VERGANGENWELT > Should auld acquaintance be forgot?

Dieses Jahr (schon wieder dieser Texteinstieg) ist es 20 Jahre her, dass mein kleiner, provinzgymnasialer Englisch-LK, angeführt von meinem nun seit 19 Jahren pensionierten Tutor, eine Kursfahrt nach London unternahm. Dieses Mal nicht, wie bei Schulausflügen üblich, mit dem Tourbus des örtlichen Musikzugs und unserem Schulhausmeister (im Privatleben Musikzugsmitglied) als Fahrer, sondern mit modernem Reisebus. Mein Tutor hatte uns im selben Hotel eingebucht, wo er zuvor schon jeden anderen Englisch-LK untergebracht hatte, schaffte uns schlafwandlerisch dorthin und absolvierte in den folgenden Tagen, mit derselben Routine, das unveränderte, weil bewährte Programm aller zuvor schon absolvierten Kursfahrten. British Museum, Stadtführung, Hyde Park, Theaterbesuch, dazwischen festgelegte Zeiten für selbst organisierte Gruppenaktivitäten der SchülerInnen (Freizeit).
London gefiel mir wirklich: Liebe auf den ersten Blick. Es war das Licht, es war dieser Himmel. Ich wollte nie wieder weg. Es war die Art, wie die Kassiererinnen einen grüßten – wenn ich ihnen das Kleingeld passend gab, sagten sie „Lovely!“ („Luwwleh!“). Und wie die Leute, die man in der unruhigen Tube versehentlich anrempelte, von sich aus „Pardon me“ sagten, um den ganzen Vorgang völlig gleichgültig zu beenden. Es war der Singsang all dieser Stimmen. Die Geschäftigkeit, die so viel größer als in Hamburg oder Berlin war und mir doch so viel weniger kochend als hierzulande vorkam – nicht freundlicher natürlich, denn Großstadt ist per se nie freundlich, aber nüchterner, gedämpfter, beherrschter. Es waren die Ziegel der Häuser, die rußfarbenen Schattierungen im Gefieder der Tauben, das ölig-ruhige Fließen der Themse. Die bellenden und predigenden Schreihälse der Speaker’s Corner im Hyde Park. Das Miteinander von Schrulligkeit und Strenge, so eine durchaus hanseatische Städte-Eigenart. Es war – und das war schon immer das einzige, also entscheidende Kriterium für mich, um Leute einzuschätzen – dieses spezifische Spektrum von Lachen, was sich hier abzeichnete und von mir für angenehm befunden wurde. Ich beguckte mir London so verknallt, wie zuvor und danach eigentlich keine andere Stadt, höchstens Delft.
Am Abreisetag gab es noch etwas Freizeit; das große Gepäck war schon im Reisebus verstaut, an dem wir uns gegen Nachmittag zum verabredeten Zeitpunkt einfinden sollten. Drei Stunden vor Abfahrt wurde mir in der Tube, aus dem Rucksack heraus, mein Portmonee samt Personalausweis und Führerschein geklaut. Auch mein U-Bahn-Ticket war damit futsch, also musste ich zunächst über die Drehkreuze in der Oxford Circus Station klettern – meine Freundin, die mit mir unterwegs war, musste Schmiere stehen – und mich danach zur nächsten Wache des MPS durchfragen, das war die West End Central Police Station. Dort herrschte Vollbetrieb: Bunte Figuren wurden in verschiedene Räume begleitet, kreischende Damen, deren asiatische Reisegruppe von einem Taschendieb kollektiv beklaut worden war, belagerten die Anmeldung, unzählige Officers in diesen geschniegelten Uniformen bzw. Kostümchen, auf den Köpfen diese schwarzen Caps mit karierter Borte, düsten hin und her. Wir verbrachten ein bisschen Zeit in einem Befragungsraum – hier musste meine Freundin als Zeugin für meine Identität herhalten -, während ein ausgesucht höflicher, freundlicher, gut gelaunter Officer Formulare mit mir durchging und herumtelefonierte, um Ausweisersatzpapiere für mich fertigzustellen. Er bemühte sich, meinen Mädchennamen auszusprechen, entschuldigte sich, als es ihm auch im dritten Anlauf nicht recht gelang, mich korrekt und verständlich (mit diesem Zungenbrecher) anzureden, es sei ihm peinlich, nun: ob ich es ihm verzeihe, wenn er die Anrede auf Miss verkürze? Er erklärte mir dann, falls ich unerwartet, aber immerhin möglicherweise länger bleiben müsse, bekäme ich miesen Kaffee, aber gute Kekse und die schönste Arrestzelle Londons. Ich antwortete, mir gefiele die Vorstellung in London zu bleiben durchaus, und ich bedankte mich für seine Bemühungen. Der Officer rückte seine Brille zurecht, faltete seine Hände überm Gemütlichkeitsbäuchlein, sagte: selbstverständlich, und: sehr freundlich, Miss. Abschließend bekam ich einen förmlichen Schrieb mit vielen hübschen Stempeln. „If you get through with this, you owe me a drink. Eh, just kiddin‘! BTP [British Transport Police] guys will prefer to let you pass through, otherwise they’d have to look after you. Well, it’s been a pleasure to help you, Miss.“ Mein schöner Schrieb blieb aber unbegutachtet, bei unserer Abreise machte sich niemand am Fährterminal die Mühe einer Kontrolle.
Ich räume zur Zeit viel auf, und ich höre dabei viel Radio. Briten, Brexit, Barnier – irgendwann wird’s nach langen Jahren auch einmal wieder Radioprogramm ohne diesen Dreiklang geben. Seltsam, nicht? Beim Aufräumen also und unter leichtem Brexit-Weh ist mir dieses Papier wieder in die Finger gekommen. Mit meinem Mädchennamen drauf, du liebe Zeit, wie seltsam das heute zu lesen ist. Und mit Kursfahrt-Erinnerungen dran. Da war so ein Freizeit-Tag gewesen, an dem meine Freundin und ich mit der Tube einfach mal Richtungen abklapperten – mal hier aussteigen, mal da, verschiedene Stadtteile in den Zentral- und Randlagen erschnüffeln, stichprobenartig natürlich, viel zu groß diese Stadt, natürlich. Wunderbar. So viel Glanz und Schrott, so viele Menschen, so viel Ruhe und Krach, Rost, Farbe, Nippes, Kunst, Gerüche, Essen, Dreck, Enge, Futurismus, Nostalgie, Menschen, Industrie, Verkehr, Menschen, Technik, Edelholz, Backstein, Beton, Menschen, Filigranes, Grobes, Menschen, Bilderbuch-Kolorit, Spielfilm-Chic, Postkarten-Prunk, Menschen, ach! In meinem Kopf sieht London unverändert so aus, ist es noch immer dieses London, Oktober 2000, nichts zu machen. Ich war nur einmal dort. Heute ist dieses London in einigen Teilen verschwunden, im Gesamtbild verändert, denn 20 Jahre Immobilienboom, Stilwandel, Branchenumbrüche usw. gehen an keiner Stadt der Welt vorbei, ohne sie umzupflügen. Damals hätte ich mehr fotografieren müssen, es ist wirklich schade drum, und ich hätte ja wirklich mehr fotografieren wollen, nur, wissen Sie, leider war mein Farbfilm alle. There, there.


>Fotos: Grebe, 2000

VERGANGENWELT > Reisen, gestern und vorgestern

Dieses Jahr (und wenn Beiträge hiermit beginnen, folgt zunächst einmal Ermüdendes, Sie kennen das, ich auch, es tut mir leid) wurde in der weitgefächerten Berichterstattung über allerlei Pandemie-Begleiterscheinungen eine Personengruppe freilich nicht übergangen: mitteleuropäische Menschen, die unter Reise-Entzug litten. Keine Billigflieger und All-Inclusive-Angebote mehr, keine Übersee- und Städte-Trips, kein – na, usw.
Wie vielstimmig man insbesondere zur Sommerzeit über gestrichene Reisen jammerte, war für mich nur einer von vielen Augenöffnern, die mir 2020 beschert hat. Welche Vehemenz, mitunter auch Arroganz da den Ton bestimmte – man konnte glatt glauben, ein Leben ohne ein bis drei Urlaubsreisen pro Jahr sei kein menschenwürdiges.
Ich wäre zuvor nicht darauf gekommen, in welchem Ausmaß es offenbar ganz normal ist, regelmäßige Urlaubsflüge, Hotelaufenthalte, Wellness- oder Shopping-Wochenenden, Erlebnisreisen, na, usw., zu unternehmen; d.h. ich wäre zuvor nicht darauf gekommen, wie primitiv mein eigenes Urlaubsverhalten wohl zu nennen ist. Wenn man in Jahren, wo es zeitlich und finanziell mal möglich ist, die Familie für ein paar schöne Tage ins Mittelgebirge oder an die Nordsee karrt, z.B. um sich von einer OP zu erholen – auf welcher Stufe steht so etwas eigentlich in der Hierarchie unser aller Urlaube?

Was heutzutage so alles Urlaub ist, war bis ins vergangene Jahrhundert hinein freilich undenkbar. Es gab die Sommerfrische der Adligen. Kuraufenthalte. Die charakterförderliche Grand Tour für junge Herren von Welt. Die gutbürgerliche Bildungsreise. Massentourismus war kein Begriff; was ehedem Massen von Menschen dazu brachte, die weite Welt zu sehen, waren eher der Beruf oder die Not: kaufmännische Unternehmungen, Seefahrt, Wanderarbeit, Heer, Marine, Auswanderung.
Die Demokratisierung des Erholungs- oder Erlebnis-Urlaubs ist ja gar nicht so alt – und doch lässt sich bereits sagen, dass dieses Modell nicht eben in Würde altert: Auf die mitunter überdüngten Blüten, die unser Urlaub-für-alle getrieben hat, schaut man zunehmend kritisch. Nicht nur, dass der Ausstoß unserer Reise-Vehikel die Erderwärmung kräftig mitbefeuert. Es ist auch nicht falsch, sich angesichts offenbarer Übersättigungseffekte so einige Gedanken zu machen: Haben viele Gastgeber-Orte, obgleich sie davon leben, die Touristenschwemme samt deren lokalen Nebenwirkungen auf Natur, Immobilienmarkt etc. inzwischen nicht satt? Und gewinnt man nicht auch häufig den Eindruck, die Urlaubsgäste selbst hätten ihre überlaufenen Ferienorte bzw. den Wettbewerb ums avantgardistischste Urlaubsziel abseits uncool-überlaufener Ferienorte inzwischen ebenso satt?

Aus lauter Herbst-und-Wintermüdigkeit habe ich mich zwischendurch auf einen Reisebericht gestürzt, der nach Nordafrika führt. Lesend reisen, das funktioniert ja nach wie vor. Auf dem Papier stehen einem die unzugänglichsten oder unerschwinglichsten Reiseziele offen, noch dazu vermag man sich nicht bloß räumlich, sondern auch zeitlich in beliebige Richtungen zu bewegen.
Ich, Buchtouristin, wollte Ferne – im Sinne von Süden, und im Sinne von Abstand. Mal an was anderes denken. „Der Charme von Marokko“ lautet der ortsverliebte Titel der Reise-Eindrücke (der Verlag Kupido wählte hierfür den etwas deutlicher literarisch angehauchten Ausdruck „Travelogue“) der 22jährigen Sofia Yablonska: Die alleinreisende Ukrainerin zog es 1929 ins französische Protektorat Marokko, um dort für längere Zeit zu bleiben, ausgerüstet mit eigener Kamera, Schreibzeug und haufenweise Lebenslust. Nachdem sie im Paris der 20er eine Weile lang als Model selbst vor Kameras gestanden hatte, startete sie von Marseille aus ihre Überfahrt nach Nordafrika und erreichte schließlich Marrakesch, wo sie besondere Erlebnisse in episodischen Schilderungen niederschrieb und Menschen und Alltagsszenen fotografierte.
Diesen Fotografien gönnt der Verlag viel Platz, und sie schmücken das Buch ungemein, während die Textblöcke mit ihren dezent verzierten Kapitelüberschriften und ornamental gemusterte Trennblätter das ihrige zur hübschen Gesamtgestaltung beitragen. Dabei erscheint mir die elegante Optik fast zu gezügelt, denn inhaltlich und sprachlich sucht Yablonska stets das Euphorische, Überbordende, Romantische. Nein, um Sachlichkeit geht’s hier wenig. Das macht gleichermaßen den Reiz wie den Mangel dieser Texte aus. Einerseits sprüht aus ihnen die ansteckende Lebendigkeit ihrer Verfasserin, andererseits gerät der Schauplatz, dieses vergangene Marokko, das mir durch manche der Fotos näher kommt, insgesamt zu einer eher ins Märchenhafte entrückten Kulisse, deren historische Verlässlichkeit auf mich unklar wirkt. Zum Reise-Auftakt, in Marseille, beschreibt Yablonska bettelnde Kinder, nörgelnde Touristen und das eigene Reisefieber. Mit der Überfahrt kommt noch größerer Überschwang. Streunergänge durch die Altstadt, Marktszenen, Feuerschlucker, Schlangenfresser. Ein Kaid (ein maghrebinischer Würdenträger) lädt Yablonska zu Gesprächen in sein Haus ein, wodurch sie Einblicke ins privatere lokale Alltagsleben gewinnt. Anders als ihre männlichen Zeitgenossen darf sie sogar einen Harem betreten, der abgeschotteten Gruppe von Ehefrauen einen Besuch abstatten, um ein wenig zu plaudern. Mit Auto und Fahrer unternimmt sie eine Spritztour über die Protektoraktsgrenzen hinaus, wo die Araber und Berber ihre Gebiete verteidigen und das Auto schon bald durch einen Kugelhagel rast.
Menschen, Tiere, Sensationen. Nun mag sachliche Reportage das erklärte Nicht-Ziel Yablonskas gewesen sein und Abenteuerlichkeit eben der Kern ihrer 22jährigen Sehnsucht, warum auch nicht?
Und sonst so? Yablonska kritisiert offen die Arroganz ihrer französischen Kontakte gegenüber den Einheimischen, und sie lästert ausgiebig über die Herden von westlichen Bildungstouristen – sich selbst erhebt sie allzu großzügig über dieses Niveau und erliegt unterdessen einer Versuchung, wie es seither unter Generationen von Individualreisenden nach ihr vorgekommen ist: Aus lauter Liebe verklärt sie, die Auswärtige, ihren Reise-Ort, stellt das Erleben übers Hinterfragen, schmiegt sich unkritisch ans Fremdland an und tanzt ihm dabei doch manchmal mit ihren westlichen Marotten auf der Nase herum, sodass sie, unbedacht, ungewollt, die eine oder andere Unruhe stiftet.
Gemessen an den Maßstäben ihrer Zeit ist Yablonskas Reise natürlich etwas besonderes und mithin als geschichtlicher Splitter interessant. Eine junge Frau, deren Aktivitäten meinen sämtlichen Urgroßmüttern unfassbar fremdartig erschienen wären: Sie schaut, fotografiert, genießt, staunt, sie lebt und schreibt in den Tag hinein – ein sehr freies Dasein.

Der Maghreb liegt für niemanden mehr in einer verzaubert-fremden Welt. Er liegt vor unserer Haustür.
Was ist heute noch fern und unbekannt?
Wussten Sie, dass es auf Antarktika ca. 160 touristische Anlegeplätze gibt, wo jährlich mehrere 10.000 BesucherInnen an Land gehen, um diese, nun ja, diese unberührte Eiswelt zu bestaunen?

In der ARD-Mediathek bin ich letztens über eine Doku über Astronauten gestolpert, die an den Apollo-Missionen beteiligt gewesen sind. Zwölf Amerikaner haben im Rahmen dieser Missionen den Mond betreten. Den Mond. Wie war das dort, am fernsten Ort? Jenseits der Welt? Wie könnte das je einer beschreiben, und wie könnte das je einer verstehen?
Auf die eine oder andere Art hat sich jeder der Mondreisenden einen Bruch an dieser Erfahrung gehoben. An der Wucht ihrer Intensität. An dem Kraftaufwand, eine solche Grenzerfahrung verarbeiten und danach bitteschön in ein recht gewöhnliches Privatleben zurückfinden zu müssen. In den Folgejahren bekam der eine seinen Alkoholismus nicht in den Griff, der andere klammerte sich an die Bibel, dieser wurde zum Aliengläubigen, und jener malte mit manischer Energie nur noch Mondbilder, unzählige Mondbilder.

Ferne war immer ein dehnbarer Begriff – in der Moderne ist er ein schrumpfbarer geworden. In der Nach-Moderne gibt es bereits Weltraum-Touristen, irgendwann wird es touristische Anlegeplätze für Mondreisen geben, klar, aber könnten das je solche Mondreisen sein, wie Apollo-11 sie erlebte?


>Sofia Yablonska, Der Charme von Marokko (Kupido)
Mit herzlichem Dank an den Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!

WILDHEIT > In den Nischen, zwischen den Fugen, im Andersort

Draußen reihen sich geordnete Vorgärten aneinander. Mehr oder minder sorglose Leute führen ihre Hunde Gassi. Der Supermarkt ums Eck ist voll. Niemand da, um mich in ein Geheimgefängnis zu verschleppen, in so ein Kellergewölbe, worin knöchelhoch Blut und Exkremente stehen; auch keine Raubtiere, die Appetit auf mich hätten. Geräuschlose Ruhe. Drinnen fließend Strom, Wasser, Wärme und W-Lan; kein Ungeziefer, keine Schläger, keine Sterbenden. Meine Instinkte dürfen faulenzen, ich brauche nicht zu kämpfen und zu jagen, um zu überleben.

Gebäude, Verkehrsmittel, Bekleidung, Kosmetik: so viel Verpackungsmaterial, damit das Wilde da draußen nicht zu uns hineindrängt, und das Wilde da drinnen nicht aus uns heraus.

Wenn ich in Wald oder Feldmark unterwegs bin, höre ich es manchmal schnaufen, grunzen, quieken. Trotzdem kann ich die Schweine nicht sehen, weiß nicht, wo genau die Rotte gerade steckt, geschweige denn, wie viele Tiere es wohl sind. Ich mache unauffällig, dass ich wegkomme.
Wie oft ich zu nah an Wildschweinen dran war, kann ich nicht abschätzen, sie verraten sich nicht immer, aber ihre Wühlspuren um alte Baumstümpfe herum, ihre Trittsiegel, ihre Fraßspuren am Rübenacker oder Maisfeld markieren doch deutlich, in wessen Reich ich mich da herumtreibe.
Selten kann ich mal einen Fuchs am Knick entlangschnüren sehen. Rehe stelzen durchs Unterholz oder auf freiem Feld herum. Hin und wieder stoße ich auf die rundlichen Fußstapfen der Dachse.
Wenn mir mal jemand begegnet, dann die mehr oder minder sorglosen paar Leute, die ihre Hunde etwas weiter draußen Gassi führen. Tierärztlich gepflegte, täglich vollwertig gefütterte Hunde, die weder durch Jagd, Nachtkälte oder Revierkämpfe, noch durch Arbeit in der Tierhege Energie verbrauchen würden. Hier macht man sie dann von der Leine los, schickt sie ihre übervollen Batterien entladen, und ihr Rasen, Tollen und Spielen hält man dann für wild.

Heute früh habe ich eine Doku über Gurus und Eso-Trends geschaut; neueste Wundermedizin, außerirdisches Heilwissen, spirituelle Reinigung usw. Neben hundert Methoden, seinen Körper zu vergiften und zugleich sein letztes Geld an irgendwelche schlauen Scharlatane zu verlieren, ging es da auch um ein bombastisches New-Age-Festival in Kalifornien, wo abertausende Menschen hinpilgern, um Liebe und Erleuchtung zu erleben. An jeder Ecke vermitteln Workshops den Zugang zum sakralen Inneren/ extraterrestrischen Wissen/ Jenseits/ Inneren Kind/ Heiligen Bimbam, es wird getanzt, getrancet, gesungen und sich nackig gemacht, bunte Lichter und Duftrauch hängen in der Luft.
Ich bin kein Mensch für so was. Massenveranstaltungen kann ich nicht leiden, Rauschhaftigkeit und betonte Blumigkeit sind mir suspekt. Überraschend kommt mir dennoch der Gedanke, ich müsse so was mal mitmachen, wirklich nur ein Mal – nicht aus Überzeugung oder Interesse, sondern aus Jux natürlich. Um des heillosen Spektakels willen. Um sich mal richtig auszutoben beim freien Anti-Selbstkontrolle-Tanz, um mitzumachen beim Urschrei-Orchester, um ungewaschen, ohne Schlaf, ohne Zeitplan von Feuer zu Feuer zu tingeln und mal hier, mal dort bei haarsträubenden Aktionen mitzumachen. Ich, Undercover-Nichtesoterikerin, könnte mich da reinschleichen und zwei, drei Tage lang mithüpfen, mittanzen, mitschreien, die Farben und das Feuer einfach schön finden, den ganzen spiritistischen Blödsinn einfach nicht ernst nehmen, vielleicht selber das Alien, die Hexe oder die Erleuchtete spielen, so wie man als Kind Meerjungfrau oder Polarforscherin spielte (wann hat man bloß dieses Spielen verlernt?), kurz: einfach einen Heidenspaß haben.
Erwachsene, in der Zivilisation lebende Menschen – junge und ältere, gesunde, gebildete, etablierte, durchaus wohlhabende – kommen dort in bunten Schwärmen zusammen. Sie machen sich von der Leine los, lassen ihren Energien freien Lauf, und ihr Rasen, Tollen und Spielen hält man dann für wild.

Zum Glück sind wir in Wirklichkeit ja keine wilden Geschöpfe mehr. Zum Glück besitzen wir diese wertige Zusatzausstattung: Sprache, Ich-Bewusstsein, abstraktes Denken, Feuer machen, Werkzeug, Kunst, Technik, Religion, Wirtschaft, Hygiene, Wissenschaft, Katzenvideos. Sie wissen schon: Kultur.

Ein Turmfalke hat sich damals mal in den Wintergarten meines Elternhauses verflogen, ein großes Weibchen, es trudelte gegen die Scheiben und Deckenplatten, ließ Federn, hechelte panisch. Mein Bruder und ich – Kinder – standen großäugig davor und wussten nicht weiter. Der Vogel wurde immer wilder, immer kopfloser. Als mein Opa mitbekam, welches Spektakel wir da beobachteten, ging er ohne Zaudern in den Wintergarten, nahm sich die Mütze vom Kopf und warf sie dem Falken über. Opa war auf dem Land aufgewachsen, Kleinbauern, neun Geschwister, gespielt wurde draußen, geschlachtet zu Hause – es gab praktisch nichts Organisches, demgegenüber mein Opa je Berührungsängste gehabt hätte. In einer flüssigen Bewegung fasste er das überrumpelte Tier an den Beinen oberhalb der Krallen und warf es, noch ehe es mit dem Schabel nach ihm hacken konnte, direkt in die Luft. Die Flügel griffen in die Luft hinein, fanden Halt in der Luft, weg war der Falke; die Mütze landete nicht weit entfernt im Garten. Ich träumte tagelang von diesem wilden Fächer, diesem wilden Wind.

Das Wilde ist etwas, das uns Angst macht und doch Kräfte verleiht, etwas von ziemlicher Ambiguität. Die Natur um uns, das Rohe in uns sind fürchterlich, aber doch so anders energiereich, mächtig, und wer weiß, vielleicht hat in unserem Reptilienhirn über die Jahrtausende ein Anti-Prometheus überdauert, einer, der auf Abruf bereit ist, das menschliche Feuer wieder auszupusten, sobald ein archaischer Trigger ihn weckt?

Ist das reiner Blödsinn und die Wildheit etwas, was wir der Welt und uns selbst längst gründlich ausgetrieben haben? Etwas, das es auf der Erde nirgends mehr in purer Form gibt, sodass wir schlechterdings auf den Mars fliegen müssen, um uns davon noch einmalig überwältigen lassen zu können?
Oder ist Wildheit doch etwas, das immer war, immer sein wird, um uns und in uns, und das nur halbherzig in die Dunkelkammern verbannt worden ist, wo wir Kulturwesen es ab und an ein bisschen füttern und begaffen?
Ich meine: Machen Sie das Internet weit auf und Sie finden, schon ganz niederschwellig, das wildeste, viehischte, bestialischste Zeug, Menschenfresserei, Sadismus, Missbrauch, Folter usw., Blut, Blut, Blut und Geschrei. Viel Gespieltes, Fantasiertes – und viel Echtes. Das Internet ist einfach nichts für schwache Seelen; vom Darknet, wo ich bitte niemals landen will, rede ich da noch nicht einmal.
Ist Wildheit nicht auch etwas, was wir Kulturwesen generieren, in unseren Anderswelten, Träumen, verbotenen Zimmern? Und was dort lebt – wieviel davon lebt auch auf der anderen Seite, auf dieser Seite, schon seit Langem, oder seit gestern, oder bald, vielleicht ab morgen?

Draußen hat’s ein Igelchen erwischt, platt ziehen sich Stachelpelz und Gliedmaßen und Innereien lang hin auf dem Asphalt. Sofort kommen die Verwerter aus ihren abseitigen Nischen hervor, die Krähen, Elstern, Eichelhäher, nachts dann sicher die Marder, unsichtbar die Kleinstlebewesen. Ein Kind kommt vorbei und bleibt stehen, erschrocken-angeekelt-interessiert.


Foto: Grebe 2020

LEBEN AM FLUSS > Ich gehe manchmal dorthin, um dem Fluss beim Fliegen zuzuschauen

Scharnebeck

Es gibt so Momente, da springt einen der Geist eines bestimmten Zeitalters an, legt sich um die Schultern, den Brustkorb wie ein Mantel – kennen Sie das?
Als ich zum Beispiel letztens so eines der verbliebenen Karstadthäuser in Innenstadtlage besuchte, spukte mir dort, im Auf und Ab der Rolltreppenkaskaden, der ideelle Helmut Kohl in Freizeitjacke entgegen. Beinahe hätte ich mich für ein Teeservice interessiert.
Oder als ich dann doch mal „The Irishman“ schaute, durchaus angeödet. Ein dreieinhalbstündiger Abschiedsgruß. Scorsese, De Niro und Pacino – einerseits wurde dieses Dreigestirn hier, für posthume Zeiten, in einem großen, whiskeyfarbenen Klumpen Bernstein fixiert. Andererseits war es so etwas wie das finale relevante Aufglimmen des Norman-Rockwell-Amerika, dieser scheinbar in klare Begrifflichkeiten wie „gut“ und „böse“ unterteilbaren und zutiefst mit sich selbst beschäftigten, kleinen Welt. Männer in Anzügen, Männer mit Hüten, Frauen in Pumps, Lockenwicklern und Schürzen, Kinder beim Murmelspiel – ein Butterkuchenidyll, gezuckert mit Arbeiterethos, aber düster umrahmt von Ganovenromantik, Kriegsheldenkitsch, Gewalt. Alles an diesem Film – die Story, der Erzählmodus, Licht, Farbe, Kostüme, Szenenbilder, das gesamte Kolorit – alles lieferte diese aus Funk und Fernsehen, in Bild und Ton so vertraute Essenz des 20th Century, die ich bis weit in die 2010er hinein als etwas noch immer Lebendiges, Bestimmendes, Präsentes empfand, wenn auch auf irgendwie großelterliche Art, aber dennoch. Indem ich nun den Fernseher (sic) ausknipste und dieses spezifische Amerika von der Bildfläche verschwand, ging mir erst auf, wie obsolet es wirklich ist – sein Übertritt aus der Realität heraus und hinein in die Sagenwelt der Weltgeschichte ist längst abgeschlossen, und dieser Film ist nur eines seiner unzähligen Denkmäler.
Oder in diesem kleinen Laden am Marktplatz, wo ich neulich die Batterie einer Armbanduhr wechseln ließ. Kein „Juwelier“, sondern „Schmuck- und Uhren-Service“ – klang vielleicht modern, damals. Während sich ein freundlicher Herr am Uhrgehäuse zu schaffen machte, verfolgte ich das Ticken einer Wanduhr im Verkaufsraum, deren Zeiger zwar im Uhrzeigersinn vorangingen, nur zählte das Ziffernblatt dabei die Uhrzeit rückwärts, und diese spielerische Rückwärtsgewandtheit beschrieb einfach alles. In meiner Gegenwart, die von einer Armee von Smartwatches gemessen, vermessen und ausgewertet wird, wirkt jede analoge Uhr wie ein Fossil; ebenso prähistorisch wirkte das Ladengeschäft an sich, mit seiner salz- und pfefferfarbenen Auslegeware, der Raufasertapete und der Neonröhrenbeleuchtung. Reine Vorjahrtausendwende-Luft, Marke Kleinstadt. Mir war, als hörte ich ein Radio, sehr leise, gedämpft, aus einem Hinterzimmer vielleicht, und ich meinte, es spielte „Spending My Time“ von Roxette.
Oder beim Spaziergang entlang des Schiffshebewerks des Elbe-Seitenkanals in Scharnebeck – ab und zu komme ich dort vorbei.
Der Elbe-Seitenkanal verläuft durchs östliche Niedersachsen und verbindet Mittellandkanal und Elbe. Nördlich hinter Lüneburg fällt die Landschaft abrupt ab, der Geestrücken endet hier und der „Heide-Suez“ (regionale Wahrzeichen erhalten unvermeidbar ihre Spitznamen) muss an dieser Stelle einen Sprung von 38 Höhenmetern überwinden. Der Kanal mitsamt Schleusen, Sicherheitstoren und Schiffshebewerk wurde Mitte der Siebziger nach achtjähriger Bauzeit eröffnet – ein brachiales Mega-Projekt aus der goldenen Ära brachialer Mega-Projekte des Westens. Bei seiner Eröffnung war das Doppelsenkrechthebewerk in Scharnebeck das größte Schiffshebewerk weltweit.
Natürlich ist dieser Kanal keine Schönheit. Er ist ein funktionales Monster, eine Wasser-Autobahn. Ein über 100km langes Elend, und zur Breite der Wasserstraße kommt, insbesondere im Elbe-verbundenen Teil, noch eine wuchtige, sehr hohe Eindeichung hinzu, sodass der bauliche Einschnitt also lang und breit die Landschaft dominiert. Ohne Frage ist das Schiffshebewerk für sich genommen ein ebenso monumentaler und nicht eben lieblicher Anblick.
Ich stehe seltsam gern mitten im Hebewerk, im Durchgang unterhalb des oberen Einfahrtbeckens, über mir tausende Tonnen Stahlbeton und Wasser, hinter mir die glatte Schnittkante quer durch die Landschaft und die unterm Hebewerk hindurchführende Straße, und schaue durch die vertikale Flucht zwischen den betongrauen und roten Türmen hinaus ins Blaue. Von diesem Punkt aus kann man dem Schiffsfahrstuhl aus nächster Nähe bei der Arbeit zusehen. Innerhalb der vier Reihen von Führungstürmen transportieren zwei gigantische Tröge die Schiffe hinauf oder hinab. Das mag für Sie womöglich nicht nach Nervenkitzel klingen, aber wissen Sie: Wenn man in einen der 100m langen Tröge hinabschaut und verfolgt, wie ein großes Kanalschiff einfährt und sich im Wasserbecken zurechtmanövriert, die Schiffsmotoren irgendwann verstummen, das Einfahrtstor sich schließt und damit ein wirklich gewaltiges Stück Fluss abtrennt, und wie sich nun die Elektromotoren in Gang setzen und, überraschend geschmeidig und gar nicht dröhnend laut, dieses Stück Fluss sich einfach hebt, nach oben schwebt, direkt vor Ihrer Nase emporfliegt (ein bisschen Wasser schwappt immer über, die Gischt sprüht Ihnen ins Gesicht), 10 Meter hinauf (die stählerne Stirnwand des Trogs ist langsam an Ihnen vorübergeglitten, sie schauen jetzt unterm Trogboden hindurch in die plötzlich blendend blaue Landschaft hinaus), 15 Meter, 20 Meter – jedenfalls: Wenn einen dieses Bombastikum nicht erschlägt, dann weiß ich’s auch nicht.
Das universalmörderische 20. Jahrhundert: erschlagende Technik, erstickender Beton. Alles beherrscht von Kriegslogik. Beide Weltkriege stets im Hinterkopf, wollte man nun den Krieg der Systeme auf dem Schlachtfeld Technik-Infrastruktur-Wirtschaftswachstum entscheiden. Der Bau des Elbe-Seitenkanals wurde notwendig, weil der früher genutzte Wasserweg zwischen Mittellandkanal und Elbe, über Magdeburg verlaufend, leider bald hinter einer Mauer lag; Ausgleich musste her, und bitte gleich mit Renommierpotenzial. Das Bauprojekt schwang jedoch nicht allein die ökonomische Keule in Richtung der DDR, sondern auch die militärische: Man plante den Kanal als Teil der Westverteidigung, als strategische Barriere. Die Kanalböschungen wurden so angelegt, dass sie in bestimmten Abschnitten für Panzerverbände in West-Ost-Richtung querbar wären, in Ost-West-Richtung jedoch nicht; die zivile Wasserstraße ist teils noch heute ausgestattet mit Sprengschächten und Panzersperren.
Was durch diese Anlage fließt, ist der pure Geist des Atomzeitalters. Ein alles andere als milder Geist. Sie wissen schon. Strahlend, hungrig, rigide, getrieben, befehlshaberisch, visionär, gefährlich, verheißungsprall, drastisch, prometheisch, fortschrittssüchtig, gut-und-böse.
Zugleich empfinde ich dieses Ungetüm im Ganzen und den Abschnitt Schiffshebewerk im Speziellen als etwas Erdendes, tatsächlich, ja. Ein sehr großes Fossil aus einer im Grunde sehr kleinen Welt – verglichen mit der heutigen, nicht wahr?
Diese nur-analoge Welt, wo ich meine Kindheit verbrachte (2000 wurde ich volljährig) und die mir lieb war, steht mir heute halb traulich, halb entfremdet vor Augen. Um hinter diese Entfremdung durchs eigene Älterwerden und das allgemeine Anderswerden der Welt zurückschauen, zurückfühlen zu können, muss ich nicht unbedingt Familienfotos von 1987 durchstöbern, sondern meinetwegen eben so ein Schiffshebewerk besuchen. Dieses Ungetüm hier wurde auf Papier entworfen, geplant und kalkuliert. Die Leute setzten sich an ihre Arbeitstische und zeichneten Pläne, berechneten Massen und Kräfte, schrieben Anträge und Aufträge. Mag sein, dass die eine oder andere Schreibtischschublade ein Herrenmagazin, einen Flachmann oder eine Schachtel Weinbrand-Pralinées beinhaltete, aber zwischendurch getwittert wurde hier nicht. Das soll keine Spitze gegen die heutige Bürowelt sein. Man lebte eben im Konkreten.
Die ehedem stets mitgedachte Welt war aus Vergangenheit, gesellschaftlichem und individuellem Erfahrungsvolumen gemacht. Fotografie, Radio und Fernsehen waren bloße Vorboten einer viel tiefgreifender veränderten Weltwahrnehmung: Die stets mitgedachte Welt heute ist das Internet, diese uferlose, ubiquitäre Welterweiterung, dieses im Grunde unbegreifliche Multiversum.
Das 20.Jahrhundert – mir kam das früher vor wie eine Schulstunde, die es einfach abzusitzen galt, zwei Tage vor Ferienbeginn. Ich bin ein Kind der 80er, für mich war dieses Jahrhundert gelaufen, ich könnte da, so auf den letzten Drücker, gefühlt eh nichts mehr gestalten. Gewissermaßen verbrachte ich meine Jugend damit, mich von meinem analogen, meinem westlich orientierten, von Begrifflichkeiten wie „gut“ und „böse“ bestimmten, in Zigarettenrauch gehüllten Jahrhundert zu verabschieden. Das 21.Jahrhundert aber steht mir immer deutlicher bevor wie eine Matheklausur, die über meine Zulassung zum Abitur entscheidet, d.h. über mein weiteres Existieren auf einem rundum nicht wiederzuerkennenden Erdball, und wissen Sie, ich fürchte mich wirklich sehr vor Mathematik. Bis hierhin ist dieses Jahrhundert eine schon längst viel zu komplexe Gleichung für mich, die mit Termen wie Digitalisierung, Globalisierung, Klima, China, Konzern-gesteuerter Politik, Pandemie, veränderter Kommunikation, veränderter Kognition, weißen Turnschuhen, Swag und Populismus, Gentechnik und A.I., und die Liste geht beliebig weiter, arbeitet. Als Erwachsene des 21.Jahrhunderts denke ich in einem permanenten, sehr lauten Strudel von Satzfetzen, Fragen, Aussagesätzen, Ausrufesätzen, Tönen und Bildern, denke stets die konkrete und die erweiterte Welt zugleich, und aus diesem Strudel heraus bilden sich immer neue Gedanken, ganz ähnlich also, wie sich auch Träume bilden, als ein Nebenprodukt, wenn das Gehirn rauschhaft seine sämtlichen Datenbestände auf einmal verarbeitet – ich meine, mein Gehirn selbst funktioniert nicht mehr wie das 20., sondern vielmehr wie das 21.Jahrhundert.
Ich verstehe gut, woher solche Sehnsucht nach einem Aufgehobensein im Konkreten, im Kleinweltlichen kommt, wie sie besonders dort, wo sie am wenigsten erfüllt wird, epidemisch zu Tage tritt: im Internet. Ich verstehe das so gut, dass es mich umso persönlicher ärgert, wenn sich jemand auf einen Baseballschläger oder das Alte Testament oder welche stumpf-plakative Lösung auch immer stützt, um diese Sehnsucht zu bedienen. Dieser Selbstbeschiss – auf Kosten anderer, auf Kosten aller.
Das Schiffshebewerk, wissen Sie, ist längst eingerüstet, seine Sanierung ist im Gange. Derzeit ist nur einer der beiden Tröge noch fahrbar; die Bauträger zerbrechen sich die Köpfe, mit welchen Lösungen sich das Ungetüm, das an Betonkrebs leidet, retten ließe. Ich bin gelernte Buchhändlerin, bin dem smarten Digitalkram meiner Zeit nicht gewachsen und besitze durchaus noch weitere fossile Qualitäten; ich stehe oft da und beobachte, wie dieses mächtige Ungetüm einerseits einen Fluss fliegen lässt und zugleich doch im Sterben liegt, was winzige Menschenhände mit mühsamen, akribischen Eingriffen verborgen hinter Bauplanen verzögern, und denke dabei: Du und ich, Ungetüm.
Der Bundesverkehrswegeplan 2030 sieht den Neubau einer Schleuse vor, direkt neben dem Schiffshebewerk. Noch größeres Volumen soll bewegt werden, noch effizienter, dabei so umweltverträglich wie möglich, und bitte ohne verheerende Kostenexplosion; hier wird entworfen, geplant und kalkuliert, dass die Heide wackelt.
Auch ich muss mich ans Rechnen machen. Es nützt nichts. Egal ob man sie nun fürchtet oder nicht – es geht kein Weg vorbei an der komplexen Mathematik der Gegenwart und Zukunft, für niemanden.


Foto: Grebe, 2020

LEBEN AM FLUSS > Flusstausch

Habe zuletzt Aue und Beeke eingetauscht…

…gegen Elbe und Ilmenau.

Die dörflichen Fließgewässer sind natürlich viel vertrauter, jeder Brückenpfeiler persönlich bekannt, jeder Stichling quasi Familienmitglied. Dagegen lassen sich die größeren Flüsse hier im Umland nicht so einfach lückenlos ausforschen. Das ist natürlich ein bisschen traurig. Aber genauso gut kann man darin ja gerade den Reiz an der Sache sehen und drauflos stromern.

Ganz unabhängig davon, welche Wasserströme und Stromergewässer Ihnen nun am liebsten sind, kann ich nur empfehlen, sich nicht zu sehr an einen bestimmten Fluss zu klammern – er wartet nie, er zieht unaufhörlich weiter, er bleibt ewig ein anderer. Wenn Sie „Ihrem“ Fluss nahe kommen, gewissermaßen seinem Wesen auf die Pelle rücken wollen, dann machen Sie keine Fotos. Machen Sie’s wie er, warten Sie nie, seien Sie so ein Ziehen und veränderliches Bleiben, und schon kommen Sie damit seinem, aber nicht nur seinem Wesen an sich, in sich fürchterlich nah.


Fotos: Grebe

PUBERTÄT REVISITED > Eddie, Chris

Nachdem mein treues Küchenradio endgültig seinen Geist aufgegeben hatte, wurde mir letztens zum Geburtstag ein Radio inklusive CD-Player geschenkt.

Mein Notebook hat ein CD-Laufwerk, aber das ist nicht dasselbe, klar. Mein altes Auto besaß seinerzeit einen CD-Player, im Kindertaxi liefen zumeist Hörspiele und einigermaßen kindertaugliche Musik, nur auf meinen kurzen Pendelwegen zur Arbeit blökten mit Vorliebe die Sleaford Mods aus den Boxen. Der Großteil meiner CDs aber ging binnen der letzten 15 Jahre bloß durch meine Hände, wenn ich sie wieder einmal aus einem Schrank in Umzugskartons und aus Umzugskartons in einen Schrank räumte.

Ich besitze nun also wieder einen CD-Player, einen richtigen. Ich nehme meine CDs heute nicht aus dem Schrank, um sie in Kartons zu legen, sondern um sie zu hören.

Natürlich fühle ich mich dabei alt.

Nicht, dass ich keine neueren Alben im CD-Format besäße – nur greife ich, sobald ich den Schrank öffne, blindlings zu den alten, den verschlissenen, den meistgehörten. Das sind die meistberührten, eindeutig, und die haben dieses tausendfache Anfassen in sich gespeichert, sodass ich, wenn ich sie jetzt anfasse, zugleich den Griff meiner früheren Hand in den Fingern spüre, und näher kommt man der vergangenen Haut, in der man einmal steckte, nur schwerlich.

Zum 12. Geburtstag wurde mir ein eigener CD-Player mit Kassettendeck geschenkt, nachdem ich von Schwester 2 immer öfter den verdienten Ärger dafür bekommen hatte, heimlich den heiligen Plattenschrank im heiligen Großeschwesterzimmer zu durchwühlen. Abgesehen von diesen kurzen Ausflügen in die Vinylschatzkammer war ich kein Schallplattenkind und empfinde wenig Sehnsucht nach diesem Format – mein Nostalgieträger ist eben die profane kleine Schwester, die CD.

Während ich eine alte CD ins neue Gerät einlege, gilt mein erster Gedanke der Unvernetztheit dieser Aktion: Kein offener, kein heimlicher Datentransfer – die auf mich zugeschnittenen Online-Inhalte und Werbeanzeigen wissen nichts davon, was ich hier tue, wer mich gerade entertaint, ob und wie mir das gefällt. Das fühlt sich angenehm klandestin an. Ach, fast schon kriminell!

Mein zweiter Gedanke gilt der historischen Note der Sache. Ich besitze natürlich keine Raritäten, nichts aus objektiver Sicht wertvolles, ich horte Massenware, aber eben die spiegelt einen gewissen Zeitgeist. Und nicht bloß die Gegenstände der Zeit geben mir zu denken, sondern insbesondere die Abstände an Zeit. Die meisten CDs kaufte, tauschte oder lieh ich mir so 1996, 1997 zusammen – erschienen waren die liebsten Herzensalben zwischen 1992 und 1997. Heißt also, dass sie heute im Durchschnitt ein Vierteljahrhundert alt sind. Gute Güte! Wenn ich 1996, 1997 ein Album hörte, das rund ein Vierteljahrhundert alt war, dann waren das Alben wie „L.A. Woman“ von den Doors, „Pearl“ von Janis Joplin, „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd usw. Es ist derweil so: Es war früher schwer vorstellbar für mich, dass es, eine Generation über mir, Leute gab, für die solche Schallplattengespenster wie Janis Joplin, Jimi Hendrik oder Robert Plant einst als vor-ikonische Menschen existiert hatten. Ich denke, dass es heute für meinen ältesten Neffen ebenso schwer vorstellbar ist, dass es, eine Generation über ihm, Leute gibt, für die solche Retro-Objekte wie Kurt Cobain und Konsorten einst als vor-ikonische Menschen existiert haben. …Es ist überhaupt schwer vorstellbar für mich, dass es eine Generation unter mir gibt, oder, na, eher schon zwei.

Drittens beschäftigt mich dann die Qualität dessen, was ich da höre. Das ist mitunter ernüchternd; manch bombastische Nummer erweist sich, nach Abzug meiner jugendlichen Begeisterungsleistung, als echter Schrott. Manche Stücke sind echter Schrott, keine Frage, aber zugleich große Liebe. Manche sind einfach über die Jahre verbrannt – das liegt nicht an ihnen, sondern ich habe schlicht keinen Zugang mehr zu ihnen, keine Verwendung mehr für sie, ich kann nicht einmal mehr nostalgische Impulse aus der Asche ziehen. Andere wiederum sind über die Jahre gewachsen und klingen erst jetzt wirklich, wirklich groß.

Lachen sie nicht – meine existenziellsten Alben sind nach wie vor und auf ewig „Vitalogy“ von Pearl Jam und „Superunknown“ von Soundgarden. Pearl Jam und Soundgarden, Eddie Vedder und Chris Cornell: Der Klang eines zu großen, warmen Sweatshirts, das mir von einem Freund über den Kopf gezogen wird, weil mir kalt ist; die Stimmen sonnenverbrannter Wiesen im Juli, herbstgelber Pappelreihen, bekritzelter Bushaltestellenhäuschen und heimlicher Zigaretten, von Heft- und Bücherstapeln auf einem falschen Orientteppich, von verwaschenen Jeans, Haartönungen, Kajal und Klimperarmbändern, von Klassenräumen und Jugendzimmern.

Vorhin drehte sich hier „Down on the Upside“ von Soundgarden, was ich zwischenzeitlich immer mal wieder gehört hatte, aber nie im Ganzen, bloß einzelne Songs daraus, und mir fiel dabei auf, wie arg ich es vermisse, ein Musikalbum (samt der womöglich weniger geliebten Songs) als eine feste zeitliche und auch feste klangliche Einheit zu verstehen. Danach habe ich „Ten“ von Pearl Jam eingelegt, dem ich, analog wie digital, eigentlich lieber aus dem Weg ging – nachdem ich als Dreizehnjährige quasi nichts anderes hören konnte, konnte ich’s danach nicht mehr hören, Sie kennen das sicher. Wie gut ich dieses Album nun finde, trifft mich wie eine glatte Backpfeife. Ich hätte fast vergessen, dass „Wash“ der perfekteste, der wundervollste Regensong aller Zeiten ist. Bei „Oceans“ heule ich den Mond an, der im Moment zwar nicht hier, aber vielleicht irgendwo über der Beringsee leuchtet, „Deep“ ist die reinste Achterbahnfahrt, und sogar „Jeremy“, diese so abgenudelte Nummer, lässt meine Haarspitzen knistern. Ich höre das ganze Album am Stück, ich höre es einmal, zweimal, dreimal. Und jetzt lege ich es wieder in den Schrank zurück, damit ich’s in, sagen wir, 25 Jahren wieder genauso hören kann.

Foto: Grebe

PUBERTÄT REVISITED > Fragen, Grüße

In meiner Gymnasialzeit gab’s eine Schülerzeitung. An der ich mich nicht beteiligte – das Schreiben hätte mich wohl angezogen, nur die Schreibenden waren nicht so mein Fall. Oder, na, ich nicht so ihrer. Nicht schlimm, ich brauchte, um zu schreiben, ja keine Schülerzeitung, sondern bloß mein Notizbuch. Meine Notizbücher. Notizhefte. Notizzettel. Ich schrieb auf alles Notizen, ich schrieb über alles Notizen, ich schleppte meine Notizen mit mir herum, überall hin, ich aß inmitten von Notizen, träumte auf Stapeln von Notizen, den Kuli fest in der schlafenden Hand, verpasste Busse und Züge wegen dringlicher Notizen, ich dachte und machte keine zusammenhängenden zehn Minuten mal was für Schule und Zukunft, aber immer Notizen, Notizen, Notizen.

Hätte ich damals unsere Schülerzeitung gestaltet, wäre das die aufregendste Schülerzeitung aller Schülerzeitungen geworden! Oder, na, ein wirrer, nutzloser Haufen Zettel.

Anderer Schauplatz: Ich wurde letztens awarded. Ich meine, mein Blog. Oftmals teilt man diese Erwählung mit einer ganzen Liste von Blogs, und dazu ist solch einem Award meist ein Fragebogen beigelegt, so auch hier; Sie kennen das sicher.

Frage-und-Antwort-Runden, Top-Listen – das waren auch die beliebtesten Rubriken in besagter Schülerzeitung.

Dass ich mich an dieser Blog-Award-Sache nie allzu überschwänglich beteiligen mochte, geht so gesehen womöglich auf meine Erfahrungen mit der Schülerzeitung zurück, welche mir dauerhaft einimpften, dass alles gut ist, solange man da bloß nirgendwo auftaucht. Bloß nicht interviewt werden. Bloß nicht auf einer dieser Listen landen, erst recht nicht auf den Spitzenplätzen! Ich meine da weniger die Listen der erfolgreichsten SchulsportlerInnen, bestaussehenden Mädchen, lustigsten Vögel etc., klar führte ich die nie an. Ich meine Listen wie „Wem würdet Ihr ungern im Dunkeln begegnen wollen?“, da war ich mal Platz zwei. Aber selbst die Jubel-Listen hatten ihre Kehrseite, verfestigten falsche Wahrnehmungen, setzten ihre Nadelstiche, machten die Bejubelten unruhig. So oder so wurden wir alle, indem sich unsere Zeitung uns einverleibte, in ein nicht eben freundschaftlich gesinntes Rampenlicht gestellt.

Dieser Hauch eines reell freundschaftlichen Interesses, den ich da vermisste, ist in der Blogosphäre freilich genauso rar gesät.

Mich hatte nun Maren auf die Liste derjenigen gesetzt, an die sie ihren Awesome Blogger Award weiterreichen möchte, und dass mich diese Geste nicht aufgeschreckt, sondern mit dem Gefühl erreicht hat, einfach ein schöner Gruß zu sein, liegt daran, dass ich meinerseits so gern Marens Berichte von Fernreisen oder von Streifzügen durchs nicht ganz so Ferne lese. Ich mag solche Texte, die sich selbst verpflichtet und sich selbst genug sind. Texte, die allzu gern Sensationen produzieren wollen, gibt es eh viel zu viele, anderswo, überall.

Statt Vernetzung bewirkte diese Aktion vielmehr so etwas wie eine gedankliche Zurückversetzung bei mir, ein ganzes Stück zurück, ja ja, noch ein bisschen, so, ganz nach damals. Denn dahin führten auch die Fragen, die Antworten.

1. Was bedeutet Dir das Bloggen? – Das hier ist meine Schülerzeitung, so wie ich sie damals aufgebaut hätte, wäre ich alleinige Herausgeberin gewesen. Ich mache hier nichts anderes, als dieser 14jährigen Notizkritzlerin ihren editorischen Lauf zu lassen, heute. Nach dem Abi landete ich zunächst in der Germanistik, Fernziel: rasende Reporterin, was natürlich Quatsch war, denn ich taugte ja weder zur Akademikerin noch zur Reporterin – was ich wollte, war bloß meine Notizen kritzeln zu können, zweckfrei, richtungslos, für mich und vielleicht noch für diese paar Seelen, die nachts auch nicht schlafen können. Über alles und nichts, über Dinge, Menschen, Gedanken, die mich beschäftigen. Na, hier mache ich genau das.

2. Wenn Dein bisheriges Leben ein Buch wäre, welchen Titel hätte es dann? -„Salzmarie“. Salz ist ein spezieller metaphorischer (und auch synästhetischer) Begriff für mich; vor allem stamme ich aus einem eingeschworenen Salzort und wohne heute zufällig wieder in einem.

3. An welchen Ort würdest Du gern noch einmal zurückkehren? – An den morgendlichen Küchentisch mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder, mein Vater trinkt seinen Kaffee (zwei Milch, zwei Zucker) aus einer Tasse mit gesprenkelter Randverzierung und stellt sie blindwissend auf der Untertasse ab, während er in der Zeitung liest, meine Mutter schmiert Graubrote, ich lese, meinem Vater gegenüber sitzend, die Zeitung überkopf, mein Bruder neben mir duftet nach den Honigpops, die er gerade schmatzt, die Küchenuhr tackert leise, die Tischmitte schimmert im buttrigen Licht der Hängelampe. An diesem Ort war ich zuletzt als Jugendliche.

4. Wann hast Du zum letzten Mal etwas Neues über Dich erfahren? Was war das? – Ich erfahre ungelogen täglich irgendwas Neues über mich – Kleinigkeiten natürlich (denke ich, aber weiß man’s?), doch macht es das deswegen ja nicht gleich uninteressant. Was bringt mich in Wut, was fürchte ich, was tut mir weh, was macht mir Spaß usf., und warum? Ich habe heute über mich erfahren, dass ich eine sehr viel innigere Zuneigung zu Waschbetonplatten hege, als ich gedacht hätte. Und als ich zugeben würde – ich meine, welcher Baustoff könnte unattraktiver sein, rein objektiv betrachtet? Ich habe außerdem — ach, jetzt brauche ich wirklich mein Notizbuch!

5. Gibt es etwas, was Du immer tun wolltest, aber bisher nie getan hast? – Nein.

Ich nominiere an dieser Stelle keine weiteren Blogs, sondern grüße ganz direkt mein lesendes Gegenüber. Und frage nur eine Sache:

Erinnerst Du Dich bewusst an das Ablaufdatum Deiner Jugend, einen Moment, Tag, Auslöser, der Dein Erwachsenwerden markiert, ganz gleich, ob Du dabei eher siebzehn oder eher siebenundvierzig warst, an ein fühlbares Kippen der Verhältnisse, an einen Augenblick, da sich etwas in der Atmung veränderte oder das Rückgrat spürbar wurde, an ein helles Verstehen, eine plötzliche Last oder plötzliche Leichtigkeit – oder nicht?

SONDERZUSTÄNDE > Abstand und Nähe

Mal an die Elbe heute? Das Wetter ist mäßig gut, der Weg nicht weit, und sollte man in den Wiesengürteln entlang der ländlichen Elbufer tatsächlich andere Menschen sichten, kann man leicht meterweise Abstand voneinander halten. Wo ließe sich starten, durchs menschenleere Grün schlendern? Google Maps‘ Satellitenbilder zeigen kleine Trampelpfade, Flächen für Gummistiefelgänge, Gräben, Knicks, sandige Buchten im Flussufer. Ich verfolge eine bestimmte Spazierstrecke (mit einem Blick, Satellit sei Dank, der früher Turmfalken, Kranichen, dem lieben Gott usw. vorbehalten war), um sie mir einzuprägen. Mitten auf dem Wege wechselt die Umgebung, als ich eine nicht existierende Grenze überschreite – hier winterbraune Äcker, und dort sommergrüne Felder. Da grenzen zwei Datenpakete aneinander, aufgenommen in unterschiedlichen Jahreszeiten. Zurück: Sandige Maulwurfshügel treten aus nacktem, grauem Boden hervor, Bäume werfen magere Schatten und die Elbe dümpelt dunkel. Vorwärts: Ein dicker Grasteppich liegt kugelrunden Baumkronen zu Füßen, der Sonnenschein hellt die Sandflächen auf, Lichtsprengsel spielen auf dem Wasser, oder sind das doch Gänse? Einen Schritt zurück: Novemberblues. Zwei Schritte vor: Junilicht. Zurück, voran, zurück – was für ein schöner Spaziergang wäre das, wo man, einfach so, aus dem Winter in den Frühling, den Sommer ginge, und das nach Belieben gleich nochmal!
Schön wäre es auch, mal wieder nach Kiel zu fahren. Jetzt. Wir führen einfach los und kämen in anderthalb Stunden an, und mein Kind wäre wieder so klein wie damals, als wir dort wohnten, und wir gingen mit Plastikautos, Sandförmchen und Seifenblasen auf unseren Spielplatz im Park und danach einmal an der Tirpitzmole vorbei, einmal der Gorch Fock winken und den Möwen beim Krebsefangen zugucken, und das Ostseewasser würde duften und rauschen. Unser Spielplatz sieht von oben unverändert aus, denke ich, ich erkenne die Gerüste, Rutschen, Schaukeln sofort wieder. Als wäre ich noch genauso dort wie damals. Oder als wäre damals zugleich jetzt – das Gras und all die Bäume auf den Satellitenbildern haben schließlich genau die richtige Farbe und Dichte für einen Märztag, für heute. Nein, neben der Sandgrube, sehe ich jetzt, ist eine Spiel- oder Sportfläche hinzugekommen, ein kreisrunder Tartanboden, dessen Funktion ich nicht so recht einordnen kann von hier oben. Ich fliege weiter, vorbei an Schilksee, wo noch immer unsere Fischbude steht, weiter, Richtung Strande, den Bülker Weg an der steinigen Fördelinie entlang bis zum Leuchtturm Bülk. Was herrscht da gerade, Spätsommer? Rapsgelbe Felder gibt es keine, bloß stoppelbraune; ich würde raten, dass sie vor kurzem abgeerntet wurden.
Ich suche auch: Hannover, Sauerweinstraße. Unverändert. Im größeren Radius fällt mir auf, dass das städtische Gebiet sommerlich buntfarbig leuchtet, bis zu einer Grenzlinie, die durchs Umland verläuft und hinter der alles grau verschleiert schlummert. Was mich irritiert, da eigentlich doch jeder, der mit der Bahn mal nach oder durch Hannover gefahren ist, den gegenteiligen Effekt kennen müsste: Aus einem sehr grünen Umland rollt man da in ein schlagartig sehr graues Stadtgebiet ein.
Entlang der B441 verläuft der Stichkanal in einem strahlenden Lindgrau und wechselt etwa auf Höhe des Seelzer Stellwerks abrupt zu Schlammgrau. Wenn ich an der B441 westwärts entlangziehe, und danach noch ein Stück weiter, komme ich zu meiner Mutter.
Meine Mutter besuchen zu fahren, auch das wäre schön, und auch das geht in Wirklichkeit natürlich nicht, nicht jetzt, und da habe ich auch schon mein Heimatdorf als Zielort eingegeben und meinen Salzberg gefunden. Ich will nur mal vorbeischauen. Einmal drüberfliegen und mal sehen, in welcher Jahreszeit mein Dorf gerade steckt.
Direkt bevor wir nach Lüneburg kamen, haben wir dort gelebt, knapp vier Jahre lang; ich war nach 15 Jahren anderswo plötzlich wieder zuhause. Sicher, das idyllische Dorfleben hat so seine Tücken, aber welches Groß- oder Kleinstadtleben hätte die nicht? Und besonders aus der Ferne vermisst sich das Idyll nun umso leichter und pauschaler.
Ich schaue zuerst in den Garten meiner Mutter. Der große Walnussbaum ist noch blattlos, sodass man Haus und Hof gut erkennen kann, und mir geht auf, dass es zu Navigationszwecken natürlich optimal ist, Bildmaterial aus dem Frühjahr zu verwenden, wo Straßenverläufe eben nicht unter Blätterkronen verschwinden.
Während ich wieder im Dorf wohnte, auf einem Nachbarhof, waren allerlei Arbeiten im Gange gewesen, die – nachdem sich das Dorf in jahrzehntelangem Dornröschenschlaf so gut wie nicht verändert hatte – Schlag auf Schlag eine Menge Altsubstanz verschwinden ließen: Straßen wurden saniert, einige hochbetagte Bäume gefällt, Häuser abgerissen, Neubauten begonnen usw. Ich war gewissermaßen noch rechtzeitig ins Dorf gekommen, um es noch mal im vertrauten Zustand aus meiner Kindheit zu sehen und es so zu verabschieden. Während ich jetzt mit meinem Satellitenauge die Straßen und Wiesen überfliege, muss ich mich fast zwingen, all die Bauarbeiter und Raupenbagger, die rund zwei Jahre lang das Ortsbild bestimmten, nicht nachträglich für Illusion zu halten. Wirklich, es ist glatt so, als wären sie nie dagewesen. In diesem Frühjahr, in das ich mich hier hineinzoome, in diesem, ich weiß nicht mehr genau, Ende Februar oder Anfang März haben sie gerade erst damit begonnen, die alte Esche stückweise zu fällen – der Baum wirft noch einen, wenn auch astamputierten Schatten, die großen Arme werden jetzt zerlegt, zerstreut liegen erste Holzblöcke auf der Wiese. Die Schloßstraße ist hier fast noch dieselbe, auf der ich im Schlepptau meiner Urgroßmutter einmal täglich unterwegs war, zum Eierholen oder Klönen. B.s alter Hof ist noch da, hier ist er noch ganz intakt – zuletzt staunte ich bei einem Spaziergang auf der Schloßstraße, wie groß die Baufläche wirklich ist, die der Abriss des Hofs freimachte, und wie weit die Neubauprojekte auf diesem Areal bereits vorangeschritten sind. Es gibt noch andere alte Gebäude, die ich unversehrt wiederfinde, und die großen Brauteichen bei S. sind noch ungefällt. Mir stehen die Augen leicht unter Wasser, als ich das alles sehe. Ich befinde mich plötzlich in einer Art Zugleichzeit – Vergangenkunft, Gegenheit und Zuwart sind ganz durcheinander, nein, einfach ausgesetzt, abgeschafft. Dass ich das alles sehen kann, obwohl es doch verschwunden ist! Auch die riesige Eiche im Garten des Hofgeländes, wo wir wohnten, unter der wir grillten, planschten und Wäsche aufhingen, steht noch. Ich fliege einmal übers Dach drüber, jetzt über unseren Rundhof: Da stehe ich, als wäre nichts gewesen – mein damaliges Auto, längst verkauft, steht wie immer auf meinem Parkplatz vor der Scheune, halb verborgen unterm Schauer.
Ich kann gar nicht entscheiden, ob mich das schmerzt oder tröstet. Ja, schwierig. Immerhin kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass ich ab jetzt öfters bei uns auf dem Hof vorbeischauen werde, überlegen werde, ob ich das Auto auch wirklich abgeschlossen habe, oder ob Laufrad, Duplosteine, Bälle, Plastikdinos und Playmobilfiguren noch draußen verstreut sind und wir da noch aufräumen müssen unter der Kastanie, und ob wir wohl gleich noch eine Radtour zum Mittellandkanal unternehmen oder doch lieber nicht, doch besser schnell mal die Wäsche im Garten abnehmen vielleicht, denn es sieht irgendwie nach Regen aus.

POTPOURRI DER GEFÜHLE > Schlaglöcher

Schlaglöcher

Erinnern Sie sich an das unruhige Quirlen eines ganz neuen, unverbrauchten Verliebtseins? Wie anstrengend! Erschöpfend, nicht wahr?
[Die Stimme, sagt er, die Stimme sei es gewesen, die ihn damals endgültig von den Füßen geholt habe. Erlegt wie einen Hasen. Denn nichts anderes ist Liebe ja: eine Jagdveranstaltung. Zunächst also eine ziemlich archaisch-brutale Sache, das ganze, und erst wenn eine solche Episode einen selten glücklichen Verlauf nimmt, nennt man das dann Romantik – aber wo war ich gerade? Ich bin meinerseits damals in diese unschuldige Jagdfalle gegangen, die sein Lachen war, so ein Lachen, das sich wie eine leuchtend warme, summende Grube vor mir auftat, und weg war ich.]
Mit der Zeit beruhigt sich die Lage, früher oder später.
[Es vergehen 10 Jahre, 15 Jahre, keiner hat’s gemerkt, und plötzlich ist man eines dieser Jubiläumspärchen und miteinander siamesisch verwachsen, ein festes Gespann, ein Traditionsgebilde. Manche mit Kind, manche ohne, je nach Schicksal bzw. Geschmack. Auch einen solchen geglückten Verlauf nennt man dann Romantik. Andere sind inzwischen längst getrennt oder gerade dabei.]
Und was kommt dann?
[18 Jahre vergangen, keiner hat’s gemerkt, und plötzlich sind wir eben nicht mehr 19 Jahre alt, wir sind so viel älter und so unturbulent geworden, du liebe Güte, wir sind, was man gemeinhin erwachsen nennt, oder? Das kann man meinetwegen Romantik nennen, aber in erster Linie steht dahinter ein Haufen Arbeit. Ich meine Herzschläge, die zehren. Und Zufallsglück, klar.
Und die Sache ist auch die, dass es der Zweieinigkeit durchaus förderlich sein kann, wenn das Leben draußen seine volle Scheußlichkeit ausspielt – draußen bei der Arbeit, draußen auf dem Wohnungsmarkt, draußen auf dem weiten Feld des Zwischenmenschlichen usw. Wenn man dann ein Wir sein kann, so ein Wir, das gegen diese Scheußlichkeit schützt, dann ist das mitunter zwar ein reichlich pragmatischer Zusammenhalt, aber nennen Sie das ruhig auch einmal Romantik, oft genug ist es das nämlich wirklich. Die Sache mit uns ist also die, dass wir traditionell immer genug Scheußlichkeit um die Ohren hatten, dass uns deswegen gar nicht, oder höchstens einmal flüchtig, in den Sinn gekommen wäre, einander als scheußlich zu empfinden.
Und jetzt? Ist das Leben – keiner hat’s gemerkt – plötzlich um eine oder auch zwei Stufen angenehmer, unkomplizierter, weniger scheußlich geworden, verglichen mit dem Stand der Dinge, den wir traditionell gewohnt waren.
Fragt sich nun: Was soll man auf einmal anfangen mit dieser Unscheußlichkeit?
Plötzlich stellt man fest, glücklich zu sein. Man kann einfach so glücklich sein, sehr gut kann man das sogar, sieh mal einer an. Man streitet sich plötzlich um diese belanglosen Dinge, wie das auch andere stinknormale Pärchen so tun, wer den Müll rausbringt und solche Sachen, ja, und das ist dann auch schon alles, herrlich!
Warum bitteschön nennt man Langeweile, was in Wirklichkeit doch vielmehr eine durch haufenweise Arbeit und eine Menge Zufallsglück erreichte Romantik ist? Ach was, Seligkeit ist das! Was sollte jetzt, was sollte hier schon noch Scheußliches auf uns lauern, sag mal?]
Na, neue Turbulenzen, andere Turbulenzen natürlich. Was dachten Sie denn?
[Dass alles so bliebe, so unscheußlich, so unturbulent, ist ja reines Wunschdenken. Mach ein Foto von unserem Esstisch zur Abendbrotzeit – diese ruhigen, gemeinsamen Abendstunden jetzt, die wir so lieben – und schon hast Du ein monochrom Banketje, eins dieser schlichten Mahlzeitstillleben, die Zufriedenheit nachzeichnen und zugleich Wehmut vorwegnehmen. Es ist alles eitel… Wenn uns nun doch irgendwann einmal die Ernüchterung einholen kommt? Die Langeweile? Was, wenn wir bloß dachten, die Jagdveranstaltung sei für uns gelaufen, und Dich, wer weiß, wieder eine Stimme von den Füßen holt, aber eine andere diesmal?
Wie lange schlafen Scheußlichkeiten für gewöhnlich?
Es gibt am Ende immer was zu fürchten. Und zu lieben genauso.]


Bild: Grebe 2020

POTPOURRI DER GEFÜHLE > Hass

Stellen Sie sich einmal eine Parabel vor. Nein, keine literarische jetzt. Sie erinnern sich – 10. Klasse, Funktionsgleichungen usw.: ein U-förmiger Graph, dessen gebogene Arme spiegelgleich verlaufen und im Scheitelpunkt zusammentreffen. Zeichnen Sie also auf ihr gedankliches Kästchenpapier nun bitte ein Koordinatensystem und eine darin nach Belieben angelegte Parabelkurve. So. Und die eine Parabelhälfte versehen Sie mit dem Wörtchen Liebe. Und die andere mit dem Wörtchen Hass.
Wozu diese Übung? Weil wir ständig ignorieren, dass die beiden Geschwister sind. Der Hass ist der schwarze Zwilling der Liebe. Im Ernst! Die beiden teilen ein und denselben Ursprung, nämlich den Magmakessel des Elementaren. Was auch immer in der Lage ist, unsere Liebe / unseren Hass auf sich zu ziehen, besitzt eine existenzielle Qualität, es beschäftigt uns mit äußerster Intensität, es lodert in den Tiefen der Knochen, nimmt uns vollständig in den Griff und quetscht ungeahnte Energien aus uns hervor – selbst unsere Ängste verkriechen sich lieber in ihre Mauselöcher, wenn wir auf dem Rücken eines solchen Gefühls anmarschiert kommen.
Ich glaube, dass nur, wer auch wirklich lieben kann, die Fähigkeit zu wirklichem Hass besitzt. Denken Sie an die Spiegelgleichheit: Wenn Sie nicht wissen, wie es sich anfühlt, etwas mit der Kraft einer Kernschmelze zu lieben – wenn Sie einen solchen Grad von Intensität also nie kennengelernt haben, dann erreichen Sie den auf der Hass-Skala genauso wenig. Dann haben Sie gewissermaßen nicht das Zeug dazu.
Oftmals spricht man von einem Hass, der plötzlich um sich greife oder überkoche, und meint damit oftmals eigentlich den Zorn – der einem wilden Impuls entspringt und somit eher als der böse Zwilling des kopflosen Begehrens gelten kann. Während der Zorn ein explosiver, blindwütiger Geselle ist, der mitunter ebenso spontan wieder verraucht wie er sich entzündet, ist der Hass ein unsterblicher, konzentriert arbeitender Gott. Hass ist, wie die Liebe, hartnäckig und gezielt auf wenige, bestimmte Personen gerichtet. Der Zorn / das Begehren sind da viel flexibler.
Manchmal lese ich so Kommentar-Ketten auf Twitter, Sie wissen schon, die so vor Gift und Geifer triefen, dass Sie direkt glauben, aus dem Gerät, mittels dessen Sie sich da durchscrollen, müsste es tropfen, eine ordentliche Pfütze voll. Manchmal schaue ich mich argwöhnisch auf diesen Internetseiten um, die sich ganz legal der Romantik von Grundgesetzabschaffung und Menschenvernichtung widmen. Manchmal gerate ich auf einem Parkplatz, in einer Kassenschlange, in der Fußgängerzone, im Zug, im Schwimmbad – suchen Sie’s sich aus – in eine dieser unsäglichen Pöbeleien hinein, die offenbar so untrennbar zum Leben dazugehören wie Zähneputzen oder Noroviren, und mir ist klar, dass ich vor allem deswegen unverletzt und (mit Glück) unbespuckt aus solchen Angelegenheiten hervorgehe, weil ich weder dunkelhäutig, schwarzhaarig, sichtbar religiös oder Rollstuhlfahrerin bin, noch Greta-Zöpfe, Merkel-Blazer oder irgendeine Form von Arbeitskleidung trage, weil ich in einer allgemein ziemlich gnädigen Stadt wohne und bislang auch einfach – denn als mittelgroße Frau ziehe ich meistens den Kürzeren, was das körperliche Kräfteverhältnis anbelangt – Glück hatte.
Verrohung, Hate Speech, hassmotivierte Angriffe auf Mitmenschen, ach, diese flächendeckend präsente Hass-Massenware, dieser ganze, quicklebendige Hass-Mainstream – was taugt der Begriff Hass überhaupt, um das ganze einzuordnen? Ich meine, wo es doch zu einem so beliebten Hobby, zum Breitensport geworden ist, willkürlich seine Mitmenschen – direkt oder anonym, in echt oder in Internetland – mal eben anzugreifen, aus Bock, verbal, brutal, illegal, scheißegal?
Hass ist ein Gefühl. Ein furchtbar intensives. Eines, das sogar dem Hassenden selbst eine Qual ist. Der reaktive Hass ist ein genauso zielgebundenes, genauso unwillkürliches Gefühl wie die Liebe.
Indessen ist die Sache mit den Gefühlen immer, von Natur aus, eine etwas diffuse, klar. Wenn man nun aber alles, was auf irgendeine Weise laut, böse, gewaltlüstern ist, mit dem Wörtchen Hass versieht, macht man aus einer diffusen Kategorie eine beliebige. Vor allem jedoch gibt man Leuten, deren einzige Freude es ist, sich mit der Aggressivität eines besoffenen Rottweilers an der Gesellschaft auszutoben, damit eine besondere Rechtfertigungsbasis: Gefühle kommen ja nicht aus dem Nichts – sie werden hervorgerufen! Von ETWAS hervorgerufen, klar? Unsere Gefühle sind wichtige Zeugen! Unsere Gefühle sind Reporter, deren Berichte Ihre werte Aufmerksamkeit verdienen, denn sie dokumentieren die Lage in den Krisengebieten, die unser Alltag sind, kapiert? Unsere Gefühle sind Botschafter im Auftrage unserer geschundenen Seelen, jawohl, also besitzen sie quasi diplomatische Immunität, merkt Euch das, Ihr F*#§%+!
Überlegen Sie, wie furchtbar praktisch es doch ist, eine Regung der niedersten Triebe – reine Gewaltlust nämlich – zum Ausdruck eines tief empfundenen und zutiefst menschlichen Gefühls zu erklären, um nicht zu sagen: zu veredeln. Sehen Sie mal, was für schamloser Mist plötzlich Validität erlangt, indem er als Gefühlsausdruck verkauft wird!
Menschen haben Gefühle, gute, böse, verwirrende. Das ist der Ausweis des Menschlichen schlechthin. Aber wissen Sie: Wer es mal eben so zwischen dem Frühstück und der Runde mit dem Hund, oder beim Schwätzchen mit KollegInnen, oder in der Kassenschlange im Supermarkt, oder zu Tisch bei einer Familienfeier, oder – Sie wissen genau, was ich meine: Wer es mal eben so zwischen zwei Schlückchen Kaffee fertigbringt, seinen Mitmenschen zu sagen, sie sollen doch bitteschön durchgefickt, gehäutet, an die Wand gestellt werden oder zusehen, wie ihre Kinder am Spieß braten, der hat alle möglichen Probleme, aber Gefühle hat er keine. Selbst Hass wäre dafür ein zu großzügiger Begriff. Gefühle sprechen an dieser Stelle nicht aus dem Menschen – da zeigt sich im Gegenteil, dass sie fehlen, die Gefühle, da sind weit und breit keine in Sicht. Da ist bloß Bock auf Tollwut, Lust auf billige Gewalt, kopfloser Hau-drauf-Instinkt. Und das, Leute, genau dieses Fehlen von Gefühlen, ist der Ausweis des Unmenschlichen, und sonst gar nichts.