AM FLUSS > Von Vätern und Söhnen: Blues am Mississippi und am Niger

Wer Blues sagt, denkt den Mississippi mit – an wohl kaum einem anderen Ort sind Musik und Fluss so eng miteinander verbunden. Der Delta-Blues, entstanden zu Beginn des letzten Jahrhunderts, hat sich für die Entwicklung moderner Musikrichtungen als Zündfunke von unschätzbarem Wert erwiesen. In der Fortentwicklung des Neuen jedoch ging das Wissen um dessen Wurzeln weitgehend verloren. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Blues hervorgebracht hatten, durchliefen grundlegende Veränderungen, es stockte dadurch auch die mündliche Tradierung des Liedguts. Neue Tonaufnahme- und Wiedergabetechniken waren noch nicht demokratisiert verfügbar. Vermutlich wäre die Vielfalt des Blues bald undokumentiert verklungen und ein großer Teil vergessen worden.

<Go and get this material while it can be found. Preserve the words and music. That’s your job.>* Mit diesen Worten wurde John Lomax von Seiten der Harvard-Universität in seiner Forschungsarbeit ermutigt, die ihn kreuz und quer durch die USA führen sollte: Die Dokumentation amerikanischer Musikfolklore. Lomax, dessen Kindheit auf der elterlichen Farm begleitet worden war von den Gesängen der Tagelöhner, befreiten Sklaven und Cowboys, hatte durch Ernteerlöse und den Verkauf seines Ponys genug Geld zusammenkratzen können um eine akademische Ausbildung zu finanzieren, die sich bald in den Kulturwissenschaftsbereich verlagern sollte, wo sie sich schließlich auf die Musikforschung konzentrierte. Beginnend mit seiner Studienzeit, sammelte Lomax über Jahrzehnte hinweg tausende von Dokumenten traditioneller amerikanischer Musik. Zunächst allein, ab den 1930er Jahren dann begleitet von seinem Sohn Alan und einem annähernd drei Zenter schweren Phonographen, begab er sich auf seine als Field Trips bekannt gewordenen Aufnahme-Reisen. Steigende akademische Anerkennung und gelegentliche Radioauftritte sorgten dafür, dass Lomax´ zunehmende Popularität teilweise auch auf die von ihm besuchten Musiker abstrahlte: Zum Beispiel beschäftigte Lomax sich intensiv mit Prison Songs – die Gefängnisse galten als Enklave ungebrochener Weitergabe traditionellen Liedguts, auch in Form der von den Chain Gangs gesungenen Work Songs – und stieß in diesem Zusammenhang auf einen ehemaligen Häftling namens Lead Belly. Diesem war als erstem Blues-Musiker eine veritable Karriere beschieden, die von Lomax durchgehend gefördert wurde. Die von Lead Belly adaptierten oder selbst geschriebenen Stücke sind ein elementarer Bestandteil der amerikanischen Musikkultur geworden. Alan Lomax setzte die Arbeit des Vaters fort, indem er einem vielleicht noch intensiveren Weg folgte. Über die USA hinaus führten ihn seine Aufnahmereisen unter anderem bis nach Haiti, Marokko, Großbritannien und auf die Bahamas. Ihn trieb die Idee an, durch das Verdeutlichen von Entwicklungszusammenhängen in regional getrennten Musiktraditionen eine Art musikalischer Internationale aufzuzeigen. Geprägt war die Musikforschung der Lomaxes jahrzehntelang von finanziellen und gesundheitlichen Widrigkeiten. Eine breite öffentliche Wertschätzung ihrer Arbeit bestand jedoch stetig. Über zehntausend Aufnahmen lagern in der Library of Congress. In digitalisierten Zeiten vereinfacht sich der Zugriff auf die Dokumentationen für die breite Öffentlichkeit. Inzwischen findet sich via Youtube eine Zusammenstellung vieler beeindruckender Aufnahmen im Alan Lomax Archive.

(*Charles Wolf and Kip Lornell, Life and Legend of Leadbelly (New York: Da Capo Press,1999), S.108)

Die Wurzeln des Blues zurückzuverfolgen, führt in letzter Konsequenz über den Ozean, den Abstammungsspuren amerikanischer Sklaven – nach Afrika. Dort hat sich derweil eine eigene Ausrichtung des Blues entwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gitarre, bisher dort wenig verbreitet, ein populäres Instrument auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Und im Zuge verschiedener Unabhängigkeitsbewegungen vormaliger Kolonialstaaten zeigten in den 50er und 60er Jahren viele Regionen auch Mut zu ihrer musikalischen Identität. Die afrikanische Musik im Allgemeinen wurde zugänglicher für internationale Einflüsse und fand im Austausch größere Verbreitung auf dem europäischen und amerikanischen Kontinent.

Entlang des Niger zeigt sich eine ganz eigene musikalische Prägung. Den wenigsten unter uns dürften Instrumente namens Njarka, Ngoni oder Gurkel ein Begriff sein. In Verbindung mit der neu entdeckten Gitarre schufen Musiker in den Niger-Anreinerstaaten aus dem Klang jener traditionellen Instrumente und modernen Einflüssen den mittlerweile international populären Klang des Mali-Blues. Der inzwischen verstorbene Ali Farka Touré hat als zweimaliger Grammy-Gewinner unter jenen Musikern einen besonderen Status inne. Geboren am Niger und aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, profitierte Touré in den 60er Jahren nach der Unabhängigkeit Malis von staatlichen Programmen zur Förderung lokaler Musiker. Seine erste eigene Gitarre kaufte Touré übrigens in Sofia; das Interesse an Folk-Musik erreichte in den späten 60er Jahren neue Höhen in Europa und führte auch afrikanische Musiker auf Tourneen zum Kontinent im Norden. In den 90er Jahren entstand mit dem amerikanischen Blues- und World-Musiker Ry Cooder eine Zusammenarbeit, die nicht nur Ali Farka Touré, sondern dem Mali Blues generell eine enorme internationale Aufmerksamkeit bescherte: Das Projekt Talking Timbuktu wurde mit einem Grammy geehrt und sicherte Touré auch finanziellen Erfolg. Inzwischen führt Tourés Sohn Vieux Farka Touré den musikalischen Weg seines Vaters fort und hat sich durch Auftritte in Afrika, Europa und Nordamerika als improvisationsbegabter Live-Musiker profiliert.

DAS LEBEN VON GESTERN > Die verspätete Frau Baier


Mein musikalischer Geschmack springt für gewöhnlich in zerschrammten Lederstiefeln umher, setzt sich allerdings ebenso gern am Jazzklavier nieder. Gäbe es in meiner Musikwelt diese Pole nicht – Krawallmacherei und Konzentriertheit -, wäre sie leblos und hätte nichts mit meinem Inneren zu tun. Glücklicherweise fehlt ihr die räumliche Dimension, sodass es möglich ist auf einem einzigen Speichergerät beliebige Stile unterzubringen, zwischen denen eine solche Distanz besteht, dass man andernfalls ohne Flugobjekt vielleicht nie von einem zum anderen käme.

Zwei schlichte, aber goldene Gesetze erklären alles, was auf meinem MP3-Player vor sich geht: 1. Gegensätze ziehen sich an. 2. Vielfalt ist besser als Einfalt. Sie lassen sich ebenso gut zu Rate ziehen, wenn es darum geht, ein anderes Speichermedium auszulesen – meinen Lebenslauf.  (Musik und Leben sind eben oft wesensgleich.)

Auch in Sibylle Baiers Lebensgeschichte kommt Einiges zu einander, was tektonisch betrachtet so gar nicht zusammengehört. Deutschland und die USA etwa. Weiterhin: zarte Singer-Songwriter-Stücke aus den 1970er Jahren und eine der Grunge-Zeit entsprungene Kultfigur des Independent Rock.

Es sind die späten 60er Jahre: Eine Freundin zerrt Sibylle Baier in die Welt hinaus, zwei Mädchen machen sich auf die Reise über die Alpen. Danach beginnt Sibylle damit, Songs aufzunehmen – der erste, Remember the Day, erzählt von ihrer Reise. Von 1970 – 1973 entstehen 14 Songs, die Sibylle selbst aufnimmt. Eine Stimme, eine Akustikgitarre, ein Tonbandgerät. So schlicht ihre Aufnahmemethoden sind, so klar und natürlich sind der Klang und die Atmosphäre der Stücke. Man glaubt ihnen die Ungehetztheit ihres Entstehens anzuhören, es ist eine Sammlung privater Lieder, aus dem Bedürfnis heraus geschrieben und gesungen, das eigene Leben zu begleiten, und nicht die Vorgaben von Produzenten oder Plattenfirmen zu erfüllen. Trotz kurzer Ausflüge in die Schauspielerei – in Wim Wenders´  Alice in den Städten spielt sie 1973 eine kleine Nebenrolle – orientiert Sibylle Baier sich jedoch nicht weiter beruflich im Kulturbetrieb. Auch bleiben ihre Lieder unveröffentlicht. Ihre Lebensplanung richtet sich nun nach etwas anderem aus: Wie in so vielen Biografien, verebben künstlerische Anfänge, man heiratet, man gründet eine Familie. Sibylle Baier lebt inzwischen in den USA, das Wichtigste sind ihr aber nicht etwa neue Karrierepläne, sondern ihre Kinder.

Wie verändert sich der Blick auf die eigene Mutter, wenn man Tonbänder entdeckt, die aus einem fremden Leben zu stammen scheinen und doch die vertrauteste aller Stimmen wiedergeben? Sibylle Baiers Sohn Robert, selbst Musiker, hat in den Neunziger Jahren die jahrzehntealten Tonbandaufnahmen seiner Mutter wiederbelebt, zunächst in Form einer Kleinpressung, die im weiteren Familienkreis verbreitet wurde. Mit zunehmender musikalischer Professionalisierung erreichte Robert allerdings nach und nach Kreise, die ihm wertvolle Branchenkontakte lieferten, bis es sich schließlich ergab, dass er die Aufnahmen J Mascis vorlegte. Nicht nur als Kopf von Dinosaur JR, sondern auch als Produzent von Sonic Youth hat Mascis sich seinen Status als eine der bleibenden Größen der 1990er erarbeitet. Das Ergebnis dieses Zusammentreffens war die Veröffentlichung eines Albums mit den 14 Songs von Sibylle Baier auf dem Label Orangetwin. Unter dem Titel Colour Green ist die melancholisch gefärbte Songsammlung seit 2006 lieferbar.