LITERATUR // Erzählungen, Essays, Zitate

VERGISSMEINICH // Albert Camus, Der Wind in Djemila

Es gibt Orte, wo der Geist stirbt um einer Wahrheit willen, die ihn verneint.

Das ist allemal ein mustergültiger Camus-Satz. Allerdings befinden wir uns in keinem seiner Romane oder philosophischen Artikel, sondern in einem autobiografischen, noch dazu ziemlich emotionalisierenden Prosatext, und der Camus, den man kennt, ist nicht unbedingt der Camus, den man hier antrifft.

Als ich nach Djemila kam, wehte es, und die Sonne schien […]. Einige Vogelschreie, der gedämpfte Ton der dreigelochten Flöte, das Getrippel von Ziegen – all diese Geräusche brachten mir die Stille und Trostlosigkeit des Ortes erst zu Bewusstsein. Hin und wieder flog flügelklatschend und schreiend ein Vogel aus den Trümmern. Jeder Weg, jeder Pfad zwischen den Häuserresten, die großen gepflasterten Straßen zwischen den leuchtenden Säulen, das riesige, auf einer Anhöhe zwischen Triumphbogen und Tempel gelegene Forum – alle enden in jenen Schluchten, die von allen Seiten Djemila umgeben, das wie ein ausgebreitetes Kartenspiel unter dem endlosen Himmel liegt. Und dort ist man nun, einsam und umringt von Stille und Steinen; und der Tag geht hin, und die Berge wachsen und werden violett. Aber der Wind bläst über die Hochebene von Djemila.

Das schreibt ein junger Camus – etwa 23 Jahre alt.

Djemila ist eine Ruinenstadt, gelegen in der kargen, bergigen Kabylei, einer küstennahen Region Algeriens. Ursprünglich eine Berbersiedlung, wurde der in antiker Zeit als Cuicul bekannte Ort zu einer römischen Veteranenkolonie, fiel später unter die Kontrolle der Vandalen, dann ans byzantinische Reich, erlebte die arabische Eroberung und wurde vermutlich verlassen, als das ehedem fruchtbare Klima sich zu trockener Hitze wandelte.

Unermüdlich blies und jagte [der Wind] durch die Ruinen, drehte sich in einer Kies- und Staubwolke im Kreise, hagelte auf die durcheinandergeworfenen Steinquader nieder […]. Ich flatterte wie ein Segel im Wind. Mein Magen zog sich zusammen; meine Augen brannten, meine Lippen sprangen auf, und meine Haut trocknete aus, bis ich sie kaum noch als meine empfand. […] Der Wind verwandelte mich in ein Zubehör meiner kahlen und verdorrten Umgebung; seine flüchtige Umarmung versteinte mich, bis ich, Stein unter Steinen, einsam wie eine Säule oder ein Ölbaum unter dem Sommerhimmel stand.

Schon der Weg nach Djemila ist nicht unbeschwerlich – er führt spürbar ins Abseits und scheint, solange er währt, kein Ende nehmen zu wollen. Hat man die Ruinenstadt mitten im himmelweiten Nirgendwo schließlich erreicht, findet man dort: nichts. Und zugleich findet man so das „klopfende Herz der Welt“ . Die Einsamkeit, die Unwirtlichkeit, auch die schiere Gestorbenheit dieses Ortes zehren an seinem Besucher, verschlingen ihn. Doch verschlingen sie ihn in Freundschaft.

Schließlich bin ich, in alle Winde verstreut, alles vergessend, sogar mich selbst, nur noch dieser wehende Wind und im Wind diese Säule und dieser Bogen, dieses glühende Pflaster und dieses bleiche Gebirge rings um die verlassene Stadt. Nie habe ich in einem solchen Maße beides zugleich, meine eigne Auflösung und mein Vorhandensein in der Welt, empfunden.

Angesichts eines solchen Anschauungsorts für Vanitas – Camus nennt die ausgeblichenen Ruinen einen „Knochenwald“ – driftet das Denken wohl zwingend in Richtung Leben, Sterben, Sinn. Doch erst im Zurückschauen. Solange man dort ist, geht es nicht um barocke Überlegungen zur Hinfälligkeit alles Irdischen; es geht nicht um letzte Fragen, auch nicht um reine Historienkunde und erst recht nicht um touristische Romantik.

Dort, zwischen ein paar Bäumen, liegt die gestorbene Stadt und verteidigt sich mit all ihren Bergen und all ihren Trümmern gegen billige Bewunderung, malerisches Missverstehen und törichte Träume.

Inmitten unbewegter Ruinen und wildbewegter, harscher Winde, unter dörrender Sonne lässt sich nichts suchen, fragen, denken, geschweige denn schreiben. Solange man dort ist, IST man, und zugleich ist man nicht. Solange man dort ist, geht es nur darum, selbst Gebein unter Gebeinen zu sein. Bevor sich der Abend senkt und man Djemila, dem Wind und seinem Zug schließlich nachgebend, verlässt.


In der Zeit um 1936/37, bevor er seine Arbeiten an Der Fremde aufnahm, schrieb Camus einige Essays von persönlicher, aber nicht rein privater Natur, die in Frankreich 1938 unter dem Titel Noces erschienen – darunter Der Wind in Djemila. Sie zeigen den algerischen (und Algerien vermissenden) Camus, und sie zeigen sich nicht nur als philosophische, sondern zugleich poetische, mitunter ins Schwärmische gehende Prosastücke, weswegen oft Bezug auf sie genommen wird als Camus‘ „lyrische Essays“. Zwischen 1939 und 1953 schrieb Camus weitere Essays dieser Art, die 1954 unter dem Titel L’été publiziert wurden. Hochzeit des Lichts versammelt diese Texte. (Aktuell >>als Hardcover-Ausgabe im Arche Verlag lieferbar. Antiquarisch sind unter dem Titel  Hochzeit des Lichts oder Hochzeit des Lichts/Heimkehr nach Tipasa ebenfalls hübsche Ausgaben zu finden.)


 

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DAS FÜRCHTE-ICH // Angst+Hasen

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Honey Bunny

Zwar war ich nie die ganz große Sportskanone, im Schnelllauf aber immer spitzenmäßig. Im Grundschulsport bin ich allen davongeflitzt. Wer mich auf dem Pausenhof verdreschen wollte, der musste mich erst einmal kriegen: Dumme Karnickel sind Hundebeute – ich war hier der Feldhase, meine Sprintqualitäten berühmt, meine Haken unschlagbar.
Als die Jungs (es waren immer die Jungs) das irgendwann verstanden hatten, hörten sie auf mich zu jagen und gingen zum Auslachen über. Das war nicht dumm. Aus meinem Vorweglaufen, das sie als die lahmen Köter dastehen ließ, machten sie so ganz einfach ein Davonlaufen, das mich als die Angsthäsin auswies. Dumm war, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen konnte, mir von nun an lieber blaue Flecken holte, ein paar Haarsträhnen hergab und, wenn ich ab und an selbst einen kleinen Skalp hatte reißen können, echt glaubte, jetzt hätte ich’s denen aber mal so richtig gegeben, aber hallo.

Als, ich denke, 18jährige bin ich mal mit einem Trupp nicht allzu viel älterer Jungs, die gerade ziemlich vollgetankt von irgendeiner Großveranstaltung kamen, in der U-Bahn gefahren. Es war spät, die U-Bahn ansonsten unbesetzt. Aus Langeweile und Übermut fingen die Jungs bald an, sich mit mir zu beschäftigen. Das war erst albern, schlug dann ins Schmierige um, und schließlich kamen zwei rübergetorkelt, um an mir herumzutätscheln. Stichproben-Anfasserei. Die übrigen kommentierten das spaßig und erhoben sich von ihren Hintern, um das auch mal auszuprobieren. Bisschen anstupsen, bisschen fummeln vielleicht. (Liebe Leserinnen, Sie kennen das – es ist sogar nicht unwahrscheinlich, dass Sie noch sehr, sehr viel Schlimmeres, richtig Schlimmes kennen. Ich weiß.)
Ich sagte rein gar nichts, quetschte mich irgendwie durch, bis ich in der Tür stand, und wartete dort stoisch auf den nächsten Halt, der eigentlich noch gar nicht meine Station war, aber egal jetzt; natürlich musste ich hier raus. „Was läufst’n weg, Hase?“ „Hasiiiiii!“ „Wo gehste hin jetzt?“ „Wir kommen mit! Ja? Nimmst uns doch mit, Hasi?“
Kaum, dass die Tür sich geöffnet hatte, drängelten sich die Herrschaften tatsächlich mit mir nach draußen. Kann sein, dass sie ohnehin hier aussteigen mussten. Kann auch sein, dass sie meinetwegen ausstiegen – weil sie solchen Spaß daran fanden, es an mir zu übertreiben. Ich ging aus dem Stand in den Sprint über. Sofort großes Gelächter. Hinter mir hörte ich Laufschritte klatschen, doch nur über kurze Distanz: kein echtes Jagen, nur ein bisschen Scheuchen, reiner Jux. „Ich krieg dich noch, du! Ha!“ „Guck ma, guck ma wie die rennt!“
Im Prinzip hielt ich diesen Haufen für harmlose Idioten, und es fühlte sich überhaupt nicht gut an, vor solchen Flitzpiepen davonzurennen. Ich schimpfte nicht einmal drauflos – wäre mir nämlich auch nur ein Wort rausgerutscht, wäre ich vollständig geplatzt, wolkenbruchartig. Ich rannte entschieden weg, weil mir klar war, dass ich sonst vor lauter Brast um mich geschlagen hätte, was allerdings mit Sicherheit dumm ausgegangen wäre.
Wenige Bahnsteige und Rolltreppen weiter – über meinen Kaninchengalopp wurde sich unterdessen wohl immer noch kaputtgelacht – schnappte ich Luft. Ich hatte mich natürlich total vernünftig verhalten, und da ich ansonsten durchaus zu Dummheiten neigte, hätte ich nun ganz zufrieden mit mir sein müssen. Von wegen. Ich glühte und prasselte vor Wut, im Rachen schmeckte es schon nach Ruß, und am schlimmsten wütend war ich doch glatt auf mich selbst.
Während ich weiter durch die Station marschierte, und auch zuvor, während der Bahnfahrt und während der anschließenden Rennerei, war ich dermaßen mit meiner stillen Wut beschäftigt gewesen, dass ich gar nicht dazu gekommen war, mich ängstlich zu fühlen. Aber Angst beißt einen ja oftmals erst von hinten.
Ein paar Schritte später begann ich zu eiern, auf einmal machte es klack und ich trat komisch ins Leere: Mein Absatz war abgebrochen. Ich stand beschädigt da, hielt meinen Schuhabsatz in der Hand, und da überkam mich ein solches Gefühl von Wehrlosigkeit, dass ich am liebsten ins nächstbeste Loch gekrochen wäre. Es biss mich: Was, wenn ich direkt nach dem Aussteigen gestolpert wär? Wenn sie mich gekriegt hätten? Viel Cola-Korn, viel Testosteron, bisschen Adrenalin – und dazu so’n Häschen, das einem direkt vor die Füße fällt?

Wie kam es eigentlich einst zustande – ein guter Trick der Kerle? -, dass sich als weibliche Schönheitsattribute insbesondere solche Dinge etabliert haben, die uns langsam und unbeweglich machen? Wie High Heels, oder enge Röcke? Damenfrisuren dürfen nicht zerzausen, das Make Up darf nicht wegschwitzen; nach dem Nägellackieren hält man minutenlang still.


Zwangst

Bei aller Flauschigkeit: Man tut den Leporidae, ob nun Feldhase oder Wildkarnickel, unrecht, indem man sie auf ihr verkitscht-verniedlichtes Klischee reduziert. Nicht umsonst hat sich ein Langohr als Oster-Maskottchen durchgesetzt: Wer in der Nahrungskette so tief unten zu finden ist, wer solche Sterblichkeits- und Fruchtbarkeitsraten vorzuweisen hat, der versteht was vom archaischen Themenkreis Werden-Vergehen-Werden.
Zuchthasen und Käfigkaninchen kommen mir allzu entseelt vor. Freilebend sind sie mir lieber, so hab ich sie gern, nur: Ich komme nie so recht davon weg, die sowohl stimmliche als auch mimische Stummheit der Mümmelmänner als etwas ungemein Unheimliches wahrzunehmen. Einem Feldhasen zuzuschauen, wie er mit 70 Sachen übern Acker brettert, ist herrlich – aber danach, wenn ich im Fernglas das Hasengesicht zu fassen kriege, morst da die bebende Schnauzenspitze Gefahr-Gefahr-Gefahr, glänzt in blanken, ausdruckslosen Hasenaugenkugeln Tod-Tod-Tod, und dann lasse ich das Fernglas sinken, schaue mich schaudernd um, frage mich, was ein Hase wohl so alles wittert und so alles weiß und ob nicht auch ich vielleicht besser hätte rennen sollen; frage mich: War da nicht gerade was? So ein Schatten, ein Hauch…

Auch im Kopf, und zwar hauptsächlich im Kellerraum unterm Bewussten, begegne ich den Hasenartigen öfters. Nie treten sie dort einfach als niedliche Streicheltiere auf, immer sind sie seltsam machtvoll, zwiespältig.

Am Ende meiner vertrauten Straße, die ich aus der Wirklichkeit so nicht kenne, wohnte einst, in einem verschachtelten Gebäude auf hochgelegenem, umzäunten Grund, ein Fabelmann. Ein echtes Märchenbiest – hässlich, bösartig, kalt. Ich hockte verschanzt im Häuslein mein, Häuslein klein, und wusste sicher, der Fabelmann würde mich holen kommen, so wie er sich bereits zwei Nachbarinnen gekrallt hatte, aus deren Häusern mich nun bloß noch leere Fenster anstarrten. Nachts hörte ich den Fabelmann bei mir am Fensterkitt herumpulen und an den Türscharnieren werkeln. Bald, bald, dachte ich.
Also bat ich ein abstruses Insekt, mit dem ich offenbar gut befreundet war, es möge doch den Maulwurf zu mir schicken und der solle bitte auch ein bestimmtes Buch mitbringen. Sogleich warf der Maulwurf neben meiner Bettkante einen Hügel auf, streckte seine Schaufelpranke heraus, um mir das betreffende Buch vor die Füße plumpsen zu lassen, zeterte: „Da! Aber was auch immer du damit verzapfst – ich will damit nichts zu tun haben, dass das klar ist!“, und verdrückte sich.
Ein dunkles Buch, eingebunden in etwas, das aussah wie gepresste Erde oder Chitinplatten. Ich schlug es auf, prüfte die Rezepte, prüfte die Bestände meines Küchenschranks und fand alles, was ich brauchte. Zittrig stellte ich Buch und Zutaten parat – es konnte losgehen: Erst der Spruch, dann der Brei. Vorsichtig, genau lesend sagte ich mein Sprüchlein auf.
Im schwarzerdigen Feld draußen vorm Fenster begann es zu rumoren. Als ginge hier Jasons Saat von Drachenzähnen auf, stiegen aus der Ackerkrume Gestalten empor, Furche für Furche, hochgewachsen, menschlich, nur ihr Kopf ein großes, mondweißes Hasenhaupt mit Kugelaugen, so rund und schillernd schwarz wie Mistkäfer. Es waren unzählige, sie bestanden das Feld bald wie ausgewachsene Maishalme; ihre Köpfe und ihre schlichten Anzüge waren allesamt identisch, und ihre Bewegungen verliefen synchron. Lautlos begann ihr Marsch – hinterm Fenster stand ich und verfolgte den weißbehaupten Fluss, wie er dem Haus des Fabelmannes entgegenströmte.
Ich sah, wie der Zaun brach, das Haus der weißen Brandung nachgab, ich sah, wie schließlich der Fabelmann brüllend und tobend in der stummen weißen Flut versank und… das war zu grausam, aber ich konnte nicht wegschauen.
Der hasenköpfige Strom wirbelte herum; noch immer konnte ich nicht wegschauen. Der Strom floss nun herab, meinem Häuslein klein entgegen. Der Brei!, fiel es mir plötzlich ein. Den hatte ich ja noch gar nicht zubereitet!
Erst der Spruch, dann der Brei, so stand es im Buch, aber nicht nur das: Der Brei sei unmittelbar, sobald alles in Gang gesetzt sei, anzurühren, denn der Brei sei das Mittel, um alles wieder außer Kraft zu setzen, und bekomme das Heer der Erdentstiegenen nicht den Brei, nehme die Erde es nicht wieder auf, und so müsse es dann weiterziehen auf ewig. Warnend hieß es im Rezept, man dürfe das wandelnde Heer nicht beobachten, wie es sein Werk erfülle, man müsse die Augen unbedingt abwenden, jawohl, es sei zwingend nötig, stattdessen den Brei zu rühren, der das Heer abspeise, sonst… aber das sei zu grausam.
Himmel, jetzt aber schnell: Ich pfefferte die bereitgestellten Zutaten in den Topf, ich rührte wie verrückt, ich gab dies hinzu und das, rührte und rührte, es fehlte nur noch… Wo war es denn? Tastend kroch ich über den Boden von gestampfter Erde. Draußen barst der Lattenzaun. Ich hatte doch ein Fläschchen davon gehabt, ganz bestimmt! Die Fenster sprangen. Ich suchte, ich kroch – ich fand es nicht, verdammt. Unterm Tisch nicht, nicht im Schrank, und unters Bett gekullert war’s auch nicht. Wo war es bloß? Die Balken stöhnten, das Dach schrie. Wo, wo?
Da quoll es stumm. Mir wurde weiß. Mir wurde schwarz.

Alles ein Hasenrennen, Tag und Nacht. Bloß nicht Beute werden! Funktionszwang, Versagensangst – schlimm, wenn sich Zwang und Angst verbinden: Zwangst.


Julio Cortázar, Brief an ein Fräulein in Paris

Sie wissen, warum ich in Ihre Wohnung kam, in Ihren so ruhigen und von Sonne umschmeichelten Salon. Alles scheint ganz natürlich, wie immer, wenn man die Wahrheit nicht weiß. Sie sind nach Paris gegangen, ich übernahm Ihr Appartement in der Calle Suipacha, wir trafen ein einfaches, befriedigendes Abkommen, jedem würde gedient sein, bis der September Sie wieder nach Buenos Aires führt und es mich in eine andere Wohnung verschlägt, wo vielleicht… Doch nicht deswegen schreibe ich Ihnen, ich schicke Ihnen diesen Brief wegen der kleinen Kaninchen, ich halte es für meine Pflicht, Sie davon zu unterrichten; und weil ich gerne Briefe schreibe, und vielleicht auch, weil es regnet.

Wegen der Kaninchen. Aha.
Dieser Brief bzw. diese Kurzgeschichte findet sich in Julio Cortázars Bestiarium in einer Reihe mit ähnlich harmlos anmutenden Geschichten, die jedoch stetig und beharrlich ihre toxische Wirkung entfalten – zurück bleiben Ratlosigkeit, Unruhe, mitunter Pulsrasen. Lesen Sie das nicht nachts. (Lesen Sie’s auch nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln! Und auf keinen Fall allein zuhause – aber bitte auch nicht, wenn Sie zu zweit daheim sind. Lesen Sie’s vielleicht, wenn es geht… Ach, ich glaube, ich kann Ihnen da auch nicht helfen.) Ähnlich wie bei Kafka, frage ich mich bei Cortázar, wie er es bloß ausgehalten haben mag, all das schwerwiegend Unheimliche nicht nur zu denken, sondern obendrein aufzuschreiben, das Ganze schriftlich in Form zu bringen und gründlich auszufeilen. So was dauert ja…
So was zehrt doch!
Zurück zum Brief. Das mit den Kaninchen ist so: Sie entstehen nicht so recht natürlich; es hat sehr direkt etwas mit diesem Herrn zu tun, der übergangsweise, sozusagen als Housesitter, in ein hübsches Appartement in Buenos Aires zieht, während die Eigentümerin in Paris weilt. Das mit den Kaninchen hatte er bislang ganz gut vertuschen und verstecken können – hier, im fremden Umfeld, fällt ihm das schwer und immer schwerer. Die Kaninchen, ach!, sie lassen sich kaum noch im Zaum halten, und auch ihr Entstehen – dieses zwar harmlose, gleichzeitig völlig absurde und eigentlich ja doch furchtbar unheimliche Entstehen – ist ein Geheimnis, das den Herrn zunehmend belastet.
Im Brief vertraut er sich nun seiner Gastgeberin in der Ferne an – in durchaus plauderhaftem Ton, durch den jedoch ab un an, hauchzart, unterdrückte Panik schimmert.
Armer Mensch, denke ich. Schrecklich!, denke ich schließlich. Und dann denke ich: Was ist das eigentlich für ein Geräusch, das da vom Dachboden kommt? Oder eher von unterm Bett? Klopft da was?
Licht an. Und das Radio, das stelle ich auch gleich an. Señor Cortázar habe ich nicht einfach aus der Hand, sondern zurück ins Buchregal und obenauf die Buddenbrooks sowie drei Bände John Steinbeck gelegt (eine Bibel oder so habe ich gerade nicht parat). Erst mal setze ich einen Lavendeltee auf. Ich schleife die Bettwäsche ins Wohnzimmer rüber, aufs Sofa. Auf dem Sofatisch stapele ich ein paar Bände Tim und Stuppi und Asterix, Zeitschriften, Schokoriegel, Chips und halte Fernseher-Fernbedienung und Handy griffbereit. So geht’s etwas besser, ja. So ist es schon viel –
Himmel, irgendwas klopft doch da!


>>Collage: Grebe, 2013


>>Julio Cortázar, Bestiarium (Suhrkamp) €9,-


ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE // Heinrich Heine, Die Götter im Exil

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1853 macht sich Heinrich Heine sorgenvoll Gedanken um eine gesellschaftliche Randgruppe: Die Zeitschrift Blätter für Unterhaltung veröffentlicht einen Aufsatz Heines mit dem Titel Die Götter im Exil, welcher der Frage nachgeht, wie sich die heidnischen Götter nach der Schließung des Olymps und dem Abriss ihrer Tempel nun wohl beschäftigen.
Der ursprüngliche Aufsatz-Titel Die Götter im Elend zeigt noch eine Spur deutlicher, wie schlecht es seit der Machtübernahme durch das Christentum um die einst so stolzen und mächtigen Lichtgestalten der antiken Glaubenswelt bestellt ist.

Sie mußten damals schmählich flüchten, die armen Götter, und unter allerlei Vermummungen verbargen sie sich bei uns auf Erden. Die meisten begaben sich nach Ägypten, wo sie zu größerer Sicherheit Tiergestalt annahmen, wie männiglich bekannt. In derselben Weise mußten die armen Heidengötter wieder die Flucht ergreifen und unter allerlei Vermummungen in abgelegenen Verstecken ein Unterkommen suchen, als der wahre Herr der Welt sein Kreuzbanner auf die Himmelsburg pflanzte, und die ikonoklastischen Zeloten, die schwarze Bande der Mönche, alle Tempel brachen und die verjagten Götter mit Feuer und Fluch verfolgten. Viele dieser armen Emigranten, die ganz ohne Obdach und Ambrosia waren, mußten jetzt zu einem bürgerlichen Handwerke greifen, um wenigstens das liebe Brot zu erwerben. Unter solchen Umständen mußte mancher, dessen heilige Haine konfisziert waren, bei uns in Deutschland als Holzhacker taglöhnern und Bier trinken statt Nektar.

In munkelndem Ton trägt Heine fabulierte Augenzeugenberichte zusammen, die Hinweise auf den Verbleib der vertriebenen Götter liefern.
Einzig für Bacchus (es sei angemerkt, dass die Anrede der hier näher beschriebenen Götter mit ihrem römischen Namen erfolgt) scheint das religiöse Karriere-Aus eher glimpflich verlaufen zu sein. So soll ein Fischer, der als junger Mann an einem Tiroler See sein Boot zu Fährdiensten anbot, vor seinem Tode im Familienkreise angegeben haben, einst ein rauschhaftes Gelage auf einer Insel im See beobachtet zu haben, als er hatte herausfinden wollen, was ein paar verdächtig anmutende Kuttenträger, die einmal jährlich das Boot des Fischers in Anspruch nahmen, wohl im Schilde führen mochten. Entsetzt über die obszönen Handlungen und die bockshörnige, ziegenfüßige Gestalt einiger Gäste, habe der Fischer die unchristlichen Vorgänge dem Vorsitzenden des nahen Franziskanerklosters melden wollen. Aber wie erschrocken sei er gewesen, so der Fischer, als sich jener Ordensoberer als niemand anderes erwiesen habe als der leibhaftige Anführer des zuchtlosen Inselfestes – und die Mönche als Bacchanten.
Weit schlechter getroffen habe es, dem Vernehmen nach, Apollo, der sich als Hirte in Niederösterreich durchgeschlagen habe, bis sein zauberhaftes Flötenspiel seine göttliche Identität entlarvt habe. Er sei daraufhin einem geistlichen Gericht vorgeführt, gefoltert und schließlich hingerichtet worden.
Kriegsgott a.D. Mars könne, entsprechend seiner Profession, wohl nicht über Beschäftigungsmangel klagen, wobei er sich als vergleichsweise niederer Rang – es wird getratscht, er habe unter Anderem als Landsknecht gedient – wenig wohlfühlen dürfte.
Mercurius sei in der Kluft eines holländischen Kaufmanns gesichtet worden; überdies, wurde berichtet, fahre er ab und an von einem Küstenkaff aus auf die Nordsee hinaus, um dort die Seelen von Verstorbenen zu verklappen.
Und Jupiter… ach, Jupiter: Laut Seemansgarn seien Walfänger auf einer kargen, von Kaninchen übervölkerten Insel am Rande der Arktis einem Eremiten begegnet, der dort in Begleitung eines zerrupften Adlers und einer ausgezehrten Ziege in einer schäbigen Hütte hause. Erstaunlich gut ausgekannt habe er sich mit den Hügeln, Tälern und Flüssen des guten alten Europa, nur sei ihm keine einzige moderne Stadt geläufig gewesen, und bei der Erwähnung griechischer Tempelruinen sei er in Schluchzen ausgebrochen.

Aller Humorigkeit zum Trotz, verdeutlicht Heines Aufsatz dessen ernsthaftes Unbehagen an der Mentalität des vorherrschenden Nazarenertums – ein Oberbegriff, den Heine verwendet, um die Gemeinsamkeiten von jüdischer und christlicher Tradition zusammenzufassen. Die Götter im Exil charakterisiert die Nazarener, durchaus anklagend, als rechthaberische Asketen, als verkopfte Krämerseelen. Indem Heine vom Nazarenischen im Gegensatz zum Hellenischen spricht, welches eine lebensfreudige und dem Menschlichen zugewandte Haltung verkörpere, unternimmt er keineswegs eine völkische Einordnung, sondern definiert damit eine Unterscheidung bezüglich des menschlichen Naturells. Seine Nazarener kommen bei Heine dabei nicht gut weg: Die Katholiken zum Beispiel erscheinen als von der Inquisition geprägte Petzen, die gleichzeitig eine dogmatische Härte und eine schäbige Doppelmoral an den Tag legen, und die Protestanten zeichnen sich durch eine strenge Arbeitsethik aus, nach der sich der Mensch jeglichen Freuden zu verweigern hat.

Da die Götter nun einmal als unsterblich gelten, könnte man sich vorstellen, womit sie sich derzeit im Alltag herumschlagen: Mercurius ackert sich unter Zeitdruck und auf Zeitvertrag in der Logistikbranche ab. Venus leidet inzwischen an Magersucht. Aesculapius muss als Chefarzt Hüftoperationen am Fließband durchführen, damit er seine vertraglich vereinbarte Erfolgsquote erfüllt und seine Klinik genug lukrative Eingriffe abrechnen kann. Cupido verliert seine Klientel zunehmend an Tinder. Und Ceres steht als Bäuerin unter einem ungesunden Produktionsdruck.
Das nazarenische Naturell hat sich im Laufe der Zeit seiner religiösen Basis entledigt und ist aufgegangen in einem alles umfassenden Ökonomismus. Da lässt sich eine romantisch-verklärte Sehnsucht nach etwas mehr hellenischem Geist, wie sie Schiller in seinem Gedicht Die Götter Griechenlands formuliert hat, manchmal nur schwer unterdrücken:

Da die Götter menschlicher noch waren, / Waren Menschen göttlicher.


>>Bild: Grebe, 2016

FABULIERIOSITÄTEN // Mynona, Goethe spricht in den Phonographen (Eine Liebesgeschichte)

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„Es ist doch schade“, sagte Anna Pomke, ein zaghaftes Bürgermädchen, „daß der Phonograph nicht schon um 1800 erfunden worden war!“ „Warum?“ fragte Professor Abnossah Pschorr. „Es ist schade, liebe Pomke, daß ihn nicht bereits Eva dem Adam als Mitgift in die wilde Ehe brachte; es ist Manches schade, liebe Pomke.“ „Ach, Herr Professor, ich hätte wenigstens so gern Goethes Stimme noch gehört! Er soll ein so schönes Organ gehabt haben, und was er sagte, war so gehaltvoll. Ach, hätte er doch in einen Phonographen sprechen können! Ach! Ach!“

Da sich das Fräulein Pomke doch so sehr danach sehnt, Herrn Goethes wahre Stimme einmal zu hören, macht sich Professor Pschorr, der sich doch so sehr danach sehnt, der lieben Pomke einmal näher zu kommen, nun daran, ihr diesen Herzenswunsch zu erfüllen. Die Hoffnung, im Gegenzug von ihr mit herzlicher Zuwendung belohnt zu werden, lässt ihn ein aberwitziges Vorhaben planen und dieses mit Mut und Tücke in die Tat umsetzen.

Professor Pschorr, Erfinder des Ferntasters, versank in sein habituelles erfinderisches Nachdenken. Sollte es nicht noch jetzt nachträglich gelingen können, diesem Goethe (Abnossah war lächerlich eifersüchtig) den Klang seiner Stimme abzulisten? Immer, wenn Goethe sprach, brachte seine Stimme […] Schwingungen hervor […]. Diese Schwingungen stoßen auf Widerstände und werden reflektiert, so daß es ein Hin und Her gibt, welches im Laufe der Zeit zwar schwächer werden, aber nicht eigentlich aufhören kann. Diese von Goethes Stimme erregten Schwingungen dauern also jetzt noch fort, und man braucht nur einen geeigneten Empfangsapparat, um sie aufzunehmen.

Das weitere Grübeln des Erfinders fördert allerdings ein grundlegendes Problem zu Tage: Um einen solchen Empfänger auf eine einzelne Stimmfrequenz justieren zu können, müsste diese zunächst einmal genauestens bestimmt werden, wozu ausführliche Studien des dazugehörigen organischen Sendeapparats von Nöten wären – hierfür also müsste Pschorr dem lieben Goethe an die Kehle.

Schon wollte er das Ding aufgeben, als er sich plötzlich darauf besann, dass ja Goethe selbst, wenn auch in Leichenform, noch existierte.

Nur empfängt dieser Goethe keine Gäste mehr: Der honorige Leichnam steht für Forschungszwecke nicht zur Verfügung; Pschorrs entsprechender Antrag wird in Weimar kategorisch abgelehnt. Daran aber soll es nicht scheitern, befindet der Herr Professor, und so macht er sich nicht nur mit wissenschaftlichem, sondern auch mit allerlei Einbruchsgerät im Gepäck auf den Weg zur Weimarer Fürstengruft. Der handwerkliche Aspekt des geplanten Einstiegs in die Grabstätte stellt für Pschorr kein Hindernis dar – dafür qualifiziert ihn sein ingenieurstechnisches Geschick. Und darüber hinaus verfügt er über die nötigen psychophysiologischen Fähigkeiten, um die Bewacher der Gruft auszuschalten. In seinem Hotelzimmer übt Pschorr zunächst eine tiefe, sonore Stimmlage und eine geheimratliche Haltung ein. Um Mitternacht dann erscheint er, verkleidet als der leibhaftige alte Goethe, vor der Gruft und setzt die Wächterschaft per Spezial-Hypnose außer Gefecht.

Bis der Krampf sich löste, blieben ihm gut und gern etwa zwei Stunden, und diese nutzte er kräftig aus. Er ging in die Gruft, ließ einen Scheinwerfer aufzucken und fand auch bald den Sarg Goethes heraus. Nach kurzer Arbeit war er mit der Leiche bereits vertraut. Pietät ist gut für Leute, die sonst keine Sorgen haben.

[Und überhaupt: Hätte nicht gerade der forschungsbegeisterte Goethe selbst an einem solchen Unternehmen Gefallen finden müssen? Noch dazu, da doch die Gunst einer Frau damit errungen werden soll?] Gleich nach Pschorrs Abreise am nächsten Morgen geht die Erfinderei in ihre heiße Phase über, und bald sind die Kehlkopfrekonstruktion sowie ein Miniaturphonograph mit Mikrophonvorrichtung fertiggestellt. Die Inbetriebnahme der Erfindung soll in Goethes ehemaligem Arbeitszimmer stattfinden, wo die höchste Schwingungsdichte der Goethestimme zu erwarten ist. Mit dem Versprechen, ihren Goethe für sie plaudern zu lassen, lädt Pschorr die Pomke zu einem Ausflug nach Weimar ein, wo die beiden mit ihrem Anliegen bei Hofrat Professor Böffel vorstellig werden:

„Was wollen sie mit dem Kehlkopf, wenn ich fragen darf?“ „Ich will den Stimmklang des Goetheschen Organs täuschend naturgetreu reproduzieren.“ „Und sie haben das Modell?“ – „Hier!“ Abnossah ließ ein Etui aufspringen. Böffel schrie sonderbar. Die Pomke lächelte stolz.

Anfänglich skeptisch, gibt Böffel seiner Neugier nach; Pschorr darf den sonderbaren Apparat in Goethes Arbeitszimmer zum Einsatz bringen. Der Durchführung des Experiments, bei dem per Blasebalg Luft durch den Kehlkopfapparat gefiltert und die daraus isolierten Stimmschwingungen vom Phonographen hörbar gemacht werden sollen, wohnen Pomke, Böffel und einige Assistenten bei, und tatsächlich werden sie, nachdem Pschorr ein wenig geblasebalgt hat, zu Zuhörern eines der berühmten Gespräche Goethes mit Eckermann. [Eckermann fungierte in jenen Gesprächen sozusagen als Interviewführer, der Goethe, indem er diesem offene Fragen stellte und sachkundig gezielt nachhakte, zu wissenschaftlichen und philosophischen Ausführungen anregte. Diese Unterhaltungen veröffentlichte Eckermann, wie es Goethes Wunsch gewesen war, nach dessen Tod.] Die hier gehörte Passage ist überdies von besonderer Sensation; elektrisiert lauscht das Publikum, wie Goethe sich über die Farbenlehre nach Newton auslässt. [Goethe verteidigte den Wahrheitsanspruch seiner eigenen Farbenlehre gegenüber der Newtons, die seiner vorausgegangen war, wie eine Furie. An Newton selbst ließ er kaum ein gutes Haar. Als begabt zwar, doch nicht schöpfungsbegabt beschrieb Goethe diesen, und so einer – etwas frei formuliert nach Goethes Polemik gegen Newton -, der von Schöpfung an sich schon nichts verstehe, solle doch bitte die Finger davon lassen, die Schöpfung selbst mit seinen eitlen und gar fehlerhaften Erklärungen zu etikettieren. Bisweilen garstig überheblich, strebte Goethe mit seiner eigenen Farbenlehre nichts Geringeres an, als den frei denkenden Dichter als Weltversteher über den begrenzt denkenden Naturwissenschaftler zu erheben. Newton habe, indem er künstliche Versuchsanordnungen zur Erforschung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten verwendete, der Natur, einem Inquisitor gleich, unwahre Geständnisse abgefoltert. Goethe führte dagegen den Ansatz der Aufklärung ins Feld: Aus verengten Blickwinkeln lässt sich kein umfassendes Erkennen erreichen, dazu bedarf es des fragenden Blickes auf die ganze Welt und den ganzen Menschen.]

„Wie gesagt, mein lieber Eckermann, dieser Newton war blind mit seinen sehenden Augen. Wie sehr gewahren wir das, mein Lieber, an gar manchem so offen Scheinenden! Daher bedarf insonders der Sinn des Auges der Kritik unsres Urteils. Wo diese fehlt, dort fehlt eigentlich auch aller Sinn. Aber die Welt spottet des Urteils, sie spottet der Vernunft. Was sie ernstlich will, ist kritiklose Sensation. […]“ Das hörte die Pomke mit frohem Entsetzen. Sie zitterte und sagte: „Göttlich! Göttlich! Professor, ich verdanke Ihnen den schönsten Augenblick meines Lebens.“

Die Zuhörerschaft tobt vor Begeisterung, das Fräulein Pomke allen voran. [Fraglich ist allerdings, ob in diesem Falle nicht vielleicht der Sinn des Ohres insonders der Kritik des Urteils bedurft hätte. Pschorr verstaut seine Gerätschaften nach erfolgreicher Demonstration allzu schnell wieder im Köfferchen und scheint auch zu wissenschaftlichen Plaudereien nicht aufgelegt zu sein. Man erinnere sich außerdem der besonderen Fähigkeiten des Professors Pschorr (nebst dessen eigenen Stimmübungen), der hier geradezu als Magier vor verzaubertem Publikum auftritt. Ob also bei diesem Experiment alles mit rechten, naturwissenschaftlichen Dingen zugegangen ist, sei dahingestellt. Das Fräulein zumindest schwelgt glücklich in kritikloser Sensation. Und was Pschorr ernstlich will, ist eben Pomke.] Nach diesem außerordentlichen Erlebnis machen sich der Professor und sein Fräulein wieder auf den Heimweg, Pschorr bietet der noch vollkommen berauschten Pomke seinen Arm, man schlendert selig gemeinsam umher. Endlich scheint die Gelegenheit zu einem Geständnis günstig:

„[…] Geliebte! Geliebte! Denn (oh!) das! Das sind! Das bist Du! Du!“ Aber die Pomke hatte gar nicht hingehört. Sie schien zu träumen. „Wie er die R’s betont!“ hauchte sie beklommen. Abnossah schneuzte sich wütend die Nase; Anna fuhr auf, sie fragte zerstreut: „Sie sagten etwas, lieber Pschorr? Und ich vergesse den Meister über sein Werk! Aber mir versinkt die Welt, wenn ich Goethes eigne Stimme höre!“

Sie stiegen zur Rückfahrt in den Bahnwagen. Die Pomke sprach nichts, Abnossah brütete stumm. Hinter Halle a.S. schmiß er das Köfferchen mit dem Kehlkopf Goethes aus dem Fenster vor die Räder eines aus entgegengesetzter Richtung heranbrausenden Zuges. Die Pomke schrie laut auf: „Was haben Sie getan?“ „Geliebt“, seufzte Pschorr, „und bald auch gelebet – und meinen siegreichen Nebenbuhler, Goethes Kehlkopf, zu Schanden gemacht.“ Blutrot wurde da die Pomke und warf sich lachend und heftig in die sich fest um sie schlingenden Arme Abnossahs.


Mynona – man lese diesen Namen bitte einmal rückwärts, um ihm auf die Schliche zu kommen – war das Pseudonym des Schriftstellers Salomo Friedlaender (1871 – 1946). Geboren in Posen, kam er zwecks Medizinstudium nach München und Berlin, wechselte jedoch alsbald in die Fächer Kunst und Philosophie. Nach seiner Promotion lebte er als freier Schriftsteller in Berlin, wo er Freundschaften mit Martin Buber, Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam und Alfred Kubin unterhielt und Raoul Hausmann, Hannah Höch und Paul Scheerbart kennenlernte. Unter seinem Pseudonym schrieb Friedlaender für diverse expressionistische Zeitschriften und war selbst Mitherausgeber der Zeitschrift Der Einzige (Fachgebiet: Individualistischer Anarchismus). Seine Texte, in denen Expressionismus und Dadaismus, Groteske und Parodie zu erkennen sind, nahmen Einfluss auf die Literarische Avantgarde. 1934 emigrierte Friedlaender nach Frankreich, zwölf Jahre lang lebte er in Paris. Er starb dort in verarmten Verhältnissen.


Die Erzählung findet sich in dieser rundum schönen Anthologie:

>> Moritz Baßler (Hrsg.), Literarische Moderne, Das große Lesebuch (Fischer Verlag) €14,50

WORAUF WARTE ICH HIER? // Jorge Luis Borges, Die Wartezeit

Jorge Luis Borges

Die Droschke setzte ihn vor Nr.4004 dieser Straße im Nordwesten ab. Es war noch nicht neun Uhr morgens; der Mann bemerkte befriedigt die gefleckten Platanen, das Erdquadrat am Fuß  jeder einzelnen, die schlichten Häuser mit kleinen Balkonen, die Apotheke nebenan, die abgeblaßten Rhomben der Farben- und Eisenwarenhandlung. […] Der Mann dachte, alle diese Dinge (jetzt beliebig und zufällig und durcheinander wie Dinge, die man in Träumen sieht) würden mit der Zeit […] unwandelbar, notwendig und vertraut sein.

Mit diesem Einstieg setzt Jorge Luis Borges den Protagonisten seiner Erzählung Die Wartezeit einsam in einem Randviertel Buenos Aires‘ aus. Dort erwarten ihn eine spärliche Unterkunft, eine verhuschte Haushälterin, ein Alltag in der geduckten Haltung eines Verfolgten. Den Kutscher, der ihn dort abgeliefert hat, bezahlt er versehentlich mit einem uruguayischen Zwanziger, den er seit jener Nacht im Hotel von Melo in der Tasche trug. Der Mann reichte ihm vierzig Centavos und dachte dabei: „Ich bin verpflichtet, so zu handeln, daß alle mich vergessen. Ich habe zwei Fehler gemacht: Ich habe eine ausländische Münze gegeben und merken lassen, daß mich dieser Irrtum stört.“

Eine Kriminalgeschichte könnte sich daraus entspinnen: Was ist in jenem Hotel geschehen? Was hat den Protagonisten dazu gezwungen, über Landesgrenzen zu fliehen, abzutauchen? Oder wer?

[…] als die Frau ihn fragte, wie er heiße, sagte er Villari, nicht in heimlichem Trotz, […] sondern weil dieser Name ihn quälte, weil es ihm unmöglich war, an einen anderen zu denken. Bestimmt verfiel er nicht in den literarischen Irrtum zu meinen, es sei schlau, den Namen des Feindes anzunehmen.

Am Fluchtort angekommen – entkommen jedoch nicht. In seinem Versteck fühlt sich der Mann keineswegs befreit, im Gegenteil erkennt er sich hier als Gefangener seines Feindes, mehr noch, als vollkommen durch ihn „Vereinnamter“: Man ist, was man fürchtet. Villari, der Verfolger, dessen Abwesenheit ihm gleichsam Allgegenwärtigkeit verleiht, führt indirekt Herrschaft über die Gedanken, Träume, den Alltag des Verfolgten. Über Tage hinweg verlässt der Mann seinen Unterschlupf nicht, wagt sich nur gelegentlich im Schutz der Dunkelheit hinaus, um ein Kino zu besuchen, verkriecht sich, liest. Besonders gründlich die Zeitungen, aber nicht etwa, um wenigstens lesend am Leben der Außenwelt teilzuhaben, sondern in der Hoffnung, womöglich etwas über Villari in Erfahrung bringen zu können. Im Kino sieht er Gangsterfilme – sicher kamen in ihnen auch Bilder vor, wie es sie in seinem früheren Leben gegeben hatte -, verlässt jedoch den Kinosaal jeweils vor Filmende. Wohl möchte er die Berührung mit den ausströmenden Besuchern umgehen. Vielleicht ist es aber auch das Finale, die Abrechnung zwischen den Kontrahenten im Film, die er meidet? Weil sie ihn zu sehr betrifft, oder ihn gerade nicht betrifft? Tagsüber arbeitet er sich gewissenhaft durch eine Divina Commedia, die sein möbliertes Zimmer bereit hielt. Er glaubte nicht, daß Dante ihn zum letzten Höllenkreis verdammt hätte, wo Ugolinos Zähne ohne Ende den Nacken Ruggieris benagen. Ugolino, der von Ruggieri gefangen genommen und zum Hungertod verdammt worden war, frisst nun, während der Ewigkeit der Hölle, an Ruggieris Kopf – auch diese Variante der Abrechnung gehört ins Reich der Kunst, und die Kunst trennt der Mann strikt von seinem Leben: Er sah sich nie als Kunstfigur. Sein Leben ist kein Epos, auch keine Kriminalgeschichte, sondern ein Wartetraum: Während Realität durch Handlungen produziert wird, gleicht das Leben des Mannes mehr dem verarbeitenden Prozess Traum, ist passiv, Zeit und Raum haben darin ihre Verbindlichkeit verloren. Sein eigenes finales Zusammentreffen mit seinem Feind vollzieht sich nicht einmalig, sondern in Dauerschleife – in Gedanken, in Alpträumen. Indem das Finale so vorauswirkt, ohne tatsächlich zu geschehen, ist die Wartezeit das eigentliche Finale: In seinem Warten besteht das eigentliche Kämpfen des Mannes mit seinem Feind Villari.

Gegen Morgen träumte er oft einen Traum gleichen Inhalts mit veränderlichen Umständen. Zwei Männer und Villari betraten mit Revolvern sein Zimmer oder überfielen ihn, wenn er aus dem Kino kam, oder waren alle drei zusammen der Unbekannte, der ihn angerempelt hatte, oder erwarteten ihn traurig im Patio und schienen ihn nicht zu kennen. Wenn der Traum zu Ende war, nahm er den Revolver aus der Schublade des Nachttischs dicht neben seinem Bett (und tatsächlich bewahrte er in dieser Schublade einen Revolver auf) und schoß ihn auf die Männer ab. Der Knall der Waffe weckte ihn, aber immer war es nur ein Traum, und in einem anderen Traum wiederholte sich der Überfall,  und in einem anderen Traum musste er sie wiederum töten.

Schließlich – an einem trüben Morgen – stehen Villari und ein Unbekannter vor dem Bett des gerade aufwachenden Mannes und richten ihre Waffen auf ihn. Er dreht sich von ihnen ab, stellt sich schlafend oder kehrt vielleicht sogar schnell zurück in seinen Schlaf. Tat er es, um das Mitleid derer, die ihn töteten, zu erwecken, oder weil es weniger hart ist, ein schreckliches Ereignis hinzunehmen, als es sich immerzu vorzustellen und endlos darauf zu warten, oder […] damit die Mörder ein Traum seien, wie sie es am selben Ort, zur selben Stunde schon so oft gewesen waren? Der darauf folgende Schlusssatz lautet: In dieser Magie befand er sich, als der Schuß ihn auslöschte.

Ihn, den Mann? Oder doch seinen Traum?


Die Erzählung Die Wartezeit findet sich in:

>>Jorge Luis Borges, Das Aleph – Erzählungen 1944-1952 (Fischer), €8,95

WORAUF WARTE ICH HIER? // Die Türhüterparabel

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Ein Mann vom Lande verlangt Einlass in das Gesetz. Ein Türhüter verwehrt ihm den Eintritt, merkt aber an, es könne später vielleicht möglich sein, dass der Mann passieren dürfe. Danach aber müsse der Mann an weiteren Türhütern vorbei, einer schrecklicher als der andere. Und so wartet der Mann, vor der Tür, Tage, Jahre, lässt sich immer wieder verhörartig vom Türhüter befragen, ohne dass die Antworten je etwas bewirken würden, und versucht oft, den Türhüter zu bestechen, der zwar alle Güter annimmt, jedoch nie eine Gegenleistung erbringt. An die weiteren Türhüter denkt der Mann vom Lande schon längst nicht mehr. Duldsam wartet er sich vor der ersten Tür zu Tode. Im Sterben fragt er den Türhüter, weshalb nie jemand außer ihm in all den Jahren versucht habe, Einlass zum Gesetz zu erhalten. Der Türhüter antwortet, dieser Eingang sei nur für ihn, den Mann, und niemanden sonst bestimmt gewesen, und schließt die Tür.

Unter dem Titel Vor dem Gesetz veröffentlichte Franz Kafka diese Parabel zunächst 1915 in der jüdischen Wochenzeitschrift Selbstwehr, 1919 erschien sie im Erzählsammelband Der Landarzt. Außerdem bildet sie einen Teil des Romans Der Process, der unvollendet blieb, nachdem Kafka seine Arbeiten daran aufgegeben hatte; dort wird sie dem Angeklagten K. vom Gefängniskaplan erzählt.

Es ist eine dieser Lehrgeschichten, die zum Verrücktwerden gleichermaßen simpel wie vertrackt sind, macht doch der Mann alles richtig und dennoch alles falsch. Welcher Art ist überhaupt dieses Gesetz, und was erhofft sich der Mann von seinem Eintritt? Und war der Eingang nun dazu bestimmt gewesen, von dem Mann betreten zu werden, oder nur dazu, ihn lebenslang warten zu lassen? Die gängige Deutung versteht den Türhüter als eine Prüfung, die der Mann vom Lande wegen seiner Hörigkeit gegenüber Autoritäten, wegen seiner mangelnden Entschlusskraft, wegen seiner bäuerlichen Machtlosigkeit nicht besteht. Von welcher Ebene aus die Geschichte auch interpretiert wird, sei es eine politische, sei es eine psychologische, wie auch immer: Sie wird gelesen als Geschichte eines Scheiterns, und gemeint ist das Scheitern des Einen. An den Türhüter an sich denkt niemand. Es kommt mir vor, als sei die eigentliche Pointe der Geschichte diese: Erst, als der Mann stirbt, wird auch der Hüter endlich von der Türpflicht befreit. Zeugt es nicht selbst von gewohnheitsmäßiger Obrigkeitshörigkeit, dass nie von Zweien (oder, falls die Weiteren nicht bloße Erfindungen waren: von Allen) die Rede ist, die hier jeweils ihr Leben dusselig zu Tode gewartet haben?


Foto: Grebe, 2014

WERK+ZEUG // Theodor Däubler, Die Schraube

Für jedes Werk, das es zu schaffen gilt, braucht es das passende Zeug. Allein die zweckorientierte Nutzung von Zeug unterscheidet so streng nicht den Menschen vom Tier – das entstandene Werk, das allerdings macht den Menschen aus. Vielleicht sollten wir unser Werkzeug, etwas ehrfürchtiger, eigentlich Menschzeug nennen?

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Theodor Däubler, Auszug aus Die Schraube (1916):

Die Sterne sind die Vorläufer der Schraube: des Menschen erstes Sternbekenntnis war auch für die Schraube ihr Vorhandensein. Der erste Stern ist überhaupt des Menschen Wunsch zu fliegen: und das, was über uns in heller Schrift am Himmel steht, ist nur das Vorbild zur Schraube. Die Scheinbarkeit der Sternverzackung kann das All befliegen. Die Sterne stehn wartend über den vergangnen Schmieden. (…) Über der Schmiede steht in der höhern Ebene der Dichtung ein Stern. (…) Nun aber verheißt der Mensch sein eignes Sternbild: alle Wirbel der Schraube heißen Sternung: sämtliche Flüge über den Ozean heißen Sternung. (…) Die Erfindung der Schraube hat das Ende der Höllenangst ausgeprägt. (…) Und unsre Begeisterung, unsre Erwartung und Beharrlichkeit vor einem Flug, hat sie nicht andre Erseelungen im Menschen angeregt? Wird nicht die Frage überhaupt, die Frage über unsre Zeit ein Feuersein? (…) Die Erde ist der Wunsch des Menschen: und der Wunsch des Menschen ist von sich aus regsam und belebend, leichterweckt und schwankend: es gibt gar keine Erde, sondern bloß ein Erdbeben. Auf dem Wunscheswesen, das wir selber sind, besteht aber der stille Stern, dem wir, aus uns hervorgewünscht, fern zufluten, den wir, innerlichst stumm, umgluten. Alle Sternschifffahrt über uns führt und sprüht nur mit einem Wunsche fort, hinter dem der Zielstern leuchtet. Aber er zittert noch im Ich. Darum führen alle Wanderringe bloß zum Wandernden zurück. Laßt sie fliegen, Eure Drachen, gebt Euch auf in Pilgerstimmen!, was ihr freigebt, will, weil wunschgewesen, doch nach Haus zum Sterne, und der Stern ist deine Zielverheißung tief im Ich.


>>  Der österreichisch-deutsche Schriftsteller und Kritiker Theodor Däubler (1876 – 1934) wurde zu Lebzeiten durch sein dreibändiges Versepos Das Nordlicht bekannt, woran er über zehn Jahre lang gearbeitet hatte, bis es 1910 erschien und vor allem von seinen literarischen Kollegen gefeiert wurde.

>> Der Text Die Schraube findet sich in: Moritz Baßler (Hrsg.), Literarische Moderne – Das große Lesebuch (Fischer Verlag), kartoniert, € 14,50 – ein Buch, das ich nicht das erste und wohl auch nicht das letzte Mal hier empfehle, da es eine meiner liebsten Immer-wieder-Lektüren ist.

PUBERTÄT REVISITED // Hannover und die große Hannah

O Hannover, glanzvolle Metro-Perle des Fischer-und-Bauern-Bundeslandes, die Tiefe deiner Kultur ist unerschöpflich – sagen deine Kinder. Andere sagen, man müsse in der Kulturkiste schon sehr tief graben um irgendwo darin deine Kinder zu finden. Wen also hätten wir denn da?

DIE SCORPIONS – die Stadt-Maskottchen, jaja, aber bitte, könntet ihr kurz aus dem Vordergrund treten? So. Sonst noch wen? Fury in the Slaughterhouse. Lena Meyer-Landrut. Uli Stein – nicht der Fußballer, der Lappan-Cartoon-Typ, der mit teuren Autos durch die Wedemark rauscht (das ist da, wo all die Hannoveraner wohnen, die es zu teuren Autos gebracht haben). Otto Sander und Doris Dörrie – beide immerhin hier geboren, aber nicht sonderlich lange am Ort geblieben. Alexa Hennig von Lange – auch nicht mehr hier. Heinz-Rudolf Kunze – kommt zwar von sonstwo, wohnt aber jetzt in Bissendorf, das lassen wir mal gelten. DIE SCORPIONS – na, ihr schon wieder? Vielleicht graben wir doch lieber noch etwas tiefer, diesmal zeitlich: Die Gebrüder Schlegel – immerhin Mitbegründer der Deutschen Romantik. Und Frank Wedekind. Kurt Schwitters – der schönste Beleg dafür, dass selbst in Hannover ein bisschen Anarchie und Verspieltheit gedeihen können. Fritz Haarmann – nur wegen des Haarmann-Lieds, für das er selbst eigentlich gar nichts kann, aber passt schon: Hannover besingt bis heute fröhlich seinen bestialischen Serienmörder. Albrecht Schaeffer – nicht hier geboren, aber aufgewachsen; weitestgehend unbekannt, selbst in Hannover, dabei schenkte er dieser Stadt einst das einzige Hannover-Epos, das es gibt und je geben wird, das hochliterarische Helianth (nur noch antiquarisch lieferbar). Tja. Ach nee, eine hab ich noch – sogar eine ganz Große:

Hannah Arendt wurde 1906 in Linden geboren, emigrierte 1933 in die USA, war nach ihrer Ausbürgerung durch die Nazis von 1937 an staatenlos, bis sie 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, übte fortan in den USA journalistische und akademische Tätigkeiten aus und starb 1975 in New York.

Linden, das zu Arendts Kleinkindzeit noch nicht eingemeindet war, ist heute einer der charmantesten Stadtteile Hannovers. Neuerdings entwickelt sich Linden zusehends zum Alternativ-Schickeria-Bezirk und wird in absehbarer Zeit seinen Charakter verlieren – ursprünglich war es proletarisch: ein Standort der Großindustrie und, damit einhergehend, der Arbeiterbewegung. Mag sein, dass Hannah doch etwas von diesem Umfeld als Prägung mitnahm, als Familie Ahrendt später nach Königsberg ging, so dass Hannah Arendt sich vielleicht nicht umsonst als politische Theoretikerin profilierte, deren großes Thema die Verflechtung Mensch-Arbeit-Politik war. In meiner Schulzeit stand sie nie auf dem Lehrplan – eigentlich unverständlich, als Kind der Landeshauptstadt -, in der Schulbücherei immerhin war sie jedoch sehr präsent. An ihrem Hauptwerk Vita Activa oder Vom tätigen Leben versuchte ich mich mit Hingabe, verstand wohl nur die Hälfte, nahm aber etwas Wichtigeres als ein gültiges Werkverständnis daraus mit: Ich liebte die Genauigkeit ihres Denkens, die Geradlinigkeit ihres Schreibens, die Entschiedenheit ihrer Haltung. Was ich von ihr las, kann ich längst nicht mehr detailliert erinnern, das Wie hingegen blieb prägend an mir haften. Ich war nie so eine, die Meinungen vertrat, vielmehr war ich eher unsicher, ob ich so etwas wie Meinungen überhaupt hatte, mein Denken war nicht besonders strukturiert, geschweige denn diszipliniert, und ich schaute viel in die Luft anstatt um mich herum, weil meine Haltung eher eine ausweichende war, das Um-mich-herum betraf mich gefühlt nicht persönlich – als ich Hannah Arendt las, begann mir all dies leid zu tun.

Sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, anstatt lediglich verschieden zu sein; sie sind die Modi, in denen sich das Menschsein selbst offenbart. (Vita Activa)

Da gab mir Hannah Arendt zu denken. Und eine Methode, wie man denkend an Dingen arbeiten kann, auch an sich selbst, gab sie mir indirekt gleich mit an die Hand. Ich schrieb plötzlich anders, ich sah anders, ich überdachte anders.

Eine der nervtötendsten Angewohnheiten von Jugendlichen besteht darin, die Bedeutung, die man sich für sein eigenes Leben so ersehnt, von den bereits Bedeutenden zusammenzuklauen, sich deren Posen imitierend anzueignen, sich deren Zitate in den eigenen Mund zu legen. Man verwechselt dabei das Kopieren von Anderen, welches man betreibt, mit der Emanzipierung von Anderen, welches man eigentlich betreiben möchte. Hannah Arendt hätte es nicht im Mindesten interessiert, wie ich sie für ihr Charaktergesicht, ihr selbstbewusstes Denken und ihr lässiges Rauchen bewunderte. Was sie vielleicht interessiert hätte, wäre, in welchem Ausmaß Mündigkeit erlernbar ist. Und inzwischen, nachdem ich im Lauf der Zeit von Hannah Arendt und unzähligen Anderen wichtige Schubser in richtige Richtungen bekommen hatte, in deren Verarbeitung ich dann einige Mühen investiert habe, empfinde ich mich tatsächlich als halbwegs mündig in eigener Sache. Es jedoch zu kämpferischem Einfluss oder gar bedeutender Funktion zu bringen – das stand immer jenseits meines Denkens, dazu habe ich nicht das Zeug, d.h. den entschiedenen Willen. Ich rede dabei gar nicht von großen politischen Rollen oder Vergleichbarem, sondern schlicht von einer Lebenspraxis, die durch ihren aktiven Charaker, ihre teilhabende, Verantwortung übernehmende und Haltung präsentierende Eigenschaft die Gemeinschaft beeinflusst. Nach Selbstbestimmung sollte Mitbestimmung folgen.

Aber vielleicht ist die Pubertät auch einfach nie so ganz vorbei.

VINTAGE AMERICAN // Von Veilchen und Felsen

T.Williams Zitat (Sonja Grebe)

Das Lebendige setzt sich durch gegen das Leblose, das Bewegte gegen das Statische, das Farbenfrohe gegen das Triste: In diesem Satz – einer Zeile aus seinem Theaterstück Camino Real – kommt einmal ganz unverschleiert zum Ausdruck, was bei Tennessee Williams (26.03.1911 – 25.02.1983) für gewöhnlich tief unterhalb einer dicken Schicht Verrücktheit, Verzweiflung und Verdammnis, kurz: Allzumenschlichem, verborgen liegt. Obwohl es immer das menschlich und gesellschaftlich Abgründige war, dem Williams sich widmete, und Abstieg, Niedergang, Verfall in ihren vielen Formen den Kern seiner Stücke ausmachen, glaubte dieser Autor doch an die unbändige Kraft des Lebens. Nicht, dass sich das in banal-romantischen Happy Endings äußern würde. Doch blitzt inmitten allen Schmutzes und Gerölls, wenn man nur fleißig und hoffnungsvoll genug die Goldwäsche betreibt, irgendwann etwas Glänzendes im Sichertrog auf.


Was wäre der hiesige Englisch-Unterricht ohne Tennessee Williams? Oder besser gesagt: Trotz der wiederkäuenden und lieblosen Abarbeitung in meinem Englisch-Unterricht hat es der Ur-Südstaatler Williams doch geschafft mich zu prägen. Vielleicht sind auch Marlon Brando und der unsterbliche Paul Newman daran schuld, wer weiß – die folgenden beiden, zufällig prominent verfilmten Stücke jedenfalls sind wohl nicht von ungefähr meine Allzeit-Lieblinge:


What is the victory of a cat on a hot tin roof? (Brick) – I wish I knew. Just staying on it, I guess, as long as she can. (Maggie)

Big Daddy wird bald sterben, doch niemand traut sich dem unantastbaren Patriarchen die Wahrheit über seine Krebserkrankung mitzuteilen. Zu seinem 65. Geburtstag kommt die Familie zusammen: Lieblingssohn Brick – alkoholkrank und lebensmüde – mit Maggie, seiner frustrierten Frau, sowie der ältere Bruder, der geschäftstüchtige Gooper mit seiner Frau Mae und den Kindern. Während Brick der familiären Gesellschaft mit Aggressionen gegenübertritt und reichlich Drinks zu sich nimmt, versuchen Gooper und Mae, deren Liebe zu Big Daddy sich durchaus ebenfalls in Grenzen hält, sich mit allerlei Theater bei dem Todkranken lieb Kind zu machen, um bei der Verteilung des Erbes so gut wie möglich dazustehen. Die gespielte Harmonie kippt sehr bald, die schwelenden Streitigkeiten zwischen Brick und Gooper, zwischen Maggie und Mae, zwischen Big Daddy und seinen Kindern und besonders zwischen dem ohnehin zänkischen Pärchen Brick und Maggie eskalieren zur allerschönsten Familienkatastrophe. In Die Katze auf dem heißen Blechdach (Uraufführung 1955) entladen sich die Spannungen jahrzehntelang aufrecht erhaltener Heuchelei und Maskerade in zwischenmenschlichen Gewittern. Natürlich besiegeln diese den Untergang der mondänen und soliden Fassade, die das bislang einzige einende Merkmal der Angehörigen des Südstaaten-Clans um Big Daddy war. Doch der große Knall zeigt reinigende Wirkung, führt zu neuer Offenheit und Demut. So erröffnet sich trotz aller seelischen Versehrungen für Brick und Maggie die Möglichkeit ihre Ehe vielleicht doch noch zu retten und mit etwas Ehrlichkeit womöglich sogar eine bessere daraus zu machen als sie von Beginn an gewesen war.


– HEY, S-T-E-L-L-A-A-A-A-A-A-A-A! (Stanley)

Stella, Stanley, die Haustreppe – die Mutter aller US-Theaterszenen! Nachdem die letzten Überbleibsel des Erbes ihres einst vermögenden Familienclans völlig aufgebraucht sind und sie noch dazu ihre Anstellung als Lehrerin verloren hat, sucht die verzärtelte und zu Schwindeleien neigende Blanche Zuflucht bei ihrer jüngeren Schwester Stella. Diese lebt längst in sehr einfachen Verhältnissen, verheiratet mit dem polnischen Einwanderer Stanley, in einer Arbeitergegend in New Orleans. Blanche, die sich von ihrem Dünkel und ihren Träumen von der glanzvollen Familienvergangenheit nicht trennen kann, will sich mit dem proletarischen Umfeld nicht anfreunden und treibt allmählich einen Keil zwischen Stella und Stanley. Dafür rächt sich Stanley, zunächst, indem er in Blanches Vergangenheit stöbert und ihre zahlreichen Affären – unter Anderem mit einem ihrer Schüler – verwendet um ihren Ruf zu ruinieren. Der Konflikt zwischen beiden eskaliert, und Stanley vergewaltigt Blanche. Als Blanche Stanley offen beschuldigt, glaubt ihr jedoch niemand, da ihr Wort im ganzen Viertel nichts gilt. In Endstation Sehnsucht (Uraufführung 1947) trifft der Aufstieg der von Einwanderern geprägten Arbeiterklasse mit vernichtender Wirkung auf den im Untergang begriffenen alten Südstaatenadel. Während Blanche schließlich einen Nervenzusammenbruch erleidet und in einer Klinik endet, bekommt Stella ein Baby und richtet sich – auf seiten ihres Mannes, nicht ihrer Schwester – in einer Zukunft ein, die völlig abgelöst ist von ihrer Vergangenheit. Untergang, Verzweiflung, Verrohung, und doch, mittendrin: ein Baby.


Seine eigene Familie und Tennessee Williams selbst hätten wohl sein bestes literarisches Personal sein können, und häufig liegen die Parallelen zwischen Werk und Biographie so nahe, dass Interpretationen immer wieder auf Williams´ Lebensgeschichte zurückgreifen. Der Vater versuchte sein Glück als reisender Schuhverkäufer, die Mutter stammte aus einer ehemals reichen Südstaatenfamilie. Die Familie zog nach einer Phase des Niedergangs in ein ärmliches Viertel in St.Louis. Bruder Dakin war der bevorzugte Sohn des Vaters, Schwester Rose litt an psychischen Erkrankungen und wurde schließlich, in Absprache mit den Eltern, einer Lobotomie unterzogen, was Williams seinen Eltern nie verzieh. Während der Vater prügelte und die Mutter lebensgleichgültig wurde, hielt Williams offenbar einen Drang zum Schönen und zum Lebendigen stets aufrecht. So soll zum Beispiel sein Stück Das Glasperlenspiel darauf zurückgehen, dass er seiner labilen Schwester ihr dunkles und enges Zimmer mit weißen Möbeln und viel Glaszierrat neu einrichtete um ihr eine Freude zu machen. Später versuchte sich Williams an einem Literaturstudium, das er jedoch abbrach, und hielt sich über Wasser, indem er in einer Schuhfabrik arbeitete. Dennoch verfasste er als Mittzwanziger seine ersten, erfolgreichen Theaterstücke. Er begann seine Homosexualität auszuleben und fand in seinem Sekretär Frank Merlo einen langjährigen Partner. Williams verfasste, bis Merlos Tod 1963 eine jahrelang andauernde Depression bei ihm auslöste, seine meist beachteten Theaterstücke und Drehbücher.


>> Bild: Tusche, Kuli, Papierschnipsel und ein paar geklaute, schöne Worte – fertig ist das neue Lesezeichen. (Grebe, 2015)



AUS DEM DUNKEL // Wer warst Du, Heinrich?

Sonja Grebe, Moon-Lit


Heinrich Schaefer, Schöpferische Dehnung aus dem Dunkel (aus: Die Aktion – Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst 4/1914)

Auf Punkt, auf kleinsten Punkt zusammen mich einknüllend, Kopf in die Brust gedrückt und die Beine rippenverstrickt, und mich rundend und auf innerlichsten Kern mich verhärtend harte Schale um harte Schale, ruhen punktdunkel dunkel dunkel – –

Trübe liegt kaltgläsern dunkelgrüne Wasserwand stechend rings auf meinem dunklen Auge rings – Ich dunkles Auge gänzlich – Ich gänzlich Mund – Ich gänzlich Brust – Ich gänzlich Bein –

Und die Formen aller Dinge, Tulpen, Stühle, Türen, Röhren, Bäume und die Schorne der Fabriken sind zwecklos langsam schwimmend in der steifen dunkelgrünen Wasserwand leblos gläserne Fische um mich her und sind Erinnerung mir und Hoffnung mir.

Der ich mich in mir vernichtet habe, alle Glieder, allen Leib und Eingeweide in mich zerbrochen und geballt – versteinter Ball mit allen zermahlenen Fleischsalzen, Knochenkörnern und Blutmehlen meiner selbst überall gleich gegenwärtig durchmischt – Mich weiten nach allen Seiten mit gleicher Kraft kugelrundhinaus strahlenstützend mich weiten – und Tafeln meiner sonnensilbernen Schalenrinde sind der Wald und die grüne Wiese mit den weißen Blumenschirmen und das Häusergeacker der Städte und das Wellenmeer und alles Ich die Welt —


Dieser sowie ein zweiter Text von Heinrich Schaefer finden sich in einem Buch, das ich regelmäßig wahllos aufschlage um meine Nase für ein Weilchen in seine fabrikverqualmte Luft zu stecken: eine ungemein von mir geliebte Anthologie zur Literarischen Moderne. Diese hakt bisweilen ein Standard-Repertoire pflichtschuldig ab, indem sie etwa Schnitzlers Leutnant Gustl oder van Hoddis´ Weltende nicht vermissen lässt, versammelt jedoch darüber hinaus auf über 830 Seiten reichliches, unverbrauchtes Material aus alter Zeit (1880er bis 1930er Jahre).

Entsprechend umfangreich zeigt sich das Quellenverzeichnis, wo gelegentlich, wie auch im Fall Heinrich Schaefers, der Verweis auf die Zeitschrift Die Aktion auftaucht, eine Wochenzeitschrift, die sich von 1911 an zum Sprachrohr des literarischen Expressionismus entwickelte und ebenso expressionistische Grafiken und linksgerichtete politische Beiträge veröffentlichte. Viele große Künstler- und Autorennamen waren jenerzeit in der Aktion vertreten – Heinrich Schaefer gehörte sicher zu den kleineren. Mehr als seine Beiträge zur Aktion konnte ich weder von ihm noch über ihn finden, nicht einmal Daten wie Geburtstag oder Geburtsort, keinen noch so groben Hinweis auf das Leben dieses Menschen. Und doch ist da dieser Text von ihm, der so unmittelbar in sein Inneres blicken lässt.


>> Moritz Baßler (Hrsg.), Literarische Moderne – Das große Lesebuch (Fischer Klassik), kartoniert €14,50


>> Bild: Moon-lit (Grebe, 2013). Eigentlich aus einem ganz anderen Zusammenhang heraus entstanden, kam mir das Bild beim Lesen dieses Textes ganz unausweichlich in den Sinn.