BILDER // Malerei Zeichnung Collage Mischtechnik

DAS FÜRCHTE-ICH // Angst+Hasen

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Honey Bunny

Zwar war ich nie die große Sportskanone, im Schnelllauf aber immer spitzenmäßig. Im Grundschulsport bin ich allen davongeflitzt. Wer mich auf dem Pausenhof verdreschen wollte, der musste mich erst einmal kriegen: Dumme Karnickel sind Hundebeute – ich war hier der Feldhase, meine Sprintqualitäten berühmt, meine Haken unschlagbar.
Als die Jungs (es waren immer die Jungs) das irgendwann verstanden hatten, hörten sie auf mich zu jagen und gingen zum Auslachen über. Das war nicht dumm. Aus meinem Vorweglaufen, das sie als die lahmen Köter dastehen ließ, machten sie so ganz einfach ein Davonlaufen, das mich als die Angsthäsin auswies. Dumm war, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen konnte, mir von nun an lieber blaue Flecken holte, ein paar Haarsträhnen hergab und, wenn ich ab und an selbst einen kleinen Skalp hatte reißen können, echt glaubte, jetzt hätte ich’s denen aber mal so richtig gegeben.

Als 18jährige bin ich mal mit einem Trupp nicht allzu viel älterer Jungs U-Bahn gefahren, die gerade ziemlich vollgetankt von irgendeiner Großveranstaltung kamen. Es war spät, die U-Bahn ansonsten unbesetzt. Aus Langeweile und Übermut fingen die Jungs bald an, sich mit mir zu beschäftigen. Das war erst albern, schlug dann ins Schmierige um, und schließlich kamen zwei rübergetorkelt, um an mir herumzutätscheln. Stichproben-Anfasserei. Die übrigen kommentierten das spaßig und erhoben sich von ihren Hintern, um das auch mal auszuprobieren. Bisschen anstupsen, bisschen fummeln vielleicht. (Liebe Leserinnen, Sie kennen das – es ist sogar nicht unwahrscheinlich, dass Sie noch sehr, sehr viel Schlimmeres, richtig Schlimmes kennen. Ich weiß.)
Ich sagte rein gar nichts, quetschte mich irgendwie durch, bis ich in der Tür stand, und wartete dort stoisch auf den nächsten Halt, der eigentlich noch gar nicht meine Station war, aber egal jetzt; natürlich musste ich hier raus. „Was läufst’n weg, Hase?“ „Hasiiiiii!“ „Wo gehste hin jetzt?“ „Wir kommen mit! Ja? Nimmst uns doch mit, Hasi?“
Kaum, dass die Tür sich geöffnet hatte, drängelten sich die Herrschaften tatsächlich mit mir nach draußen. Kann sein, dass sie ohnehin hier aussteigen mussten. Kann auch sein, dass sie meinetwegen ausstiegen – weil sie solchen Spaß daran fanden, es an mir zu übertreiben. Ich ging aus dem Stand in den Sprint über. Sofort großes Gelächter. Hinter mir hörte ich Laufschritte klatschen, doch nur über kurze Distanz: kein echtes Jagen, nur ein bisschen Scheuchen, reiner Jux. „Ich krieg dich noch, du! Ha!“ „Guck ma, guck ma wie die rennt!“
Im Prinzip hielt ich diesen Haufen für harmlose Idioten, und es fühlte sich überhaupt nicht gut an, vor solchen Flitzpiepen davonzurennen. Ich schimpfte nicht einmal drauflos – wäre mir nämlich auch nur ein Wort rausgerutscht, wäre ich vollständig geplatzt, wolkenbruchartig. Ich rannte entschieden weg, weil mir klar war, dass ich sonst vor lauter Brast um mich geschlagen hätte, was allerdings mit Sicherheit dumm ausgegangen wäre.
Wenige Bahnsteige und Rolltreppen weiter – über meinen Kaninchengalopp wurde sich unterdessen wohl immer noch kaputtgelacht – schnappte ich Luft. Ich hatte mich natürlich total vernünftig verhalten, und da ich ansonsten durchaus zu Dummheiten neigte, hätte ich nun ganz zufrieden mit mir sein müssen. Von wegen. Ich glühte und prasselte vor Wut, im Rachen schmeckte es schon nach Ruß, und am schlimmsten wütend war ich doch glatt auf mich selbst.
Während ich weiter durch die Station marschierte, und auch zuvor, während der Bahnfahrt und während der anschließenden Rennerei, war ich dermaßen mit meiner stillen Wut beschäftigt gewesen, dass ich gar nicht dazu gekommen war, mich ängstlich zu fühlen. Aber Angst beißt einen ja oftmals erst von hinten.
Ein paar Schritte später begann ich zu eiern, auf einmal machte es klack und ich trat komisch ins Leere: Mein Absatz war abgebrochen. Ich stand beschädigt da, hielt meinen Schuhabsatz in der Hand, und da überkam mich ein solches Gefühl von Wehrlosigkeit, dass ich am liebsten ins nächstbeste Loch gekrochen wäre. Es biss mich: Was, wenn ich direkt nach dem Aussteigen gestolpert wär? Wenn sie mich gekriegt hätten? Viel Cola-Korn, viel Testosteron, bisschen Adrenalin – und dazu so’n Häschen, das einem direkt vor die Füße fällt?

Wie kam es eigentlich einst zustande – ein guter Trick der Kerle? -, dass sich als weibliche Schönheitsattribute insbesondere solche Dinge etabliert haben, die uns langsam und unbeweglich machen? Wie High Heels, oder enge Röcke? Damenfrisuren dürfen nicht zerzausen, das Make Up darf nicht wegschwitzen; nach dem Nägellackieren hält man minutenlang still.


Zwangst

Bei aller Flauschigkeit: Man tut den Leporidae, ob nun Feldhase oder Wildkarnickel, unrecht, indem man sie auf ihr verkitscht-verniedlichtes Klischee reduziert. Nicht umsonst hat sich ein Langohr als Oster-Maskottchen durchgesetzt: Wer in der Nahrungskette so tief unten zu finden ist, wer solche Sterblichkeits- und Fruchtbarkeitsraten vorzuweisen hat, der versteht was vom archaischen Themenkreis Werden-Vergehen-Werden.
Zuchthasen und Käfigkaninchen kommen mir allzu entseelt vor. Freilebend sind sie mir lieber, so hab ich sie gern, nur: Ich komme nie so recht davon weg, die sowohl stimmliche als auch mimische Stummheit der Mümmelmänner als etwas ungemein Unheimliches wahrzunehmen. Einem Feldhasen zuzuschauen, wie er mit 70 Sachen übern Acker brettert, ist herrlich – aber danach, wenn ich im Fernglas das Hasengesicht zu fassen kriege, morst da die bebende Schnauzenspitze Gefahr-Gefahr-Gefahr, glänzt in blanken, ausdruckslosen Hasenaugenkugeln Tod-Tod-Tod, und dann lasse ich das Fernglas sinken, schaue mich schaudernd um, frage mich, was ein Hase wohl so alles wittert und so alles weiß und ob nicht auch ich vielleicht besser hätte rennen sollen, frage mich: War da nicht gerade was? So ein Schatten, ein Hauch…

Auch im Kopf, und zwar hauptsächlich im Kellerraum unterm Bewussten, begegne ich den Hasenartigen öfters. Nie treten sie dort einfach als niedliche Streicheltiere auf, immer sind sie seltsam machtvoll, zwiespältig.
Einmal fliegen mir nachts die Augen auf, nachdem ich gerade einen merkwürdigen Hasen-Fluch in vollem Gange erlebt habe:
Am Ende meiner vertrauten Straße, die ich aus der Wirklichkeit so nicht kenne, wohnte, in einem verschachtelten Gebäude auf hochgelegenem, umzäunten Grund, ein Fabelmann. Ein wahres Märchenbiest – hässlich, bösartig, kalt. Ich hockte verschanzt im Häuslein mein, Häuslein klein, und wusste sicher, der Fabelmann würde mich holen kommen, so wie er sich bereits zwei Nachbarinnen geholt hatte, aus deren Häusern mich nun bloß noch leere Fenster anstarrten. Nachts hörte ich den Fabelmann bei mir am Fensterkitt herumpulen und an den Türscharnieren werkeln. Bald, bald, dachte ich.
Also bat ich ein abstruses Insekt, mit dem ich offenbar gut befreundet war, es möge doch den Maulwurf zu mir schicken und der solle bitte auch ein bestimmtes Buch mitbringen. Sogleich warf der Maulwurf neben meiner Bettkante einen Hügel auf, streckte seine Schaufelpranke heraus, um mir das betreffende Buch vor die Füße plumpsen zu lassen, zeterte: „Da! Aber was auch immer du damit verzapfst – ich will damit nichts zu tun haben, dass das klar ist!“, und verdrückte sich postwendend.
Ein dunkles Buch, eingebunden in etwas, das aussah wie gepresste Erde oder Chitinplatten. Ich schlug es auf, prüfte die Rezepte, prüfte die Bestände meines Küchenschranks und fand alles, was ich brauchte. Zittrig stellte ich Buch und Zutaten parat – es konnte losgehen: Erst der Spruch, dann der Brei. Vorsichtig, genau lesend sagte ich mein Sprüchlein auf.
Im schwarzerdigen Feld draußen vorm Fenster begann es zu rumoren. Als ginge hier Jasons Saat von Drachenzähnen auf, stiegen aus der Ackerkrume Gestalten empor, Furche für Furche, hochgewachsen, menschlich, nur ihr Kopf ein großes, mondweißes Hasenhaupt mit Kugelaugen, so rund und schillernd schwarz wie Mistkäfer. Es waren unzählige, sie bestanden das Feld bald wie ausgewachsene Maishalme; ihre Köpfe und ihre schlichten Anzüge waren allesamt identisch, und ihre Bewegungen verliefen synchron. Lautlos begann ihr Marsch – hinterm Fenster stand ich und verfolgte den weißbehaupten Fluss, wie er dem Haus des Fabelmannes entgegenströmte.
Ich sah, wie der Zaun brach, das Haus der weißen Brandung nachgab, ich sah, wie schließlich der Fabelmann brüllend und tobend in der stummen weißen Flut versank und… das war zu grausam, aber ich konnte nicht wegschauen.
Der hasenköpfige Strom wirbelte herum; noch immer konnte ich nicht wegschauen. Der Strom floss nun herab, meinem Häuslein klein entgegen. Der Brei!, fiel es mir plötzlich ein. Den hatte ich ja noch gar nicht zubereitet!
Erst der Spruch, dann der Brei, so stand es im Buch, aber nicht nur das: Der Brei sei unmittelbar, sobald alles in Gang gesetzt sei, anzurühren, denn der Brei sei das Mittel, um alles wieder außer Kraft zu setzen, und bekomme das Heer der Erdentstiegenen nicht den Brei, nehme die Erde es nicht wieder auf, und so müsse es dann weiterziehen auf ewig. Warnend hieß es im Rezept, man dürfe das wandelnde Heer nicht beobachten, wie es sein Werk erfülle, man müsse die Augen unbedingt abwenden, jawohl, es sei zwingend nötig, stattdessen den Brei zu rühren, der das Heer abspeise, sonst… aber das sei zu grausam.
Himmel, jetzt aber schnell: Ich pfefferte die bereitgestellten Zutaten in den Topf, ich rührte wie verrückt, ich gab dies hinzu und das, rührte und rührte, es fehlte nur noch… Wo war es denn? Tastend kroch ich über den Boden von gestampfter Erde. Draußen barst der Lattenzaun. Ich hatte doch ein Fläschchen davon gehabt, ganz bestimmt! Die Fenster sprangen. Ich suchte, ich kroch – ich fand es nicht, verdammt. Unterm Tisch nicht, nicht im Schrank, und unters Bett gekullert war’s auch nicht. Wo war es bloß? Die Balken stöhnten, das Dach schrie. Wo, wo?
Da quoll es stumm. Mir wurde weiß. Mir wurde schwarz.

Alles ein Hasenrennen, Tag und Nacht. Bloß nicht Beute werden! Funktionszwang, Versagensangst – schlimm, wenn sich Zwang und Angst verbinden: Zwangst.


Julio Cortázar, Brief an ein Fräulein in Paris

Sie wissen, warum ich in Ihre Wohnung kam, in Ihren so ruhigen und von Sonne umschmeichelten Salon. Alles scheint ganz natürlich, wie immer, wenn man die Wahrheit nicht weiß. Sie sind nach Paris gegangen, ich übernahm Ihr Appartement in der Calle Suipacha, wir trafen ein einfaches, befriedigendes Abkommen, jedem würde gedient sein, bis der September Sie wieder nach Buenos Aires führt und es mich in eine andere Wohnung verschlägt, wo vielleicht… Doch nicht deswegen schreibe ich Ihnen, ich schicke Ihnen diesen Brief wegen der kleinen Kaninchen, ich halte es für meine Pflicht, Sie davon zu unterrichten; und weil ich gerne Briefe schreibe, und vielleicht auch, weil es regnet.

Wegen der Kaninchen. Aha.
Dieser Brief bzw. diese Kurzgeschichte findet sich in Julio Cortázars Bestiarium in einer Reihe mit ähnlich harmlos anmutenden Geschichten, die jedoch stetig und beharrlich ihre toxische Wirkung entfalten – zurück bleiben Ratlosigkeit, Unruhe, mitunter Pulsrasen. Lesen Sie das nicht nachts. (Lesen Sie’s auch nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln! Und auf keinen Fall allein zuhause – aber bitte auch nicht, wenn Sie zu zweit daheim sind. Lesen Sie’s vielleicht, wenn es geht… Ach, ich glaube, ich kann Ihnen da auch nicht helfen.) Ähnlich wie bei Kafka, frage ich mich bei Cortázar, wie er es bloß ausgehalten haben mag, all das schwerwiegend Unheimliche nicht nur zu denken, sondern obendrein aufzuschreiben, das Ganze schriftlich in Form zu bringen und gründlich auszufeilen. So was dauert ja…
So was zehrt doch!
Zurück zum Brief. Das mit den Kaninchen ist so: Sie entstehen nicht so recht natürlich; es hat sehr direkt etwas mit diesem Herrn zu tun, der übergangsweise, sozusagen als Housesitter, in ein hübsches Appartement in Buenos Aires zieht, während die Eigentümerin in Paris weilt. Das mit den Kaninchen hatte er bislang ganz gut vertuschen und verstecken können – hier, im fremden Umfeld, fällt ihm das schwer und immer schwerer. Die Kaninchen, ach!, sie lassen sich kaum noch im Zaum halten, und auch ihr Entstehen – dieses zwar harmlose, gleichzeitig völlig absurde und eigentlich ja doch furchtbar unheimliche Entstehen – ist ein Geheimnis, das den Herrn zunehmend belastet.
Im Brief vertraut er sich nun seiner Gastgeberin in der Ferne an – in durchaus plauderhaftem Ton, durch den jedoch ab un an, hauchzart, unterdrückte Panik schimmert.
Armer Mensch, denke ich. Schrecklich!, denke ich schließlich. Und dann denke ich: Was ist das eigentlich für ein Geräusch, das da vom Dachboden kommt? Oder eher von unterm Bett? Klopft da was?
Licht an. Und das Radio, das stelle ich auch gleich an. Señor Cortázar habe ich nicht einfach aus der Hand, sondern zurück ins Buchregal und obenauf die Buddenbrooks sowie drei Bände John Steinbeck gelegt (eine Bibel oder so habe ich gerade nicht parat). Erst mal setze ich einen Lavendeltee auf. Ich schleife die Bettwäsche ins Wohnzimmer rüber, aufs Sofa. Auf dem Sofatisch stapele ich ein paar Bände Tim und Stuppi und Asterix, Zeitschriften, Schokoriegel, Chips und halte Fernseher-Fernbedienung und Handy griffbereit. So geht’s etwas besser, ja. So ist es schon viel –
Himmel, irgendwas klopft doch da!


>>Collage: Grebe, 2013


>>Julio Cortázar, Bestiarium (Suhrkamp) €9,-


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FLUGWESEN // Ernst Jandl, Ikarus

IKARUS

Ernst Jandl, Ikarus

Er flog hoch
über den andern.
Die blieben im Sand
Krebse und Tintenfische.
Er flog höher
als sein Vater,
der kunstgewandte
Dädalus.
Federn zupfte die Sonne aus seinen Flügeln.
Tränen aus Wachs tropften aus seinen Flügeln
Ikarus flog.
Ikarus ging unter.
Ikarus ging unter
hoch über den anderen.


Nicht zu dicht am Wasser, nicht zu nah an die Sonne heran zu fliegen – so lautete die klare Flugvorschrift. Die Vernunft des Mittelwegs aber greift nur beim Alten, die Unvernunft des Höhenflugs entspricht dem Wesen des Jungen. Ur-Angst aller Eltern, gleichzeitig Ur-Sprung menschlicher Großleistungen: dass wir über unsere Vorgaben hinausfliegen.


Bild: Grebe, 2016

ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE // Heinrich Heine, Die Götter im Exil

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1853 macht sich Heinrich Heine sorgenvoll Gedanken um eine gesellschaftliche Randgruppe: Die Zeitschrift Blätter für Unterhaltung veröffentlicht einen Aufsatz Heines mit dem Titel Die Götter im Exil, welcher der Frage nachgeht, wie sich die heidnischen Götter nach der Schließung des Olymps und dem Abriss ihrer Tempel nun wohl beschäftigen. Der ursprüngliche Aufsatz-Titel Die Götter im Elend zeigt noch eine Spur deutlicher, wie schlecht es seit der Machtübernahme durch das Christentum um die einst so stolzen und mächtigen Lichtgestalten der antiken Glaubenswelt bestellt ist.

Sie mußten damals schmählich flüchten, die armen Götter, und unter allerlei Vermummungen verbargen sie sich bei uns auf Erden. Die meisten begaben sich nach Ägypten, wo sie zu größerer Sicherheit Tiergestalt annahmen, wie männiglich bekannt. In derselben Weise mußten die armen Heidengötter wieder die Flucht ergreifen und unter allerlei Vermummungen in abgelegenen Verstecken ein Unterkommen suchen, als der wahre Herr der Welt sein Kreuzbanner auf die Himmelsburg pflanzte, und die ikonoklastischen Zeloten, die schwarze Bande der Mönche, alle Tempel brachen und die verjagten Götter mit Feuer und Fluch verfolgten. Viele dieser armen Emigranten, die ganz ohne Obdach und Ambrosia waren, mußten jetzt zu einem bürgerlichen Handwerke greifen, um wenigstens das liebe Brot zu erwerben. Unter solchen Umständen mußte mancher, dessen heilige Haine konfisziert waren, bei uns in Deutschland als Holzhacker taglöhnern und Bier trinken statt Nektar.

In munkelndem Ton trägt Heine fabulierte Augenzeugenberichte zusammen, die Hinweise auf den Verbleib der vertriebenen Götter liefern. Einzig für Bacchus (es sei angemerkt, dass die Anrede der hier näher beschriebenen Götter mit ihrem römischen Namen erfolgt) scheint das religiöse Karriere-Aus eher glimpflich verlaufen zu sein. So soll ein Fischer, der als junger Mann an einem Tiroler See sein Boot zu Fährdiensten anbot, vor seinem Tode im Familienkreise angegeben haben, einst ein rauschhaftes Gelage auf einer Insel im See beobachtet zu haben, als er hatte herausfinden wollen, was ein paar verdächtig anmutende Kuttenträger, die einmal jährlich das Boot des Fischers in Anspruch nahmen, wohl im Schilde führen mochten. Entsetzt über die obszönen Handlungen und die bockshörnige, ziegenfüßige Gestalt einiger Gäste, habe der Fischer die unchristlichen Vorgänge dem Vorsitzenden des nahen Franziskanerklosters melden wollen. Aber wie erschrocken sei er gewesen, so der Fischer, als sich jener Ordensoberer als niemand anderes erwiesen habe als der leibhaftige Anführer des zuchtlosen Inselfestes – und die Mönche als Bacchanten. Weit schlechter getroffen habe es, dem Vernehmen nach, Apollo, der sich als Hirte in Niederösterreich durchgeschlagen habe, bis sein zauberhaftes Flötenspiel seine göttliche Identität entlarvt habe. Er sei daraufhin einem geistlichen Gericht vorgeführt, gefoltert und schließlich hingerichtet worden. Kriegsgott a.D. Mars könne, entsprechend seiner Profession, wohl nicht über Beschäftigungsmangel klagen, wobei er sich als vergleichsweise niederer Rang – es wird getratscht, er habe unter Anderem als Landsknecht gedient – wenig wohlfühlen dürfte. Mercurius sei in der Kluft eines holländischen Kaufmanns gesichtet worden; überdies, wurde berichtet, fahre er ab und an von einem Küstenkaff aus auf die Nordsee hinaus, um dort die Seelen von Verstorbenen zu verklappen. Und Jupiter – ach, Jupiter: Laut Seemansgarn seien Walfänger auf einer kargen, von Kaninchen übervölkerten Insel am Rande der Arktis einem Eremiten begegnet, der dort in Begleitung eines zerrupften Adlers und einer ausgezehrten Ziege in einer schäbigen Hütte hause. Erstaunlich gut ausgekannt habe er sich mit den Hügeln, Tälern und Flüssen des guten alten Europa, nur sei ihm keine einzige moderne Stadt geläufig gewesen, und bei der Erwähnung griechischer Tempelruinen sei er in Schluchzen ausgebrochen.

Aller Humorigkeit zum Trotz, verdeutlicht Heines Aufsatz dessen ernsthaftes Unbehagen an der Mentalität des vorherrschenden Nazarenertums – ein Oberbegriff, den Heine verwendet, um die Gemeinsamkeiten von jüdischer und christlicher Tradition zusammenzufassen. Die Götter im Exil charakterisiert die Nazarener, durchaus anklagend, als rechthaberische Asketen, als verkopfte Krämerseelen. Indem Heine vom Nazarenischen im Gegensatz zum Hellenischen spricht, welches eine lebensfreudige und dem Menschlichen zugewandte Haltung verkörpere, unternimmt er keineswegs eine völkische Einordnung, sondern definiert damit eine Unterscheidung bezüglich des menschlichen Naturells. Seine Nazarener kommen bei Heine dabei nicht gut weg: Die Katholiken zum Beispiel erscheinen als von der Inquisition geprägte Petzen, die gleichzeitig eine dogmatische Härte und eine schäbige Doppelmoral an den Tag legen, und die Protestanten zeichnen sich durch eine strenge Arbeitsethik aus, nach der sich der Mensch jeglichen Freuden zu verweigern hat.

Da die Götter nun einmal als unsterblich gelten, könnte man sich vorstellen, womit sie sich derzeit im Alltag herumschlagen: Mercurius ackert sich unter Zeitdruck und auf Zeitvertrag in der Logistikbranche ab. Venus leidet inzwischen an Magersucht. Aesculapius muss als Chefarzt Hüftoperationen am Fließband durchführen, damit er seine vertraglich vereinbarte Erfolgsquote erfüllt und seine Klinik genug lukrative Eingriffe abrechnen kann. Cupido verliert seine Klienten zunehmend an Tinder. Und Ceres steht als Bäuerin unter einem ungesunden Produktionsdruck. Das nazarenische Naturell hat sich im Laufe der Zeit seiner religiösen Basis entledigt und ist aufgegangen in einem alles umfassenden Ökonomismus. Da lässt sich eine romantisch-verklärte Sehnsucht nach etwas mehr hellenischem Geist, wie sie Schiller in seinem Gedicht Die Götter Griechenlands formuliert hat, manchmal nur schwer unterdrücken:

Da die Götter menschlicher noch waren, / Waren Menschen göttlicher.


>>Bild: Grebe, 2016

NACHTEINSAMKEIT // Die mischtechnische Collagerei und ihr Soundtrack

Mond Sonja Grebe


Every single night / I endure the flight / Of little wings of white-flamed / Butterflies in my brain / These ideas of mine / Percolate the mind / Trickle down the spine / Swarm the belly, swelling to a blaze / That´s when the pain comes in / Like a second sceleton / Trying to fit beneath the skin / I can´t fit the feelings in / Oh every single night´s alight / With my brain (Fiona Apple, Every Single Night)


Der Tisch ist voll. Papiersammelsurium ausgebreitet, Kaffeetassen dazwischen, Acryltuben, Schmiertücher, verklebte Pinsel und noch ungebrauchte, ein Senfglas-Kleckerpott, ein altes Eiswürfelfach als Palette, die letzte Wochenzeitung schützt die Tischplatte, Scheren, Cutter, Brettchen, Klebestifte, Schwamm, angeschwärzte Zahnbürste, Klopapier, eine Leinwand liegt ständig im Weg herum, ADAC Faltkarte Norddeutschland von 1992, Brigitte von 1988, Sprühkleberdose, Kuli, Edding, Kohle, irgendwo Kekse, Fineliner, Bleistift, Spitzerspäne, Pappe, Packpapier, Geschenkpapierreste, Tonkartonstreifen, Malerkrepp, auch die Wort- und Buchstabenschnipselmappe liegt offen da, obwohl ich nichts daraus brauche – man schmeiße zuerst restlos alles auf den Tisch, so die Grundregel, erst dann lege man los.


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Musik muss laufen – ich will jetzt ja nicht lesen, sondern das Gegenteil davon. Nachts, beim Bildermachen, höre ich gern Hysterisches, Theatralisches, Schrulliges. Ich habe da so ein Faible für fiebrighirnige Frauen, die ihre Stimmen und Instrumente überlasten. Es lassen sich auch ganze Nächte mit Modest Mouse bestreiten. Völlig begeistert habe ich zuletzt David Fiuczynskis Planet MicroJam gehört, Microtonaler Jazz, bis mir davon reell schwindelig in der Magengegend wurde. Klassisch Waits Bone Machine und Beefhearts Shiny Beast gehen immer. Soundfrickler wie Tortoise und Labradford allerdings genauso, dazu ein bisschen The Notwist, Autechre, Radiohead und UNKLE. Gelegentlich unvermeidbar: Pink Floyd. Mit Alban Darche, Henri Texier oder Ibrahim Maalouf geht es eher schon gegen Frühmorgen.



My heart´s made of parts of all that’s surround me / And that´s why the devil just can´t get around me / Every single night´s alright / Every single night´s a fight / And every single fight´s alright / With my brain (Fiona Apple, Every single night)


Ein Abschnitt, ein Bild, zwei Bilder – am Ende wird immer etwas fertig. Kann sein, dass es taugt, kann sein, dass es in den Müll geht. Kann sein, dass ich etwas wieder aus dem Müll heraus fische, weil es doch noch für irgendetwas brauchbar ist.

Jedes Fertigwerden ist schön, eigentlich aber traurig. Und jetzt muss ich auch noch aufräumen.


Bilder: Mondnacht; Nachttisch-Fotos (Grebe, 2015)

BRENNSTOFF // Gutfeuer

Gutfeuer, Sonja Grebe

Ein Gutmensch bin ich also? Ist mir jahrelang gar nicht aufgefallen. Ich: Gutfrau. Ja, wo kämen wir nur hin ohne die Bescheidwisser, die Weltdurchschauer, die einem erklären, wer man ist, wie der Hase läuft, wo der Frosch die Locken hat und was es unter Adolf nicht gegeben hätte: die Wahrheitsmenschen. Sie essen Wahrheit, sie saufen Wahrheit und rülpsen sie, sie schlafen auf Wahrheitsmatratzen, marschieren in Wahrheitsschuhen herum, auf Wahrheitsstraßen. Unbegreiflich, warum dies hier nicht längst ihr Wahrheitsstaat geworden ist, auf den sie mit so viel Feuereifer hinarbeiten. Schuld daran, sagt ihnen ihr innerer Erkläromat, sind diese lästigen Gutmenschen, die der Wahrheit immer im Wege stehen müssen. Um mit diesem Titel bedacht zu werden, braucht man inzwischen schon nicht mehr gleichzeitig Veganer, Umweltschützer, Waldorf-Pädagoge und Linkswähler zu sein, sondern es genügt, Brandanschläge auf Unschuldige als abartig zu bezeichnen. Die Gutfrau sagt das gern noch mal deutlich: BRANDANSCHLÄGE AUF UNSCHULDIGE ZU VERÜBEN IST ABARTIG. Die Gutmenschen, so hallt es wider, diese Schwachmenschen, Weichmenschen, Blindmenschen, kapierten eben nicht, was Mut zur Wahrheit bedeute, und dass dieser sich hier nun in Taten zeige. Gefaselgeschwulste, pathologische Pathetik: Eine Wahrheit, für die Andere brennen sollen, ist eine Geisteskrankheit. Wenn schon, dann selber brennen. Gutfrau, die ich also bin, will ich, dass meine Hütte vor Gutfeuer lodert, für´s Gute will ich selbst als Brennstoff funktionieren, Feuer und Flamme sein für was Warmes, was Positives. Ihr kalten Deppen!


Bild: „And we´re carrying the fire“ (Grebe, 2014)


HANNOVER // Alte Conti

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1999 wurde, nach einhundert Jahren Betrieb, das Zweigwerk der Continentale AG in Hannover-Limmer stillgelegt. In den Folgejahren blieb das gewaltige Areal mit Werkhallen und Bürogebäuden ungenutzt sich selbst, oder vielmehr: den Fotografen, Künstlern, Schaulustigen, dem Partyvolk und den streunenden Jugendcliquen überlassen, die, angezogen vom zunehmend endzeitlichen Charme der Industriebrache am Mittellandkanal, jene Unstadt-in-der-Stadt für sich eroberten. Rost, Wildwuchs, Scherben und Graffiti überzogen die teilweise lebens-, weil einsturzgefährlichen Backsteinruinen, die zum Spielplatz für Erwachsene und Halbstarke wurden. 2009 begann man die historischen Gebäudekomplexe mit aufwändigen Spreng- und Räumungsarbeiten zu beseitigen. Heute sind nur noch wenige markante Elemente der alten Werksanlagen erhalten – unter dem Namen Wasserstadt Limmer sollen hier neue Wohn- und Geschäftsräume entstehen, unter Einbeziehung einiger denkmalgeschützter Altbau-Reste wie dem Conti-Turm. Die Zeiten abenteuerlicher Dach-Besteigungen, Retro-Technik-Ausgrabungen, dröhnender Feiereien und stiller Rückzüge jedenfalls sind vorbei, der Spielplatz ist geschlossen.


>>Bild: Alte Conti Limmer (Grebe, 2013)


SPONTANE PAUSE // Käffchen?

Wach, Sonja Grebe

Unter-dem-Bett-Monster sind eine besondere Spezies Ungeziefer. In der Kindheit ehrfürchtig, überhaupt fürchtig!, als Herrscher der Nacht betrachtet, schrumpfen sie sich, schritthaltend mit dem Entwachsen aus der Kindheit, immer kleiner, bis man als großer Mensch unterm Lattenrost schließlich nichts anderes mehr entdecken kann als zwar dunkelschattige, allerdings gebiss- und klauenlose Staubflusen. Verschwunden sind sie deswegen aber keineswegs.

Immer noch kommen sie nachts herauf. Haben mit den Jahren längst ihre Namen bekommen und ihre Faschingskostüme an den Nagel gehängt, spielen ab und an zwar noch die Karte ihrer unbestreitbaren Lästigkeit aus und wollen aus Langeweile ein bisschen Radau machen, wissen sich aber inzwischen durchaus geduldet. Sie gehören eben dazu, nicht anders als Familie, Kollegen, Nachbarn. In letzter Zeit allerdings hat es mit ihrer Aufsässigkeit ein bisschen überhand genommen. Dass sie ihre Aktivität inzwischen bis in den Tag hinein ausdehnen, gefällt mir gar nicht.

Ich frage sie, was sie da heute Mittag bitteschön für Unfug getrieben hätten, und da gucken sie gespielt unschuldig. Jetzt sei mal nicht so, wir tun nur unseren Job, nörgeln sie. Als ob!, sage ich, Ihr spukt inzwischen von morgens bis abends und macht nachts keine Pausen – was sagt eure Gewerkschaft denn dazu? Betretenes Schweigen. Na ja, raunt da einer, ist halt Hochsaison jetzt, da guckt doch keiner so genau hin. Im Hintergrund nimmt das gewohnte Gekicher, Gejaule und Zähneknischen schon wieder an Fahrt auf.

Ich seufze, rappele mich hoch und koche eine Kanne Kaffee für mich und die ganze Bagage. Milch und Zucker will keiner, wie immer. Einer kräht mal wieder nach einem Gläschen Rotwein, aber das habe ich bereits kategorisch verboten – da lasse ich mich nicht drauf ein, mit denen darf man nicht trinken! Beim anschließenden Geplauder muss man ebenso Obacht walten lassen: am besten immer gezielte Fragen stellen, Monologe sofort unterbinden und sich bloß nicht von geschickter Rhetorik aufs Glatteis führen lassen.

Eine charmante Art haben sie, Vorwürfe in den Raum zu stellen: Wie schön, dass wir heut alle mal beisammen sind, nicht?, schnurrt eine, Wir dachten nämlich schon, dass du dich gar nicht mehr um uns kümmern magst! Dauernd tippst du diesen Kram in dein Laptop, stundenlang geht das so, immer nachts – und da wunderst du dich, dass wir deinetwegen zusätzlich Tagschichten einlegen? Da gucke nun ich etwas betreten.

Die Lümmel in den hinteren Reihen machen unterdessen tosenden Krawall und blöde Witze. Da muss ich gleich mal dazwischen gehen, bevor sie noch zu Höchstform auflaufen; im Moment sind sie gut im Training. Einer der Streber hat anscheinend eine schauerliche Präsentation vorbereitet und wedelt, ebenfalls Aufmerksamkeit einfordernd, mit den betreffenden Unterlagen in der Luft herum. Ich stelle mich auf eine lange Nacht ein und klappere vernehmlich mit der Kanne: Noch´n Käffchen, jemand?


>>Bild: Wach! (Grebe, 2014)