SPRACHMUSIK > London Speaking

Da hat nun ein Musiker den Literaturnobelpreis erhalten, und irgendwie kann man sich immer noch nicht recht einigen, wie man das finden soll. Mich zumindest interessiert dieser Preis nicht ausreichend, um in aller Breite über das Für und Wider dieser Vergabe mitzudiskutieren. Mich interessieren Texte, und je vielfältiger die Erscheinungsformen von Text sind, desto besser. Den Einordnungsfeldern schadet es dabei nicht, wenn zwischen ihnen rege Osmose stattfindet – im Gegenteil.

Lyrik, Hip Hop, Spoken Word, Predigt: Sprache und Rhythmus. Kate Tempest kann das mit oder ohne Buchdeckel, Kojey Radical auch ohne Beatbox, Bitches und Bling Bling.

GRAN FUTURISMO > Ts-ts-womp-kr-womp-womp-dydydydydydy-womp-ts

Seit rund 25 Jahren produziert das aus Manchester stammende Duo Autechre Electronica. Ende nicht in Sicht – das aktuelle Album Elseq 1-5 ist seit Mai verfügbar. Über ihre Musik, die unter Verwendung von Synthesizer, Sampler, Drumcomputer und diverser Tongestaltungssoftware entsteht, sagen Autechre, sie funktioniere nach Gleichungen und Formeln.

Die Horse Lords aus Baltimore, deren drittes Album Interventions diesen April erschienen ist, produzieren ihre Musik mit anderen Methoden, aber ähnlichem Ergebnis. Verwendet werden hier Schlagzeug, Bass, Gitarre, Saxophon – handgemachte Musik also, die jedoch den Eindruck erzeugt, von elektronischem Charakter zu sein, indem sie den Klang und die Struktur repetitiver Computermusik aufweist.

Sind die Horse Lords damit nun etwa traditioneller als die guten alten Autechre – oder irgendwie doch moderner?

(Vorsicht, Strobo-Effekte:)

Sobald ich mir „Zukunftsmusik“ vorstelle, denke ich automatisch an rein elektronische Musik, die die gewohnten Klangbilder und rhythmischen Muster hinter sich gelassen hat. Ich stelle mir vor, dass sich die Musik immer weiter zu einem tonalen Abbild der zunehmend durchtechnologisierten Lebenswelt entwickeln wird. Musik, aus der zunächst die menschliche Stimme und das vom Menschen bediente Instrument als Elemente verschwinden werden, und deren Herstellung zuletzt komplett programmgesteuert vonstatten gehen wird – vom per Zufallsprinzip komponierten Basis-Loop bis zum fertigen Tonstück. Möglich vielleicht, dass es gar die allgegenwärtigen Rechenvorgänge selbst sein werden, die Musik als Nebenprodukt auswerfen, indem sie die Verarbeitung von Datensequenzen in Tonfolgen umsetzen.

Was ich mir da vorstelle – Musik auf dem Weg zum Maschinengeräusch – , ist natürlich keine Einsicht in die Zukunft, sondern beruht auf dem sehr gegenwärtigen Erleben der Digitalen Wende. In der tatsächlichen Zukunft wird man diesen Wandel vom Analogen zum Digitalen nur noch als kalten historischen Kaffee betrachten. Die zukünftige Musik wird ihre eigenen Themen, Motive und Formen finden, wird den Zeitgeist abbilden, in den sie eingebettet ist, und ein akustisches Ausdrucksventil sein für die Dinge, nach denen man sich sehnt: Wer weiß, vielleicht wird die musikalische Mode eines noch fernen Tages ja den klerikalen Chorgesang wiederbeleben, oder das gemeinschaftliche Trommeln am Lagerfeuer neu für sich entdecken?

KOPFGEBÄUDE > Tom’s House

Wer baut, vertraut. Oder: Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen. Ja ja. Man will eben einer guten Zukunft einen Ankerplatz in dieser Gegenwart einrichten. Wohin einen diese Zukunft aber führen wird, kann man nie wirklich sagen; das gilt selbst dann, wenn man, anders als ich, sie schon fest an einem Ort verankert zu haben glaubt. Ein geistiges Haus, so einen mentalen Stützpunkt, so was braucht man natürlich auch – und kann man nötigenfalls einfach mitnehmen. Planung und Pflege muss man dem allerdings ebenso angedeihen lassen; vielleicht, indem man drüber schreibt, meinetwegen auch singt. Ach, wie banal das klingt, aber: Ach, wie schön es doch ist, sich in einem Song zuhause zu fühlen:

LICHTKÖRPER UND SCHATTENWESEN > Flackertanz

Üblicherweise verheißen Kerzen, sobald sie in Songtexten angezündelt werden, brennenden Kitsch oder wächserne Pathetik. Don van Vliet aber vernichtete das eine wie das andere durch krude Fröhlichkeit. Und tut das – man könnte das als Tele-Booglarisierung bezeichnen – immer noch, inzwischen eben von irgendwo hinter der Venus aus, wo er dieses Jahr auch seinen 75.Geburtstag feierte. Die Topografie der Van Vliet´schen Innenwelt bleibt wundersam: verwunschenes Gelände, beschienen von fremden Himmelskörpern und durchzogen von Schattenschluchten, bevölkert von Fabelgetier. Dieses flackertanzende Hirn, wilde Ton- und Farbschleuder – vielleicht war die Erde auch gar nicht sein angestammter Lebensraum.

FEINDLICHE ÜBERNAHME > Geldherrschaft

Here come the puppet men with their fists
You know those backroom ghouls, 

diese düsteren Halbgötter im Geld-Olymp. Marionetten ihres Systems, aber an diesen Fäden hängen wir ja irgendwie alle, manche wenige eben an den oberen Fädenenden, die meisten an den unteren – bewegt einer weiter oben einen Arm, zappeln in der Tiefe gleich ganze Kollektive nach diesem Takt. Die Fäuste der Oberen sind natürlich schmutzig: Über Leichen zu den Sternen – so hangelt man sich hinauf.

Wie ist das eigentlich: Macht das große Geld die Menschen schlecht, oder sind es nun einmal die schlechten Menschen, die das große Geld machen? Oder ist das Ganze nur ein moderner, medialer Schauermythos, der den in die Jahre gekommenen Herren Teufel und Beelzebub ein neues Make Up verpasst: die feindliche Übernahme der Welt durch eine verdorbene Geld-Elite? Oder müssen wir uns tatsächlich sehr fürchten? Ach, und eins noch: Wer sind die, die profitieren, wenn wir das tun?

WORAUF WARTE ICH HIER? > Wartemelodie

Warten erfüllt mit Ungeduld – darin steckt, dass es etwas widerwillig zu erdulden gilt: Warten ist Passivität, ein Aussetzen der eigenen Bestimmungskraft, und das schmeckt nach Schwäche und Ausgeliefertsein. Auch zwingt es zum Erdulden des Kontrastes zwischen jener Passivität und dem plötzlich brodelnd und mächtig produktiv erscheinenden Tun ringsumher. Warten isoliert mich unangenehm von diesem Tun, und es spielt dabei keine Rolle, ob ich nun bis in eine fünf Minuten, fünf Jahre oder ganz ungewiss entfernte Zukunft in diese Blase eingeschlossen bin. Dort, im Warten, wo das eigene Tun und Bestimmen ausgesetzt sind, wurmt mich also ein Kontrollmangel. Das Gehirn, diese Kontrollmaschine, rebelliert dagegen, drückt, wenn es mangelnde Kontrolle registriert, den Alarmknopf – Ungeduld als Warnsignal. Dort nämlich, wo es nicht selbst bestimmen kann, fürchtet es Chaos. Falls Warten die Neuronen auf bestimmte Weise zum Klingen bringt, hört das Gehirn es vielleicht so:

 

 

SINN UND GEHALT > Bored to be wild*

Stumpfsinnige Arbeit unter prekären Bedingungen nagt an der seelischen Substanz. Wer das für reines Gejammer hält, war noch nie auf sie angewiesen. Von denjenigen, die an dieser Stelle an ihre Putzfrau oder ihren Paketboten denken und sich diese achselzuckend als ohnehin seelenlose Lebewesen vorstellen, mag ich gar nicht erst anfangen.

Bei allem Willen zur geistigen Selbstbehauptung, zwingt einem der tägliche, von Unsicherheit, finanzieller Knappheit und Perspektivenmangel bestimmte Existenz-Limbo irgendwann eine dauerhaft verrenkte, angespannte Haltung auf. Anstrengende Angelegenheit. Nur stempeln gehen zu müssen ist schlimmer.

Besser: Musik draus zu machen. Über das große Sinndefizit und das mickrige Gehalt. Und über deren Ursachen, Ausbreitung und Begleiterscheinungen; über High-End-Kapitalismus, Ungleichheit der Chancen, eine Kultur der Inhaltsleere, das große zwischenmenschliche Egal, Selbstentfremdung und die ständige Nähe zum Abgrund, der nur eine Kündigung entfernt liegt. Sicherlich eine ergiebige Stichwortliste für Gejammer. Besser: für Gepöbel und Gedicht.

*Titel eines Songs vom 2013er Sleaford-Mods-Album Austerity Dogs