Autor: Drittgedanke

Papierjunkie

WINTER // Allgemeine Verkriechung

Morgennebel ist ein stummes Meer. Der kalte Boden selbst scheint ihn auszuatmen und im Gegenzug alles Lebendige in sich einzusaugen, ins zappendustere Unterbodenreich hinab. Die Erde holt alle Fühler ein und verschließt sich wie eine Muschel.

Böige minus drei Grad waren’s nachts. Um Sonnenaufgang herum bin ich eine gute Stunde lang unterwegs. Kein Mensch, kein Tier, kein Wind, keine Maschine um mich her; die Luft ist so leer von Geräusch, dass sie ganz erfüllt ist vom Phantomknispeln zerfallenden Raureifs unter dem Nebel, der nach und nach, dick übern Boden wattelnd, in Richtung Horizont davonrollt.

Herumspazierend verkrieche ich mich in den eigenen Untergrund. Als ich Zuhaus ankomme und die Füße aus den Stiefeln polke, ist weder in Fingern noch Zehen irgendein Gespür mehr drin. Die Oberschenkel sind bloß noch fühllose Glätte. Nasenrücken und Stirn, Schultern und Halsmuskeln: kalter Feldstein. Hirn: spiegelblank gefroren.
Gut in Zwerchfell gewickelt, puckert indessen die Glut.

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>>Fotos: Grebe

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WINTER // Wehnachten

Weihnachten – du rotbackiger Nostalgie-Tsunami! Du ach so fröhliche, herzliche, merry Christmas, du dreitägige Bezirksmeisterschaft in Besinnlichkeitssport, du Geschenkekanone und Glitzergranate, du Wirtschaftsfaktor du!
O Weihnachten! Würdest du dich doch bitte mehr als melancholisches, zugleich aber tröstliches Fest inmitten der dunkelsten Zeit des Jahres verstehen anstatt bloß noch als fröhlichfröhlichfröhliche Kitschparty, ach!
Weihnachten. Kinder, die es gut haben, die lieben dich, ja, und auch die gläubigen Christen tun’s – und für die übrigen bist du bestenfalls egal, zumeist jedoch zwiespältig bis problematisch; mir zumindest haust du alljährlich auf die Tränendrüsen mit deiner Kinderlachen-und-Beisammensein-Keule.

Heute die letzten Weihnachtserledigungen getätigt. Erleichtert. Im Drogeriemarkt außerdem die Gelegenheit genutzt, mich an Parfum-Testern zu bedienen: linkes Handgelenk 4711 Kölnisch Wasser, rechtes Handgelenk Tabac Original. Bekümmerte Knitterstirn gemacht, weil ich das Aftershave, das mein Vater immer benutzte, nicht ausfindig machen konnte. Mit brenzligem Geschmack im Mund an die „Schönen Advent“-Whatsapps gedacht, die ich auch diesen Sonntag nicht an diejenigen schicken werde, die sie bekommen sollten, denn weil ich mich bereits so schäbig lange zu melden versäumt habe, traue ich mich nun gar nicht mehr, mich überhaupt zu melden. (Es tut mir ehrlich leid, Ihr Lieben.) Daheim die Taschen im Flur gestapelt, dann ein Graubrot mit Knappwurst (die ich hauptsächlich in dieser weinerlichen Zeit kaufe, so verlangt es das Vermissen) beschmiert und beim Kauen die Nase abwechselnd am Wurstbrot, am linken und am rechten Handgelenk gehabt: Abendbrot mit den Großeltern. Um ein festliches abendliches Beisammensein anno, sagen wir, 1990 zu simulieren, fehlten noch einer der duftseifenaromatisierten Seidenschals meiner Urgroßmutter, ein Frottee-Kinderpyjama, in der Luft ein Hauch Müller-Thurgau halbtrocken und blauer Qualm Marke Krone oder Ernte 23. Noch was? Die Große-Mädchen-Düfte meiner Schwestern. Simon & Garfunkel vom krisselig tönenden Plattenspieler. Hundehecheln. Geklapper mit Schüsseln und Tellern. Der Odem von Bienenwachskerzen. Lachen: Loriot lag den Älteren nicht so, aber Heinz Erhardt liebten wir alltohoop.

Feste

Der Karpfen kocht, der Truthahn brät,
man sitzt im engsten Kreise
und singt vereint den ersten Vers
manch wohlvertrauter Weise.

Zum Beispiel “O du fröhliche”,
vom “Baum mit grünen Blättern” –
und aus so manchem Augenpaar
sieht man die Tränen klettern.

Die Traurigkeit am Weihnachtsbaum
ist völlig unverständlich:
Man sollte lachen, fröhlich sein,
denn ER erschien doch endlich!

Zu Ostern – da wird jubiliert,
manch buntes Ei erworben!
Da lacht man gern – dabei ist er
erst vorgestern gestorben.

(Heinz Erhardt)


>>Foto: Grebe, 2018

WINTER // Frostlicht, Frostmusik

In den Urmel-Büchern von Max Kruse freut sich Nordpolbewohner Angakorok über zwei Geschenke, die ihm helfen sollen, die finsterkalte Polarnacht zu bewältigen: Ein Licht. Und Musik.

Ich bin kein Wintermensch. Ich fürchte ihn immer ein bisschen, ich mag ihn nicht; nichtsdestotrotz schaue ich ihm interessiert bei der Arbeit zu. Schließlich wird er nur mir zuliebe ja nicht ausbleiben. Ich kann ihn bloß beobachten. Und außerdem auf Lichtfang gehen und nach Wintermusik graben.

 

FABULIERIOSITÄTEN // Die Wervandlung

Als Blatta Schab eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Gemäuerspalt zu einem nackten und etwa anderthalb Zentimeter großen Menschlein verwandelt. Er lag auf seinem panzerlosen Rücken und sah, wenn er den Kopf etwas drehte, seinen gewölbten, weichlichen, von flaumigen Härchen überzogenen Bauch. Seine viel zu wenigen und äußerst schwergewichtigen Beine lagen ihm plump vor den Augen.
„Was ist mit mir geschehen?“, dachte er. Es war kein Traum. Sein Keller, ein ganz gewöhnlicher Ungezieferkeller, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Im Vorratsregal gegenüber stand das Paket Zucker, in welches er sich gestern erst hineingefressen hatte.
Blattas Blick richtete sich dann, die Kellerstiege empor, zum leuchtenden Umriss der Kellertüre, und jenes grell eindringende Tageslicht machte ihn ganz melancholisch. „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe“, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, in seinem gegenwärtigen Zustand gelang es ihm nicht, sich bequem in seinem Schlafspalt einzurichten, denn in der Waagerechten drückte die harte Körnung des Mörtels in seinen nun so seltsam empfindlichen Rücken. Um sich in eine angenehmere Lage zu bringen (er erinnerte sich, wie gern er kopfüber schlief), wollte er in den senkrechten Teil des Spaltverlaufs hineinkrabbeln, allerdings erwiesen sich seine Gliedmaßen als dafür nutzlos. Er versuchte, seinen Körper in einer Schmalstelle zu verkeilen, sodass er darin gemütlich feststecken würde, ließ davon jedoch ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten Schmerz zu fühlen begann.
„Ach Gott“, dachte er, „was für ein anstrengendes Leben habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein kriechen und fressen. Die Aufregungen der Nahrungssuche sind ja viel größer, als mir das eigentliche Fressen dann an Zufriedenheit schenkt, und außerdem ist mir noch diese Plage auferlegt, alle Nahrung mit meiner nahen und fernen Verwandtschaft teilen zu müssen. Die Sorge um Fraßgifte, die großen Schuhe, welchen es gelegentlich gelingt, unachtsame Verwandte zu zertreten, dazu dieses nie herzlich werdende Gruppenleben – der Teufel soll das alles holen!“
Er fühlte ein leichtes Jucken auf dem Bauch. Es kam von einer Stelle über der kleinen, rundlichen Vertiefung im weichen Bauchgewebe, welche er nicht zu beurteilen verstand. Er wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es aber wieder zurück, denn er kam mit diesem ungelenken Bein nicht einmal annähernd dort heran. Die oberen Beinchen waren indes etwas beweglicher und durchaus für Kratzbewegungen zu gebrauchen.
„Dies frühzeitige Hellwerden“, dachte er, „macht einen ganz blödsinnig. Die Schabe muss ihre Dunkelheit haben. Wenn ich da an die Asseln denke, die leben angenehm, die kommen gar nicht heraus aus ihren dunklen, hauchengen Ritzen, höchstens einmal im Jahr, und leben anscheinend bloß von Staub und Feuchtigkeit. Wie herrlich! Aber unsereins? Immer rennen muss man, immer mitrennen, immer fressen und mitfressen – warum? Weil die Verwandtschaft einen sonst kurzerhand mit auffrisst. Was sich nicht regt, wird vertilgt.“
Er witterte nun um sich, doch von der sonst so eifrig wispernden Verwandtschaft war im näheren Umfeld gar nichts zu spüren. Hatten etwa seine Sinne nachgelassen? „Himmlischer Vater!“, dachte er. „Die ganze Sippschaft hat sich ja schon verteilt und hat bestimmt schon Fressen gefunden. Bloß nicht faul werden – da muss ich schleunigst hinterher! Wo sie wohl alle hin sind?“
Blatta machte Anstalten, den Spalt hinab zu krabbeln, doch versagten ihm seine unnützen Gliedmaßen erneut den Dienst. Wirklich, mit diesen kraft- und schutzlosen Auswüchsen war einfach nichts anzustellen.
Wie nun, wenn er hier einfach liegen bliebe? Das wäre aber äußerst peinlich und verdächtig, denn Blatta war während seines fünfmonatigen Lebens noch nicht einmal einfach liegen geblieben. Gewiß würde die Verwandtschaft, die in der Beengheit des Kellers ohnehin ständig übereinander rannte, bald das faule Familienmitglied in der Gemäuerspalte entdecken, es begutachten kommen und überdies einen merkwürdig veränderten Geruch an ihm wahrnehmen, der fremd und doch nicht unvertraut war, ledrig, speckig, auch obstig. Der Geruch von Nahrhaftem.
„Herrje. Besser, ich bewege mich schnell vom Fleck weg, bevor meiner Sippschaft dieser verlockende Geruch in den Mund und zu Kopfe steigt!“, durchfuhr es Blatta. Sein Abstieg geriet leider zu einem Fallen, doch zeigte sich, dass die niedrige Fallhöhe von den ihm so unnütz erschienenen Beinchen recht behände gemeistert werden konnte. Nach und nach würde er sich womöglich gut an sie gewöhnen. Tatsächlich fühlte sich ihre Wärme gar nicht unangenehm an, auch überkam Blatta angesichts ihrer bleichen Weichlichkeit ein überraschendes, zärtliches Wohlgefallen.
Nicht nur diese Körpereigenschaften beschäftigten Blatta. Verwundert ging ihm auf, dass das Tageslicht, welches er natürlicherweise gescheut hatte, ihn nun geradezu anzog. Mehr noch: Als sich die Kellertüre öffnete und eine Flut unbarmherzig gleißenden Lichts hereinbrach, schmerzte ihn dies nicht mehr, nein, es tat ihm vielmehr wohl.
Sollte es etwa so sein, dass Blatta hiermit einen Vorteil gegenüber seiner lichtscheuen Verwandtschaft entwickelt hatte? Könnte er sich gar —

In einem schnell herniederfahrenden, schuhsohlenförmigen Schwarz erstarb jedoch unversehens jegliche Plotentwicklung. Was denn auch der Grund ist, weswegen andere Erzählungen in der Weltliteratur einen deutlich populäreren Rang einnehmen als diejenige um Blatta Schab.


 

FABULIERIOSITÄTEN // Karin Fellner, Ohne Kosmonautenanzug

Sind Gedichte essbar? Nein. Halten sie im Winter warm? Wie man’s nimmt, aber eher: nein. Können Gedichte einen Beitrag zur Lösung des Pflegenotstands leisten? Also…
Was also leisten sie?
Zum Beispiel: die Veranschaulichung von Überlegungen zur Frage, „wie es ginge, auch ohne / Kosmonautenanzug / in der Leere zu sein“ – so geschehen im Gedichtband Ohne Kosmonautenanzug von Karin Fellner. 
Das Zerknüllte ist wahr“ heißt es an späterer Stelle in Fellners Büchlein, und da hat sie recht. Denn das Wahre ist nie bloß zweidimensional; im Zerknüllten treffen eigentlich entfernte Enden und Flächen aufeinander, die Zerknüllung bedeutet Druck und Form, sie schafft Räume, Winkel, Labyrinthe, kurz, das Zerknüllte entspricht sehr dem wahren Leben. So liest sich der 46-Seiter denn auch wie eine Reise durch mehrdimensionalen Knüll.
Zusammengenommen ergeben die Texte ein vier-fältiges Ganzes: „Poetin“ , „Skarda“ , „Qapla“ und „Anako“ sind die Titel der einzelnen Abschnitte, deren Verlauf ein allmähliches Sichauflösen und Eingehen ins „Leere“ sichtbar macht.
(Oder doch ins Volle? Ins unbegreiflich Große – oder ins Allerkleinste?

„[…] ich übe, sagt Anako Retin, den Rauch
und das Verwehen
in alle zehn Richtungen.“

Ach so.)
Das beginnt mit der „Poetin“ : Die acht Gedichte dieses Abschnitts tragen noch Einzelüberschriften, weisen – wie „Unterm Zwillichhimmel“, ein ungereimtes Sonett – entweder noch klassische Gedichtform auf oder sind knapp daneben und doch dran vorbei. Die titelgebende Poetin sieht „ringsum Einbahnen, Fieber, Entfernungen“, erlebt „Zimmer voll springendem Trubel“, gedanklich kehrt sie allerdings immer „wie angepflockt wieder zum Kreis“ zurück. Doch wird der Blick auf ihren städtischen Lebensraum mittels „Transport, Verschiebung, Fusion“ wild wirbelnder Elemente derart vervielschichtigt, dass Gebrodel und Gebräu draus wird. „Jeder kocht / halt sein eigenes Süppchen.“
Der Abschnitt „Skarda“ nimmt die Perspektive der Poetin auf, erzählt diese aber anders aus: Gedichttitel entfallen, Gedichtstrukturen verformen sich weiter. Was nicht heißen soll, es sei hier keine Art von Ordnung mehr zu finden:

„Skarda pflegt den Garten
aus Tinsel und Getöse“

Und:

„sit sitter sittich wird
das rechtmäßig durchkonjugiert.“

Wildwuchs gern, aber doch bitte gehegt! Und überhaupt handelt es sich bei dieser Chaos-Zucht ja auch bloß um so ein individuelles Phänomen, nicht? Die Frau, die hier Skarda heißt, erklärt:

„Wenn hier jemand scharwenzelt
und wanket und hopft, dann ich.“

Was aber nicht ohne Widerspruch bleibt:

„Nee, knarren Wohnblöcke, schau:
auch wir sind Schwellende und
haben den Fluss unterm Fuß,
wir drehen Kurven und Kanten,
wir tanzen das Labyrinth.“

Es gärt und regt sich eben die ganze Fülle und zugleich die ganze Leere des Universums, im Großen wie im Allerkleinsten, ständig. Ewig schwillt das Chaos – das hat schon seine Ordnung so.
In „Qapla“ (ein klingonischer Abschiedsgruß) will die Närrin, wie die Frau nun genannt wird, erzählen „von jubelnden Menschen, die zu den Würmern gingen“ – hier hat offenbar ein Untergang stattgefunden. Art und Ausmaß bleiben eher unklar, doch erwecken die „Termiten, Hochbunker und / die vom Sturm verschleppten / Registrierkassen“ klare Bilder. Chaos quillt über.

„aus Subraumrissen sprießt Gras“

Und Anako, die letzte Titelgeberin? Vereint alles in sich und miteinander – auch die Zeilen finden sich hier zu großen, beinahe gleichmaßigen Blöcken zusammen. So wie es im unermesslich Großen, der Fülle und Leere des Alls geschieht, finden auch im Allerkleinsten ewig Chaos und Ausgleich statt.

„in meinem Hirn nämlich unter
Verballung und Horn, sagt sie, steht
eine Dose, darin: eine winzige dunkle
Singularität, ruhend, reißend, hier
leuchten in der Begegnung
Teile und Gegenteile sich ein, sagt Anako, komm
ich ihr nahe, geht
ein Klärstaub auf in Worten“

Bleibt nur (mit Skarda) zu sagen:

„Dies ist der Speicher, woraus
sich die Himmlischen speisen:
nämlich unser Kopf
voll Schwebstoffen, Wildnis und Krill.“


>>Karin Fellner, Ohne Kosmonautenanzug (Parasitenpresse) €9,-


 

FABULIERIOSITÄTEN // Henning Ahrens, Glantz und Gloria


Ist es ein Märchen? Ist es eine Erzählcollage? Ist es Dada? Das und noch mehr kann man sich fragen, während man Glantz und Gloria liest. Man kann’s aber auch bleiben lassen.
Oder man befragt den Protagonisten, und der antwortet so:

Mein Name ist Rock Oldekop. Ich kotze Rauch. Und rotze Feuer. Und dies. Ist eine Story. Wie man sie seinen Enkeln. Im Schein. Des brennenden Wohnzimmers erzählt.

Wieder einmal spinnt Henning Ahrens eine fröhlich-barbarische Schauergeschichte, einen Sommernachts-tri-tra-traum, tollwütig, quicklebendig, drall, und man kann das alles sehr lieben. Man kann’s aber auch bleiben lassen.
Nur Dazwischen ist halt keine Option.

Rock Oldekop, Mitte vierzig, kommt mit dem Drahtesel durch Nacht und Wind angeritten, um seinem Heimatort nach Jahren einen Besuch abzustatten, auf den hier niemand wartet:

Ich radelte durch den Düster, eines der Mittelgebirge, in deren Klüften die Teutschen ihre Seele begraben haben, und ja! – der Himmel war grün wie Eichenlaub, der Mond eine Quitte mit rosigem Hof, die Venus eine Omen in Gold. […] Die Welt schaltete auf Sturm. Tanz der Fichten, sie warfen sich zu Boden, rissen sich hoch und schüttelten die Zottelmähnen. Eine luftige Hand schob mich über die Kämme, mitten durch das Gestöber der Blätter, bergauf und bergab, und wie die Alten sangen: Durch Kluft und Klamm, das ganze Programm.

Seit einem schicksalsträchtigen Brand hat Oldekop mit diesem Ort namens Glantz noch ein privates Hühnchen zu rupfen, und das ist nun fällig.

Ein Ortsschild, mit Fastfood-Müll verziert, von Kugeln durchsiebt. GLANTZ IM DÜSTER. […] O ja, hier hauste die Heimat.

Zufällig findet er Unterkunft in der alten Windmühle (der Wind, der Wind, das himmlische Kind ist eine Produktivkraft, auf die es im Roman besonders zu achten gilt), die inzwischen einen neuen Besitzer gefunden hat: August Landauer. Der Esoteriker und Vegetarier, noch dazu ein Zugezogener, muss seinen Galerieholländer auf dem Feuerberg öfters mit der Flinte gegen einen Mob verteidigen, der, fackelschwingend und dabei geschwollene Hass-Gedichte brüllend, in Glantz herummarschiert wie eine Kreuzung aus Pegida und Wagnerschem Opernchor.
Bald darauf gesellt sich zu dem Windmühlen-Duo eine Frau. Die zweite im Roman sehr prominente Kraft neben dem Wind ist das Feuer – eine Zerstörungskraft wohlgemerkt, und dementsprechend mit Vorsicht zu genießen ist diese Gloria Mayer, „Landärztin in spe“, deren hirnerweichender Sex-Appeal brennende Begierden stiftet und die es vielleicht nicht zufällig ausgerechnet auf den Feuerberg, einen Tatort früherer Hexenverbrennungen verschlägt.
Zur dritten Kontaktperson Oldekops auf Glantzer Boden wird der 92jährige Carl Balthasar Koraschke, „auch bekannt als Nr. 4″, letzter Spross einer Unternehmerfamilie, deren Sägewerke einst Wohlstand und Arbeit in den Düster brachten. Der zähe Greis hockt in seiner Villa auf einer exquisiten Kunstsammlung und wartet (mit einem Dragonersäbel bewaffnet) mehr oder minder auf die Sintflut, doch zuvor möchte Oldekop ihn bitte noch hinsichtlich der Vergangenheit, namentlich der Feuerkatastrophe befragen.
Unterdessen hat es Harm Kremser, „Schweinemonopolist und Milchvieholigarch, Gebieter über Windräder und Biogasanlagen und ganze Bataillone von Solarmodulen“ auf Landauers Windmühle abgesehen, bzw. auf das Land darunter. Als Rädelsführer treibt er den Glantzer Mob nicht nur gegen Landauer, sondern auch gegen Koraschke, und überhaupt gegen alles, was eben nicht selbst Glantzer Mob ist und das am besten schon seit vorvorgestern.

„Die Heimat uns! Hurra, hurra – Präteritum ist wieder da!“

Nach kurzer Zeit wird Gloria entführt. Oder verschwindet sie von selbst? Aber damit nicht genug: Eine explosive Lieferung trifft in Glantz ein, ein verwunschenes Gewächshaus gibt Rätsel auf und auf dem Friedhof ist die Hölle los – die Dinge eskalieren sportlich. Wie soll das bloß enden?
Etwa wieder beim Anfang?

Ahrens, Landwirtssohn aus dem Peiner Umland, ist der wohl einzige Vertreter der literarischen Untergattung Südniedersachsen-Gothic. Und ich wohl die einzige Anwenderin dieser Bezeichnung – ich gebe zu, sie erfunden zu haben, aber was blieb mir sonst auch übrig?
Das, was dem Dietmar Dath sein Universum ist, ist dem Henning Ahrens seine heimatliche Provinz: unendliche Weiten, genutzt als Spielwiese fürs Schreiben. Anstelle drömeliger Heimat-Tristesse sieht Ahrens in Feld und Flur, in Heide, Wald und Moor, in Hain und Hof deren literarisches, insbesondere phantastisches Potential und nutzt es.
Spürbar kennt Ahrens diese chronisch altbacksche Region, ihre typische Patina, ihre mitunter scheußlichen Seiten sehr gut. Seine Manns- und Weibsbilder – alle! – sind nicht umsonst dermaßen groteske und reichlich gestrige Charaktere. Dass ihm zugleich die Liebe zu diesem Unkrautland im Blut steckt, kann er aber auch wieder nicht verleugnen – sage ich, die ich, sobald ich den Fuß vor die Tür setze, mitten im südniedersächsischen Weide- und Ackerland stehe und gar nicht weiß, wohin bloß mit all meiner Zärtlichkeit für dieses ganze Gestrüpp, Gewucher, Gekrauch.

[…] ein herrlich krautiger Weg. Sollten Sie je ein Altarbild aus dem 15. Jahrhundert betrachtet haben, dann werden Sie wissen, was ich meine. Fromm erstrahlt die Mutter Gottes, aber die wahren Helden sind im Vordergrund zu sehen: Löwenzahn, Huflattich, Wegerich, Hirtentäschelkraut.

Ja, ich weiß wohl, wie’s gemeint ist. Wer das auch ahnt, der sollte es mit Ahrens mal versuchen.


>>Henning Ahrens, Glantz und Gloria (Fischer)


>>Fotos: Grebe

DAS FÜRCHTE-ICH // Herta Müller, Der Fuchs war damals schon der Jäger

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Der Mensch ist ein soziales Tier.
In Urzeiten hing das Überleben entscheidend von der Gruppe ab; man teilte Furcht und Hunger, man teilte Wärme und Nahrung. Lagerfeuer, Gemeinschaft! Das war dermaßen prägend, dass auf dem Markt für Teelichter, Duft- und Tafelkerzen heute völlig absurde Summen umgesetzt werden: Selbst diese Miniatur-Höhlenfeuer leuchten ja so Ecken in uns aus, da kommt die Glühbirne gar nicht hin! Gleichzeitig hat das den Menschen nie davon abhalten können, mitunter seine Mitmenschen ins Feuer zu schubsen. Ich würde sofort drauf wetten, dass es schon in der Steinzeit Menschen gab, denen die soziale Dynamik innerhalb der Gemeinschaftshöhle so arg zusetzte, dass ihnen nichts als die Flucht übrig blieb. Der Mensch ist ein soziales Tier – im guten Sinne wie im bösen.

Im Totalitarismus findet sich die Perversion der Idealgemeinschaft. An die Stelle des Kümmerns tritt die Kontrolle. Aus der Sicherheit des Einzelnen wird die Bedrängung und Unterdrückung des Einzelnen. Statt menschlicher gibt es nur noch staatliche Perspektiven, Kategorien, Argumente. Nicht irgendwelche Götter entscheiden über Wohl und Wehe – die höheren Wesen heißen „Genosse“ oder „Führer“. Während Politparolen weiterhin die gegenseitige Versorgung und das gemeinsame Vorankommen predigen, lautet die gelebte Praxis: Alle gegen einen und einer über allen.

Herta Müller, die 1987 aus der Sozialistischen Republik Rumänien in die Bundesrepublik emigriert war, veröffentlichte hier fünf Jahre später mit Der Fuchs war damals schon der Jäger einen privat durchwirkten Einblick in das Alltagsleben unter Nicolae Ceaușescus neostalinistischer Diktatur. Szenen aus dem Roman entsprechen Szenen aus Müllers Leben; ihre Zeit als Fabrikmitarbeiterin, später als Aushilfe in Schulen, und die massive Überwachung und Einschüchterung von seiten der rumänischen Geheimpolizei Securitate, der Müller ausgesetzt gewesen war, bilden die Grundlage des Romans.
Herta Müller schreibt, wie immer, zuckerfrei. Die Sprache ist ruppig, hart. Und schwer – dabei trägt sie keinen Ballast, alles Überflüssige ist ihr abgekaut, abgeschmirgelt worden. Unter Druck werden die Wörter zu Bildern gepresst, und wo es keine so recht passenden Wörter gibt, macht Müller eigene.

Abends wurden Hörner und Klauen verbrannt, es stieg stechende Luft in die Vorstadt. Die Fabrik war ein Schlachthaus. Morgens, wenn es noch dunkel war, krähten Hähne. Sie gingen durch die grauen Innenhöfe, wie die ausgezehrten Männer auf der Straße gingen. Und sie hatten das gleiche Geschau.

Physische Eigenschaften, physische Vorgänge spielen eine große Rolle; immer geht der Blick vom Körperlichen aus aufs große Ganze. Das ist auch als Metaphorik zu verstehen, die vom Körper des Einzelnen auf den Staatskörper schließen lässt, welche in der Diktatur schließlich aufs Engste verbunden sind. Öfter denke ich jedoch, dass Müller, indem sie so konsequent an Körperlichkeiten, an Greifbarkeiten entlang erzählt, ihr Heil und ihren Halt im Konkreten sucht, denn das Konkrete liegt näher an der Wahrheit, während das Abstrakte leicht der Ideologie, der Demagogie, der Lüge eine Tür öffnet.
Die allgegenwärtige Angst sitzt ganz konkret im Fleisch, sie drückt im Darm, sie geht durch den Magen. Haar zeugt vielfach von den unweigerlichen, auch den lieber verleugneten Verbindungen, in denen Menschen zueinander stehen. Ein Haar beinhaltet Identitätsinformationen, sein Wachstum ein Stück Lebenszeit; ein Haar bedeutet was. So kann ein verlorenes, gefundenes Haar funktionieren wie eine Flaschenpost. Das Schneiden, das Entfernen oder das Kämmen von Haar werden zu Tätigkeiten, die Wesenszustände beschreiben. Der Frisör berechnet die verbleibende Lebensdauer seiner Kunden anhand der Menge von Haaren, die er ihnen über die Jahre abschneidet – wenn ein Sack voll davon ist, sterben sie, lautet seine Überzeugung: Ohne größeren literarischen Aufwand charakterisiert Müller so den Menschen als reines Produktionswesen, dessen Zeit abgelaufen ist, sobald sein Soll erfüllt, sein Maß voll ist. Für Kinder hat der Frisör immer Bonbons parat, zur Belohnung: „Sie waren mit Haaren verklebt, sie kratzten auf der Zunge.“
Es geht im Roman um Adina, Clara, Liviu, Paul, Abi, Ilija, Pavel – und einen verhängnisvollen Witz über Ceaușescu. Adina, die als Lehrerin ohnehin schon unter der zudringlichen Fuchtel des Schuldirektors steht, wird nun zusätzlich durch den Geheimdienst schikaniert, der während ihrer Arbeitszeit in ihrer Wohnung herumwerkelt und jedes Mal unspektakuläre, aber umso unheimlichere Zeichen seiner Anwesenheit hinterlässt: Mal ist das Klo benutzt und nicht gespült worden, mal liegen Schalen von Sonnenblumenkernen herum. Und von dem Fuchsfell, das in Adinas Schlafzimmer liegt, werden Teile abgeschnitten, der Schweif, die Pfoten, und nahtlos wieder angelegt, sodass Adina es erst bemerkt, als sie den Fuchs einmal bewegt. Clara wird unterdessen von einem Mann, auf den sie sich zunächst keinen Reim machen kann, in eine Affäre gelockt. Dass er anderweitig verheiratet ist, kann sie sich bald denken. Dass es noch weit Schlimmeres mit ihm auf sich hat, auch. Aber wie damit umgehen, wenn sich Angst und Anziehung verbinden? Immer konkreter bedrängt der Geheimdienst die Handvoll Freunde um Adina. Es kommt zu Verhören. Schließlich werden Taschen gepackt und die Stadt bei Nacht und Nebel verlassen. Nur wohin soll man flüchten, wo doch der Staat überall ist? Wem vertrauen, wo doch alle Staat sind? Ein Freund, den es vor Jahren aufs Land, in ein abgelegenes Dörfchen verschlagen hat, bietet fürs Erste Unterschlupf. Die Donau ist hier nah – der Grenzfluss. Nachts laufen oft Menschen durch die Weizenfelder auf diese Grenze zu, wollen schwimmend über die Donau fliehen. Nachts fallen oft Schüsse.

Mähdrescher sind hoch, sagt der Fahrer, das ist gut, wenn man oben sitzt, sieht man im Weizen nicht die Toten liegen. (…) Das Feld stinkt süß, zum Weizenfeld müßte man GOTTESACKER sagen. (…) Meine Frau will gut sein, sie kauft kein Brot. Der Fahrer lacht, er sieht ins Feld, dann kaufe ich das Brot, sagt er. Wir essen und es schmeckt uns, auch meiner Frau. Sie ißt und weint und wird älter und fett. Sie ist besser als ich, aber wer ist hier noch gut. Wenn ihr die Augen aus dem Kopf stehen, geht sie, statt zu schreien, kotzen. (…) sie würgt leise, damit die Nachbarn nichts hören, sagt er.

Der Staat frisst seine Kinder, der Mensch sich selbst. Adina fragt sich, ob sie vielleicht bald genauso im Feld liegen wird, „bis im Sommer der Mähdrescher kommt“, und sie weiß, dass „die steigenden Eiweißprozente im Mehl“ höchstens nährmittelstatistisch interessieren.

Manchmal, sagte sie, wird euch beim Essen ein Haar in den Zähnen hängen, eines, das nicht dem Bäcker in den Teig gefallen ist.

Schilderungen vom Leben in Staatsformen, in denen der Einzelne dramatisch weniger Bedeutung, Rechte, Existenzspielräume besitzt als selbst in der schlechtesten Demokratie, gibt es wie Sand am Meer. Vollkommen egal, ob man nun gute Geschichts- und PolitiklehrerInnen hatte oder totale Nieten: Keiner, der einen Funken Verstand und eventuell sogar Nächstenliebe in sich trägt, kann sich ernsthaft in eine solche Staatsform hineinwünschen. Und doch geht in Europa und der Welt seit einer Weile ein Gespenst um – das Gespenst des „Wohlfühltotalitarismus“: eine geradezu romantische Sehnsucht nach Entmündigung und Kontrolle durch eine radikale, skrupellose, wirres Ideologiezeug daherschwafelnde Obrigkeit. Und dagegen sind mediale Aktivitäten völlig zwecklos. Autobiografien und Dokumentationen, Fotos und Filme, Zeitzeugeninterviews und Museumsausstellungen – zwecklos. Jeder Zeitungsartikel, jeder Tweet, jeder Talk – zwecklos. Selbstverständlich ist auch dieser Beitrag zwecklos, sowieso.

Ich fürchte reell, was die Zukunft politisch, gesellschaftlich wohl so bringt. Und das gar nicht hauptsächlich wegen der Nazis, die ja lieber heute als morgen die Demokratie verfeuern und den Totalitarismus aus dem Keller holen wollen. Die hat’s schon immer gegeben, jedenfalls was meine Lebenszeit anbetrifft; sowohl die Altnazis als auch die Neonazis, sowohl die hirnlosen Hau-drauf-Nazis als auch die intellektuellen Rechtsrücker, sowohl die kriminellen Nazis als auch die tadellosen Biedermeier-Nazis.
Es gibt zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft einen notorischen Teil, der es mit der übrigen Gesellschaft (was folgerichtig bedeutet: mit der Gemeinschaft insgesamt) gelinde gesagt nicht besonders gut meint. Sei’s drum. Die Frage ist bloß, wie viel Gestaltungsspielraum diese Fraktion bekommt. Im Umkehrschluss fragt es sich: Wie viel Gestaltung übernimmt also der Rest?
Müsste nicht jeder sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern?
In Berlin werden politische und anschließend Wirtschaftskarrieren gemacht, und, na, Politik natürlich auch. Was in Berlin nicht gemacht wird, ist Gemeinschaft. Was Berlin nie machen wird, ist einen großen roten Knopf zu drücken, auf dem „Harmoniegesellschaft – an“ steht. Man muss wiederum nicht gleich selbst in die Bundespolitik gehen und diesen Knopf erfinden wollen. Und auch kommunalpolitischen Einsatz kann nicht unbedingt jeder leisten. Aber sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Ist alles schön und gut mit Facebook, Twitter, Instagram ff., aber wir haben das jetzt ein ausgiebiges Weilchen lang in der Praxis getestet und es hat unsere Gesellschaft nicht besser gemacht. Hat. Es. Nicht. Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder – aber Social-Media-Blubberblasen sind nicht die Lösung, nicht wahr? Übrigens sind Social-Media-Blubberblasen auch nicht die Gemeinschaft.
Gemeinschaft wäre, ohne Ekel auch etwas für jemanden tun zu können, den man nicht so hundertprozentig gut leiden kann. Die Fähigkeit, auch ohne Schaum vorm Mund in eine volle U-Bahn zu steigen. Allesamt von unseren Palmen runterzukommen; notfalls ein paar zu fällen. Sich auf die eine oder andere Weise um einander zu kümmern, anstatt bloß um die eigenen Partikularinteressen. Falls wir das hinkriegen sollten, sehe ich gute Chancen, dass es dann ein schönes, ein anständiges Lagerfeuer geben kann. Falls wir –
Aber entschuldigen Sie mich, ich muss weiter, es ist ganz schön dunkel hier, und ich gebe zu, ich fürchte mich ein bisschen.

DAS FÜRCHTE-ICH // Angst+Hasen

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Honey Bunny

Zwar war ich nie die ganz große Sportskanone, im Schnelllauf aber immer spitzenmäßig. Im Grundschulsport bin ich allen davongeflitzt. Wer mich auf dem Pausenhof verdreschen wollte, der musste mich erst einmal kriegen: Dumme Karnickel sind Hundebeute – ich war hier der Feldhase, meine Sprintqualitäten berühmt, meine Haken unschlagbar.
Als die Jungs (es waren immer die Jungs) das irgendwann verstanden hatten, hörten sie auf mich zu jagen und gingen zum Auslachen über. Das war nicht dumm. Aus meinem Vorweglaufen, das sie als die lahmen Köter dastehen ließ, machten sie so ganz einfach ein Davonlaufen, das mich als die Angsthäsin auswies. Dumm war, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen konnte, mir von nun an lieber blaue Flecken holte, ein paar Haarsträhnen hergab und, wenn ich ab und an selbst einen kleinen Skalp hatte reißen können, echt glaubte, jetzt hätte ich’s denen aber mal so richtig gegeben, aber hallo.

Als, ich denke, 18jährige bin ich mal mit einem Trupp nicht allzu viel älterer Jungs, die gerade ziemlich vollgetankt von irgendeiner Großveranstaltung kamen, in der U-Bahn gefahren. Es war spät, die U-Bahn ansonsten unbesetzt. Aus Langeweile und Übermut fingen die Jungs bald an, sich mit mir zu beschäftigen. Das war erst albern, schlug dann ins Schmierige um, und schließlich kamen zwei rübergetorkelt, um an mir herumzutätscheln. Stichproben-Anfasserei. Die übrigen kommentierten das spaßig und erhoben sich von ihren Hintern, um das auch mal auszuprobieren. Bisschen anstupsen, bisschen fummeln vielleicht. (Liebe Leserinnen, Sie kennen das – es ist sogar nicht unwahrscheinlich, dass Sie noch sehr, sehr viel Schlimmeres, richtig Schlimmes kennen. Ich weiß.)
Ich sagte rein gar nichts, quetschte mich irgendwie durch, bis ich in der Tür stand, und wartete dort stoisch auf den nächsten Halt, der eigentlich noch gar nicht meine Station war, aber egal jetzt; natürlich musste ich hier raus. „Was läufst’n weg, Hase?“ „Hasiiiiii!“ „Wo gehste hin jetzt?“ „Wir kommen mit! Ja? Nimmst uns doch mit, Hasi?“
Kaum, dass die Tür sich geöffnet hatte, drängelten sich die Herrschaften tatsächlich mit mir nach draußen. Kann sein, dass sie ohnehin hier aussteigen mussten. Kann auch sein, dass sie meinetwegen ausstiegen – weil sie solchen Spaß daran fanden, es an mir zu übertreiben. Ich ging aus dem Stand in den Sprint über. Sofort großes Gelächter. Hinter mir hörte ich Laufschritte klatschen, doch nur über kurze Distanz: kein echtes Jagen, nur ein bisschen Scheuchen, reiner Jux. „Ich krieg dich noch, du! Ha!“ „Guck ma, guck ma wie die rennt!“
Im Prinzip hielt ich diesen Haufen für harmlose Idioten, und es fühlte sich überhaupt nicht gut an, vor solchen Flitzpiepen davonzurennen. Ich schimpfte nicht einmal drauflos – wäre mir nämlich auch nur ein Wort rausgerutscht, wäre ich vollständig geplatzt, wolkenbruchartig. Ich rannte entschieden weg, weil mir klar war, dass ich sonst vor lauter Brast um mich geschlagen hätte, was allerdings mit Sicherheit dumm ausgegangen wäre.
Wenige Bahnsteige und Rolltreppen weiter – über meinen Kaninchengalopp wurde sich unterdessen wohl immer noch kaputtgelacht – schnappte ich Luft. Ich hatte mich natürlich total vernünftig verhalten, und da ich ansonsten durchaus zu Dummheiten neigte, hätte ich nun ganz zufrieden mit mir sein müssen. Von wegen. Ich glühte und prasselte vor Wut, im Rachen schmeckte es schon nach Ruß, und am schlimmsten wütend war ich doch glatt auf mich selbst.
Während ich weiter durch die Station marschierte, und auch zuvor, während der Bahnfahrt und während der anschließenden Rennerei, war ich dermaßen mit meiner stillen Wut beschäftigt gewesen, dass ich gar nicht dazu gekommen war, mich ängstlich zu fühlen. Aber Angst beißt einen ja oftmals erst von hinten.
Ein paar Schritte später begann ich zu eiern, auf einmal machte es klack und ich trat komisch ins Leere: Mein Absatz war abgebrochen. Ich stand beschädigt da, hielt meinen Schuhabsatz in der Hand, und da überkam mich ein solches Gefühl von Wehrlosigkeit, dass ich am liebsten ins nächstbeste Loch gekrochen wäre. Es biss mich: Was, wenn ich direkt nach dem Aussteigen gestolpert wär? Wenn sie mich gekriegt hätten? Viel Cola-Korn, viel Testosteron, bisschen Adrenalin – und dazu so’n Häschen, das einem direkt vor die Füße fällt?

Wie kam es eigentlich einst zustande – ein guter Trick der Kerle? -, dass sich als weibliche Schönheitsattribute insbesondere solche Dinge etabliert haben, die uns langsam und unbeweglich machen? Wie High Heels, oder enge Röcke? Damenfrisuren dürfen nicht zerzausen, das Make Up darf nicht wegschwitzen; nach dem Nägellackieren hält man minutenlang still.


Zwangst

Bei aller Flauschigkeit: Man tut den Leporidae, ob nun Feldhase oder Wildkarnickel, unrecht, indem man sie auf ihr verkitscht-verniedlichtes Klischee reduziert. Nicht umsonst hat sich ein Langohr als Oster-Maskottchen durchgesetzt: Wer in der Nahrungskette so tief unten zu finden ist, wer solche Sterblichkeits- und Fruchtbarkeitsraten vorzuweisen hat, der versteht was vom archaischen Themenkreis Werden-Vergehen-Werden.
Zuchthasen und Käfigkaninchen kommen mir allzu entseelt vor. Freilebend sind sie mir lieber, so hab ich sie gern, nur: Ich komme nie so recht davon weg, die sowohl stimmliche als auch mimische Stummheit der Mümmelmänner als etwas ungemein Unheimliches wahrzunehmen. Einem Feldhasen zuzuschauen, wie er mit 70 Sachen übern Acker brettert, ist herrlich – aber danach, wenn ich im Fernglas das Hasengesicht zu fassen kriege, morst da die bebende Schnauzenspitze Gefahr-Gefahr-Gefahr, glänzt in blanken, ausdruckslosen Hasenaugenkugeln Tod-Tod-Tod, und dann lasse ich das Fernglas sinken, schaue mich schaudernd um, frage mich, was ein Hase wohl so alles wittert und so alles weiß und ob nicht auch ich vielleicht besser hätte rennen sollen; frage mich: War da nicht gerade was? So ein Schatten, ein Hauch…

Auch im Kopf, und zwar hauptsächlich im Kellerraum unterm Bewussten, begegne ich den Hasenartigen öfters. Nie treten sie dort einfach als niedliche Streicheltiere auf, immer sind sie seltsam machtvoll, zwiespältig.

Am Ende meiner vertrauten Straße, die ich aus der Wirklichkeit so nicht kenne, wohnte einst, in einem verschachtelten Gebäude auf hochgelegenem, umzäunten Grund, ein Fabelmann. Ein echtes Märchenbiest – hässlich, bösartig, kalt. Ich hockte verschanzt im Häuslein mein, Häuslein klein, und wusste sicher, der Fabelmann würde mich holen kommen, so wie er sich bereits zwei Nachbarinnen gekrallt hatte, aus deren Häusern mich nun bloß noch leere Fenster anstarrten. Nachts hörte ich den Fabelmann bei mir am Fensterkitt herumpulen und an den Türscharnieren werkeln. Bald, bald, dachte ich.
Also bat ich ein abstruses Insekt, mit dem ich offenbar gut befreundet war, es möge doch den Maulwurf zu mir schicken und der solle bitte auch ein bestimmtes Buch mitbringen. Sogleich warf der Maulwurf neben meiner Bettkante einen Hügel auf, streckte seine Schaufelpranke heraus, um mir das betreffende Buch vor die Füße plumpsen zu lassen, zeterte: „Da! Aber was auch immer du damit verzapfst – ich will damit nichts zu tun haben, dass das klar ist!“, und verdrückte sich.
Ein dunkles Buch, eingebunden in etwas, das aussah wie gepresste Erde oder Chitinplatten. Ich schlug es auf, prüfte die Rezepte, prüfte die Bestände meines Küchenschranks und fand alles, was ich brauchte. Zittrig stellte ich Buch und Zutaten parat – es konnte losgehen: Erst der Spruch, dann der Brei. Vorsichtig, genau lesend sagte ich mein Sprüchlein auf.
Im schwarzerdigen Feld draußen vorm Fenster begann es zu rumoren. Als ginge hier Jasons Saat von Drachenzähnen auf, stiegen aus der Ackerkrume Gestalten empor, Furche für Furche, hochgewachsen, menschlich, nur ihr Kopf ein großes, mondweißes Hasenhaupt mit Kugelaugen, so rund und schillernd schwarz wie Mistkäfer. Es waren unzählige, sie bestanden das Feld bald wie ausgewachsene Maishalme; ihre Köpfe und ihre schlichten Anzüge waren allesamt identisch, und ihre Bewegungen verliefen synchron. Lautlos begann ihr Marsch – hinterm Fenster stand ich und verfolgte den weißbehaupten Fluss, wie er dem Haus des Fabelmannes entgegenströmte.
Ich sah, wie der Zaun brach, das Haus der weißen Brandung nachgab, ich sah, wie schließlich der Fabelmann brüllend und tobend in der stummen weißen Flut versank und… das war zu grausam, aber ich konnte nicht wegschauen.
Der hasenköpfige Strom wirbelte herum; noch immer konnte ich nicht wegschauen. Der Strom floss nun herab, meinem Häuslein klein entgegen. Der Brei!, fiel es mir plötzlich ein. Den hatte ich ja noch gar nicht zubereitet!
Erst der Spruch, dann der Brei, so stand es im Buch, aber nicht nur das: Der Brei sei unmittelbar, sobald alles in Gang gesetzt sei, anzurühren, denn der Brei sei das Mittel, um alles wieder außer Kraft zu setzen, und bekomme das Heer der Erdentstiegenen nicht den Brei, nehme die Erde es nicht wieder auf, und so müsse es dann weiterziehen auf ewig. Warnend hieß es im Rezept, man dürfe das wandelnde Heer nicht beobachten, wie es sein Werk erfülle, man müsse die Augen unbedingt abwenden, jawohl, es sei zwingend nötig, stattdessen den Brei zu rühren, der das Heer abspeise, sonst… aber das sei zu grausam.
Himmel, jetzt aber schnell: Ich pfefferte die bereitgestellten Zutaten in den Topf, ich rührte wie verrückt, ich gab dies hinzu und das, rührte und rührte, es fehlte nur noch… Wo war es denn? Tastend kroch ich über den Boden von gestampfter Erde. Draußen barst der Lattenzaun. Ich hatte doch ein Fläschchen davon gehabt, ganz bestimmt! Die Fenster sprangen. Ich suchte, ich kroch – ich fand es nicht, verdammt. Unterm Tisch nicht, nicht im Schrank, und unters Bett gekullert war’s auch nicht. Wo war es bloß? Die Balken stöhnten, das Dach schrie. Wo, wo?
Da quoll es stumm. Mir wurde weiß. Mir wurde schwarz.

Alles ein Hasenrennen, Tag und Nacht. Bloß nicht Beute werden! Funktionszwang, Versagensangst – schlimm, wenn sich Zwang und Angst verbinden: Zwangst.


Julio Cortázar, Brief an ein Fräulein in Paris

Sie wissen, warum ich in Ihre Wohnung kam, in Ihren so ruhigen und von Sonne umschmeichelten Salon. Alles scheint ganz natürlich, wie immer, wenn man die Wahrheit nicht weiß. Sie sind nach Paris gegangen, ich übernahm Ihr Appartement in der Calle Suipacha, wir trafen ein einfaches, befriedigendes Abkommen, jedem würde gedient sein, bis der September Sie wieder nach Buenos Aires führt und es mich in eine andere Wohnung verschlägt, wo vielleicht… Doch nicht deswegen schreibe ich Ihnen, ich schicke Ihnen diesen Brief wegen der kleinen Kaninchen, ich halte es für meine Pflicht, Sie davon zu unterrichten; und weil ich gerne Briefe schreibe, und vielleicht auch, weil es regnet.

Wegen der Kaninchen. Aha.
Dieser Brief bzw. diese Kurzgeschichte findet sich in Julio Cortázars Bestiarium in einer Reihe mit ähnlich harmlos anmutenden Geschichten, die jedoch stetig und beharrlich ihre toxische Wirkung entfalten – zurück bleiben Ratlosigkeit, Unruhe, mitunter Pulsrasen. Lesen Sie das nicht nachts. (Lesen Sie’s auch nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln! Und auf keinen Fall allein zuhause – aber bitte auch nicht, wenn Sie zu zweit daheim sind. Lesen Sie’s vielleicht, wenn es geht… Ach, ich glaube, ich kann Ihnen da auch nicht helfen.) Ähnlich wie bei Kafka, frage ich mich bei Cortázar, wie er es bloß ausgehalten haben mag, all das schwerwiegend Unheimliche nicht nur zu denken, sondern obendrein aufzuschreiben, das Ganze schriftlich in Form zu bringen und gründlich auszufeilen. So was dauert ja…
So was zehrt doch!
Zurück zum Brief. Das mit den Kaninchen ist so: Sie entstehen nicht so recht natürlich; es hat sehr direkt etwas mit diesem Herrn zu tun, der übergangsweise, sozusagen als Housesitter, in ein hübsches Appartement in Buenos Aires zieht, während die Eigentümerin in Paris weilt. Das mit den Kaninchen hatte er bislang ganz gut vertuschen und verstecken können – hier, im fremden Umfeld, fällt ihm das schwer und immer schwerer. Die Kaninchen, ach!, sie lassen sich kaum noch im Zaum halten, und auch ihr Entstehen – dieses zwar harmlose, gleichzeitig völlig absurde und eigentlich ja doch furchtbar unheimliche Entstehen – ist ein Geheimnis, das den Herrn zunehmend belastet.
Im Brief vertraut er sich nun seiner Gastgeberin in der Ferne an – in durchaus plauderhaftem Ton, durch den jedoch ab un an, hauchzart, unterdrückte Panik schimmert.
Armer Mensch, denke ich. Schrecklich!, denke ich schließlich. Und dann denke ich: Was ist das eigentlich für ein Geräusch, das da vom Dachboden kommt? Oder eher von unterm Bett? Klopft da was?
Licht an. Und das Radio, das stelle ich auch gleich an. Señor Cortázar habe ich nicht einfach aus der Hand, sondern zurück ins Buchregal und obenauf die Buddenbrooks sowie drei Bände John Steinbeck gelegt (eine Bibel oder so habe ich gerade nicht parat). Erst mal setze ich einen Lavendeltee auf. Ich schleife die Bettwäsche ins Wohnzimmer rüber, aufs Sofa. Auf dem Sofatisch stapele ich ein paar Bände Tim und Stuppi und Asterix, Zeitschriften, Schokoriegel, Chips und halte Fernseher-Fernbedienung und Handy griffbereit. So geht’s etwas besser, ja. So ist es schon viel –
Himmel, irgendwas klopft doch da!


>>Collage: Grebe, 2013


>>Julio Cortázar, Bestiarium (Suhrkamp) €9,-


DAS FÜRCHTE-ICH // Gianna Molinari, Hier ist noch alles möglich

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Wer hat Angst vorm bösen Wolf?
Anhand der Wolfs-Debatte, wo an allen Meinungsfronten viel Krawall und viel Schaum geschlagen wird, lässt sich hübsch beobachten, dass in unseren Ängsten nach wie vor der Teufel wohnt: Wo es ans Fürchten geht, da nämlich ist er los – noch dazu, wenn es einen derartigen Angst-Klassiker betrifft. In Hier ist noch alles möglich von Gianna Molinari verursacht die – mögliche! – Gegenwart eines streunenden Wolfes dementsprechend allerhand Unruhe. Wenn auch in etwas stillerer, eher verborgener Form.
Den Romantitel noch im Ohr, gilt es eingangs gleich, sich auf inhaltliche Abstecher einzulassen, in denen höchstverwunderliche Inseln beschrieben werden: Es sind die Umrisse von Bröckelstellen im Putz der Bürowand, die sich die Nachtwächterin einer Verpackungsfabrik als die Silhouetten von isolierten Inselwelten vorstellt, welche sie dann mit ihren Gedankenspielen bevölkert.
Der tatsächliche Schauplatz des Romans, das Betriebsgelände, ist ebenfalls so eine Insel für sich, auch so ein Mikrokosmos. Etwas abseits städtischer Bebauungsgebiete gelegen, fängt direkt hinterm Zaun der Fabrik die Natur an, die schon in den Startlöchern steht, um das Gelände zurückzuerobern. Die Firma liegt in ihren letzten Zügen, der Chef und Eigentümer meldet Insolvenz an, die aktive Mitarbeiterschaft hat sich bereits auf eine Handvoll reduziert. Scheinbar konterkariert die Atmosphäre allgemeinen Niedergangs die Erfüllung des Titelslogans – was sollte hier noch möglich sein?
Immerhin, dem vorauseilenden Verfall des noch nicht ganz aufgegebenen und verlassenen Geländes verdankt die junge Frau, dass sie überhaupt als Nachtwächterin eingestellt worden ist. Ein Wolf soll sich neuerdings hier herumtreiben – der Chef wünscht eine anständige Abwicklung der Firma, bitte keine Scherereien mit geschützten Wildtieren, die womöglich, Gott bewahre, auf den letzten Drücker noch einen der treuesten Mitarbeiter fressen. Dass die junge Frau, selbst eine anbindungslose Existenz nach Art einer Insel, auch gleich ihren Wohnsitz und ihre paar Habseligkeiten in einen Raum im Fabrikgebäude verlegt, ist nach Absprache mit dem Chef problemlos möglich. Im Team mit Nachtwächterkollege Clemens buddelt sie nun also eine tiefe Grube als Wolfsfalle, patrouilliert am lückenreichen Zaun entlang, sucht nach Spuren des Wolfes.
Nebenbei: In der Buchgestaltung war offensichtlich viel Spielraum möglich – immer mal wieder kreuzen Kritzeleien, manchmal auch Foto-Einschübe den erzählerischen Weg. Als stünde auf dem ordentlichen Gelände der Druckschrift immer mal wieder eine Zaunlücke offen für grafischen Wildwuchs.
Es gibt nicht sonderlich viel Handlung. Es gibt eine recht übersichtliche Anzahl von Figuren, und über diese erfährt man bloß das Wenige, was man ihren Dialogen entnehmen kann. Es gibt die Nachtwächterin, die hier die Erzählerin ist, es gibt den Chef, den Koch, den Clemens, den Herrn Lose und dazu kurz mal ein, zwei Leute, die aber nicht so wichtig sind. Es gibt eine Fabrik, die bald schließt – Gewohnheiten, Selbstverständlichkeiten, mitunter Existenzen gehen flöten. Es ist möglich, dass es einen Wolf gibt – die gemeldete Wolfssichtung untergräbt Sicherheiten, sie beschwört eine drohende Verwilderung der Lebenswelt herauf, wenn nicht gar den Rückfall in vorindustrielle (siehe die Fabrikschließung) Rohheit, sie markiert den Einbruch des Unheimlichen ins Vertraute, des Archaischen ins Moderne, noch dazu den des Absurden (der Grubenbau hat durchaus dadaistische Qualitäten) ins Geordnete. Es gibt außerdem den Mann, der hier vom Himmel fiel, bzw. es gab ihn – Lose, langjähriger Mitarbeiter, wurde damals zufällig Zeuge dieses Sturzes; die neue Nachtwächterin darf nun Einblick nehmen in die umfangreiche, private Materialsammlung, die er rund um den „M.d.v.H.f.“ zusammengetragen hat.
Mit der Nachtwächterin werde ich schnell warm, obgleich oder vielleicht gerade weil sie eine namenlose, nicht näher beschriebene Figur ist; ich verpasse ihr kurzerhand, unbewusst, meine eigenen Umrisslinien und denke sie mir als eine, die auszog, das Fürchten zu lernen.
Ansonsten habe ich allerdings so meine Schwierigkeiten, mich auf der erzählerischen Insel, die dieser Roman ja ist, einzufinden, denn über allem liegt schleierartig so eine Unbestimmtheit, Ungewissheit, Unbeteiligtheit. Wo befinde ich mich hier bitte? Wer sind diese Leute überhaupt? Was passiert hier  – und was stellt das mit den Leuten im einzelnen an? Und vor allem: Warum drehen hier eigentlich nicht alle einfach durch?
Ich bin eine ganz große Fürchterin. Ich leide schon Sterbensangst, wenn mal behördliche Post im Briefkasten steckt, und sowieso fürchte ich mich ständig und vor quasi allem. (Was vermuten Sie, wann ich meine Blogtexte zusammentippe? Gerade nachts wird ja die notwendige, anderweitige Beschäftigung ziemlich rar, die der Alltag so bietet, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen – Furchtgedanken. Nachts gehe ich auf Furcht-Safari. Ich: Großfurchtjägerin. (Wie spät ist es gerade bei Ihnen eigentlich?) Texte zu tippen ist da eine ganz taugliche Gegenbeschäftigung, auch die Werkelei an Collagen und Zeichnungen hat sich bewährt. Notfalls Küche putzen!) Ich führe ein wirklich nettes Leben, das ich nur eben immer etwas umständlich, immer peu à peu der Furcht abluchsen muss. Ich habe mich ja längst an diese kopflose Dauerfurcht gewöhnt, man kann sich arrangieren, aber dahinter steht durchaus eine Heidenarbeit (bzw. eine blitzblanke Küche).
Würde ich als Nachtwächterin in einer zunehmend verlassenen Fabrik arbeiten und dort wohnen, schlafen, wo alsbald, weiß der Himmel, irgendwelche Hehlerbanden oder marodierende, bedröhnte Jugendcliquen zu Besuch kommen werden? Wo es nachts im Gebälk rumort und knackt und es auf dem Gelände raschelt? Wo ein wilder Wolf herumstreunt?
Klar.
Natürlich würde ich mich fürchten, ob nun begründet oder nicht. Aber Furcht macht auch etwas Wichtiges mit mir, quirlt mich um, stellt mich auf die Probe. Am Ende ist jede Furcht einfach etwas zutiefst Menschliches. Und darum – nützt ja nichts – zutiefst interessant.
Und wie ist es mit der Nachtwächterin, dem Chef, dem Koch, dem Clemens und Lose, die es zu tun haben mit dem bösen Wolf, mit der Fabrik, die schließt, und dazu noch dem Mann, der vom Himmel fiel?
Jeder ringt hier mit seinen eigenen Sorgen, Ängsten, Qualen, nur dringt davon kaum etwas nach außen, selten tritt etwas davon ins Zwischenmenschliche hinein. Im Grunde bleibt jeder eine Insel für sich.
(Oder sehe ich das falsch und im Grunde sind alle bloß ganz gleichgültig, einfach komplett unbeteiligt? Nein, wer gleichgültig ist, legt keine Materialsammlung an, wer unbeteiligt ist, baut keine Grube.)
Vielleicht ist das, der restlosen Globalisierung zum Trotz, schlechterdings unser Stand der Dinge: Jeder ist seine eigene Insel.
Dabei ist Furcht an sich doch etwas, was wir alle gemein haben und was uns an unsere Mitmenschen anknüpfen lassen könnte, anstatt uns von einander zu isolieren, oder nicht? In der Furcht fühlt man sich vielleicht einsam, ist damit aber seltener allein, als man denken würde – auf der Insel, da ist man schnell beides.

Während die Wölfe längst durch unsere Zäune geschlüpft sind, bewachen wir hartnäckig weiter unsere Inseln, selbst wenn die inzwischen ihren Betrieb einstellen und ihren Zweck verlieren. Wir sitzen auf unseren eigenen Inseln, starren dort aber fremde, mitunter fantastische Inseln an die Wände. Wir schauen zu, wie andere unsere Inseln zu erreichen versuchen und daran scheitern, so wie der Mann, der vom Himmel fiel. Wir heben auf unseren Inseln Fallgruben aus, und während wir schaufeln und immer tiefer schaufeln, sitzt darin niemand anderes fest als bloß wir selbst.
Die Insel ist ein Sehnsuchtsort. Gibt es auch eine Sehnsucht nach Entinselung?
Oder ist die Möglichkeit einer Entinselung eher etwas, was wir fürchten?

Von hier aus ist unsere kleine Grabungsstätte gut sichtbar. Ich stelle mir vor, dass Clemens an der Stelle weitergräbt, an der ich vor wenigen Stunden aufgehört habe zu graben. […] Ich frage mich, ob unsere Spatenstiche von irgendwelchen Seismografen irgendwo auf der Welt aufgezeichnet werden. Ich frage mich, ob wir etwas beitragen zum Brummen der Erde.


>>Gianna Molinari, Hier ist noch alles möglich (Aufbau), €18,-


DINGE // Schlüsselerinnerung

Wenn man sagt, das Umfeld forme den Menschen, muss man es mit der Betrachtung dieses Umfelds schon auch genau nehmen. Keine Frage, dass die Menschen darin das Wichtigste, das Entscheidende sind! Würde ich sagen. Sicherheitslage, Klima, Ernährung, Bildungseinrichtungen, Kulturelles: alles ganz wichtig, formt ungemein! Die unmittelbaren Räumlichkeiten der Kindheit, gewissermaßen der Topf, in dem man heranwächst: prägend, wichtig! Das Große und Ganze wirkt sich im Großen und Ganzen prägend aus.
Wie steht’s mit dem Kleinteiligen? Den Dingen?

Babyköpfe sind weich. Die Bettmatratze und die Liegeposition des Kindes wirken sich darauf rundend oder plättend aus; sogar mit bloßem Auge lässt sich das verfolgen. Auch die Elternhand – und nachdem ich das begriffen hatte, damals, hat sich meine Art, wie ich sowohl Menschen als auch Dinge anfasse, merklich verändert – die Hand also, in deren Handflächenkuhle und Fingerfächer der Kopf beim ständigen Tragen liegt, hat ihren Einfluss auf die spätere Schädelform. Begreift man einmal diese Weichheit, so begreift man damit eine Menge und noch mehr.

In meinen schlauen Elternratgebern las ich, ein Kind entwickle, beginnend mit der Spiegel-Phase, erst nach und nach sein Ich-Bewusstsein, zuvor empfinde es sich als eins mit der Mutter. Aber wenn das Ich-Bewusstsein noch nicht besteht, dachte ich mir, während sich das Kind fröhlich brabbelnd mit seinem roten Plastikbecher unterhielt, empfindet sich das Kind dann nicht ganz einfach als eins mit allem?

Ich habe reell keine Ahnung, ob die Farbe, die Festigkeit, der Hohlklang meines ersten bewussten Zahnputzbechers – Hartplastik, fuchsienfarben marmoriert – mich vielleicht rein gar nicht geprägt haben, oder ob die Tatsache, dass ich dieses Ding überhaupt erinnern kann, nicht doch beweist, dass selbst dieser Zahnputzbecher meinen Kopf mitgeformt hat.

Man kann am Umfeld wachsen oder schrumpfen, man kann es wechseln, man kann eins erobern, eins vermissen, kann mit ihm eins oder entzweit sein, eins platzen lassen, eins überhaupt erst entstehen lassen usw., mal formt man sich dem Umfeld ein bisschen entgegen, mal formt man sich ein bisschen von ihm weg, und so formt man sich an ihm und formt es unterdessen gleich mit, aktiv, passiv. Den Schädel formt es immer mit, er ist ja mehr als nur Knochen. Und die Dinge, die formen, sind eben mehr als nur Dinge.

Dass wir von Tieren und Pflanzen wissen, die in Urzeiten lebten – ob vom Mochlodon, von den Belemniten, von Eomaia scansoria, vom Credneria-Baum oder von den Clovis-Menschen -, liegt einzig und allein daran, dass sie sich selbst oder Teile ihrer selbst als Dinge hinterließen: fossile Trittsiegel, Schalen, Gerippe, Schnäbel, Krallen, Wirbel, in Bernstein eingeschlossene Samen, einen Beckenknochensplitter, einen einzelnen molaren Zahn. Winzigkeiten.
Manche Art existiert für die Paläontologie vielleicht bloß, weil ein einziges spezifisches Schläfenbein existiert und sonst nichts, und womöglich ist dieser Knochen gar der einzige Fund, der aus einem bestimmten, zigtausend Jahre währenden Umfeld überhaupt zum Fossil werden, überdauern und gefunden werden konnte.
Alles, was an diesem heutigen Tag auf diesem Globus wächst, schwimmt, radelt, kriecht, reift, springt, balzt, stirbt, photosynthest, gräbt, klettert oder gerade das Erdbeerpuddingcremetopping für den fertigen Zitronenkuchen zubereitet, wird in ein paar hunderttausend Jahren genauso verschwunden sein wie ein einzelner Regentropfen vom 28. Januar 1540; all das wird eingehen ins Große, ins Ganze, und somit ins Formlose verschwinden, nichts wird als Einzelnes bestehen können – bis auf, mit viel Glück!, vielleicht eine Entenmuschelkolonie, eine nicht näher bestimmbare Kniescheibe und ein angebissenes Faultier, denen der pure Zufall eine Umkristallisation beschert.

Eine Grundeigenschaft der Natur ist, dass sie die Dinge formt und somit auch sich selbst – unablässig, unermüdlich, immer wieder von Neuem. Eine Grundeigenschaft des Menschen ist es, dass er die Dinge zu lesen, zu verstehen, zu begreifen versucht und somit auch sich selbst.

Es ist schwer, die Dinge, die einem Verstorbenen gehörten, zu ordnen, zu sortieren – besonders schwer, sie wegzuschmeißen. Ein Zahnputzbecher lässt sich plötzlich kaum mehr anheben, weil er nun so viel wiegt wie ein ganzer Mensch. Indem man die Dinge dieses Menschen verschwinden lässt, oder allein schon, indem man die Ordnung der Dinge dieses Menschen stört und somit dessen letzte Handgriffe verschwinden lässt, überkriecht einen endlich die Gewissheit, die sich längst herangeschlichen hat und nur noch nicht so recht hat zupacken können: dass dieser Mensch verschwunden ist.

Eine Menge Leute können mit Esther Kinskys betrachtungssüchtigen Romanen rein gar nichts anfangen, außer sich über deren Lektüre in den Schlaf zu langweilen, und ich kann diese Leute gut verstehen.
Was nicht bedeutet, dass ich dazugehöre.
Hain habe ich nun zu Ende gelesen, nicht am Stück, sondern immer in Zwei- oder Drei-Kapitel-Etappen, immer bei akutem Bedarf nach dieser gewissenhaften, strömenden Schreibe. Ihr Blick aufs Dingliche tut mir gut.
Hain trägt die Bezeichnung Geländeroman und widmet sich einer Auswahl von tristen Provinznestern und Brachflächen in Italien. Kinsky beschreibt die Orte eines längeren Italienaufenthaltes, indem sie systematisch über deren Geländeeigenschaften schreibt, aber ebenso über einzelne Bäume, Linienbusse, Hausfassaden, Unkraut, Plastikblumen, Olivenzweige und so weiter.
Natürlich funktionieren die betrachteten Gegenständlichkeiten hierbei auch als Prismen fürs Seelische.
Beobachtungen des Tages verbinden sich mit Erinnerungen an Italienreisen während der Kindheit und mit mal nüchternen und forschenden, mal offen schwermütigen Überlegungen, die um zwei Männer kreisen: den kürzlich nach schwerer Krankheit verstorbenen Lebenspartner und den verstorbenen Vater. Hain ist ein Trauerbuch, das oft gramgebückt zu Boden schaut und darum viel Staub und Unrat sieht. Es schnüffelt in Grabgewölbe hinein und streift auf Friedhöfen umher, findet allenorts Verstorbenes, Verlassenes, Vergessenes.
Oftmals sind die Dinge Trost und Last zugleich. Selbst die profansten Dinge, etwa ein Stück von der gemeinsamen Kameraausrüstung, können sich zu Heiligtümern auswachsen – kommen sie einem abhanden, ist das ein Drama: Mein Kummer um das Kabel, schreibt Kinsky über eine verlorene Auslöserstrippe, fiel unter einen der möglichen Flüche der Hinterbliebenenschaft, die mir allmählich geläufig wurden: die Beschwerung von Dingen mit Zeugenschaft.

Um sich ein bestimmtes prähistorisches Lebensumfeld in seiner Gesamtheit vorstellen zu können (inklusive der Grundannahme, dass es überhaupt als solches existiert hat), steht der Paläontologie an verwertbarem Material manchmal nicht mehr zu Verfügung als in einen Schuhkarton passt. Das elaborierte Bild von einer erdgeschichtlichen Teilepoche in ihrer biologischen, geologischen, meteorologischen Vielfältigkeit kann mit der Neuentdeckung eines einzigen Mittelfußknochens stehen oder fallen.
Die Wissenschaftler, die sich – wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus – an der Frage abrackern, ob die rund 8500 Jahre alte Jiahu-Schrift nun das erste Schriftsystem der Menschheit ist oder nicht, tun das auf der Basis von 16 kritzeligen Markierungen, die auf ein paar alten Schildkrötenpanzern entdeckt wurden.
Falls dereinst meine Urenkel meine Reserve an Musterbeutelklammern in die Finger kriegen sollten, werde ich wohl nicht mehr da sein, um ihnen zu erklären, wozu man diese kleinen, praktisch ungooglebaren Metalldinger in der Epoche der Büchersendung benutzte – und auch nicht, wozu ich sie stattdessen benutzte.
Wie viele und was für Dinge braucht man, um glauben zu können, sich anhand jener Dinge die Lebenswelt eines vergangenen Menschen vorstellen zu können?
Wie viele und was für Dinge braucht man, um daran die Erinnerung an eigene vergangene Erlebnisse, vergangene Lebensphasen dingfest machen zu können?

In einer Rede von 2017, die unter der Überschrift Ein Ausweg nach innen stand, sprach Herta Müller unter anderem von ihren Unterhaltungen mit Blumen und Kraut und von wandernden Möbelstücken. Während sie als Kleinbauern-Kind, dessen Zuhause aus Härte und Mangel bestand, endlose Stunden lang abseits des Dorfs im Tal die Kühe hütete, begann sie sich intensiv mit den Weidepflanzen anzufreunden. Später, als Angestellte in einer Maschinenbaufabrik, geriet sie in den Blick des rumänischen Geheimdienstes, der während ihrer Abwesenheit Dinge in ihrer Wohnung hin und her rückte, einen Stuhl umplatzierte, einen Apfel aufs Bett legte, und so die stummen Dinge Drohungen sprechen ließ. Gegen die Angst vor den Schikanen durch den Fabrikdirektor kam nur eine Dahlie an: Die Dahlie kümmerte sich um mich. Nur: Von der Komplizenschaft mit der Dahlie durfte, wie damals im Tal, auch jetzt niemand wissen. Wem sollte ich sagen, dass in der Dahlie eine kluge Ruhe blüht?

Je weniger man mit Menschen spricht, weil einem die Menschen abhanden gekommen sind oder weil man den Menschen abhanden gekommen ist, desto gesprächiger werden die Dinge.

Während ich mit einem Kaffee am Tisch meiner Mutter sitze, hat mein Kind in meinem alten Zimmer, das jetzt ein Enkelkinderspielzimmer ist, einen kleinen Schlüssel gefunden.
Ich weiß, dass dieser Schlüssel aus der silbrigen Aachener-Printen-Blechdose kommt, die als Schatulle für spezielle Fundsachen durch sämtliche Geschwister-Hände ging, denn ich hab ihn damals selbst da hinein getan.
Ich weiß auch genau, wie ich —
Er liegt einfach auf dem Hof. Da liegen auch noch letzte Blütenkätzchen vom Walnussbaum: später Frühling. Meinen Elsteraugen hätte er unmöglich entgehen können, also muss ihn erst kurz zuvor jemand dort verloren haben. Unser Haus steht ständig offen, denn es ist immer irgendwer da, auch die Garagen werden nicht abgeschlossen, und so habe ich praktisch noch nie einen Schlüssel gesehen. Gleichzeitig gibt’s bei uns, das riecht man als Kind ja, einen Haufen Geheimnisse. Diese Geheimnisse krispeln wie Alufolie, und sie riechen ähnlich wie alte Zinnbecher. Genauso riecht auch dieser Schlüssel.
Ich bin nicht ausgelastet, mich juckt der Hafer, also war heute keine Schule: Wochenende. Meine Großmutter werkelt in ihrer Küche, ohne dass ich sie dabei schimpfen höre – kein „Tewe“ liegt ihr dauernd im Weg herum oder guhlt sie nach Küchenresten an, also ist unser Mischling mit dem Iltis-Fell schon gestorben und der weiße Schäferhund noch nicht da: Ich bin zehn Jahre alt.
Mein Großvater – Cordhose, Leinenhemd, Lederweste – tapert aus seinem Wellblechwerkzeugschuppen und rüber zum Wellblechgeräteschuppen, das heißt, ich kann mich unbemerkt an seine Schubfächer neben der Werkbank heranmachen.
Drinnen im Schuppen riecht es wie in einer alten Kirche, nur dass in der alten Kirche noch ein Fuder Heu, eine Ziege und ein Kanister Schmieröl stehen müssten. Die Schubfächer sind ungeschlachte Holzdinger, in denen Dosen und Papp-Kistchen aller Art zwischen Zwirn- und Drahtrollen und Nato-Band herumfliegen. Ich finde Pectoral Brustkamellen, Bayrisch Blockmalz, Mentholsalbe, Blutdrucktabletten, aber kein Schloss für meinen Schlüssel.
Die Schränke meiner Eltern in Wohn-, Schlaf- und Badezimmer sind längst akribisch erforscht, besonders das Fach mit den Schmuckschatullen, den Perlen- und Bernsteinketten, Glassteinbroschen usf., da gibt’s keine verschlossenen Überraschungen zu entdecken.
Unterm Urgroßmutterbett und in ihrer Kommode zwischen Halstüchern und Häkelbeuteln aus Perlgarn: nur Seifenduft und ein paar verstreute Gewürznelken, sonst nichts.
Ich nehme mir die helle, gepflegte, systematisch aufgeräumte Werkstatt meines Vaters vor, von oben bis unten, von Abformsilikon über Leitungsschutzhalter bis Niet-, Spitz- und Sprengring-Zange, und finde kein einziges abgeschlossenes Kästchen.
Was wäre, wenn es niemand von uns gewesen ist, der den Schlüssel auf dem Hof verloren hat?
Der Bauer von nebenan hat im Feld eine Abstellhütte stehen, und natürlich komme ich um vor Neugier, was er darin einschließt, denn ich kenne alles in den Wiesen und Feldern im Umkreis, ich kenne alle Bäume und Büsche mit Namen, ich kenne jede Distel persönlich, und falls hier jemand eine Haarnadel verliert, dann finde ich sie, ich kenne jedes Mauseloch und jeden Hochsitz, und wenn hier ein Hund begraben liegt, dann weiß ich wo, ich kenne jeden Riss im Betongussplattenweg, jeden Vogel und jeden Frosch – nur eben nicht diese Hütte von innen.
Aus dem Garten, wo die Frottee-Schlafanzüge meines kleinen Bruders auf der Wäscheleine hängen, führt ein Gatter zwischen Betonpfeilern auf die Nachbarswiese mit dem Apfelbaum. An den Starenbüschen vorbei, geht es weiter zu unserem anderen Garten, dem Pachtacker meiner Großeltern.
Erbsen, Bohnen, Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, Kartoffeln, Zucchini sind soweit, dazu überall Grashüpfer und Feldlerchenkrawall: Juni. Ich stoppele mir ein paar Erdbeeren und Erbsen, fange ein paar Grashüpfer, lasse sie wieder frei. Ihr Zirpen erfüllt die Wiesen, es klingt rundum: Ende Juni also. Das Wort Zirpen passt nicht zu diesem Rundum-Ton, finde ich, es ist eher ein Schnurren, was die Grashüpfer da von sich geben, allerdings ein hochfrequentes: ein Schnirren.
Ich hasse meine dunkel-lila Leggings mit weißen Mini-Sternchen, denn Leggins haben keine Hosentaschen; den Schlüssel habe ich unter mein buntes Knotenarmband geklemmt. An meine Schuhe erinnere ich mich nicht, mit Schuhen habe ich emotional nicht viel am Hut, am liebsten renne ich barfuß herum, jedoch nicht draußen in der Butnik, die besät ist mit Steinen, Scherben und Metallschrott.
Ich witsche durch den Stacheldrahtzaun in die Weiden raus und muss heute – die Weide wurde gewechselt – nicht vor den Kühen herlaufen, die mir sonst oft neugierig nachrennen. Kühe können verflucht schnell werden.
Immer am Feldgraben entlang. Das Schilfgras überragt mich längst, die Wedel glänzen jetzt in metallischem Brila (Braun-Lila); erst im Spätsommer spleißen sich die Blüten auf und werden zauselig mattbraun. Auch die Acker-Kratzdisteln leuchten zur Zeit lila, und es dauert noch, bis sie dicke Wolken von Distelfluff in den Wind schicken.
Wieder auf dem Feldweg, kicke ich Klickersteinchen. Schon lange, bevor ich die Pappelreihe erreiche, kann ich das gleichmäßige Meeresrauschen hören, das ihr glattes Blattwerk erzeugt – herrscht böiger Wind, klingt es aus den Pappeln wie Brandungswellen.
Jetzt bin ich an der Hütte angelangt. Und? Bin umsonst gelaufen. Ich hätte ja wissen müssen, dass dieser mittelgroße, mitteldicke Schlüssel niemals in das mickrige Vorhängeschloss passt, das die Brettertür versiegelt. Aber vielleicht, wenn ich ehrlich bin, wusst ich’s ja tatsächlich, und es war mir bloß ein bisschen egal.
Ich flaniere zurück und freue mich auf die Knoff-Hoff-Show mit Joachim Bublath und Ramona Leiß, also sind noch nicht große Ferien, denn dann liefe im ZDF nur das Sommerpausenprogramm.
Der Schlüssel landet für spätere Zwecke in meiner Fundsachen-Kiste. Meine Eltern könnten mich, falls sie ins Suchen gerieten, einfach danach fragen, ob ich einen Schlüssel gefunden hätte, aber sie geraten nicht ins Suchen und sie fragen mich nicht danach. Weder heute, noch morgen, noch irgendwann.
„Wofür war der Schlüssel mal da?“, fragt mich mein Kind.
„Du, das weiß ich gar nicht, keine Ahnung.“
Das ist gemein gelogen.
Ich weiß, dass das der Schlüssel zu mir an einem Wochenendnachmittag im Juni 1992 ist.


Foto: Grebe


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