LITERATUR // Gedichte

GLOBAL THINKING // Scherbografie

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Geheimnis bleibt dem tiefsten Geist,
Was Dasein heißt.
Gott hat das Rätsel ausgesprochen,
Sich selbst darüber den Kopf zerbrochen,
Bis er in Scherben zerschellt;
Die nennt man nun: die Welt.

Paul Heyse (1830 – 1914)


Ich kenne – mich selbst eingeschlossen – niemanden, der nicht ab und an oder gar dauerhaft von dem Gefühl beschlichen wird, sich im Leben auf einem Scherbenhaufen zu bewegen. Man besitzt einen natürlichen Gefüge-Sinn, der unversehrte Einheiten als etwas Ideales empfindet, und der aufspürt, wo man es mit bruchgefährdeten oder bereits zerstörten Unitäten zu tun hat. So, wie man von gut oder böse spricht, wendet man auch heil oder kaputt als Urteil an. Das untersuchende Gespür richtet sich auf das kleine wie auf das große Ganze aus, tastet das Private ab, prüft die engen und die weiten Kreise, in die das Individuelle eingebunden ist, auf Dellen, Risse und Lücken, und nimmt, als größte Einheit, die Kugel, auf der sich das Weltleben abspielt, in den Fokus. Die Biografie des Einzelnen, menschliche Beziehungen, ideelle Werte – schon im Kleinen stößt das Gespür allseits auf gesprengte Einheiten, auf kaputte Systeme, und wie sollte da der Gefüge-Sinn erst im Großen das Heile finden? Weltkarte, politisch: ein Mosaik aus bunten Scherbchen.

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FLUGWESEN // Ernst Jandl, Ikarus

IKARUS

Ernst Jandl, Ikarus

Er flog hoch
über den andern.
Die blieben im Sand
Krebse und Tintenfische.
Er flog höher
als sein Vater,
der kunstgewandte
Dädalus.
Federn zupfte die Sonne aus seinen Flügeln.
Tränen aus Wachs tropften aus seinen Flügeln
Ikarus flog.
Ikarus ging unter.
Ikarus ging unter
hoch über den anderen.


Nicht zu dicht am Wasser, nicht zu nah an die Sonne heran zu fliegen – so lautete die klare Flugvorschrift. Die Vernunft des Mittelwegs aber greift nur beim Alten, die Unvernunft des Höhenflugs entspricht dem Wesen des Jungen. Ur-Angst aller Eltern, gleichzeitig Ur-Sprung menschlicher Großleistungen: dass wir über unsere Vorgaben hinausfliegen.


Bild: Grebe, 2016

FLUGWESEN // Joachim Ringelnatz, Flugzeuggedanken

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Joachim Ringelnatz, Flugzeuggedanken

Dort unten ist die Erde mein
Mit Bauten und Feldern des Fleißes.
Wenn ich einmal nicht mehr werde sein,
Dann graben sie mich dort unten hinein,
Ich weiß es.

Dort unten ist viel Mühe und Not
Und wenig wahre Liebe. –
Nun stelle ich mir sekundenlang
Vor, daß ich oben hier bliebe,
Ewig, und lebte und wäre doch tot – –
O, macht mich der Gedanke bang.

Mein Herz und mein Gewissen schlägt
Lauter als der Propeller.
Du Flugzeug, das so schnell mich trägt,
Flieg schneller!


In der Luft ist kein Bleiben; auf uns wartet immer ein Boden. Seliges Schweben über den Dingen – das schenkt die Luft dem Fliegenden nicht großzügig hin, die Leichtigkeit ist der Schwerkraft abgetrotzt mit bombastischem technisch-energetischen Aufwand. Dieser Aufwand hat nicht nur neue Verkehrswege, sondern darüber hinaus einen neuen Seinszustand, eine neue Perspektive erschlossen: Vom Boden abhebend, darf die Seele für ein Weilchen das irdische Leben hinter sich zurücklassen, und sie darf den Körper dabei mitnehmen, um von oben, aus entrückter Ferne, darauf hinabschauen zu können. Gefühl von Freiheit – während man doch eingeschlossen ist in eine hermetische Kapsel. Man fliegt nicht selbst, man wird getragen. Diese Passivität: nur ein transitorisches Wohlgefühl. Du kannst jetzt selbst laufen, sagt man zum Kind und nimmt es vom Arm, weil es schwer wird, und es läuft selbst. So wird es groß werden, und alt werden irgendwann. Immer wartender Boden.


Foto: O.Grebe, 2015

ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE // Christian Morgenstern, Das Gebet

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Christian Morgenstern, Das Gebet

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!

Halb neun!

Halb zehn!

Halb elf!

Halb zwölf!

Zwölf!

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Sie falten die kleinen Zehlein,
die Rehlein.


Heiliger Bimbam, tun sie nicht, sagt man naseweis. Heiliger Bambi – weiß man’s?


Foto: Grebe, 2014

NACHTEINSAMKEIT // Heym’sche Nächte

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Nachtspaziergang (Grebe, 2015)


Nacht

^

Der graue Himmel hängt mit Wolken tief,

Darin ein kurzer, gelber Schein so tot

Hinirrt und stirbt, am trüben Ufer hin

Lehnen die alten Häuser, schwarz und schief

^

Mit spitzen Hüten. Und der Regen rauscht

In öden Straßen und in Gassen krumm.

Stimmen ferne im Dunkel. – Wieder stumm.

Und nur der dichte Regen rauscht und rauscht.

^

Am Wasser, in dem nassen Flackerschein

Der Lampen, manchmal geht ein Wandrer noch,

Im Sturm, den Hut tief in die Stirn hinein.

^

Und wenig kleine Lichter sind verstreut

Im Häuserdunkel. Doch der Strom zieht ewig

Unter der Brücke fort in Dunkel weit.


Nacht in einer kleinen Stadt

^

Der Mond stand auf den Giebeldächern,

Er glänzte tief durch das Geäst

Der hohen Linden und der Nachtwind

Trug ihren Duft zum Fenster her.

^

Am Himmelsgrund zog eine Wolkenwand

Gewitterschwer, weit hinten überm Strom.

Und ab und zu huschte ein bleicher Schein

Hinauf, und Donner grollte fern.

^

Und da, von einem hohen Baum

Ganz nah, löste ein heller Klang

Sich, stieg empor, schwebte im Glanz und starb.

Der Nachtwind klagt im Laube nach.


>> Georg Heym (1887 – 1912), der in einer Familie aufwuchs, deren grundlegende Stimmung die Schwermut war, schrieb einst über sein vom Vater ihm vorgegebenes rechtswissenschaftliches Studium in sein Tagebuch: Meine Natur sitzt wie in der Zwangsjacke. Ich platze schon in allen Gehirnnähten. […] Und nun muß ich mich vollstopfen wie eine alte Sau auf der Mast mit der Juristerei, es ist zum Kotzen. Ich möchte das Sauzeug lieber anspeien, als es in die Schnauze nehmen. Ich habe solchen Trieb, etwas zu schaffen. Ich habe solche Gesundheit, etwas zu leisten. Wie seine Freunde es beschrieben, hatte Heym sich seiner Familie nie sonderlich nah gefühlt, da er mit seiner Lebensfreude, seiner Lebendigkeit in einem schwer versöhnlichen Kontrast zu seinem Vater, seiner Mutter und Schwester stand. Und doch dominiert gerade die Dreieinigkeit von Kreuz, Tod und Gruft in seinen Gedichten. Sein früher Tod wiederum erklärt sich keineswegs durch Selbsttötung oder Krankheit, denen doch solcher Trieb, solche Gesundheit entgegengestanden hätten: In dem Versuch, seinen besten Freund zu retten, der beim Schlittschuhlaufen im Eis eingebrochen war, ertrank Georg Heym in der Havel. 

 

BRENNSTOFF // Fern-, Frauen-, Feuerweh: Ernst Wilhelm Lotz

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Ernst Wilhelm Lotz,

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen

^

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,

Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,

Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht

Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.

^

Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,

Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,

Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,

Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.

^

Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,

Es müssten Pantherinnen sein, gefährlich zart,

In einem wild gekochten Fieberland geboren.

Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

^

Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.

Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.

Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.

Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.


Geboren 1890 in Westpreußen, gestorben 1914 in Frankreich – Ernst Wilhelm Lotz gehörte zu jenen jungen Wilden, die ihr Wüten über den erstarrten Zeitgeist erst in ihre Kunst und dann in ihr Marschgepäck steckten: Aufbruch ins Unverbrauchte! Als Sohn eines Kadettenhausprofessors verbrachte Lotz seine Kindheit an unterschiedlichen Standorten von Kadettenanstalten und schlug später selbst eine militärische Laufbahn ein. Kurz unterbrach er diese für die Kunst, versuchte sich hauptberuflich als Kaufmann und finanzierte so seine Dichter-Existenz. Er übersetzte Gedichte von Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, schrieb selbst einige wenige. Zeitweise lebte er in Dresden in einer Wohngemeinschaft mit dem expressionistischen Maler und Dichter Ludwig Meidner. Bei Kriegsausbruch im August 1914 meldete sich der frühere Leutnant zurück zum Heer und wurde an die Westfront entsendet. Anfang September bereits erhielt Lotz das Eiserne Kreuz – Ende September fiel er während eines Angriffs nahe Bouconville.


Bild: Kunstschmiede Brandtbart

HANNOVER // Gerrit Engelke und der Lärm des neuen Europa

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Sucht man nach Dichtern, die in einer Verbindung zu Hannover stehen, springt zunächst Kurt Schwitters ins Sichtungsfeld und nimmt dort einen großflächigen Platz ein. Das Aushängeschild hannöverscher Dichtung schreibt sich, von hinten wie von vorne, A-N-N-A. Irgendwo in Frau Blumes Schatten entdeckt man als nächstes den kleinen, volkstümelnden Ludwig Hölty mit seinen kleinen Frühlingsblumen. Direkt daneben aber taucht Gerrit Engelke auf, und da ist dann Schluss mit Blümchen, da qualmt es aus Fabrikschloten, röhrt es aus Hochöfen, jaulen die Maschinen und dröhnen die Schritte des Arbeiterheeres.


Gerrit Engelke, Der Mittler

Dich, Dichter und Denker,
Umstürzt das tosende Meer der Lärm-Welt:
Kreischende Wellen, zischende Gischt hasten wie Springflut,
Dich umbrüllend, dir zu.
Wellen um Wellen schleudert die Welt um dich auf:
Fabriken, von fauchenden Eisenbahnen durchtummelt,
Laufende Menschen, schreiende Menschen,
Ineinander geschobene Pferde und Wagen,
Straßenbahnen,
Aufgesprengte Domtürme, Sing-Prozessionen,
Boot-Gewimmel,
Dampfer mit Heul-Sirene,
Und Qualm, Lärm, Qualm, Hammerlärm –
Alles
Stürzt zusammen
Und fällt hämmernd rasselnd blitzend schreiend
Über dich her!

Da faßt dich eine rasende Springwoge
Und schleudert dich hoch!
Höher –
Ein letzter Gischtspritzer leckt dir den Fuß
Und – da schwebst du in Sphären-Klarheit
Erlöst über der Dampf-Welt,
Über der Kampf-Welt da unten, tief unten –
Sink wieder hinab,
In die Welt,
Dichter und Denker!
öffne den Menschen
Die Sinne mit deinem Wort,
Laß sie erkennen, die Menschen,
Den Welt-Trieb-Geist,
Den Gottgeist.


>> Gerrit Engelke (1890, Hannover – 1918, bei Cambrai), der nach der Volksschule eine Malerlehre absolviert hatte, betrieb eine agitationsferne Form der Arbeiterdichtung, die, anstatt sich politisch zu positionieren, nach einem angemessenen Ausdruck für die sich wandelnden Verhältnisse suchte. Richard Dehmel, den Engelke 1913 kennengelernt hatte, verhalf ihm zu ersten Veröffentlichungen in Paul Zechs Zeitschrift Das neue Pathos. Dadurch entstanden Kontakte, die Engelke zu den Werkleuten auf Haus Nyland führten, einem dem Themenkomplex Industrie/Kunst verpflichteten Zirkel aus bürgerlichen und arbeiterschaftlichen Schriftstellern, Dichtern, Malern, Gebrauchskünstlern und Architekten, dem Engelke später selbst beitrat. Seine Texte erschienen von da an auch in der von den Werkleuten herausgegebenen Quadriga. 1916 veröffentlichten er und Heinrich Lersch, ein Kesselschmied und Lyrik-Autodidakt, sowie Karl Zielke gemeinsam den Band Schulter an Schulter – Gedichte von 3 Arbeitern. Zu weiteren Veröffentlichungen kam es nicht mehr: Gerrit Engelke wurde zum Kriegsdienst einberufen und starb, nahe dem heftig umkämpften französischen Cambrai, nach schwerer Verwundung in einem Lazarett der Briten. 1921 wurden die Gedichte aus seinem Nachlass unter dem Titel Rhythmus des neuen Europa von Jakob Kneip, einem Mitglied der Werkleute, herausgegeben.


OSTWÄRTS // Radnótis Schritte

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Seine ersten Gedichte veröffentlichte Miklós Radnóti (geb.1909 in Budapest, gest.1944 bei Abda) Ende der 1920er Jahre. In den anschließenden Jahren erschien seine vom Expressionismus beeinflusste, mitunter wegen Obszönität verbotene Lyrik in hoher Schlagzahl. Junger Dichter, wildes Schreiben.

Im Gedicht Nicht einmal der Wind bläßt hier wird, erinnernd an Alfred Lichtensteins Sommerfrische (wo es heißt: Wär doch ein Sturm…), ebenso nach Aufruhr verlangt, hier jedoch möchte das Ich selbst die aufrührende Kraft sein: bezahlt mir nur zwei starke Schuhe, und ich gehe nach Indien als Sonne scheinen. Ostwärts gehen, sonnenaufgangwärts sehen.


Nicht einmal Wind bläßt hier  (1931)

Alles schläft hier, auch zwei Blumen, schnaufend, lehnen sich aneinander, träumen von Regen, erschauern und dehnen sich; bezahlt mir nur zwei starke Schuhe, und ich gehe nach Indien als Sonne scheinen, wo auf weißen Straßen morgens der Aufruhr umläuft mit den jungen Massen in seinem schönen Rothaar! oder ich glänze als Schnee auf Siebenbürgens Firsten, wo in die bestickten Röcke der Balladen schwarz der Nachtwind bläst, denn nicht einmal mehr Wind bläst hier! bäuchlings liegt hier der Sonnenschein auf den Straßen und kratzt sich, von großen Dingen träumend, am Hintern.


Der große Aufruhr wird kommen und ins Entsetzliche umschlagen, er wird Radnóti wegen dessen jüdischer Abstammung verfolgen, ihn zum Zwangsarbeiter in serbischen Kupferminen machen und ihn schließlich westwärts, untergangwärts auf einen allesfressenden Gewaltmarsch schicken, den zum Schluss die Erschießungskommandos in Massengräber umleiten werden. In einem solchen wird man 1946 bei Exhumierungsarbeiten in Westungarn Radnótis letzte Gedichte auffinden. Untergegangenes, Wiederaufgegangenes.


Gewaltmarsch (1944)

Verrückt ist, wer, gestürzt, sich erhebt und weiterschreitet, Knöchel und Knie knickt, trotzend dem Schmerz, der ihn durchschneidet, und weiterschreitet, so als würden ihn Flügel heben, umsonst ruft ihn der Graben, er wagt nicht, nicht zu leben. Vielleicht sagt er dir, was ihm solch Weitermühn gebot: die Frau, die auf ihn wartet und einst ein weisrer Tod. Dabei ist er verrückt, der Gute: in seinem Heim gehn Brandwind, Staub und Asche sonst niemand aus und ein. Die Rückwand fiel zerstückelt, geknickt der Pflaumenbaum, voll Angst die stillen Nächte verloren ihren Flaum. Könnt ich doch glauben: Nicht nur im Herz blieb unversehrt das Heim, die Heimat, alles was uns im Leben wert, und man zurückkehrn könnte und sitzen hinterm Haus; friedlich die Bienen summen das Pflaumenmus kühlt aus, Altweibersommer sonnt sich, ein Ast im Garten knackt, in den Laubkronen wiegen sich Früchte prall und nackt und Fanni steht und wartet blond vorm Rotdornenhag, und langsam Schatten schreibt der langsame Vormittag. – Vielleicht kann’s doch so werden der Mond strahlt brüderlich. Freund, bleib doch stehen, ruf mich an: ich erhebe mich!


WAHN-VERWANDTSCHAFTEN // Allen´s Mum

Ginsberg Gedichte

Naomi, Naomi – schweißgebadet, glupschäugig, dick, das Kleid aufgeknöpft an der Seite – Haar ins Gesicht, die Strümpfe hexig verrutscht – schreiend um Bluttransfusion – eine gerechte Hand erhoben – Schuh darin – barfuß beim Apotheker –

Der Feind kommt näher – welche Gifte? Tonbandgeräte? FBI? Zhdanov versteckt sich hinter der Budel? Trotzkij mischt Rattenbakterien hinten im Laden? Onkel Sam in Newark Todesdämpfe heckend im Schwarzendistrikt? Onkel Ephraim, von Mord berauscht in der Politbar, taktiert für Haag? Tante Rose pissend in die Nadeln des Spanischen Bürgerkriegs?

bis die 35$ Mietambulanz aus Red Bank da war – Griffen ihre Arme – geschnallt auf die Bahre – stöhnend, vergiftet von Imaginarien, Chemie speiend durch Jersey, Gnade erflehend von Bezirk Essex bis Morristown –

Wieder retour ins Greystone wo sie drei Jahre lag – das war der letzte Durchbruch, ins Tollhaus zurück gebracht –

In welchen Abteilungen – Ich ging dort später, öfter – ältere katatonische Damen, grau wie Wolke, Asche oder Mauern – sitzen summend auf den Böden – Stühle – und die zerknitterten Hexen auf Schlurf und Fluch – betteln um mein 13-Jahre-Mitleid –

– Ich ging manchmal allein und suchte die verlorene Naomi, Schock behandelt – und mußte antworten, <Nein, Mama, du bist verrückt – Vertrau den Drn.> –

Allen Ginsberg, Ausschnitt aus Kaddisch (Für Naomi Ginsberg, 1894 – 1956)


In seinem Lang-Gedicht Kaddisch arbeitet sich Allen Ginsberg durch Erinnerungen und Gedanken an seine Mutter Naomi. Ihre psychische Erkrankung: Telephon um zwei Uhr früh – Notfall – durchgedreht – Naomi versteckt unterm Bett schreit Blutsauger Mussolinis. Die Hilflosigkeit des Vaters: Louis im Pyjama lauscht ins Phon, erschrocken – was jetzt? Der klägliche Bruder, all dem nicht gewachsen: – sein Gesicht verwirrt, so jung, dann Augen in Tränen – dann krochen weinend übers Gesicht – <Warum?> Weh bebt in den Backen, Augen ganz zu, Fistelstimme – Eugenes Schmerzensgesicht. Der Tod der Mutter: Wir sind im Schlamassel. Du bist draußen, Tod ließ dich raus, Tod hatte das Mitleid, du bist fertig mit deinem Jahrhundert, fertig mit Gott, fertig dein Weglein hindurch – Endlich fertig mit dir – Rein – Wieder zum Säugling dunkel vor deinem Vater, vor uns allen – vor der Welt – Da, ruhe. Nie mehr leiden. Ich weiß wo du dahin bist, es ist gut. Ginsbergs Beschäftigung mit ihr und deren Auswirkung auf seinen Lebensgang: Zurückträumend durch Zeiten, Deine – und meine schnellend Richtung Apokalypse. Und vielleicht, denke ich bei mir, war Kaddisch für Ginsberg nur die Verarbeitung im Speziellen, während die Art seines Lebens, Liebens, Schreibens zur Verarbeitung im Allgemeinen wurde: Wuchtige Fragmente stottern Gedichte, Lücken bilden Verbindungen, Schreck wird ausgesprochen, Schmerz wird gewälzt und umgewälzt, Gefühl bricht aus, bricht durch, bricht Verstand und Genick.


>>Allen Ginsberg, Gedichte (Rowohlt) antiquarisch


AUS DEM DUNKEL // Märzlicht

Frühlingsboten, Sonja Grebe


Rainer Maria Rilke, Vorfrühling

*

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung

an der Wiesen aufgedecktes Grau.

Kleine Wasser ändern die Betonung.

Zärtlichkeiten, ungenau,

*

greifen nach der Erde aus dem Raum.

Wege gehen weit ins Land und zeigens.

Unvermutet siehst du seines Steigens

Ausdruck in dem leeren Baum.

*


Zu keiner anderen Zeit des Jahres zieht es mich so sehr hinaus wie jetzt: Noch herrscht das Grau vor, doch der veränderte Geruch der Luft verrät, dass sich das Grün nicht mehr allzu lang in Schach halten lassen wird. Und das Licht beginnt endlich wieder zu gleißen und zu blenden. Bloßgelegt vom schwindenden Winter ist das Alte des letzten Jahres für einen Moment wieder zu Tage getreten und wird nun zusehends durchschossen und verdrängt durch das Frische. Mit ein paar Schneeglöckchen hole ich mir kleine Tropfen weißen Märzlichts ins Haus.