BILDER // Malerei Zeichnung Collage Mischtechnik

WORTSINNE // Was man erst sieht, wenn einer plötzlich geht

IDYLLE Sonja Grebe

Zu viel IDYLLE ist nicht gut. Es ist ein Wort, das seine eigene Verneinung in sich herumschleppt: Fügt man viel IDYLLE nahtlos aneinander, sieht man darin verstecktes LEID.

Das ist natürlich reiner Zufall. Ebenso zufällig und ebenso bezeichnend ergibt sich, liest man ein LEBEN rückwärts, ein NEBEL.

TOT allerdings ist man von hinten wie von vorne, bar jeglicher Einschlüsse.

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DISPO FEVER // Über Stock und Stein

Sticks and stones might break your bones – sagt man Kindern: Seid vorsichtig, fallt nicht auf die Nase, tut euch nicht weh. Gerade darin jedoch besteht Erwachsenwerden, in ständigem Stolpern und Hängenbleiben. Das reißt im Erwachsenenalter auch nicht ab. Ernüchternd ist es allerdings, zu lernen, dass Stöcker und Steine in viel größerem Umfang von finanzieller Art sein können, als man das als Kind oder Jugendlicher blauäugig für möglich gehalten hätte. Aber aus sperriger Krisensubstanz, die man aus dem Lebensweg räumen muss, lässt sich vielleicht doch am Ende ein schönes, stabiles Zuhause errichten (auch wenn es vielleicht kein allzu hochglänzendes sein mag).


>> Bild: Sticks and stones may build your home (Grebe, 2013)


MERZ UND ANDERE SCHNIPSEL // Ich-Spiel

Nimm einen Zettel und schreibe 10 Wörter auf. Wähle nicht, schreibe. Schneide sie aus, schließe die Augen, greife in die Schnipsel hinein und nimm Dir blind zwei Wörter. Füge sie zusammen. Da, Dein Dada-Du!

(Ob diese Paarungen nun Kinder des reinen Zufalls sind? Das Gehege, aus dem die Wort-Kandidaten stammen, ist schließlich der eigene Kopf. Ein Kopf und ein Zufallsgenerator aber sind grundlegend funktionsverschieden. Holt man nicht vielmehr, indem man willkürlich Worte ausspuckt, eine halb- oder unterbewusste Gedanken-Reuse ein? Oder gibt es doch das tatsächlich zufällig Gedachte – und spinnt der Kopf nur augenblicklich sein Bedeutungsgarn daraus, weil er eben nicht anders kann, weil er Chaos zu Gunsten von Ordnung eliminieren muss? Denkt er Bedeutungen hinzu, weil er um sein Leben denkt?)


>> Bild: Kopf-Grube (Grebe, 2015)


Merz-Bau, Sonja Grebe

MERZ UND ANDERE SCHNIPSEL // Tief im Bau

So gern spricht man in Hannover von Kurt Schwitters, dem Kind der Stadt, als Begründer der Dada-Bewegung, was leider falsch ist – Dada kam nun einmal aus Zürich. Aber der Hannoveraner an sich möchte in seiner Eitelkeit allzu gern hochglanzpolierte Trophäen zur Schau stellen können, die den Eindruck der Provinzialität von seiner Stadt waschen, und so unterschlägt er gern den örtlich einschränkenden Zusatz, der Schwitters´ Titel davor rettet, als Fehldeklaration daher zu kommen: Begründer der Dada-Bewegung in Hannover. Da geht schon etwas hin von dem Glanz, aber sei´s drum. Es steht natürlich auch nicht im Fokus der hannöverschen Perspektive, dass man Schwitters in Berlin, im Zirkel der Extrem-Dadaisten, dem Club Dada, nach anfänglich regem Austausch doch nicht haben wollte, weil er weder künstlerisch noch politisch radikal genug war. Richard Huelsenbeck bezeichnete den hauptberuflichen Gebrauchsgrafiker gar als Kaspar David Friedrich der Dadaistischen Revolution… naja, Schwamm drüber. Aber ist der Hannoveraner nicht vielleicht im Allgemeinen etwas zu blutleer für so was, für Große Kunst?

Wenn, sagen wir, Berlin rot ist und Hamburg blau, dann ist Hannover beige: Viel geschmäht als geschmacks-, reiz- und charakterlos, bieder, zum Verzweifeln humor- und fantasiefrei. Eine Stadt wie schal gewordenes Schützenfest-Bier. Die Großstadtmasse hat man hier, aber nicht die Großstadtkultur, und man hat den Großstadtdreck, aber nicht den Glamour. Dass die graue Messestadt schlicht die langweiligste Großstadt Deutschlands sei – irgendwie ist da schon was dran, und finge ich hier an, das Insider-Gegenbild zu diesem schlechten Image zu zeichnen, es nähme mir ja doch keiner ab (dabei hat das stellenweise fade Hannover tatsächlich eine stattliche Reihe GROSSARTIGER… gut, lassen wir das).

Kurt Schwitters aber – den kann mir niemand hineinplanieren in die vielbesagte Plattheit meiner Landeshauptstadt. Und, weil es die jetzige Heimstatt der Merz-Kunst schlechthin ist, auch dieses nicht: Das Sprengel Museum, mein Sprengel Museum, mit seiner konzentrierten Wucht deutscher und französischer Moderne. Seit jeher erscheint mir das flache, sich an einen Damm drückende Gebäude wie der Bau eines sehr eigenartigen Tieres, in den man sich bei Betreten hinab begibt. Meine liebsten Bestandteile dieser Innen-Welt sind die Rekonstruktionen des von El Lissitzky gestalteten Kabinett des Abstrakten, das 1937 von den Nazis zerstört worden war, und des 1943 zerbombten Merzbau von Kurt Schwitters. Wie sich jener Merzbau nachzimmern ließ, ist mir aus handwerklicher Sicht ein Rätsel: Ein Wohnraum, der das Raum-Denken zerschlägt, ein dreidimensionales, begehbares kubistisches Kunstwerk. Endloses Linienstreben zieht die Augen und mit ihnen den Verstand in unzählige Richtungen, man wird vollkommen verrückt bei dem Versuch die Gesamtheit der Flächen und Winkel zu erfassen. (Mein Versuch, den Raum exakt zu zeichnen, scheiterte – verändert man nur kurz den Blickwinkel, lässt er sich irgendwie nicht wieder auf die zuvor fixierte Perspektive justieren.) Und doch wollte ich schon als Schülerin bei meinem ersten Besuch in diesem Museum den Bau am liebsten nie mehr verlassen, ich hätte dort einziehen wollen. (Wie schade, dass sich nur der Hauptraum hatte rekonstruieren lassen – von den restlichen Räumlichkeiten existieren keine Fotos.)

Überhaupt fühlte ich mich im Sprengel sofort wohl, ich spazierte durch Dadaismus, Kubismus, Surrealismus und dachte Hier bin ich zuhause. Weil ich diese Art von Kunst nicht, wie ich das bislang gewohnt gewesen war, als Fremdwesen betrachtete, das ich mir zu erklären versuchte, sondern mich dieser Kunst tatsächlich emotional zugehörig fühlte. Das war nur logisch – mein Großvater, den wohl seine Soldatenjahre mehr geschädigt hatten, als in der Familie je ausgesprochen wurde, hatte sich auf unserem Grundstück eine ganz ähnliche Welt aufgebaut, in der ich von Kind an spielte: Den ganzen Tag über zog er sich in sich selbst und in seine selbst gezimmerten halbhohen Buden zurück, die auf ihre Art ganz und gar Dada waren. Baulicher Wildwuchs aus Wellblech, Holz, Schildern, Plastik- und Blechteilen, Fensterglas. (Unser riesiger alter Birnbaum war darin eingebettet, um seinen Stamm zu sehen, musste man ins Innere, an ihm hingen an großen Zimmermannsnägeln eine Lampe und Unmengen alten Werkzeugs.) Vor allem dieser bestimmte Geruch der Dada-Abteilung war der Gleiche wie in Opas Schuppen, er kam von dem gleichen Bestandteilen – von Holz, Metallen, Schmieröl, Klebstoffen, Erde, Pappe, Zeitschriften, Maschinenteilen, Tapeten, Geschirr, Rost, Verbundmitteln, alten Stoffen und Möbeln. Der gleiche zweckentfremdende Materialeinsatz, die gleichen Strukturen, die gleiche Farbpalette: in den Skulpturen und Collagen im Museum fand ich viel Vertrautes. Besonders Kurt Schwitters´ Merzbilder, diese Schichtwerke aus Kalenderblättern, Tapetenresten, Verpackungsmüll, Spielkarten, Holzstückchen, Kronkorken – eine Aufzählung wäre wohl nie vollständig -, bewirken bis heute auf umwegige Art und Weise bei mir eine Beruhigung meines Heimwehs nach Gestern; nach diesem Teil meines Zuhauses, den es längst nicht mehr gibt, und in dem alles, was so rumfliegt hinein gewerkelt worden war. Was bei meinem Großvater ausdrückte, wie sehr er sich kopfmäßig der Gegenwart und der Alltagswelt entzogen hatte, funktionierte bei Schwitters und seinen Zeitgenossen als Absage an bürgerliche Konventionen und den gültigen Kunst-Begriff. Der Ansatz sich dabei kopfüber ins Chaotische zu begeben war durchaus beiden gemeinsam.

Seit dem Umzug zurück ins heimatliche Dorf sind für mich die Déjà-vu-Wochen eröffnet – auf das nächste Abtauchen in den nun nicht mehr so fern gelegenen Merzbau freue ich mich schon.


>> Bild: Merzbau-Skizze (Grebe, 1998)


VINTAGE AMERICAN // Von Veilchen und Felsen

T.Williams Zitat (Sonja Grebe)

Das Lebendige setzt sich durch gegen das Leblose, das Bewegte gegen das Statische, das Farbenfrohe gegen das Triste: In diesem Satz – einer Zeile aus seinem Theaterstück Camino Real – kommt einmal ganz unverschleiert zum Ausdruck, was bei Tennessee Williams (26.03.1911 – 25.02.1983) für gewöhnlich tief unterhalb einer dicken Schicht Verrücktheit, Verzweiflung und Verdammnis, kurz: Allzumenschlichem, verborgen liegt. Obwohl es immer das menschlich und gesellschaftlich Abgründige war, dem Williams sich widmete, und Abstieg, Niedergang, Verfall in ihren vielen Formen den Kern seiner Stücke ausmachen, glaubte dieser Autor doch an die unbändige Kraft des Lebens. Nicht, dass sich das in banal-romantischen Happy Endings äußern würde. Doch blitzt inmitten allen Schmutzes und Gerölls, wenn man nur fleißig und hoffnungsvoll genug die Goldwäsche betreibt, irgendwann etwas Glänzendes im Sichertrog auf.


Was wäre der hiesige Englisch-Unterricht ohne Tennessee Williams? Oder besser gesagt: Trotz der wiederkäuenden und lieblosen Abarbeitung in meinem Englisch-Unterricht hat es der Ur-Südstaatler Williams doch geschafft mich zu prägen. Vielleicht sind auch Marlon Brando und der unsterbliche Paul Newman daran schuld, wer weiß – die folgenden beiden, zufällig prominent verfilmten Stücke jedenfalls sind wohl nicht von ungefähr meine Allzeit-Lieblinge:


What is the victory of a cat on a hot tin roof? (Brick) – I wish I knew. Just staying on it, I guess, as long as she can. (Maggie)

Big Daddy wird bald sterben, doch niemand traut sich dem unantastbaren Patriarchen die Wahrheit über seine Krebserkrankung mitzuteilen. Zu seinem 65. Geburtstag kommt die Familie zusammen: Lieblingssohn Brick – alkoholkrank und lebensmüde – mit Maggie, seiner frustrierten Frau, sowie der ältere Bruder, der geschäftstüchtige Gooper mit seiner Frau Mae und den Kindern. Während Brick der familiären Gesellschaft mit Aggressionen gegenübertritt und reichlich Drinks zu sich nimmt, versuchen Gooper und Mae, deren Liebe zu Big Daddy sich durchaus ebenfalls in Grenzen hält, sich mit allerlei Theater bei dem Todkranken lieb Kind zu machen, um bei der Verteilung des Erbes so gut wie möglich dazustehen. Die gespielte Harmonie kippt sehr bald, die schwelenden Streitigkeiten zwischen Brick und Gooper, zwischen Maggie und Mae, zwischen Big Daddy und seinen Kindern und besonders zwischen dem ohnehin zänkischen Pärchen Brick und Maggie eskalieren zur allerschönsten Familienkatastrophe. In Die Katze auf dem heißen Blechdach (Uraufführung 1955) entladen sich die Spannungen jahrzehntelang aufrecht erhaltener Heuchelei und Maskerade in zwischenmenschlichen Gewittern. Natürlich besiegeln diese den Untergang der mondänen und soliden Fassade, die das bislang einzige einende Merkmal der Angehörigen des Südstaaten-Clans um Big Daddy war. Doch der große Knall zeigt reinigende Wirkung, führt zu neuer Offenheit und Demut. So erröffnet sich trotz aller seelischen Versehrungen für Brick und Maggie die Möglichkeit ihre Ehe vielleicht doch noch zu retten und mit etwas Ehrlichkeit womöglich sogar eine bessere daraus zu machen als sie von Beginn an gewesen war.


– HEY, S-T-E-L-L-A-A-A-A-A-A-A-A! (Stanley)

Stella, Stanley, die Haustreppe – die Mutter aller US-Theaterszenen! Nachdem die letzten Überbleibsel des Erbes ihres einst vermögenden Familienclans völlig aufgebraucht sind und sie noch dazu ihre Anstellung als Lehrerin verloren hat, sucht die verzärtelte und zu Schwindeleien neigende Blanche Zuflucht bei ihrer jüngeren Schwester Stella. Diese lebt längst in sehr einfachen Verhältnissen, verheiratet mit dem polnischen Einwanderer Stanley, in einer Arbeitergegend in New Orleans. Blanche, die sich von ihrem Dünkel und ihren Träumen von der glanzvollen Familienvergangenheit nicht trennen kann, will sich mit dem proletarischen Umfeld nicht anfreunden und treibt allmählich einen Keil zwischen Stella und Stanley. Dafür rächt sich Stanley, zunächst, indem er in Blanches Vergangenheit stöbert und ihre zahlreichen Affären – unter Anderem mit einem ihrer Schüler – verwendet um ihren Ruf zu ruinieren. Der Konflikt zwischen beiden eskaliert, und Stanley vergewaltigt Blanche. Als Blanche Stanley offen beschuldigt, glaubt ihr jedoch niemand, da ihr Wort im ganzen Viertel nichts gilt. In Endstation Sehnsucht (Uraufführung 1947) trifft der Aufstieg der von Einwanderern geprägten Arbeiterklasse mit vernichtender Wirkung auf den im Untergang begriffenen alten Südstaatenadel. Während Blanche schließlich einen Nervenzusammenbruch erleidet und in einer Klinik endet, bekommt Stella ein Baby und richtet sich – auf seiten ihres Mannes, nicht ihrer Schwester – in einer Zukunft ein, die völlig abgelöst ist von ihrer Vergangenheit. Untergang, Verzweiflung, Verrohung, und doch, mittendrin: ein Baby.


Seine eigene Familie und Tennessee Williams selbst hätten wohl sein bestes literarisches Personal sein können, und häufig liegen die Parallelen zwischen Werk und Biographie so nahe, dass Interpretationen immer wieder auf Williams´ Lebensgeschichte zurückgreifen. Der Vater versuchte sein Glück als reisender Schuhverkäufer, die Mutter stammte aus einer ehemals reichen Südstaatenfamilie. Die Familie zog nach einer Phase des Niedergangs in ein ärmliches Viertel in St.Louis. Bruder Dakin war der bevorzugte Sohn des Vaters, Schwester Rose litt an psychischen Erkrankungen und wurde schließlich, in Absprache mit den Eltern, einer Lobotomie unterzogen, was Williams seinen Eltern nie verzieh. Während der Vater prügelte und die Mutter lebensgleichgültig wurde, hielt Williams offenbar einen Drang zum Schönen und zum Lebendigen stets aufrecht. So soll zum Beispiel sein Stück Das Glasperlenspiel darauf zurückgehen, dass er seiner labilen Schwester ihr dunkles und enges Zimmer mit weißen Möbeln und viel Glaszierrat neu einrichtete um ihr eine Freude zu machen. Später versuchte sich Williams an einem Literaturstudium, das er jedoch abbrach, und hielt sich über Wasser, indem er in einer Schuhfabrik arbeitete. Dennoch verfasste er als Mittzwanziger seine ersten, erfolgreichen Theaterstücke. Er begann seine Homosexualität auszuleben und fand in seinem Sekretär Frank Merlo einen langjährigen Partner. Williams verfasste, bis Merlos Tod 1963 eine jahrelang andauernde Depression bei ihm auslöste, seine meist beachteten Theaterstücke und Drehbücher.


>> Bild: Tusche, Kuli, Papierschnipsel und ein paar geklaute, schöne Worte – fertig ist das neue Lesezeichen. (Grebe, 2015)



AUS DEM DUNKEL // Wer warst Du, Heinrich?

Sonja Grebe, Moon-Lit


Heinrich Schaefer, Schöpferische Dehnung aus dem Dunkel (aus: Die Aktion – Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst 4/1914)

Auf Punkt, auf kleinsten Punkt zusammen mich einknüllend, Kopf in die Brust gedrückt und die Beine rippenverstrickt, und mich rundend und auf innerlichsten Kern mich verhärtend harte Schale um harte Schale, ruhen punktdunkel dunkel dunkel – –

Trübe liegt kaltgläsern dunkelgrüne Wasserwand stechend rings auf meinem dunklen Auge rings – Ich dunkles Auge gänzlich – Ich gänzlich Mund – Ich gänzlich Brust – Ich gänzlich Bein –

Und die Formen aller Dinge, Tulpen, Stühle, Türen, Röhren, Bäume und die Schorne der Fabriken sind zwecklos langsam schwimmend in der steifen dunkelgrünen Wasserwand leblos gläserne Fische um mich her und sind Erinnerung mir und Hoffnung mir.

Der ich mich in mir vernichtet habe, alle Glieder, allen Leib und Eingeweide in mich zerbrochen und geballt – versteinter Ball mit allen zermahlenen Fleischsalzen, Knochenkörnern und Blutmehlen meiner selbst überall gleich gegenwärtig durchmischt – Mich weiten nach allen Seiten mit gleicher Kraft kugelrundhinaus strahlenstützend mich weiten – und Tafeln meiner sonnensilbernen Schalenrinde sind der Wald und die grüne Wiese mit den weißen Blumenschirmen und das Häusergeacker der Städte und das Wellenmeer und alles Ich die Welt —


Dieser sowie ein zweiter Text von Heinrich Schaefer finden sich in einem Buch, das ich regelmäßig wahllos aufschlage um meine Nase für ein Weilchen in seine fabrikverqualmte Luft zu stecken: eine ungemein von mir geliebte Anthologie zur Literarischen Moderne. Diese hakt bisweilen ein Standard-Repertoire pflichtschuldig ab, indem sie etwa Schnitzlers Leutnant Gustl oder van Hoddis´ Weltende nicht vermissen lässt, versammelt jedoch darüber hinaus auf über 830 Seiten reichliches, unverbrauchtes Material aus alter Zeit (1880er bis 1930er Jahre).

Entsprechend umfangreich zeigt sich das Quellenverzeichnis, wo gelegentlich, wie auch im Fall Heinrich Schaefers, der Verweis auf die Zeitschrift Die Aktion auftaucht, eine Wochenzeitschrift, die sich von 1911 an zum Sprachrohr des literarischen Expressionismus entwickelte und ebenso expressionistische Grafiken und linksgerichtete politische Beiträge veröffentlichte. Viele große Künstler- und Autorennamen waren jenerzeit in der Aktion vertreten – Heinrich Schaefer gehörte sicher zu den kleineren. Mehr als seine Beiträge zur Aktion konnte ich weder von ihm noch über ihn finden, nicht einmal Daten wie Geburtstag oder Geburtsort, keinen noch so groben Hinweis auf das Leben dieses Menschen. Und doch ist da dieser Text von ihm, der so unmittelbar in sein Inneres blicken lässt.


>> Moritz Baßler (Hrsg.), Literarische Moderne – Das große Lesebuch (Fischer Klassik), kartoniert €14,50


>> Bild: Moon-lit (Grebe, 2013). Eigentlich aus einem ganz anderen Zusammenhang heraus entstanden, kam mir das Bild beim Lesen dieses Textes ganz unausweichlich in den Sinn.

LATEINAMERIKA // Octavio Paz als Aufbruchsbegleiter


Neon-Schwalbe, Sonja Grebe


In der Frühe sucht das Kommende seinen Namen

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In der Frühe sucht das Kommende seinen Namen
Über den schläfrigen Stämmen funkelt das Licht
Berge galoppieren an die Ufer des Meeres
Die Sonne dringt sporenblitzend in die Fluten
Der Stein stürmt an und zerschmettert Strahlen
Es trotz das Meer und schwillt am Fuß des Horizonts
Verworrene Erde Einbruch von Skulptur
Die Welt erhebt ihre noch nackte Stirn
Ein Stein geschliffen und glatt um ein Lied drin einzugraben
Das Licht entfaltet seinen Fächer von Namen
Und ein Hymnus beginnt wie ein Baum
Und Wind ist da und schöne Namen im Wind

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Octavio Paz

Alles erkämpft sich Neuheit, Freiheit, Unberührtheit. Wie un-episch der eigene kleine Aufbruch im Weltgefüge auch erscheinen mag – Veränderung ist ein Gefühlsding, und Dinge des Gefühls sind unabhängig von Dimensionen. Praktisch gesprochen: Octavio Paz hilft mir mal wieder beim Kofferpacken. (Es geht zurück in die Heimat – da waren wir schon mal, zusammen, Octavio.)


Ein Schritt ins Gestern: Gefragt nach meiner ersten prägenden Leseerfahrung, antworte ich ohne zu zögern J.D. Salinger, The Catcher in the Rye. Ich hatte, da mir der Englischunterricht Spaß machte, mit 13 beschlossen, ein Buch im englischen Original zu lesen – nur für mich, unabhängig vom Schulunterricht. Also stiefelte ich in die Bibliothek meiner neuen Schule, griff orientierungslos in ein mit ENG-LIT überschriebenes Regal hinein und nahm recht wahllos ein Buch mit abgegriffenem silber-grauem Umschlag heraus. Altersangaben interessierten mich nicht, und kinder- und jugendgerechte Umschlaggestaltung wirkte auf mich eher abschreckend. Man muss dazu wissen: Ich war nie ein Lesekind, sondern ein Dorf- und Wiesenstreuner. Und in meinem bäuerlich-proletarischen Zuhause mangelte es sehr an Büchern, jedoch keineswegs an Geschichten: In meiner Familie funktioniert die mündliche Tradierung von Familienepisoden und innerhalb der Familie erzählten Märchen (wobei die Trennlinie zwischen jenen Kategorien gelegentlich unkenntlich ist) bis heute erstaunlich ungebrochen. Meine Kindheit verbrachte ich unter einem Dach mit den Alten und Uralten der Familie und hörte die Familiengeschichten somit nicht nur aus unzähligen Perspektiven, sondern zudem auf Hochdeutsch, Plattdeutsch und mit ostpreußischem Einschlag. Für mich kamen Kindergeschichten nicht heran an die Intensität jener Familiengeschichten, auf die ich quasi per Geburt ein besonderes Besitzrecht innehatte: Sie entstammten meiner Familie und wurden mir und meinen Geschwistern zur Weitergabe erzählt. Es gab für lange Zeit eigentlich nur zwei Bücher, die in ähnlichem Maße die Empfindung in mir hervorriefen, ihre Geschichten beträfen mich direkt und sie würden nur für mich erzählt: Erstens Maurice Sendak, Wo die wilden Kerle wohnen, das ich inzwischen meinem Sohn vorlese, obwohl die Seiten kaum noch zusammenhalten, und zweitens Mark Twain, Die Abenteuer des Tom Sawyer und Huckleberry Finns Abenteuer in einem bereits damals von meiner Schwester reichlich zerlesenen Doppelband. The Catcher in the Rye war nun das erste Buch, in dem ich mich als angehende Jugendliche plötzlich emotional verfing, denn ich fand darin einen verstehenden Widerhall, ich sah mich selbst. Von da an las ich alles, was mir in die Finger geriet, ohne jegliche Überlegung daran zu verschwenden, ob das jeweilige Buch für mich geeignet sein könnte oder vielleicht doch ein wenig zu viel des Guten wäre. Was ich nicht verstand, versuchte ich mir selbst zu erarbeiten – klappte das nicht, legte ich es ohne Wehmut für später bei Seite. Diese Herangehensweise folgte keinem System, sondern willkürlich dem einfachen Prinzip Try&Error. An dem Steppenwolf und an dem allen solchen Wölfen eigenen Geheul  – Howl (ich hatte da deutsche und englische Ausgaben) blieb ich mit dem Herzen für ein heftiges Weilchen hängen, Cormac MacCarthys Border-Trilogie dagegen verwuchs nachhaltig mit meiner Seele, seit sie in durchlesenen Nächten die jugendliche Pathetik von mir schrubbte. Und dann: Julio Cortázar, Rayuela. Dieses Buch hatte ich nichtsahnend aus der Wühlkiste des Antiquariats meines Vertrauens gerupft, fand das Cover gut, las zwei Seiten und verstand kein Wort. Natürlich kramte ich also den für Notfälle reservierten 10-Mark-Schein aus der Hosentasche und fing noch auf dem Rückweg nach Hause (mit Schülerticket per U-Bahn, Regionalexpress und schließlich Bus eine Ewigkeit zwischen Großstadt und Dorf überbrückend) an mich einzulesen. Nach zwei Tagen gefährlicher Hirnüberlastung und ebenso unguter Vernachlässigung jeglicher Schulpflichten schien endlich ein neu entstandenes Rädchen in meinem Kopf in die bis dahin überforderte Verstehensmechanik einzurasten und auf einen Schlag begriff ich, was ich da las. Wochenlang war ich völlig cortázarisiert und investierte in der Folge sämtliche Einnahmen aus Zeitungsaustragen und Babysitten in einen stetig wachsenden Stapel Bücher mittel- und südamerikanischer Autoren: Neben dem großen JC fanden sich dort Jorge Luis Borges, Ernesto Cardenal, Octavio Paz, Pablo Neruda, Carlos Fuentes, Adolfo Bioy Casares. Wie frustrierend war es damals, in Prä-Internetverkauf-Zeiten, während seltener Ausflüge in die eigentlich nahe Großstadt nach einem Teegeschäft zu suchen, in dem ich Yerba-Mate-Tee und eine kleine Kalebasse mit Trinkröhrchen (Bombilla) bekommen könnte. Die Rinderherden vor der Haustür konnten, kniff man die Augen leicht zusammen, etwas argentinisches Gefühl aufkommen lassen, aber eine Einstimmung auf meine Sehnsuchtsziele, die fortan Buenos Aires, Valparaiso, Mexico City und Montevideo hießen, ließ sich zwischen Kittelschürzen und Zuckerrüben leider unmöglich herstellen.

Das erste Buch, das ich nach dem Abitur, kurz vor dem Auszug aus dem Elternhaus in die nächstgelegene Großstadt kaufte, war ein neues Tagebuch, das ich mit einem Zitat von Octavio Paz begann, dessen Tod zu jenem Zeitpunkt noch nicht allzu lang her war:

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Die Dichtung, Hängebrücke zwischen Geschichte und Wahrheit, ist nicht ein Weg zu dem oder jenem: sie ist Schauen der Ruhe in der Bewegung, des Übergangs in der Ruhe. Die Geschichte ist der Weg: er führt nirgendwohin, wir alle beschreiten ihn, die Wahrheit ist ihn zu beschreiten. Wir gehen nicht, wir kommen nicht: wir sind in den Händen der Zeit. Die Wahrheit: uns zu wissen, von Anfang an in der Schwebe, Brüderlichkeit über der Leere.

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Mir gab dieses Zitat ein ganz spezifisches, bis heute abrufbares Gefühl. Als erwachsen empfand ich mich nicht etwa ab dem Tag der Schulverabschiedung, das Abschlusszeugnis in Händen, oder ab dem Tag, da ich ein eigenes Paar Autoschlüssel bekam, auch nicht, als ich mein Bett in einem neuen Haus aufstellte und eine erste eigene Adresse besaß. Erwachsen fühlte ich mich, als mir aufging, dass die Begriffe Leben und Dichtung schlicht das selbe meinen: mich selbst zu erzählen. Dafür war es nun irgendwie an der Zeit. Alle Geschichten, die ich aus meiner Familie gehört hatte, waren Lebensgeschichten gewesen – erst, als ich begriff, dass diese erzählerische Tradition nicht nur Wesenszüge und Lebensrealitäten meiner Vorfahren an mich weitergab, sondern auch die Forderung an mich stellte, eine eigene Geschichte dieser fortlaufenden Kette anzugliedern, verstand ich, dass Sich-erzählen bewusst ins Leben zu treten bedeutet. Und ich glaube seither, dass auch diejenigen Autoren, deren Geschichten mir wirklich etwas bedeuteten, nichts anderes getan haben als genau das: sich selbst zu erzählen – ganz gleich, wie viele verschiedene literarische Formen das auch bei ihnen angenommen hat. Im Übrigen finden sich in jenem Tagebuch, dessen Torwächter ein Octavio-Paz-Zitat war, wohl keine literarischen Kostbarkeiten. Insgesamt ist mein Leben keine Heldengeschichte und kein anspruchsvoller Roman. Übrigens war ich nie in Buenos Aires, Valparaiso, Mexico City, Montevideo. Darauf aber kommt es nicht an. Egal, welcher Art unsere Leben sind – erst indem wir sie erzählen, schließen wir uns ein in die Brüderlichkeit über der Leere.


>> Das Bild: Schwalbenflug (Grebe, 2012)


LATEINAMERIKA // Fridas Farben

Sonja Grebe, Frida

In ihrem Tagebuch stellt Frida Kahlo einen persönlichen Farb-Kanon auf, der jeder Farbe eine empfundene Bedeutung zuweist:

  • Grün: warmes, gutes Licht.
  • Rötliches Purpur: aztekisch, Tlapalli, altes Blut des Birnenkaktus, die lebendigste und älteste Farbe.
  • Braun: Farbe des Muttermals, des vergehenden Blattes, die Erde.
  • Gelb: Wahnsinn, Krankheit, Angst. Ein Teil der Sonne und der Freude.
  • Kobaltblau: Elektrizität und Reinheit. Liebe.
  • Schwarz: nichts ist schwarz, wirklich überhaupt nichts.
  • Laubgrün: Blätter, Trauer, Wissenschaft. Ganz Deutschland hat diese Farbe. (Anmerkung: Ihr deutscher Vater wanderte als 19jähriger nach Mexiko aus, wo er den Namen Wilhelm ins entsprechende, spanische Guillermo änderte.)
  • Grünliches Gelb: noch mehr Wahnsinn und Geheimnis; alle Gespenster tragen Anzüge in dieser Farbe, oder zumindest kommt die Farbe in der Unterkleidung vor.
  • Marineblau: Entfernung. Auch Zärtlichkeit kann von diesem Blau sein.
  • Magenta: Blut? Na wer weiß?!

Sie schreibt dies zu Beginn der 40er Jahre, mit Anfang dreißig. Bereits hinter ihr liegt zu jenem Zeitpunkt eine Reihe von ins Mark schneidenden Geschehnissen und Entwicklungen: Als Kind einerseits die Einengung durch das strengst katholische Weltbild der Mutter, andererseits die körperliche Einschränkung durch Kinderlähmung, infolge derer Frida Kahlo ein verkürztes Bein behält. Ein Unfall, der sie als Achtzehnjährige mit schwersten Hüftverletzungen und deren quälenden Folgen ans Bett fesselt und in ein Stahlkorsett zwingt. Ihre Entdeckung der Malerei als Trostmittel, als Kampfmittel, einsetzbar gegen das seelische Elend, das jahrelange körperliche Leiden und allzu häufige Bettlägerigkeit bewirken. Die Liebe zu Diego Rivera, den zwanzig Jahre älteren, gefeierten Künstler, den sie sehr jung heiratet. Der private Kontakt zu bedeutenden politischen und kunstschaffenden Persönlichkeiten, Leo Trotzki etwa, oder André Breton. Das schmerzhafte Ringen um ihre weibliche Identität: Als Spätfolge der Hüftverletzungen kann sie keine Kinder gebären und erleidet Fehlgeburten, ihr Mann indessen betrügt seine körperlich eingeschränkte Frau mehrfach – sie kann nicht Mutter sein und nicht alleinige Liebende. Scheidung, Alkoholsucht, vorübergehende Affären, dann: eine zweite Heirat mit Diego Rivera.

Unter dem Eindruck jener Lebenserfahrungen also schreibt Frida Kahlo ihren Farb-Kanon nieder. Ich wüsste gern, welche Farbe wohl eine neue Bedeutung für sie bekommen haben mag, als zehn Jahre später ihr langgehegter Wunsch in Erfüllung gehen wird, ihre Werke in einer Einzelausstellung zu erleben und sich damit endlich als Künstlerin anerkannt zu wissen, nachdem ihr diese Anerkennung so lange verwehrt geblieben ist – als Frau in einer patriarchalisch orientierten Kultur, als Frau eines mit seinem Erfolg und seiner nationalen Bedeutung alles andere überdeckenden Künstlers, als Frau in einem zeitlebens beschädigten Körper. Diese Ausstellung wird für Frida Kahlo von solch existentieller Wichtigkeit sein, dass sie sich, körperlich erneut ans Liegen gebunden, samt Bett zur Vernissage tragen lassen wird. Kurz darauf aber wird die teilweise Amputation ihres rechten Beines nötig werden. Ein symbolschwerer Eingriff – sie wird tatsächlich danach nicht mehr aufstehen. Die Frage, ob ihr Tod selbst herbeigeführt ist, wird ihr Mann nicht mehr medizinisch abklären lassen. Gibt es vielleicht doch das Schwarze? Oder welche Farbe ist die des Sterbens?


>> Das Bild: Frida (Grebe, 2014)


OBERFLÄCHENKULTUR // Herz voran

Sonja Grebe, Herz

Oberflächenkultur, die: Kultur von Mikroorganismen auf der Oberfläche von Nährlösungen oder festen Nährböden, so daß ein schneller Gasaustausch erfolgen kann; wichtig für viele obligate Aerobier mit hohem Sauerstoffbedarf.

Nährlösung + Austausch = Kultur. Eine simple Formel. Um aber mehr als nur eine oberflächliche Kultur zu schaffen, braucht es auch mehr Austausch als nur den von Luft. Von Gewicht nämlich.

Bei Frauen wiegt das zentrale muskuläre Hohlorgan zur Blutförderung rund 250 Gramm. Darf´s ein bisschen mehr sein? 

Unter seiner Obhut eint das Wort Herz, was mich antreibt. So wie es mein organischer Motor ist, bezeichnet es auch meinen seelischen Zentralantrieb.

Verlange ich, dass mehr als nur Luft ausgetauscht werden muss, mehr Gewicht nämlich, dann verlange ich das von mir. Mit wie viel Eigengewicht gehe ich in diesem Austausch voran – oder wie sehr vergrößere auch ich nur die Leere?


>>Bild: Herz (Grebe, 2014)  Das Gefällige bleibt eine ungefüllte Skizze – nur das, was Farbe bekennt, ist lebendig.