SCHRIFTLICHES TREIBGUT

PROVINZLEBEN // Stadt, Land, Fluss

The Doldrums – die Kalmen: Was im seemännischen Sprachgebrauch die gefürchteten Dauerflauten in manchen Meereszonen bezeichnet, lässt sich als charakterisierender Begriff natürlich wunderbar auf die ereignisarmen, dörflich bis kleinstädtisch geprägten Breiten übertragen, wo, fernab metropolischer Turbulenzen, das Leben im Großen und Ganzen ziemlich gleichförmig vor sich hin dümpelt.

Jagt man Rohnert Park – The Friendly City durch Google, erfährt man, dass es sich dabei um eine Planstadt mit 40.000 Einwohnern in Kalifornien handelt; dazu poppen Fotos von steril-gepflegten Vorgärten, Angelteichen und einem Wal-Mart Supercenter auf. Aber wozu kalifornische Planstädte googlen, wo ich doch auf dem Weg zum nächsten Supermarkt in der nahen Kreisstadt (40.000 Einwohner) für solche Bilder (steril-gepflegte Neubaugebiete, Angelteiche) nur aus dem Autofenster gucken muss.


Die an hiesigen Jägerzäunen befestigten Zeitungsrollen füllen sich täglich mit Nachrichten über haarsträubende Katastrophen, Mord, Totschlag, Krieg, Korruption und Dekadenz, die überall, rund um den Globus, gegenwärtig sind, nur eben nicht hier: in der soliden und sicheren Provinz, Standort ländliches Niedersachsen. In der Region hegt man freilich so seine eigenen Meinungen zu Globalgeschehen und Großstadt-News und tut diese auch kund – beim Frisör, während des Brötchenkaufs beim örtlichen Bäcker oder an der Bierbude beim Schützenfest. Und nicht selten verhält sich dabei die Stimme aus dem provinziellen Off gegenüber den Ereignissen auf der Weltbühne ganz ähnlich, wie etwa eine kinderlose, philiströse alte Tante, die sich neunmalklug über die Beziehungsformen, Erziehungsmethoden, Wohn- und Jobsituationen ihrer jüngeren Verwandtschaft auslässt. Um die etwas unmittelbarere Lebensrealität kümmert sich indes die Regional-Presse: Stadtmarketing Dödensen gibt diesjährige Termine für verkaufsoffene Sonntage bekannt / Autohaus Münkelmann präsentiert neue Kleinwagenmodelle / TSV Blumenfeld schlägt Krähenwinkel 86 mit 3:1 / Senioren-Residenz Rosengarten lädt zum Tag der offenen Tür / Autofahrerin erleidet Blechschaden bei Wildunfall auf der B443 / Kreissparkasse spendet Ausrüstung für Handballsparte des TUS Klein Audorf / Hof Blanke serviert hausgemachte Torten in neu eröffnetem Scheunen-Café / Bauarbeiten an der Hauptstraße West blockieren die Durchfahrt zur Mülldeponie / Shanty-Chor Frische Brise e.V. sorgt für musikalische Untermalung beim Heinstedter Spargelfest / Ortsbrandmeister Hannes Heinemann freut sich über geglückte Renovierung des Zeughauses / etc. Weit und breit keine Mordfälle in Sicht, hier oder in den umliegenden Gemeinden. Ebenso keine international bekannten Großveranstaltungen, welche Horden von touristischen Marodeuren in die Gegend schwemmen, die nur Krach, Verkehrschaos und am Ende hohe Entsorgungskosten für Berge von Verpackungsmüll und Bierflaschenbruch verursachen. Außerdem steht man hier wirtschaftlich gar nicht so übel da, sofern man nun nicht gerade einen Milchviehbetrieb unterhält. Wer hier lebt, hat’s also gut, und wer’s gut hat, der kann zufrieden sein. Im Umkehrschluss gilt: Wer hier nicht zufrieden ist, mit dem stimmt doch was nicht.


Kurze Unterbrechung dieses Beitrags für eine dringende Meldung der Whatsapp-Gruppe Kindergarteneltern:  Seit gestern vermisst: Gesucht wird die vierjährige Nuschka! Nuschka ist zuletzt am späten Nachmittag gesehen worden und über Nacht verschwunden geblieben! Sie hat schwarzes Fell mit weiß abgesetzten Pfötchen. Nuschka ist mutmaßlich durch eine geöffnete Terrassentür entlaufen und normalerweise KEINE Freigängerin! Die Halter gehen davon aus, dass Nuschka jetzt SEHR verängstigt ist und die Nähe zu Menschen suchen wird! Hinweise bitte an…


Wenn manche Ortsansässige bezüglich der lokalen Lebensqualität eine gewisse Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen, handelt es sich dabei natürlich um jugendliche Einzeltäter.


Architektonisch besehen hat man im mir bekannten Teil des Hannöverschen Umlands bis hin zum Landkreis Schaumburg die 1990er Jahre über zwanzig Jahre hinweg am Leben erhalten. Erst seit kurzem zeichnet sich der Trend ab, etwa bei städtischen Bauprojekten, Abstand zu nehmen von der typischen Vor-Jahrtausendwende-Formsprache, und auch in der Außengestaltung die klassische Uli-Stein-Cartoon-Farbpalette zu ersetzen durch zeitgemäße Farbtöne aus dem Spektrum eines neuen IKEA-Katalogs; der private Häuslebauer allerdings ist bislang eher selten zum Stilwandel aufgelegt. Mag sein, dass der derzeitige Eigentumsbauboom in der Region zurückzuführen ist auf die aktuell niedrige Baufinanzierung, oder meinetwegen auf diese virale Begeisterung für die Romantik des Landlebens – hier im Dorf zumindest verlaufen Bauboomphasen analog zum Generationenwechsel: Nach Kriegsende kehrten viele Männer hierher heim, kamen viele Vertriebene hierher, die sich verstärkt ans Familiegründen und, mit Beginn des Wirtschaftswunders, auch ans Hausbauen machten (Siedlungshäuschen); deren Kinder bauten in den 1970ern munter ihre sandfarbenen, beigen, braunen Einfamilienhäuschen im Pulk an den Dorfrand an; in den 1990ern folgte der nächste Schub, und es entstanden doppelhausweise bewohnbare Riesentetrapaks mit putzigen Design-Akzenten in den Eingangsbereichen und Fensterrahmen in knallblau, außerdem einzelne Barbie-Häuschen mit glasierten (knallblauen) Dachziegeln. Inzwischen ist die nächste Eigenheim-Staffel im Bau, aber bis auf ein einziges Häuschen mit Pultdach und strenger, minimalistischer Linienführung sind hier noch keine nennenswerten Versuche in Modernität zu beobachten. In der nahen Kleinstadt immerhin wurde letztens ein größeres, modernes Immobilienprojekt fertiggestellt – zwanzig ineinander verschachtelte Penthouse-Wohnungen, die ihrer Geometrie nach an einen liegenden Jenga-Turm erinnern und deren Außenoptik von strengem, flächigem Weiß bestimmt wird, aufgelockert durch anthrazitfarben geklinkerte Elemente und den Einsatz von hellem Holz. Um aufs Dorf zurückzukommen: Ich weiß gar nicht genau, wann und warum man einst aufgehört hat, diese eigentlich ortstypischen, langlebigen Fachwerk- und Rotklinkerhäuser zu bauen, die in Schönheit altern, in Würde verwittern.


Wissen Sie eigentlich, wie man Lüttje Lagen trinkt? Man greift mit Zeigefinger und Daumen ein kleines Glas mit 5cl dunklem Broyhan-Bier, klemmt zwischen die übrigen Finger ein langstieliges Schnapsglas mit 1-2cl Korn, setzt das Bierglas an und hebt dann ruckartig den Kopf in den Nacken, sodass man das Bier und den über den Bierglasrand plätschernden Korn zusammen runterkippt. Sichbetrinken, gehobener Schwierigkeitsgrad: Man benötigt dafür eine gute Fingerfertigkeit – bei gleichzeitiger Trinkfestigkeit, sonst ist es nämlich auch mit der schönsten Fingerfertigkeit nach der sechsten Lage schon vorbei. Sie ahnen vielleicht, von welchem Charakter eine Region ist, die eine solcherart perfektionierte Trinkkultur hervorgebracht hat?


Musikalische Fackelträger der binnenländisch-niedersächsischen Seele sind seit jeher: Fury in the Slaughterhouse, Terry Hoax und die Scorpions. Das Provinz-Mixtape, Edition Landkreis Hannover, setzt sich weiterhin zusammen aus Schlagerkrachern, Autoscooter-Mucke und radiotauglichem Durchschnitts-Pop; die B-Seite wiederum ist bespielt mit schnauzbärtigem Classic Rock und dazu viel, viel Gruftie-Kram. Während beispielsweise die Supermarktbeschallung in manchen Hamburger Märkten einen durchaus souligen Einschlag erkennen lässt, dürfte man dagegen in hiesigen Filialen den Nerv treffen, wenn man sich musikalisch etwas deutlicher als üblich zwischen Plastik und Patschuli bewegen würde: Depeche Mode und Helene Fischer, sowieso, auch Roxette, Bon Jovi und den regionalansässigen Heinz Rudolf Kunze liebt man hier treu, und dazwischen könnte man bedenkenlos Deine Lakaien und die Sisters of Mercy einstreuen, oder auch Blutengel, Schandmaul und dergleichen, die der Kundschaft vom alljährlich im nicht allzu weit entfernten Hildesheim stattfindenden M’era Luna Festival her bekannt sind, im Wechsel mit Eurodance-Perlen, Andrea Berg und Silbermond abdudeln – im Geschmackskosmos des sogenannten Calenberger Landes jedenfalls fügt sich das alles ziemlich nahtlos zusammen. Unangefochtene Könige des T-Shirt-Aufdrucks und der Autorückscheiben-Banner sind nach wie vor, seit Jahren unverändert: AC/DC, Subway to Sally und die Böhsen Onkelz.


Morgens und mittags rauschen vor dem örtlichen Kindergarten die Eltern in gebündelter Schar ein, bringen die Zwerge, holen sie ab. Familie G. fällt dabei jedes Mal durch die hemmungslos übertriebene Lautstärke auf, mit der Mamas Ska-Sortiment aus den Boxen dröhnt. Kind und ich singen lauthals kauderwelschend mit: Aye aye aye, aye aye aye! – Tell you baby – You huggin up the big monkey man!  Und: Stop your messing around – Better think of your future – Time you straighten right out – Creating problems in town – Rudy! – A message to you, Rudy! Mit Vorliebe also einschlägige Trojan- und 2-Tone-Label-Klassiker. Die Best-ofs von Prince Buster oder Toots & The Maytals. Oder artverwandtes von The Clash – Wrong ‚Em Boyo zum Beispiel. Ein paar satte Bläser und sonnigen Off-Beat in die hiesige Atmosphäre pusten – irgendjemand muss das ja machen! Bislang finde ich allerdings weder mit meiner musikalischen Alltagspraxis, noch meinem Dress-Code, noch meiner Freizeitplanung Nachahmerinnen am Ort, und es mag wohl sein, dass die übrigen Mütter gern glauben, ich würde mir in der etwas albernen Rolle der Etwas-andersartigen-Mama ganz gut gefallen. Aber das ist Quatsch. Im Gegenteil bemühe ich mich sehr, hier nicht als allzu schrullig wahrgenommen zu werden – noch nicht. Zumindest nicht, solange das im Zweifelsfall mein Sohn ausbaden muss, der sich hier gerade ein funktionierendes soziales Umfeld aufbaut. Aber was manche gewisse Eigenarten angeht, bestehe ich dann doch darauf, dass sie gepflegt und erhalten werden müssen, selbst – oder gerade -, wenn man damit allein auf weiter Flur dasteht. Alldieweil bekommt mein Fünfjähriger regelmäßigen Spielbesuch, von viel mehr Kindern, als ich in seinem Alter überhaupt je mit Vornamen gekannt hätte, und denen gefällt’s bei uns zu Hause ziemlich gut.


Bei erstaunlich vielen Calenberger Landsleuten, die innerhalb eines bestimmten Jahrgangsfensters geboren wurden, gehören New Model Army zum festen Bestandteil des Platten-/CD-Schranks. Das liegt wohl an der spezifischen Doppelnatur, die die knarzigen alten Recken in diesem Umfeld entfalten: Keine andere Band brachte so gut auf einen gemeinsamen Nenner, was man hierzulande als Subkultur empfand, und gleichzeitig klingt aus den staubtrockenen, knüppelharten Bassläufen, aus Justin Sullivans schmucklosem Gekrähe und aus dem handfesten Songwriting ohne Schnickschnack eine bis heute gültige Wesensänlichkeit mit diesem an sich nüchternen, ruralen Landstrich heraus. Für den gar nicht so kleinen Teil der Landbevölkerung, der zu einer gewissen rustikalen Form von Melancholie neigt, haben sich NMA, die sich ebenso wenig verändern mögen wie man eben selbst, als langjährige Begleiter etabliert. The Ghost of Cain zählte auf jeden Fall zum Standardrepertoire für all die jugendlichen Einzeltäter hier, die sich in ihrer Unzufriedenheit an der lokalen Lebensqualität suhlten, weil es eine Platte war, die eine enge atmosphärische Verschwisterung mit dem Ortsgefühl einging und doch nach einem Aufmucken gegen ebendieses Ortsgefühl klang. Ich bekam sie mit vierzehn von der älteren Schwester einer Schulfreundin geliehen und hörte sie etwa achttausendmal, bevor ich mich dann selbst mit dem ganzen NMA-Kram eindeckte und das Bandlogo mit Autolack und selbstgeschnippelter Schablone auf meinen Rucksack sprühte. Zwar war ich nach einem halben Jahr mit dieser Phase restlos durch und ließ die CDs danach verstauben, aber umso unverwässerter verbinde ich nun mit NMA einen Sommer voller träge verbrachter Nachmittage am Flussufer.


Von Seegraben, Beeke und Aue ging’s für mich erst mal ans Leineufer. Dann weiter an die Kieler Förde, zu Schwentine und Nord-Ostsee-Kanal. Danach rüber zu Elbe und Alster. Und nun wieder zurück an den Seegraben. Vielleicht hab ich Treibholz in den Knochen; wer weiß, wo ich in zwanzig Jahren bin: an der Weser, der Maas, der Birkenheider Dummbäke oder doch der Themse? Aber vielleicht begnüge ich mich auch einfach damit, es den Lachsen nachzumachen: gegen den Strom an in die Heimat zurückstrampeln, laichen, sterben.


Die Störche sind zurück und kreiseln über den Dächern herum, staksen durch die frühjahrsnassen Äcker und Weiden, klappern. Auch die Kiebitze schreien wieder ihr Wyywitt. Die Trecker schwärmen aus, pflügen, eggen, drillen und düngen. Je nach Bodentemperatur und Pollenflug verändert die Luft hier ihren Geruch. Wenn es in der Stadt Frühling wurde, hab ich das oft erst am saisonalen Deko-Wechsel im Supermarkt erkannt und mein Dorf dann heimlich, aber schrecklich vermisst.


Die Stadt vermisse ich meist so lange, bis mir wieder in den Sinn kommt, wie viele wirklich verflucht hässliche Häuser es da gibt. In denen man dort ja tatsächlich lebt, und das auch noch haarsträubend teuer. Und dann spaziert man da durch die hübscheren Viertel, an den hübscheren Häusern entlang, in denen die Leute wohnen, die für ihre Wohnung monatlich den Gegenwert eines Gebrauchtwagens hinblättern, und denkt ganz versonnenheitsblöde bei sich, wie schön sie doch ist, die Großstadt, mit ihrem Flair, mit ihrem Charme.


Wenn ich mit siebzehn aus der Schule nach Hause kam, mit dem Bus, der zwischen Kleinstadt und Dorf pendelt, packte mich ein mitunter kaum auszuhaltendes, klaustrophobisches Gefühl. Ich guckte mir diese Gegend an, die in etwa soviel Charakter besitzt wie eine Packung Toastbrot, und dachte ganz sicher, dass ich, wenn ich noch länger hierbliebe, unweigerlich irgendwann meinen gesamten Biss verlieren würde. So wenig Leute hier, und so groß die Borniertheit und der Mangel an Neugier. Natürlich war es das einzig Richtige, mit achtzehn sofort die Beine in die Hand zu nehmen und in die nächstbeste Stadt wegzulaufen, denn natürlich ist es schön, in der Stadt zu wohnen. Erst mal, ein paar Jahre lang jedenfalls. Irgendwann aber, als ich so mit Ende zwanzig allmählich müde war vom Feiern, begann mich plötzlich ein mitunter kaum auszuhaltendes, klaustrophobisches Gefühl zu packen, wenn ich mich durch überlaufene Geschäfte drängelte, wenn ich mir unsere kleine Großstadt-Wohnung so anschaute und mal wieder vom stets hörbaren Gerödel der Nachbarn über und unter und neben uns genervt war, wenn ich selbst morgens um sechs im hintersten Stadtparkwinkel kein Plätzchen fand, das ich, nur mal kurz, nur für mich selbst besitzen durfte, sondern spätestens nach einer Viertelstunde schon wieder umlagert war von den ewigen Joggern, Hundehaltern, Taijiquan-Betreibern und sonstigen Frischluft-Bedürftigen. Die Stadt bietet so viel Input, so viel Ablenkung, aber so wenig ungestörten Raum. Das ist schlechterdings das Merkmal der Stadt: ihre Dichte. So viel Leute da. Aber auch so viel Mimese und Mimikry, so oft so wenig zu entdecken unterhalb der Oberfläche. Spätestens unter den Kindergartenmamas habe ich mich dort bisweilen gefühlt wie in einer von artifiziell verfremdeten Lebewesen bevölkerten Blase, und da dachte ich ganz sicher, dass ich, wenn ich noch länger hierbliebe, unweigerlich irgendwann meinen gesamten Biss verlieren würde. Ich kam mir ziemlich blöd dabei vor, am Essen zu sparen, damit von unserem Budget irgendwie Geld übrig blieb, das ich dann in überteuerten Krempel stecken konnte, auf dass ich von den Miteltern nicht scheel angeguckt werde, weil mein Kind als einziges mit den falschen Klamotten rumläuft, bei angesagtem Spielzeug nicht mitreden kann und noch nie im Szene-Familiencafé frühstücken war. Und ich hatte es schnell satt, beim Spielplatztreff so zu tun, als interessierte ich mich für vegane Backrezepte für den Kindergeburtstag und für die besten Kursanbieter in Sachen Eltern-Kind-Yoga. Nichts für ungut: Wem das etwas gibt, dem wünsche ich ehrlich viel Spaß damit, aber eben ohne mich. Spricht da eine bissige, alte Tante aus mir.


Meanwhile in Schicksterhude: Die Schlange vor dem Café Eispalast hat sich laut der Eispalast-App inzwischen auf 1,3km Länge ausgedehnt, die Wartezeit beläuft sich aktuell auf ca. 2 Stunden und 27 Minuten. Ab heute bieten wir Euch wieder täglich frische, hausgemachte Eis-Kreationen! Probiert unbedingt unsere Lakritz-Rosmarinsalz-Sensation! Außerdem: Soja-Sesam-Quinoa, White Choc mit einem Hauch Amalfi-Zitrone, laktosefreies Vanilla de Luxe, Pili-Nuss-Crunch, Granadilla-Curuba-Sorbet und Cherimoya-Champagner. 


Es gibt keine Adresse, die mich so ganz von selbst zu einem interessanteren Menschen machen würde, oder zu einem einsamen, oder zu einem zufriedenen. Was gibt mir die Stadt? Sie gibt mir zu denken. Das Dorf gibt mir zu atmen. Ich kann das eine wie das andere gut gebrauchen. Ganz vorbehaltlos zuhause fühle ich mich weder hier noch da, denn weder hier noch da gehöre ich so recht hin und füge mich sonderlich passgenau ein. Ich habe lieber aufgehört, mein Zuhause an bestimmten Orten zu suchen – ich finde mein Zuhause in einzelnen Menschen, mit denen ich wirklich reden kann und an denen mir viel liegt. Die brauche ich, und die habe ich, hier und da; alles andere spielt für mich keine große Rolle mehr.


GLOBAL THINKING // Scherbografie

cimg6848

Geheimnis bleibt dem tiefsten Geist,
Was Dasein heißt.
Gott hat das Rätsel ausgesprochen,
Sich selbst darüber den Kopf zerbrochen,
Bis er in Scherben zerschellt;
Die nennt man nun: die Welt.

Paul Heyse (1830 – 1914)


Ich kenne – mich selbst eingeschlossen – niemanden, der nicht ab und an oder gar dauerhaft von dem Gefühl beschlichen wird, sich im Leben auf einem Scherbenhaufen zu bewegen. Man besitzt einen natürlichen Gefüge-Sinn, der unversehrte Einheiten als etwas Ideales empfindet, und der aufspürt, wo man es mit bruchgefährdeten oder bereits zerstörten Unitäten zu tun hat. So, wie man von gut oder böse spricht, wendet man auch heil oder kaputt als Urteil an. Das untersuchende Gespür richtet sich auf das kleine wie auf das große Ganze aus, tastet das Private ab, prüft die engen und die weiten Kreise, in die das Individuelle eingebunden ist, auf Dellen, Risse und Lücken, und nimmt, als größte Einheit, die Kugel, auf der sich das Weltleben abspielt, in den Fokus. Die Biografie des Einzelnen, menschliche Beziehungen, ideelle Werte – schon im Kleinen stößt das Gespür allseits auf gesprengte Einheiten, auf kaputte Systeme, und wie sollte da der Gefüge-Sinn erst im Großen das Heile finden? Weltkarte, politisch: ein Mosaik aus bunten Scherbchen.

KOPFGEBÄUDE // Raum und Zeit

Jeder hat ein eigenes Bild vor Augen, sobald der Begriff Elternhaus fällt. Für mein Kind, das schon mehrere Häuser bewohnt hat, wird dieses Bild später sicherlich weniger eindeutig ausfallen, als für mich. Mein Elternhaus ist nicht einfach ein Haus – es  ist DAS Haus. Ich selbst bin mittlerweile neunmal umgezogen, von Mietwohnung zu Mietwohnung und Stadt zu Stadt; eine derart flexible Vorstellung von Zuhause wäre für meine Mutter oder Großmutter kategorisch undenkbar gewesen. Ein Viergenerationenhaushalt waren wir damals. Von der Diele bis unters Dach: Alte, Älteste, Eltern, Kinder, Hunde, Katzen, Karnickel. Hier wurde geboren, gelebt, gestorben. DAS Haus verließ niemand einfach so.

Meine Eltern waren immerhin die Ersten, die ein Auto anschafften. Die Ersten, die in Urlaub fuhren – ein Unterfangen, dessen Sinn sich den Älteren partout nicht erschloss, sie wussten einfach nichts mit dem Konzept Urlaub anzufangen. Darüber hinaus sorgte man sich, Bauchweh leidend vor Bangigkeit, um das Wohlergehen der Jüngeren, während diese fern der Heimat weilten. Im gefährlichen Wohnwagen-Urlaub nämlich, zwei endlose Wochen lang. Im wilden Holland. Wie jedes Jahr. Als meine älteste Schwester als erstes Kind aus dem Dorf aufs nahegelegene, kleinstädtische Gymnasium geschickt wurde, traten im Untergeschoss des Hauses das selbe Unverständnis, die selbe Sorge auf: Wat dauet jie blot dat Mäken an?, fragte man, De junge Lüe van Dage, de schallt wohl alle Professors waarn, wurde gezetert. Gleich hinter unserem Geländezaun, muss man wissen, fing die unheilvoll echte, gegenwärtige Welt an, gegen die es zusammenzuhalten galt, so die unausgesprochene Parole. Stillstand wurde als Stabilität empfunden. Und diese innere Haltung spiegelte sich in den Eigenschaften des Gebäudes: Vergangenheit als Fundament, Vergangenheit als Mörtel. Jeder Raum: eine Vergangenheitskonserve – die meisten bis heute.

Die Kammer, in der meine Urgroßmutter schlief, blieb seit den 40ern so gut wie unverändert; die Bakelit-Lichtschalter und die Art Deco Deckenlampe aus gewölktem Glas dürften noch ein Stück älter sein; Kleiderschrank und Aussteuertruhe bewahren seit jeher urgroßelterliche Sonntags-, Alltags- und Trauerkleider auf, die Konfirmationsbibel der Urgroßmutter, ballenweise, vom Urgroßvater in den 1910ern handgewebtes Leinentuch, auch die Hochzeitsdecke der Ururgroßeltern von 1896; das Alter der schmalen, knarzenden Holzstiege hinauf – wegen des darunterliegenden Halbkellers liegt die Schlafkammer erhöht, man nennt das hierzulande Upkamer – lässt sich nicht mehr bestimmen; die Lehmschlagwände zählen zur ursprünglichen Bausubstanz von 1796. In der Urgroßmutter-Küche, von der die Kammer abgeht, tackerte es jahrzehntelang beruhigend gleichförmig aus dem Kasten der großen Pendeluhr – von de Jude, bei dem diese gekauft worden war, hatte die Uroma erzählt, und davon, dass er regelmäßig gekommen war, um die Uhr aufzuziehen, bis er irgendwann nicht mehr gekommen war. Darüber hatte sie im selben beiläufigen Ton, den sie ab und an durch bedeutungsschweres Seufzen konterkarierte, gesprochen, wie sie ihn immer beibehielt, ob sie nun Geschichten aus der Familie erzählte oder Märchen – von Baba Jaga, der Knochenhexe, und ihrem Hüsken up den Heunerfüsken, vom Fisser un sin Fru, und so fort -, so dass ich bis heute die Trennlinie zwischen erlebter Geschichte und Märchen als etwas Durchlässiges empfinde. Für meine Urgroßmutter spielte diese Unterscheidung schlichtweg keine Rolle, sie nahm beide Ebenen gleich ernst und blieb dabei in ihrem Erzählen stets der Wahrheit verpflichtet. Wahrheit lässt sich auf unterschiedlichste Weise transportieren, und bei uns war es nun einmal üblich, sie nicht auf direktem Wege auszudrücken.

Indem man die Großeltern-Küche betritt, gelangt man in die 1950er; früher wurde dort sonntags Kaninchenbraten aufgefahren, hausgeschlachtet, und sommers saßen wir zum Erbsenpalen, Bohnenschnippeln, Pflaumenkernpulen um den großen Tisch mit geblümtem Wachstuch herum. Alles, was der riesige Garten und der Hausacker hergaben, landete auf diesem Tisch, wurde gewaschen, geschrubbt und geschält, kleingemacht, eingemacht, eingekocht: verschiedenste Apfelsorten, Süßkirschen, Pflaumen, Zwetschen, Kürbisse, Zucchini, Möhren, Zwiebeln, Aardbeien, Stickelbeien, Kakelbeien (roe, swatte und witte), Josterbeien, Himbeeren, Brombeeren, Rhabarber. Auch zentnerweise Kartoffeln – mein Großvater hatte einen Kleintraktor, auf dessen Pritsche die Kartoffelberge bewegt wurden; Kartoffelkäfer zu sammeln war mein Kinderbeitrag zu dieser anachronistischen Versorgungsarbeit, bevor ich einen Tuffelschiller oder ein Knief zum Schälen in die Hand nehmen durfte. In der Großeltern-Stube hatten, mit der großgemusterten Tapete, immerhin die 1960er Einzug gehalten. Feierten Urgroßmutter, Großmutter oder Großvater Geburtstag, ging die große, mehrheitlich alte bis sehr alte Verwandtschaft und Nachbarschaft dort einen ganzen Tag lang ein und aus; man trug Sonntagskleidung und duftete nach parfümierter Seife und 4711, die Männer nach Haarwasser; auf dem Geschenketisch sammelten sich die mitgebrachten Blumenbouquets, Pralinen- und Seifenschächtelchen, beschleifte Töpfchen mit Usambaraveilchen und Begonien; für die Kaffeestunde waren tagelang vorher Kuchen- und Tortenmassen produziert worden; es wurden Likörchen und Schnaps gereicht, wir Kinder bekamen von den Weinbrandbohnen; abends wurden Brotberge, Mett, Zwiebeln, Eier, Wurstsortimente auf Servierplatten angerichtet. Die Tischgespräche verliefen bedächtig; drehte es sich nicht um körperliche Gebrechen, rotierten die üblichen Geschichten, wurde Vergangenheit gewälzt; auch hier tauschte man sich nie direkt über Ansichten oder gar Gefühle aus, sondern tat dies über den Umweg episodischer Erzählungen. Als meine Eltern meinen Großeltern irgendwann einen damals blitzneuen Fernseher in die Stube brachten, wurde dieser zunächst ratlos betrachtet; gegen die fremdkörperhafte Anmutung des modernen Geräts schaffte ein gehäkeltes Spitzendeckchen, obenauf gelegt, etwas Abhilfe.

Die Treppe ins Obergeschoss bedeutet einen Sprung in die 1980er. Darüber liegt der Dachboden, der eine Asservatenkammer über hundertjähriger Familiengeschichte ist, eine Beweismittelsammlung aller im Haus geführten oder zumindest begonnenen Leben; vererbte Bauernschränke, historische Zeitschriftenstapel, Kinderkleidung aus den 60ern und 70ern, altes Haushaltsgerät und Spielzeug, Vintage-Nippes.

Den Gebäudeteil, der früher Viehstall und Arbeitsküche beherbergt hatte, mit seinen gekalkten Wänden und dem Heuboden darüber, rissen wir ab, als ich dreizehn war. Misthaufen und Jauchegrube wurden gleich mit beseitigt; auch der bunkerhafte Komplex aus halbhohen Schuppen und Butzen, den sich mein kriegsgeschädigter Großvater über Jahre hinweg zusammengezimmert hatte, wurde vom Gelände geräumt. Das war 1995; meine damaligen Klassenkameraden hatten, so ganz anders als ich, nie einen Flachsrechen gesehen, mit Sensen hantiert oder hausgeschlachtetes Karnickel gegessen. Als mit dem Abriss auch ein Stück Zeit weggeräumt worden war, ging mir auf, was damit einherging: dass es plötzlich Platz für ein Stück neue Zeit gab. Ich ließ also die 90er ins Haus.

Jetzt werden die alten Böden heraus- und die geblümten Tapeten von den Wänden gerissen: Platz machen für die 2010er. Sammeltassen aus den 50ern, vererbtes Feiertagsgeschirr, vergilbte Fotoalben, Nähmaschinenschränkchen, Schatullen mit Eheringen, originalverpackte Strumpfhosen aus den 60ern, Der röhrende Hirsch im falschgoldenen Rahmen, Nachkriegs-Stubenmöbel, Häkelutensilien, patiniertes Silberbesteck, Bergmannsuniformen kommen in Kisten oder gleich ganz weg. Nach und nach löst das Museum seine Sammlung auf.

An dem Elternhaus in meinem Kopf wird das nichts verändern.


Fotos: Grebe, 2016

FLUGWESEN // Im Museum gelandet

 

Mein Vater, der eigentlich gern zur See hätte fahren wollen, ging notgedrungenerweise erst einmal unter Tage. Himmel!, mit 15, 16 Jahren im Schacht herumzukriechen anstatt übern Atlantik zu schaukeln – man möchte doch eine Möwe sein, keine Ameise! Prompte Flucht aus dem Berg, als es sich anbot, zu den Fliegern zu gehen. Nein, nicht als Pilot: als Elektriker. Als Kind durfte ich bei Gelegenheit in diversen historischen und modernen Flugmaschinen herumhampeln. Für mich waren das Tiere – herrlich große, herrlich laute, auch gefährliche, die sich uns gegenüber allerdings zutraulich gaben: Junkers Ju 52, Transall C-160, Antonow An-124 „Ruslan“, Lockheed C-5 „Galaxy“ und C-130 (zivil: L-100) „Hercules“. Den Kabelbaum einer Transall (Kilometer über Kilometer Kabel) zu untersuchen und zu warten, das stellte ich mir nicht anders vor, als im Bauch eines Walfisches nach Nervenbahnen zu tasten und dabei zu wissen, wo man zukneifen muss, damit die linke Flosse zuckt. Zusammen in Urlaub geflogen sind wir übrigens nie. Und Aviatik interessiert mich bis heute nicht. Das rätselhafte Innenleben von Flugwesen dagegen immer noch: alten Modellen unter die genietete Blechhaut schlüpfen, Rippenbögen zählen, an Schaltorganen drücken und hebeln, Schweißungsnarben betasten; den gegenwärtigeren Typen ins Innere der Turbinenlungen, ins Cockpithirn und Motorenherz schauen. Mein Vater lebt schon lange nicht mehr – stellvertretend besuche ich „seine“ Flugzeuge im Museum.


Fotos aus der Ju-52-Halle (Grebe, 2016)

SELBSTBEGEGNUNGEN // Nachtschicht

Der zwecklose Radau im Schrank verebbt nicht. Energisches Wummern, Bügelhaken, die über die Kleiderstange kreischen, ab und an patscht es saftig. Unterdessen schlüpfe ich zielstrebig in meine Stiefel und mache mir nicht einmal mehr die Mühe, Ruhe! zu schreien. Bin schon so gut wie weg. Die Kleiderberge dämpfen die Lautstärke des inwendigen Wutgeheuls herab, und das Holz wird den Tritten schon nicht nachgeben.

Draußen. Unter den Stiefeln wechseln Kies und Kopfstein zu Asphalt. Weg von den weiten Freilandflächen, die Nacht in großen Portionen auffahren – von hinter Pollux bis in den letzten Mausbau und von hier bis zum waldgesäumten Horizont alles an einem Stück -, auf zerteilte Nacht zu, auf quadratisches Flackern, das sich in Hausfassaden stapelt.

Nachtfenster sind seltener schwarz als bildschirmbläulich. So ein Licht, das Einsamkeiten auf die Gehwege hinauswirft, und da stapfen ich und alle nun mittendurch. Wonach ich mich umsehe, ist aber orangeweißes Leuchten, in dem zahlreiche Schatten flackern. Der Zufall, der mit mir spazieren geht, guckt mir eins aus. Darunter, vor dem dazugehörigen Hauseingang, eine fremde, gackernde Leutetraube. Ich stelle mich dazu. Kurze, letzte Abwägungen: Idealer Überheiterungsgrad ringsum, man sieht mich nur halb an, und diese Hälften lachen unbekümmert, gut, ich lache unbekümmert zurück. Gleich wird der Türsummer gehen, und alle und ich werden nach oben schlendern und dann hinein, in diese überfüllte Wohnung. Wo mich niemand kennt. Sobald ich aber reingekommen bin, könnte ich glatt sagen: Mich kennt hier keiner, bin zufällig hier reingelaufen, und die Antwort darauf wäre: Ha ha – erst einmal drin, wird mir die Fremde, die ich tatsächlich bin, ja keiner mehr abkaufen.

Hi!, die Wohnung kocht über vor Laut und Leuten, Wo is denn, Genau!, Getränke, Gespräch braust, Musik, Hör ma, Sag ma, Kann ich mal, Aber immer!, alle Sinnkanäle augenblicklich randvoll, Was?, Nimmste mal, Ja nee, Fuck!, Körperkarussell, Gesichter sind aufgelöst, alles Augen, Zähne, dazu Hände, Weg da!, Hiiiiiiiii!, dazu Atem und Puls, Hab ich auch, Wie is überhaupt, Ewig!, Und wohin?, Ach und, Hey!, Du!, ich spiele Vornamenbingo, Bingo!, Aber schon lange nich, Aber so was von, Mit denen von, Genau!, ich selbst spiele keine genaue oder gleich gar keine Rolle, Ja, ich!, alles und nichts weist mich aus, nur nichts Bestimmtes, Hey!, Da drüben, Привет!, Ah, Tschuldigung, Hi!, Und ihr auch oder was?, und ich bin sie alle und ich bin niemand, Kennste, Nee, Doch!, Was machste jetzt so? Essen – auch daran schmarotze ich mich satt.

Dann schnell mal wohin; neben mir, in der Badewanne, jemand, der zwischen den wassergekühlten Getränkeflaschen eingeschlafen ist. Abgelöste Halsetiketten kleben am Oberkörper, am Ohr blinkt, schwach bläulich, ein LED-Ring. Vom nassen Bier nehme ich eine Flasche für mich, eine zum Weitergeben mit. Wollt’st du?, frage ich wen. Ah, danke! Frage weiter: Erkennste mich? Ein Stirnrunzeln, das sich aber gleich wieder entknittert: Warte – klar! Ich antworte zufrieden: Ha ha, und dann gehe ich.

Draußen. Hektisches Wühlen im Jackentaschen-Unrat. Feuerzeug, Kronkorken, Papierschnipsel mit Telefonnummern, Taschentücher. Da: die Schlüssel zur Haustür, zur Schranktür. Also doch nicht verloren gegangen. Der Nachtrand wird sichtbar, unter dem sich das Helle schon vorbereitet. Das gibt mir die Zeit und die Richtung für den Heimweg vor: Los jetzt, und da geht’s lang. Immer voran im Zurückschritt.

Zu Hause angekommen, bloß schnell aus den Stiefeln raus: Bin wieder da! Tagschicht steht an. Im Schrank enormer Radau. Ja ja, nuschele ich, mit einem Mal unsäglich müde, ich geh nur kurz noch Zähneputzen! Ein Knall. Ja, ich beeil mich auch! Danach stecke ich vorsichtig den Schlüssel ins Schrankschloss und halte mich bereit. Geschrei prescht vor, und kaum öffnet sich die Schranktür, springe ich mir sofort entgegen: Zum Verrücktwerden! Es kann doch wirklich nur ein halbes Gehirn so dumm, Einfach nicht wahr sein!, Und wieder mal auf den letzten Drücker!, Längst hell geworden, Aber jetzt!, Aber hallo!, Muss das denn jede Nacht, Immer dasselbe! Ich aber bin schon weg, bin in den Schrank gehüpft, und schließe nun hastig die Tür hinter mir ab, von innen. Noch lange nicht fertig!, Hey!, zweckloses Gepolter gegen die Schranktür, von außen, dann Stille. Bald darauf ballern die Stiefel zackige Schritte aufs Parkett, und ich höre das entschieden laute Schlagen der Haustür, das doppelte Abschließen. Dann Stille.

IM LEERLAUF // Habt Ihr Lesetipps für mich?

Die Diagnose, die der Telekom-Herr stellt, lautet: „sporadisches W-LAN“. Warum in unserer Wohnung seit Mitte Dezember regelmäßig das Netz verschwindet, später kurz mal da ist, nur um schnell wieder hops zu gehen, kann mir keiner erklären – folglich weiß auch niemand, mit welchen Mitteln sich dieser Zustand therapieren ließe. “ Sehr geehrte Kundin, wir haben schließlich alles versucht.“ Und inzwischen hat, anscheinend vor lauter Kummer wegen seiner dauerhaften Nichtnutzung, auch das Laptop seinen Dienst eingestellt, vermutlich irreparabel.

Anstatt also hier zu schreiben, lese ich derzeit eben umso mehr. Auch gut, ja. Zuletzt war „Amerikatz“ dran; „Dezemberfieber“,  Jim Nisbets „Dunkler Gefährte“, Flore Vasseurs „Kriminelle Bande“ sind längst durch; „Abidas“ liegt hier noch; „GB84“ könnte wohl was für mich werden. Aber allmählich gehen mir doch die Bücher aus. Darum sende ich an dieser Stelle einmal einen Aufruf aus an all jene, die gerade anderweitig nichts Dringenderes zu tun haben: Fallen Euch spontan Titel ein, die ihr mir vorschlagen könntet? Nicht dass Ihr nicht ohnehin jeden Tag Empfehlungen veröffentlichen würdet, nicht wahr? Nun – wenn ich Euch aber nur nach einem einzigen, aus irgendwelchen Gründen bei Euch direkt im Hirn aufleuchtenden Titel fragen würde, was ich hiermit tue?Das ist eine Frage aus reiner Neugier, und Antworten aus reinstem Zufall oder in vollster Absicht würden mich freuen.

 

FEIERTAGE // Im Land des falschen Lächelns

weih (2)

Mit Kugel assoziiere ich Munition. Zur Weihnachtszeit sollte ihre Buntfärbung nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kugel dem Kontext Kampf weiterhin verhaftet bleibt: Ihr Einsatzgebiet, Weihnachten, ist eine Schlacht, die auf den Feldern des Konsums geschlagen wird und in der Emotionen die Qualitäten von Explosivstoffen annehmen. Panikflecken leuchten rot in zwangsfröhlichen Gesichtern. Für die letzten Einkäufe werden Verhaltensmuster aktiviert, die auf unsere Vergangenheit als Jäger, auf einen rohen Versorgungs- und Überlebenskampf verweisen. Und dann begeben wir uns ins Minenfeld einer mehrtägigen Familienzusammenkunft.

Mir fiel gestern eine Glaskugel vor die Füße. Scheußliche Splitterstreuung natürlich, aber keine weiteren Überraschungen: ein bunt bepinselter Hohlraum, sonst ist da nichts.

BRENNSTOFF // Gutfeuer

Gutfeuer, Sonja Grebe

Ein Gutmensch bin ich also? Ist mir jahrelang gar nicht aufgefallen. Ich: Gutfrau. Ja, wo kämen wir nur hin ohne die Bescheidwisser, die Weltdurchschauer, die einem erklären, wer man ist, wie der Hase läuft, wo der Frosch die Locken hat und was es unter Adolf nicht gegeben hätte: die Wahrheitsmenschen. Sie essen Wahrheit, sie saufen Wahrheit und rülpsen sie, sie schlafen auf Wahrheitsmatratzen, marschieren in Wahrheitsschuhen herum, auf Wahrheitsstraßen. Unbegreiflich, warum dies hier nicht längst ihr Wahrheitsstaat geworden ist, auf den sie mit so viel Feuereifer hinarbeiten. Schuld daran, sagt ihnen ihr innerer Erkläromat, sind diese lästigen Gutmenschen, die der Wahrheit immer im Wege stehen müssen. Um mit diesem Titel bedacht zu werden, braucht man inzwischen schon nicht mehr gleichzeitig Veganer, Umweltschützer, Waldorf-Pädagoge und Linkswähler zu sein, sondern es genügt, Brandanschläge auf Unschuldige als abartig zu bezeichnen. Die Gutfrau sagt das gern noch mal deutlich: BRANDANSCHLÄGE AUF UNSCHULDIGE ZU VERÜBEN IST ABARTIG. Die Gutmenschen, so hallt es wider, diese Schwachmenschen, Weichmenschen, Blindmenschen, kapierten eben nicht, was Mut zur Wahrheit bedeute, und dass dieser sich hier nun in Taten zeige. Gefaselgeschwulste, pathologische Pathetik: Eine Wahrheit, für die Andere brennen sollen, ist eine Geisteskrankheit. Wenn schon, dann selber brennen. Gutfrau, die ich also bin, will ich, dass meine Hütte vor Gutfeuer lodert, für´s Gute will ich selbst als Brennstoff funktionieren, Feuer und Flamme sein für was Warmes, was Positives. Ihr kalten Deppen!


Bild: „And we´re carrying the fire“ (Grebe, 2014)


ARES WAR HIER // Nachmittag am Badesee

Während des Zweiten Weltkrieges ging ein Gespenst um, das seine Signatur allenorts hinterließ, wo amerikanische und britische Truppen auf dem Vormarsch waren: Ein comichaftes Gesichtchen, unterzeichnet mit dem Tag Kilroy was here, fand sich auf unzähligen Hauswänden, LKW-Planen, Schiffsrumpfen, Flugzeugverkleidungen, in europäischen Kleinstädten, im Norden Afrikas, auf pazifischen Inseln und, einer hübschen Anekdote zufolge, sogar während der Jalta-Konferenz in den Toilettenräumen eines gesicherten Gebäudes, was Stalin zu einem irritierten Kommentar bewegt haben soll. Die Magie Kilroys bestand darin, der eigentlichen Truppenbewegung immer bereits einen halben Schritt voraus zu sein (dahinter steckte ein halsbrecherischer, sportlicher Wettbewerb der Soldaten, was der Magie indes keinen Abbruch tat). Vom dahingeblödelten truppeninternen Running Gag wurde Kilroy zur Identifikationsfigur für, zunächst, die US-Streitkräfte, nach und nach dann für die Gesamtheit der westlichen Alliierten; die Territorialmarkierung per Kritzelei bildete ein geradezu kindliches Pendant zu den Raumeroberungen, die, jenseits aller kindlichen Verspieltheit, mit Waffen und schwerem Gerät gemacht wurden. Kilroy, diese Strichmännchen-Version des Boy Next Door, war mehr als nur bloßes Maskottchen, nämlich: ein kleiner Gott der Unverwundbarkeit, der sich weit in Feindesland hinaus wagte und sich mit List und Zähigkeit durch Gefechte kämpfte, um schließlich, unberührt geblieben von der Wucht des Grausamen, den geschlagenen Schlachten seinen lakonischen Pennälerspruch als Pointe aufzusetzen – Kilroy was here. Nachdem er seine Blütezeit im Zweiten Weltkrieg und Koreakrieg erlebt hatte, während derer er unbestreitbar weit herumgekommen war in der Welt, fand er seinen Platz in den Annalen der kollektiven Popkultur.

Im gleichen Verhältnis wie jenem von Popkultur zu griechischer Mythologie, stehen Kilroy und eine andere, eine olympische Figur des Krieges zueinander: Ares ist kein Phänomen einer Zeit, sondern die Allegorie eines zeitlosen Phänomens, er drückt keinen Kollektivgeist aus, sondern stellt eine kollektiv empfundene Absolutheit dar – die des Kriegsschreckens. Während seine Halbschwester Athene für Kampf und Weisheit gleichermaßen steht und ihre schutzgottheitliche Zuständigkeit somit ins Ressort Strategie-Operation-Taktik fällt, ist Ares, ihr (nicht zufällig) männlicher Gegenpart, der Gott des kriegerischen Handwerks, der Schlacht, des Massakers. Wie Kilroy, bewegt sich Ares inmitten des Feldgeschehens, doch anstatt darauf bedacht zu sein, irgendwie mit heiler Haut durchzukommen, liebt Ares das Blutbad innig, schwingt sein Schwert, dass es kracht, und das nicht etwa Kaugummi kauend – er kaut Knochen. Ares verkörpert die viehische Rohheit des Tötens an sich. Ehrbegriffe wie Heldenhaftigkeit oder Ruhm gelten ihm nichts, ebenso wenig im Übrigen die Wissenschaften oder schönen Künste, und seine Verhasstheit unter den Menschen setzt sich unter den Göttern des Olymps fort: Selbst von Zeus wird sein allen geistigen Dingen so abgewandter und den düstersten Vergnügungen zugeneigter Sohn verachtet. Die sinnliche Liebe Aphrodites dagegen zieht er an, sie bleibt ihm in einer notorischen, ehebrecherischen Beziehung dauerhaft verbunden, und sie ist bei Weitem nicht seine einzige Liebhaberin. Mit seiner Entsetzlichkeit einher gehen Ares‘ bestechende Attraktivität und seine archaische Sexualität, wodurch der Krieger zum männlichen Idealbild erhoben wird. Zu den Kindern, die aus seinen verschiedenen Verbindungen hervorgegangen sind, zählen nicht von ungefähr Deimos, der Gott des Grauens, und Phoibos, Gott der Furcht. Als kennzeichnende Attribute werden Ares naheliegenderweise Schwert, Schild und Helm zugewiesen, außerdem die brennende Fackel, der Hund und der Geier, sprich: er betreibt Brandschatzung, schafft verbrannte Erde, verbrannte Seelen, ist Kommandant der willigen Gehorsamen, voll Geifer, auf Hetz- und Treibjagd, fördert Gezänk und Aasfresserei und gräbt die Knochen aus dem Fleisch hervor.

Ausflug mit meinem Sohn zum Badesee: Alljährlich im Frühjahr wird der Strandabschnitt des chronisch modderigen Binnensees, der unsere Gegend im Sommer zum überlaufenen Naherholungsgebiet für Großstädter macht, mit unverbrauchtem Sand aufgeschüttet. Eine Spezialfirma pumpt einfach sandigen Seeboden an Land, und der frische Aushub bietet reichlich Gelegenheit für Schatzsichtungen, sofern man, wie Kinder das eben tun, Feuersteinen und Flussmuschelschalen, einst über Bord gegangenen Sonnenbrillen, sandgeschmirgelten Glasscherben oder Möwenknochen etwas abgewinnen kann. Darüber hinaus birgt der See jedoch allerhand Kriegsaltlasten. Ob später auch Bombenschutt hier verklappt worden ist, kann ich nicht sagen, sicher ist aber, dass die hiesige Bevölkerung im Vorfeld der Entnazifizierungsmaßnahmen durch die Westalliierten sich ihrer Hitlerzeit-Restbestände entledigte, indem sie Uniformen und Munition im See versenkte. Mein Sohn quietscht aufgeregt, als er einen messing- und rostfarbenen Klumpen entdeckt, den ich ihm jedoch augenblicklich aus der Hand reiße. Hey! trötet er los, dann Was ist das?, und da tue ich etwas, das sonst nicht so meine Art ist, ich drücke mich um die Antwort: Äh, ich pack das mal weg, okay? Aber zum Glück ist der gerade noch brandheiße Kaffee jetzt schon ein kalter, jetzt nämlich hat mein Sohn die nächste Sensation entdeckt, ein rätselhaftes Plastikteil, und während ihn dieses schwer beschäftigt, schaue ich mir den korrodierten Patronen-Batzen in meiner Hand etwas genauer an. Kilroy war hier, denke ich, und Ares auch.

Ging mein Vater als Junge mit seinen Freunden auf Schatzjagd, im Sandsteinbruch und dem umliegenden Waldgebiet, nicht allzu weit von hier gelegen, trugen die Kinder in ihren Taschen danach stolz ihre speziellen Funde nach Haus. Fossilien gab es dort zu entdecken, Ammoniten, mitunter groß wie Suppenteller, versteinerte Muscheln oder zwischen den Schichten des Gesteins gepresste Ur-Blumen. Und Handgranaten. Das Eine wie das Andere, waren diese Dinge Zeugen untergegangener Reiche voller Ungetüme, und so trieben sie die Fantasie an, wodurch sich schauderhaft-abenteuerliche Vorstellungen von der Vergangenheit entsponnen. Nach den Steinplatten mit Saurierspuren durfte man den Dorfschullehrer ausgiebig befragen, fragte man aber nach den Handgranaten, gab es keine Antworten, nicht vom Lehrer, und von den Eltern oder Großeltern schon gar nicht.

Ob nun Patronenklump aus dem See oder Handgranate aus dem Steinbruch – so ein Stück Kriegsmetall in Händen zu halten, erklärt einem ein ganzes Generationendrama in nur zwei Sätzen: Es gibt die, die den Krieg erlebt haben. Und es gibt die, die ihn nicht erlebt haben.

Stirbt hierzulande heute ein Kind, versteht man das als unvorstellbare Tragödie. Erhält man Nachricht von der unheilbaren Krankheit eines nahen Angehörigen, ist die Wirkung dieses Schlags unerträglich mächtig. Szenarien wie Vergewaltigung oder systematische, sadistische Quälerei lassen uns deren Opfern derzeit ein erschüttertes Mitleid entgegenbringen. Verliert man Freunde durch einen Unfall, begleitet einen für längere Zeit ein unwirklich anmutender Schrecken. Brutaler Mord sticht als für Angehörige unverwindbarer Sonderfall aus der heutigen Lebensnormalität heraus. Der Katalog der möglichen traumatischen Lebenserfahrungen ist lang, und für uns selbst und die von uns Geliebten fürchten wir nichts so sehr wie eine persönliche Begegnung mit ihm. Erlebt man heute Versehrungen oder Verluste, fordert man mit selbstverständlichem Anspruch sein Recht auf Untersuchung, Aufklärung und Rechtsprechung in jener Angelegenheit ein. Wir bewerten Leid als eine Besonderheit, und wir betrachten es immer als singuläres Leid. Leid und Unrecht im Krieg betrachten wir dagegen gängigerweise, vielleicht aus Einfachheitsliebe, als Kollektiverfahrung. Doch Qualen bemessen sich nicht an ihrem Umfeld, ihren Umständen, ihren äußerlichen Zusammenhängen, sondern sie sind und bleiben ein individuelles Erfahren, und so muss jedem Leid im Einzelnen begegnet werden, auch wenn es sich vertausendfacht ereignet hat.

Ein Krieg ist mehr als die Summe seiner Toten. Vielleicht ist jeder Krieg ein irdisches Schwarzes Loch. Vielleicht ist er auch tatsächlich ein Spielplatz von Gott und Teufel – aber was glaube, was weiß ich schon? Die Wirkung eines Krieges jedenfalls geht weit hinaus über den Zeitraum, in dem er währte, und über die Verluste, die man haargenau zu berechnen vermag oder auch nicht. Jedem Leid wohnt eine Expansionsenergie inne – ein Einfluss, der das Folgegeschehen maßgeblich mitbestimmt, auch über Generationengrenzen hinweg. Das wird besonders dort greifbar, wo eine ganze Gesellschaft geprägt wird von verschleppten Traumata oder verschwiegener Schuld, von Unverwundenem oder Ungebeichtetem. Der Dauerdruck, den das Kontrollieren einer solchen psychologischen Gemengelage schafft, explodiert mitunter eine Generation später, wenn der Nachwuchs beginnt über die Eltern zu richten.

Die gute alte Zeit: Eingedenk der vielsagenden, innerhalb meiner Familie überlieferten Episoden aus dem Damals, die ja nur einen Bruchteil dieses Damals abbilden, frage ich mich immer wieder, wie groß das tatsächliche Ausmaß des Wahnsinns hinter den Fassaden zu jener Zeit gewesen sein muss. Ich denke da nicht nur hinter die Spitzengardinen des Nachkriegsreihenhäuschens irgendwo im ländlichen Niedersachsen, sondern an den Alltag überall dort, also weltweit verstreut, wo das aus Panik, Hunger, Tod und Gewalt gemachte Gestern das Heute fest in seinem Griff hielt. Man kommt aber an diesen Wahnsinn nicht heran, sofern man ihm nicht selbst unterliegt. Man macht gleich zum Einstieg den Fehler in den falschen Dimensionen zu denken. Man denkt sich – man kann eben nicht anders – von außen heran, geht von Zahlen aus, anstatt sich Gerüche und Geräuschkulissen auszumalen, hört sich an, was Menschen erzählen, versäumt dabei aber, das darin Verschwiegene gefühlsdetektivisch zu rekonstruieren. Man vergisst auch den Faktor der Kriegsdauer und dessen zermürbende, zersetzende Wirkung: Versucht man, sich selbst in eine solche Situation zu versetzten, stellt man sich meist eine falsche Version von sich selbst, nämlich sich selbst in seiner aktuellen Verfassung, in jener Situation vor, man bedenkt oft nicht, welche Auswirkungen auf Umwelt und Mensch die vorangegangenen Monate oder Jahre bereits gezeitigt hatten. Die eigenen Erfahrungen taugen nicht als Besteck um die Erfahrungen der Anderen zu sezieren, sofern dazwischen keine Deckungsgleichheiten bestehen: Körperlicher Schmerz, Hunger, Todesangst – solcherlei Dinge lassen sich durch Nachdenken nicht nachfühlen. Man kann problemlos wissen, was Zwangsarbeit ist, ohne den leisesten Schimmer davon zu haben, wie Zwangsarbeit ist. Man begreift ein KZ nicht, indem man es besucht. Man versteht eine Atombombe nicht, indem man sich in Physik weiterbildet. Man fragt sich, wie viele Steine durch Trümmerfrauen-Hände gegangen sind, aber man fragt nicht auch automatisch, wie viele Leichenteile. Man fragt sich, wie Zivilisten in Stalingrad überleben konnten, aber man scheut davor zurück, sich bis ins Detail vorzustellen, wie ein halbverwester Pferdekadaver schmeckt. Blickt man auf die Folgejahre, auf Rock´n Roll und 68er, erfasst man zwar die Motive einer Generation, die ausbrechen wollte aus einem beklemmenden, vergifteten Heimat-Mief, doch man schaut mit heutigen Augen darauf und besitzt nicht den umfassenden Blick für die Bedingungen, die die Zeit stellte: Man erkennt nicht mehr, wie minenverseucht, hysterisch, oft sprachlos solche Auseinandersetzungen tatsächlich verlaufen sein müssen wie beispielsweise die zwischen einer Mütterschicht, die von existenziellen Versorgungsängsten geprägt worden war, deren eheliches Leben mit kriegsheimgekehrten Männern oft alptraumhafte Züge angenommen hatte, die mitunter mit kriegszeitlichen Vergewaltigungserfahrungen vollkommen allein gelassen worden waren, die sich nie mitteilen konnten und durften, und einer Töchterschicht, die sich nicht mehr fremdbestimmen lassen, die sich sexuell nicht mehr verstecken wollte.

Dass man den Krieg nie begriffen bekommt, bevor man nicht selbst bis über beide Ohren drinsteckt – vielleicht hat Ares selbst das so eingerichtet. Dass sich aus der brodelnden Traumasuppe vorangegangener Kriege oft der Beginn des nächsten herausbildet, könnte auch eine seiner Ideen gewesen sein. Falls er da wirklich seine Finger im Spiel hatte, waren das clevere Weichenstellungen, die Ares eine rosige Gegenwart und Zukunft sichern.

HANNOVER // Graue Stadt ohne Meer

Passerelle Hannover Sonja GrebeHannover Sonja GrebeHannover Sonja Grebe

Der Jugend Zauber für und für / Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, / Du graue Stadt ohne Meer. Das kommt mir – frei nach Theodor Storm – so in den ironischen Sinn, als ich nach reichlich langer Zeit mal wieder über den Raschplatz streune. Als „Hinterausgang“ des Hauptbahnhofs Hannover war der Raschplatz, der heute allerdings mit sehr viel weniger Naserümpfen begehbar ist als in Vor-Jahrtausendwende-Zeiten, seit jeher Sammelpunkt für Obdachnot, Drogenelend, für jedwede Verwahrlostheit städtischer Couleur. Desgleichen galt für die ehemalige, in den Raschplatz mündende Passerelle, eine unterhalb des Bahnhofs entlang führende, schäbig-dunkle Einkaufsstraße, deren unterirdische Lage ihren unterweltlichen Charakter zusätzlich dick unterstrich.

Der damalige Mischgeruch aus Räucherstäbchen und Urin steht mir, indem ich mich kurz zurückdenke, sofort in der Nase. Raschplatz und Passerelle lieferten jedoch alles, was man dringend brauchte und in der Provinz schmerzlich entbehrte: asiatischen Klimbim aus dem China-Shop, billigen Modeschmuck mit vermutlich gefährlich hohem Nickelgehalt, Haarfärbepasten in Neonregenbogentönen, antiquarische Bücher, gebrauchte Platten und CDs, Elternschreck-Stiefel aus dem UK-Punk-&-Ska-Shop, unglaubliche Vielfalt an Zeitungen und Magazinen, abenteuerliche Second-Hand-Klamotten (die meist nach einer vierten oder fünften Wäsche überhaupt erst tragbar wurden), Buttons und Badges mit Anarcho-Sprüchen oder Band-Emblemen, Jamaika-Ramsch, Militär-Ramsch, Schuhe und Taschen aus dunklen, röhrenförmigen Läden, in denen es giftig roch und sich die Ware bis an die Decke stapelte. Und: Dies war der erste, der einzige Raum totaler Egalheit, den ich kannte. Man konnte schlichtweg alle Dinge tun, sagen, tragen, kaufen, fragen, sein und schreien, die man wollte, ohne dass jemals einer guckte. Man hätte allerdings ebenso gut tot mitten im Weg liegen können, ohne dass jemals einer geguckt hätte, und die Bekanntschaft mit diesem Phänomen hatte ihre gleichermaßen heilsame wie erschütternde Wirkung auf mich.

Im Vorfeld der Weltausstellung 2000 wurde mit den wenig tourismusverträglichen Zuständen etwas aufgeräumt, mit städteplanerischem Schischi, sozialpolitischem Wischiwaschi und viel polizeilichem Krawumm, was bedeutet: Drogen-, Obdachlosen- und Stricherszene wurden in die angrenzenden Viertel verdrängt, ein paar Putzkolonnen extra geschickt und ein oder zwei zusätzliche Glühbirnen eingeschraubt, wodurch das Ganze einen rosigeren und gesünderen Teint bekommen sollte. 2001 wurde die Passerelle schließlich streckenweise umgebaut, verhübscht, verhochglanzt, und 2002, eingedenk der Popularität einer frisch verstorbenen Ehrenbürgerin der Stadt, deren Nanas das Leineufer säumen, umbenannt in Niki-de-Saint-Phalle-Promenade. Ich vermutete damals, man versuche da mittels eines neuen Namens, den jeder Hannoveraner augenblicklich mit Kunst und Knallfarben in Verbindung bringt, den unsagbar tristen Passarellen-/Raschplatz-Bereich allein mit dem psychologischen Farbpinsel etwas ansprechender zu gestalten. Heller und ungefährlicher geworden ist es sicherlich, irgendwie reizvoll oder gar hübsch natürlich nicht. Das kurze Passerelle-Teilstück, welches Raschplatz und Alten Zentralen Omnibusbahnhof miteinander verband – und dieses Stück zum ZOB machte mir damals wirklich, was ich partout nicht anders formulieren kann, eine Scheißangst -, ließ man dagegen noch einige Jahre länger in seinem eigenen Höllenbrodem vor sich hin schmoren.

Abgehend vom inzwischen erneuerten Raschplatz, existiert noch ein winziger Original-Passerellen-Wurmfortsatz, der einen Verbindungsweg zu den Aufgängen zum gerade erst rundum sanierten Kulturzentrum Pavillon darstellt. Ich falle vor Überraschung beinahe hintüber, als mir bei einem unwillkürlichen prüfenden Blick zur taubenwimmelnden Tunneldecke ein altes Passerelle-Logo ins Auge fällt, das seit nun dreizehn Jahren seiner Entfernung harrt. Durch diesen amputierten, in Schmierigkeit konservierten Tunnelabschnitt betritt man ein halbschalig geformtes Betongelände, von wo aus man gleich drei echte Wahrzeichen der Stadt im Blick hat. Zum einen die Raschplatz-Hochstraße, die als monumentaler Betonbalken quer und schwer den Luftraum durchzieht. Ein Grau-Ungetüm von niederschmetternder Plakativität, welche durch ein paar spielerische Elemente wohl hatte gemildert werden sollen. Vergeblich: Die an der Unterseite der Fahrbahn anhängigen Über-Kopf-Autos – Betongüsse in originaler Autogröße – verstärken durch ihre grobschlächtige Form noch die spürbare Lieblosigkeit. Sie wirken wie das Spielzeug eines rabaukigen Kind-Riesen, der des Weiteren gern die Raschplatz-Punks und -Trinker wie reichlich abgewetzte Playmobil-Figürchen in einer ungenutzten Zimmerecke auf einen Haufen schmeißt, nachdem er ihre Frisuren, Kleidung und Ausrüstung zu unbrauchbarer Chaos-Masse verarbeitet hat, und dessen forschender Spieltrieb auch die Tauben ins Visier nimmt, welchen er ganze Beinchen oder halbe Flügel auszupft um danach zu beobachten, wie sie sich für eine Weile panisch in ihrem Schmerz abstrampeln, bevor sie schließlich, taubenzäh, weitermachen wie zuvor. Der zweite Klassiker unter den hannöverschen Beton-Scheußlichkeiten, der das Panorama des Raschplatzes bestimmt, ist das Bredero-Hochhaus, eine Perle des Brutalismus. Mitte der Siebziger als Prestigeprojekt in Sachen Zeitgeist dahingeklotzt, begrüßt es heute als Zeitgespenst mit über fünfzig Prozent Leerstand jeden Fahrgast, dessen Zug sich Hannover Hbf nähert. In seiner innigen Verschwisterung mit dem VW-Tower, diesem festen Mitglied des städtischen Skyline-Ensembles, einem ausgedienten Sendeturm, der in seiner heutigen Funktion Hannover als die Hauptstadt von VW-Country ausweist, wird deutlich, dass das Grau hier unangefochten den Horizont beherrscht. Mächtiger Stahlbeton, Ausdruck grauen Willens, wie in den Himmel empor gekrochen, so die Erde erstickend.

Was mein Gefühl von Hannover als Ganzem ausmacht, bündelt sich an dieser Stelle der Stadt aufs Wesentliche. Hier bleibe ich ein bisschen, setze mich. Was soll ich sagen – dieses Mistding von einem Platz war meine erste große Stadtort-Liebe.


>> Fotos: Alter Passerelle-Zugang am hinteren Raschplatz, Ecke Pavillon / Hochhaus Lister Tor, meist Bredero-Hochhaus genannt, daneben der VW-Tower, der auch unter dem Kosenamen Telemoritz bekannt ist / Raschplatz-Hochstraße mit Auto-Skulpturen (Grebe, 2015)