NACHTEINSAMKEIT > Lars Danielsson, Liberetto II

Nachteinsamkeit heißt Selbstversunkenheit, der ein himmelgroßer Resonanzraum zur Verfügung steht. Der will gefüllt sein: mit Stille, mit Gedanken, mit Nachtgeräuschen, natürlich aber auch mit Musik.

Vor Kurzem erst ist das neue Album des schwedischen Jazzquartetts um Lars Danielsson erschienen: Liberetto II versammelt zwölf nachttaugliche Stücke, die trotz ihrer Zugänglichkeit nichts an Komplexität fehlen lassen. Dafür sorgt die hochkarätige Besetzung: So ist Magnus Öström, ehemals Percussionist für e.s.t., wieder im Quartett vertreten, und als Gäste beteiligen sich unter Anderem der norwegische Multiinstrumentalist Mathias Eick sowie die große dänische Jazz-Stimme Caecilie Norby. Durch viele gemischte Zusammenarbeiten sind alle am Album, nicht nur am Quartett, beteiligten Musiker längst hörbar miteinander vertraut. Diese Harmonie spiegelt sich in der Klarheit und Sättigung der für Danielsson typischen Klangfarben. Schön zum nächtlichen Begleithören.


Lars Danielsson, Liberetto II (ACT)

NACHTEINSAMKEIT > Draußen vor der Tür

Hamburger Meile, Sonja GrebeNachts auf der Elbfähre, Sonja Grebe

Spätestens seit der Romantik kennen wir Deutschen uns hinlänglich aus mit der Idealisierung der Einsamkeit. Zum einen trieb es die Romantiker in den Wald – Waldeinsamkeit ist eine der schönsten deutschsprachigen Unübersetzbarkeiten -, zum Anderen waren sie verliebt in die Nacht. Die Gemeinsamkeit von Wald und Nacht besteht in ihrer sichtverkürzenden Eigenschaft: Durch Dickicht oder Dunkel schließen sie einen Raum um ihre Besucher, bewirken damit bei ihnen das Gefühl von Vereinzeltsein. Sicher spürt man die Wirkung der Nacht ebenso in Momenten, in denen man im Schein seiner Leselampe in tiefster Ruhe zeitvergessen ein Buch liest. Andere häusliche Nachthobbys sind Nähen für Schlaflose, Mitternachtsmalerei, Mondscheinbacken etc. Man ist dabei ganz bei sich, vielleicht aber nicht ganz bei der Nacht. Ebenso wie dem Wald ist der Nacht eine Wesenhaftigkeit zu eigen, ein eigener Geruch, eigene Geräusche, ein eigener Herzschlag. Erst draußen vor der Tür entfaltet sie sich ganz.


Fotos: Grebe 2013/2014

FABULIERIOSITÄTEN > Was macht eigentlich Fred Vargas?

Wie gern würde ich aus der Gerüchteküche hören, Fred Vargas stecke mitten in den Abschlussarbeiten zu ihrem neuesten Roman. Man soll nicht drängeln, doch im Schnitt veröffentlicht der Aufbau-Verlag im Intervall von zwei Jahren eine neue Vargas-Übersetzung – zuletzt Die Nacht des Zorns. Allerdings ist bisher auch in Frankreich noch nichts Konkretes verlautet worden, was Fortschritte oder Veröffentlichungstermine betrifft.

Es ist zwei Jahre her, dass ich Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg zuletzt begegnet bin. Da stapfte er durch die Normandie, kümmerte sich im Auftrag einer Greisin um ein Heer blutrünstiger Waldgespenster – denn mit verfluchten Seelen kennt sich der Mann aus -, machte sich tiefgehende Gedanken um Zuckertütchen und ließ eine Taube in seinem Schuh wohnen.

Adamsberg ist ein Sohn der Pyrenäen, ein schrulliger Bergler, dessen ungewöhnliche, labyrinthische Denkweise ihm im Wege zu stehen scheint, sich jedoch seit acht Kriminalromanen mit ihm in der Hauptrolle immer wieder von Neuem als eine besondere Gabe erweist. Im Rahmen dieser Romane steht Adamsberg keineswegs allein mit seiner Seltsamkeit da. Er ist kein lediglich aufrüschendes, würzendes Stilmittel in einer ansonsten handelsüblichen Krimiproduktion, sondern Teil eines doppelbödigen Parallelfrankreichs, das Fred Vargas aus schrägen Charakteren, verwunschenen Orten und skurrillen Gegebenheiten erschaffen hat. In der mit einem eigenwilligen Erzählstil abgedichteten Vargas-Welt sind sämtliche Personen überzeichnet und doch überzeugend, jede Handlung objektiv gesehen abstrus, aber in sich schlüssig, und man selbst fegt schnell seine übliche Lese-Erwartungshaltung bei Seite und schließt sich lieber Adamsbergs verquerer Logik an. Begleitet wird Adamsberg, der in Paris tätig, jedoch oft auf Abwegen ins ländliche Frankreich unterwegs ist, von seiner Brigade criminelle, deren Mitglieder ihm an Wunderlichkeit das Wasser reichen können, denn wie gesagt: Bei Vargas ist das Seltsame der Regelfall. Den Gegenpol zu Adamsbergs traumwandlerischer Arbeitsweise bildet der sachlich-trockene Adrien Danglard, Genie der Brigade, wandelndes Lexikon, Alkoholiker. Vervollständigt wird das Team durch die ewig essende Froissy, den explosiv-unberechenbaren Mordent, den naiven Estalère und die walkürenhafte Retancourt. Wie auch den unwichtigsten Randfiguren, wohnt dem zentralen Personal eine mythische Dimension inne – was oberflächlich kurios oder grotesk wirkt, stellt bei genauerer Betrachtung eine intelligent gezeichnete Allegorie menschlicher Wesenszüge dar. So fürchten zum Beispiel alle heimlich die unerschöpfliche Stärke und den gewaltigen Zorn, zu welchen Violette Retancourt fähig ist, rufen aber in Notsituationen vertrauensvoll nach Rettung durch die alle und alles überragende Frau, die sich dann auch mit grenzenloser Güte und bedingungsloser Treue ein ums andere Mal ihrer Kollegen annimmt. Was Retancourt also verkörpert ist der Mythos mütterlicher Allmacht. Dennoch ist Retancourt eine traurige Figur, denn ihre beeindruckende Größe und Kraft machen sie gelegentlich sehr einsam. Ähnlich wie in Märchen finden sich auch in Vargas´ Welt unterhalb der erzählerischen Oberfläche gesellschaftliche und psychologische Beobachtungen.

>> Der chronologische Adamsberg:

  •  Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord: Des Nachts entstehen Kreidekreise auf Pariser Bürgersteigen, in denen jemand scheinbar willkürlich gewählte Alltagsgegenstände platziert. Niemand sieht voraus, dass sich eines Morgens auch eine Leiche in einem Kreidekreis finden würde – außer Adamsberg natürlich.
  • Bei Anbruch der Nacht: Adamsbergs Begegnung mit der privaten Vergangenheit: Seine frühere Geliebte Camille ruft ihn aufs Land, als Unterstützung bei ihrer Suche nach dem Mörder einer Bäuerin. Unter Verdacht: ein Wolfsmensch.
  • Fliehe weit und schnell: Auf Pariser Haustüren erscheint eine verdrehte Zahl, am Morgen darauf jeweils eine schwärzliche Leiche auf dem Trottoir. Die Pest ist zurück! Und mit ihr ist ein seltsamer Bretone in der Stadt aufgetaucht, dessen wachsende Anhängerschaft Adamsberg beschäftigt.
  • Der vierzehnte Stein: Ein ungelöster Mordfall holt den Kommissar nach dreißig Jahren ein. Es wiederholt sich ein Dreizack-Mord, wie damals ist der einzige Tatverdächtige orientierungs- und gedächtnislos. Gerade zwecks beruflicher Fortbildung in Kanada angekommen, erwacht Adamsberg plötzlich selbst nach einem Filmriss – mit blutigen Händen.
  • Die schwarzen Wasser der Seine: Drei einzelne Adamsberg-Geschichten werden hier zusammengefasst: Von Weihnachtsnächten, Wasserleichen und widerständigen Obdachlosen.
  • Die dritte Jungfrau: Während in der Vorstadt Männer mit durchschnittener Kehle aufgefunden werden, deren einzige Gemeinsamkeit der Dreck unter ihren Fingernägeln ist, plagt sich Adamsberg in seinem frisch erworbenen Pariser Eigenheim mit dem Geist einer männermordenden Nonne herum.
  • Der verbotene Ort: Eine Ansammlung von Schuhen versalzt Adamsberg und Danglard die Freude über ihren London-Aufenthalt, oder vielmehr: die herrenlosen Füße, die noch in jenen Schuhen stecken. Die Fuß-Spur führt nach Serbien, in eine Region, in der archaische Glaubensvorstellungen herrschen.
  • Die Nacht des Zorns: Adamsberg reist in die Normandie, durch deren Wälder der Mythos des Wütenden Heeres geistert, ein schauriger Totenzug, der der Sage nach Todesankündigungen äußert. Nachdem eine Frau am Ort neuerlich von Heeres-Visionen geplagt wird, lassen die Todesfälle nicht lang auf sich warten.

Fred Vargas spricht von ihren Figuren als einer netten Truppe. Mag sein, dass sich die inzwischen hoch dekorierte Autorin in ihrer Romanwelt im Allgemeinen eher von Gleichgesinnten umgeben fühlt als im echten Leben. Vielleicht verweist auch die Wahl eines Synonyms für ihre schriftstellerische Tätigkeit auf eine Abgewandtheit von der Normalwelt. Zwischen den Buchdeckeln würde Vargas selbst wohl nicht als Unikat auffallen, diesseits des Geschriebenen jedoch staunt man ein wenig über manche Schlagworte in ihrer Biographie: Frédérique Audoin-Rouzeau, gebürtige Pariserin, Tochter eines Kulturjournalisten, der Mitglied der Surrealisten war, ist Schriftstellerin, Historikerin, Mittelalterarchäologin und Archäozoologin. Ihre Romane schreibt sie während ihrer Ferienzeit. Hauptberuflich forscht sie am CNRS, dem Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung, ihr Spezialgebiet ist die Tierwelt des Mittelalters.


 

WHERE THE WEIRD THINGS ARE > Moondogs Reisen

Ein weites Feld der Literatur sind Lebensgeschichten, seien es fiktive oder verbürgte, bekannte oder verborgene, exemplarische oder exzentrische. In manchen Fällen wird die Literatur jedoch von der Realität rechts überholt, was die Originalität der Protagonisten und des Handlungsbogens einer Lebensgeschichte anbelangt. Einer jener Spezialfälle des Schicksals beschäftigt derzeit mein Gehör und heißt Moondog.

Geboren 1916, in der Aufbruchszeit des 20sten Jahrhunderts, verlebte Louis Thomas Hardin als Sohn eines Wanderpredigers eine vom Umherziehen geprägte Kindheit im Mittleren Westen der USA. Gestorben ist er zum Ende jenes Jahrhunderts, 1999, im „Tiefen Westen“ Deutschlands – als Moondog. Zwischen diesen Eckdaten erstreckt sich zum Einen die Entfaltung der musikalischen Neuzeit, zum Anderen die Biographie eines wunderlichen Musikers und Poeten.

Abenteuerhaftes Potential besitzen bereits seine jungen Jahre, in denen Hardin durch die Tätigkeit seines Vaters unter Anderem Kontakt zu Indianern und deren musikalischer Kultur erhält. Auch Explosionen fehlen nicht in seiner Lebensgeschichte: Der sechzehnjährige Hardin verliert bei einem tragischen Unfall mit einer Dynamitkapsel sein Augenlicht. Dieses Ereignis erweist sich wörtlich als Urknall, rückblickend bezeichnet Moondog seine Erblindung als Grundstein seiner musikalischen Entwicklung. Auf einer Blindenschule erhält er die Gelegenheit mehrere Instrumente zu erlernen. Unermüdlich vertieft er autodidaktisch seine Kenntnisse zu Kompositionslehre und Klassischer Musik, verschlingt alles, was in Blindenschrift zum Thema Musik zu beschaffen ist, und setzt schließlich eigene Werke in Blindenschrift um.

Nach Ablauf seiner Schulzeit verliert sich seine Spur für eine Weile, danach aber taucht Hardin als stadtstreichender Künstler im Big Apple auf. Selbst im von Sondernaturen bevölkerten New York der 1940er Jahre erfährt er eine stetig wachsende Aufmerksamkeit. Zum Teil ist der Zulauf, den seine Straßenauftritte finden, dem Kuriositätswert seiner Erscheinung geschuldet: Der Liebhaber europäischer Sagen – speziell fasziniert ihn die Nordische Mythologie – tritt als skurriles Wikingerwesen auf und nimmt damit bereits eine Erscheinungsform des Phantastischen vorweg, die sich erst später als eigenes Genre etablieren soll: Fantasy. Sozial isoliert ist der Sonderling allerdings nicht, er wird bald als Institution des Straßenbilds Manhattans wahrgenommen und unterhält einen regen Austausch mit Künstlern, die das kulturelle Umfeld gestalten. So ist er regelmäßiger Gast der Carnegie Hall, da er freundschaftliche Beziehungen zu Musikern der New Yorker Philharmoniker sowie deren Dirigenten pflegt. Die weitere Liste seiner künstlerischen Bekanntschaften ist lang: Arturo Toscanini, Igor Strawinski, Leonard Bernstein, Charlie Parker, Julie Andrews, Benny Goodman, Charles Mingus, Allen Ginsberg. Eine Vielzahl prominenter Größen begleitet seinen Weg, er nimmt gemeinsame Alben mit ihnen auf, gestaltet gemeinsame Lesungen, er lernt von ihnen und sie von ihm. Sein Lebenswandel bleibt davon unberührt, Moondog – so nennt er sich nach einem Hund, den er besaß, der besonders wehmütig den Mond anheulte – steht mitten im kulturellen Geschehen und lebt trotzdem für sich.

In den 1970ern verlässt Moondog Manhattan. Vor Ort kann sich niemand sein Verschwinden erklären, Moondog hat sich nirgendwo verabschiedet und keine Spuren hinterlassen, weder Freunde noch Presse wissen um seinen Verbleib. Während Paul Simon im Fernsehen Moondogs mutmaßlichen Tod bedauert, streift dieser in Deutschland umher, nachdem er vom Hessischen Rundfunk zu Bach-Konzertveranstaltungen eingeladen worden war und, ohnehin angezogen von der kontinentalen Kultur, während seines Aufenthaltes den Entschluss gefasst hat, nicht mehr in die USA zurück zu kehren. Er beginnt von Neuem ein vagabundierendes Leben, es zieht ihn von Frankfurt nach Hannover, nach Hamburg, und ihm gefallen Land und Leute. Zu seinem Stammplatz wird schließlich die Recklinghäuser Altstadt. Dort gabelt ihn eines Tages eine Studentin auf, sie hat eine seiner Aufnahmen gekauft und bietet ihm daraufhin eine Bleibemöglichkeit. Aus dem Versuch zu verstehen, was um Himmels Willen einen metropolenerfahrenen Amerikaner mit musikalischer Karriere dazu bringen mag, ein Straßendasein in der Provinz Nordrhein-Westfalens zu führen, entwickelt sich nach und nach eine Zusammenarbeit: Ilona Sommer gründet ein Label, das Moondogs Aufnahmen sammelt und vertreibt, sie organisiert und begleitet Konzertreisen und Auftritte Moondogs, agiert als Managerin und bringt darüber hinaus dem rastlosen Streuner eine sesshaftere und etwas bürgerlichere Lebensweise nahe. Nachdem sein Leben während der 1980er Jahre somit erneut auf soliderem Boden verlaufen ist, zieht es ihn für einen einzelnen Auftritt wieder zurück nach New York, des Weiteren nimmt er in England zu Beginn der 1990er ein Album auf, verankert bleibt er jedoch in Deutschland – sein Grab findet man in Münster.

AM FLUSS > Von Vätern und Söhnen: Blues am Mississippi und am Niger

Wer Blues sagt, denkt den Mississippi mit – an wohl kaum einem anderen Ort sind Musik und Fluss so eng miteinander verbunden. Der Delta-Blues, entstanden zu Beginn des letzten Jahrhunderts, hat sich für die Entwicklung moderner Musikrichtungen als Zündfunke von unschätzbarem Wert erwiesen. In der Fortentwicklung des Neuen jedoch ging das Wissen um dessen Wurzeln weitgehend verloren. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Blues hervorgebracht hatten, durchliefen grundlegende Veränderungen, es stockte dadurch auch die mündliche Tradierung des Liedguts. Neue Tonaufnahme- und Wiedergabetechniken waren noch nicht demokratisiert verfügbar. Vermutlich wäre die Vielfalt des Blues bald undokumentiert verklungen und ein großer Teil vergessen worden.

<Go and get this material while it can be found. Preserve the words and music. That’s your job.>* Mit diesen Worten wurde John Lomax von Seiten der Harvard-Universität in seiner Forschungsarbeit ermutigt, die ihn kreuz und quer durch die USA führen sollte: Die Dokumentation amerikanischer Musikfolklore. Lomax, dessen Kindheit auf der elterlichen Farm begleitet worden war von den Gesängen der Tagelöhner, befreiten Sklaven und Cowboys, hatte durch Ernteerlöse und den Verkauf seines Ponys genug Geld zusammenkratzen können um eine akademische Ausbildung zu finanzieren, die sich bald in den Kulturwissenschaftsbereich verlagern sollte, wo sie sich schließlich auf die Musikforschung konzentrierte. Beginnend mit seiner Studienzeit, sammelte Lomax über Jahrzehnte hinweg tausende von Dokumenten traditioneller amerikanischer Musik. Zunächst allein, ab den 1930er Jahren dann begleitet von seinem Sohn Alan und einem annähernd drei Zenter schweren Phonographen, begab er sich auf seine als Field Trips bekannt gewordenen Aufnahme-Reisen. Steigende akademische Anerkennung und gelegentliche Radioauftritte sorgten dafür, dass Lomax´ zunehmende Popularität teilweise auch auf die von ihm besuchten Musiker abstrahlte: Zum Beispiel beschäftigte Lomax sich intensiv mit Prison Songs – die Gefängnisse galten als Enklave ungebrochener Weitergabe traditionellen Liedguts, auch in Form der von den Chain Gangs gesungenen Work Songs – und stieß in diesem Zusammenhang auf einen ehemaligen Häftling namens Lead Belly. Diesem war als erstem Blues-Musiker eine veritable Karriere beschieden, die von Lomax durchgehend gefördert wurde. Die von Lead Belly adaptierten oder selbst geschriebenen Stücke sind ein elementarer Bestandteil der amerikanischen Musikkultur geworden. Alan Lomax setzte die Arbeit des Vaters fort, indem er einem vielleicht noch intensiveren Weg folgte. Über die USA hinaus führten ihn seine Aufnahmereisen unter anderem bis nach Haiti, Marokko, Großbritannien und auf die Bahamas. Ihn trieb die Idee an, durch das Verdeutlichen von Entwicklungszusammenhängen in regional getrennten Musiktraditionen eine Art musikalischer Internationale aufzuzeigen. Geprägt war die Musikforschung der Lomaxes jahrzehntelang von finanziellen und gesundheitlichen Widrigkeiten. Eine breite öffentliche Wertschätzung ihrer Arbeit bestand jedoch stetig. Über zehntausend Aufnahmen lagern in der Library of Congress. In digitalisierten Zeiten vereinfacht sich der Zugriff auf die Dokumentationen für die breite Öffentlichkeit. Inzwischen findet sich via Youtube eine Zusammenstellung vieler beeindruckender Aufnahmen im Alan Lomax Archive.

(*Charles Wolf and Kip Lornell, Life and Legend of Leadbelly (New York: Da Capo Press,1999), S.108)

Die Wurzeln des Blues zurückzuverfolgen, führt in letzter Konsequenz über den Ozean, den Abstammungsspuren amerikanischer Sklaven – nach Afrika. Dort hat sich derweil eine eigene Ausrichtung des Blues entwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gitarre, bisher dort wenig verbreitet, ein populäres Instrument auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Und im Zuge verschiedener Unabhängigkeitsbewegungen vormaliger Kolonialstaaten zeigten in den 50er und 60er Jahren viele Regionen auch Mut zu ihrer musikalischen Identität. Die afrikanische Musik im Allgemeinen wurde zugänglicher für internationale Einflüsse und fand im Austausch größere Verbreitung auf dem europäischen und amerikanischen Kontinent.

Entlang des Niger zeigt sich eine ganz eigene musikalische Prägung. Den wenigsten unter uns dürften Instrumente namens Njarka, Ngoni oder Gurkel ein Begriff sein. In Verbindung mit der neu entdeckten Gitarre schufen Musiker in den Niger-Anreinerstaaten aus dem Klang jener traditionellen Instrumente und modernen Einflüssen den mittlerweile international populären Klang des Mali-Blues. Der inzwischen verstorbene Ali Farka Touré hat als zweimaliger Grammy-Gewinner unter jenen Musikern einen besonderen Status inne. Geboren am Niger und aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, profitierte Touré in den 60er Jahren nach der Unabhängigkeit Malis von staatlichen Programmen zur Förderung lokaler Musiker. Seine erste eigene Gitarre kaufte Touré übrigens in Sofia; das Interesse an Folk-Musik erreichte in den späten 60er Jahren neue Höhen in Europa und führte auch afrikanische Musiker auf Tourneen zum Kontinent im Norden. In den 90er Jahren entstand mit dem amerikanischen Blues- und World-Musiker Ry Cooder eine Zusammenarbeit, die nicht nur Ali Farka Touré, sondern dem Mali Blues generell eine enorme internationale Aufmerksamkeit bescherte: Das Projekt Talking Timbuktu wurde mit einem Grammy geehrt und sicherte Touré auch finanziellen Erfolg. Inzwischen führt Tourés Sohn Vieux Farka Touré den musikalischen Weg seines Vaters fort und hat sich durch Auftritte in Afrika, Europa und Nordamerika als improvisationsbegabter Live-Musiker profiliert.

AM FLUSS > Zwei Frauen, zwei Flüsse: Gertrud Leutenegger und Esther Kinsky

Zwei besondere Romane haben mich zuletzt gedanklich nach London geführt: Gertrud Leutenegger erzählt in Panischer Frühling von Stillstand und Bewegung. Und Am Fluß von Esther Kinsky beschreibt Werden und Vergehen von Mensch und Landschaft.

 

Ein Fluss ist Bewegung. Fließbewegungen kennzeichnen auch innere, höhere, übergeordnete Vorgänge: In uns fließt Blut, man misst Gehirnströme, man spricht vom Stream of Conciousness, ebenso von Finanzströmen oder kulturellen Strömungen, stellt die Geschichte im Ganzen wie auch das Leben des Einzelnen als Fluss dar – all dies Verborgene oder Abstrakte wird im Betrachten eines Flusses greifbar.

Die Themse ist es, die das Hintergrundrauschen zu Panischer Frühling beisteuert. Die wenig sesshafte Erzählerin des Romans hat sich in einem bewegten Leben eingerichtet, das sie inzwischen nach London geführt hat. Dort jedoch tritt jedem Bewegungsdrang ein unwirklich anmutendes Ereignis in den Weg: Die vom isländischen Vulkan Eyjafjallajökull verursachte Aschewolke sorgt für eine tagelange Flugsperre und konfrontiert die global-mobile Welt mit dem ausgestorben geglaubten Phänomen Stillstand. Leuteneggers Roman entfaltet eine reiche Symbolwelt im Spannungsfeld zwischen zwei Lebenspolen: Die Erzählerin steht zwischen Fluss und Verwurzelung – von fortgerissenen Wäldern, die den Fluss hinabtreiben, ist die Rede, ein Haus aus Kindheitserinnerungen besaß sowohl ein Waldzimmer als auch einen Seezimmer. Und die Symbolik weitet sich aus ins Gebiet der Großbegriffe: Leben und Tod, Werden und Vergehen. Das Leben ist ein Spiel der Wechsel. So besteht beispielsweise auch die Besonderheit der Themse darin, dass sie dem Tidenhub unterliegt. Analog dazu sind die Kapitel mit dem jeweiligen Wasserstand überschrieben, das Geschehen bewegt sich zwischen Low Water und High Water, die Ausschläge sind unterschiedlich hoch oder niedrig. Die Asche des Vulkans findet eine Parallele in jener Asche, an die sich die Erzählerin aus Kindertagen erinnert: Im kirchlichen Zeremoniell wird Asche auf das Haupt des jungen Mädchens gestreut um an die Sterblichkeit allen Irdischens zu gemahnen. Erblühen und Niedergang drängen sich bis in jeden nebensatzkleinen Raum hinein dicht aneinander, wo zum Beispiel in einer knappen Schilderung der prächtigen Frühlingsblüte im Park das Elend der Obdachlosen, die sich dort inmitten all der Blumen schlafend zusammenkrümmen, im selben Satz miterzählt wird. Ein bestimmter Obdachlose nimmt für die Erzählerin bald eine besondere Rolle ein: Jonathan, dem sie die Obdachlosenzeitung abkauft. Jonathan, dessen Gesicht zur Hälfte renessaincehaft zart, zur Hälfte entstellt ist. Es besteht eine Verbindung zwischen ihr und diesem Fremden. Wie tief und von welcher Art jene Verbindung wohl sein mag – dieser Frage geht die Erzählerin nach.

Auch in Am Fluß wird der Fluss zum lebensbeschreibenden Element, hier ist es der River Lea im Osten Londons. Die von ihm geprägte Marschlandschaft ist eine Welt, in der Aufschwünge und Niedergänge überall deutlich werden. Man mag sich darüber streiten, ob die Bezeichnung Roman für dieses Buch treffend ist – ich bin, anstatt mitzustreiten, lieber mitgeschwommen: Der Assoziationsstrom, den Esther Kinsky ausschüttet, ist ein wundervolles Leseerlebnis. Autobiographisch gefärbt, fügt die Autorin Beobachtungen aneinander, schildert Werdegänge und Hintergründe, die mit dem Fluss verknüpft sind, ihre tiefere Bedeutung dabei aber auf mehreren Ebenen entfalten. Ihr Erzähl-Ich arbeitet als Übersetzerin, ist tätig in verschiedenen Funktionen, in der Übertragungen von einer Sprache in eine andere vorgenommen und Bedeutungen umgewälzt werden, lebt selbst in Übergangszuständen, kommt nirgendwo an, kommt nicht zur Ruhe. Die eigene Vergangenheit vermischt sich mit Vergänglichkeitseindrücken, die sie entlang des Flusses sammelt: Im geographischen Randgebiet der Großstadt zerfasert die urbane Pracht der Metropole, soziale Randgebiete liefern menschliche Betrachtungen, Naturbeobachtungen und Industrieszenen verbinden sich. Begleitet werden die Beobachtungen von sich atmosphärisch perfekt einfügenden Abbildungen, die das Erzählte in schwarz-weißer Stimmung untermalen. Esther Kinskys Einfühlung in das von ihr so detailbewusst beschriebene Umfeld, die feine Wahrnehmung von Bedeutungsebenen, die sie elegant, intelligent, unaufgeregt in schlichtweg schöne Sprache fasst, machen dieses Buch für mich zu einer meiner liebsten Entdeckungen in diesem Jahr. Darüber hinaus zeigt sich durch Am Fluß mal wieder, dass es sich lohnt, immer ein Auge auf den Verlag Matthes & Seitz zu haben, in dessen Programm sich reichlich Schätze verstecken.


Gertrud Leutenegger, Panischer Frühling (Suhrkamp) Gebunden €19,95

Esther Kinsky, Am Fluß (Matthes & Seitz) Gebunden €22,90