BRENNSTOFF > Fieber-Musik

Diese Gelee-Tage: Jede Bewegung muss ich gegen eine widrige Substanz durchsetzen, die meine eigene ist. Ein Gelee-Ich im Gelee-Raum. Bekäme ich nicht die allmorgendliche Starthilfe durch einen kräftesprotzenden Vierjährigen, würde ich jene Tage so verbringen wie die Mücke ihre Äonen im Bernstein. Kinder beherrschen, ganz von Natur aus, die hohe Kunst des positiven Radaumachens. Die Musik professionalisiert das. Sie hat den Krach urbar gemacht, sodass er Ernteerträge abwirft, die mitunter überraschend ausfallen. In ihrer unruhigen, juckigen Form erhöht Musik heilsamerweise meine mentale Temperatur und macht damit krankheitsträchtige Substanzen unschädlich. Rabimmel, rabammel, rabumm – mein Mixtape für heute:



 

LONESOME TRAVELLER > One of these days I´m gonna stop all my travelling


Die längste einsame Reise ist das eigene Leben. Der 1931 in Glasgow geborene Anthony James „Lonnie“ Donegan tingelte, mit kurzen Unterbrechungen, lebenslang in Europa und den USA als Jazz-, Blues- und Folk-Musiker umher. Anfang der 50er Jahre trug er maßgeblich dazu bei, die in den USA entstandene Folk-Spielart Skiffle in Großbritannien populär zu machen, was einen veritablen Skiffle-Wahn auslöste und Donegan den Titel King of Skiffle einbrachte. Als Junge begann er Gitarre zu spielen, nachdem er mit seiner Mutter nach deren Scheidung nach London gezogen war, wo die Radiosender viel Bluesmusik brachten. Während seiner Stationierung im Nachkriegs-Deutschland gründete er seine erste eigene Jazz-Combo, arbeitete später mit weiteren Jazz-Bands für verschiedene Album-Aufnahmen zusammen, trat solo auf und schrieb fleißig Songs für Andere. Regelmäßig spielte er in der Hamburger Szene und nahm Alben mit deutschen Jazz- und Skifflemusikern auf. In England skifflete und kalauerte er sich vorrangig als Gute-Laune-Bombe durch diverse Show-Formate. Unterwegs in den USA erlitt er schließlich seinen ersten Herzinfarkt. Damit war die Reise für Donegan aber nicht vorbei: Ende der 70er nahm er seine Songs gemeinsam mit Kollegen wie Ron Wood, Brian May und Ringo Starr neu auf, trat weiter auf, erlitt einen zweiten Herzinfarkt, der ihn ein zweites Mal nicht aufhielt. Ende der 90er spielte er sogar noch auf großen Festivals und brachte ein gemeinsames Album mit Van Morrison heraus. Erst 2002 endete die Reise; Lonnie Donegan starb während einer Großbritannien-Tour, kurz vor einem Auftritt.

WAHN-VERWANDTSCHAFTEN > Irgendwann werden die Biester uns holen kommen – deal with it.


A wild pack of family dogs came runnin‘ through the yard one day
My father got his gun, shot it up, they ran away, okay
A wild pack of family dogs came runnin‘ through the yard
And as my own dog ran away with them

I didn’t say much of anything at all
Didn’t say much of anything at all
Didn’t say much of anything at all

A wild pack of family dogs came runnin‘ through the yard
As my little sister played
The dogs took her away and I guess she was eaten up okay
Yeah, she was eaten up okay

My mother’s cryin‘ blood dust now
My mother’s cryin‘ blood dust now
Mother’s cryin‘ blood dust now

My dad, he quit his job today
Well, I guess he was fired but that’s okay
And I’m sittin‘ outside by my mud lake waiting for the pack to take me away
Right after I die, the dogs start floating up towards the glowing sky

Now they’ll receive their reward
Now they will receive their reward
Yeah, they will receive their rewards


Irgendwas stimmt einfach nicht mit der Welt – das merkt man spätenstens, sobald einen neben den unvermeidbaren heimtückischen Überraschungen des Lebens auch noch die Pubertät heimsucht. Pünktlich zu meiner selbigen trat die Band Modest Mouse auf den Plan. Schülerbandmäßig geschrammelt und nuschelig dahingeträllert, dazu dann ein Text, der irgendwie Bauchweh macht, fertig ist die Modest-Mouse-ja was?-Ballade. Oft kreisen die Texte um Kontrollverlust, da bieten sich die Themen Familie und Liebesbeziehung geradezu an als Minenfelder der mangelnden Kontrollgarantie. Die Feststellung, etwas stimme nicht mit der Welt, ihren Bewohnern und Einrichtungen ist der Kern der Modest-Mouse-Logik – der ständige Unterton lautet allerdings eher: Etwas stimmt nicht mit mir. Ein wiederkehrendes Motiv ist das Gehirn, das unkontrolliert rast oder pennt, wie es gerade will – es reagiert willkürlich auf emotionale Reize, ist untauglich als Steuerungsinstrument, vielmehr die reinste Chaosmaschine, die überempfindlich und unvorhersehbar ausschlägt und explodiert. My brain’s the burger and my heart’s the charcoal (Lounge). All das wirkt sich entsprechend auf die Weltsicht aus: Vater, Mutter, zwei Kinder, Garten. Könnte nett sein, kommt melodisch auch daher wie ein Kinderlied. In der einzig denkbaren, nämlich der Abgrund-Version von Idylle aber zerreißen dann menschenfressende Rudelbestien die Familie und man sitzt fatalistisch am Matschtümpel um auf den Tod zu warten.

Oft von hypsterischen Nachfolgern kopiert, aber nie erreicht ist neben dem Pixies-verwandten Sound vor Allem jenes mitunter kryptische Songwriting – Texte, die tief in der Magengrube, wo sich vielleicht das lichtscheue Unterbewusstsein hin verkriecht, wenn´s im Gehirn mal zu hell wird, eine Menge Tumult verursachen. Um vordergründige Horror-Effekte geht es dabei nie, vielmehr werden die Schocks und Scheußlichkeiten im Leben, diese wirklich unangenehm bohrenden Dinge, Verunsicherungen, Wahn und Wut als gegebene Lebensrealitäten achselzuckend in den Lyric-Kosmos mit einbezogen. Keine Psychiatrie-Dichtung, sondern lediglich Texte, die als Ventil für die Kehrseiten der Alltagsnormalität funktionieren. Logisch, dass sich das musikalisch auch in handfestem Krach und Geschrei ausdrückt, womit die Band ihre lethargisch-ironische Fassade immer dann, wenn sie gerade Lust dazu hat, pulverisiert, um sie gleich danach gemütlich wieder aufzubauen. Unverstellte gutgelaunte und entspannte Momente wirken darin umso zerbrechlicher.

Seit rund zwanzig Jahren bereits sind die eigenwillig-bis-eigenartigen Modest Mouse aktiv und wegen ihrer eckigen, unrunden Energie so was wie meine Herzensband. Man muss sie nicht mögen – lieben kann man sie dafür umso mehr. Ist mir auch wurscht, wenn jetzt wieder einer kommt und sagt, die seien inzwischen auch längst im Mainstream angekommen. Die schrullige Truppe um den sehr speziellen Frontman Isaac Brock hat übrigens gerade mit Strangers to Ourselves ein neues Album vorgelegt, das aufs Neue das Kunststückchen vollbringt gleichermaßen einlullend wie aufkratzend zu sein – aber nicht nur diesen Album-Tipp wollte ich hier loswerden. Die weitere Diskografie der Band ist eine ziemliche Fundgrube voller doppelbödiger Indie-Stampfer, -Brüller und -Säusler, gelegentlich sogar tanzbarer Hymnen für die Party zum 18. Geburtstag. Und selbst wer musikalisch nicht so warm damit werden mag, kann durchaus seine Freude an den Song- und Albumtiteln haben, die oberflächlich betrachtet alle Qualitäten von verqueren Werbe-Slogans besitzen, darüber hinaus aber mit textlichem Tiefgang unterfüttert sind. Perlen der Hintersinnigkeit und schöne Anti-Titel: The Fruit That Ate Itself, The Gravity Involved in Climbing, An Apology From Dog to Cat Concerning a Comment Made Earlier ‚Bout Cats Breath, Talking Shit About a Pretty Sunset, This Is a Long Drive for Someone With Nothing to Think About, Space Travel Is Boring, Dramamine, Edit the Sad Parts, The Lonesome Crowded West, Teeth Like God´s Shoeshine, Heart Cooks Brain, Jesus Christ Was an Only Child, Long Distance Drunk, Styrofoam Boots, Building Nothing out of Something, Tiny Cities Made of Ashes, Worms vs. Birds, Four Fingered Fisherman, Classy Plastic Lumber, Baron von Bullshit Rides Again, Doin‘ the Cockroach, The Good Times Are Killing Me, Good News for People Who Love Bad News, The Devil’s Workday, We Were Dead Before the Ship Even Sank, und so weiter und so fort. Zu allen irgendwie ins Schiefe geratenen Lebensgefühlen findet sich da schon was Passendes.

DISPO FEVER > Geld (Ist es das, was ich will?)

(…) all you need is love – als man Keith Richards (…) von diesem Songtitel der Beatles erzählte, soll er einer hübschen, apokryphen, mindestens sehr gut erfundenen, also vielleicht nicht wirklichen, aber allemal wahren Geschichte nach geantwortet haben: Oh yeah? Try paying the fuckin´ rent with it. *

Vielleicht ist der wahrhaft lebensbestimmende Dualismus nicht der von Gut und Böse, sondern der von Wunsch und Wirklichkeit. Was uns antreibt, sind unsere Lebenswunschvorstellungen, von welcher Größe und Beschaffenheit auch immer sie sein mögen. Dem gegenüber steht die Lebensrealität, sie ist der Gegner, dem es die Erfüllung jener bedeutenden oder banalen, leichten oder schweren (auch: guten oder bösen) Träume abzutrotzen gilt. Mal gelingt es, den Traum zur Realität zu machen, mal vernichtet die Realität den Traum. Jeder – das behaupte ich hier großspurig und nehme es auch nicht zurück – wünscht sich gelegentlich einen Vorteil für sich in diesem allgegenwärtigen Kampf, einen kleinen Wettbewerbsverzerrer, der zu Gunsten von Traum und Wunsch arbeitet. Manche hoffen da auf höhere Mächte: Glaube, Aberglaube, Esoterik. Manche arbeiten sich durch präzise formulierte Lebenspläne, bauen auf Coaching, Training, Schönheitsoperationen, Netzwerke. Und dann wäre da noch der allgemeine Faktor GELD – und, in dessen Anhang, die ewige Frage danach, ob GELD nun ein Teil der Lösung oder ein Teil des Problems ist. GELD ist eine sehr spezielle, irdisch verfügbare Superkraft: Ach, könnte man nicht viel einfacher ein idealerer Mensch sein, wenn der Dispokredit nicht ewig ausgereizt wäre? Ob GELD das Leben verschönert oder doch den Charakter verschlechtert, beantwortet sich schlicht abhängig davon, ob man selbst GELD hat oder eben nicht.


Die Beatles und die Rolling Stones waren sich zumindest darin einig, darüber singen zu müssen: Money (That´s What I Want) ist ein Titel, den gleich beide Bands aufnahmen. Wenig darin lässt an love is all you need denken, stattdessen heißt es eher unromantisch: Your lovin´ don´t pay my bills. Geschrieben wurde das Stück von Berry Gordy jr. und Barrett Strong, die es 1959 in Gordys improvisiertem Garagen-Tonstudio aufnahmen. Gordy klimperte am Klavier, es fehlte an einer passenden Text-Idee, und so forderte Gordy seine Zuhörer auf, ihm ein Thema zu geben, irgendwas, womit einfach jeder etwas anfangen könne. Die prompte Antwort lautete: GELD. Nicht nur durch die beträchtlichen Tantiemen-Einnahmen, die ihnen die zahlreichen erfolgreichen Cover-Versionen dieses Songs einbrachten, mussten sich bald weder Gordy noch Strong länger Sorgen ums GELD machen: Berry Gordy jr., der als eines von acht Kindern in einfachsten Verhältnissen in Detroit geboren wurde und sich als Fließband-Arbeiter bei Ford und als Boxer durchschlug, gründete später Motown Records und wurde millionenschwer. Barrett Strong startete einen Hit-gepflasterten Werdegang als Songwriter, der ihn bis in die Rock´n Roll Hall of Fame und (!) die Songwriters Hall of Fame führte. (Über die Finanzlage der Beatles und der Stones zu philosophieren, halte ich im Übrigen für müßig.)


Und jetzt ein dreifaches MONEY / MONEY / MONEY:


* Zitat aus: Dietmar Dath / Barbara Kirchner, Der Implex – Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee; Teil Oh l´ Amour, Kapitel Hippies im Mietrückstand (Suhrkamp, 2012)

MERZ UND ANDERE SCHNIPSEL > Das wohlpräparierte Klavier


<Es gilt das akademisch verbotene, nichtmusikalische Klangfeld, soweit dies manuell möglich ist, zu erforschen.>
John Cage, The Future of Music, 1937

John Cage (geboren 1912 in Los Angeles, gestorben 1992 in New York) entwickelte seine musiktheoretischen und kompositorischen Neuansätze aus einem Geist heraus, den er mit der modernen Avantgarde seiner Zeit teilte. Die Liste der Künstler, mit denen er berufliche Zusammenarbeit oder persönliche Freundschaft pflegte, liest sich wie ein Querschnitt durch die Inventarliste der Kunst des 20sten Jahrhunderts: Marcel Duchamp, Lázló Moholy-Nagy, Piet Mondrian, André Breton, Max Ernst, Willem de Kooning, Hans Arp, Mark Rothko, um nur einige Namen zu nennen. Das musikalische Eigenleben der Gegenstände, die Aleatorik (das Zufalls- oder vielmehr: Unbestimmtheitsprinzip) als musikalische Methode – mit seinem grundlegenden Um- und Neudenken prägte er die Neue Musik, gilt als Vater des Happenings und als Einflussgeber für die spätere Fluxusbewegung sowie verschiedene Ausprägungen von Improvisationsmusik.

Seine Komposition Bacchanale spielte er 1940 auf seinem präparierten Klavier ein, einer Eigenerfindung: An den Saitenchören angebrachte Radiergummis, Nägel, Pappschnipsel und andere Kleinteile schaffen eine Klangerweiterung ins Perkussive – das Geräusch wird Bestandteil der Musik.



PUBERTÄT REVISITED > Big Henry

WAAAHAAHAHAHAAA! WHOOHOHOHOOO…. SUCKER! SUCKER! WHOOOOOAH… S-U-C-K-E-R!!!
(Rollins Band, Liar)

Als ich gerade damit begann meine Bibi-Blocksberg-Kassetten gegen Musik-Alben einzutauschen, waren Henry Rollins´ Zeiten bei State of Alert und Black Flag lange vorbei. Rollins Band hieß sein zu jener Zeit aktuelles Projekt, und zum ersten Mal sah und hörte ich das spätabends auf MTV: Rollins tobte halbnackt und in blutrote Farbe getaucht vor der Kamera herum und brüllte sich, um es blumig auszudrücken, direkt in mein Teenager-Herz. Nach den üblichen endlosen Beschaffungsmühen stand dann endlich Rollins´ 1994er Album Weight in meinem Regal, neben Pearl Jams Vitalogy, Tom Waits´ Bone Machine, Soundgardens Superunknown, neben Tool, Kyuss und Clutch, neben den Sex Pistols, The Clash und diversen Brit-Punk-Compilations – alles in reichlich zerkratzten CD-Hüllen, billig ergattert auf Flohmärkten und in Second-Hand-Shops. Als schüchternes Akne-Opfer mit gegen Null tendierendem Selbstwertgefühl hatte ich diese Alben mehr als bitter nötig – allein meinen Eltern und Großeltern, die im Hause mithörten, ob sie nun wollten oder nicht, war schwer zu vermitteln, wie segnungsreich die Entdeckung des Krachs als therapeutisches Mittel für mich war.

Als Lebenseinstellung jedoch lässt sich die Fokussierung auf Explosionsenergie schlecht permanent durchhalten. Speziell Punk und Pubertät teilen die Eigenschaft des Transitorischen: Ihre destruktiven Kräfte zersetzen alles, und das beinhaltet am Ende auch sich selbst. Die Wut von der Kette zu lassen funktioniert nicht als Dauerzustand. Aber als Energielieferant für konstruktive Toberei wirkt sie manchmal Wunder.

No such thing as spare time. No such thing as free time. No such thing as down time. All you got is lifetime – GO!
(Rollins Band, Shine)

Man sollte für spätere Zwecke unbedingt eine handliche Portion Pubertäts-Furor in Reserve halten. Insbesondere im Umgang mit sich selbst tut es oft gut, sich dem allmorgendlichen Spiegelbild nicht mit abwägender Unentschlossenheit, sondern mit wutschnaubender Kompromisslosigkeit zu stellen.

Henry Rollins hat inzwischen so einige Wandlungsstufen absolviert. Vom schmächtigen und verhaltensauffälligen Knirps zum Bodybuilder, von der grauen Maus zum zeitweiligen Black-Flag-Frontmann und später zur Rampensau in eigenem Auftrag. Auf seinen Lorbeeren als Rock-Ikone hätte er sich durchaus ausruhen können, aber Rollins funktioniert nun einmal wie ein Hubschrauber im Flug: Sobald er nicht mehr rotiert, stürzt er ab. Weder Sex noch Drugs gehören für Rollins zum Rock´n Roll dazu, seine einzige Droge heißt Arbeit. Der bekennende Workoholic hat, anstatt irgendwann im Off zu verschwinden und Andere seinen Mythos pflegen zu lassen, lieber den riskanten Weg eingeschlagen, sich selbst auf verschiedensten neuen Feldern auszuprobieren – durchaus auf Kosten seines Mythos, denn mit seiner regen Aktivität geht er inzwischen unzähligen Menschen auf den Keks. Er ist Autor und Verleger, Schauspieler und Synchronsprecher, Menschenrechtsaktivist, er betreute Radio- und TV-Formate, produzierte Dokumentationen und tourt seit Jahren mit seinen Spoken-Word-Programmen durch die Welt. Dafür liebt oder hasst man ihn, je nachdem, ob man ihm, dem alternden Rockstar, die Wut und den allmorgendlichen kompromisslosen Blick in den Spiegel abnimmt oder nicht. Denn davon erzählt Rollins, in Interviews, in seinen Texten, besonders bei seinen Spoken-Word-Auftritten: vom ständigen Überdenken des eigenen Denken, vom Aufräumen mit dem Ego und anderen Scheinwahrheiten. Seine Meinungen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen bringt er allenorts laut und dickschädelig mit ein, ob gefragt oder nicht, doch seine Härte gegen Andere geht bei Rollins einher mit einer großen Härte gegen sich selbst. Offensichtlich legt er keinen Wert darauf, sein Image aus seinen besonders erfolgreichen Zeiten zu konservieren, im Gegenteil zerlegt er in unzähligen erzählten Episoden sich selbst und beschreibt seine frühere Attitüde als Arroganz, die ihm heute peinlich ist, als billige Verschleierung von Unsicherheit, der man sich stattdessen offensiv stellen müsse. Immer wieder erntet er harsche Kritik für harsche Statements, mit denen Rollins in seiner Funktion als nimmermüder Alles-Kommentator tatsächlich manches mal übers Ziel hinausschießt. Doch zu Gute halten muss ich ihm den unbedingten Mut, immer eine eigene Meinung zu äußern, die Entschlossenheit, seinen ganzen Antrieb in den Dienst seiner Überzeugungen zu stellen, und seinen Spaß an Selbstkritik. All das kommt zum Ausdruck, wenn man ihm zuhört – sei es, wenn er sich als Vertreter der Spezies harter Kerl kategorisch für die Rechte von Schwulen ausspricht, sei es, wenn er seine Haltung gegenüber Männern mit Vokuhila-Haarschnitt (engl. mullet) radikal überdenkt. Wer mag, findet dank Rollins´ hyperaktiver Produktivität Stunden über Stunden solchen Materials, das tatsächlich abbildet, wie Rollins sich über die Jahre verändert hat.




 

PROVINZLEBEN > Tom´s Country

Way Back Home Sonja Grebe

Zum Bild des amerikanischen Nirgendwos entlang endloser Highways zählte während der 50er Jahre die massive Werbe-Beschilderung für eine bestimme Rasierschaum-Marke: Ein Kommerzgedicht, je Zeile ein Schild – als Schlusspunkt ein großes Logo-Schild von Burma Shave. Indirekt funktionierte Burma Shave so als Maßeinheit für abgerissene Autokilometer in eintöniger Weite. Wo Trostlosigkeit und Billigpoesie aufeinandertreffen, bestehen natürliche Biotope für Tom Waits´ Figuren. Reflexhaft verbindet man mit Waits das abseitige Großstadtleben als sein klassisches Sujet; seine bittersüßen Dramen und kaputte Romantik findet er jedoch ebenso in einsamen ruralen Gegenden, in Kaffs und Kleinstädten, zwischen Farmen und Fabriken.

Hell, Marysville ain´t nothing but a white spot in the road/ Some nights my heart pounds just like thunder/ I don´t know why it don´t explode/ ´cause everyone in this stinking town has got one foot in the grave/ and I´d rather take my chances out in/ Burma Shave

(Meine Lieblingsversion dieses Songs – der miesen Bild-/Tonqualität zum Trotz.)

Mag sein, dass es eine Zeitungsmeldung war, die Waits diese Autounfall-Episode hat erzählen lassen; beim notorischen Geschichtenerfinder bleibt absichtlich meist offen, wie sich die Anteile von Erfundenem und Verbürgtem in seinen oft authentisch erscheinenden Song-Geschichten zueinander verhalten. Das Städtchen Marysville jedenfalls gibt es: Benannt ist Marysville nach Mary Murphy Covillaud, einer Überlebenden der Donner Party, einer Siedlergruppe, die im Winter 1846/47 in der Sierra Nevada nur durch Kannibalismus überlebte. Im Kalifornischen Goldrausch war Marysville ein wichtiger Ort auf dem Weg in die nördlichen Goldfelder. (Wikipedia)

Waits selbst wuchs in einem mittelgroßen Städtchen in Kalifornien auf. Nach reichlich wilden Jahren in Los Angeles und dem völlig aus dem Ruder gelaufenen Versuch, in New York ein glückliches Leben zu führen, lebt er inzwischen seit Langem mit seiner Familie auf einem abgeschotteten Farmgelände in Nordkalifornien. Dort, mitten im Burma Shave-Nirgendwo, hat er seinen Fernseher im Garten beerdigt, beobachtet gern die Truthahngeier und Opossums und tobt sich an einem, von ihm Conundrum getauften Schlagistrument aus, das er sich von einem Nachbarfarmer aus Metallschrott-Funden zusammenschweißen lassen hat. Die provinzielle Ödnis kann ihre gute oder ihre schlechte Wirkung tun, kann sich lähmend auf die Seele auswirken oder Ruhe und Freiraum schenken.

I went down to town. I lost all my mind. I´m not going down there no more.

(Den fehlenden Rest dieser Doku konnte ich leider nicht ausfindig machen – wäre sicherlich lohnend.)


Bild: Ausschnitt aus Way Back Home (Grebe, 2012) mit einem Zitat aus Blind Love von Tom Waits: They say if you get far enough away, you´ll be on your way back home. (Die Erde ist schließlich ein kugelrundes Ding – aber nicht nur das ist gemeint.)


VINTAGE AMERICAN > At the Village Vanguard

Taucht die Ortsangabe Live at the Village Vanguard im Namen eines Albums auf, wird das als Gütesiegel verstanden. Ich war nie in New York, aber käme ich aus irgendwelchen utopischen Gründen eventuell doch einmal dorthin, sähe mein (genau: utopisches) Touristenprogramm folgendermaßen aus: Leute gucken, Straßenmusikern zuhören, unzählige Gebäude-Fotos machen, Leute gucken, mich im Central Park verlaufen, Leute gucken, permanent essen (Hot Dogs, Bibimbap, Knisch, Pastrami, Tsimmes, Sukiyaki – unzählige Delis bedeuten unzählige Möglichkeiten), vielleicht einmal Edgar Allan Poes Häuschen anschauen, Galerien abklappern, Leute gucken, Kaffee über Kaffee trinken, Museen-Marathon, immer noch essen, Musikclubs besuchen. Wahrscheinlich könnte ich es mir nicht verkneifen vor bzw. in der Modeboutique herumzulungern, in deren Räumlichkeiten zuvor das CBGB (OMFUG) beheimatet war. An utopischen Abenden würde ich gern in ein Yellow Cab steigen und dem Fahrer per Zielangabe irgendein Pub oder Club mit lauter Live-Musik selbst überlassen, wohin er mich dann bringt – The Trash Bar, The Bell House, Old Man Hustle, wer weiß. Und an jedem zweiten Abend jenes utopischen Aufenthalts würde ich dann die Jazz-Clubs besuchen, deren Eintritt deutlich teurer ausfällt: Blue Note, Birdland Jazz Club NYC, Iridium Jazz Club, Village Vanguard. Und um nun endgültig vom Utopischen ins Phantastische zu kippen, würde ich natürlich meine Besuche im Village Vanguard in der Vergangenheit machen, hauptsächlich in den 1960ern: Thelonious Monk dort sehen und Miles Davis, John Coltrane, Sonny Rollins und Bill Evans. Solange, bis ich eine Möglichkeit gefunden haben werde, diesen Plan irgendwie zu verwirklichen (ich baue da sehr auf die Techniken der kommenden Zukunft), erfolgt die Reise vorerst rein akustisch.



AUS DEM DUNKEL > Avishai Cohen, From Darkness


Neues Trio, neues Album: Nach ausgedehnter Tour mit neu zusammengestelltem Trio hat der israelische Jazz-Bassist Avishai Cohen nun im Februar das Album From Darkness veröffentlicht. Gemeinsam mit Pianist Nitai Hershkovits und Schlagzeuger Daniel Dor schafft Cohen hier aufs Neue ein Zusammenspiel, das sich aus dem Dunkel heraus wie von selbst zu entspinnen scheint – von der eingehenden Live-Praxis war die Stimmung im Studio wohl nicht unberührt geblieben.

Avishai Cohen wurde 1970 in Israel geboren und wuchs in einer vielseitig musikalischen Familie auf. Zu Beginn der 1990er zog es ihn nach New York, wo er mit vielen neuen Musikern und Einflüssen in Berührung kam. Unter Anderem arbeitete er dort mit solchen Größen wie Ravi Coltrane, Joshua Redman, Chick Corea, Herbie Hancock oder Bobby McFerrin. Nach seiner Rückkehr nach Israel gründete er gemeinsam mit Pianist Shai Maestro und Schlagzeuger Itamar Doari sein erstes eigenes Trio, mit dem er von 2005 an mehrere Alben aufnahm.


 

GROSSE FRAUHEIT > Indie-Dreigestirne

Gehe ich einen etwa zwanzig Jahre großen Schritt zurück, sehe ich mich wieder als adoleszentes Etwas, dessen mentaler Wuchs irgendwie nicht der populären Idealform zustrebte. In den mittleren 90er Jahren, der neongiftigen Morgenröte der kommenden, etwa zehn Jahre andauernden Billigpop-Ära, verkörperten folgende Vertreterinnen das Prinzip Traumfrau: die Girlies. Blümchen performte Herz an Herz, Lucilectric krähte Weil ich´n Mädchen bin, Gwen Stefani verdrehte die männlichen Köpfe meiner geschlossenen Jahrgangsstufe mit ihrem teils gehauchten, teils geröhrten I´m Just a Girl. Die eigentlich charaktervoll-schöne Heike Makatsch hoppelte, gackerte und trällerte sich durch diverse knallbunte Jugendformate von VIVA interaktiv bis Bravo TV und avancierte, in meinem Umfeld zumindest, zum Maß aller Mädchen-Dinge. Gleichzeitig waren die Spice Girls entsetzlich omnipräsent und produzierten eine Bugwelle nicht minder erfolgreicher Nachfolge-Girl-Groups, deren Namensgebungen unbegreiflicherweise niemanden so recht alarmierten: Atomic Kitten etwa, oder Sugarbabes.

Teil dieser Kommerzveranstaltung namens Girl-Power-Bewegung zu werden war denkbar einfach: Brachte man politisches und kulturelles Desinteresse bereits mit, konnte man den Rest des dafür Nötigen größtenteils bei C&A kaufen: Bandana-Kopftücher, Sonnenbrillen mit runden Buntgläsern, bauchfreie Tops, rosa Accessoires, zu klein geratene Röckchen (aus der Kinderabteilung). Dazu brauchte man dann unbedingt selbstklebende Glitzerbindis, Fingernagel-Klebetattoos, Fake-Nasenringe, Bauchnabel-Piercings, die obligatorischen DocMartens-Stiefel in diversen Farben, puppiges Make-Up, Zöpfchen. Fertig – nur im Wechsel kichern und schmollen musste man schon noch selbst.

Ebenso simpel wie die Girlie-Philosophie an sich gestaltete sich mein Verhältnis zu meinen Mit-Mädchen: Ich konnte die Girlies nicht ausstehen und die Girlies mich nicht. Man warf sich gegenseitig Erbärmlichkeit vor; ich ihnen wegen ihrer Mischung aus Barbie-Gehabe, infantilem Trotz und Karnevalsstimmung, und sie mir wegen meiner Tool-Shirts. Und meiner manierierten Ernsthaftigkeit. Etwas an diesem Ernst ging bei mir jedoch auf durchaus reelle Vereinsamungsgefühle zurück: Alle meine gegenwärtigen Helden waren männlich, die meisten meiner Freunde ebenfalls. Wo waren denn diese Frauen, zu denen ich so gern hätte aufschauen wollen, in Erwartung irgendeiner Motivation von oben? Ich empfand meine Jugend als scheußliche Transit-Zeit, die ich so schnell es nur ginge hinter mir lassen wollte, gleichzeitig war mir klar, dass ich nicht zur Unternehmensberaterin heranwachsen würde – ich benötigte für meine Werdens-Ziele also etwas alternativen Input.

Patti Smith und Debbie Harry? Waren hübsch anzuschauen in ihrem strammen Selbstbewusstsein, das mit ebensoviel Hirn wie Herz unterfüttert war. Leider beide bereits damals zu Tode ikonografiert. Poly Styrene? Siouxsie Sioux? Ja, die lebten auch noch, befanden sich aber seit langen Jahren im Off-Modus. Aktivistinnen mit bewegenden Ideen? Die Zeit der großen Systemumbrüche war ein gerade abgefahrener Zug, dem ich mit meinen Kinderschritten nicht hatte nacheilen können – und dann, als ich genug gewachsen war um die klobigen Lederstiefel (mit gehäkelten Buntbändern) zu schnüren, war die Loveparade, die von Marusha durch Berlin geführt wurde, der einzige veritable Massenzug der Gegenwart. Aktuelle Autorinnen übrigens standen für mich unsichtbar im Toten Winkel. Von diesem Sektor war ich so vollkommen abgeschnitten, dass ich erst Jahre später im großen Panoramarückblick das Ausmaß meiner Entfernung davon begriff.

Im Allgemeinen schienen mir die Musikerinnen am zugänglichsten. Und eines Abends stolperte ich über ein Ding mit zerzaustem Dunkelhaar, das wohl im Schlepptau von Nick Cave bei mir eingezogen sein musste. Es hieß Polly Jean Harvey, war ein wenig herb und sperrig, ganz seelenvoll stimmungsschwankend und machte allgemein einen sehr einladenden Eindruck auf mich. Eine Andere, eine zarte Hysterikerin mit rotem Haarmeer, schlich sich via Plattenschrank meiner älteren Schwester in meinen Einzugsbereich. Da blieb Tori Amos dann auch. Aus diesen zwei Sondererscheinungen machte erst das Auftreten einer hibbeligen Naturgewalt für mich ein bedeutsames Trio: Mit Björk entdeckte ich ein Phänomen für mich, dessen pauschale Anziehungskraft auf mich ich wohl nie so recht verstehen werde.

Nachdem diese Drei mir endlose Weiten eines hübschen Neulands zugänglich gemacht hatten, fand ich mich dort bald ganz gut zurecht und traf auf Catpower, Kim Deal und Andere. Darunter auch diese Anwärterin auf einen Quartett-Platz zur Erweiterung des eng miteinander verbundenen Dreigestirns: Schon zu damaligen Zeiten war Fiona Apple für mich eine vielversprechende Orientierungsfigur, die allerdings noch reichlich biografischen Platz für Weiterentwicklung besaß – mit 20 muss man noch keine Wirkungsfrau sein. Wurde sie aber schnell. Heute bildet die gelegentlich nervtötende, aber auch zur Selbstironie fähige Exzentrikerin gemeinsam mit zwei weiteren speziellen Exemplaren ein neues Musikerinnen-Dreigestirn für mich: der ätherisch anmutenden Annie Clark, alias St.Vincent, und der total verhuschten, während ihrer Auftritte jedoch umso energischeren Anna Calvi. Diese Drei – zwischen 1977 und 1982 geboren und damit auch genau mein Alter teilend (die Jüngsten hier sind Annie Clark und ich) – wirken aus meiner heutigen Perspektive ebenso stabilisierend auf mich und mein Gemüt wie damals Harvey, Amos & Gudmundsdottir. Für mich sind Apple, Clark & Calvi Wohlfühlfiguren; sie laufen ein wenig neben der Leitspur, welche heute zwar nicht mehr die Girlies vorgeben, dafür aber diese viel zu smarten, vollkontrollierten, pseudo-erwachsen denkenden Y-Mädchen.