das Wohlergehen der Jüngeren, während diese fern der Heimat weilten. Im gefährlichen Wohnwagen-Urlaub nämlich, zwei endlose Wochen lang. Im wilden Holland. Wie jedes Jahr. Als meine älteste Schwester als erstes Kind aus dem Dorf aufs nahegelegene, kleinstädtische Gymnasium geschickt wurde, traten im Untergeschoss des Hauses das selbe Unverständnis, die selbe Sorge auf: Wat dauet jie blot dat Mäken an?, fragte man, De junge Lüe van Dage, de schallt wohl alle Professors waarn, wurde gezetert. Gleich hinter unserem Geländezaun, muss man wissen, fing die unheilvoll echte, gegenwärtige Welt an, gegen die es zusammenzuhalten galt, so die unausgesprochene Parole. Stillstand wurde als Stabilität empfunden. Und diese innere Haltung spiegelte sich in den Eigenschaften des Gebäudes: Vergangenheit als Fundament, Vergangenheit als Mörtel. Jeder Raum: eine Vergangenheitskonserve – die meisten bis heute.

Die Kammer, in der meine Urgroßmutter schlief, blieb seit den 40ern so gut wie unverändert; die Bakelit-Lichtschalter und die Art Deco Deckenlampe aus gewölktem Glas dürften noch ein Stück älter sein; Kleiderschrank und Aussteuertruhe bewahren seit jeher urgroßelterliche Sonntags-, Alltags- und Trauerkleider auf, die Konfirmationsbibel der Urgroßmutter, ballenweise, vom Urgroßvater in den 1910ern handgewebtes Leinentuch, auch die Hochzeitsdecke der Ururgroßeltern von 1896; das Alter der schmalen, knarzenden Holzstiege hinauf – wegen des darunterliegenden Halbkellers liegt die Schlafkammer erhöht, man nennt das hierzulande Upkamer – lässt sich nicht mehr bestimmen; die Lehmschlagwände zählen zur ursprünglichen Bausubstanz von 1796. In der Urgroßmutter-Küche, von der die Kammer abgeht, tackerte es jahrzehntelang beruhigend gleichförmig aus dem Kasten der großen Pendeluhr – von de Jude, bei dem diese gekauft worden war, hatte die Uroma erzählt, und davon, dass er regelmäßig gekommen war, um die Uhr aufzuziehen, bis er irgendwann nicht mehr gekommen war. Darüber hatte sie im selben beiläufigen Ton, den sie ab und an durch bedeutungsschweres Seufzen konterkarierte, gesprochen, wie sie ihn immer beibehielt, ob sie nun Geschichten aus der Familie erzählte oder Märchen – von Baba Jaga, der Knochenhexe, und ihrem Hüsken up den Heunerfüsken, vom Fisser un sin Fru, und so fort -, so dass ich bis heute die Trennlinie zwischen erlebter Geschichte und Märchen als etwas Durchlässiges empfinde. Für meine Urgroßmutter spielte diese Unterscheidung schlichtweg keine Rolle, sie nahm beide Ebenen gleich ernst und blieb dabei in ihrem Erzählen stets der Wahrheit verpflichtet. Wahrheit lässt sich auf unterschiedlichste Weise transportieren, und bei uns war es nun einmal üblich, sie nicht auf direktem Wege auszudrücken.

Indem man die Großeltern-Küche betritt, gelangt man in die 1950er; früher wurde dort sonntags Kaninchenbraten aufgefahren, hausgeschlachtet, und sommers saßen wir zum Erbsenpalen, Bohnenschnippeln, Pflaumenkernpulen um den großen Tisch mit geblümtem Wachstuch herum. Alles, was der riesige Garten und der Hausacker hergaben, landete auf diesem Tisch, wurde gewaschen, geschrubbt und geschält, kleingemacht, eingemacht, eingekocht: verschiedenste Apfelsorten, Süßkirschen, Pflaumen, Zwetschen, Kürbisse, Zucchini, Möhren, Zwiebeln, Aardbeien, Stickelbeien, Kakelbeien (roe, swatte und witte), Josterbeien, Himbeeren, Brombeeren, Rhabarber. Auch zentnerweise Kartoffeln – mein Großvater hatte einen Kleintraktor, auf dessen Pritsche die Kartoffelberge bewegt wurden; Kartoffelkäfer zu sammeln war mein Kinderbeitrag zu dieser anachronistischen Versorgungsarbeit, bevor ich einen Tuffelschiller oder ein Knief zum Schälen in die Hand nehmen durfte. In der Großeltern-Stube hatten, mit der großgemusterten Tapete, immerhin die 1960er Einzug gehalten. Feierten Urgroßmutter, Großmutter oder Großvater Geburtstag, ging die große, mehrheitlich alte bis sehr alte Verwandtschaft und Nachbarschaft dort einen ganzen Tag lang ein und aus; man trug Sonntagskleidung und duftete nach parfümierter Seife und 4711, die Männer nach Haarwasser; auf dem Geschenketisch sammelten sich die mitgebrachten Blumenbouquets, Pralinen- und Seifenschächtelchen, beschleifte Töpfchen mit Usambaraveilchen und Begonien; für die Kaffeestunde waren tagelang vorher Kuchen- und Tortenmassen produziert worden; es wurden Likörchen und Schnaps gereicht, wir Kinder bekamen von den Weinbrandbohnen; abends wurden Brotberge, Mett, Zwiebeln, Eier, Wurstsortimente auf Servierplatten angerichtet. Die Tischgespräche verliefen bedächtig; drehte es sich nicht um körperliche Gebrechen, rotierten die üblichen Geschichten, wurde Vergangenheit gewälzt; auch hier tauschte man sich nie direkt über Ansichten oder gar Gefühle aus, sondern tat dies über den Umweg episodischer Erzählungen. Als meine Eltern meinen Großeltern irgendwann einen damals blitzneuen Fernseher in die Stube brachten, wurde dieser zunächst ratlos betrachtet; gegen die fremdkörperhafte Anmutung des modernen Geräts schaffte ein gehäkeltes Spitzendeckchen, obenauf gelegt, etwas Abhilfe.

Die Treppe ins Obergeschoss bedeutet einen Sprung in die 1980er. Darüber liegt der Dachboden, der eine Asservatenkammer über hundertjähriger Familiengeschichte ist, eine Beweismittelsammlung aller im Haus geführten oder zumindest begonnenen Leben; vererbte Bauernschränke, historische Zeitschriftenstapel, Kinderkleidung aus den 60ern und 70ern, altes Haushaltsgerät und Spielzeug, Vintage-Nippes.

Den Gebäudeteil, der früher Viehstall und Arbeitsküche beherbergt hatte, mit seinen gekalkten Wänden und dem Heuboden darüber, rissen wir ab, als ich dreizehn war. Misthaufen und Jauchegrube wurden gleich mit beseitigt; auch der bunkerhafte Komplex aus halbhohen Schuppen und Butzen, den sich mein kriegsgeschädigter Großvater über Jahre hinweg zusammengezimmert hatte, wurde vom Gelände geräumt. Das war 1995; meine damaligen Klassenkameraden hatten, so ganz anders als ich, nie einen Flachsrechen gesehen, mit Sensen hantiert oder hausgeschlachtetes Karnickel gegessen. Als mit dem Abriss auch ein Stück Zeit weggeräumt worden war, ging mir auf, was damit einherging: dass es plötzlich Platz für ein Stück neue Zeit gab. Ich ließ also die 90er ins Haus.

Jetzt werden die alten Böden heraus- und die geblümten Tapeten von den Wänden gerissen: Platz machen für die 2010er. Sammeltassen aus den 50ern, vererbtes Feiertagsgeschirr, vergilbte Fotoalben, Nähmaschinenschränkchen, Schatullen mit Eheringen, originalverpackte Strumpfhosen aus den 60ern, Der röhrende Hirsch im falschgoldenen Rahmen, Nachkriegs-Stubenmöbel, Häkelutensilien, patiniertes Silberbesteck, Bergmannsuniformen kommen in Kisten oder gleich ganz weg. Nach und nach löst das Museum seine Sammlung auf.

An dem Elternhaus in meinem Kopf wird das nichts verändern.


Fotos: Grebe, 2016