ANEINANDER VORBEINSAM > Ein Männlein steht im Wäldchen

Zwei Stunden lang bin ich mindestens unterwegs, nie weniger, gern mehr. (Das jedoch nur, wenn es die Tagesplanung hergibt. Ganz ohne Plan und Uhr verschwunden, einen vollen Tag lang, bin ich schon ewig nicht mehr. Ich vermisse das zwar nur selten, aber wenn, dann sticht es mich allerdings ins Zwerchfell, ja.)
Es ist nicht bloß das Wetter, was mich ausfliegen lässt – inmitten verregneter Herbsttage plötzlich diese hellwarme Enklave. Mir ist auch sonst jedes Wetter recht, ich bin da nicht so.
Frühmorgens lassen sich Tiere blicken: Feldhasen, ein Fasanenpaar, Rehe. Als ich mich durchs Dickicht eines Knicks drücke, kullern fluchtartig ein paar grau-braun-melierte Federkügelchen vor mir davon. Mich überrascht, dass Wachteln „in Rudeln“ leben, was hier natürlich ein falscher Ausdruck ist, aber zugleich der genau richtige. Und mich überrascht, wie exakt sie in ihrer Motorik einem Dutzend angestoßener Billardkugeln gleichen.
Dass ich gerade, kurz nach Dämmerung und reichlich fern von Zuhaus, über Billardkugeln nachdenke, während ich knöcheltief in einem weichen Rübenacker stehe, der so abseitig liegt, dass hier nicht einmal die Wachteln auf Störungen gefasst sind, daran überrascht mich längst nichts mehr. Das ist normal.
Etwas überrascht wirken höchstens vereinzelte Passanten, die mitten im Feld, in aller Herrgottsfrühe, keinen Gegenverkehr erwartet hätten; heute ein Jogger, eine Radlerin, ein Frauchen samt Labrador. Natürlich grüße ich freundlich.
Ich wohne noch nicht sehr lange hier, aber irgendwann werden sich die Leute schon daran gewöhnen, dass ich ihnen ab und an im Feld begegne, irgendwie fehlplatziert, als wartete ich hier auf einen Bus, der mich ins Büro bringt. Oder zum Mond. In meinem Heimatort wundert sich jedenfalls kaum noch einer, wenn ich unerwartet eine Uferböschung emporgekraxelt oder von einem Jägersitz herabgepurzelt komme.
Zuhause ist – und das formuliere nun bitte jeder so für sich, wie es jeweils am ehrlichsten gesagt ist – Zuhause ist für mich, wo ich jeden Baum, Strauch und Graben kenne. Mir kann also durchaus niemand, der mir beim Stromern begegnet, vorhalten, ich liefe bloß in der Gegend herum, wo ich rein gar nichts zu Suchen hätte.
Natürlich suche ich Zuhause.
Und stehe dabei, indem ich mir die hiesigen Bäume, Sträucher und Gräben bekannt mache, längst drin im Vertrauten, im Familiären will ich fast sagen – ich meine: Wissen Sie, weshalb mich der Herbst so beklemmt, der Winter so strapaziert? Weil mir in dieser Zeit Stück für Stück, mit jeder Frostnacht, meine traulichste Gemeinschaft abhanden kommt. Wem es eher schwerfällt, unter Leuten Gemeinschaft und Vertrautheit zu finden oder herzustellen, der kann so wunderbar leicht unter die Pflanzen gehen, sich so leicht den Singvögeln und Insekten anschließen, sich allzu leicht in diese Gemeinschaft hineinverlieren, die all denen Zutritt gewährt, die bereitwillig darin verschwinden mögen.
Ich bräuchte, um unterwegs keinen leicht überraschten Gesichtern mehr zu begegnen, nur irgendein eindeutiges Attribut mit mir zu führen. Ich müsste bloß atmungsaktive Laufkleidung und Turnschuhe tragen. Ich bräuchte nur, wie früher, einen Kinderwagen zu schieben. Ich könnte ganz einfach zwei Nordic-Walking-Stöcke in die Hände nehmen, das würde schon vollkommen genügen.
„Du brauchst einen Hund!“, diesen naheliegenden Ratschlag bekomme ich am häufigsten zu hören, klar.
Dass die Tiere sich mit fortschreitendem Morgen rarer machen, liegt anteilig auch daran, dass sich die Leute, die joggen, walken, radfahren und Hunde ausführen, nun häufen. Trotzdem begegne ich selten mehr als diesen üblichen zwei, drei Menschen, denn auf die anständigen Wege, wo man nun einmal Leuten begegnet, komme ich nur zurück wie ein Lied auf den Refrain – dazwischen schlage ich meine etwas weiter ausholenden Bögen ins Unwegige.
Natürlich brauche ich keinen Hund, um Querfeldein-Gänge zu machen. Als ob ich ohne Hund die Querfeld-Eingänge nicht passieren könnte, nicht passieren dürfte.
Ich bin mein eigener Hund.
Wieder ein Reh, diesmal so nah, dass ich den Fächer seiner Wimpern erkennen kann. Es registriert schnell, dass ich zu dichtauf bin, und setzt sich zügig, aber unangestrengt in das am Ackerrand beginnende Waldstückchen ab.
Bei Fotos und Darstellungen von Rehen richtet man sein Augenmerk vorrangig auf ihre Zierlichkeit – was aber meinen Eindruck von ihnen in freier Wildbahn an erster Stelle bestimmt, ist ihre Lautlosigkeit. Wie kann sich etwas von dieser Größe in dieser Umgebung und mit dieser Geschwindigkeit bewegen, ohne dabei auch nur das geringste Geräusch zu verursachen? (Das Reh als klassisches Vergleichstier für zarte, elegante Frauen – ein Vergleich, der die rehische Scheu mitmeint. Und der wohl auch jene nebengeräuschlose Präsenz mitdenkt. Und damit, alles in allem, der Adressatin eine gewisse Schwächlichkeit, Kläglichkeit attestiert. Noch nie habe ich gelesen oder gehört, wie der Reh-Vergleich einem Mann gegolten hätte.)
Ich bin keine vergleichbare Verschwindekönigin. Aber wenn ich in diesem Umfeld nicht gesehen werden möchte, vielleicht, weil ich gerade nicht unbedingt Lust dazu habe, schon wieder ein milde irritiertes Gesicht freundlich zu grüßen – wenn ich hier also nicht gesehen werden möchte, wissen Sie, dann sieht mich auch niemand.
Wer versuchen sollte, sich zusammengekauert hinter einem Baumstamm zu verstecken, der wird übrigens ganz sicher gesehen, versprochen – das erfolgreiche Verschwinden ist keine Frage des Stillhaltens, sondern der Bewegung.
Nach einer, vielleicht auch anderthalb Stunden fühle ich mich ganz und gar eingelaufen in der Gegend. Ich kann jetzt mit dem Bachwasser mitfließen, mit dem Espenlaub mitrauschen, mich unterschiedslos zwischen schwankenden Kiefernästen bewegen; ich bin vollständig synchronisiert.
Und sie lässt schrittweise nach. Die Unruhe.
Natürlich laufe ich nicht herum wie eine Irre, bloß weil mich ein paar Sonnenstrahlen nach draußen locken, sondern weil ich ein Wespennest im Brustkorb sitzen hab.
Es ist nicht ganz leicht und wird mit den Jahren eher noch zäher, schwergängiger, immer wieder aufs Neue anzufangen. Umziehen, sich einrichten, sich einfinden. Sich von vorn erfinden. Anschluss suchen, Anschluss finden, den Anschluss halten und ausbauen, bis man aus den Oberflächlichkeiten herauskommt; dazu braucht es freilich nicht nur die entsprechenden Anstrengungen, sondern obendrein Glück. Möglichst einen Job finden; welchen diesmal? Bloß nicht irgendwo auf dem Weg verloren gehen. Bloß die Orientierung behalten.
Wohin bloß mit diesen Wespen?
Hierhin, dorthin. Weiter. In den Wald.
Gute Menschen, gute Arbeit zu finden ist immer schwierig. Zu verschwinden ist ganz einfach.
Jeden Baum, Strauch und Graben nach und nach kennenzulernen und sich, unabhängig von Google Maps, die Gegend zu erschließen, sodass man stundenlang, ach, so lange wie irgend möglich querfeldein herumkommt, ohne sich zu verlaufen – im Grunde nur ein vielleicht etwas zwanghaft geratenes Ritual, um den eigenen, inneren Richtungssinn zu beschwören, nicht?
Mann und Kind haben sich eingefunden, haben Anschluss, haben Alltag. Die zurückgelassenen Freundinnen und Kolleginnen haben nach wie vor ihren Alltag. Ich rede mit allen ausgiebig über ihre Alltage, gern.
Wo muss ich meinen eigenen Alltag suchen? Statt Alltag kommen die Wespen. Ich rede gern über alle Alltage, aber nie über die Wespen.
Um mich muss sich niemand Gedanken machen, ich verschwinde seit jeher allzu leicht und liebend gern. Mir tut das gut. Andere (und das sind viele) gehen jagen oder in fragwürdige Clubs, betreiben exzessiv Sport, bringen sich vorsätzlich in Kalamitäten usw. Sollen sie ruhig. Ich verschwinde. Zumeist wegen der Wespen. Ich verschwinde mitsamt der Wespen – um ohne sie zurück zu kommen.
Natürlich komme ich jedes Mal zurück.
Natürlich ist –
Halt.
Was war da?
Ich kriege nicht gleich die Angst, wenn es mal knackt im Gebüsch, nein. Höchstens einmal die Wildschwein-Angst. (Wildschweine sind das gefährlichste, was in der Feldmark droht.) All diese Abende, an denen meine Mutter mir eintrichterte, ich müsse spätestens um zehn zurück zu Hause sein, denn es sei nachts viel zu gefährlich, allein durch die Feldmark zu radeln, zumal für Mädchen – als säße da irgendwo irgendjemand lauernd im Graben herum, um nach fünf oder zehn Stunden einsamer Warterei im Nirgendwo endlich mal zuzuschlagen, herrje, wie albern.
Da war weder Geräusch noch Geruch; es sind die Augen, die etwas „gewittert“ haben, was hier natürlich ein falscher Ausdruck ist, aber zugleich der genau richtige. Keinen Mucks machen jetzt. Horchen, schauen.
Fichten, Brombeerranken, Amselrascheln, in der Ferne eine Bundesstraße, Birken, Taubenflug, Kieferndickicht.
Hinter mir. Mit einem Ruck drehe ich mich um und sehe nun das rot-karierte Flanellhemd so klar und nah, dass ich mich glatt selbst wundere, weswegen ich nicht schreie.
Ich renne auch nicht weg, ich will das Flanellhemd nicht im Rücken haben, während ich kopflos vor ihm davon kullere wie ein gescheuchter Hühnervogel, ich habe mein Taschenmesser dabei, ich –
Der rot-karierte Mann bewegt sich gar nicht.
Für einen Moment empfinde ich gerade das als besonders bedrohlich, besonders unheilvoll. Und der Moment geht vorüber. Und der Mann bewegt sich noch immer nicht.
Na, kein Triebtäter.
Gut.
Jäger? Blödsinn.
Harmloser Pilzsammler?
Ich bleibe in Bewegung, ich schaffe vorsichtig Abstand. Der Mann steht mit geschlossenen Augen und sehr geradem Rücken einfach da, auf einem lichten Fleckchen zwischen den Kiefern, deren harzige, zottige Astwedel windbewegt um ihn herum tänzeln. Er selbst rührt sich nicht im Geringsten, er ist sein eigener Stamm, sein eigener Stein.
Die Ellbögen vom Oberkörper weggewinkelt, bilden Ellbogen, Ellbogen, Kopf ein ziemlich gleichseitiges Dreieck. Seine Hände halten seinen Brustkorb, als hielten sie ein großes Gefäß. Sie ruhen flach, besänftigend auf den unteren Rippen, genau dort, genau auf jenem Breitengrad der Brust, wo auch die Quartiere der Wespen liegen.
Was fange ich nun mit diesem Bild an? Ein schiefes Lächeln ziehen, über mein dummes Erschrockensein von eben. Und sonst? Ich frage mich, ob der Karierte mich tatsächlich gar nicht bemerkt hat. Oder ob ich ihn nicht doch in seiner Kontemplation unterbrochen habe und er nun, innerlich sehr angestrengt, über diese Störung hinwegmeditiert. Wie lange er wohl schon so dasteht? Und wie kommt er überhaupt dazu? Ich meine, sich so ins hinterste Abseits zu verkrümeln, um dort zu meditieren. Rundum einsam.
Kurz, wie geht’s ihm?
Warum gehe ich nicht näher ran, grüße, sage ganz schlicht: „Sie haben mich erschreckt, wissen Sie“? Oder, umgekehrt: „Ich möchte Sie nicht erschrecken, wissen Sie“? Woher diese Scheu, seine Ruhe zu stören? Oder geht es etwa gar nicht so sehr um seine Ruhe, sondern, umgekehrt, vielmehr um meine eigene, sorgsam gepflegte Unsichtbarkeit, die damit unterbrochen, gestört würde?
Kurz, warum frage ich nicht: „Was machen Sie so allein hier, Mensch? Wie geht’s Ihnen?“, sondern bleibe stattdessen in Bewegung, vergrößere weiterhin den Abstand, weiter, weiter, lautlos?
Bis sich das Kieferndickicht sacht winkend vor diesem Bild schließt, und ich –
Du liebe Güte, ich muss jetzt aber auch wirklich zurück! Einkaufen!


Foto: Grebe 2019

SPÄTSOMMER > Ende der Freibadsaison

Gras (2)
Die Freibäder schließen bald, und wahrscheinlich war dieser letzte über 30° heiße Augusttag wohl mein letzter Freibadtag für dieses Jahr.
Ich, die solche Hitze ja furchtbar hasst, bin selig, wenn ich mich da im Wasser abkühlen und danach reptilisch im Halbschatten ausstrecken kann. Rege Freibadgängerin bin ich allerdings erst wieder, seitdem ich nicht mehr allein, sondern mit Kind planschen gehe.
Früher, viel früher war ich selbst Freibadkind. Im Dorf gab’s ja nix – aber ein Freibad, und ein schönes noch dazu, sogar ein beheiztes: Die Abwärme der Kühlanlagen des Kalibergwerks temperierte Nichtschwimmer-, Babyplansch- und Wettkampfbecken. Hatte der Kali seine Betriebsferien ausgerufen, merkte man das an der schlagartig eisigen Badetemperatur, was zumeist passend mit den brennendsten Sommertagen zusammenfiel.
Dieses Freibad wird, wie haufenweise andere Freibäder, geschlossen werden, wenn das Geld der Kommune noch knapper wird. Momentan vernachlässigt man es gründlich, katalogisiert nach und nach seine Mängel und Gefahren und wird es irgendwann erleichtert dicht machen, nächstes Jahr vielleicht, und das war’s dann also für mein Freibad, in dessen türkisblauen Fliesen sich meine Grundschulsommer spiegelten. Morgens mit dem Fahrrad hingefahren, mal mit einer Freundin, mal allein, nur ein Handtuch und eine Flasche Brause dabei, erst spätnachmittags wieder zurückgeradelt und sich an Sattel und Lenker, die stundenlang in praller Sonne standen, die Pelle verbrannt. Und es war unser Freibad, als ich wieder zurück auf dem Dorf war, mit eigener Familie. Mein Kind mit seiner Seepferdchen-Badehose, immer ein paar Kinder aus der KiTa, der Grundschule drum herum, kreischend, gackernd. Ich mit den Mamas am Beckenrand oder auf der Picknickdecke. Schönster Provinzsommer.
Belächeln Sie das nicht! Wenn Sie Hamburger Verhältnisse gewohnt waren – all der Style um mich her im Stadtpark, auf dem Spielplatz, all die Body-Issues, die ich eigentlich gar nicht hatte und doch entwickelte – und dann kommen Sie nach Haus, in Ihr Freibad, und auf der Picknickdecke sitzen Sie mit den anderen Müttern (die Sie teils schon lange kennen, aus Vor-Muttersein-Zeiten) und die haben keine Porzellanhaut, keine streifenfreien Bäuche, keine Kleiderständermaße, ach, aber die pflegen einen solchen Umgang damit, die pflegen und verbreiten einen so unkomplizierten Pride, dass Sie nie wieder dämliche Frauenzeitschriften kaufen müssen, die Ihnen erzählen wollen, wie Body-Positivity angeblich funktioniert. Ich besitze nur noch ballermannbunte Badewäsche – eine Landei-Nixe wie aus dem Bilderbuch – und wenn’s bei Aldi mal wieder korallenrote oder tropisch blumige Bikinis für’n Fünfer gibt, kauf ich den nächsten und hüpf damit ins Wasser, völlig unfrisiert, ungeschminkt, scheiß auf den perfekten Glow, und dann habe ich einen wundervollen Tag, wissen Sie?
Auch hier haben wir nun unser Freibad, und mein zufriedenes Körpergefühl ist nicht baden gegangen, und mein Kind hat liebe Freunde gefunden, die wir gern mitnehmen (und sie uns). Ländlich gelegen, nicht ums Eck also, aber, ja: idyllisch.
Das hilft gut gegen das Heimweh. Alle Freibäder in der Provinz sind über den universellen Provinz-Freibad-Äther miteinander verbunden. Sie teilen dieselben sonnenverbrannten Liegewiesen von Rasen, Klee, Schafgarbe, Breitwegerich und Löwenzahn. Dieselbe Geräuschkulisse: Rauschen von Duschen und Wasserbewegung. Lachen, Brüllen, Mama-Papa-Rufen. Überall Gespräche, Gespräche – in Freibädern wird ja viel mehr gesprochen, als man sich bei oberflächlichem Nachdenken so einbildet. Patschende Bälle. Schwalbengeschrill. Die Wespen überm Wasser, in der Ferne, auf einmal nah am Ohr. Das Klatschen und die Wasserfontänen unterm Sprungturm. Treckersummen weht manchmal von den Feldern rüber. Dieselben Gerüche, die sehr eindeutig und sehr dominant sind: Chlor, Sonnencreme, Pommes und Petrichor. Dieselbe knallblau glasierte Keramikschale, die der Himmel ist und sich an Schönwettertagen über allem wölbt, wie eine Hand, die etwas bloßlegt, etwas beschirmt, na, beides. Die Leute, wie überall: platt auf Liegetüchern ausgestreckt, Brotlaibe, die in der Sonne backen. Die Horden der Zwölfjährigen: Halt’s Maul Missgeburt wie dumm bist du fick dich Mann fick dich Nutte!, aber ich bin nicht mehr zwölf, mich gluckert niemand mehr unter. Die Teenager: stecken noch in den Skizzen der Körper, die sie in fünf, in zehn Jahren haben werden. Die Beine haben schon Höhe erobert, die Arme schon Weite erlangt; die Dynamik ist furchtbar ungelenk, noch. Körper, die bloße Zollstöcke sind und mit jedem Schritt und Schwimmzug die unsichtbaren Hohlformen ausmessen, die noch mit unzähligen Stoffen aufzufüllen sind, nach und nach, täglich. Im Wasser und unter der Sonne das ganze Spektrum von Altersstufen, Körperkonsistenzen, Temperamenten, Hautvarianten, Haarigkeiten. Tattoos von Lakritzschwarz über Verblichenheitsgrün bis Pastellbunt. Ich sehe sehr selten Badende mit Körperbehinderungen – weil sie sich nicht wohlfühlen würden, oder wegen der unbestreitbaren Bosheit der Anderen, oder mangelnder Barrierefreiheit? Oder ist das bloße Statistik?
Ich beobachte manchmal ein Kinder-Gerangel, das dann doch zu grob wird, und schalte mich als Spielverderberin ein, aber viel öfter beobachte ich, wie leicht sich wildfremde Kinder zum Toben zusammenschließen, wie mühelos sie in gemeinsame Drehbücher oder Wettkampfregeln hineinfinden; ist schon lange her, dass ich mal helfen musste, eine geplatzte Kinderlippe zu verarzten. Unter den Erwachsenen erlebe ich seltsam selten Giftigkeiten, dabei machen die Hitze, die halbnackte Situation und die Verteilungskämpfe um Sonnenplätze, Schwimmbahnen, den Platz in der Pommes-Schlange fraglos reizbar. Es ist vielleicht wirklich die Halbnacktheit, die den Mumm zum Streiten dämpft. Ab und an muss man sich natürlich dennoch überwinden, dennoch mal was sagen, mitunter selbsternannten Blockwarten in die Parade fahren, auch wenn man sich selbst, so als nasse Katze im Blümchenbikini, nun nicht gerade respektabel vorkommen mag.
Ich trinke Thermoskannenkaffee, für die Kinder gibt’s kalten Tee, Äpfel, Cracker, manchmal Pommes für zwei Euro die Portion. Das Surfer-Hair und den Bronzeteint, die wohlige Einschlafmüdigkeit abends, das gibt es alles umsonst. Wir bezahlen hier ein paar Euro fuffzig für den ganzen Tag und zwei, drei Personen – weniger als eine Schachtel Kippen kosten würde, oder ein Royal TS, oder ein Starbucks-Coffee oder -Latte in Größe Venti.
Die finanzielle Hürde, hierherzukommen und einen Tag mit Schwimmen und Seelenbaumelei zu verbringen, ist also recht niedrig. Ich finde das wichtig. Ich finde das notwendig fürs Gemeinwesen. Freibäder, die bezahlbar sind, sind ein Stück Gemeinwohl. Nur ist eben ein Freibad, das bezahlbar ist, alles andere als eine geölte Rendite-Maschine.

Ich formuliere zwar ungern alarmistische Sätze, aber voilà: Wir sind über den Spätsommer des demokratisch erwünschten Gemeinwohls längst hinaus. Das ist kein Anflug von Gestrigkeit, ich will absolut nicht zurück in die 80er, nein danke – ich würde vielmehr gern in die 2040er schauen und ein Bild vor Augen haben, überhaupt irgendein Bild, im äußersten Idealfall ein gutes, aber ich sehe vor mir einfach ein gähnendes Nichts, denn wohin sonst sollten die Entwicklungen schon führen? Es ist so gegeben und offenbar in Stein gemeißelt, dass die Institutionen, die uns allen zur Verfügung stehen, uns dienen, uns helfen, uns guttun sollten, per se keinen Wert besitzen, solange sie nur dieses diffuse Gemeinwohl, aber keinen wirtschaftlichen Profit generieren. Bildung, medizinische Versorgung, Pflege, Lebensmittelproduktion, Infrastruktur, Umweltschutz müssen Geld abwerfen, so ist das halt, wie stellen Sie sich das denn vor – um jeden Preis natürlich, und eben auch um den Preis des Menschlichen, was nebenbei bemerkt ihren eigentlichen Kern darstellt. Darstellte… (2040 werden meine Enkelkinder vielleicht im Geschichtsunterricht davon hören, Was war der Sozialstaat?, aber vielleicht wird so was wie Geschichtsunterricht auch schon 2030 aus der Mode gekommen sein.) Und ich weiß nichts mit einer Politik anzufangen, die a) ihre Parlamentszeit offensichtlich als Bewerbungsgespräch für eine anhängige Wirtschaftskarriere nutzt, b) noch den letzten völkischen Mist aufwärmt und mit diesem Quatsch unglaublich viel mediales und politisches Interesse bindet, kurz, die offenbar ihre einzige politische Aufgabe darin sieht, ein ekelhaftes Problem zu sein, c) insgesamt keine besondere Panik zu verspüren scheint angesichts der Liste von Herausforderungen für die Zukunft: Energiewende, Verkehrswende, Pflegewende, Agrarwende – und eine Wirtschaftswende, wie könnte die aussehen? Ihnen fällt sicherlich noch die eine oder andere Wende ein, die nicht unwichtig wäre, bitte anfügen nach Belieben.
Ich wünsche mir viele Dinge für die Zukunft – keine unbescheidenen übrigens. Ich möchte zum Beispiel im Sommer mit den Kindern schwimmen gehen können, und ich wünsche mir, dass wir alle das tun können. Aber die einen, denen diese Dinge wurscht sind, rufen, dass ich mir doch selber ein Haus mit Garten kaufen und einen 10.000-Liter-Pool zulegen soll, anstatt zu maulen – jeder für sich, keiner für alle, Kaufen über alles. Und die anderen, denen jene Dinge genauso wurscht sind, schreien Aber die Flüchtlinge, die Flüchtlinge! und haben ansonsten keine Meinungen dazu, dabei IST das ja nicht mal eine Meinung. Und diejenigen, denen solche Dinge ausnahmsweise nicht wurscht sind, die gucken in ihre Haushaltskasse und… ja, genau.


Foto: Grebe

SPÄTSOMMER > Lack und Leben

Garten3

Sommerhitze ist wie Fieber – macht schwitzig und lähmt. Manche haben das gern. Andern ist das, wie in vormoderner Zeit, ein Begleitzeichen von Seuche und Verfall. Hitze ist Lust und/oder Leid. Hitze ist Hochdruck. Hitze ist Dringlichkeit: Trinken Sie zwei bis drei Liter täglich!, verschlingen Sie Ihr Eis sofort, sonst schmilzt es dahin und pladdert Ihnen vor den Latz!, lassen Sie niemals Kinder, Hunde, Katzen, Schokolade, Thermopapier-Kassenbelege im Auto, auch wenn Sie bloß kurz mal __!, verwenden Sie Sonnencreme!, mit besonders hohem LSF!, sonst Krebs!, behalten Sie Ihren Kreislauf im Auge!, suchen Sie umgehend medizinische Hilfe, falls Übelkeit, Nackensteifigkeit, Bewusstseinsstörungen bei Ihnen auftreten: Sonnenstichsymptome!, achten Sie auf Ihre Mitmenschen, insbesondere ältere!, und die Bienen – stellen Sie Bienentränken auf!, vergessen Sie nicht, Ihre Hortensien dreimal täglich zu wässern!, gießen Sie Gärten, gießen Sie Bäume!, nein, verschwenden Sie kein Wasser!, lassen Sie Lebensmittel nicht ungekühlt stehen, nie!, Ihr Brot, gestern gekauft: es schimmelt!, Ihre frische Melone: schon klitschig geworden, übersüßlich, belagert von Fruchtfliegen!, Ihr Kartoffelsalat: fürchten Sie Salmonellen!, und fürchten Sie die Wespen, die Wespen!

Die Hitze krakeelt! Alles schwelt, man schmort. Bis:

Im September legt sich was übers Sonnenauge. Dass es seine Lider schließe, lässt sich nicht behaupten – November ist noch fern -, doch es besitzt eine Nickhaut: feines, durchscheinendes Gewebe, welches nun seine brennende Klarheit verdeckt.
Setzen Sie sich ein Stündchen nach draußen, an die milde Luft, ins Helle, und essen Sie… in aller Ruhe… ein Eis.
Wie schmeckt Ihnen jetzt dieses Eis?
Wie fühlt es sich an, eine Stunde lang an der frischen Luft zu sitzen, nun, da diese Stunde nicht mehr vergoldet wird von Sonnenbrand?
Die Luft sitzt nicht mehr auf Ihnen drauf wie eine herrische Katze, dick und warm, sondern rührt sich wieder, rührt sich leicht und schwingend, rührt in trockenen Blättern herum.
Aber klingt dieses Geraschel nicht melancholisch?
Meine Sonnenblumen wanken, von kleinen Windböen geschüttelt. Ich glaube, sie zittern.

Wenn Sie gern Fotos knipsen, kennen Sie das: Intensives Sonnenlicht ist der schönste Goldlack. Alles leuchtet wie von innen heraus. Eine hochsommerliche Beleuchtung veredelt selbst noch die verschrumpeltsten Erdbeeren oder das verdorrteste Rosenköpfchen.
Was nun, im September, wenn auf das ganze anstrengende Gleißen die Erschöpfungsmüdigkeit folgt? Wenn bald der Goldlack ab ist?

Gerade lese ich ein schmales Gedichtbändchen: Menno Wigman, Im Sommer stinken alle Städte.
Selten hat ein Buchtitel so schamlos recht. Bei Hitze beginnt ja die ganze Zivilisationssuppe zu kochen. Aus Eckpfützen, Bordsteinrinnsalen, U-Bahn-Sitzen und dem Saum dichter Gebüsche steigen stechende Aromen empor. Der Sommer kocht allem das Mark aus den Knochen, und vor allem uns: Es brodelt binnenmenschlich. Und zwischenmenschlich sowieso.
Das ist natürlich das blanke Leben.
Beim ersten Durchlesen wundert es mich fast, in einem Gedichtband mit solchem Titel nicht ein einziges Sommerhitze-Gedicht zu finden, aber eben nur fast: Auch ohnedem ist hier alles drückend, drängend, dräuend, alles gärt und kocht. Das Leben halt.
Hier insbesondere das Leben auf der Kippe, das Leben kurz vor oder nach dem Kippen, das Leben mit Kippe, Schnaps oder Koks.

Allgemeine Raublust! Perfektion! Paarungstrieb! (Billboards)

Es sind Abgesänge auf das Leben – das eigene, das allgemeine, das spezielle Stadtleben von Amsterdam; außerdem zwei Gedichte, die Wigman für „einsame Bestattungen“ (wo es also keine Freunde oder Angehörigen, keine sonstigen Anwesenden gibt) schrieb und dort vortrug. 33 Gedichte, die sich nichtsdestotrotz fest ans Leben krallen.

Ich kenne die Tristess von Copyshops, / von hohlen Männern mit vergilbter Tagespresse, / bebrillten Müttern mit Umzugsberichten, / den Geruch von Briefpapieren, Kontoauszügen, / Steuerformularen, Mietverträgen, / der nichtigen Tinte, die sagt, dass es uns gibt. (…) / hätt ich doch etwas Neues, etwas Neues bloß zu sagen. / Licht. Himmel. Liebe. Krankheit. Tod. / Ich kenne die Tristess von Copyshops. (Zum Schluss)

Dies „hätt ich doch“ ist so präsent, es quillt aus wirklich jeder Zwischenzeilen-Ritze. Hätt ich doch! Was Besonderes an mir, mehr geliebt, besser Bescheid gewusst, einen Plan – hätte, wäre, könnte! Nur, helfen tut’s ja doch nicht. Mal schimpft Wigman gegen diese Vergeblichkeit an, mal lässt er sich auch sachte hineinfallen; immer hält sie ihn fest an der Hand.

Viel Geschimpfe, viel Weh. Und doch: das blanke Leben halt. Wigman starb 2018, 51jährig, und wie ich hier so sitze und ein paar seiner Gedichte lese, kommt mir in den Sinn, dass er damit unmöglich einverstanden gewesen sein kann. Wer sich so sehnt, so garstig liebt und so melancholisch pöbelt, wer sich so heiß am Leben abarbeitet… So eine Hitze ist ja purer, allerschönster Goldlack. „Und doch“, spricht da der Körper, der kranke, und fragt bald nicht mehr nach Sonnenschein.


Menno Wigman, Im Sommer stinken alle Städte (Parasitenpresse) ist eine 2016 aufgelegte Auswahl von Gedichten aus Wigmans Werken ’s Zomers stinken alle steden (1997), Zwart als kaviaar (2001), Dit is mijn dag (2004), Mijn Naam is Legioen (2012) und Slordig met geluk (2016).


Foto: Grebe 2019

SPÄTSOMMER > Der dreißigste August

Das Jahr ist ein Gliedertier: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Die Lebensphasen, die stellt man sich oftmals genauso gestaffelt vor wie die Jahresphasen; überhaupt vergleicht man sie mit allen möglichen Schrittfolgen des Gangs der Natur:
Anfangs die morgendlich frische Kindheit, es folgt die mittagsheiße Blütezeit als Erwachsener, Lebensernte im Lebensherbst, schließlich die nächtlich kalte, lichtarme Endphase, wo die Dinge absterben, sich auflösen, unter die Erde gehen.

Ich schaue meinen Sonnenblumen zu, wie sie ihre Köpfe gegen den dicken Himmel stemmen – noch weiter hoch, und noch ein bisschen. Der Himmel wiederum schmilzt ihnen die Köpfe krumm und drückt sie so von sich weg, und weiter bodenwärts, und noch ein bisschen.

Spätsommer haben wir’s. Das ist, so als Jahresphase, also rein äußerlich schon, etwas massives.

August! Da waren sie, die Tage aus Eisen, die in der Schmiede zum Glühen gebracht wurden. Die Zeit dröhnte. Die Strände waren belagert, und das Meer wälzte nicht mehr seine Wellenheere heran, sondern täuschte Erschöpfung vor, die tiefe, blaue. Am Rost, im Sand, gebraten, geflammt: das leichtverderbliche Fleisch des Menschen. Vor dem Meer auf den Dünen: das Fleisch. Ihm war angst, weil der Sommer sich so verausgabte. Weil das bedeutete, daß bald der Herbst kam. Der August war voll Panik, voll Zwang, zuzugreifen und schnell zu leben.

Das stammt aus Ingeborg Bachmanns Erzählung Das dreißigste Jahr, worin ein namenloser Er (mal wird allwissend über ihn geplaudert, mal kommt er selbst zu Wort) die Dreißig als Wendepunkt in seinem Leben begreift, als eine Bewusstseinswende und auch eine Wende der äußeren Gegebenheiten, zusammenfallend mit dem Spätsommer.

Er pendelte zwischen dem Meer und der Stadt hin und her, zwischen hellen und dunklen Körpern, von einer Augenblicksgier zur andern, zwischen Sonnengischt und Nachtstrand, mit Haut und Haar gepackt vom Sommer. Und die Sonne rollte jeden Morgen schneller herauf und stürzte immer früher hinunter vor den unersättlichen Augen, ins Meer. Er betete die Erde und das Meer und die Sonne an, die ihn so fürchterlich gegenwärtig bedrängten. Die Melonen reiften; er zerfleischte sie. Er kam vor Durst um. Er liebte eine Milliarde Frauen, alle gleichzeitig und ohne Unterschied.

Als Jugendliche (Oberstufe) ließ ich mich davon total erschlagen, von dem Geruch und dem Geschmack, den diese Erzählung abgibt, von ihrer gärigen Üppigkeit, die so gefährlich nah dran ist, in Fäulnis umzukippen. Ihrer Kompostwärme. Gewitterdruck lastet auf diesen Sätzen. Mich erschlug’s wirklich – aber mitgeben konnte es mir so gar nichts. Noch nichts. Zu früh alles.

Selbst dreißig geworden, verschwendete ich dann aber keinen einzigen Gedanken an Bachmannsche Sätze. Ich hatte ein Kleinkind und einen Haufen Dinge um die Ohren und nie Schlaf, ich steckte mit dem Kopf vollauf in einem ebenso lebenswütigen Frühling, kurz, ich hatte zu tun.

Und jetzt, Mitte dreißig?

Wer bin ich denn, im goldnen September, wenn ich alles von mir streife, was man aus mir gemacht hat? Wer, wenn die Wolken fliegen!

denkt Bachmanns Er, vom Sommer getrieben, gegart, geschleift.

(…) nichts, was ich denke, hat mit mir zu schaffen. Nichts anderes ist jeder Gedanke als das Aufgehen fremder Samen. Nichts von all dem, was mich berührt hat, bin ich fähig zu denken, und ich denke Dinge, die mich nicht berührt haben. (…) Warum habe ich einen Sommer lang Zerstörung gesucht im Rausch oder die Steigerung im Rausch? – doch nur, um nicht gewahr zu werden, daß ich ein verlassenes Instrument bin, auf dem jemand, lang ist’s her, ein paar Töne angeschlagen hat, die ich hilflos variiere, aus denen ich wütend versuche, ein Stück Klang zu machen, das meine Handschrift trägt. Meine Handschrift!

Über Nacht kommt so ein Morgen, wo der Heuduft des Sommers ins Schwächeln gerät, weil er das Gewicht der Herbstgerüche von Totholz, Waldpilzen, nassem Laub plötzlich mittragen muss.
Auf den, seiner Trägheit und Hitze wegen, so quälend endlos anmutenden August folgt der September wie eine unerwartet eingetroffene Nachricht, mit der zunächst einmal nichts vernünftiges anzufangen ist.
Auf „Mitte dreißig“ folgt „fast vierzig“ wie eine Unebenheit im Boden, ein beginnendes Gefälle, worauf man nicht gefasst war.

Auf Frühling folgt Sommer, auf Sommer Herbst, dann Winter – so geht das Jahr, hat man gelernt. Doch fängt die Zählung des Jahres ja mitten im Winter an, und sein kalendarischer Mittelpunkt liegt bloß ein paar Tage hinterm Frühlingsende, und wenn der Sommer vorbei ist, beginnt schon gleich, im Handumdrehen, das letzte Jahresviertel.
Und mag man (weil man um die Ohren hat, weil man zu tun hat) auch noch so unbeirrt wähnen, in vollem Lauf unterwegs zu sein – nur einen Schritt weiter, und schon ist man da, und noch einen, schon steht man mittendrin, mit beiden Beinen: im Abschlussquartal, nicht wahr?
Im Endspurt, wo die Ziellinien drohen.


Foto: Grebe 2019

FLUGWESEN > Durch Ruhe und Sturm mit Ernst Schnabel

„Pionier des Radio-Features“ ist der legitime Ehrentitel Ernst Schnabels: großer Nachkriegs-Radiomacher, von 1951-1955 Intendant des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR), immer auch selbst Schriftsteller. Seemann war er noch dazu. Ach, und obendrein Pilot.
Übers Radio bin ich denn auch auf Schnabel gestoßen. Durch eine vierteilige Sendereihe des Deutschlandfunks, irgendwann vor ein, zwei Jahren ausgestrahlt: Zu hören war das Interview mit einem Stern, eine Hörspielproduktion des NWDR von 1951, mit Stimmen von, unter anderem, Hardy Krüger, Heinz Klevenow, auch Ernst Schnabel selbst; Regie führte Fritz Schröder-Jahn.

Nun kommen wir auch schon zu der Stelle, wo ich erzähle, wie lieb ich doch diese verstaubten Hörspiele aus der ganz jungen bis mittleren BRD-Ära habe. Die Fälle des Paul Temple. Das Totenschiff von B.Traven, oder Das Schiff Esperanza von Fred von Hoerschelmann. Die frühen Gewinner des Hörspielpreises der Kriegsblinden, wie Bachmanns Der gute Gott von Manhattan, oder Der Bussard über uns von Margarete Jehn, oder Dürrenmatts Die Panne. Klaus Kinski, den ich in Film und Fernsehen einfach nicht ertragen kann, las (oder eher: performte) 1960 für den Hessischen Rundfunk das von Horst Bienek geschriebene Ein-Mann-Stück Sechs Gramm Caratillo; 1962 sprach er die Hauptrolle im HR-Hörspiel Die Nacht allein, geschrieben von Wolfgang Graetz; beide Stücke Klassiker, an denen ich nichts Liebenswertes finde und die ich dennoch liebend gern höre.
Naturgemäß verströmen die Hörspielproduktionen aus der Glanzzeit der bundesrepublikanischen Rundfunkanstalten heute reichlich Patina, bzw. altbacksche Luft, insbesondere solche Krimihörspiele in klassischer Whodunit-Manier, die nach Faltenrock, Tweedsakko und Samtcord klingen. Aber es ist – nützt ja nichts – besonders diese Gestrigkeit, die ich an ihnen so gern hab.
Läuft ein Stück wie Die Treppe von John Whiting (eine Produktion des WDR von 1962, Regie: Wolfram Rosemann), fühle ich mich direkt zurückversetzt auf den falschen Orientteppich unterm Stubentisch meiner Großeltern, wo ich, vorzugsweise an verregneten Nachmittagen, in Zeitschriften blätterte, während meine konzentriert häkelnde Oma nebenher auf dem Fernseher einen Miss-Marple-Film laufen ließ. Häufig kam vor, dass ich unterm Stubentisch vergessen wurde und so beim Abendprogramm – oft Edgar Wallace oder Alfred Hitchcock, und viele Filme mit der jungen Senta Berger, dem jungen Hansjörg Felmy, dem ewig großartigen Gert Fröbe – heimlich mitlauschen konnte, bis mich meine Mutter, der irgendwann auffiel, dass ich längst hätte zu Bett gehen sollen, dann doch fand.

Zurück zu Ernst Schnabel: Der Name sagte mir nichts, obwohl mir durchaus einige der Hörspiele bekannt waren, die Schnabel produziert und teils selbst verfasst hatte, erst als Chefdramaturg, dann Leiter der Abteilung Wort, schließlich Intendant des Hamburger Funkhauses des NWDR, später als Mitarbeiter des NDR und des Sender Freies Berlin (SFB). Das Manuskript zu Wolfgang Borcherts Stück Ein Mann kommt nach Deutschland wurde von Ernst Schnabel und dessen Bruder Günther (damals als Hörspielredakteur für den NWDR tätig) bearbeitet; auf Ernst Schnabels Vorschlag hin änderte Borchert den Titel zu Draußen vor der Tür; seine Uraufführung erlebte das berühmte Stück nicht am Theater, sondern, im Februar 1947, als Hörspielausstrahlung des NWDR. Parallel arbeitete Ernst Schnabel an einer besonderen Art von Collage: Nachdem der NWDR dazu aufgerufen hatte, dass die Hörerschaft an einem bestimmten Stichtag, nämlich dem 29.Januar 1947, den individuell erlebten Tag beschreiben und diesen Bericht einsenden möge, entwickelte Schnabel aus den rund 35.000 Zuschriften ein zeitdokumentarisches Stück, das den Alltag der Menschen im verheerenden Hungerwinter 1946/47 widerspiegelte. Das Ergebnis wurde im Mai, inszeniert von Ludwig Cremer, der bereits bei Draußen vor der Tür Regie geführt hatte, unter dem schlichten Titel Der 29. Januar ausgestrahlt – es schrieb Rundfunkgeschichte. 1957 stellte Schnabel eine Reportage zusammen, die sich mit Anne Frank befasste. Der Verlag S.Fischer hatte den Auftrag zu einer Hintergrundrecherche ausgeschrieben, als Reaktion darauf, dass öffentliche Stimmen die Echtheit des Tagebuchs der Anne Frank anzweifelten. Schnabel fand und interviewte Menschen, die Anne Frank begegnet waren, in den Niederlanden oder in Bergen-Belsen, setzte sich mit Kontakten in Deutschland, Holland, der Schweiz und Kanada in Verbindung und trug seine gesammelten Texte zu einem Feature zusammen, das 1958 im Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt wurde. Unter Regie von Fritz Schröder-Jahn und besetzt mit bekannten Sprechern wie Heinz Klevenow und Hans Paetsch, wurde Anne Frank. Spur eines Kindes zu einem Radio-Ereignis, das – auch in Buchform – in viele Sprachen übersetzt und mehrfach preisgekrönt wurde.
Die ARD-Hörspieldatenbank listet allein 25 Stücke des NWDR, NDR, WDR und SWF, die Ernst Schnabel als Autor verantwortete. Darüber hinaus gibt es eine große Anzahl von Hörspielen und Reportagen für den Rundfunk, die er redaktionell oder als Produzent bearbeitete, begleitete, vorantrieb. Alfred Andersch nannte Schnabel einen wahren „Geheimschreiber“: Ein großes Talent, noch dazu wahnsinnig produktiv – leider eben für den Hörfunk. Als AutorIn dieses Mediums schrieb man für ein ungemein großes Publikum, das allerdings nur selten nach Namen fragte. Mithin schafften es nur wenige Rundfunkmacher (fallen Ihnen irgendwelche Rundfunkmacherinnen ein?) in die Annalen der Nachkriegsliteratur, in den Kanon für den Deutsch-Leistungskurs. Dabei hatte Schnabel bereits vor seiner Rundfunkzeit mehrere Bände seiner seemännischen Erzählungen veröffentlicht. Und auch später erzielte er durchaus den einen oder anderen Erfolg auf dem Buchmarkt. Der sechste Gesang beispielsweise: Nicht nur das NWDR-Hörspiel (Erstausstrahlung 1955, Will Quadflieg sprach den Odysseus), sondern auch die bei S.Fischer verlegte Textausgabe seiner sehr gegenwärtigen Odyssee-Adaption ließen aufhorchen. Und doch ging Schnabel so erschöpfend im Rundfunk auf, dass keine Energie blieb, um sich als freier Schriftsteller nachhaltig zu etablieren; sein Tod 1986 wurde ohne sonderlichen Feuilleton-Rummel zur Kenntnis genommen.
Zu Schnabels erklärten Lieblingsautoren zählten Joseph Conrad, Herman Melville, Ernest Hemingway. Das spürt man seinen eigenen Texten durchaus an. Er schrieb jedoch nicht bloß im Geiste klassischer Weltenbummlerliteratur, er lebte auch so – wobei Schnabel nicht etwa als markiger Abenteuer in Erscheinung trat, sondern einfach als ein Süchtiger nach Beobachtung. „Ernst Schnabels Werk wird niemals etwas anderes sein, als die fortlaufende Beschreibung seiner großen Liebesaffäre mit der Erde,“ schrieb Andersch über seinen Radiokollegen.

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Interview mit einem Stern, 1951 im NWDR erstausgestrahlt und parallel im Claassen Verlag Hamburg als Buch herausgegeben (eine wunderschöne Ausgabe übrigens, versehen mit vielen zeitgeistsatten Zeichnungen von Gerhard C. Schulz), ist die Dokumentation einer Weltumrundung mit dem Flugzeug. Und ein Seelenbericht. Eine Textcollage… Wie soll man’s benennen? Noch einmal Alfred Andersch: „Ob der Funk schon begriffen hat, was ihm an jenem Abend im NWDR widerfahren ist? Er hatte eine Reportage bestellt und bekam eine Dichtung.“ 
Schnabels Idee zu diesem, ja, Feature ging zurück auf eine Erfahrung aus seiner Zeit auf See, die ihn ungebrochen umtrieb: Er hatte auf seinen Schiffsreisen, wie man so schön sagt, die ganze Welt gesehen – nur eben nicht als ein Ganzes, nicht an einem Stück. Die unzähligen Bilder, die er mit den Jahren sammelte und die, sollte man meinen, zusammengesetzt doch ein ungemein rundes Weltbild ergeben müssten, bewirkten aus Schnabels Sicht vielmehr ein Gefühl von Weltzersplitterung. Nun aber, da der technische und logistische Stand der Dinge eine Reise um die Welt in deutlich weniger als 80 Tagen möglich machten, reizte es Schnabel, eine solche Flugreise zu unternehmen, um die Welt doch einmal als ein Ganzes erfahren und begreifen zu können.
Der Marathon nötiger Vorbereitungen zu jener Reise gestaltete sich freilich aufwändiger und langwieriger als am Ende die Reise selbst…
Bedenken Sie, wir befinden uns im Jahr 1951. Nicht etwa der Terminplan, sondern die Meteorologie bestimmt in dieser Zeit die Flugverläufe, und so sitzt unser Weltenbummler, nach Anreise aus Hamburg mit Zwischenstopp in Berlin, zunächst einmal in einem Münchener Hotel fest, weil seine Maschine wegen des Wetters noch nicht ins Abenteuer aufbrechen kann. (Anhand solcher Schilderungen begreift man, wie tief der internationale Passagierflugverkehr hier in den Kinderschuhen steckt.)

Dort saß er mit gesenktem Kopf. Grün vor Ärger wegen des Nebels. Weiß vor Erschöpfung, denn er hatte zweieinhalb Monate lang mit verschiedenen Konsulaten verhandelt. Die Brust durchbohrt von vielen Injektionen, denn man hatte ihn gegen neunundneunzig Krankheiten geimpft, einschließlich der Pest, von der er eigentlich angenommen hatte, sie sei nur eine Erfindung französischer Schriftsteller. Kurz: Er saß im Bett und ließ den Kopf hängen. Aber dann raffte er sich auf (…) und notierte: „Noch immer in München. Der Start wurde auf morgen verschoben. (…) Aber ich habe das Flugzeug schon gesehen. Eine große viermotorige Constellation. Sie stand silbern im Schnee und Nebel, von allen Scheinwerfern des Flugplatzes angestrahlt, und ihre Flügel warfen große schwarze Schatten in die Nacht. Am Bug steht ihr Name: Clipper GOLDENES VLIES; darüber, den ganzen Rumpf entlang: PAN AMERICAN AIRWAYS. (…) Das ganze Ungeheuer ist dreimal so hoch wie ein Elefant und länger als ein Walfisch, es ist schwerer als fünfzig Autos und so stark wie ein Zehntausendtonnendampfer – und stand dennoch im schwebenden Nebel: graziös, makellos und geheimnisvoll wie ein Einhorn.“

Auch das zeichnet die Pionierzeit jenes Verkehrssektors aus: Man begegnet dem Flugzeug mit einer gehörigen Portion Romantik (die man sich in der Epoche der Billigflieger natürlich längst abgewöhnt hat).
Es ist nicht allein meine Schwäche für Antiquiertes, die mir das Hörspiel (wie auch das Buch) auf Anhieb sympathisch machte. Als Dokument seiner Zeit konserviert Schnabels Interview mit einem Stern, unserem Stern, eine Ansicht dieser Welt, die heute so vollkommen verschwunden ist – die ja schon verschwunden war, während ich noch auf dem falschen Orientteppich unterm Stubentisch lag und in Magazinen blätterte, in Zeitschriften voller Namen wie Kohl, Gorbatschow, Mitterrand, Honnecker, Reagan.

Von welcher Welt ist hier eigentlich immer die Rede? …Mittwoch, 17.05. Uhr – Anschluß nach Kairo, Mekka und Bagdad. An Kalkutta: Donnerstag, 20.15Uhr. – Anschluß nach Colombo und Mandalay. An Honkong: Freitag, 11.10Uhr. – Anschluß nach Manila, Sidney und Hawai. An Tokio: Sonntag, 5.00Uhr. – Anschluß nach… Das ist die Welt… Nein, es ist nur der Fahrplan in der linken Rocktasche unseres Reisenden.

Von welcher Welt reden wir also?
Es ist – ja, genau: 1951. Der Zweite Weltkrieg steckt dieser Welt noch spürbar in den Knochen. Das Berlin, welches von Schnabel überflogen wird, sieht mit seinen noch immer zahllosen Ruinen von oben aus wie Gestrüpp aus Stein und Schrott, und es ist voll und ganz Militärzone. An so vielen Orten sichtet der Reisende Zeichen von Krieg: Zwei Tage später zieht unter dem Clipper der PAN AM ein Gebiet dahin, das Indochina heißt, und dort kämpfen französische Truppen und Fremdenlegionäre gegen Viet Minh, seit fünf Jahren schon, und es wird noch ein paar Jahre so weitergehen, und danach wird der Indochinakrieg Vietnamkrieg heißen und erst in etwa 24 Jahren nach diesem Flug des Clippers allmählich enden, und was sich daran anschließen wird, ist die Zeit der Roten Khmer… Am sechsten Tag: Tokio. Noch so eine Hauptstadt, die Schnabel als Nachkriegsschauplatz erlebt:

In den Parks wurde der Schutt zusammengefahren. Die Löcher in den Straßen sind nur notdürftig wieder aufgefüllt.

Im Nachbarland Korea hat erst im vorigen Jahr ein internationaler Krieg begonnen.

Ich hatte eine Blutplasma-Spende deutscher Angestellter der PAN AMERICAN AIRWAYS für die Truppen der Vereinten Nationen mitgebracht und rief das Hauptquartier an. General MacArthur war nicht in der Stadt, und ich übergab die beiden Behälter am Abend einem amerikanischen Piloten. Ich habe vom Koreakrieg in Tokio nichts gespürt. (…) Aber wie ich den Telefonhörer in der Hand hatte und zuhörte, wie ich von einer Stelle zur anderen verbunden wurde im Hauptquartier und das Gesumm hörte, halb Elektrizität, halb Stimmen im Hintergrund, da war es, als horchte ich in einem großen, präzisen, schnurrenden Roboter hinein.

Auch das ist Krieg: eine schnurrende Maschinerie…
Es ist 1951. San Franzisko schreibt der Reisende noch selbstverständlich mit k.
Oft verschränkt Schnabel den Blick aus dem Flugzeugfenster mit den Schlagzeilen der (jeweils beim letzten Stopp eingeholten) regionalen Zeitungen, die von der Stewardess gereicht werden – soweit er diese lesen kann. Er erzählt von Gesprächen mit Reisebegleitern und Einheimischen.
Mal stellt er Unterschiede zwischen Flug- und Schiffsreise heraus. Andermals findet er die eigentümliche Atmosphäre, die an Bord eines Schiffes herrscht, an Bord des Flugzeugs sehr genau wieder:

Ich bin im Morgengrauen im Cockpit gewesen. Es war, wie alle meine Morgenwachen auf See gewesen sind: Ein halbes Licht in der Kanzel. Vor dem großen, halbrunden Bugfenster der bleigraue Himmel, darin die Silhouetten der beiden Piloten, die Köpfe, die Schultern, die Hände auf den Rädern der Steuerknüppel. An der Wand eine Mütze, die sich sacht hin und her bewegt. Alles andere dunkel. Ein blauer Lichtkegel über dem Tisch des Funkers. Eine zweite Lichtinsel auf dem Tisch des Ingenieurs. Und überall im Finstern das vibrierende Phosphorlicht der Kontrollröhren und Skalen ohne Zahl. Und die selbe überwache Vor-dem-Morgen-Stille wie auf den Schiffen. Jeder hat einen eigenen Punkt, auf den er starrt, und alle fürchten in sich, daß einer etwas sagen könnte. Natürlich sagt dann einer etwas.

Die Zeiten von vibrierendem Phosphorlicht im Cockpit sind heutzutage ebenso lange vergangen, wie es viele der Landesnamen und die meisten der Zahlen sind, mit denen Schnabel hantiert, beispielsweise zur Größenordnung von Städten. Oder zum Stand der Weltbevölkerung:

(…) wenn man uns alle auf einem Feld versammelte, alle zwei Milliarden, die es gibt – ein Feld von fünfundzwanzig Kilometern im Quadrat wäre groß genug für uns, und das Flugzeug hätte uns in vier Minuten überquert!

1951. Diese Welt verbindet noch unmittelbar etwas mit dem Wort Weltkrieg, aber noch lange, lange nichts mit dem Begriff Globalisierung. Die erste Weltumrundung per Flugzeug liegt gar nicht so undenkbar weit zurück; sie wurde 1924 von amerikanischen Piloten durchgeführt, die dafür 157 Tage benötigten. Der erste weltumrundende Nonstopflug wurde 1949 – vor zwei Jahren erst – von einem US-Piloten absolviert und dauerte knapp vier Tage.
Die verschiedenen Clipper der PAN AMERICAN AIRWAYS, mit denen Schnabel unterwegs ist, führen ihn in neun Tagen um die Welt, inklusive Zwischenaufenthalten. Nicht einfach, die diversen notwendigen behördlichen Papiere für eine Weltumrundung als Flugpassagier zu beschaffen. Zumal als Bürger der Bundesrepublik Deutschland: Der Weltkrieg ist kaum sechs Jahre her, die diplomatischen Verhältnisse gestalten sich im Allgemeinen kompliziert, und noch komplizierter steht es um den Status der jungen Bundesrepublik – erst im Juli werden die Westalliierten die formelle Beendigung des Kriegszustandes mit Deutschland beschließen, und das Besatzungsstatut wird noch solange bestehen bleiben, bis die Pariser Verträge 1955 die Westintegration der BRD fixieren und ihre Teilsouveränität herstellen werden, was 1951 alles noch einigermaßen in den Sternen steht.
An den Sputnik ist noch nicht zu denken. Und die ersten Fotoaufnahmen, die unseren Stern aus dem All zeigen und ihn uns als ein Ganzes erkennen und begreifen lassen – blau und wolkenmarmoriert, inmitten von überwältigendem Schwarz –  wird erst die Raumfahrtmission Apollo 8 liefern. In siebzehn Jahren.

Die Sonne strahlt flüssig und lackiert den Himmel.

Über den Wolken ist es still. Hier herrscht eine Ruhe, die vor den Fliegern nur die Gestirne kannten. Stürme, Kriege, Fabriklärm, große Feste – die Welt von 1951 trägt ihren Lärm nicht heran an die Clipper, die entlang der Tropopause, in 5000, 6000 Metern Höhe fliegen. Aber ihr Licht schon. Und diese winzigen Punkte auf der Oberfläche, die Menschen sind, verraten durch all die Lichter, die sie nachts entzünden, wieviel Unruhe unterhalb jener stillen Zone herrscht, bei den Menschen, in den Menschen.

Ich sah die Lichter aufflammen und ausgehen, in Athen, wie’s Abend wurde, in Damaskus, am Euphrat, in den verlorenen Dörfern von Bengalen und die unheimliche Glut von New York um Mitternacht. Ich weiß keinen guten Rat für uns. Wir verbreiten viel Unruhe. Aber manchmal ist es, als mache sie den kleinen, ausgeglühten Stern, auf dem wir wohnen, wieder leuchten.

Schnabel macht später selbst den Pilotenschein. Wird Hobby-Flieger und betätigt sich bei Gelegenheit auch fürs Fernsehen als Pilot. 1955 veröffentlicht er Die Erde hat viele Namen (ein Titel, mit dem Schnabel einen recht direkten Anschluss zum Interview mit einem Stern herstellt, das mit ebendiesem Satz endet), eine Sammlung von Texten übers Fliegen.
Vermisst man aber, so hoch droben, nicht vielleicht doch früher oder später einmal die Berührung mit der Unruhezone? Als Seemann war Schnabel freilich näher dran am Brausen der Hafenstädte, am Brausen der Stürme…

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Über lange Zeit war Schnabel von der Idee bewegt, einen Roman zu schreiben, worin es um einen Tropensturm von September 1861 gehen sollte – einen richtigen, einen ambitionierten Roman; womöglich einen von der Sorte, die man so im Sinn hat, wenn man sich ausgiebig mit Joseph Conrad beschäftigt. Nebenher, im Privaten, verfasste er allerhand Material, das einmal Roman werden sollte. Sieben Opfer jenes Hurrikans, die an Land gespült und dort nebeneinander liegend aufgefunden werden, sollen zur Geschichte ihres Ertrinkens „befragt“ werden, ihr „Erzählen“ soll zugleich den Verlauf des Unwetters rekonstruieren; Schnabel schrieb da gewissermaßen an seinem „Interview mit einem Sturm“.
Sie wird wohl ungebrochen gewesen sein, die Sehnsucht nach dem Rauschen, ach was: dem Rausch des Meeres. Und vielleicht war sie vor allem dies: eine Sehnsucht nach dem großen Sturm.
Was von diesem Romanprojekt blieb, ist ein Textkörper, der unter dem Titel Hurricane, oder Die Nachrichten aus der Gesellschaft irgendwo, irgendwann in den 70ern gedruckt wurde. (Mir liegt er in einer kleinen dtv-Ausgabe von 1984 vor, die mit Auf der Höhe der Messingstadt noch einen weiteren Prosa-Anlauf Schnabels beinhaltet.)

Es ist schnell gesagt, was in dieser Stunde mit dem Meer geschah: es wurde aufgerollt. Die blendend wellende Seidenbahn, die seine Oberfläche überspannt, wurde zerfetzt und von fauchenden Böen nach Norden getrieben, und drunter kam das bloße Meer zum Vorschein, wie es ist, wenn keiner es sieht.  (…) man konnte kaum atmen. Es gab jetzt keine Luft mehr, nur Gischt, der zog. Ich hatte das noch nie gesehen. Der Gischt zog, wie Schnee, wenn Sturm ist, ziehen kann, oder wie ein weißes Feld. Wir lagen alle acht im Boot. Ich weiß nicht, wer noch lebte. Ich habe doch gesagt, dass es vollgeschlagen war. Der Harpunier lag neben mir. Ich hielt mich an ihm und an der Ducht fest. Da hat er noch gelebt. Wir brauchten jetzt kein Wunder. Es war eins, daß das Boot nicht umgeschlagen war.

Hurricane, diese Sturmgeschichte, löst sich zum Ende hin in sich selbst auf – nicht anders also, als auch Stürme zu enden pflegen. Vielleicht reichte bloß Schnabels Zeit nicht aus, um neben Rundfunk und Familie auch noch dieses Projekt zu pflegen. Vielleicht war das mit der Prosa aber auch einfach nicht sein Ding, könnte man meinen, und dieser Gedanke liegt umso näher, als es Schnabel für geboten hielt, seine Prosabeschreibung eines Sturms zur See um den ausführlichen Erlebnisbericht eines Sturmfluges zu erweitern, den er 1965 unternommen hatte: Im Auftrag des NDR war Schnabel „nach Karibien gereist, um an Aufklärungsflügen der Hurricane Hunters der 53rd US Weather Reconnaissance Squadron teilzunehmen, die an der Nordwestküste von Puerto Rico stationiert“ waren. Sein Bericht erfolgte in Form von Briefen, die Schnabel im August und September ’65 alle paar Tage verfasste. Er nimmt darin zu Anfang Bezug auf seinen begonnenen und doch verworfenen Roman, auf den Tropensturm von 1861, auch auf einen Jungen namens Hamilton, der 1772 in Briefen an seinen Vater beschrieb, wie er einen Hurricane auf der Insel St.Croix erlebt hatte. Und dann ist es soweit, und es kommt ein Wirbelsturm heran, den die Aufklärungsflieger durchmessen wollen.

Als ich ins Hotel zurückkam, lag da eine Nachricht für mich beim Portier: Die Hurricane-Jäger hatten angerufen, ich solle um drei in der Nacht auf dem Flugplatz sein. Um drei also. Jetzt.

Das wird ein anderer Flug, als das neun Tage währende, besinnlich-stille Gleiten überm Planeten, was Schnabel im Interview mit einem Stern beschrieb.

Der Colonel sitzt im linken Pilotensitz. Ich stehe halb hinter ihm, an der seitlichen Verglasung der Kanzel. Wir haben ausgemacht, daß ich mich nicht anzuschnallen brauche – ich würde sonst nichts sehen können -, aber wenn mir der Colonel ein Zeichen gibt, werde ich mich auf den Boden des Cockpits setzen, den Rücken gegen den Batterien-Kasten stemmen, die Füße gegen die Verstrebung des Armaturenbretts und gegen den Pilotensitz.

Man nähert sich dem Gebiet des Hurrikans:

Zwischen dem Schleier in der Höhe und den Passatwolken unter uns steht jetzt eine blau-rosa Wolkenbank über der Kimm. Ein Blick auf die Sonne: sie sieht aus wie überfroren von ganz dünnem Eis, das man mit der Fingerspitze eindrücken könnte, und sie hat zwei riesenhafte Höfe.

Gegen 7.30 Uhr erreicht die Maschine die Sturmspirale und begegnet augenblicklich der Sintflut. Massen von Wasser umfließen das Flugzeug, dessen Rotoren nun zu Schiffsschrauben werden; die Sichtweite liegt bei Null. Gegen jeden der geschwungenen Arme des Wirbelsturms wütet die Maschine an wie gegen massive Wände.

Trotz des Gedonners von 20.000 PS ist das Krachen zu hören.

Als der Colonel das vereinbarte Zeichen gibt, hat sich Schnabel schon selbst in der Schutzposition verkeilt. Das Tosen wird allumfassend, das Flugzeug „rennt sich den Kopf ein“, bis es gegen 7.45 Uhr in das Auge des Sturms eintritt.

Ein zitronengelbes Licht fetzt durchs Cockpit. Die Verglasungen färben sich rosa – gelb – silbern – reiner Glanz. Der letzte Schlag trifft uns, und ich taumle gegen die Wand. Dann liegen wir still und wie ein Brett in der Luft. Über uns Sonne. Vor uns eine Halle, ein ungeheurer Dom aus schwellenden Marmorwänden. (…) Es ist nicht ausdenkbar, dass sie uns mit dreihundert Stundenkilometern Geschwindigkeit umkreisen, guter Gott…

Am Folgetag ordnet Schnabel seine während des Fluges gekritzelten Notizen. Und stellt fest, was das grundlegende Problem ist, welches verhindert, dass sich das Erlebte und dessen dokumentarische Beschreibung in genauen Einklang bringen ließen: Je intensiver es wird, desto weniger lässt sich das Geschehen, worin man selbst bis über beide Ohren steckt, überhaupt noch erfassen.

Wir merkten zu wenig von alldem. Wir merkten zuviel von uns selber.

Schnabel schließt seinen letzten Hurrikan-Brief und im selben Augenblick auch seinen alten Romanversuch mit einer Momentaufnahme vom Rückflug aus dem Wirbelsturm. Und die enthält einen Satz, den Schlusssatz, der alles Hadern erklärt und verteidigt, das nur je ein Mensch kannte, der etwas viel zu Großes erlebte und davon hätte erzählen sollen.

Um diese Zeit saßen wir schweißüberströmt und mit vagen, übernächtigen Gesichtern in der Kanzel des Flugzeugs und tranken Kaffee aus dem Thermostank. Wir hatten alle dasselbe halbe Grinsen im Gesicht, der Colonel vielleicht ausgenommen, der nicht mehr weiß, in wie vielen Hurricanes er schon gewesen ist, und seine Maschine die ganze Zeit über geflogen hatte, als säße er im Führersitz einer Straßenbahn. Wir anderen aber hatten dieses genierte Lächeln. Es war eine verlegene Miene, die wir aufgesetzt hatten, und ein Fremder hätte uns vielleicht die Erschöpfung angesehen, das Staunen und das Nichtglaubenkönnen, das nicht vorüber war, im Gegenteil: jetzt fing es an. Vielleicht hätte er auch unsere Hilflosigkeit durchschaut, diese Unfähigkeit, jemals ganz genau sagen zu können, was wir mitangesehen hatten. Wir fühlten sie kommen. Es war die Niederlage. Wir wußten, daß man uns fragen würde und daß wir es nie ganz würden sagen können.


Das Beitragsbild zeigt S.24/25 aus dem Interview mit einem Stern in der Ausgabe des Claassen Verlags, Hamburg von 1951

FLUGWESEN > Die Ruhe über dem Sturm

Der Kleine Prinz. Der Große Kitsch. Das denke ich unausweichlich, sobald ich den Namen Antoine de Saint-Exupéry höre. Dabei kann der Autor selbst ja nichts für prinz- und mondförmige Plätzchenausstecher, für diese Geschenkbüchlein und Wandtattoos, für all die pastelligen Jutebeutel, Bademäntel, Windlichter mit geschnörkeltem „Man sieht nur mit dem Herzen gut“-Aufdruck. Na, meine Empörung ob dieser Verramschung hält sich einigermaßen in Grenzen, ich mochte den Kleinen Prinzen nie so herzlich (aber auch dafür kann der Autor selbst freilich nichts).

Neben dem Kleinen Prinzen treten Saint-Exupérys übrige Texte weit, sehr weit in den Hintergrund. In der Schulbibliothek damals, da lagen auch seine Fliegerromane aus (als da wären Der Flieger, der Südkurier, der Flug nach Arras, außerdem Wind, Sand und Sterne). Ich musste neulich daran denken, als mir zufällig der Nachtflug in die Finger geriet, denn auch den hatte ich so mit 13, 14 mal mit nach Hause genommen, aber wohl bloß angelesen. Sonst hätte ich mich an eine Szene, diese bestimmte Szene sicher erinnert.

Woran ich mich zunächst zu erinnern meinte, ist dass es in Nachtflug um Transportflüge gehe, und um Südamerika, und dass die Schreibe eher neutral, berichtend sei. Und weil ich noch dazu den Umschlag so bestechend schlicht und schön fand, nahm ich dieses stark nach altmodischer Duftseife riechende Büchlein also doch mit nach Haus.

Tatsächlich beschäftigt sich Nachtflug mit den ersten argentinischen Luftpost-Fliegern, deren heroische Pionierleistung darin bestand, ihre Routen auch während der Nachtzeit zu bedienen, um zeitlich optimierte Transportverläufe zu gestalten und somit den Vorsprung des Schienenverkehrs und der Schifffahrt gegenüber dem Luftfrachtwesen aufzuholen. Kurz: Es geht um wahre Helden am Steuerknüppel.

Wieso dieser mitunter arg pathosgeladene Ton des Romans in meiner Erinnerung einfach nicht vorkam, kann ich mir nur so erklären, dass ich während der Pubertät ziemlich pathosblind gewesen sein muss, weil ich ja leider selbst eine solche Pathosschleuder gewesen war (Überbleibsel meiner alten Tagebücher bezeugen das aufs Blumigste). Nun: Nachtflug erschien 1931 und war wohl nicht zuletzt ein Kind seiner Zeit, der es kräftig nach Technik, Fortschritt und unerschrockenen Helden gelüstete.

Dabei sind die Flugbeschreibungen im Roman zumeist sehr schön zu lesen. Sie vermitteln etwas von der Stille über den Dingen, und sie zeigen viel von der damals noch so spartanischen, behelfsmäßigen Einrichtung jener Flugzeuge, mit denen die Flieger nach festem Zeitplan den Himmel zu erobern hatten; auch die gelegentliche Langeweile auf Routineflügen verschweigen sie nicht.

Die Nacht, die Lichter: am Boden die nächtliche, den Sternbildern gleiche Beleuchtung der Farmen, Kleinstädte, Metropolen, welche vor den Fliegern noch kein Mensch von oben sah, und an Bord nur der schwache rote Schimmer der Instrumente. Wie mag es in einem Menschen ausgesehen haben, der ein solches Flugzeug (nichts als ein dröhnender Motor, umhüllt von bloßem Stahlblech) durch diesen hohen, schwarzen und ihm so fremden Raum steuerte, worin er, der Natur nach, rein gar nichts zu suchen hatte, nicht anders als in der Tiefsee oder im Weltall?

Pilot Fabien steuert den Patagonienkurier zurück nach Buenos Aires. Mit an Bord: sein Funker. Der hat unterwegs Meldungen über entfernte Gewitter erhalten und fragt Fabien, ob er in San Julian zwischenzulanden gedenke, man könne dort übernachten. Was freilich Verspätung bedeuten würde.

Fabien lächelte: Der Himmel war still wie ein Aquarium, und alle Stationen vor ihnen meldeten: „Klare Luft, kein Wind.“ Er antwortete: „Fliegen weiter.“ Aber der Funker dachte an die Gewitter, die sich sicher da irgendwo eingenistet hatten, wie Würmer in einer Frucht; mochte die Nacht noch so schön sein, sie war doch schon angefressen; etwas in ihm sträubte sich dagegen, sich in dieses verwesungsreife Dunkel hineinzubegeben.

Buenos Aires, Comodoro Rivadavia, Bahia Blanca, Trelew – die Funksprüche dieser Stationen vermelden im Verlauf der Nacht tatsächlich das Aufziehen einer viel größeren Gewitterfront, als es zu Reisebeginn absehbar gewesen wäre. Fabien und sein Funker bekommen es im Folgenden nicht allein mit den gewohnten Unwägbarkeiten eines Nachtflugs zu tun, sondern mit einem Zyklon.

Die Kapitel berichten wechselnd aus der Sicht des Pilotens Fabien und des Direktors Rivière, der den Luftfracht-Stützpunkt Buenos Aires leitet und für das Flugnetz verantwortlich ist. Kein Sympath, dieser Rivière. Ein Unnahbarer, der mit der Etablierung der Nachtflüge nicht allein eine berufliche, sondern vielmehr eine idealistische Aufgabe verfolgt: Dienst am Fortschritt des Flugwesens ist Dienst an der Menschheit. Der Direktor lässt keine Fehler, keine Lässigkeit durchgehen und führt seinen Stützpunkt mit harter Hand. Mitunter verunglücken seine Piloten, sie sterben. Rivière trägt schwer an dieser Verantwortung, doch er trägt sie – jawohl: wie ein Mann.

Das Herz preßte sich ihm zusammen, wenn er an die beiden Männer da oben dachte. (…) Er sah Gesichter, in die goldene Geborgenheit des Lampenscheins gesenkt. Im Namen wessen habe ich sie herausgerissen? Im Namen wessen sie ihrem privaten Glück entzogen? Ist es nicht erstes Gesetz, solches Glück zu behüten ? – Und dennoch: eines Tages, unvermeidlich, schwinden diese goldenen Glücksbereiche ohnedies dahin wie Luftspiegelungen. (…) Vielleicht gibt es etwas anderes, Dauerhafteres, das es zu bewahren gilt? Vielleicht ist es dieses Teil des Menschen, um dessentwillen ich arbeite?

Die Sorge um seine Piloten wie ein Mann zu tragen, heißt für Rivière, die Veredelung des Menschen an sich über den einzelnen Mann zu stellen – sowohl über seine Piloten in der Luft als auch über sich selbst, der ebenso einsam und ungeachtet seiner Gefühle seine Pflicht erfüllt. Rivière, der eiserne, stille Held im Dienste des Menschheitsfortschritts.

Und was hieße, die Sorge um einen Piloten zu tragen wie eine Frau? Das zeigt sich, als Fabiens schöne Angetraute („Herr Direktor…sie waren erst seit sechs Wochen verheiratet…“) voll Angst um ihren geliebten Mann, der sich inzwischen so sehr verspätet hat, den Direktor des Stützpunktes aufsucht. Das Weib ist eben ein weiches Wesen und hat nur Liebe, Glück und Traulichkeit im Sinn. Ehre und Unsterblichkeit dagegen sind Begriffe, die sich freilich bloß dem echten Manne erschließen, n’est-ce pas? Sie erinnern sich, es ist 1931.

Rivière, die gesamte Flugleitung und die Bodencrew in Buenos Aires warten also auf die ungewisse Ankunft des Patagonienkuriers – seinetwegen droht die weitere Flugplanung aus dem Takt zu geraten. Als endlich das fatale Ausmaß des Unwetters von der Leitstelle erkannt wird, befinden sich Pilot und Funker längst in höchster Not, wirbeln orientierungslos im Sturm umher. Kein Verlass mehr auf die Instrumente. Kein Landen, nirgends. Und während Fabien seine gesammelten Kräfte aufbringt, um seine von der Übermacht des Sturms angegriffene Maschine zu halten, geht der Treibstoff allmählich, unweigerlich zur Neige.

Man begreift: Dieser Sturm ist ein Gefecht. Hier kämpft ein Soldat. Und am Boden? Steht mit Rivière ein General auf Gefechtsstation, der erhobenen Hauptes die Erkenntnis hinnimmt, seine Männer in den Tod geführt zu haben, via Flugplan. (Ach, diese kernigen Männer, und dieser Sterbestolz! Diese Hingabe an die höheren Dinge! Meine hübsche Buchausgabe: die Farben der französischen Trikolore auf schwarzem Grund, wie Nacht, oder wie Trauerflor.)

Denn es kommt ja, wie es kommen muss: Dass der Patagonienkurier es nicht durch den Sturm schaffen wird, ist kein Spoiler, sondern eine Gewissheit, auf die der Text bereits früh zusteuert. Zwar ließe der Plot stets Spielraum für ein gutes Ende, doch der von Beginn an so weihevolle Ton nimmt allzu spürbar den Gesang auf den toten Helden vorweg.

Um 1930 herum war Saint-Exupéry selbst als Betriebsdirektor der Argentinischen Luftpost-Gesellschaft daran beteiligt, landesweite und landesübergreifende Luftfrachtlinien einzurichten und die damals noch hochriskanten Nachtflüge als logistische Praxis durchzusetzen. Er war jenerzeit vielleicht selbst mal ein Fabien und mal ein Rivière. Oder vielleicht wäre er bloß gern so unerschütterlich, so eisern gewesen. Wer weiß.

Ich lese dieses Büchlein zum Einschlafen, was soviel heißt wie: Ich erwarte von ihm keine großen Überraschungen. Aber es gibt eben doch diese eine, diese bestimmte Szene.

Bevor ich nun wirklich spoilere, erkläre ich den Beitrag an dieser Stelle für diejenigen, die geneigt wären, das Büchlein selbst zu lesen, für beendet.

Für die übrigen jedoch:

Es gibt diese Szene, da weiß sich der rettungslose Fabien nicht mehr anders zu helfen. Er reißt die Maschine nach oben, hinauf, nur hinauf, denn er will die beiden Leben, für die er verantwortlich ist, seines und das seines Funkers, nicht einfach dem Sturm überlassen. Die gesamte Südhälfte des Kontinents ist bedeckt von brüllenden Böen und Wolkengebirgen, der Zyklon zerrt mit aller Macht an der Maschine, und weil der Pilot hier keinen Ausweg mehr erkennen kann, sucht er ihn hoch droben, über dem Sturm. Findet er ihn dort nicht, gibt es ihn nirgends. „In dreitausendachthundert über dem Gewitter abgeschnitten“, lautet die letzte Funknachricht des Patagonienkuriers, und: man habe noch Betriebsstoff für „eine halbe Stunde.“ Nirgends also. Aber diese Endstation, welche Fabien und sein Gefährte hier erreicht haben, ist ein wahres Wunderwerk aus Sternenlicht und Stille.

Fabien tauchte empor. Staunen überwältigte ihn: die Helligkeit war so, dass sie blendete. Er musste sekundenlang die Augen schließen. Er hätte nie zuvor geglaubt, dass Wolken bei Nacht blenden könnten. (…) Das Wettergewölk unter ihm war wie eine andere Welt, dreitausend Meter dick, von Böen, Wasserwirbeln, Blitzen durchrast; aber die Oberfläche, die es den Gestirnen zukehrte, war von Kristall und Schnee. Es war Fabien zumute, als sei er in Zaubersphären geraten, denn alles wurde leuchtend, seine Hände, seine Kleider, seine Tragdecks, und das Licht kam nicht von den Gestirnen herab, sondern löste sich, unter ihm und rings um ihn her, aus dieser weißen Fülle. (…) Fabien sah sich um und sah, dass der Funker lächelte. „Besser hier!“, schrie er. Aber die Stimme verlor sich im Dröhnen des Flugs, Lächeln war die einzige Verständigung. Ich bin vollkommen wahnsinnig, dachte Fabien, dass ich hier lächle: wir sind verloren. Gleichviel: tausend schwarze Arme hatten ihn freigegeben. Zu schön, dachte Fabien. Sie irrten unter Sternen umher, dichtgehäuft ringsum wie ein Schatz, in einer Welt, wo nichts, absolut nichts Lebendiges war außer ihm, Fabien, und seinem Gefährten. Gleich jenen Dieben im Märchen, die in die Schatzkammer eingemauert sind, aus der sie nicht wieder herauskommen werden. Unter eisfunkelndem Geschmeide irren sie umher, unermeßlich reich, doch zum Tode verurteilt.

Ein Geisterzone, zwischen Erde und All, zwischen Leben und Tod. Ein Bild von Erlösung und zugleich von Abschiednahme. Und natürlich steckt in dieser Szene, in diesem In-den-Himmel-kommen wieder eine gute Portion Helden-Überhöhung. Meinetwegen.

Wie muss das sein, so ein Flug? Ich bleibe ganz und gar hängen an dieser Stelle und schlafe schließlich über ihr ein, weil sie mich so davonzieht. Ein halber Kontinent voll von schwarzem, wütendem Sturm, drei Kilometer dick und horizontweit, darüber ein Flugzeug (vielleicht das einzige, was in diesem Moment so allein und so hoch über der Welt fliegt; allzu viele Fliegerkollegen gibt es eben zu jener Zeit nicht), und darin zwei Menschen und Flugbenzin für weniger als eine halbe Stunde – im Paradies. Das ganze heroisierende Beiwerk dieses Romans ist mir ganz egal, aber dieses Bild nicht.


Antoine de Saint-Exupéry, Nachtflug (als Taschenbuch bei Fischer für 8€ lieferbar; auch antiquarisch in diversen schönen Ausgaben zu kriegen)

FLUGWESEN > Die Ruhe und der Sturm

Das hier ist Stadtrand. Seit Jahrzehnten. Weder die Partylaune des nahen Stadtzentrums, noch die Wildnis, die einen Steinwurf weit in entgegengesetzter Richtung beginnt, dringen durch den Backstein dieser Straßenzüge. Es mag hier und da Unkraut durch die Gehwegpflasterung schießen, und an dem einen oder anderen Laternenpfahl mögen subversive Sticker-Botschaften zu lesen sein, aber dessen ungeachtet herrschen hier, unangefochten, Ruhe und Ordnung.

Mein Garten ist klein und bietet keinen Ausblick in die Ferne. Er erinnert an einen Schuhkarton: Zwei lange Hauswände bilden gemeinsam mit den kurzen Sichtschutzwände zu den zwei Nachbargärten einen rechteckigen Kasten. Trete ich aus der Terrassentür, stoße ich nach ein paar Schritten geradeaus schon mit der Nase an die Breitseite des Nachbarhauses; nach links und rechts hin dehnt sich der Garten immerhin so weit aus, dass es Platz für Sträucher und Stauden gibt. Ich stecke eine Menge Herzblut in diese Pflanzen, denn sobald ich mich ihnen widme, vergesse ich für einen Moment, dass ich mich in einem Schuhkarton befinde.
Dieser Schuhkarton hat keinen Deckel. Da ich eben nicht, wie ich das zuvor gewohnt war, in die Landschaft hinausschauen kann, folgt mein Blick ganz von selbst dieser einzigen Schneise, die ihm offensteht, und geht zum Himmel.

Der Himmel ist weithin einsehbar. Über meinem Kopf im Garten breitet er sich so groß und so plan aus – eine aberwitzige Leinwand. Die umliegenden Häuserdächer kennen keine Höhen, man wohnt hier flach. Reines Wohnviertel. Die Straßenzüge wurden einheitlich geplant und gebaut: einige Einheiten Genossenschaftshäuser, einheitliche Bungalow-Reihen, reihenweise Reihenhäuser. Von oben besehen bilden diese Häuserreihen sicher ein markantes Muster. Und die anhängigen Gärten, die ja auch nur Reißbrettkinder sind, tun das sicher ebenso. Die Sichtbarrikaden und Revierbepflanzungen, die einen Schuhkarton wie den meinen von den anderen abgrenzen, gelten ja nur für die Bodengebundenen, wie mich. Schon in etwa zwei Metern Höhe – die Hecken, Sichtschutzwände und Bäumchen sind zumeist nicht größer, hier im Viertel – herrscht ziemlich freie Bahn, besteht ein Luftkorridor oberhalb eines grünen Bandes. Eine Flugstraße.

Der herrschende Flugverkehr mutet auf den ersten Blick chaotisch an, doch ebenso wenig wie es in der Wildnis so etwas wie Unkraut gibt, gibt es wohl auf der Flugstraße so etwas wie Irrflüge. Alles folgt einer gewissen Ordnung. Dem Boden (d.h. den Pflanzen und auch mir) am nächsten trudeln die Bienen, Hummeln, Schmetterlinge umher. Die Flugzone der Singvögel erstreckt sich bis hinauf in den höchsten Schwalbenäther. Im Garten fällt auf, dass sowohl Insekten- als auch Vogelvolk stets in Längsrichtung hindurchfliegen; es gibt starken Hin- und Gegenverkehr, aber kaum einmal schert jemand seitlich ein oder aus. Die Tendenz des Flugverkehrs, der Gartenstraße zu folgen, setzt sich in bodenfernen Flughöhen fort: Die Vögel zeichnen ihre Fluglinien an den Himmel, und diese Linien überschneiden einander und bilden, je länger man zuschaut, ein immer dicker werdendes Band – parallel zum Verlauf der Gärten. Selbst der einsame Rotmilan, der sich hier gelegentlich nach Beute umschaut, schnürt zumeist entlang der Gartenstraße durch den Himmel, den Hummeln und den Amseln folgend, geradezu wie von ihnen an einer Drachenschnur gezogen.

Es gibt solche Ordnungen, deren Bestehen man höchstens mal erkennt, wenn sie gestört werden, denn ihr eingespieltes Funktionieren macht sie gewissermaßen unsichtbar. (Wussten Sie, dass die Rauhautfledermaus offenbar jährlich, den Zugvögeln gleich, auf festen Routen über die offene Ostsee zieht? Weiß man auch erst, seitdem Forscher tote Exemplare an neuen Offshore-Windanlagen fanden und sich fragten, wie, wann und warum es ausgerechnet Fledermäuse dorthin verschlagen hatte.)

Seit einigen Wochen bin ich nun also hier. Und dieses Hiersein empfinde ich als eine recht einheitliche Substanz: hell und leicht und dabei sanft klebrig. Eine aberwitzige Portion Zuckerwatte.

Es kommt ein Samstag, für den ein kräftiges Gewitter vorhergesagt wurde. Gegen Mittag verstummen die Grashüpfer. Die Fluglinien der Vögel verlaufen auf einmal wirr, aber das nur kurz, nur in Vorbereitung ihres vollständigen Verschwindens vom Himmel. Der Himmel verliert all seine Geräusche und Regungen, auch seine weiß-blaue Musterung; er leert sich. Um sich mit Unwetter zu füllen.

Und dann ist es da: Wie eine Brandungswelle von unten, vom Boden der Meeresbucht aus betrachtet, rollt es in mein Sichtfeld hinein, dick und schwer, ganz dicht an die Dächer gepresst. Das Licht bekommt einen scharfen, schwefelgelben Stich, als brenne es durch, und so folgt denn auch sogleich Finsternis. Aus der Brandungswelle wird eine schlammfarbene Lawine, und die zieht nicht etwa geordnet, von links nach rechts durch meinen Garten: Das Unwetter kommt übers Dach angebraust und fällt von links und rechts und oben auf mich nieder. Die Wolken schäumen, brodeln, formen sich zu nassen Armen, die auf die Erde herabstoßen, pulsieren im geäderten Leuchten der Blitzschläge. Ich spüre zwar keine Sturmböen, aber die Schwere der Luft und ihren Sog und den Mahldruck der Wassermassen. Es ist eines dieser Unwetter, die sich wie ein Maul über das Land stülpen, es einspeicheln und zerkauen – ein Rottweiler von einem Gewitter. Ich bange um meine Pflanzen, die binnen Sekunden wie Brei am Boden kleben, und ich hoffe, dass gerade niemand in meinem Umkreis einen Dachschaden hat oder einen Unfall erleidet.

Aber es passiert gar nichts. Blitz und Donner nähern sich an, fallen schließlich zusammen, unter großem Getöse – und entfernen sich dann wieder von einander. Bald schon ebbt das nasse Wüten ab. Danach setzt ein lascher, aber geduldiger Nieselregen ein und sprüht den Himmel sauber; die Wolken werden heller, dünner, steigen in immer größere Höhen auf, wo sie verschlieren und schließlich verschwinden. Meine Blumen heben ihre Köpfe, als wäre nichts gewesen. Eine Amsel zischt von links nach rechts über meinen Garten.

Am Sonntag danach herrliches Wetter. Unter einem sehr hohen, sehr blauen Himmel summen die Dinge gleichförmig vor sich hin. Unaufgeregt. Bis die Sirenen schrillen.
Zwei Segelflugzeuge sind in der Luft, im heitersten Himmel, kollidiert. Eines konnte notlanden. Das andere ist direkt in der Nachbarstraße aufgeschlagen und liegt dort nun quer in einem Vorgarten – der Pilot schwer verletzt. Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte und Regionalreporter sind umgehend vor Ort. Auf den Fotos, die in die Presse gehen, sind das zerstörte Segelflugzeug und der zersplitterte Jägerzaun des Vorgartens abgebildet; außerdem der gepflegte Gehweg, ohne auch nur ein einziges Unkraut, was sich da durchs Pflaster drängen würde.


Foto: Grebe 2019