MUSIK

FEINDLICHE ÜBERNAHME // Geldherrschaft

Here come the puppet men with their fists
You know those backroom ghouls, 

diese düsteren Halbgötter im Geld-Olymp. Marionetten ihres Systems, aber an diesen Fäden hängen wir ja irgendwie alle, manche wenige eben an den oberen Fädenenden, die meisten an den unteren – bewegt einer weiter oben einen Arm, zappeln in der Tiefe gleich ganze Kollektive nach diesem Takt. Die Fäuste der Oberen sind natürlich schmutzig: Über Leichen zu den Sternen – so hangelt man sich hinauf.

Wie ist das eigentlich: Macht das große Geld die Menschen schlecht, oder sind es nun einmal die schlechten Menschen, die das große Geld machen? Oder ist das Ganze nur ein moderner, medialer Schauermythos, der den in die Jahre gekommenen Herren Teufel und Beelzebub ein neues Make Up verpasst: die feindliche Übernahme der Welt durch eine verdorbene Geld-Elite? Oder müssen wir uns tatsächlich sehr fürchten? Ach, und eins noch: Wer sind die, die profitieren, wenn wir das tun?

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WORAUF WARTE ICH HIER? // Wartemelodie

Warten erfüllt mit Ungeduld – darin steckt, dass es etwas widerwillig zu erdulden gilt: Warten ist Passivität, ein Aussetzen der eigenen Bestimmungskraft, und das schmeckt nach Schwäche und Ausgeliefertsein. Auch zwingt es zum Erdulden des Kontrastes zwischen jener Passivität und dem plötzlich brodelnd und mächtig produktiv erscheinenden Tun ringsumher. Warten isoliert mich unangenehm von diesem Tun, und es spielt dabei keine Rolle, ob ich nun bis in eine fünf Minuten, fünf Jahre oder ganz ungewiss entfernte Zukunft in diese Blase eingeschlossen bin. Dort, im Warten, wo das eigene Tun und Bestimmen ausgesetzt sind, wurmt mich also ein Kontrollmangel. Das Gehirn, diese Kontrollmaschine, rebelliert dagegen, drückt, wenn es mangelnde Kontrolle registriert, den Alarmknopf – Ungeduld als Warnsignal. Dort nämlich, wo es nicht selbst bestimmen kann, fürchtet es Chaos. Falls Warten die Neuronen auf bestimmte Weise zum Klingen bringt, hört das Gehirn es vielleicht so:

 

 

SINN UND GEHALT // Bored to be wild*



Stumpfsinnige Arbeit unter prekären Bedingungen nagt an der seelischen Substanz. Wer das für reines Gejammer hält, war noch nie auf sie angewiesen. Von denjenigen, die an dieser Stelle an ihre Putzfrau oder ihren Paketboten denken und sich diese achselzuckend als ohnehin seelenlose Lebewesen vorstellen, mag ich gar nicht erst anfangen.

Bei allem Willen zur geistigen Selbstbehauptung, zwingt einem der tägliche, von Unsicherheit, finanzieller Knappheit und Perspektivenmangel bestimmte Existenz-Limbo irgendwann eine dauerhaft verrenkte, angespannte Haltung auf. Anstrengende Angelegenheit. Nur stempeln gehen zu müssen ist schlimmer.

Besser: Musik draus zu machen. Über das große Sinndefizit und das mickrige Gehalt. Und über deren Ursachen, Ausbreitung und Begleiterscheinungen; über High-End-Kapitalismus, Ungleichheit der Chancen, eine Kultur der Inhaltsleere, das große zwischenmenschliche Egal, Selbstentfremdung und die ständige Nähe zum Abgrund, der nur eine Kündigung entfernt liegt. Sicherlich eine ergiebige Stichwortliste für Gejammer. Besser: für Gepöbel und Gedicht.



 

*Titel eines Songs vom 2013er Sleaford-Mods-Album Austerity Dogs

NACHTEINSAMKEIT // Die mischtechnische Collagerei und ihr Soundtrack

Mond Sonja Grebe


Every single night / I endure the flight / Of little wings of white-flamed / Butterflies in my brain / These ideas of mine / Percolate the mind / Trickle down the spine / Swarm the belly, swelling to a blaze / That´s when the pain comes in / Like a second sceleton / Trying to fit beneath the skin / I can´t fit the feelings in / Oh every single night´s alight / With my brain (Fiona Apple, Every Single Night)


Der Tisch ist voll. Papiersammelsurium ausgebreitet, Kaffeetassen dazwischen, Acryltuben, Schmiertücher, verklebte Pinsel und noch ungebrauchte, ein Senfglas-Kleckerpott, ein altes Eiswürfelfach als Palette, die letzte Wochenzeitung schützt die Tischplatte, Scheren, Cutter, Brettchen, Klebestifte, Schwamm, angeschwärzte Zahnbürste, Klopapier, eine Leinwand liegt ständig im Weg herum, ADAC Faltkarte Norddeutschland von 1992, Brigitte von 1988, Sprühkleberdose, Kuli, Edding, Kohle, irgendwo Kekse, Fineliner, Bleistift, Spitzerspäne, Pappe, Packpapier, Geschenkpapierreste, Tonkartonstreifen, Malerkrepp, auch die Wort- und Buchstabenschnipselmappe liegt offen da, obwohl ich nichts daraus brauche – man schmeiße zuerst restlos alles auf den Tisch, so die Grundregel, erst dann lege man los.


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Musik muss laufen – ich will jetzt ja nicht lesen, sondern das Gegenteil davon. Nachts, beim Bildermachen, höre ich gern Hysterisches, Theatralisches, Schrulliges. Ich habe da so ein Faible für fiebrighirnige Frauen, die ihre Stimmen und Instrumente überlasten. Es lassen sich auch ganze Nächte mit Modest Mouse bestreiten. Völlig begeistert habe ich zuletzt David Fiuczynskis Planet MicroJam gehört, Microtonaler Jazz, bis mir davon reell schwindelig in der Magengegend wurde. Klassisch Waits Bone Machine und Beefhearts Shiny Beast gehen immer. Soundfrickler wie Tortoise und Labradford allerdings genauso, dazu ein bisschen The Notwist, Autechre, Radiohead und UNKLE. Gelegentlich unvermeidbar: Pink Floyd. Mit Alban Darche, Henri Texier oder Ibrahim Maalouf geht es eher schon gegen Frühmorgen.



My heart´s made of parts of all that’s surround me / And that´s why the devil just can´t get around me / Every single night´s alright / Every single night´s a fight / And every single fight´s alright / With my brain (Fiona Apple, Every single night)


Ein Abschnitt, ein Bild, zwei Bilder – am Ende wird immer etwas fertig. Kann sein, dass es taugt, kann sein, dass es in den Müll geht. Kann sein, dass ich etwas wieder aus dem Müll heraus fische, weil es doch noch für irgendetwas brauchbar ist.

Jedes Fertigwerden ist schön, eigentlich aber traurig. Und jetzt muss ich auch noch aufräumen.


Bilder: Mondnacht; Nachttisch-Fotos (Grebe, 2015)

NACHTEINSAMKEIT // Michael Wollnys Nachtmusiken

Der Wechsel vom September zum Oktober: Zeit des Hummeltods, das Flügelgesplirr der Libellen verstummt, aus den Kehlen dahinziehender Gänseschwärme klingt es zum Abschied wie aus rauen Klarinetten, der Froschwinterschlaf beginnt bald und die meeresrauschenden Pappelblätter werden nach und nach zu Bodenlaub. In die stille Bresche, die der Herbst schlägt, springen der tockende Fall der Eicheln und Kastanien, Regenplippeln, das zahnlose Schmatzen von Nasserde. Danach, später, stecke ich in der Wintertaubheit. Erst im Frühjahr höre ich wieder klar.

Früher einmal war die dunkle Jahreszeit die von fernem Wolfsgeheul und nahem Kaminprasseln. An Vergangenes, leicht Schauergemütliches, an die Romantik und ihre Dunkelheitsliebe erinnert mich Der Wanderer, der auf Michael Wollnys Album Nachtfahrten zu finden ist, das heute erscheint. Wollny (Klavier) und sein langjähriger Begleiter Eric Schaefer (Schlagzeug) haben die wechselnde Bassistenrolle im Trio dieses Mal mit Christian Weber besetzt. Anders als beim zuletzt erschienenen Weltentraum mit seinem zeitweiligen Popsong-Nachgeschmack, klingen die Hörproben zu Nachtfahrten (beides ACTmusic) danach, als sei der Ton hier etwas getragener, etwas klassischer – ich kann´s mir gut vorstellen als Herbst- und Winternachtmusik.



>> Michael Wollny (geb. 1978 in Schweinfurt) tourte bereits als Zwanzigjähriger als Konzertpianist umher und arbeitete fortan mit einer Vielzahl profilierter Jazz-Musiker wie Hubert Winter, Heinz Sauer und Nils Landgren zusammen. Neben kommerziellem Erfolg, sicherten ihm sowohl diese und weitere Ko-Produktionen als auch die Aufnahmen mit seinem eigenen Trio diverse Preise und Stipendien. Inzwischen lebt Wollny in Leipzig, wo er als Professor an der Hochschule für Musik und Theater tätig ist.


Jazznight mit Michael Wollny Trio, Nils Landgren, Lars Danielsson, Laeiszhalle Hamburg, 2014 - war schön

Jazznight mit Michael Wollny Trio, Nils Landgren, Lars Danielsson, Laeiszhalle Hamburg, 2014 – war schön


(Das Schlagwort NACHTEINSAMKEIT übrigens habe ich noch einmal aufgegriffen, nachdem es mir bereits letztes Jahr im Oktober als roter Faden diente. Manchen Schlagwörtern, dachte ich, kann ich ja mal wieder einen Besuch abstatten, sobald sich  – wie hier – neue Beladung für sie angesammelt hat.)

ZUSAMMENSETZUNGEN // Joshua Redman +


The Bad Plus – ich mag dieses Trio aus Perfektspielern, und doch wäre es mir gelegentlich lieber, wären sie etwas weniger perfekt. Ursprünglich aus Minneapolis, später in New York ansässig, inzwischen gefühlt permanent in der Welt unterwegs, kennen Ethan Iverson (Klavier), Reid Anderson (Bass) und Dave King (Schlagzeug) einander bereits ewig und offen-, da hörbar, so gut, dass ihr blindverständiges Zusammenspiel sich auch live schlicht makellos zeigt. Womit ich nie viel anfangen konnte, sind ihre vielfältigen Bearbeitungen von Rock- und Pop-Klassikern, in denen sich zur technischen Sauberkeit eine thematische gesellt – da langweile ich mich. Ihr 2012er Album Made Possible (eOne-Music) gefällt mir dagegen sehr.

Mit Joshua Redman (Saxophon) haben sich The Bad Plus mit einem weiteren musikalischen Vollroutinier zu einem gemeinsamen Album zusammengetan: Auf The Bad Plus Joshua Redman (Nonesuch), erschienen diesen Mai, ergibt sich aus Redmans müheloser Wirbeligkeit und der Formklarheit, die die Stücke von The Bad Plus auszeichnet, ein einheitlicher Stil, der sich nicht anhören lässt, dass er einem Sonderprojekt entsprungen ist. Das liegt auch daran, dass Redman und The Bad Plus bereits seit ein paar Jahren zu recht regelmäßigen Gelegenheiten gemeinsame Live-Auftritte geben. Bislang begleitete Redman das Trio dabei als Gast, gespielt wurden Stücke aus dem TBP-Repertoire. Für das Album wurde nun auch gemeinsam komponiert. Das Spektrum, das sich dort auftut, reicht von milder Melancholie (Lack The Faith But Not The Wine) bis zur Tumultuosität (Faith Through Error). Im Ganzen betrachtet, erweist sich eine jeweils klare Melodielinie, die immer aufs Neue überraschende Brechungen erfährt, als tragendes Stilmittel der neun eigenwilligen Stücke auf diesem Album.

Es wäre zu mühsam, hier eine Auflistung derer machen zu wollen, mit denen Joshua Redman im Laufe seiner etwa 25jährigen Musikerkarriere bereits gemeinsame Auftritte oder Studioaufnahmen unternommen hat. Ehrlich. Deshalb hier nur noch ein zweites Beispiel für seine hohe musikalische Bindungsfreudigkeit: In einer von ihm als Double Trio bezeichneten Besetzung spielte er bereits das großbuchstabig-WUNDERBARE 2009er Album Compass ein, gemeinsam mit dem großartigen Brian Blade (Schlagzeug), Gregory Hutchinson (dito), Larry Grenadier (Bass) und Reuben Rogers (dito). Beim folgenden Barracudas wurden Redman, Rogers und Hutchinson von Matt Penman (Bass) und Bill Stewart (Schlagzeug) begleitet.

OSTWÄRTS // Ungarn, anders

Manche Stücke der Budapester Band ließen sich am besten beschreiben als Fortsetzung des Rock mit den Mitteln des Jazz. Nicht von ungefähr nahm das Trio 2014 ein gemeinsames Album mit dem norwegischen Jazz-Saxophonisten Kjetil Møster auf (Jü Meets Møster, erschienen auf Rare Noise – reinhören hier). Ebenso gehen die Bandmitglieder mit anderen Formationen, die sich mal im klassischen Free Jazz, mal im Bereich Metal bewegen – selbst Reggae-Experimente werden nicht ausgelassen und eröffnen erstaunliche Möglichkeiten -, zwischenzeitlich Verbindungen ein, rotieren so durch unterschiedlichste musikalische Ausrichtungen und Techniken und sammeln dort Zutaten ihrer eigenen Musik. Die hört sich mitunter auch mal geduldig-dahintreibend an:

 

BRENNSTOFF // Fieber-Musik

Diese Gelee-Tage: Jede Bewegung muss ich gegen eine widrige Substanz durchsetzen, die meine eigene ist. Ein Gelee-Ich im Gelee-Raum. Bekäme ich nicht die allmorgendliche Starthilfe durch einen kräftesprotzenden Vierjährigen, würde ich jene Tage so verbringen wie die Mücke ihre Äonen im Bernstein. Kinder beherrschen, ganz von Natur aus, die hohe Kunst des positiven Radaumachens. Die Musik professionalisiert das. Sie hat den Krach urbar gemacht, sodass er Ernteerträge abwirft, die mitunter überraschend ausfallen. In ihrer unruhigen, juckigen Form erhöht Musik heilsamerweise meine mentale Temperatur und macht damit krankheitsträchtige Substanzen unschädlich. Rabimmel, rabammel, rabumm – mein Mixtape für heute:



 

LONESOME TRAVELLER // One of these days I´m gonna stop all my travelling


>> Die längste einsame Reise ist das eigene Leben. Der 1931 in Glasgow geborene Anthony James „Lonnie“ Donegan tingelte, mit kurzen Unterbrechungen, lebenslang in Europa und den USA als Jazz-, Blues- und Folk-Musiker umher. Anfang der 50er Jahre trug er maßgeblich dazu bei, die in den USA entstandene Folk-Spielart Skiffle in Großbritannien populär zu machen, was einen veritablen Skiffle-Wahn auslöste und Donegan den Titel King of Skiffle einbrachte. Als Junge begann er Gitarre zu spielen, nachdem er mit seiner Mutter nach deren Scheidung nach London gezogen war, wo die Radiosender viel Bluesmusik brachten. Während seiner Stationierung im Nachkriegs-Deutschland gründete er seine erste eigene Jazz-Combo, arbeitete später mit weiteren Jazz-Bands für verschiedene Album-Aufnahmen zusammen, trat solo auf und schrieb fleißig Songs für Andere. Regelmäßig spielte er in der Hamburger Szene und nahm Alben mit deutschen Jazz- und Skifflemusikern auf. In England skifflete und kalauerte er sich vorrangig als Gute-Laune-Bombe durch diverse Show-Formate. Unterwegs in den USA erlitt er schließlich seinen ersten Herzinfarkt. Damit war die Reise für Donegan aber nicht vorbei: Ende der 70er nahm er seine Songs gemeinsam mit Kollegen wie Ron Wood, Brian May und Ringo Starr neu auf, trat weiter auf, erlitt einen zweiten Herzinfarkt, der ihn ein zweites Mal nicht aufhielt. Ende der 90er spielte er sogar noch auf großen Festivals und brachte ein gemeinsames Album mit Van Morrison heraus. Erst 2002 endete die Reise, Lonnie Donegan starb während einer Großbritannien-Tour, kurz vor einem Auftritt.


WAHN-VERWANDTSCHAFTEN // Irgendwann werden die Biester uns holen kommen – deal with it.


A wild pack of family dogs came runnin‘ through the yard one day
My father got his gun, shot it up, they ran away, okay
A wild pack of family dogs came runnin‘ through the yard
And as my own dog ran away with them

I didn’t say much of anything at all
Didn’t say much of anything at all
Didn’t say much of anything at all

A wild pack of family dogs came runnin‘ through the yard
As my little sister played
The dogs took her away and I guess she was eaten up okay
Yeah, she was eaten up okay

My mother’s cryin‘ blood dust now
My mother’s cryin‘ blood dust now
Mother’s cryin‘ blood dust now

My dad, he quit his job today
Well, I guess he was fired but that’s okay
And I’m sittin‘ outside by my mud lake waiting for the pack to take me away
Right after I die, the dogs start floating up towards the glowing sky

Now they’ll receive their reward
Now they will receive their reward
Yeah, they will receive their rewards


Irgendwas stimmt einfach nicht mit der Welt – das merkt man spätenstens, sobald einen neben den unvermeidbaren heimtückischen Überraschungen des Lebens auch noch die Pubertät heimsucht. Pünktlich zu meiner selbigen trat die Band Modest Mouse auf den Plan. Schülerbandmäßig geschrammelt und nuschelig dahingeträllert, dazu dann ein Text, der irgendwie Bauchweh macht, fertig ist die Modest-Mouse-ja was?-Ballade. Oft kreisen die Texte um Kontrollverlust, da bieten sich die Themen Familie und Liebesbeziehung geradezu an als Minenfelder der mangelnden Kontrollgarantie. Die Feststellung, etwas stimme nicht mit der Welt, ihren Bewohnern und Einrichtungen ist der Kern der Modest-Mouse-Logik – der ständige Unterton lautet allerdings eher: Etwas stimmt nicht mit mir. Ein wiederkehrendes Motiv ist das Gehirn, das unkontrolliert rast oder pennt, wie es gerade will – es reagiert willkürlich auf emotionale Reize, ist untauglich als Steuerungsinstrument, vielmehr die reinste Chaosmaschine, die überempfindlich und unvorhersehbar ausschlägt und explodiert. My brain’s the burger and my heart’s the charcoal (Lounge). All das wirkt sich entsprechend auf die Weltsicht aus: Vater, Mutter, zwei Kinder, Garten. Könnte nett sein, kommt melodisch auch daher wie ein Kinderlied. In der einzig denkbaren, nämlich der Abgrund-Version von Idylle aber zerreißen dann menschenfressende Rudelbestien die Familie und man sitzt fatalistisch am Matschtümpel um auf den Tod zu warten.

Oft von hypsterischen Nachfolgern kopiert, aber nie erreicht ist neben dem Pixies-verwandten Sound vor Allem jenes mitunter kryptische Songwriting – Texte, die tief in der Magengrube, wo sich vielleicht das lichtscheue Unterbewusstsein hin verkriecht, wenn´s im Gehirn mal zu hell wird, eine Menge Tumult verursachen. Um vordergründige Horror-Effekte geht es dabei nie, vielmehr werden die Schocks und Scheußlichkeiten im Leben, diese wirklich unangenehm bohrenden Dinge, Verunsicherungen, Wahn und Wut als gegebene Lebensrealitäten achselzuckend in den Lyric-Kosmos mit einbezogen. Keine Psychiatrie-Dichtung, sondern lediglich Texte, die als Ventil für die Kehrseiten der Alltagsnormalität funktionieren. Logisch, dass sich das musikalisch auch in handfestem Krach und Geschrei ausdrückt, womit die Band ihre lethargisch-ironische Fassade immer dann, wenn sie gerade Lust dazu hat, pulverisiert, um sie gleich danach gemütlich wieder aufzubauen. Unverstellte gutgelaunte und entspannte Momente wirken darin umso zerbrechlicher.

Seit rund zwanzig Jahren bereits sind die eigenwillig-bis-eigenartigen Modest Mouse aktiv und wegen ihrer eckigen, unrunden Energie so was wie meine Herzensband. Man muss sie nicht mögen – lieben kann man sie dafür umso mehr. Ist mir auch wurscht, wenn jetzt wieder einer kommt und sagt, die seien inzwischen auch längst im Mainstream angekommen. Die schrullige Truppe um den sehr speziellen Frontman Isaac Brock hat übrigens gerade mit Strangers to Ourselves ein neues Album vorgelegt, das aufs Neue das Kunststückchen vollbringt gleichermaßen einlullend wie aufkratzend zu sein – aber nicht nur diesen Album-Tipp wollte ich hier loswerden. Die weitere Diskografie der Band ist eine ziemliche Fundgrube voller doppelbödiger Indie-Stampfer, -Brüller und -Säusler, gelegentlich sogar tanzbarer Hymnen für die Party zum 18. Geburtstag. Und selbst wer musikalisch nicht so warm damit werden mag, kann durchaus seine Freude an den Song- und Albumtiteln haben, die oberflächlich betrachtet alle Qualitäten von verqueren Werbe-Slogans besitzen, darüber hinaus aber mit textlichem Tiefgang unterfüttert sind. Perlen der Hintersinnigkeit und schöne Anti-Titel: The Fruit That Ate Itself, The Gravity Involved in Climbing, An Apology From Dog to Cat Concerning a Comment Made Earlier ‚Bout Cats Breath, Talking Shit About a Pretty Sunset, This Is a Long Drive for Someone With Nothing to Think About, Space Travel Is Boring, Dramamine, Edit the Sad Parts, The Lonesome Crowded West, Teeth Like God´s Shoeshine, Heart Cooks Brain, Jesus Christ Was an Only Child, Long Distance Drunk, Styrofoam Boots, Building Nothing out of Something, Tiny Cities Made of Ashes, Worms vs. Birds, Four Fingered Fisherman, Classy Plastic Lumber, Baron von Bullshit Rides Again, Doin‘ the Cockroach, The Good Times Are Killing Me, Good News for People Who Love Bad News, The Devil’s Workday, We Were Dead Before the Ship Even Sank, und so weiter und so fort. Zu allen irgendwie ins Schiefe geratenen Lebensgefühlen findet sich da schon was Passendes.