SCHRIFTLICHES TREIBGUT

SPÄTSOMMER // Ende der Freibadsaison

Gras (2)

Die Freibäder schließen bald, und wahrscheinlich war dieser letzte über 30° heiße Augusttag wohl mein letzter Freibadtag für dieses Jahr.
Ich, die solche Hitze ja furchtbar hasst, bin selig, wenn ich mich da im Wasser abkühlen und danach reptilisch im Halbschatten ausstrecken kann. Rege Freibadgängerin bin ich allerdings erst wieder, seitdem ich nicht mehr allein, sondern mit Kind planschen gehe. Früher, viel früher war ich selbst Freibadkind. Im Dorf gab’s ja nix – aber ein Freibad, und ein schönes noch dazu, sogar ein beheiztes: Die Abwärme der Kühlanlagen des Kalibergwerks temperierte Nichtschwimmer-, Babyplansch- und Wettkampfbecken. Hatte der Kali seine Betriebsferien ausgerufen, merkte man das an der schlagartig eisigen Badetemperatur, was zumeist passend mit den brennendsten Sommertagen zusammenfiel.
Dieses Freibad wird, wie haufenweise andere Freibäder, geschlossen werden, wenn das Geld der Kommune noch knapper wird. Momentan vernachlässigt man es gründlich, katalogisiert nach und nach seine Mängel und Gefahren und wird es irgendwann erleichtert dicht machen, nächstes Jahr vielleicht, und das war’s dann also für mein Freibad, in dessen türkisblauen Fliesen sich meine Grundschulsommer spiegelten. Morgens mit dem Fahrrad hingefahren, mal mit einer Freundin, mal allein, nur ein Handtuch und eine Flasche Brause dabei, erst spätnachmittags wieder zurückgeradelt und sich an Sattel und Lenker, die stundenlang in praller Sonne standen, die Pelle verbrannt. Und es war unser Freibad, als ich wieder zurück auf dem Dorf war, mit eigener Familie. Mein Kind mit seiner Seepferdchen-Badehose, immer ein paar Kinder aus der KiTa, der Grundschule drum herum, kreischend, gackernd. Ich mit den Mamas am Beckenrand oder auf der Picknickdecke. Schönster Provinzsommer.
Belächeln Sie das nicht! Wenn Sie Hamburger Verhältnisse gewohnt waren – all der Style um mich her im Stadtpark, auf dem Spielplatz, all die Body-Issues, die ich eigentlich gar nicht hatte und doch entwickelte – und dann kommen Sie nach Haus, in Ihr Freibad, und auf der Picknickdecke sitzen Sie mit den anderen Müttern (die Sie teils schon lange kennen, aus Vor-Muttersein-Zeiten) und die haben keine Porzellanhaut, keine streifenfreien Bäuche, keine Kleiderständermaße, ach, aber die pflegen einen solchen Umgang damit, die pflegen und verbreiten einen so unkomplizierten Pride, dass Sie nie wieder dämliche Frauenzeitschriften kaufen müssen, die Ihnen erzählen wollen, wie Body-Positivity angeblich funktioniert. Ich besitze nur noch ballermannbunte Badewäsche – eine Landei-Nixe wie aus dem Bilderbuch – und wenn’s bei Aldi mal wieder korallenrote oder tropisch blumige Bikinis für’n Fünfer gibt, kauf ich den nächsten und hüpf damit ins Wasser, völlig unfrisiert, ungeschminkt, scheiß auf den perfekten Glow, und dann habe ich einen wundervollen Tag, wissen Sie?
Auch hier haben wir nun unser Freibad, und mein zufriedenes Körpergefühl ist nicht baden gegangen, und mein Kind hat liebe Freunde gefunden, die wir gern mitnehmen (und sie uns). Ländlich gelegen, nicht ums Eck also, aber, ja: idyllisch.
Das hilft gut gegen das Heimweh. Alle Freibäder in der Provinz sind über den universellen Provinz-Freibad-Äther miteinander verbunden. Sie teilen dieselben sonnenverbrannten Liegewiesen von Rasen, Klee, Schafgarbe, Breitwegerich und Löwenzahn. Dieselbe Geräuschkulisse: Rauschen von Duschen und Wasserbewegung. Lachen, Brüllen, Mama-Papa-Rufen. Überall Gespräche, Gespräche – in Freibädern wird ja viel mehr gesprochen, als man sich bei oberflächlichem Nachdenken so einbildet. Patschende Bälle. Schwalbengeschrill. Die Wespen überm Wasser, in der Ferne, auf einmal nah am Ohr. Das Klatschen und die Wasserfontänen unterm Sprungturm. Treckersummen weht manchmal von den Feldern rüber. Dieselben Gerüche, die sehr eindeutig und sehr dominant sind: Chlor, Sonnencreme, Pommes und Petrichor. Dieselbe knallblau glasierte Keramikschale, die der Himmel ist und sich an Schönwettertagen über allem wölbt, wie eine Hand, die etwas bloßlegt, etwas beschirmt, na, beides.
Die Leute, wie überall: platt auf Liegetüchern ausgestreckt, Brotlaibe, die in der Sonne backen. Die Horden der Zwölfjährigen: Halt’s Maul Missgeburt wie dumm bist du fick dich Mann fick dich Nutte!, aber ich bin nicht mehr zwölf, mich gluckert niemand mehr unter. Die Teenager: stecken noch in den Skizzen der Körper, die sie in fünf, in zehn Jahren haben werden. Die Beine haben schon Höhe erobert, die Arme schon Weite erlangt; die Dynamik ist furchtbar ungelenk, noch. Körper, die Zollstöcke sind und mit jedem Schritt und Schwimmzug die unsichtbaren Hohlformen ausmessen, die noch mit unzähligen Stoffen aufzufüllen sind, nach und nach, täglich. Im Wasser und unter der Sonne das ganze Spektrum von Altersstufen, Körperkonsistenzen, Temperamenten, Hautvarianten, Haarigkeiten. Tattoos von Lakritzschwarz über Verblichenheitsgrün bis Pastellbunt. Ich sehe sehr selten Badende mit Körperbehinderungen – weil sie sich nicht wohlfühlen würden, oder wegen der unbestreitbaren Bosheit der Anderen, oder mangelnder Barrierefreiheit? Oder ist das bloße Statistik?
Ich beobachte manchmal ein Kinder-Gerangel, das dann doch zu grob wird, und schalte mich als Spielverderberin ein, aber viel öfter beobachte ich, wie leicht sich wildfremde Kinder zum Toben zusammenschließen, wie mühelos sie in gemeinsame Drehbücher oder Wettkampfregeln hineinfinden; ist schon lange her, dass ich mal helfen musste, eine geplatzte Kinderlippe zu verarzten. Unter den Erwachsenen erlebe ich seltsam selten Giftigkeiten, dabei machen die Hitze, die halbnackte Situation und die Verteilungskämpfe um Sonnenplätze, Schwimmbahnen, den Platz in der Pommes-Schlange fraglos reizbar. Es ist vielleicht wirklich die Halbnacktheit, die den Mumm zum Streiten dämpft. Ab und an muss man sich natürlich dennoch überwinden, dennoch mal was sagen, mitunter selbsternannten Blockwarten in die Parade fahren, auch wenn man sich selbst, so als nasse Katze im Blümchenbikini, nun nicht gerade respektabel vorkommen mag.
Ich schlürfe Thermoskannenkaffee, für die Kinder gibt’s kalten Tee, Äpfel, Cracker, manchmal Pommes für zwei Euro die Portion. Das Surfer-Hair und den Bronzeteint, die wohlige Einschlafmüdigkeit abends, das gibt es alles umsonst. Wir bezahlen hier ein paar Euro fuffzig für den ganzen Tag und zwei, drei Personen – weniger als eine Schachtel Kippen kosten würde, oder ein Royal TS, oder ein Starbucks-Coffee oder -Latte in Größe Venti. Die finanzielle Hürde, hierherzukommen und einen Tag mit Schwimmen und Seelenbaumelei zu verbringen, ist also recht niedrig. Ich finde das wichtig. Ich finde das notwendig fürs Gemeinwesen. Freibäder, die bezahlbar sind, sind ein Stück Gemeinwohl.

Nur ist eben ein Freibad, das bezahlbar ist, alles andere als eine geölte Rendite-Maschine.

Ich formuliere ungern alarmistische Sätze, aber voilà: Wir sind über den Spätsommer des demokratisch erwünschten Gemeinwohls längst hinaus. Das ist kein Anflug von Gestrigkeit, ich will absolut nicht zurück in die 80er, nein danke – ich würde vielmehr gern in die 2040er schauen und ein Bild vor Augen haben, überhaupt irgendein Bild, im äußersten Idealfall ein gutes, aber ich sehe vor mir einfach ein gähnendes Nichts, denn wohin sonst sollten die Entwicklungen schon führen? Es ist so gegeben und offenbar in Stein gemeißelt, dass die Institutionen, die uns allen zur Verfügung stehen, uns dienen, uns helfen, uns guttun sollten, per se keinen Wert besitzen, solange sie nur dieses diffuse Gemeinwohl, aber keinen wirtschaftlichen Profit generieren. Bildung, medizinische Versorgung, Pflege, Lebensmittelproduktion, Infrastruktur, Umweltschutz müssen Geld abwerfen, so ist das halt, wie stellen Sie sich das denn vor – um jeden Preis natürlich, und eben auch um den Preis des Menschlichen, was nebenbei bemerkt ihren eigentlichen Kern darstellt. Darstellte… (2040 werden meine Enkelkinder vielleicht im Geschichtsunterricht davon hören, Was war der Sozialstaat?, aber vielleicht wird so was wie Geschichtsunterricht auch schon 2030 aus der Mode gekommen sein.) Und ich weiß nichts mit einer Politik anzufangen, die a) ihre Parlamentszeit offensichtlich als Bewerbungsgespräch für eine anhängige Wirtschaftskarriere nutzt, b) noch den letzten völkischen Mist aufwärmt und mit diesem Quatsch unglaublich viel mediales und politisches Interesse bindet, kurz, die offenbar ihre einzige politische Aufgabe darin sieht, ein ekelhaftes Problem zu sein, c) insgesamt keine besondere Panik zu verspüren scheint angesichts der Liste von Herausforderungen für die Zukunft: Energiewende, Verkehrswende, Pflegewende, Agrarwende – und eine Wirtschaftswende, wie könnte die aussehen? Ihnen fällt sicherlich noch die eine oder andere Wende ein, die nicht unwichtig wäre, bitte anfügen nach Belieben.
Ich wünsche mir viele Dinge für die Zukunft – keine unbescheidenen übrigens. Ich möchte zum Beispiel im Sommer mit den Kindern schwimmen gehen können, und ich wünsche mir, dass wir alle das tun können. Aber die einen, denen diese Dinge wurscht sind, rufen, dass ich mir doch selber ein Haus mit Garten kaufen und einen 10.000-Liter-Pool zulegen soll, anstatt zu maulen – jeder für sich, keiner für alle, Kaufen über alles. Und die anderen, denen jene Dinge genauso wurscht sind, schreien Aber die Flüchtlinge, die Flüchtlinge! und haben ansonsten keine Meinungen dazu, dabei IST das ja nicht mal eine Meinung. Und diejenigen, denen solche Dinge ausnahmsweise nicht wurscht sind, die gucken in ihre Haushaltskasse und… ja, genau.


Foto: Grebe

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SPÄTSOMMER // Lack und Leben

Garten3

Sommerhitze ist wie Fieber – macht schwitzig und lähmt. Manche haben das gern. Andern ist das, wie in vormoderner Zeit, ein Begleitzeichen von Seuche und Verfall. Hitze ist Lust und/oder Leid. Hitze ist Hochdruck. Hitze ist Dringlichkeit: Trinken Sie zwei bis drei Liter täglich!, verschlingen Sie Ihr Eis sofort, sonst schmilzt es dahin und pladdert Ihnen vor den Latz!, lassen Sie niemals Kinder, Hunde, Katzen, Schokolade, Thermopapier-Kassenbelege im Auto, auch wenn Sie bloß kurz mal __!, verwenden Sie Sonnencreme!, mit besonders hohem LSF!, sonst Krebs!, behalten Sie Ihren Kreislauf im Auge!, suchen Sie umgehend medizinische Hilfe, falls Übelkeit, Nackensteifigkeit, Bewusstseinsstörungen bei Ihnen auftreten: Sonnenstichsymptome!, achten Sie auf Ihre Mitmenschen, insbesondere ältere!, und die Bienen – stellen Sie Bienentränken auf!, vergessen Sie nicht, Ihre Hortensien dreimal täglich zu wässern!, gießen Sie Gärten, gießen Sie Bäume!, nein, verschwenden Sie kein Wasser!, lassen Sie Lebensmittel nicht ungekühlt stehen, nie!, Ihr Brot, gestern gekauft: es schimmelt!, Ihre frische Melone: schon klitschig geworden, übersüßlich, belagert von Fruchtfliegen!, Ihr Kartoffelsalat: fürchten Sie Salmonellen!, und fürchten Sie die Wespen, die Wespen!

Die Hitze krakeelt! Alles schwelt, man schmort. Bis:

Im September legt sich was übers Sonnenauge. Dass es seine Lider schließe, lässt sich nicht behaupten – November ist noch fern -, doch es besitzt eine Nickhaut: feines, durchscheinendes Gewebe, welches nun seine brennende Klarheit verdeckt.
Setzen Sie sich ein Stündchen nach draußen, an die milde Luft, ins Helle, und essen Sie… in aller Ruhe… ein Eis.
Wie schmeckt Ihnen jetzt dieses Eis?
Wie fühlt es sich an, eine Stunde lang an der frischen Luft zu sitzen, nun, da diese Stunde nicht mehr vergoldet wird von Sonnenbrand?
Die Luft sitzt nicht mehr auf Ihnen drauf wie eine herrische Katze, dick und warm, sondern rührt sich wieder, rührt sich leicht und schwingend, rührt in trockenen Blättern herum.
Aber klingt dieses Geraschel nicht melancholisch?
Meine Sonnenblumen wanken, von kleinen Windböen geschüttelt. Ich glaube, sie zittern.

Wenn Sie gern Fotos knipsen, kennen Sie das: Intensives Sonnenlicht ist der schönste Goldlack. Alles leuchtet wie von innen heraus. Eine hochsommerliche Beleuchtung veredelt selbst noch die verschrumpeltsten Erdbeeren oder das verdorrteste Rosenköpfchen.
Was nun, im September, wenn auf das ganze anstrengende Gleißen die Erschöpfungsmüdigkeit folgt? Wenn bald der Goldlack ab ist?

Gerade lese ich ein schmales Gedichtbändchen: Menno Wigman, Im Sommer stinken alle Städte.
Selten hat ein Buchtitel so schamlos recht. Bei Hitze beginnt ja die ganze Zivilisationssuppe zu kochen. Aus Eckpfützen, Bordsteinrinnsalen, U-Bahn-Sitzen und dem Saum dichter Gebüsche steigen stechende Aromen empor. Der Sommer kocht allem das Mark aus den Knochen, und vor allem uns: Es brodelt binnenmenschlich. Und zwischenmenschlich sowieso.
Das ist natürlich das blanke Leben.
Beim ersten Durchlesen wundert es mich fast, in einem Gedichtband mit solchem Titel nicht ein einziges Sommerhitze-Gedicht zu finden, aber eben nur fast: Auch ohnedem ist hier alles drückend, drängend, dräuend, alles gärt und kocht. Das Leben halt.
Hier insbesondere das Leben auf der Kippe, das Leben kurz vor oder nach dem Kippen, das Leben mit Kippe, Schnaps oder Koks.

„Allgemeine Raublust! Perfektion! Paarungstrieb!“ (Billboards)

Es sind Abgesänge auf das Leben – das eigene, das allgemeine, das spezielle Stadtleben von Amsterdam; außerdem zwei Gedichte, die Wigman für „einsame Bestattungen“ (wo es also keine Freunde oder Angehörigen, keine sonstigen Anwesenden gibt) schrieb und dort vortrug. 33 Gedichte, die sich nichtsdestotrotz fest ans Leben krallen.

„Ich kenne die Tristess von Copyshops, / von hohlen Männern mit vergilbter Tagespresse, / bebrillten Müttern mit Umzugsberichten, / den Geruch von Briefpapieren, Kontoauszügen, / Steuerformularen, Mietverträgen, / der nichtigen Tinte, die sagt, dass es uns gibt. (…) / hätt ich doch etwas Neues, etwas Neues bloß zu sagen. / Licht. Himmel. Liebe. Krankheit. Tod. / Ich kenne die Tristess von Copyshops.“ (Zum Schluss)

Dies „hätt ich doch“ ist so präsent, es quillt aus wirklich jeder Zwischenzeilen-Ritze. Hätt ich doch! Was Besonderes an mir, mehr geliebt, besser Bescheid gewusst, einen Plan – hätte, wäre, könnte! Nur, helfen tut’s ja doch nicht. Mal schimpft Wigman gegen diese Vergeblichkeit an, mal lässt er sich auch sachte hineinfallen; immer hält sie ihn fest an der Hand.

Viel Geschimpfe, viel Weh. Und doch: das blanke Leben halt. Wigman starb 2018, 51jährig, und wie ich hier so sitze und ein paar seiner Gedichte lese, kommt mir in den Sinn, dass er damit unmöglich einverstanden gewesen sein kann. Wer sich so sehnt, so garstig liebt und so melancholisch pöbelt, wer sich so heiß am Leben abarbeitet… So eine Hitze ist ja purer, allerschönster Goldlack. „Und doch“, spricht da der Körper, der kranke, und fragt bald nicht mehr nach Sonnenschein.


>>Menno Wigman, Im Sommer stinken alle Städte (Parasitenpresse) ist eine 2016 aufgelegte Auswahl von Gedichten aus Wigmans Werken ’s Zomers stinken alle steden (1997), Zwart als kaviaar (2001), Dit is mijn dag (2004), Mijn Naam is Legioen (2012) und Slordig met geluk (2016).


Foto: Grebe

SPÄTSOMMER // Der dreißigste August

Das Jahr ist ein Gliedertier: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Die Lebensphasen, die stellt man sich oftmals genauso gestaffelt vor wie die Jahresphasen; überhaupt vergleicht man sie mit allen möglichen Schrittfolgen des Gangs der Natur:
Anfangs die morgendlich frische Kindheit, es folgt die mittagsheiße Blütezeit als Erwachsener, Lebensernte im Lebensherbst, schließlich die nächtlich kalte, lichtarme Endphase, wo die Dinge absterben, sich auflösen, unter die Erde gehen.

Ich schaue meinen Sonnenblumen zu, wie sie ihre Köpfe gegen den dicken Himmel stemmen – noch weiter hoch, und noch ein bisschen. Der Himmel wiederum schmilzt ihnen die Köpfe krumm und drückt sie so von sich weg, und weiter bodenwärts, und noch ein bisschen.

Spätsommer haben wir’s. Das ist, so als Jahresphase, also rein äußerlich schon, etwas massives.

August! Da waren sie, die Tage aus Eisen, die in der Schmiede zum Glühen gebracht wurden. Die Zeit dröhnte. Die Strände waren belagert, und das Meer wälzte nicht mehr seine Wellenheere heran, sondern täuschte Erschöpfung vor, die tiefe, blaue. Am Rost, im Sand, gebraten, geflammt: das leichtverderbliche Fleisch des Menschen. Vor dem Meer auf den Dünen: das Fleisch. Ihm war angst, weil der Sommer sich so verausgabte. Weil das bedeutete, daß bald der Herbst kam. Der August war voll Panik, voll Zwang, zuzugreifen und schnell zu leben.

Das stammt aus Ingeborg Bachmanns Erzählung Das dreißigste Jahr, worin ein namenloser Er (mal wird allwissend über ihn geplaudert, mal kommt er selbst zu Wort) die Dreißig als Wendepunkt in seinem Leben begreift, als eine Bewusstseinswende und auch eine Wende der äußeren Gegebenheiten, zusammenfallend mit dem Spätsommer.

Er pendelte zwischen dem Meer und der Stadt hin und her, zwischen hellen und dunklen Körpern, von einer Augenblicksgier zur andern, zwischen Sonnengischt und Nachtstrand, mit Haut und Haar gepackt vom Sommer. Und die Sonne rollte jeden Morgen schneller herauf und stürzte immer früher hinunter vor den unersättlichen Augen, ins Meer. Er betete die Erde und das Meer und die Sonne an, die ihn so fürchterlich gegenwärtig bedrängten. Die Melonen reiften; er zerfleischte sie. Er kam vor Durst um. Er liebte eine Milliarde Frauen, alle gleichzeitig und ohne Unterschied.

Als Jugendliche (Oberstufe) ließ ich mich davon total erschlagen, von dem Geruch und dem Geschmack, den diese Erzählung abgibt, von ihrer gärigen Üppigkeit, die so gefährlich nah dran ist, in Fäulnis umzukippen. Ihrer Kompostwärme. Gewitterdruck lastet auf diesen Sätzen. Mich erschlug’s wirklich – aber mitgeben konnte es mir so gar nichts. Noch nichts. Zu früh alles.

Selbst dreißig geworden, verschwendete ich dann aber keinen einzigen Gedanken an Bachmannsche Sätze. Ich hatte ein Kleinkind und einen Haufen Dinge um die Ohren und nie Schlaf, ich steckte mit dem Kopf vollauf in einem ebenso lebenswütigen Frühling, kurz, ich hatte zu tun.

Und jetzt, Mitte dreißig?

Wer bin ich denn, im goldnen September, wenn ich alles von mir streife, was man aus mir gemacht hat? Wer, wenn die Wolken fliegen!

denkt Bachmanns Er, vom Sommer getrieben, gegart, geschleift.

(…) nichts, was ich denke, hat mit mir zu schaffen. Nichts anderes ist jeder Gedanke als das Aufgehen fremder Samen. Nichts von all dem, was mich berührt hat, bin ich fähig zu denken, und ich denke Dinge, die mich nicht berührt haben. (…) Warum habe ich einen Sommer lang Zerstörung gesucht im Rausch oder die Steigerung im Rausch? – doch nur, um nicht gewahr zu werden, daß ich ein verlassenes Instrument bin, auf dem jemand, lang ist’s her, ein paar Töne angeschlagen hat, die ich hilflos variiere, aus denen ich wütend versuche, ein Stück Klang zu machen, das meine Handschrift trägt. Meine Handschrift!

Über Nacht kommt so ein Morgen, wo der Heuduft des Sommers ins Schwächeln gerät, weil er das Gewicht der Herbstgerüche von Totholz, Waldpilzen, nassem Laub plötzlich mittragen muss.
Auf den, seiner Trägheit und Hitze wegen, so quälend endlos anmutenden August folgt der September wie eine unerwartet eingetroffene Nachricht, mit der zunächst einmal nichts vernünftiges anzufangen ist.
Auf „Mitte dreißig“ folgt „fast vierzig“ wie eine Unebenheit im Boden, ein beginnendes Gefälle, worauf man nicht gefasst war.

Auf Frühling folgt Sommer, auf Sommer Herbst, dann Winter – so geht das Jahr, hat man gelernt. Doch fängt die Zählung des Jahres ja mitten im Winter an, und sein kalendarischer Mittelpunkt liegt bloß ein paar Tage hinterm Frühlingsende, und wenn der Sommer vorbei ist, beginnt schon gleich, im Handumdrehen, das letzte Jahresviertel.
Und mag man (weil man um die Ohren hat, weil man zu tun hat) auch noch so unbeirrt wähnen, in vollem Lauf unterwegs zu sein – nur einen Schritt weiter, und schon ist man da, und noch einen, schon steht man mittendrin, mit beiden Beinen: im Abschlussquartal, nicht wahr?
Im Endspurt, wo die Ziellinien drohen.


Foto: Grebe


FLUGWESEN // Die Ruhe und der Sturm

Das hier ist Stadtrand. Seit Jahrzehnten. Weder die Partylaune des nahen Stadtzentrums, noch die Wildnis, die einen Steinwurf weit in entgegengesetzter Richtung beginnt, dringen durch den Backstein dieser Straßenzüge. Es mag hier und da Unkraut durch die Gehwegpflasterung schießen, und an dem einen oder anderen Laternenpfahl mögen subversive Sticker-Botschaften zu lesen sein, aber dessen ungeachtet herrschen hier, unangefochten, Ruhe und Ordnung.

Mein Garten ist klein und bietet keinen Ausblick in die Ferne. Er erinnert an einen Schuhkarton: Zwei lange Hauswände bilden gemeinsam mit den kurzen Sichtschutzwände zu den zwei Nachbargärten einen rechteckigen Kasten. Trete ich aus der Terrassentür, stoße ich nach ein paar Schritten geradeaus schon mit der Nase an die Breitseite des Nachbarhauses; nach links und rechts hin dehnt sich der Garten immerhin so weit aus, dass es Platz für Sträucher und Stauden gibt. Ich stecke eine Menge Herzblut in diese Pflanzen, denn sobald ich mich ihnen widme, vergesse ich für einen Moment, dass ich mich in einem Schuhkarton befinde.
Dieser Schuhkarton hat keinen Deckel. Da ich eben nicht, wie ich das zuvor gewohnt war, in die Landschaft hinausschauen kann, folgt mein Blick ganz von selbst dieser einzigen Schneise, die ihm offensteht, und geht zum Himmel.

Der Himmel ist weithin einsehbar. Über meinem Kopf im Garten breitet er sich so groß und so plan aus – eine aberwitzige Leinwand. Die umliegenden Häuserdächer kennen keine Höhen, man wohnt hier flach. Reines Wohnviertel. Die Straßenzüge wurden einheitlich geplant und gebaut: einige Einheiten Genossenschaftshäuser, einheitliche Bungalow-Reihen, reihenweise Reihenhäuser. Von oben besehen bilden diese Häuserreihen sicher ein markantes Muster. Und die anhängigen Gärten, die ja auch nur Reißbrettkinder sind, tun das sicher ebenso. Die Sichtbarrikaden und Revierbepflanzungen, die einen Schuhkarton wie den meinen von den anderen abgrenzen, gelten ja nur für die Bodengebundenen, wie mich. Schon in etwa zwei Metern Höhe – die Hecken, Sichtschutzwände und Bäumchen sind zumeist nicht größer, hier im Viertel – herrscht ziemlich freie Bahn, besteht ein Luftkorridor oberhalb eines grünen Bandes. Eine Flugstraße.

Der herrschende Flugverkehr mutet auf den ersten Blick chaotisch an, doch ebenso wenig wie es in der Wildnis so etwas wie Unkraut gibt, gibt es wohl auf der Flugstraße so etwas wie Irrflüge. Alles folgt einer gewissen Ordnung. Dem Boden (d.h. den Pflanzen und auch mir) am nächsten trudeln die Bienen, Hummeln, Schmetterlinge umher. Die Flugzone der Singvögel erstreckt sich bis hinauf in den höchsten Schwalbenäther. Im Garten fällt auf, dass sowohl Insekten- als auch Vogelvolk stets in Längsrichtung hindurchfliegen; es gibt starken Hin- und Gegenverkehr, aber kaum einmal schert jemand seitlich ein oder aus. Die Tendenz des Flugverkehrs, der Gartenstraße zu folgen, setzt sich in bodenfernen Flughöhen fort: Die Vögel zeichnen ihre Fluglinien an den Himmel, und diese Linien überschneiden einander und bilden, je länger man zuschaut, ein immer dicker werdendes Band – parallel zum Verlauf der Gärten. Selbst der einsame Rotmilan, der sich hier gelegentlich nach Beute umschaut, schnürt zumeist entlang der Gartenstraße durch den Himmel, den Hummeln und den Amseln folgend, geradezu wie von ihnen an einer Drachenschnur gezogen.

Es gibt solche Ordnungen, deren Bestehen man höchstens mal erkennt, wenn sie gestört werden, denn ihr eingespieltes Funktionieren macht sie gewissermaßen unsichtbar. (Wussten Sie, dass die Rauhautfledermaus offenbar jährlich, den Zugvögeln gleich, auf festen Routen über die offene Ostsee zieht? Weiß man auch erst, seitdem Forscher tote Exemplare an neuen Offshore-Windanlagen fanden und sich fragten, wie, wann und warum es ausgerechnet Fledermäuse dorthin verschlagen hatte.)

Seit mittlerweile vier Monaten bin ich nun also hier. Und dieses Hiersein empfinde ich als eine recht einheitliche Substanz: hell und leicht und dabei sanft klebrig. Eine aberwitzige Portion Zuckerwatte.

Es kommt ein Samstag, für den ein kräftiges Gewitter vorhergesagt wurde. Gegen Mittag verstummen die Grashüpfer. Die Fluglinien der Vögel verlaufen auf einmal wirr, aber das nur kurz, nur in Vorbereitung ihres vollständigen Verschwindens vom Himmel. Der Himmel verliert all seine Geräusche und Regungen, auch seine weiß-blaue Musterung; er leert sich. Um sich mit Unwetter zu füllen.
Wie eine Brandungswelle von unten, vom Boden der Meeresbucht aus betrachtet, rollt es in mein Sichtfeld hinein, dick und schwer, ganz dicht an die Dächer gepresst. Das Licht bekommt einen scharfen, schwefelgelben Stich, als brenne es durch, und so folgt denn auch sogleich Finsternis. Aus der Brandungswelle wird eine schlammfarbene Lawine, und die zieht nicht etwa geordnet, von links nach rechts durch meinen Garten: Das Unwetter kommt übers Dach angebraust und fällt von links und rechts und oben auf mich nieder. Die Wolken schäumen, brodeln, formen sich zu nassen Armen, die auf die Erde herabstoßen, pulsieren im geäderten Leuchten der Blitzschläge. Ich spüre zwar keine Sturmböen, aber die Schwere der Luft und ihren Sog und den Mahldruck der Wassermassen. Es ist eines dieser Unwetter, die sich wie ein Maul über das Land stülpen, es einspeicheln und zerkauen – ein Rottweiler von einem Gewitter. Ich bange um meine Pflanzen, die binnen Sekunden wie Brei am Boden kleben, und ich hoffe, dass gerade niemand in meinem Umkreis einen Dachschaden hat oder einen Unfall erleidet.

Aber es passiert gar nichts. Blitz und Donner nähern sich an, fallen schließlich zusammen, unter großem Getöse – und entfernen sich dann wieder von einander. Bald schon ebbt das nasse Wüten ab. Danach setzt ein lascher, aber geduldiger Nieselregen ein und sprüht den Himmel sauber; die Wolken werden heller, dünner, steigen in immer größere Höhen auf, wo sie verschlieren und schließlich verschwinden. Meine Blumen heben ihre Köpfe, als wäre nichts gewesen. Eine Amsel zischt von links nach rechts über meinen Garten.

Am Sonntag danach herrliches Wetter. Unter einem sehr hohen, sehr blauen Himmel summen die Dinge gleichförmig vor sich hin. Unaufgeregt. Bis die Sirenen schrillen.
Zwei Segelflugzeuge sind in der Luft, im heitersten Himmel, kollidiert. Eines konnte notlanden. Das andere ist direkt in der Nachbarstraße aufgeschlagen und liegt dort nun quer in einem Vorgarten – der Pilot schwer verletzt. Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte und Regionalreporter sind umgehend vor Ort. Auf den Fotos, die in die Presse gehen, sind das zerstörte Segelflugzeug und der zersplitterte Jägerzaun des Vorgartens abgebildet; außerdem der gepflegte Gehweg, ohne auch nur ein einziges Unkraut, was sich da durchs Pflaster drängen würde. 

VERGISSMEINICH // ICH, DU, ES und WIR

Dass man umgezogen ist, merkt man ja auch daran, dass die Namen der umliegenden Nachbar-WLANs plötzlich andere sind.

Außerdem natürlich daran, dass man sich zu kümmern hat. Um, na, Dinge.

Vom Frühstückstisch aus ändere ich Daueraufträge und erledige zwei Überweisungen.
(Meine Mutter erzählte erst vorgestern am Telefon, wie empört man im Dorf darüber sei, dass nach der Sparkasse nun auch die Volksbank ihre örtliche Filiale schließe und es somit im weiteren Umfeld keine einzige Bank mehr gebe. Die Banken und die Kommunalpolitik sehen in dieser Empörung eine irgendwie rührende Rentnerschrulle. Meine Mutter selbst klang nicht rührend empört, sondern traurig.)

Das Serviceportal meines Stromanbieters weist mich darauf hin, wie bequem und einfach ich mein Anliegen online abwickeln könne. Schnell und direkt – registrieren, loslegen, fertig!
Ich registriere mich.
Für mein etwas umwegiges Anliegen finde ich keine passende Rubrik. Also doch die Servicenummer wählen.
Warteschleifenmusik loopt vor sich hin. (Eine bunte Maschine, die Erdbeer-Slushy quirlt. Im Ohr.) Mich begrüßt eine freundliche Schauspielerstimme – Vorabendseriendoktor? -, die mich durch allerlei Filter schickt: Postleitzahl, Kundennummer, Anliegen. Danach bricht eine Wartephase an, während der sich mein Fernsehdoktor loopend dafür entschuldigt, dass bislang alle Berater im Gespräch seien, sich für meine Geduld bedankt, mir verspricht, dass sich so bald wie möglich um mich gekümmert werde.
Die Frau, die schließlich meinen Anruf annimmt, weiß, dass mich die achtzehn Minuten Loopmusik und Loopgerede inzwischen völlig eingeloopt haben, und fängt mein Erschrecken über das plötzliche Umschaltknacken in der Leitung professionell auf, indem sie beruhigend, dabei zügig ihre Begrüßungsfloskeln runterspult. Ihren Namen nennt sie nicht (vielleicht hat sie’s vergessen). Ich spule meinerseits Begrüßungsfloskeln und eine Kurzbeschreibung meines Anliegens runter. Die Frau spricht mit leichtem, für mich nicht identifizierbarem Akzent. Ihr Deutsch ist grammatikalisch überkorrekt, ihre Sätze reihen Worte aneinander wie scharfkantige Bauklötze, und es kommt mir vor, als unterdrücke sie eine natürliche Sprachmelodie, indem sie ihre Stimmlage bewusst monoton halte. Sie arbeitet sich systematisch durch mein Anliegen, fragt mich Standardfragen, gibt mir Standardantworten; das klappt sehr geschmeidig. Sobald ich Nachfragen anstelle, die von einem unsichtbaren Schema abweichen, schweigt es in der Leitung über lange Zeitspannen, bis Antworten in plötzlich ungelenkem Deutsch erfolgen, in das sich auch melodische Auffälligkeiten hineingeschmuggelt haben.
Ich könnte keine Wette darauf abgeben, ob ich mit einem Callcenter in Norddeutschland verbunden bin oder einem in Bulgarien oder Indien – mein Anliegen ist jedenfalls verstanden, mein Problem behoben worden, und ein unsichtbares Schema besagt, dass unser Zweckgespräch somit beendet ist.

Welchen Unterschied hätte ich bemerkt, wenn ich dieses Telefonat ausschließlich mit einem Chatbot geführt hätte? Habe ich vielleicht mit einem –
Ich hätte keine Wartezeit gehabt.

Keine zehn Minuten nach dem Telefonat erhalte ich eine automatische SMS mit der Frage, ob mein soeben erfolgtes Gespräch mit dem Kundenservice zu meiner Zufriedenheit verlaufen sei.
Sowohl der Fernsehdoktor und die Kundenberaterin als auch die automatische SMS verwenden peinlich oft das Wort WIR.

Die Kassiererin im Supermarkt sagt Guten Tag, zieht meine Ware über den Scanner und nennt mir schließlich eine Summe. Ich zahle zumeist mit der Karte; heute lege ich einen Geldschein in den Kassenautomaten, der mein Wechselgeld sofort und fehlerfrei abgezählt ausspuckt. Weil ich mir auch nicht den Kassenbon von ihr geben lasse, besteht zwischen der Kassiererin und mir keinerlei Kontakt. Ein Namensschildchen trägt sie nicht (wahrscheinlich vergessen).

Im Baumarkt sind zwei Kassenplätze mit Kassiererinnen besetzt. Vier Kassenplätze sind Selbstbezahlterminals (nur für EC-Zahler).

Zu Hause. Das Serviceportal meiner Krankenkasse weist mich darauf hin, wie bequem und einfach ich mein Anliegen online abwickeln könne. Ich bin bereits registriert und wickle mein Anliegen bequem und einfach online ab.

Ich überlege, mich wieder mehr meinem Kleingewerbe zu widmen, d.h. einen neuen Online-Shop einzurichten.

Ich schreibe mit einem Auge auf dem Handy ein paar WhatsApps an Freunde, während ich mit dem anderen auf dem Laptop kurz mal den Newsfeed durchgucke (Tiervideos). Zwischendurch google ich herum, tippe drauflos – ich tippe „Ich ist ein anderer“ und „Der Mensch wird am Du zum Ich“ . Ich tippe auch ein paar Zeilen Blogbeitrag.

Weil ich etwas bestimmtes, was das Kind demnächst braucht, in der Stadt nicht auf Anhieb finden würde, bestelle ich’s binnen einer halben Minute im Online-Shop.

(Meinen Kaffee muss ich schon noch analog kochen.)

Danach fange ich an, die Steuererklärung zu machen. Via Elster.

Wie ich den Tag bislang verbracht habe, empfinde ganz und gar nicht als unproduktiv. Zugleich wundert es mich ganz und gar nicht, als mich irgendwann das Bedürfnis anfällt, jemanden anzurufen, um zu quatschen, vielleicht meine Mutter (schon wieder, aber warum nicht?) – das heftige Bedürfnis, jemanden zu fragen: Wie geht es Dir?

Meine Mutter hat kein WhatsApp.

Ich muss an den Laden denken, früher; an die verwitweten RentnerInnen, die einmal täglich an der Kasse standen, um einen einzelnen Klecker-Artikel zu kaufen. Und sich zu unterhalten: das Wetter, der Hund, die Baustelle, Politik, Frisuren, ein Kochrezept. Das heftige Bedürfnis, jemanden zu fragen: Gilt die Zweineunundneunzig für Cappuccino aus’m Prospekt eigentlich für diese Woche oder ab Montag erst? / Ist das nicht heiß da draußen? / Brauchen Sie vielleicht noch Kleingeld, junge Frau?

Die Einsamkeit der RentnerInnen.
Qualitativ gar nicht so anders als dreißig Minuten in der Service-Schleife. Oder zwei Stunden auf Twitter.

Ich will nicht darüber jammern, wie unpersönlich alles geworden ist im Zuge von Automatisierung und Digitalisierung. Aber ich muss. Man vergisst es so gern – Automatisierung und Digitalisierung machen einem dieses Vergessen so einfach und bequem.

Was machte man früher bloß, in Fleckeby oder Düdinghausen, wenn es dort niemandem gab, der die Jazz-Sendung im Radio-Nachtprogramm genauso liebte – und auch keinen Plattenladen weit und breit? Wenn man sich an ferne Orte wünschte, sich nach den Straßen von Toronto oder Buenos Aires sehnte, ohne Aussicht, je dorthin fliegen zu können? Wenn man gerne mal thailändisch gekocht hätte, oder karibisch? Wenn man einmal Herzlichen Glückwunsch auf Finnisch sagen wollte? Wenn man ein Klavier zu verkaufen hatte? Wenn man ohne Stadtplan nach Bonn musste? Wenn man etwas über Verhütung und andere Intimangelegenheiten wissen wollte? Wissen musste? Dringend!? Wenn man schwul war?

Man ist nicht mehr allein, seitdem wir uns gemeinsam in dieser digitalen Dimension bewegen können. Und das ist viel.

Und doch nicht genug, um nie mehr einsam sein zu müssen.

Wer kennt mich noch, und wen kenne ich noch – in diesem Raum, wo jeder jeden kennen kann? Wo das Sich-kennen keine physische Begegnung mehr voraussetzt, sondern nach Belieben online hergestellt werden kann?
Wo Datenaustausch zum Maßstab für das Sich-kennen wird, ist es, uneinholbar, das Internet selbst, das mich am besten kennt – dieses diffuse ES. Kein DU mehr. Auch nicht mehr das ICH selbst.
(„Wenn du lange genug ins Internet blickst, blickt das Internet auch in dich hinein.“ – Friedrich Nietzsche)

Das Internet, dieses körperlose, ubiquitäre ES. Eigentlich ulkig, dass man, nachdem man Glauben und Aberglauben schon so weit zurückgedrängt hatte, etwas erschuf, dessen Umfang die Kapazitäten des menschlichen Verstandes und der Sinne dermaßen überschreitet und das seinem Wesen nach, nun ja, als transzendent bezeichnet werden darf, oder nicht?

Behördliche Einrichtungen atmen schale, traurige Luft. Man verplempert Zeit, wenn man wartend diese Luft atmet. Durch Anfahrt und Rückweg verplempert man zusätzlich Zeit.
In der Behörde hat die schale Traurigkeit ein Gesicht, ist gebunden an die Möblierung, die einfallslose Bürobeleuchtung, an einen langen, erdfarbenen Flur und den V-Pullover meines zuständigen Sachbearbeiters.
Selbstverständlich freut man sich über jede Möglichkeit, solche traurig-schalen und Zeit verplempernden Angelegenheiten zu bequemisieren. Indem man Behördengänge in die Online-Dimension verlegt, erspart man sich Umstände.
Zugleich entzieht man damit der Realität eines ihrer Gesichter.

Na und? Muss es denn schade drum sein? Was sollte schon passieren, nur weil wir das eine oder andere Realitätsgesicht, das uns nicht gefällt, abschaffen und irgendwann schließlich vergessen?

Zunehmende Digitalisierung und Automatisierung bedeutet zunehmende Depersonalisierung, Anonymisierung. Das Andere, das Gegenüber – das DU also – wird allmählich unsichtbar.
Wenn jedoch das DU allmählich unsichtbar wird, bedeutet das zugleich, dass auch das ICH allmählich unsichtbar wird, denn mein ICH ist bloß das DU für einen anderen.

Ich bin inzwischen mit Elster fertig.
Im Anschluss google ich weiter herum, weil ich einem undeutlichen Gedanken nicht so recht zu Klarheit verhelfen kann. Ich suche nach einer Formel, die ihn einfasst.
„Ich ist ein anderer“ wird zumeist gelesen als das Motto eines Ich, das alles sein kann, was es will. Mir fällt auf, dass ich niemanden ausfindig machen kann, der es anders liest, nämlich im Sinne von „Der Mensch wird am Du zum Ich“.
Ohne DU kein ICH: Das ist vielleicht nicht die bequemste Formel, aber die wahrste.
Jeder Mensch lebt im anderen.

Ich bin ein simpel gestrickter Mensch. Um philosophische Konzepte kümmere ich mich nicht sonderlich, mein Mindset ist nicht das Produkt teurer Coaching-Sitzungen, religiöse oder esoterische Anwandlungen sind mir fremd.
Fragen zum Stand und zum Wesen der Dinge, zu Gott und der Welt erkläre ich mir, indem ich mir einen einzelnen Begriff vornehme, und dieser Begriff lautet „Weitergabe“. Er lässt sich gut in die Hand nehmen und durchkneten. Man kann kleine Religionen daraus machen, oder Utopien für die ganz nahe oder sehr ferne Zukunft. Man kann den Kopf des ersten wie des letzten Menschen daraus modellieren, und auch seinen eigenen. Man kann daraus Häuser formen. Oder Waffen. „Weitergabe“ ist der Begriff, der als Bestandteil in so ziemlich allen Überlegungen steckt, die mich beschäftigen – gleich, ob es um die Europawahl geht, den Syrienkrieg, den Heringssalat meiner Mutter -, denn alles ist auf die eine oder andere Weise ein Ergebnis von erfolgter Weitergabe, und alles ist Material zukünftig erfolgender Weitergabe.
Alles ICH, alles DU, alles ES und alles WIR sind Stoff von Weitergabe.
Ich bin aus all denen gemacht, die vor mir waren. Das ist einfache Genetik. Ich bin auch aus ihrem Verhalten, also aus ihren Erfahrungen und ihren Anpassungen an diese Erfahrungen gemacht – das ist Epigenetik. Ich bin außerdem aus ihren Sehnsüchten, Freuden, Ängsten und Alltäglichkeiten gemacht – das ist dann wohl Kultur. (Lassen Sie mich an dieser Stelle mit Begriffen wie „Volk“ oder „Rasse“ bloß in Ruhe. In diesem Sumpf suhle ich mich nicht, und wer das tut, weiß halt nicht, was ein „Mensch“ ist, und wird’s auch nie lernen.) In zweihundert Jahren, in achthundert Jahren und genauso in viertausend Jahren wird es (wohl noch) Menschen geben, und die werden aus all denen gemacht sein, die vor ihnen waren – auch aus mir. Sie werden auch aus meinem Verhalten, also meinen Erfahrungen und meinen Anpassungen an diese Erfahrungen gemacht sein. Und auch aus meinen Sehnsüchten, Freuden, Ängsten und Alltäglichkeiten.
Dass man als winziger, aber unweigerlicher Bestandteil in die Nachkommenden eingeht und das kleine, was man selbst ist (das Gute wie das Schlechte), auf diese Weise das Sein und des Ganzen mitgestaltet (im Guten wie im Schlechten) – das ist die einzige Füllung für Worthülsen wie Heiliger Geist und Ewiges Leben, die ich gelten lasse.
Wichtig ist: Man besteht nicht allein aus seinen Eltern und deren Eltern, und man gibt sich nicht allein an seine Kinder und deren Kinder weiter. Weitergabe schert sich nicht um Blutlinien. Jeder Mensch ist dem anderen ein Prüfstein, und wir alle bedingen einander.
Ob ich mein Gegenüber nun mag oder auch nicht, ist völlig nebensächlich: Ich erweise mich an ihm als ich selbst – im Guten wie im Schlechten.

Als was stehe ich aber da, wenn niemand mehr vor mir steht? Wer bin ich, wenn ich irgendwann nicht mehr anhand des Anderen ich selbst werden kann, sein kann, sein muss? Über zunehmende Digitalisierung und Automatisierung und das Internet nachzudenken, heißt auch, einmal gründlich über Personalpronomen nachdenken zu müssen. Wenn das Andere, das Gegenüber aus meinem Alltag verschwindet, weil es wegbequemisiert wurde, wird es immer mehr zum ES. Und zusammen mit dem DU geht auch das ICH immer weiter ins ES ein.

Wenn irgendwann das ES in uns allen ist, und wir alle bloß noch das ES sind – wer sind dann noch ICH, DU, WIR?
Wenn ich diese Personalpronomen einmal ganz vergesse, vergesse ich damit mich selbst.

VERGISSMEINICH // Alltag, Nichtsnacht

 


Sie kennen Müdigkeit. Verschiedenste Arten von Müdigkeit. Sie kennen Schläfrigkeit, ermattete Schlappheit oder tief, sehr tief wurzelnde Kraftlosigkeit. Sie kennen auch genügsamere, zufriedenere Arten von Erschöpfungsmüdigkeit. Viele von Ihnen kennen Mischformen der Müdigkeit, wo sie sich mit Aggressivität oder auch dumpfer Orientierungslosigkeit verbindet. Einige unter Ihnen haben Erfahrung mit jener trost- und bodenlosen Müdigkeit, die einen reell glauben macht, ein verirrtes, halb verhungertes und schließlich in sibirischer Januarkälte erfrorenes Nutzvieh zu sein.
Aber kennen Sie auch E.I.N.S.C.H.L.A.F.E.N?
Es gibt das Einschlafen vorm Fernseher, das Einschlafen mit Buch, das Einschlafen in der Bahn, dem Auto oder Flugzeug, auch das nicht ungefährliche Einschlafen in der Badewanne; es gibt das sprichwörtliche Einschlafen im Stehen, das zügige Einschlafen nach harter Arbeit oder Sport, das anspruchslose, routinierte, somit nebensächlich gewordene Einschlafen, das Einschlafen unter Alkohol- oder sonstigem Einfluss, das Einschlafen unter Bauchweh und natürlich das unruhige, unbefriedigende (weil unbefriedende) Einschlafen unter Sorgen, Sorgen, Sorgen.
E.I.N.S.C.H.L.A.F.E.N. aber ist etwas anderes.
Lichtschimmer, Farben und Gerüche um Sie her sind milde und weich. Frische Bettwäsche. Ein Kerzchen auf der Kommode spendet zart flackerndes Sonnenuntergangsleuchten. Ihnen ist warm (die übliche Kriechkälte ist restlos aus Ihren Fasern verschwunden; sowohl das Gefühl als auch die bloße Idee von Kälte sind so vollständig verschwunden, dass sich bei Ihnen nicht der kleinste Gedanke daran regt, wie kalt und klamm sich Einschlafen für gewöhnlich anfühlt), zugleich liegt ein angenehm luftiger Hauch im Raum.
Sie mögen diesen Raum. Sie haben sich darauf gefreut, hier zu schlafen; Sie haben die Wandfarbe, das neue Bett, die neuen Bettbezüge, die Bilder, Zimmerpflanzen und sparsame Deko bedachtsam (und in der seltenen, wohligen Gewissheit, sich hierbei nicht zu verschulden oder es sonstwie zu übertreiben) ausgewählt.
Sie hatten einen leichten Tag. Sie haben gelacht. Sie wurden geküsst. Sie haben etwas Gutes gekocht und gut gegessen, ohne Hast, gemeinsam mit Menschen, die Sie lieben und in deren Nähe Sie sich gesund fühlen (der Nachhall ihrer Stimmen liegt Ihnen, leise, noch im Ohr).
Durchs geöffnete Fenster hören Sie das entfernte Rauschen der Stadt und, näher, das nicht zu ungestüme Ein- und Ausatmen des Windes; nirgendwo bellt ein einsamer Hund.
Sie selbst sind nichts weiter als das sachte Pochen, das Sie mit zwei Fingerspitzen unterhalb Ihrer Daumenwurzel ertasten. (Ihr Puls, der mitunter wie eine Horde durchpreschender, um sich keilender Stiere gegen diese zwei Fingerkuppen schlägt, dann wieder flach, unrund plitschernd, wie Sand unter ihnen wegrieselt, rollt und rollt nun in unbeirrtem Takt an ihnen vorbei, flink, aber nicht getrieben, fest, aber dabei geschmeidig. Ein kleines, samtpelziges, agiles Tierchen.)
Sie fühlen sich in dieser Wohnung so wohl wie lange nicht. Ihre Lieben genauso. Es sind nicht nur die schönen Fliesen, die lichte Aufteilung des Wohnbereichs und derlei Banales: Noch ist diese Wohnung bloß ein unbeschriebener Raum. Ein freundlicher, duftiger Kokon. Und Sie leben nun darin.
All Ihre Dinge und auch Sie selbst haben inzwischen hinreichend Ihre Ordnung gefunden; Alltag bahnt sich an. (Ein freundlicher, duftiger Alltag, will man glauben.) Ruhe.
Die Kerze: Der buttergelbe Hof des Flämmchens simmert brav vor sich hin. Irgendwann wird er sich zunächst verkleinern, dann verlöschen. Sie lassen es achtlos brennen, ohne Sorge: Das Kerzchen wird sich von selbst löschen, und nichts kann Feuer fangen, nichts wird schwelen. Aufbrennen, Ausgehen, ganz folgenlos.
Halbgeschlossenen Auges schauen Sie in den Raum und spüren halbbewusst, dass Sie, indem Sie sich selbst so ganz vergessen, einmal so ganz bei sich ankommen. Sie sind ein rundgeschliffener, von sommerlicher Sonne erwärmter Stein – ach was, Sie sind Pudding! Süß wunschloser, ichloser Pudding. Nichts-Ich.
(Das, was Sie eigentlich sind und was Sie immer waren – das, was Sie also wirklich ausmacht, das liegt nach dem Umzug noch immer in diesen ein, zwei Kartons, die Sie bislang nicht ausgeräumt haben. Auf dem Dachboden. Immer sind es diese ein, zwei unausgeräumten Kartons im Oberstübchen, die beinhalten, was einen Menschen grundlegend ausmacht. Sie haben das bloß vollkommen vergessen, heute.)
Und so
S.C.H.L.A.F.E.N.
Sie schließ
lich
E.
I.
N.


Foto: Grebe

HÖHENUNTERSCHIEDE // Von der Ohnmacht der ersten Person (2)

Sie merken, das wird ein ausufernder Text, aber ich habe heute keine Lust, oberflächlich zu bleiben.

Meine Eltern haben nie gesagt: „Spiel nicht mit den Unternehmerkindern!“
Ich weiß nicht, wann und wodurch genau mir bewusst wurde, dass es soziale Trennlinien gibt, die entlang von Einkommensgrenzen verlaufen. Vielleicht waren’s die Schulhofprügel, die ich für meinen mangelnden Style kassierte. Vielleicht war es die Beobachtung, dass am Gymnasium niemand außer mir die Putzfrau grüßte – nicht einmal diejenigen Mitschüler, die mit mir und dem Sohn der Putzfrau in der Grundschule Klassenkameraden gewesen waren. Vielleicht war es auch der Gedanke irgendwann, dass die SPD bloß noch Politik für Betriebsräte mache.

Eine Zeitlang habe ich in einem Kleindiscounter gearbeitet – Kassieren, Ware abpacken, Bürokram. Ein Polo-Shirt-Job. Einem ständig hohem Krankenstand und einer versaubeutelten Personalführung sei Dank, arbeitete ich dort viel zu viel und über weite Strecken mit nur einer weiteren Mitarbeiterin. Kollegin A.: kein Schulabschluss, alleinerziehend mit zwei Kindern, lebenslang wohnhaft im Nachbarort, ohne PKW, Mundwinkelqualmerin. Wir schimpften den Laden kurz und klein, lachten viel, waren uns immer einig – ich arbeitete gern mit A.
Nachdem ich irgendwann gekündigt hatte, las A. nach Kassenabschluss oft aus den nach und nach eingehenden Bewerbungsschreiben vor. „Nä, was ist das denn? Gerade Abitur gemacht. Will hier arbeiten, bis er an die Uni kommt… Hör mal, ich hab keinen Bock auf so’n scheiß Gymmi-Spasti hier!“ Ich pruste gespielt empört: „Hallo! Ich hab auch Abitur, ja?“ – nichts, was A. nicht wüsste. A. tätschelt mütterlich mein Knie: „Halt die Fresse, du zählst nicht.“ „Türlich! Ich war sogar mal an der Uni, Hase!“ A. gackert und winkt ab: „Ja ja, ksssscht!“

„Du zählst nicht“ – an der Uni hatte ich das auch oft gedacht. Meine Geschwister waren entweder weniger hemdsärmelig als ich, oder sie waren einfach weniger dünnhäutig.

Spielplatz. Wir unterhalten uns mit einer fremden Mutter, wie man das auf Spielplätzen so macht, und sind einander ganz sympathisch. Ihr Mann sei Opernsänger, erzählt die Andere irgendwann, sie selbst arbeite am Institut für XY. Über unsere eigenen Berufe erzählen wir derweil nichts; stattdessen kommt unser Gespräch bald wie von selbst auf die AfD, weil die, zu jener Zeit relativ frisch gegründet, gerade zum Thema auf allen Kanälen geworden ist. „Es ist unfassbar“, empört sich die Andere, „dass sich solche ungebildeten Prolls auf einmal zu einer Partei zusammenrotten und ihren Blödsinn so öffentlich verbreiten können! Es ist widerlich! Ich meine, die stehen wirklich für alles, wogegen unsere [ihre Hand fuchtelt einen Kreis, der mich und meinen Mann einschließt] Eltern ’68 auf die Straße gingen!“
„Unsere Eltern“. Woher diese automatische Einordnung?
Was liegt ihr zugrunde? Die blinde Annahme, jenseits des Bildungsbürgertums existiere kein intelligentes Leben?

Meine Eltern stammen aus traditionell kleinbäuerlichen Familien. ’68 waren meine Eltern 20 Jahre alt, arbeiteten seit fünf Jahren (mein Vater als Elektriker, meine Mutter als Bürofräulein), hatten vor einem Jahr geheiratet und das erste Kind bekommen; außerdem bauten sie in Eigenleistung ihr eigenes Wohngeschoss aufs Elternhaus drauf, fernab der Großstadt. Meine Eltern verstanden sich als EINFACHE LEUTE.

Was für Bezeichnungen und Attribute würde man ihnen im heutigen Diskurs wohl zuweisen?

Zurück zum Spielplatz. Ein Kind klatscht hin und heult. Eine Mutter, deren Garderobe, Spielzeugsortiment und Wortwahl ziemlich schlicht anmuten, ruft ihm zu: „Heul nicht – steh auf!“ Der Klassiker.
Unter EINFACHEN LEUTEN selten kritisch hinterfragt, denn: Mit genau dieser Parole hält man sich selbst einigermaßen senkrecht, so im Alltag. Wozu sollte man sein Kind, dem später wohl kaum ein rosigerer Alltag blühen wird, erst an was anderes gewöhnen? Schöne Verarsche wäre das!
HEUL NICHT – STEH AUF leitet sich direkt ab von ICH KOMME ALLEIN KLAR, da besteht eine erstgradige Verwandtschaft. Zur selben Familie gehören auch WAS EINEN NICHT UMBRINGT HÄRTET AB, SELBST IST DER MANN (bzw. DIE FRAU), SO IST DAS und EIN INDIANER KENNT KEINEN SCHMERZ.

Wem genau nützt diese Familie von Leitsätzen? Wer profitiert eigentlich von der psychologischen Arbeit, die diese Sätze leisten?

Mein Vater hat sich sein Leben lang nie beklagt. Auch während seiner Krebsbehandlung hat sich mein Vater nie beklagt; er hat alles getragen WIE EIN MANN. Kein Jammerwort, niemals. ICH KOMME ALLEIN KLAR. HEUL NICHT – STEH AUF.
Ich weiß nicht, ob das gesund für ihn war. Das ist keine rhetorische Anmerkung – ich weiß das wirklich nicht.

Harte, folgsame, duldsame Männer brauchte man seit jeher, um sie in Kriegen verschleudern zu können. Ein überzüchtetes Männlichkeitsideal ist, so seh ich das, eine bange Anpassung ans soldatische Ideal, das bis ins Zivile hinein ausstrahlt. Unverändert.

Wenn mein Vater als Kind hinklatschte und heulte, bekam er eine Klatsche extra, „damit du wenigstens weißt, warum du heulst“ (noch so ein Klassiker).
Kurz nach dem Führerschein fuhr ich meine erste Delle ins Familienauto, stellte die lädierte Karre auf den Hof und heulte Rotz und Wasser. Ich schämte mich, bodenlos. Jedes Auto blieb mindestens ein Hundeleben lang in der Familie; mein Vater hegte und pflegte es mit Liebe und Sorgfalt. Ein Auto war ein Familienmitglied, verdammt. Abgesehen davon kostete ein neuer Kotflügel natürlich Geld. Mein Vater besah sich den Schlamassel. „Ist doch nur Blech, Mädchen!“, tröstete er. „Musst nicht heulen, Mensch.“ Aber ich kriegte mich noch nicht wieder ein, ich war scheißwütend auf mich. Mein Vater versetzte mir also einen ironischen Spaßklaps auf den Hintern: „So, damit du wenigstens weiß, warum du heulst!“ Er lachte, ich lachte; Ende der Geschichte.

Mein Vater kam aus tristen Verhältnissen und bekam seine Klatschen routinemäßig. Mir wurde zu Hause nie irgendwas um die Ohren gehauen; Dresche gab’s bei uns kategorisch nicht.
Heute bemerke ich oftmals an mir, dass ich mich im Umgang mit meinem Kind unbewusster Muster bediene. Handgriffe, die meine Eltern, Großeltern, Urgroßmutter so oft an mir taten, dass sie in meine eigene Motorik übergegangen sind. Reaktionsmuster, die aus erlebter Kindheit abgerufen werden. Natürlich ist man viel mehr als die bloße Blaupause seiner Eltern, und doch ist es viel schwerer als ich früher, ohne Kind gedacht hätte, sich bestimmter Muster bewusst zu werden und sich, nötigenfalls, ihrer zu entledigen.
Sich, wie mein Vater zum Beispiel, seinen Kindern gegenüber entschieden anders, besser zu verhalten, als man es von seinen eigenen Eltern kannte, ist eine echte Entwicklungsleistung.
Für solche Leistungen gibt es im gesellschaftlichen Schrank für Kompetenzen, Qualifikationen und Meriten keine Schublade. Sie zählen nicht. Es sind stille Leistungen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass Prügel in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens sind.
Vieles ist in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens, und viel zu selten wird daran erinnert.

Mein Vater war ein echter Marlboro-Mann. Er trug Jeans, Karohemd, Schnauzer. In der Hosentasche immer einen kleinen Blechkamm, im Mundwinkel immer eine Kippe. Seine Wangen wurden abends schon kratzig, Gesicht und Nacken im Sommer sofort siouxbraun; seine Handwerkerhände blieben ewig rau.
Heutzutage würde er, da bin ich sicher, unbesehen in die Kiste mit den reaktionären Machos sortiert werden, in die er nie gehörte.
Mein Vater brachte uns Töchtern bei, wie man Lampen anschließt, eine Bohrmaschine bedient, sich selbst zu helfen weiß. Wir mussten keine Prinzessinnen sein. Sein Sohn musste selbstverständlich kein Fußballspieler sein, auch wenn mein Vater Fußball liebte. Meiner Mutter gegenüber gab es keine herablassenden Worte, keine Grobheiten, keine zotigen Sprüche, niemals, und das kannte ich schon als Kind aus manch anderer Familie ganz, ganz anders.

Obwohl man uns als „bildungsfernen Haushalt“ klassifiziert hätte, gingen meine Eltern mit uns, wenn es irgendwie ging, in jedes Museum, das sich anbot. Der Fernseher wurde hauptsächlich angeschaltet, wenn die Nachrichten oder Doku-Filme liefen. Wir spielten Dame und Schach. Auf Ausflügen wurde jede Kirche, jede historische Anlage, jedes Hafenschiff, jedes Denkmal begutachtet. Wir gruben Fossilien aus alten Steinbrüchen und stiegen auf hohe Aussichtstürme. Gucken kostet nichts. Leute, die sichtlich nichts dagegen hatten, dass wir sie bei Bauarbeiten beobachteten oder beim akrobatischen Übungen im Park, beim Krebsfang, Holzschnitzen, Stelzenlauf oder was auch immer, wurden ausgiebig interviewt. Fragen kostet nichts.
Neugier kostet nichts.
Meine älteste Schwester machte als erstes Kind aus dem Ort Abitur, studierte Sonderpädagogik. Schwester 2 wurde Grafikdesignerin, mein Bruder Historiker. Ich bin die einzige, die im Studium nach zwei Semestern merkte, dass sie keine Akademikerin ist, aber auch Buchhändlerin ist kein bildungsferner Beruf.
Wir Geschwister haben nicht TROTZ unseres Elternhauses die Kurve gekriegt.

Wir hatten zwar keine wirklichen Rücklagen, aber wir kamen immer ALLEIN KLAR. Was wäre gewesen, wenn mein Vater damals nicht immer hätte arbeiten können, sondern in die Arbeitslosen- und später Sozialhilfe gekommen wäre?
Nachdem mein Vater starb, hatte meine Mutter immerhin noch das fast schon abbezahlte Haus, bekam ein bisschen Rente, ein bisschen Pflegegeld, Kindergeld; irgendwie ging’s. Ich weiß nicht, wie das ist, wenn die Eltern gegen Monatsende kein Essen mehr kaufen können und man zusammen zur Tafel geht. Ich weiß, dass das nicht schlimm ist, schämen sollte man sich für ganz andere Dinge und nicht dafür – aber wie es sich anfühlt, weiß ich eben nicht. Wie es sich auswirkt, das weiß ich nicht.

Meine Mutter wäre gern Damenschneiderin geworden, wurde aber Bürofräulein, später Hausfrau. Erst betreute sie uns vier Kinder, pflegte ihre Großmutter, im Anschluss dann ihre Mutter und zwischendrin meinen sterbenden Vater; alles zu Hause.
Eine andere Kollegin aus dem Discounter arbeitete in Vollzeit bei uns, außerdem abends und an den Wochenenden an einer Tankstelle, um genug für sich und ihre unfallinvalide Mutter zu verdienen. Sobald die üblichen Zeitverträge ausliefen, suchte sie sich einen neuen Discounter, eine neue Tankstelle.
Was für zeitliche Reserven, was für Energiereserven sollten solche Leute noch locker machen können, um sich weiterzubilden?
Oder gar, um sich gesellschaftlich, politisch zu engagieren?

Oder auch nur, um mal von sich selbst zu erzählen, sich diese Ohnmacht ein bisschen von der Seele zu reden? Widerhall zu erfahren?
Von sich selbst zu sprechen, in der ersten Person, das ist ein Schritt in Richtung Selbstermächtigung.

Was hätte meine Mutter während ihrer Jahre als pflegende Angehörige geschrieben, hätte sie da einen Facebook-Account gehabt?
Nichts natürlich. In den schlimmsten Phasen schaffte sie binnen der wenigen freien Minuten knapp zu essen, duschen, schlafen.
Rein, wirklich rein hypothetisch hätte sie geschrieben: „Brauche neue Tipps zu Dekubitus-Profylaxe – stop – Kann jemand einfache Gymnastikübungen gegen Rückenschmerzen empfehlen – stop“. Fünf Leute hätten geantwortet, wie gut ihre Angehörigen es in diesem oder jenem [unbezahlbaren] Heim hätten; acht hätten geschrieben, die Ausländer seien an allem schuld; zwei hätten von homöopathischen Mittelchen geschwärmt; vierzehn hätten Herzchen geschickt; zwei hätten gefragt: „Und wer denkt an die erschütternden Zustände in der Putenmast? Keiner, oder was?!“; einer hätte kommentiert: „wie dumm bis du denn“; einer hätte erwähnt, dass Gott all seine Kinder liebe; achtundzwanzig hätten meiner Mutter erklärt, dass man Prophylaxe nicht mit f schreibe, sondern mit ph, und dass, auch wenn es danach aussehe, es noch lange keine eingedeutschte Form von…

Obwohl meine Eltern fürchterlich stolz auf uns waren, brachten uns das Abitur in der Stadt, das Studium in der Großstadt auch auseinander, nicht nur räumlich. Das war ein stiller Vorgang.
Ich glaube, ich habe erst in den letzten Jahren, in denen meine Mutter und ich plötzlich zum ersten Mal so richtig Zeit hatten, als Erwachsene miteinander zu sprechen, verstanden, was meine Mutter tatsächlich alles zu erzählen hat. Genauso hat meine Mutter erst jetzt verstanden, dass sie erzählen kann und darf. Wenn ich jetzt an die Jahre zuvor denke, kommt es mir rückblickend fast so vor, als hätten wir einander da gar nicht gekannt.

Pflegen und Kümmern zählen übrigens auch zu diesen stillen Leistungen, für die sich niemand interessiert.

Unsere Straße wird gerade saniert. Da es sich um eine Anliegerstraße handelt, werden die Baukosten auf die Privathaushalte umgelegt. Ein 150 Jahre altes Hofgrundstück wird von der Eigentümerin, einer 80jährigen Bauernwitwe nun verkauft. Der Hof ist unmodern, teils sind die Böden nur gestampft, die Dachstöcke nicht alle isoliert, die Gebäudeteile nicht alle elektrifiziert. Ställe, Scheunen, Jauchegruben. Wer das kaufen wird, wird wohl alles abreißen. Die Baukosten-Umlage berechnet sich anhand der Grundstücksfläche; anhängige Agrarflächen werden zu 85% mitberechnet. 80.000€. Die Witwe klagt nicht selbst; Anwohner-Sammelklagen sind nicht zulässig. Sie beklagt sich auch nicht – in einer kleinen Wohnung habe man es vielleicht auch leichter, nicht? ICH KOMME ALLEIN KLAR.
Ich liebe unsere alte Straße. Als ich zurück aufs Dorf kam, wollte ich unbedingt hierher. Jedes Mal, wenn ich nun an diesem Hof vorbeikomme, den ich schon als Kind schön fand, wird mir schlecht.
Mein Elternhaus ist in der Nebenstraße. Wenn ich daran denke, die Nebenstraße wäre damals saniert worden und meine Mutter hätte 80.000DM bezahlen sollen, natürlich nicht bezahlen können, das Haus verkaufen müssen, nicht verkaufen können (auch so ein altes, verbautes Bauernhaus), wird mir schlecht. 80.000DM – solche Summen gab’s doch nur im Fernsehen! Was hätte sie gemacht? Mit meiner bettlägerigen Oma und zwei Kindern im Haus?
Wenn ich mir bloß ausmale, die Nebenstraße würde nächstes Jahr saniert werden und meine Mutter müsste 40.000€ bezahlen, wird mir so übel, ich weiß gar nicht, wohin mit mir.
Man kann so schnell, so schnell aus allen Sicherheiten fallen.

Menschen wie meine Eltern, und solche Menschen, die prekärer leben, als meine Eltern das taten, spielen im gesellschaftlichen Diskurs zumeist keine gestaltende Rolle. Zumeist schaffen sie und ihre Belange es gar nicht erst in die öffentliche Wahrnehmung. Sie kamen sowieso immer irgendwie ALLEIN KLAR, und den Rest machte die SPD. Das war innerhalb der letzten Jahrzehnte wohl nie viel anders.
Anders ist nun allerdings, dass einst so geläufige, in sich einheitliche Identitätsbilder – Unterschicht, Arbeiterschicht, Bildungsschicht – nicht mehr recht zur Einordnung und Feststellung von Identität taugen. Und mit den geläufigen Identitätsbildern zerfallen auch die geläufigen Kongruenzen zwischen einem bestimmten Identitätsbild und der dafür zuständigen Volkspartei.
Über unserem Haus wehte, unsichtbar, immer eine rote Fahne. Ich wusste immer, welche Art von Politik für Leute wie meine Eltern untragbar, unwählbar war; heute dagegen weiß ich gar nicht zu sagen, was Leute wie meine Eltern überhaupt noch wählen könnten, wählen sollten.

Wiederum sehr genau weiß ich, was mein Vater zu Pegida, AfD etc. gesagt hätte, und die Rechtspopulisten sollten sich hüten, so großspurig zu verkünden, sie sprächen im Namen aller EINFACHEN LEUTE.

Die Rechtspopulisten – und zählen Sie bitte die BILD-Zeitung hinzu – nehmen für sich in Anspruch, Stimme des Volkes zu sein, wen auch immer sie damit meinen. Sicher ist aber: Den EINFACHEN LEUTEN verhelfen sie nicht zu einer Selbstermächtigung.
Rechtspopulisten wollen keine selbstermächtigten, sondern soldatische Menschen. Schritte zu echter Selbstermächtigung ermöglichen sie niemandem; sie nehmen die Identitätsfragen, sozialen Fragen, Alltagsfragen der EINFACHEN LEUTE nicht als solche ernst, sie suchen nicht nach wertigen Antworten.
Sie bieten billige Identitätslösungen. Die faule Masche, aus dem Geburtsort ein pseudoeinheitliches Wir abzuleiten. Eine Fantasie-Gemeinschaft.
Sie bieten billige Steigbügel, um aus der Schwächeposition gefühlt in eine Position der Stärke zu wechseln. Den faulen Mechanismus, noch Schwächere in den Keller zu trampeln, um sich selbst eine Etage höhergestellt zu fühlen. Fantasie-Problemlösungen.
Dieser Inklusionsquatsch an Schulen zum Beispiel? Teure, schulvergiftende Gutmenschen-Romantik! Der Rechtspopulismus identifiziert stets die Schwächsten, schreibt ihnen die Rolle der Problemträger zu und agitiert auf den gesellschaftlichen Ausschluss solcher Problemträger hin. Das ist billig. Der politische Wille, der politische Einsatz, die nötig sind, um aus einem System voller bröckelnder Schulen, dem es überall an Geld, Personal und Technik mangelt, ein grundsätzlich besseres zu machen, nämlich ein gut funktionierendes System für alle Kinder – dieser Wille und Einsatz wären teuer.
Der Rechtspopulismus drückt sich strukturell davor, echte Probleme anzugehen, echte Lösungen zu finden, echte Stärke zu schaffen. Das ist schlicht feige. Der Rechtspopulismus ist – um seine eigenen Sprachbilder anzuwenden – ein feiger Polit-Schmarotzer, der sich von gesellschaftlichen Problemen ernährt.

Warum sagen die EINFACHEN LEUTE selbst unter einer Präsenz der AfD in Bundestag, allen Landesparlamenten und auf Lokalebene, in Tagespresse, Fernsehen und Radio gebetsmühlenartig „Uns hört ja keiner zu“ ? Die Einen genießen es, vorsätzlich die Opferrolle zu spielen. Den Anderen hört wirklich keiner zu, denn auch wenn die AfD ja viel spricht, spricht sie im Dienste einer Ideologie und nicht der Menschen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass eine Vorliebe für rechtspopulistische Positionen in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens ist.
Die Afd bezieht ihr Personal und ihre Wählerschaft auch, und zwar nicht zu knapp, aus akademischen und Unternehmerkreisen.
Dieser in allen Medienformaten so beliebte Schluss Afd = EINFACHE LEUTE ist nicht bloß zu einseitig. Viel fataler ist, dass er – als falscher Signalverstärker – den EINFACHEN LEUTEN geradezu suggeriert, die AfD sei genau ihre Partei.

Édouard Louis wettert in Wer hat meinen Vater umgebracht ebenfalls reichlich agitatorisch daher, steht allerdings links der Mitte. Weit links. Er staubt die rote Fahne ab, holt sie raus zum Marschieren, wendet das Vokabular des Klassenkampfs an: die „Herrschenden“ , die „Unterdrückung“ . Louis will den Rechtspopulisten die Deutungshoheit über das Prekariat entziehen. Er will aber nicht einfach, dass das Prekariat soldatisch marschiert, links der Mitte bitteschön, sondern er will, dass es für sich, in der ersten Person, spricht, redet, schreit. Und er will die Verantwortung für die Lösung gesellschaftlicher Probleme an die Eliten, die Politik zurückpassen, will ihnen diese Verantwortung um die Ohren hauen, denn es sind die Schwächsten, die den Mangel an Problemlösungen seit Jahren ausbaden, sozial, finanziell, psychisch und physisch; er will ihnen die Schuld zurückgeben, die seit Jahren auf die Schwächsten geschoben wird.

Ob er hier nicht für persönliche Zwecke seinen Vater instrumentalisiere, wird hier und da kritisch gefragt. Ob diese Zurschaustellung des Vaters ebendieser Selbstermächtigung, die Louis sich für seinen Vater wünsche, nicht vollkommen widerspreche, nicht vielmehr eine gewaltsame Aneignung darstelle – das ist ein Aspekt, der Louis selbst beschäftigt, wie er in diversen Interviews äußert. Aber welche Plattformen würden seinem Vater schon offenstehen? Facebook vielleicht?

Den Schlusssatz seines aktuellen Buchs spricht Louis‘ Vater. Der fragt den Sohn, ob er, wie als Jugendlicher, immer noch so viel auf Demos gehe, politisch interessiert und aktiv sei, worauf Louis antwortet, das sei er „jetzt mehr denn je“ . Der Vater erwidert: „Recht so. Recht so, ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution.

Wer sollte eine solche Revolution gestalten? Die Rechten, die Linken? Sollen die Gelbwesten ruhig hier ein bisschen Revolution fürs Prekariat machen, die Jugendlichen da ein bisschen Revolution fürs Klima, die Gewerkschaften immer mal ein bisschen Revolution für den öffentlichen Dienst?

Wer profitiert vom Mangel an Geschlossenheit zwischen gesellschaftlichen Lagern und Splittergruppen, von Reibungsverlusten an gesellschaftlicher Energie? Wen füttert all unsere im Stillen gehaltene oder fehlgeleitete Wut?

Eine Revolution für alle müsste damit beginnen, dass wir erkennen, welche gemeinsamen Probleme abseits aller Filterblasen tatsächlich bestehen:
Es mag dem akademisch ausgebildeten Freiberufler, der an selbstausbeuterische Arbeit und unsichere Auftragslagen gewöhnt ist, vielleicht nicht in den Sinn kommen, aber er teilt seine Probleme seltener mit seiner Auftraggeberschaft, deren Milieu er sich zurechnet, als viel häufiger mit einer Zeitarbeiterin mit Hauptschulabschluss, die im Arbeitsalltag genauso wenig Planungs- und Verdienstsicherheit kennt wie er.
Das Unternehmertum beklagt oftmals eine Neidkultur, die uneinsichtig ignoriere, welches Risiko das Unternehmertum, zumal in Zeiten von Turbokapitalismus und Globalisierung, zu tragen habe. Wer sagt, die EINFACHEN LEUTE trügen keine Risiken? Worin sollte sich die Angst davor, ein Unternehmen zu verlieren und danach mit Nichts in den Händen dazustehen, grundsätzlich unterscheiden von der Angst davor, einen existenzsichernden Arbeitsplatz in einem Unternehmen zu verlieren und danach mit nichts in den Händen dazustehen?
Sollte die pegidanahe Kleinjobberin, die einen Teilzeit- und mehrere Nebenjobs jongliert, um über die Runden zu kommen, und die sich deswegen nah am Burnout bewegt, sich zugleich aber keine Auszeiten erlauben kann, nicht einsehen, dass der türkischstämmige Teilzeitarbeiter, der zusätzlich mehrere Nebenjobs unterhält, um über die Runden zu kommen, und der sich deswegen nah am Burnout usw., nicht der Volksfeind ist, sondern ein Teil ihrer eigenen Peergroup?
Wenn die Alleinerziehende es nicht wegen kaum bezahlbaren Wohnraums, unflexibler Arbeitsmodelle bei gleichzeitiger Minderbezahlung von Frauen, zurechtgeschusterter Betreuungsmodelle und zig anderer Dinge im Alltag so schwer hätte, sondern von wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher Seite her mehr Unterstützung erfahren würde, hätte sie womöglich auch leichter Reserven übrig, um sich um Klimafragen zu kümmern.
Gehen Sie in ein Krankenhaus. Fragen Sie AssistenzärztInnen, PflegerInnen und dazu PatientInnen quer durch alle Einkommenslagen, Bildungsschichten, Parteisympathien, Religionszugehörigkeiten, Altersstufen und, was weiß ich, Schuhgrößen, ob sie die Verhältnisse im deutschen Klinikwesen prima finden!

Auch wenn Gemeinsamkeiten mitunter nur partiell bestehen – sind sie deswegen nicht trotzdem valide? Taugen solche Gemeinsamkeiten nicht vielleicht am ehesten zur validen Grundlage für eine Revolution, von der wir alle profitieren würden – und eben nicht bloß die Populisten hier und das Großkapital da, denen wir alle, egal aus welchem mehr oder minder bodennahen Biotop wir stammen, nun wirklich scheißegal sind?


>>Édouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht (S.Fischer)


WINTER // Allgemeine Verkriechung

Morgennebel ist ein stummes Meer. Der kalte Boden selbst scheint ihn auszuatmen und im Gegenzug alles Lebendige in sich einzusaugen, ins zappendustere Unterbodenreich hinab. Die Erde holt alle Fühler ein und verschließt sich wie eine Muschel.

Böige minus drei Grad waren’s nachts. Um Sonnenaufgang herum bin ich eine gute Stunde lang unterwegs. Kein Mensch, kein Tier, kein Wind, keine Maschine um mich her; die Luft ist so leer von Geräusch, dass sie ganz erfüllt ist vom Phantomknispeln zerfallenden Raureifs unter dem Nebel, der nach und nach, dick übern Boden wattelnd, in Richtung Horizont davonrollt.

Herumspazierend verkrieche ich mich in den eigenen Untergrund. Als ich Zuhaus ankomme und die Füße aus den Stiefeln polke, ist weder in Fingern noch Zehen irgendein Gespür mehr drin. Die Oberschenkel sind bloß noch fühllose Glätte. Nasenrücken und Stirn, Schultern und Halsmuskeln: kalter Feldstein. Hirn: spiegelblank gefroren.
Gut in Zwerchfell gewickelt, puckert indessen die Glut.

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>>Fotos: Grebe

WINTER // Wehnachten

Weihnachten – du rotbackiger Nostalgie-Tsunami! Du ach so fröhliche, herzliche, merry Christmas, du dreitägige Bezirksmeisterschaft in Besinnlichkeitssport, du Geschenkekanone und Glitzergranate, du Wirtschaftsfaktor du!
O Weihnachten! Würdest du dich doch bitte mehr als melancholisches, zugleich aber tröstliches Fest inmitten der dunkelsten Zeit des Jahres verstehen anstatt bloß noch als fröhlichfröhlichfröhliche Kitschparty, ach!
Weihnachten. Kinder, die es gut haben, die lieben dich, ja, und auch die gläubigen Christen tun’s – und für die übrigen bist du bestenfalls egal, zumeist jedoch zwiespältig bis problematisch; mir zumindest haust du alljährlich auf die Tränendrüsen mit deiner Kinderlachen-und-Beisammensein-Keule.

Heute die letzten Weihnachtserledigungen getätigt. Erleichtert. Im Drogeriemarkt außerdem die Gelegenheit genutzt, mich an Parfum-Testern zu bedienen: linkes Handgelenk 4711 Kölnisch Wasser, rechtes Handgelenk Tabac Original. Bekümmerte Knitterstirn gemacht, weil ich das Aftershave, das mein Vater immer benutzte, nicht ausfindig machen konnte. Mit brenzligem Geschmack im Mund an die „Schönen Advent“-Whatsapps gedacht, die ich auch diesen Sonntag nicht an diejenigen schicken werde, die sie bekommen sollten, denn weil ich mich bereits so schäbig lange zu melden versäumt habe, traue ich mich nun gar nicht mehr, mich überhaupt zu melden. (Es tut mir ehrlich leid, Ihr Lieben.) Daheim die Taschen im Flur gestapelt, dann ein Graubrot mit Knappwurst (die ich hauptsächlich in dieser weinerlichen Zeit kaufe, so verlangt es das Vermissen) beschmiert und beim Kauen die Nase abwechselnd am Wurstbrot, am linken und am rechten Handgelenk gehabt: Abendbrot mit den Großeltern. Um ein festliches abendliches Beisammensein anno, sagen wir, 1990 zu simulieren, fehlten noch einer der duftseifenaromatisierten Seidenschals meiner Urgroßmutter, ein Frottee-Kinderpyjama, in der Luft ein Hauch Müller-Thurgau halbtrocken und blauer Qualm Marke Krone oder Ernte 23. Noch was? Die Große-Mädchen-Düfte meiner Schwestern. Simon & Garfunkel vom krisselig tönenden Plattenspieler. Hundehecheln. Geklapper mit Schüsseln und Tellern. Der Odem von Bienenwachskerzen. Lachen: Loriot lag den Älteren nicht so, aber Heinz Erhardt liebten wir alltohoop.

Feste

Der Karpfen kocht, der Truthahn brät,
man sitzt im engsten Kreise
und singt vereint den ersten Vers
manch wohlvertrauter Weise.

Zum Beispiel “O du fröhliche”,
vom “Baum mit grünen Blättern” –
und aus so manchem Augenpaar
sieht man die Tränen klettern.

Die Traurigkeit am Weihnachtsbaum
ist völlig unverständlich:
Man sollte lachen, fröhlich sein,
denn ER erschien doch endlich!

Zu Ostern – da wird jubiliert,
manch buntes Ei erworben!
Da lacht man gern – dabei ist er
erst vorgestern gestorben.

(Heinz Erhardt)


>>Foto: Grebe, 2018

FABULIERIOSITÄTEN // Die Wervandlung

Als Blatta Schab eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Gemäuerspalt zu einem nackten und etwa anderthalb Zentimeter großen Menschlein verwandelt. Er lag auf seinem panzerlosen Rücken und sah, wenn er den Kopf etwas drehte, seinen gewölbten, weichlichen, von flaumigen Härchen überzogenen Bauch. Seine viel zu wenigen und äußerst schwergewichtigen Beine lagen ihm plump vor den Augen.
„Was ist mit mir geschehen?“, dachte er. Es war kein Traum. Sein Keller, ein ganz gewöhnlicher Ungezieferkeller, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Im Vorratsregal gegenüber stand das Paket Zucker, in welches er sich gestern erst hineingefressen hatte.
Blattas Blick richtete sich dann, die Kellerstiege empor, zum leuchtenden Umriss der Kellertüre, und jenes grell eindringende Tageslicht machte ihn ganz melancholisch. „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe“, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, in seinem gegenwärtigen Zustand gelang es ihm nicht, sich bequem in seinem Schlafspalt einzurichten, denn in der Waagerechten drückte die harte Körnung des Mörtels in seinen nun so seltsam empfindlichen Rücken. Um sich in eine angenehmere Lage zu bringen (er erinnerte sich, wie gern er kopfüber schlief), wollte er in den senkrechten Teil des Spaltverlaufs hineinkrabbeln, allerdings erwiesen sich seine Gliedmaßen als dafür nutzlos. Er versuchte, seinen Körper in einer Schmalstelle zu verkeilen, sodass er darin gemütlich feststecken würde, ließ davon jedoch ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten Schmerz zu fühlen begann.
„Ach Gott“, dachte er, „was für ein anstrengendes Leben habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein kriechen und fressen. Die Aufregungen der Nahrungssuche sind ja viel größer, als mir das eigentliche Fressen dann an Zufriedenheit schenkt, und außerdem ist mir noch diese Plage auferlegt, alle Nahrung mit meiner nahen und fernen Verwandtschaft teilen zu müssen. Die Sorge um Fraßgifte, die großen Schuhe, welchen es gelegentlich gelingt, unachtsame Verwandte zu zertreten, dazu dieses nie herzlich werdende Gruppenleben – der Teufel soll das alles holen!“
Er fühlte ein leichtes Jucken auf dem Bauch. Es kam von einer Stelle über der kleinen, rundlichen Vertiefung im weichen Bauchgewebe, welche er nicht zu beurteilen verstand. Er wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es aber wieder zurück, denn er kam mit diesem ungelenken Bein nicht einmal annähernd dort heran. Die oberen Beinchen waren indes etwas beweglicher und durchaus für Kratzbewegungen zu gebrauchen.
„Dies frühzeitige Hellwerden“, dachte er, „macht einen ganz blödsinnig. Die Schabe muss ihre Dunkelheit haben. Wenn ich da an die Asseln denke, die leben angenehm, die kommen gar nicht heraus aus ihren dunklen, hauchengen Ritzen, höchstens einmal im Jahr, und leben anscheinend bloß von Staub und Feuchtigkeit. Wie herrlich! Aber unsereins? Immer rennen muss man, immer mitrennen, immer fressen und mitfressen – warum? Weil die Verwandtschaft einen sonst kurzerhand mit auffrisst. Was sich nicht regt, wird vertilgt.“
Er witterte nun um sich, doch von der sonst so eifrig wispernden Verwandtschaft war im näheren Umfeld gar nichts zu spüren. Hatten etwa seine Sinne nachgelassen? „Himmlischer Vater!“, dachte er. „Die ganze Sippschaft hat sich ja schon verteilt und hat bestimmt schon Fressen gefunden. Bloß nicht faul werden – da muss ich schleunigst hinterher! Wo sie wohl alle hin sind?“
Blatta machte Anstalten, den Spalt hinab zu krabbeln, doch versagten ihm seine unnützen Gliedmaßen erneut den Dienst. Wirklich, mit diesen kraft- und schutzlosen Auswüchsen war einfach nichts anzustellen.
Wie nun, wenn er hier einfach liegen bliebe? Das wäre aber äußerst peinlich und verdächtig, denn Blatta war während seines fünfmonatigen Lebens noch nicht einmal einfach liegen geblieben. Gewiß würde die Verwandtschaft, die in der Beengheit des Kellers ohnehin ständig übereinander rannte, bald das faule Familienmitglied in der Gemäuerspalte entdecken, es begutachten kommen und überdies einen merkwürdig veränderten Geruch an ihm wahrnehmen, der fremd und doch nicht unvertraut war, ledrig, speckig, auch obstig. Der Geruch von Nahrhaftem.
„Herrje. Besser, ich bewege mich schnell vom Fleck weg, bevor meiner Sippschaft dieser verlockende Geruch in den Mund und zu Kopfe steigt!“, durchfuhr es Blatta. Sein Abstieg geriet leider zu einem Fallen, doch zeigte sich, dass die niedrige Fallhöhe von den ihm so unnütz erschienenen Beinchen recht behände gemeistert werden konnte. Nach und nach würde er sich womöglich gut an sie gewöhnen. Tatsächlich fühlte sich ihre Wärme gar nicht unangenehm an, auch überkam Blatta angesichts ihrer bleichen Weichlichkeit ein überraschendes, zärtliches Wohlgefallen.
Nicht nur diese Körpereigenschaften beschäftigten Blatta. Verwundert ging ihm auf, dass das Tageslicht, welches er natürlicherweise gescheut hatte, ihn nun geradezu anzog. Mehr noch: Als sich die Kellertüre öffnete und eine Flut unbarmherzig gleißenden Lichts hereinbrach, schmerzte ihn dies nicht mehr, nein, es tat ihm vielmehr wohl.
Sollte es etwa so sein, dass Blatta hiermit einen Vorteil gegenüber seiner lichtscheuen Verwandtschaft entwickelt hatte? Könnte er sich gar —

In einem schnell herniederfahrenden, schuhsohlenförmigen Schwarz erstarb jedoch unversehens jegliche Plotentwicklung. Was denn auch der Grund ist, weswegen andere Erzählungen in der Weltliteratur einen deutlich populäreren Rang einnehmen als diejenige um Blatta Schab.