Autor: Drittgedanke

Papierjunkie

BERG+WERK // Was bitte will Peter Handke damit – das ist MEIN Berg!

CIMG7268 (2)

Ihr seid das Salz der Erde – heißt es in der (Obacht:) Bergpredigt.
Damit wird nicht etwa den Gläubigen erklärt, sie würden den Boden schmackhaft machen. Gehen wir davon aus, Erde meint hier die Welt. Und Salz? Steht für Reinheit, denn es konserviert, es verhindert Fäulnis.
Soviel zum Ethos des Salzes.

Wir holen das Beste für die Erde aus der Erde, heißt es auf der Homepage der K+S, der weltweit größten Salzproduzentin. Auch das Kalibergwerk Sigmundshall in Bokeloh gehört ihr an.
Salz ist freilich nicht bloß zum Streuen da, sondern in Landwirtschaft, Industrie, Forschung, Medizin als Roh- und Hilfsstoff elementar wichtig.
Kaliumchlorid, wie es hier aus dem Rohsalz gewonnen wird, findet traditionell in Düngemitteln seinen Einsatz. Des Weiteren nutzt es die Industrie als Härtesalz, Schwebemittel und in allerlei sonstigen Verwendungsformen.
In hochdosiertem Zustand verabschiedet sich Kaliumchlorid von seinem guten Händchen für Fruchtbarkeit & Produktivität – es führt zu Herzstillstand. Bei Einschläferungen wird es dem Tier per Spritze verabreicht. Ebenso bildet es die letale Komponente bei Hinrichtungen mittels Giftinjektion.
Soviel zur Salz-Praxis.

Kleiner Hüpfer in die indische Mythologie: Göttin Kali ist unter anderem Beschützerin und Erlöserin, insbesondere aber grauenerregende Todbringerin. Die Poeten fürchten sie und suchen doch inbrünstig ihre Nähe.
Vielleicht klingt das ja in diesen ein, zwei Sätzen an, mit denen Peter Handke das schmale Bändchen Kali – Eine Vorwintergeschichte eröffnet – ganz beiläufig, wie um eine Unterhaltung fortzuführen:

Auch mir hat sie Angst gemacht, macht sie Angst. Aber ich möchte mich ihr stellen.

Über sie wird noch zu reden sein. Aber ich sag’s gleich, es ist das Kalibergwerk in dieser Geschichte, worüber ich hier am meisten – viel zu viel! – rede und weswegen ich Kali überhaupt gelesen habe. Es ist „mein“ Kali.

Der Buchumschlag und der Blick aus meiner Haustür zeigen ein- und denselben Haufen Rohsalz – 140m hoch, die einzige Erhebung im platten Umland, früher reinweiß, heute, je nach Wetterlage, mitunter sogar pechschwarz -, und ich habe erst gar nicht versucht, hier die unbefangene Leserin zu spielen.
Was aber, wenn auf einem Buch außerdem noch Handke draufsteht, eh wurscht ist, denn da ist es mit der Neutralität ohnehin vorbei: Entweder man verehrt Handke, und zwar schwelgend – oder man schimpft über ihn, mit Geifer und Genuss.
Mich braucht man allerdings weder unter seinen Schwärmerinnen und Schwärmern zu suchen, noch unter denjenigen Hatern, die das Handke-Bashing mit dermaßener Akribie und so hohem emotionalen Einsatz betreiben, dass sie, bezüglich der Intensität ihrer Beschäftigung mit Handke, ja gar nichts anders machen als die Schwärmenden.
Was das angeht, hat mich Kali nun auch nicht radikalisieren können. Ich empfinde es als ein wenig relevantes Rotwein-Buch, und das mit dem Rotwein und mir — es ist einfach unerquicklich, lassen wir das. Tatsächlich ist es der erste Handke, den ich bis zum Schluss lese. Im Normalfall nehme ich Handke bloß zur Hand, um mir einen notdürftigen Einblick in etwas zu verschaffen, das überwiegend als poetisches Spitzenprodukt gewertet wird, und dann lege ich ihn auch schon wieder weg. Pathos-Allergie.
Kali lese ich über weite Strecken mit Gleichgültigkeit. In manchen Passagen werde ich ärgerlich, insbesondere während der Schlusspredigt. Die Erzählform wiederum, und wie Handke deren Spielräume auslotet, gefällt mir, ja, aber ich bete ganz gewiss nicht das Handke Unser.

Welche Position Kali im Handke-Katalog einnimmt, dazu kann ich herzlich wenig sagen; ich kann keine Querbezüge zu seinen anderen Werken herstellen, keine Charakteristika benennen. Die Erlösungssuche, oder die Wanderung – sind das nicht typische Motive? Mir ist so, als hätte ich das mal so aufgeschnappt.

In diesem Fall nimmt die Wanderung ihren Anfang in einer namenlosen, trubeligen Großstadt; eine namenlose, gefeierte Sängerin beendet hier just ihre Sommer-Tournee. Den Winter will sie in einem Landstrich verbringen, der als Toter Winkel bezeichnet wird – für sie ist es die Gegend hinter dem Kindheitsfluß, hinter dem Kindheitssee, hinter dem Kindheitshügel.
Mit ihrer Wanderung folgt die Sängerin einer – ja was? Eingebung? Im laufenden Fernsehprogramm hat sie einen Mann gesehen und als den ihr bestimmten erkannt, und so macht sie sich nun entschieden auf den Weg zu ihm.
Und sie wird ihn finden, denn auch das ist ihre Bestimmung: eine Finderin zu sein. Da ist durchaus eine gewisse Portion Soft-Zauber am Werke. Einen verlorenen Ring im Kies, eine Kontaktlinse im Flokati – alles, was nahezu unmöglich wiederzufinden ist, fischt sie mit einem einzigen, zielsicheren Griff wieder hervor, und spricht dabei eine Warnung aus: Was einmal wiedergefunden worden sei, dürfe kein zweites Mal verloren gehen, denn es würde dann auf ewig verloren sein.
Der ihr bestimmte Mann ist, wie sie intuitiv weiß, der leitende Ingenieur des Kalibergwerks im Toten Winkel. Wo ein Abraumberg von schneeweißem Rohsalz monolithisch aus der Ebene aufragt und ein Areal der Reinheit markiert, in einer Welt, die andwerswo keine Gewissheiten mehr, nur noch Verwirrung bietet. Wo sich unter Tage eine weiß-glitzernde Gegenwelt erstreckt, die mit jedem neuen Stollen, den die Vertriebenen dieser Erde, welche hier als Knappen Arbeit fanden, weiter wächst und wächst. Wo im Übrigen derzeit ein Kind vermisst wird – wie praktisch also, dass eine esoterisch zertifizierte Finderin gerade auf ihrem Weg dorthin ist.
Und wie tragisch zugleich, trägt doch die Sängerin mit ihrer Ankunft Gefahr ins Kali-Land. Sobald sie und der Salzherr, wie der Ingenieur oftmals genannt wird, zusammenkommen, sind nämlich beide – warten Sie, lassen Sie mich einmal tief Luft holen: des Todes!

„Ja, wenn wir beide, unser beider Körper, einander lieben, müssen wir sterben, Sie mit mir, und ich mit Ihnen. Jetzt ist es gesagt. Und da es gesagt ist, hat es zu geschehen.“

Treffen sich zwei – beide tot. Welch Jammer, welch Tragödie; welch wohlig-todesromantischer Schauer! Wie nimmt jetzt der Ingenieur auf, was die Sängerin da gesagt hat?

Der Gastgeber hat ihr reglos zugehört, und ist dann mit einem Ruck aufgestanden, wobei der Sessel umfällt. Hat er ihn absichtllich umgeworfen? Für einen Augenblick erscheint sein Gesicht wutverzerrt. Und beißt er sich jetzt nicht in die geballte Faust?

(Entschuldigung, genau so steht das da, so was denke ich mir ja nicht aus!)
Nun: Soll es mit den beiden denn wirklich dieses Ende, dieses bittere, nehmen? Gibt es denn wirklich keine Hoffnung auf Erlösung?
Muss womöglich zunächst das verschwundene Kind (das vielleicht ein ganz konkretes ist, vielleicht aber doch auch ein ganz abstraktes?) aufgefunden werden; muss diese eine Rettung jeder weiteren Rettung vorausgehen?
Falls aber wirklich niemand sonst mehr retten kann – könnte da nicht, ausnahmsweise, der Erzähler, sagen wir, ein bisschen mogeln vielleicht?

Der Erzähler, mit dem man es hier zu tun hat, ist nämlich durchaus ein sich beteiligender Erzähler, einer, der suchend und fragend durch die Landschaft streift, den Figuren nacheilt oder wie im Rüttelflug über ihnen stehend sie fixiert. Umgekehrt ist den Romanfiguren stets bewusst, dass sie ziemlich eigenwilligen Gesetzmäßigkeiten unterliegen und dass es eine mehr als nur abstrakte lenkende Hand über ihnen gibt, und nichts davon scheint sie zu verwundern.
Ich neige die ganze Zeit über dazu, den Erzähler als Erträumer dieser Geschichte zu verstehen.
Zumal innerhalb seines Erzählens eine somnolente Willkür waltet. Der feste Boden konkreter Orts-, Zeit- und Namensangaben wird nie betreten. Alles schwimmt stets im Dehnbaren und Veränderlichen, beispielsweise sehen wir, mitten in der eindeutig vorwinterlichen Szenerie, die Sängerin plötzlich von munteren Libellen umschwirrt und von Sommerschilf umgeben. Im Toten Winkel ist, so liest man, seit Jahren kein Kind geboren worden. Das letzte war das jetzt vermißte, aber das ist nun schon ein Jahrzehnt her – und doch säumen, je länger die Sängerin dort verweilt, mehr und mehr Kinder die Szenen in der Knappensiedlung, als wüchsen diese einfach in die Erzählung hinein wie die Pilze. Die Figuren liefern sich Dialoge, wie sie sonst eher in Wachträumen oder symbolistischen Filmen stattfinden, bleiben, bis auf mickrige Ausnahmen, namenlos und auf ihre Funktionsbeschreibung reduziert (die Sängerin, der Fahrer, die Pastorin, der Maler usf.) und würden sich alles in allem auch gut zu Märchenfiguren eignen, kurz: Sie erinnern an alles mögliche, nur freilich nicht an wirkliche Menschen.

Im Grunde liest sich Kali wie ein Kunstmärchen der Romantik, dessen Autor leider 1942 geboren wurde anstatt 1772. (So was kommt vor, solche Fehler unterlaufen der Welt schon mal.)
Obwohl – ein Romantik-Stück, in dem ein Jeep durch Rohsalzstollen brettert, vorbei an Baggern und anderem montanem Großgerät? Das steckt schließlich alles drin. Und doch tut es dem Eindruck vorindustrieller Verwunschenheit, den Handkes Kali-Land erweckt, seltsamerweise keinen Abbruch. Den vorhandenen technischen Elementen zum Trotz, spricht Kali eine Sprache, die ich genauso aus romantischen Tiefenexpeditionen wie Die Bergwerke zu Falun von E.T.A. Hoffmann und Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen kenne.

Novalis‘ Vater war übrigens von Beruf Salinendirektor.
Aber wie kam Handke wohl auf den Trichter mit dem Salzbergbau?

Katja Flint: Ungefähr fünf Jahre lang waren Flint und Handke miteinander verbandelt. 2007, nicht lange nach der Trennung, erschien Kali.
Da unser Dorf, das Kalidorf, nun mal ein kleines Dorf ist, geht hier niemals auch nur ein Körnchen lokalen Tratsches verloren, und eine der unausrottbaren Ortslegenden besagt, Katja Flint habe früher mal auf dem Tienberg gewohnt. Womit die Werkssiedlung von Sigmundshall gemeint ist, das Dorf im Dorf. La Flint wurde hier geboren und verbrachte ihre ersten Lebensjahre wohl tatsächlich auf dem Tienberg, machte dann aber schnell anderswo mit dem Aufwachsen weiter. Vom Kalibergchen im niedersächsischen Niemandsland ging es, noch als Kind, nach Amerika, zu den großen Salzseen. Vater Flint soll Ingenieur gewesen sein, aber allzu genau wusste und weiß man’s nun auch wieder nicht. Und interessant war das eigentlich auch bloß solange, wie Flint und Lauterbach noch täglich die BILD, die Bunte und Sat1 beschäftigten.
(Was ich von diesem Teil-Wissen habe? Hauptsächlich, dass ich mir die Sängerin, wie sie so im Ingenieurshaus oberhalb der Knappensiedlung mit dem Salzherrn gemeinsam nachtmahlt – ach, nicht bloß da, sondern: dass ich mir sie permanent als rothaarige Katja Flint vorstelle.)

Einen Teil seines Vorlasses hat Peter Handke ans Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek gegeben. Darunter auch Materialien, die seine Arbeit an Kali begleiteten.
Irgendjemand von hier muss ihm ein Exemplar des Bildbands zum 100jährigen Jubiläum von Werk Sigmundshall gegeben haben, den Handke sich kopierte, denn der war nur in winziger Auflage, bloß zum regionalen Eigenbedarf gedruckt worden; natürlich hatten auch meine Eltern damals einen gekauft.
Und Handke war zum Knipsen im Nachbarort Steinhude – es gibt Fotos vom Steinhuder Meer, von der Badeinsel, von den Booten, die übers Meer und auch durch Handkes Erzählung segeln, und ein sicherlich vom Wilhelmsstein, der Festungsinsel im Meer, aufgenommenes Bild, das die knallweiß überm Wasserspiegel schwebende Kali-Nordseite zeigt (die allerdings längst ganz anders aussieht, als Handke sie noch fotografierte: Der rohe Abraum verwittert ohnehin mit den Jahren zu grauem Steinsalz, außerdem wird der Berg inzwischen mit dunkler Schlacke überzogen, auf der sich Pflanzenbewuchs ansiedeln soll).

Das „Meer“ scheint freilich eher ein See, in der Ferne das Gegenufer? Dann der Bootssteg mit einem nun doch zu einer Meerespassage passenden Schiff; Name: DER AUSWANDERER.

Das Steinhuder Meer ist tatsächlich ein Binnengewässer. Mittendurch verlief früher die schwimmende Grenze zwischen Preußen-Hannover und Schaumburg-Lippe. Die besagten Auswandererboote dienen allein der Personenschifffahrt, und sie bekamen diesen Namen, weil sie, indem sie über den See setzten, Landesgrenzen überschritten. (Angepasst ans seichte Heimatgewässer, ist dieser Bootstyp übrigens nirgendwo sonst zu finden.) Die größte Tiefe des Meeres beträgt keine drei Meter, und meine Oma erzählte, wenn man die Untiefen-Linien finde, wo das Wasser nie mehr als knietief sei, könne man von einem Ufer bis zum anderen quer übern See gehen. (Ich war zu feige, das je selbst auszuprobieren, aber ich weiß auch, dass sich diese Feigheit nie so ganz ohne Grund einschaltet – sie meint’s gut mit mir.)

Handke lässt seine Sängerin ebenfalls eine Überfahrt im Auswanderer machen, dem großen Salzrücken entgegen, und nimmt dabei die Bootsbezeichnung wörtlich: Ihre Mitpassagiere sind Migranten aus aller Welt, Hoffnungslose, Versprengte, die von den Auswanderer-Booten zum Toten Winkel gebracht werden, wo sie Zuflucht und Arbeit suchen. Entsprechend mischen sich in der Werkssiedlung alle erdenklichen Religionen und Ethnien und es herrscht ein wildes Gewirr von Schriftarten und Vokabeln.
Der Salzherr erzählt:

Seit jeher war das hier eine Flüchtlingsgegend. Lange, bis nach dem letzten Krieg, und noch in den Jahrzehnten danach, kamen wir Flüchtlinge ausnahmslos aus dem Osten. Und bis Ende des vergangenen Jahrhunderts sind die meisten von uns hier heimisch geworden, fast – haben jedenfalls Arbeit gefunden im Salz, haben sich in der Gegend eingekauft. Aber die Flüchtlinge dieses neuen Jahrtausends werden ganz und gar nicht mehr heimisch. Und sie kommen inzwischen aus sämtlichen Erdgegenden.

Was dieses vergangene Jahrhundert anbetrifft, ist das keine Fiktion: Das Bergwerk zog stets die Verlorenen an.
Zunächst bot es in der extrem strukturschwachen Region den wirklich Unterprivilegierten geregelte und verhältnismäßig gut bezahlte Arbeit. In der traditionell kleinbäuerlichen Gegend waren Tagelöhnerei und das, was man heute Arbeitsmigration nennt, ganz normal. Meine Urgroßväter (väterlicherseits) arbeiteten saisonweise als Reetschneider in Holland oder als Heringsfischer in der Nordsee; ihre Reisewege bewältigten sie – es hieß nicht umsonst Wanderarbeit – zu Fuß. Die Höfe, die notdürftig die Selbstversorgung der Familien sicherten, wurden unterdessen von den Frauen und Kindern allein unterhalten. Noch in der Nachkriegszeit war es üblich, sich Kühe und Schweine zum Eigenbedarf zu halten.
Mein Bokeloher Urgroßvater schuftete als dreizehnjährige Vollwaise in einer Weberei, bevor er auf Sigmundshall Arbeit fand. Für viele, die wie er dort ihren Hauerschein machten, war dieses Papier das erste Zeugnis, das sie je erhielten.
Zwar wurde der Förberbetrieb in Bokeloh Ende der 1920er pausiert, um nicht durch Überförderung die Rohstoffpreise ungewollt abzusenken, doch blieb mein Urgroßvater als Teil einer kleinen Wach- und Instandhaltungsmannschaft am Berg. Im Krieg wurden in Sigmundshall, anders als in den südlicher gelegenen Werken der Kali-Gesellschaft, keine Zwangsarbeiter eingesetzt, sondern die Stollen als Lagerstätte für die zentrale Lebensmittelnotversorgung genutzt. Ein Ali-Baba-Schatz aus Getreide, Margarine und Rübenzucker. Aber ob das wohl wirklich alles war, was da lagerte?
(Mein Urgroßvater und sein Schäferhund liefen vor den Stollenzugängen Streife. Solche Schäferhunde wie diesen – einen Berger Blanc Suisse – hatten wir immer wieder in der Familie. Es sind besonders aufmerksame Tiere. Hübsch sind sie außerdem; ihr Fell ist dick wie gehechelter Flachs und mattweiß wie Rohsalz.)
Natürlich krempelte der Weltkrieg, der Zweite, selbst in abseitig-ländlichen Gebieten sämtliche Innereien um, schäumte Tollwut auf, schlug die Ordnung der Dinge zu Klump.
Der in erster Linie jüdisch besetzte Landhandel in seiner uralten, bewährten Form wurde ausgelöscht. Wem die obligatorischen Kriegerdenkmäler in Dörfern nicht fremd sind, weiß, dass jeder darauf verzeichnete Name, über einen persönlichen Verlust hinaus, eine stillstehende Viehzucht, einen un- oder mangelbewirtschafteten Hof, einen ungeführten Handwerksbetrieb bedeutete. Neue, dringend benötigte und doch von den Einheimischen oftmals nur zähneknirschend begrüßte Arbeitskräfte kamen in den Ort: Flüchtlinge, Vertriebene, Heimatlose. Darunter mein Großvater aus Posen, der zupackend und zäh genug war, um praktisch jeden Job zu machen.
Aber es gefiel den Leuten eben nicht, dass Fremde sich hier niederließen. Dass Fremde anrührten und weiterführten, was verstorbenen Vertrauten gehört hatte. Dass fremde Gesichter die vermissten ersetzten. Zudem sprach man hier Calenberger Platt und konnte sich mit den ungeliebten Eindringlingen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und sonstwo nicht mal verständlich streiten! Allein, es nutzte alles nichts – man brauchte sie. Murrenden Herzens schraubte man die Garstigkeiten etwas zurück. Man stürzte sich probeweise gemeinsam ins Vorankommen. Man staunte, wie gut das ging, und heiratete alsbald fleißig untereinander.
Nach Wiederaufnahme des Förderbetriebs wurden Hammer und Schlegel durch Schlagbohrmaschinen ersetzt, modernes Fuhrgerät angeschafft, und die werkseigene Rohstoffverarbeitung reifte immer weiter aus. Die Fördermenge erhöhte sich radikal.
Urgroß- und Großvater arbeiteten lange gemeinsam im Werk und verstanden sich prächtig. Später war auch mein Vater einer von denen, die auf Sigmundshall anfingen, weil sie nicht wussten, wohin sonst, aber er blieb nur für ein paar Jahre; unter Tage hielt er’s nicht aus.
Einen schlagartigen Bevölkerungszuwachs, wenn auch keinen vergleichbar großen, erlebte der Ort erst wieder im Zuge des Mauerfalls, und auch hier wieder bloß wegen des Berges. Die vormals staatlich geführten ostdeutschen Kali- und Salzunternehmen gingen in Treuhand-Verwaltung über und später schließlich in der K+S auf. Während im Osten zusammengestrichen und verscherbelt wurde, zogen scharenweise Bergmänner samt Familien aus dem Südharz-Kalirevier weg, und sie gingen auch und gerade in den Norddeutschen Kali-Bezirk. Etwa in der dritten Grundschulklasse kamen mein Dorfkinderjahrgang und ich mit etwas in Berührung, was wir mehrheitlich so gar nicht kannten: mit Kindern von anderswo, Kindern, die einen Dialekt sprachen, den wir nicht einordnen konnten und mitunter auch nur schwer verstanden, Kindern, die gerade einen weiten Umzug hingelegt hatten und uns damit ein Gefühl dafür einimpften, dass es außer Bremen und Hamburg, wo vielleicht ein paar Tanten wohnten, und Mallorca und Holland, wo man Urlaub machte, auch noch andere Orte gab, von denen wir gar nichts wussten. Wir waren ziemlich unschlüssig, ob wir sie verprügeln sollten, weil sie „Glasse trey“ anstatt „Klasse drei“ sagten, oder ob wir uns nicht vielmehr um ihre Freundschaft prügeln sollten, weil sie aus ihrer ehemaligen DDR so viele coole Dinge zu zeigen und zu erzählen hatten: Sie kannten sich mit gigantischen LPG-Landmaschinen aus, während manche Bauern hier immer noch mit dem kleinen roten Traktor vom Großvater durch den Ort pöttelten, oder sie hatten schon als Dreijährige mit professionellem Kunstturnen angefangen und machten mühelos serielle Flickflacks. Jedenfalls: Sie beschäftigten uns ungemein – aber leicht hatten sie’s mit uns nicht.

Handke spinnt diesen Faden in seinem Kali-Land weiter: Hier bildet die Arbeiterschaft ein noch internationaleres, heterogeneres Vielvölkergemisch, das über Tage, bei Licht besehen, seine Mängel nicht verbergen kann. Doch sind unter Tage sämtliche Querelen und Sprachbarrieren wie von Zauberhand aufgehoben, und es wird klar, dass Handke den in schwindelnde Tiefen wachsenden Bau – siehe Sigmundshall, das inzwischen eine, wie man sagt, Teufe von 1400m erreicht hat – als einen spiegelverkehrten und diesmal geglückten Turmbau zu Babel skizziert.
Womöglich kann man in dieser Konstruktion sogar einen Fingerzeig auf die Geburt der EU aus dem Geiste der Montanunion erkennen. Wem das nicht poetisch genug ist, der kann sich aber auch den seiger (senkrecht) in die Tiefe verlaufenden Salzstock als eine unterirdische Variante des Elfenbeinturms vorstellen, in dem die Knappen, jeder für sich wie auch alle gemeinsam, einer Ästhetik des Tätigseins frönen; ein abgeschiedener Ort der Reinheit, der ergiebigen Arbeit, durchzogen von Stollengängen, die an sakrale Gewölbe erinnern und die man sich meinetwegen von diesen klassischen Salz-Lampen aus rötlichem Sylvinit beleuchtet denken kann, wenn’s gefällt.

Dass es nicht weit von Sigmundshall einen Fliegerhorst gibt, ist Handke wohl auch nicht entgangen. Früher kreiste die Transall auf Übungsflügen über den hiesigen Dächern, heute der A400M – in Kali tragen Kampfflugzeuge vom Militärflugplatz in der Nähe durch jähes, gleich wieder abflauendes Vorbeidröhnen zum Szenario einer latenten Bedrohung bei, die den Kali-Ort stets belauert: Handke lässt den Begriff Dritter Weltkrieg fallen, meint damit offenbar aber keinen heißen Krieg, sondern einen voranschreitenden Untergang, einen Zerfall der gewohnten Konstellationen und Fundamente.
Es ist die übliche Wehklage vom mangelnden Miteinander in der Welt, vom Mangel auch an Freude, Spiel und Unverfälschtheit, wie wir sie bei Bedarf täglich aus unserem medialen Input herauslesen können, die auch in Kali als ideeller Faden zu finden ist.
Dort kommt sie im letzten Drittel so richtig in Schwung. Der Ton plustert sich zu anklagendem Zetern auf, das sich gegen die Verwirrten und das Gesindel usf. richtet, um von dort aus direkt zum salbungsvollen Visionieren zu werden, wenn Handke seinen Erlösungskitsch entfaltet, den er dem Untergangsdrall entgegenstellt. Und wie er da nun völlig überreizt zwischen Suada und Hymnus hin- und herhechtet, das gibt mir einfach den Rest.
Zusätzlich greift Handke tief in die Kostümkiste, lässt die Arbeiter bzw. Flüchtlinge ein Fest feiern, das selbst für einen UFA-Heimatfilm zu süßlich gewesen wäre, und lässt sein Wort zum Sonntag, seine finale Predigt, direkt von einer, ja, Pastorin in einer altehrwürdigen Kirche besorgen.
Wie gut, dass das Ende der Geschichte nun aber auch erreicht ist.

CIMG8408 (2)

Jene Kirche im Feld, sicher die Sigwardskirche in Idensen (wieder ein Nachbarort), muss Handke ebenfalls besucht haben, denn es stimmt, dass sie keine Kanzel hat, dass man sich den Schlüssel, wenn die Kirche außerhalb der Sommerzeit geschlossen steht, im Pfarrhaus holen kann, um die Fresken zu besichtigen, dass in der Vorwinterzeit, in der Kali ja angesiedelt ist, der Blick zum Berg hin über brache Agrarflächen ohne Vieh geht, dass die Kirche umringt ist von schiefen, moosigen Grabsteinen, wie eine Landkirche in England.
Es ist schon eine besondere Kirche, eine Kleinkirche von großem historischem Wert, denn neben ihrer eigentümlichen Architektur sind ihre originalen Wandbemalungen aus der Romanik erhalten geblieben; außerdem schlägt im Sigwardsturm die älteste Glocke Niedersachsens.
Ein religiöser Mensch bin ich nicht, nur: Ich mag es sehr, in alten Kirchen zu sitzen. Die Sigwardskirche habe ich besonders gern, weil sie so klein und so ursprünglich ist. Und weil ich dort immer unterschlüpfen konnte: Wenn ich zu Fuß durch die Gegend stromerte und in den Regen kam, oder wenn ich blindwütig davonradelte, um meine Ruhe zu haben, fand ich die Kirche zumeist leer und blieb einfach eine Weile da, unter den Fresken sitzend, die den Augen wegen der niedrigen Raumhöhe so nah sind, dass ich mir vorkam, als wäre ich soeben nicht einfach in die Kirche hineingetrampelt und auf eine Bank geplumpst, sondern vielmehr behutsam, wie ein kostbares Andenken oder ähnliches, in eine bemalte Schachtel gebettet worden.
Die Kaninchenbau-Sicherheit, der kühl-mehlige Steingeruch, das Storchengeklapper vom gewaltigen Nest auf dem Turm.
Die Wandmalereien bilden unter anderem den Turmbau zu Babel ab, und da sind wir wieder bei Handke und seinem Babel-Motiv. Außerdem beschäftigt mich im Zusammenhang mit Kali, dass meine Urgroßmutter die Kirche hartnäckig die Witte Kerk, die Weiße Kirche nannte, denn das war die Sigwardskirche zuvor wirklich: Damit die Fresken die Kirchgängler nicht vom Beten ablenkten, waren die üppigen Malereien von den Bilderstürmern mit weißem Kalk übertüncht worden, was zufällig die Bilder über die Jahrhunderte hinweg hervorragend konservierte. Erst in den 1930ern wurde begonnen, die Malereien wieder freizulegen und zu restaurieren. Genauso wie es auf den Faltblättern zur Kirchengeschichte steht, erklärt es auch Handkes Pastorin.

Die frustierte Pastorin ist für mich der Prüfstein, an dem sich entscheidet, dass ich in Handkes Kali-Welt nichts verloren habe. Eine Ortsgeistliche, die ihre Schäflein verachtet, ihre Kirchenräume als von ihnen beschmutzt empfindet, die während des Gottesdienstes zur Gemeinde spricht:

Nur noch Gesindel seid ihr auf Gottes Erde, Desperados. Vernichtet gehört ihr. Weg mit euch. (…) Schämt euch, zu leben. Aber nein, ihr schämt euch nicht, könnt euch nicht mehr schämen. Es ist die Zeit der Schamlosigkeit, des Sichnichtmehrschämenkönnens.

usf.

Wer sich eigentlich schämen sollte, das sind natürlich immer diejenigen, die aller Welt Schamlosigkeit vorwerfen und unterdessen höchstselbst – ohne sich zu schämen – solche Sätze klopfen wie: Vernichtet gehört ihr.
Wenn sich auch der Zorn der Pastorin später legt und sogar ins große Lobpreisen umkippt, so spricht doch überwiegend ein herrschsüchtiges, menschenfeindliches, durchaus narzisstisch gekränktes Wesen aus ihr. Und nicht nur aus ihr allein, sondern dieses Unwesen durchzieht die Geschichte kreuz und quer – da habe ich die Untiefen-Linien gefunden, auf denen es sich von einem Ufer der Erzählung bis zum andern spazieren lässt. Die Pastorin übersetzt lediglich jenen diffus herumnebelnden und doch bestimmenden Geist – und der Heilige ist das nicht – in geschwollen formulierten Hate Speech.
Und eigentlich wundert mich nun gar nicht mehr, welch üppiges Schreibpensum Handke doch hat, denn für jemanden, der sein literarisches Personal sowohl solche Hassreden (wie die Pastorin), als auch solche gezierten Tänzchen (wie die Sängerin mit ihrem Salzherrn oder die Flüchtlinge zum Fest) aufführen lässt, müssen diese profanen Realmenschen, die sich ja leider immens von den eigenen, streng an den Strippen geführten Figuren unterscheiden, die reinste Zumutung sein, also bitte, also dann lieber in Abgeschiedenheit leben und gedanklich die eigenen Romanwelten bewohnen, wo man spricht: „Mein Wille geschehe!“, und siehe da, er geschieht!

2018 stellt Sigmundshall übrigens, nach 120 Jahren, seinen Förderbetrieb endgültig ein. Der vertikale Abbau verschlingt inzwischen mehr an Aufwendungen als er an Ertrag wieder einfährt. Wie seltsam, wenn die täglichen Abbausprengungen ausbleiben – abends, pünktlich um 20.50 Uhr, donnerte es unterirdisch, dass die feinen Gläser im Küchenschrank singend erzitterten, schon damals, schon immer.
Die meisten Bergmänner ziehen mit ihren Familien von hier weg, wechseln das Bundesland, haben Anschlussbeschäftigung in noch aktiven Kaliwerken gefunden. Der Tienberg leert sich, und die Grundschulklassen werden kleiner. Der Bruder einer Bekannten ist bereits kurzentschlossen zum jüngsten K+S-Projekt gewechselt, zu der auf gigantischen Ertrag ausgerichteten Werksanlage Bethune, die letztes Jahr die Förderung aufgenommen hat – ganz abgelegen in der kanadischen Wildnis.
Die Abraumhalde von Sigmundshall, der weiße Salzberg, wird seit Jahren kontinuierlich begrünt. Das ist mühsam, aber dieser Oberflächenschutz ist notwendig, da die vom Regenwasser ausgewaschene Lauge trotz der Drainagen die umliegenden Gewässer schädigt. Die Südseite ist längst mit vulkanisch anmutender, mattschwarzer Schlacke überzogen. Teils ist sie schon von Kraut und zähem Gesträuch bewachsen; es heißt, dass bereits die Rehe gelegentlich auf dem Berg herumkraxeln. Vielleicht entsteht so, oberhalb des einstigen Meeres, das heute in Form einer fossilen Salzschicht vertikal im Berg steckt, mit der Zeit ja ein vertikaler Wald.
Typisch reinweiß strahlt inzwischen nur noch die zuletzt aufgeschüttete Nordhalde, aber auch das nicht mehr lang, nicht mehr ewig jedenfalls, und irgendwann ist es dann ganz und gar aus mit dem Leuchten hier.

CIMG7251 (2)


>>Peter Handke, Kali – Ein Vorwintergeschichte (Suhrkamp) €7,-


Alle Fotos: Grebe


Zitate aus dem Buch sind hier durch Kursivschrift gekennzeichnet.

Advertisements

BERG+WERK // Marie Gamillscheg, Alles was glänzt

CIMG8394 (2)

Ich fand Schneekugeln als Kind total faszinierend. Musste gar nichts Besonderes an ihnen dran sein (mit Glück gab’s mal eine als Werbegeschenk von der Sparkasse oder als Bonus, wenn man den Kleinen Tierfreund abonnierte); allein dass ich so eine Himmelssphäre samt Häuschen und Bewohnerschaft (en miniature) in Händen halten und ordentlich durchrütteln konnte, dass es darin gluckerte und der weiße bzw. glitzernde Flitter nur so brauste, bis er sich irgendwann entspannte, sich legte, die Sphäre sich klärte, das war schon Zauber genug.
Ich liebte auch unser Aquarium: Drückte ich mir an der Scheibe ein bisschen die Nase platt, schwamm ich direkt mit den Fischen im Amazonas. Und Buddelschiffe, ach! Wir hatten sogar ein rein gläsernes: eine mundgeblasene Viermastbark (nach Muster der Pamir oder Sedov) unter vollen Segeln, mit aus Glas gezogenem Takelwerk, schützend umschlossen von einer dickwandigen Flasche.
Miniaturwelten haben ja immer ihren speziellen Reiz.

Allerdings lag der Trudeltanz in einer Schneekugel unter meinen Lieblingsguckedingen wohl doch mit hauchzartem Vorsprung in Führung.
Dabei machte die Geschlossenheit der Schneekugelwelt für mich gleichermaßen ihren heimeligen Reiz wie auch ihre grauselige Tragik aus – wahrscheinlich erinnere ich das bloß deswegen so deutlich, weil man sich als Kind am Begreifen von Ambivalenz nun einmal besonders abarbeitet. Wie schön das war, dass nichts Äußeres je in diese Innenwelt hineindringen konnte, und wie bitter zugleich! Immer dieselben Plastikkrümel, die sich im Gewirbel um und mit einander drehten und sich immer an derselben durchsichtigen Wandung stießen, bevor sie schließlich auf dem immerselben Boden niedergingen.
Hm.

Ab und an gerate ich an Bücher, die mir das Gefühl verpassen, lesend mitten in einer Schneekugel gelandet zu sein.
So isoliert, wie Schneekugelwelten eben sind, finde ich mich darin als Eindringling wieder, nicht als Gast, und schlage mich mit dem Gedanken herum, dass meine Einblicknahme hiermit zu weit geht, meine teilnehmende Anwesenheit unerwünscht ist; dass was auch immer ich im Wirbelschnee womöglich finde keinesfalls für mich bestimmt gewesen ist.
Man könnte meinen, es ginge mir da etwa um Die Wand von Marlen Haushofer oder, allein schon des Titels wegen, um Die Glasglocke von Sylvia Plath. Oder vielleicht um Thomas Manns Zauberberg, dessen entrückte Gipfel-Welt (dieser menschlich-klägliche Olymp) freilich einen hochgradig veredelten Schneekugel-Esprit versprüht. Oder um solche mikrokosmischen Streifzüge, solche konzentrierten Betrachtungen des Partikelgeflirrs, wie sie Esther Kinsky in ihren Büchern unternimmt. (Nach Am Fluss und Banatsko lese ich gerade Hain, und es ist wunderbar. Alles von Esther Kinsky ist wunderbar.) Aber in diesen Romanen lässt es sich jeweils tief und ausgiebig atmen.
Was ich stattdessen im Sinn habe, ist jene Art Literatur, in der mehr kalte Plörre als Atemluft steckt. Solche Bücher, die offenbar nur geschrieben werden, um zu zeigen, dass man ein Buch schreiben kann, aber bloß nicht, um zu zeigen, wer man ist. Gucken darf man, soll man, aber darüber hinaus bleibt’s unpersönlich; invasiven LeserInnen wird kein Riss geboten, durch den es sich in Innenwelten hineinluschern ließe. Labor-Literatur: Form und Inhalt, die großen Bögen und die kleinen Details, jedes Wort, jede Tönung unter kontrollierten Bedingungen arrangiert, in steriles Fluidum eingelegt, in den Doppelbuchdeckel-Druckbehälter verpackt, Projekt abgeschlossen.
Alles was glänzt von Marie Gamillscheg war da verdammt nah dran.

Schriebe ich einen Roman, bestünde mein größtes Problem darin, dass ich in dessen Innenwelt ganz und gar verschwände. (Übrigens ein Problem, an dem ich garantiert einen Heidenspaß hätte.) Davon erzählen – das könnte ich bestimmt, klar. Aber kein Stück mehr erkennen, wie sich das Ganze schließlich lesen ließe. Würde irgendjemand überhaupt nachvollziehen können, was hiermit und damit gemeint wäre? Würde, darauf aufbauend, irgendjemand ein Interesse dafür oder gar Spaß daran entwickeln können?
Und würden mich solche Überlegungen auch nur minimal kümmern? Nein – weil ich doch auch als Leserin bereitwillig dem verkrautetsten Zeug folge, solange sich nur der Weg, den mein Kopf machen muss, um dahinter oder wenigstens hinterher zu kommen, als ein ergiebiger erweist, und ganz egal, ob am Ende nun die Ergiebigkeit oder die Verkrautetheit überwiegen, ist mir das immer, immer lieber, als mir einfach einen hübschen Präsentierteller vor die Nase setzen zu lassen.
Wer schreibend ganz und gar nach innen verschwindet, verliert gewissermaßen den Blick eines Diesseitigen; man flutscht hinfort, und damit reißt dieser Blick einfach ab. Und was man dann mit inwendigem Blick so zu fassen kriegt, das schüttet man später (sofern man’s erfolgreich zurückgeschafft hat) auf dem Tisch aus wie einen Sack voll Ernte, Beute und Beifang.
Und eben nicht: wie ausgewählte Requisiten. Wirkt das Sammelsurium penibel kuratiert, regt es nichts mehr an, kann man Sog und Zauber von vorn herein vergessen, und so wird das auch nichts mit der Ergiebigkeit – zumindest nicht mit mir als Leserin.

Marie Gamillscheg erzählt von einem Berg, der einen Riss bekommt. Nein, sie erzählt von einem Bergdorf, das einen Riss bekommt. Genau genommen erzählt sie von Menschen, die jeweils einen ganz ähnlichen, tragischen Riss bekommen wie der Berg, an dessen Hang sie leben.
Bis vor kurzem wurde hier traditionsreicher Bergbau betrieben, heißt es. Es geht wohl um Kupfererz, und wir befinden uns wohl irgendwo in Österreich, aber Raum, Zeit und Ort spielen keine relevante Rolle und werden daher kaum bis gar nicht benannt. Nach Einstellung des Werksbetriebes, wohl wegen Unrentabilität, befindet sich das bewusste Bergdorf ohnehin mitten im Strukturwandel-Alptraum, aber das ist noch nicht alles. Ob wohl die Stollen instabil wurden, oder die Abraumhalde – der Berg jedenfalls zerbricht. Das weiß alle Welt, nachdem es einmal von einem Journalisten verkündet wurde, dem man seither böse ist, weil man nun einmal besser auf einen Menschen böse sein kann als auf die Geologie. Den noch verbliebenen Dorfbewohnern, denen überwiegend die Ortstreue so tief im Mark steckt wie das Erz im Berge, soll der Gedanke an Umsiedlung schmackhaft gemacht werden – die Region sendet eigens einen Regionalmanager aus, der das managen soll.

Es gibt einen Autounfall. Es gibt zwei Schwestern, von denen eine von einer Karriere als Pianistin träumt; Teresa bekommt neben der Schule Klavierunterricht und will es mittels Talent ganz weit weg schaffen, in die Stadt. Es gibt die verwitwete Kneipen-Betreiberin Susa, die als heimliche Autorität des Dorfs alle kennt und alles weiß. Es gibt Wenisch, den allein lebenden Bergmann in Rente, dessen Tochter kaum noch aus der Stadt herkommt, um ihn zu besuchen, und der durch das Alter und die Einsamkeit zusehends erodiert; Berg und Mann verfallen hier parallel. Es gibt Merih: Der kommt von außen in diese Miniaturwelt hinein, um in ihr irgendwas zu verbessern, dabei steht es doch um seine private Miniaturwelt, die nicht von ungefähr eine musterhaft städtisch-akademische ist, mindestens genauso mau, öde, hoffnungslos.
(Es gibt sogar ein Chamäleon – ein Exot als Symboltier scheint im zeitgenössischen Provinz-Roman nicht fehlen zu dürfen: In Niemand ist bei den Kälbern von Alina Herbing rennt ein ausbebüxter Emu durch die norddeutsche Agrarlandschaft, in Hool von Phillip Winkler gibt’s einen Tiger, und hier ist es eben ein Chamäleon, das mitten im ach so trostlosen Dorf seine Aufgabe als Totemtier für Unangepasstheit erfüllt. Aber das nur am Rande.)
Es gibt eine enge Verbindung zwischen diesem Ort und seinen Menschen, und auch zwischen den Menschen und den Dingen ist alles irgendwie miteinander verknüpft und verschwistert, weil das immer so ist, an solchen Orten.

Der Glaskugel-Schneesturm, der diesen Roman nun ausmacht, indem er um dessen Zentrum, den Berg, herumtrudelt, besteht aus je ein paar Flöckchen Milieustudie, Sozialdrama, Bergbau-Kolorit, Familienschmerz, Coming-of-Age, auch etwas Millennial-Ennui fehlt nicht; das wirbelt alles so vor sich hin, und mal blitzt dies auf, mal das. Kurz gehaltene Kapitel reihen sich überleitungsfrei aneinander. Gamillschegs Schreibe ist Szenen- und Dialog-orientiert und lässt sich nie dazu hinreißen, deskriptiv überzuschäumen, sie bleibt durchgängig knapp, streng, sparsam. Das Romanpersonal tritt gewissermaßen unter stroboskopischer Beleuchtung in Erscheinung, die zwar das Wesentliche einfangen will, dabei aber bloß Schattenrisse zu fassen kriegt.

So viele Stollen, und so wenig Tiefe, nörgle ich ein bisschen vor mich hin. Alles mit Bedacht arrangiert, klar, formal alles richtig gemacht, alles ordentlich – aber das ist eben auch alles, ein menschlicher Hauch jedenfalls weht mich von dorther nicht an. Ich denke: Alles steife, isolierte Schneekugelfiguren im Plastikhabitat. Einmal aber, da kracht blindwütig ein Klavierdeckel auf ein paar Finger herab. Was war das denn?, denke ich.
Das Plastikmädchen! Heidewitzka, hat sich das etwa gerade bewegt?


>>Marie Gamillscheg, Alles was glänzt (Luchterhand) €18,-

BERG+WERK // Natsume Soseki, Der Bergmann

CIMG8352 (2)

19 Jahre. Himmel, war das ein Elendsalter.
Offiziell war man volljährig, was kulanterweise oftmals ignoriert worden war, solange man noch 18 gewesen war, aber schließlich findet jede Schonfrist einmal ihr humorloses Ende. Mit „Pubertät!“ als Ausrede für begangene Dämlichkeiten und emotionale Inkontinenz war es jedenfalls vorbei. Indessen zog es sich quälend lange hin, bis Erfahrungen und Erkenntnisse irgendwann diese erdende Wirkung zu entfalten anfingen, die für stärkere innere Belastbarkeit sorgt. Täglich bot sich der Panoramablick auf eine Landschaft, die von einer Talschneise unerbittlich halbiert wurde – so beeindruckend eklatant war der Abstand zwischen Wollen und Können, zwischen Wollen und SEIN.
Nun: Während ich so einigen Mitmenschen dabei zuschaute und zuschaue, wie sie mit ihrem Älterwerden leidvoll hadern, bin ich mit meinem eigenen sehr im Reinen und würde die 19 nicht zurückhaben wollen.
Nicht geschenkt. Nein.
Ich stehe mit einem solchen Empfinden ja nicht allein da, nur spricht es sich freilich unangenehm aus: „Noch mal 19 sein? Geh mir los, das war doch so was von #*°##^!“ Immerhin geht’s hier um die persönliche Sturm-und-Drang-Epoche, nicht wahr? Um einen Lebensabschnitt, über den man gefälligst wildromantische Abenteuergeschichten zu erzählen hat – möglichst die Kronjuwelen der autobiografischen Schatzkammer! (Bei solchen Vorträgen bitte keinesfalls vergessen, abwechselnd das Publikum glutäugig anzufunkeln und dann wieder einen verklärten Blick nebst Seufzer gen Zimmerdecke/Sternenhimmel zu schicken.)
Und tatsächlich war auch gar nicht alles dermaßen #*°##^ damals, mit 19. In erster Linie war eben alles: intensiv.
Man erlebte die Dinge deshalb so intensiv, denke ich, weil man ihnen einfach noch nicht gewachsen war. Man zählte nun einmal selbst noch nicht zu den erwachsenen, gestandenen Dingen. Sicher ist es dieser Untauglichkeitsaspekt, weswegen ich jene Altersphase als eine so scheußliche erinnere – und der gleichermaßen erklärt, weswegen ich mich oftmals schwertue, junge Leute in ihren suspekt tiefgehenden Gefühlsnöten und ihrem so suspekt reinen Weltverbesserungsfuror, wie wohl nur 19jährige sie an den Tag legen können, ernst zu nehmen. Es kommt vor, dass ich mich selbst ertappe, wie ich einen Kübel Altersarroganz über jemandem auskippe, der mir im Daunengefieder von Idealismus und Überschwang gegenübersteht. Es kommt sogar vor, dass ich denke, ich selbst hätte qua Lebenserfahrung die Dinge inzwischen reell im Griff – und das bezeichnet man dann wohl als Wunschdenken. Sofern man eine ziemlich nachsichtige Menschenseele ist. Man kann’s aber getrost auch Bullshit nennen.
Nie hat man die Dinge ganz und gar im Griff. Mit zunehmendem Lebensalter hat man, wenn es gut läuft, lediglich etwas besser im Griff, dass man die Dinge eben nie im Griff hat.
Etwas Hilfreicheres als das kann ich 19jährigen Menschen wirklich nicht an die Hand geben. Aber wozu auch; sowieso muss man sich schon höchstselbst in die Erfahrungsnesseln setzen, muss sich an allerhand Dingen die Zunge und die Finger verbrennen, um mit der Welt warmzuwerden. Dass, wenn man 19 ist, alles an einem und um einen herum am Lodern ist, ist also irgendwie schon richtig so. Und gelegentlich, etwa wenn ich gerade drauf und dran bin, es als hysterisch überdrehten Kinderkram abzukanzeln, wenn 19jähriges Herzeleid in vollster theatralischer Pracht vor mir ausgebreitet wird, bremst mich im letzten Moment eine simple Umkehrprobe: Würde ich rückblickend als albernen Kinderkram einstufen, wen ich mit 19 kennengelernt habe – und wie sich das angefühlt hat?
Fuck.

Der Bergmann unternimmt eine ähnlich gestimmte Untersuchung der eigenen Kläglichkeit als Jungspund. Aus einer nicht näher beschriebenen Gegenwart heraus plaudert und schwatzt der namenlose Erzähler davon, wie er als 19jähriger einmal sterben wollte und es nicht hinkriegte. Der Schlamassel, in dem der Mann aus Tokio damals steckte, ging konkret auf Liebesquerelen zurück, aber auch im Allgemeinen spricht sein späteres Ich ihm ab, in jungen Jahren ein sonderlich lebensfestes Exemplar gewesen zu sein.

Natsume Soseki schrieb den Bergmann 1908, somit liegt dem Roman eine historische, auf Familie und Ehrgefühl basierende Lebenswelt zugrunde – die allerdings unter Tenno Mutsuhito kräftig umgepflügt wurde. Während der als Meiji-Zeit bezeichneten Regentschaft Mutsuhitos wurde das japanische Ständesystem komplett verändert, es entstanden ein staatliches Schul- und Militärwesen, Japan orientierte sich massiv am Vorbild westlicher Großmächte, diplomatische Beziehungen dorthin wurden forciert, und die rasante Industrialisierung Japans tat ihr übriges dazu, das Kaiserreich zu einer expansionshungrigen Imperialmacht werden zu lassen. Auf gesellschaftlicher, kultureller, auch mentaler Ebene musste dieser Stresstest, dem das Traditionsgebilde Japan durch die Turbomodernisierung unterzogen wurde, deutliche Spuren hinterlassen.
So überrascht es nicht, dass Soseki seinen jungen Edelmann einem Konflikt aussetzt, in dem Tradition und Moderne unvereinbar aufeinandertreffen, was den Grünschnabel in eine Orientierungskrise erster Güte stürzt: Zwecks Heirat war er von seiten der Familie mit einem standesgemäßen Fräulein verkuppelt worden, welches sich umstandslos in diese Verbindung schickte. Ebenso selbstverständlich fühlte sich der junge Mann seiner Familie und seiner Braut verpflichtet. Nur gibt es neben preußo-japanischer Pflichtseligkeit ja auch noch das Begehren, und das flog in diesem Fall einer ganz anderen Dame zu, die dem Protagonisten mit ihrer nach kaiserzeitlichen Maßstäben reichlich unjapanischen Art den Kopf verdreht hatte. Enttäuscht hat er nun beide (kein Spoiler, man liest das früh heraus); die Schande trifft ausdrücklich ihn.
Eigentlich will er am liebsten sich selbst ein Ende machen – allein, es will nicht werden. Fürs Erste rennt er von Zuhause weg, raus aus der hellen, geordneten Stadt, hinein in dunkle Kiefernwälder. (Sinnbilder, Sinnbilder! Überall, ach!) Und da setzt der Erzähler ein.

Ich wusste nur zu gut, dass es kein Entkommen gab, so sehr ich es auch versuchte. Bereits als ich gestern Abend um neun von Tōkyō aufgebrochen war, hatte ich mir kaum Illusionen gemacht, aber jetzt im Gehen stellte ich fest, dass es das auch nicht sein konnte. Die Beine schwer wie Blei, die Kiefern standen Schlange bis zu Abwinken. Aber Beine hin, Kiefern her, am schlimmsten sah es in meinem Innern aus. Ich hatte keine Ahnung, warum ich ging, und trotzdem, von einer unbändigen Qual getrieben, ertrug ich keinen Augenblick ohne Gehen.

Auf diese Weise läuft er einem routinierten Mitschnacker in die Arme – einem Anwerber, der frische Arbeitskräfte an die Betreiber einer Kupfermine vermittelt. Der Tokioter Jüngling willigt blindlings ein, ihm zu folgen, obwohl, oder vielleicht eher weil ihm als Spross eines äußerst wohlhabenden Elternhauses nicht im Geringsten klar ist, was es bedeutet zu arbeiten, noch dazu körperlich, geschweige denn unter Tage. Ihm schwebt lediglich vor, dass sich die Bergkulisse als ein brauchbarer Hintergrund für seinen nach wie vor geplanten Abschied vom Diesseits erweisen könnte. Aber zuvor ließen sich dort bestimmt noch ein paar Sen verdienen, um ein etwas profaneres Bedürfnis zu stillen: Der junge Mann hat seit fast einem Tag nicht vernünftig gegessen!
Bereits die lange, beschwerliche Reise zum Kupferbergwerk, die er im Schlepptau des Anwerbers absolviert, ist gespickt mit allerhand Lektionen in Demut. Dort angekommen, geht es erst recht ans Eingemachte. Dem jungen Mann eröffnet sich der Einblick in eine Welt, wo sich Menschen durch einen Berg fressen – und der Berg wiederum frisst sich durch die Menschen, verschleißt gnadenlos deren Kräfte, verkrüppelt sie, vertilgt sie schließlich.

Der Gang an sich war dunkel. Selbst das Licht, das eigentlich hätte hell sein müssen, war dunkel.

Unter Tage ist nichts als verschwommenes Wabern, der ausgehöhlte Berg ist ein einziger Klangraum für das Poltern, Dröhnen und Hämmern der Bergleute und ihrer Gerätschaften. Es atmet sich schwer. Klapprige Leitern führen steil hinab ins Stollen-Gewirr, das sich über viele Ebenen erstreckt. Einige der Arbeitsschritte sind, besonders für einen, der im Umgang mit kiloschwerem Werkzeug und wenig stabilen Tritten und Stiegen noch nicht geübt ist, schlichtweg halsbrecherisch. Im Schichtwechseltakt isst und schläft man in Gemeinschaftsunterkünften; der Umgangston ist für den jungen Edelmann unerträglich, der Reis ist billig, die Bettwanzen überall.
Es ist selbstredend kein standesgemäßer Ort zum Leben – und zum Sterben auch nicht.
Ausgerechnet hier also kommt der junge Mann dem Leben und dem Sterben nun so nah wie nie zuvor.

Zum festen Bestand moderner Eroberungs- und Selbstverwirklichungslegenden zählen solche Berichte, die farbenfroh dokumentieren, wie einzelne, gestandene Heroen einen Gipfel erklimmen. Doch so eine ganz unhämische, ganz unpathetische Erzählung über die Erkriechung des dunkelsten Tiefpunkts – die darf im Gegenzug wohl auch nicht im Berg-Repertoire fehlen.

Definitiv eines meiner Lieblingsbücher“, zitiert der Buchrücken Haruki Murakami. Welcher wiederum ein Vorwort beigesteuert hat, in dem er – Lieblingsbuch hin, Lieblingsbuch her – sich etwas ratlos fragt, was Der Bergmann eigentlich bloß für ein Buch sei. Es sei ein in Form und Qualität fragwürdiger Roman, aus diesem Grund auch der wohl unpopulärste Soseki-Roman, und eben doch ein toller Roman, denn er, Murakami, habe ziemlich viel über ihn nachdenken müssen.
Um ihn auf sachlicher Ebene einzuordnen, hebt Murakami hervor, welch „großen Wert als historisches Dokument, welches uns ganz hervorragend vermittelt, wie das Leben der Arbeiter im Kupferbergwerk Ashio gegen Ende der Meiji-Zeit wirklich aussah“ der Bergmann habe – wobei Murakami ignoriert, dass er ein paar Seiten zuvor eigenhändig erläutert, Soseki habe selbst niemals auch nur einen Fuß in ein Kupferbergwerk gesetzt, sondern lediglich die Lebensgeschichte eines jungen Bergmanns aus Ashio notiert, die jener ihm gegen Honorar als Material für einen neuen Roman angeboten hatte. Dieses Material habe überdies mehr Gewicht auf persönliche Liebesverwicklungen gelegt, als dass es sich mit bergmännischem Alltag befasst hätte, und selbst einschneidende Geschehnisse, wie der große Bergarbeiter-Aufstand von Ashio von 1907, fanden darin nicht einmal Erwähnung. Allein dass Murakami drei Seiten seines Vorworts auf eine Beschreibung der Arbeitsbedingungen in Ashio verwendet, zeigt bereits an, wie nötig solche Ausführungen sind – denn der folgende Roman beschäftigt sich wenig gründlich, höchstens beiläufig mit diesen Rahmenbedingungen.
Natsume Soseki war jedenfalls nicht Émile Zola.
Sosekis Held bliebe von seinen Erfahrungen und Erlebnissen im Berg seltsam unbeeinflusst, erklärt Murakami weiter – und ignoriert dabei, dass der Ich-Erzähler hier nichts akut erfährt und erlebt, sondern rückblickend davon berichtet, und zwar in der Sprache eines unliterarischen, zu nüchterner Betrachtung und Selbstironie fähigen Menschen, während sein Bericht im Kontrast dazu zeigt, wie sehr er zu schwärmerischem Blödsinn, Eitelkeit und Halsstarrigkeit neigte, bis, ja, bis zu seiner Zeit im Berg.
Dem Roman fehle irgendwie die Kartharsis, deutelt Murakami – und ignoriert damit, dass der Erzähler mit seinem von Soseki ganz bewusst profan gehaltenen Ton und dieser bewusst ungezwungenen Erzählstruktur es nicht leisten kann, literarisch gezielt auf einen solchen Wendepunkt hinzuführen, sondern dass es die bildhaften Vorgänge sind – hier die Flucht durch die Wälder, dort ein schwer zu bewältigender Aufstieg am Hang, da ein Schwanken an tödlichem Abgrund –, die die Aufgabe übernehmen, die Seelenbewegungen des Erzählers aufzuzeigen, sie gleichsam zu formulieren, und dem Erzählten eine Struktur zu verleihen, die parabelförmig verläuft und an ihrem Scheitelpunkt ein Läuterungserlebnis aufweist:
Ein junger, lebensmüder Mann, fern der Heimat und aller Vertrautheiten, steigt ins Innerste eines Berges hinab, bis in die größte Teufe, in der eiskaltes Grundwasser steht. Auf dem qualvollen Weg zurück hinauf überkommt ihn der Wunsch, die Hände einfach von den Leitersprossen zu lösen, sich einfach abstürzen zu lassen. Wir wissen, er entscheidet, es nicht zu tun – und auch später wird er nie mehr auf ein derartig tiefes Niveau herabkommen. Was sich an diesem Punkt wohl innerlich abgespielt hat?
Jedenfalls: Nachdem ich das Vorwort gelesen hatte, fiel es mir über den gesamten Roman hinweg nicht ganz leicht, Murakami, mit dem ich ohnehin nicht viel anfangen kann, zu ignorieren, gab mir jedoch alle Mühe. Schlägt man das Vorwort in den Wind, gibt das dem Roman die Chance, sich als wunderbar un-westlicher Entwicklungsroman zu präsentieren, der um 1908 herum bereits in einer Moderne angekommen war, auf die man mancherorts in Europa noch lange warten musste.
Ob das Ganze nun eigentlich als eine Allegorie des Neuen Japan – dieses jungen, kaiserzeitlichen Großjapan, das allerlei turbulente Entwicklungsschübe erlebte – angelegt war, oder ob es vielleicht sogar ein verschlüsseltes Portrait des Künstlers als junger Mann ist, fragen Sie bitte Ihren zuständigen Literaturwissenschaftler; so oder so fand ich den Bergmann als Ausgangspunkt, um mich einmal etwas ausgiebiger an japanische Geschichte, an japanische Literatur heranzuschnuppern, sehr ergiebig.


>>Natsume Soseki, Der Bergmann (Dumont), 11,-€

KÖTER // Nur bei Midi

Herr Lehmann und der Hund – diese Szene kennt praktisch jeder. Marion Poschmanns Hundenovelle, Rebecca Hunts Mr. Chartwell oder Michael Köhlmeiers Idylle mit ertrinkendem Hund kennen viele. Überhaupt sind Bücher, in denen der Auftritt eines Hundes – insbesondere der eines Churchillschen Schwarzen Hundes – eine bedeutungstragende Funktion erfüllt, schlechterdings keine Seltenheit. Wer danach sucht, wird also finden, und zwar allerhand.
Ebenso gibt es durchaus einige Reportagen, Romane, Erzählungen, die sich der Plastiktristesse der Supermarkt- und Discounterwelt widmen. Etwa die erfolgreich abverkauften Leiden einer jungen Kassiererin von Anna Sam. Mir fällt auch Infarkt von Jens Wonneberger ein, wo sich menschliche Lebenswege zwischen Käsetheke und Spirituosenregal kreuzen; Sven Amtsberg erweitert seinen Superbuhei konsequenterweise gleich um eine anhängige Kneipe. Der Kinofilm In den Gängen, angesiedelt in den Regalschluchten eines Großmarkts, basiert auf einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer, die in Die Nacht, die Lichter zu finden ist.
Was diese Stichworte sollen? Später – fürs Erste soll hier nur die Überlegung nachgezeichnet werden, ob es dem Buchmarkt womöglich an Geschichten fehlt, in denen Riesenköter und Kleindiscounter eine Rolle spielen. Nun: Tut es nicht.

Bücher überhaupt – Bücher gibt’s ja generell wie Heu. Bös gesprochen: epidemisch. Ich bin nicht mehr auf dem Laufenden, was beispielsweise die Halbwertszeit eines aktuell als Taschenbuch veröffentlichten Krimis aus einem bekannten Publikumsverlag anbetrifft, aber: Ich erinnere mich nur allzu gut an Programmfluten, die oftmals kaum voneinander unterscheidbare Titel aus Belletristik und Unterhaltung in Unmengen in den Laden spülten, und ich erinnere mich an die lästige Arbeit, den größten Teil davon, drei bis sechs Monate später, wieder in genau jene Kartons zu stopfen, aus denen die Neuerscheinungen doch eben erst gekrochen kamen, um sie nun als Remittenden an die jeweiligen Auslieferungen zu senden.
Ich weiß nicht recht, wer in der Branche, aus der ich komme, eigentlich je wirklich Geld verdient, je richtig Kohle gescheffelt hat – so jemandem begegnet bin ich dort nämlich nie. Mir bekannt sind lediglich diejenigen, die an dem, was sie schreiben, überhaupt nichts oder nicht ausreichend verdienen, zweitens diejenigen, die dann diese Texte verlegen, ohne damit reich zu werden, und drittens diejenigen, die sich zunehmend auf den Verkauf von Plüschtieren und Schokoladentafeln verlegen, bevor sie den Laden am Ende doch bloß dichtmachen. Irgendwann, lange vor meiner Zeit, war das einmal ganz anders. Sicher. Und dort draußen, sehr vereinzelt, gibt es sie natürlich auch heute noch: diese seltenen Einhörner, die es aus irgendwelchen Gründen auf den Gipfel eines Berges geschafft haben, wo sie, einsam in der Sonne glänzend, herumstehen und vom Tal aus betrachtet sehr hübsch anzuschauen sind.
Multipliziert man die gegebene Menge an Buchtiteln mit der gegebenen Menge an medialen Content-Schleudern, dann ergibt das potenziell eine ungeheuer flächendeckende Präsenz von Literatur – und zwar von Literatur, die als Produkt gedacht wird. So ist das eben, es geht hier ja schließlich nicht um irgendein romantisches Hobby, Ihr Eumel. Und selbst ich trage mit meinem gelegentlichen, kleinen Gepuste dazu bei, die Böen anzufachen, sodass sich die Geschwindigkeit des großen, omnipräsenten Marktwirbelwinds stetig erhöht.
Eigentlich war das nie der Sinn der Sache.

Ich vermisse durchaus meinen kindlichen Ausgangsglauben, ein Buch sei mehr als ein bloßes Produkt – aber da hat der Einzelhandel über die Jahre, und besonders über die Weihnachtszeiten hinweg, ganze Arbeit an mir geleistet.
Genauso vermisse ich, wenn ich mich in der fleißig brodelnden Rezensionssuppe so umschaue, oftmals den sichtbaren Willen, etwas Geschriebenes nicht nur als ein Erzeugnis der Medienproduktionsbranche wahrzunehmen, sondern in erster Linie als den Versuch eines anderen Menschen, sich uns mitzuteilen.
Man kann diesem Versuch nun trauen oder auch nicht. Man kann sich blind darauf einlassen oder lieber skeptische Untersuchungen anstellen. Auf die gleiche Art, wie man, sagen wir, eine Jacke überzieht, kann man die Texte Anderer anprobieren, um zu testen, wie man sich darin fühlt, was wohlgemerkt ein Vorgang ist, den man allein absolviert und dessen Ergebnis dementsprechend ein ziemlich einmaliges ist. Trotzdem neigen wir hartnäckig dazu, etwas, das seinem Wesen nach einer zwischenmenschlichen Begegnung entspricht, mit einer Rezension zu quittieren, die sich an einem Leistungskatalog entlanghangelt, mit Pauschalbetrachtungen und Pauschalurteilen flirtet, und die letztlich ihrem Wesen nach einer Produktbewertung entspricht. Machen wir das denn tatsächlich wegen dieser Neunfünfundneunzig, die wir bezahlt haben? Oder macht uns diese immer etwas selbstgefällige Pose einfach zuviel Spaß?

Ich habe ja nicht die Nase voll vom Literaturkaufen und Literaturlesen, auch nicht vom Lesen und Texten über Literatur, oder dem Lesen und Schreiben generell. Im Gegenteil, wenn es nach mir ginge (tut es nicht, ich weiß), könnte es gar nicht genug Leute geben, die von sich schreiben und von den Anderen lesen; es könnte nicht genug schreibende Krankenschwestern, Busfahrer, Müllmänner und lesende Polizisten, Sparkassenfilialleiter, Senior Sales Managerinnen geben.
Ich meine das absolut ironiefrei ernst, denn ich finde das wirklich wichtig: Alle haben etwas mitzuteilen, und in allem wirklich Gemeinten, was es mitzuteilen gibt, gibt es wiederum für alle etwas zu finden, zu entdecken, zu erfahren.
Die Nase voll habe ich dagegen vom Werbegeklapper, das inzwischen jede noch so private Nische gekapert hat. Und ich habe die Nase voll von diesem Trend zur Überprofessionalisierung, der mittlerweile alle Bereiche erfasst hat, die sich, auf welchem Level auch immer, mit Literatur beschäftigen. Braucht es das denn?

Was es auf keinen Fall bräuchte, wenn es da nach mir ginge (aber das tut es auch hier nicht), sind:
Diese Angst davor, sich lächerlich zu machen, indem man zu viel von sich preisgibt oder den Rahmen des eigenen Könnens derartig überstrapaziert, dass das in einem Ausrutscher endet – warum so dünnhäutig und schisserig?
Diese Bereitwilligkeit, sich über diejenigen lustig zu machen, die zu viel von sich preisgeben oder den Rahmen ihres Könnens derartig überstrapazieren, dass das in einem Ausrutscher endet – wozu immer gleich die Häme und die Nickeligkeiten?

Ich finde eine sicherlich nutzlose, aber trotzdem schöne Zufriedenheit darin, wenn ich Dinge um ihrer selbst willen schreibe, und ich muss ab und an zurück ins analoge Tagebuch wechseln, damit mir das Bewusstsein dafür nicht versehentlich flöten geht. Zuletzt habe ich ein paar geplante Texte und Buchbesprechungen am Ende bleiben lassen, weil mir auf die Frage, was das alles mit mir zu tun habe, nichts Zufriedenstellendes einfiel – und was sollte auch schlimm daran sein, wenn mitunter ein paar Wochen lang kein einziger Beitrag von mir in diesem Internet auftaucht?
Umgekehrt, als Leserin also, mag ich sehr, wenn aus Texten heraus erkennbar wird, dass da jemand beim Schreiben (und vielleicht auch nur dort) ganz bei sich selbst ist. Ob das auf ein Buch zutrifft, dass sich fünfzig Mal verkauft hat, oder auf einen Blog, der fünf Follower hat, spielt keine Rolle, und wenn es auch nur ein einziges Seelchen gibt, das da oder dort im Text etwas für sich gefunden hat, was es brauchte, dann hat sich damit die Frage nach der Daseinsberechtigung einer solchen Literatur von selbst geklärt.

Schreibt halt Gedichte über umgekippte Wassergläser; Romane übers Schnürsenkelbinden; Essays über die Geschmacksunterschiede beim Kauen von Bleistiften und Fingernägeln. Von mir aus.
Aber schreibt!


>> Das hier ist ein Text aus einer meiner anderen Schubladen. Riesenköter, Kleindiscounter,  Mittelmaß – wer insgesamt ca. zwei Stunden seiner Zeit verpulvern mag, der landet via Link direkt im (zwar kein bisschen an den Haaren herbeigezogenen, freilich aber etwas überfrisierten) Midi-Markt in Leefeld: Nur bei Midi


 

KÖTER // Schlüppi

A Giant Dog ist so ein Bandname, bei dem man sofort begreift, wie’s gemeint ist, sobald man die ersten Songs hört. Die Texte handeln nicht unbedingt von Quantenphysik, fröhlich großmäulige Energie treibt das Ganze an, und wer an dieser Art von, was weiß ich, sagen wir Glam-Punk keinen Spaß hat, dem ist wahrscheinlich auch sonst nicht zu helfen.
Schade also, dass das allmählich mich selbst betrifft: Neuerdings tritt Frontbiest Sabrina Ellis eher kraftlos trällernd in Erscheinung, deutlich ausgezehrt, zwar mit vorzeigbarem Sixpack und Make Up, aber eben irgendwie ungesund. Mag sein, dass ich damit etwas dazu beisteuere, den kommerziellen Erfolg schlechtzureden, der die Band inzwischen verändert hat, aber das ist nicht meine Absicht – der ist schließlich verdient.
Tatsächlich steht enorme Arbeit dahinter, Alben über Alben, Tour- und Festivalauftritte am Fließband, und das für Sabrina Ellis nicht nur als singender, shoutender und leitender Kopf von A Giant Dog, sondern parallel und in gleicher Funktion beim noch etwas mehr am 70er Jahre Glam & Glitter orientierten Projekt Sweet Spirit. Da schleift sich die Substanz unweigerlich runter. Und gleichzeitig professionalisiert sich rundum alles, vom Merchandising über das Auftreten in Interviews bis hin zum Look der Frontfrau.
Gerade der hatte es bislang aber so schön in sich: Sabrina Ellis, ungeschminkt, unfrisiert, körperlich proper, die mitunter barfuß, mal in Hotelpagen-Uniform, Bademantel oder Glitzer-Trenchcoat über schlabberigem Top (gern BH-befreit) und im legendären rosa Schlüppi über die Bühne zappelt.
Und nun plötzlich flacher Bauch, Porzellanteint, Helene-Fischer-Outfits, und auch die Songs werden glatter: Ich will nicht oberflächlich sein, aber ich finde, dass hier etwas ins Oberflächliche verschwindet, dem ich richtiggehend traurig hinterherschaue, mit einem Taschentuch winkend.

KÖTER // Dog Content

Wes Anderson beschäftigt mich seit Jahren, da ich einfach nicht durchschaut kriege, was mir an seinen Filmen immer wieder so seltsam gegen den Strich geht. Mit der Zeit hat sich in mir die Theorie verfestigt, dieses Unbehagen beruhe darauf, dass ich Andersons jeweilige Filmwelten einfach lieben müsste, da sie immer irgendeinen nostalgischen Kindheits- und Jugendnerv bei mir zum Klingen bringen (besonders die Cousteau-eske Welt der Tiefseetaucher hat es mir angetan – wie oft hatte ich früher vorm Fernseher die Expeditionsfahrten der Calypso verfolgt, und wie sehr hatte mir dieses Farbspektrum gefallen, vom Korallenriff-Bonbonbunt bis hin zum leuchtenden Wollmützen-Rot), während jedoch ein irgendwie versnobtes Flair, das den Filmen innewohnt, jedem bei mir aufkommenden Gefühl von Vertraulichkeit und Heimeligkeit direkt den Stecker zieht.

Diesmal aber bin ich nicht so sicher, ob es nicht womöglich doch einmal zündet. Das liegt gar nicht primär an der Story – in naher Zukunft werden nach dem Ausbruch einer furchtbaren Hunde-Grippe alle Hunde aus einer japanischen Mega-Stadt auf eine vorgelagerte Müll-Insel verfrachtet, wo sich ein Trupp aus fünf befreundeten Hunden gemeinsam durchschlägt und später einen Jungen begleitet, der sich auf die Insel geschlichen hat, um seinen geliebten Hund Spot aus der Verbannung zu retten. Schließlich leben Andersons Filme nie primär von irgendeiner Story, sondern natürlich von ihrer überintensiven Optik. Und genau die erwischt mich hier: Das farbliche Schema lautet diesmal offenbar Mattweiß-Rostrot-Rußschwarz, dazu kommt dieser ganze dystopische Pseudo-Japan-Schnickschnack, wunderbar.
Und auch die Filmmusik: tiefe Bläser, Flöten, Trommeln und Gedengel – passend ergänzt durch ein bisschen historische Filmmusik aus Kurosawas epischem Die sieben Samurai, und dazu, unverzichtbar, ein paar wiederentdeckte Perlen aus den 60ern.
Zuallererst ist Isle of Dogs (wie der 2009 gedrehte Der fantastische Mr. Fox) natürlich ein Stop-Motion-Film, und auch das stößt bei mir auf einen Haufen Zuneigung. Während es in gefühlt keinem einzigen Film mehr handgemachte Effekte zu sehen gibt und sich von der Kulisse bis zum Hauptdarsteller alles täuschend real computeranimieren lässt, fühlt es sich umso wohlig-wärmer an, einen in mühevollster Handarbeit entstandenen Film mit bewegten Puppen anzuschauen.
Ich weiß bloß noch nicht, wie ich meinem Sohn verklickern soll, dass ich mir einen Animationsfilm mit Hundepuppen im Kino ansehen will, den er aber wirklich nicht mit mir zusammen anschauen darf, weil er, beim besten Willen, wirklich, wirklich kein Kinderfilm ist.

>> Isle of Dogs – Ataris Reise läuft am 10.05. in den deutschen Kinos an

FLUGWESEN // Was vom Himmel fällt

f244bb52520724366b4fae7f68fc29ab (3)

Wenn es Nacht wird, bin ich zumeist daheim, sortiere das Geschirr, zähle Staubkörnchen oder rühre in Farbtöpfen herum. Es ergibt sich kaum noch, dass ich mal nachts an die Luft komme, noch dazu allein, wobei nachts übrigens das bloße im Dunkeln meint und nicht etwa nach Mitternacht oder gar über Nacht, und ich — Aber mecker nicht, Ilsebill, Zeiten ändern sich halt, und irgendwann ändern sie sich wieder aufs Neue, und was soll überhaupt die Klagerei? Ja ja.

Wenn es Nacht wird, öffnet sich, indem die Bläue des Himmels westwärts davonschiebt, die Schleuse ins unfassbare Schwarz, das sich im Pupillenrund spiegelt. Sobald der Blick ein Körnchen von der sich auftuenden All-Ewigkeit zu fassen kriegt, zischt dieses Körnchen zur Pupille herein und via Sehnerv direkt ins Hirn, boom!, wo es aufkeimt, sternenartige Blüten und ein Gewucher von Galaxien austreibt, und so einen Raum entfaltet, der gefüllt zu werden verlangt. Rasch ringeln sich ganze Schöpfungsketten dahin, und es bildet sich ein Äther, ein Stoffgemisch aus kostbarsten Substanzen: Klarheit, Neugier, Liebe, Sehnsucht, glorreichem Mut zum Blödsinn. Das macht einen Menschen aus: dass sich darin solche Tiefe und Größe und auch Schwärze auftun, wie sie sonst nur dem Weltall gegeben sind. Dass wir in erster Linie Tag-Aktive sind, kommt mir wiederum glatt wie eine gelebte Bitte an die beruhigend blaue bis weißgraue Himmelsdecke vor, sie möge uns doch vor solcher Tiefe und Größe und auch Schwärze behüten.

Wenn es Nacht wird, kommen die Minusgrade besonders zur Geltung, es ist, als speiste sich die Kraft der hiesigen Winterkälte direkt aus dem sperrangelweit offenstehenden All, wo ihre große Schwester herrscht – ungleich brutaler, als es die mickrige Erdlingin je könnte, versteht sich. Die Luft ist lupenrein und ohne jede Regung, sie ist leergefroren, Nebel und Wind und alles müssen vor Kälte einfach zu Boden gefallen sein. Das leise Bersten mikroskopisch kleiner Türme und Brücken aus Eiskristall unter meinen Stiefelsohlen wächst sich in der Stille zu etwas Großem aus, das sich stachelig ins Ohr drückt. Überhaupt wird nun so allerlei hörbar, was sonst unter Alltagsklang verborgen liegt, wie das rauschende Blutgestöber, das den Körper durchläuft. Außerdem rätselhafter Schall – vielleicht das Restbrausen entfernter Städte und Stürme, oder eine akustische Ahnung von den Schwingungen, die durch das Glühen und Quirlen des äußeren Erdkerns verursacht werden, weit, weit unter uns, ganz tief, so tief, tief… un…….ten…………….. Auch die Stille an sich ist ein besonderer Klang.

Wenn es Nacht wird, beginnen irrationale Versuchungen zu zirpen – ganz verschiedenartige, je nachdem, ob man sich in der Stadt oder auf dem Land und in welchem Alter man sich befindet. Ich stehe gerade am Ackerrand, Weg und Siedlung im Rücken, vor mir nichts als Flachland. Die Horizontlinie erstreckt sich ungebrochen von einem Ende meines Gesichtsfeldes zum anderen, sie ist ein massiv anmutender Balken und tiefschwarz – die Entfernung verdichtet das Dunkel, und der Querbalken markiert dessen höchsten Sättigungsgrad. Der Raum, dessen Grundfläche von der platten Ebene gebildet wird und der sich aufspannt bis weit hinter die mir bekannten Sternbilder, liegt still und klar und wie aus Glas gegossen da. Es kommt selten vor, dass er bequem begehbar ist, nur wenn eine solche trockene Kälte länger andauert und der Oberboden steinhart gefroren ist wie jetzt, lässt es sich quer über die Ackerflächen spazieren. Noch im Dezember wäre man dort in knietiefem Schlamm stecken geblieben, da Temperaturen und Niederschlagsmengen diesen Winter lange Zeit so hoch gewesen sind. Später wird das Frühjahrshochwasser kommen und aus den Agrarflächen eine Seenplatte machen, die wiederum eine einzige Morastlandschaft hinterlassen wird. Das Jahr über ist die rohe Ackerkrume ohnehin zu weich, es wird gepflügt, geeggt, gedrillt und gesät, außerdem Jauche gefahren, und dann schießen die Rüben und Kartoffeln, der Weizen und der Raps. Nun aber ist die ganze Ebene verwaist, und sie ist durchgehend trittfest. Der ferne schwarze Streifen zieht an mir – ich stapfe los. Ich laufe schnurgerade auf seine Mitte zu, ich wünsche mir unsinnigerweise nichts anderes, als mich in dieses dicke Schwarz hinein aufzulösen, worin sich alles auflöst, indem es sich in- und übereinander verdichtet. Ich marschiere quer zur Pflugrichtung, trete auf die verharschten Rücken der Trallien und meide ihre Täler, die von Frost und Flugschnee marmoriert sind – flüchtige Ebenbilder des Gesprenksels, das da über mir gleißt. Meine Wangen brennen, meine Schritte haben in einen runden Rhythmus gefunden, rattern über den linierten Boden hin und machen Strecke, es ist herrlich. Da löst sich etwas aus dem schwarzen Horizontbalken, tropft daraus hervor, ein Klecks, der allmählich, indem ich ihm näherkomme, die Form eines Vogelkörpers annimmt. Eine tote Krähe. Es ist nichts Sonderbares, auf verendete Tiere zu stoßen, und die Witterung tut ihr übriges dazu. Allerdings frage ich mich, gerade angesichts der Kälte, weshalb so ein Kadaver noch keinen winterhungrigen Verwerter gefunden hat. Fuchs, Marder, Bussard und die Rabenverwandten verputzen für gewöhnlich in Windeseile alles, was sich nicht mehr rührt. Ich bleibe ein Weilchen bei der Krähe stehen und betrachte sie, im kaltweißen Mond- und Schneeschimmer glänzen Schnabel und Gefieder metallisch, sie liegt hier wohl noch nicht allzu lang. Man darf totes Getier nicht anfassen, ja ja, ich weiß, aber ich ziehe einen Handschuh aus und streiche einmal über den Vogelkopf. Hart, glatt und kalt wie ein Flusskiesel. Das Ziehen verschwindet augenblicklich – indem ich den Vogelkopf loslasse, lässt mich der Horizont los. Ich habe etwas gefunden, und wer etwas gefunden hat, der kann nach Hause gehen. Wird auch Zeit, der Elternabend ist schon lange vorbei, und allmählich denken die zuhause noch, ich wär auf dem Heimweg verfroren.

FLUGWESEN // Flugraum-Notizen

20170825_173053 - Kopie - Kopie (5)


Frühsommer. Morgens wabert das Brummen der Hornissen zum Fenster herein. Ich koche Kaffee, das Radio läuft. Wird der Hornissenton lauter als die Stimme des Nachrichtensprechers, weiß ich, dass es eine von ihnen über die Fensterschwelle in die Küche verschlagen hat. Manchmal sind es gleich drei oder vier, die in unterschiedlichen Winkeln herumstöbern. Ich denke anfangs, dass sie hier nach Fressbarem suchen, doch in die Obstschale werfen sie nicht einmal einen Blick, unternehmen lediglich eine Orientierungsrunde durch den Raum; sie drehen sich im Flug wie Kompassnadeln und suchen ganz von selbst wieder ihren Weg nach draußen. Nur in der Früh machen sie diese Ausflüge in meine Wohnung, nachmittags und abends sind sie im Garten und anderswo beschäftigt.
Ich kann die Rotrücken gut leiden, was wohl vor allem darauf beruht, dass sie mich noch nie gestochen haben. Ihr Flugdröhnen ist kein unangenehmes Geräusch, es erinnert an Handwerkergerät und Landmaschinen, und auch ihre Geschäftigkeit gleicht der von Bauern und Bauarbeitern: Sie sind umtriebig, aber unaufgeregt, nie hektisch. (Die häufigen Rinderbremsen sind sehr viel aggressivere Hausgäste, und ihre Flugraserei ist, bei gleicher Körpergröße, ein ungleich bedrohlicheres Spektakel als das eher unwilde Schwärmen der Hornissen.)
Als eine der Verirrten nicht so recht hinausfinden kann, reiße ich das Fenster weit auf – sonores Chorsummen schlägt mir von draußen entgegen. Die Morgensonne fällt wärmend auf die Fachwerkfassade, und auf den Balken sitzt eine beachtliche Rotte von Hornissen. Ihre Kieferwerkzeuge tragen Holz ab. Mir geht auf, dass nicht nur Niederschlag, Wind und Frost, sondern auch Hornissenfraß eine Verwitterungskraft ist, und ich frage mich, wie viel Holzsubstanz diese kräftigen, aber tatsächlich ja doch winzigen Mandibeln wohl im Laufe eines einzelnen Vormittags abnagen. Und im Laufe eines ganzen Jahres?
An diesen Balken arbeiten sie seit mittlerweile 150 Jahren.


Der alte Hof ist hufeisenförmig angelegt. In diesem Rund ziehen, solange es hell ist, die Rauchschwalben ihre Hochgeschwindigkeitskreise, und in der Dunkelheit die Fledermäuse. Meine Fenster stehen ständig offen – unterm Dach wird es schnell heiß. Außerdem riecht die Luft jeden Tag gut und immer ein bisschen anders. Nur wenn es stürmt oder die umliegenden Bauern Gülle fahren, bleiben die Schotten dicht.
Tagsüber verfliegt sich gelegentlich eine der Schwalben ins Wohnzimmer, vielleicht, weil sie einer Wespe nachgejagt ist, vielleicht auch nur, um sich mal umzuschauen. Ich bestaune, wie sie selbst in kleinen Räumen umgebremst fliegen. Wie sie ins Wohnzimmer, in die Küche stürzen, in Haarnadelkurven durch enge Winkel und um Lampen und Möbel herum schießen. Sie halten dabei einfach nie inne, berechnen nicht voraus. Schneidet eine Schwalbe durch den Raum, sehe ich für zwei, drei Sekunden nur einen schwarzen Pfeil, der genauso plötzlich wieder durchs Fenster verschwindet, wie er hereingekommen ist – in denselben zwei, drei Sekunden sieht die Schwalbe: Fenster, Decke, Boden, Bügelbrett, Kugellampe, Tisch, grau, grün, schwarz, Türzarge, Regal, Kalender, Radio, weiß, rot, Kaffeemaschine, Dachschräge, Einbauschrank, Küchenuhr, Türzarge, Stuhllehne, Mensch, Stifte, Blumenvase, Fenster.
Nachdem sich die Schwalben abends in ihre Nester in den Ställen zurückgezogen haben, kommen die Fledermäuse aus den Scheunen. Einmal wache ich nachts auf – es ist nach drei, ich bin mit Buch auf dem Sofa eingeschlafen – und erschrecke fast zu Tode, als mich in meinem Dämmerzustand eine fremde Hand am Kopf zu streifen scheint. Was aber bloß der nahe Flügel einer Fledermaus gewesen ist, die nun in Ellipsen um den Lampenschirm fegt; ihr unwirklich großer Schatten rast im Kreis über die Wände wie ein Karusselltier. Kommen Fledermäuse herein, fliegen auch sie mit ungeheurer Geschwindigkeit auf engstem Raum die erstaunlichsten Manöver, ohne dabei ein einziges Mal zu verlangsamen. Fünf, zehn, auch mal zwanzig Minuten lang ziehen sie horizontale Achten oder tasten in scharfwinkligem Flug die Wände ab, brettern frontal auf Hängeschränke und Fliesenspiegel zu und berühren, wie magnetisch abgestoßen, doch nie etwas. Wenn sie dann noch immer nicht nach draußen gefunden haben, hilft es, das Licht zu löschen. Der Flatterflug ihrer Hautschwingen ist geradezu gespenstisch lautlos, nur das leise Gewisper, das dem der Schwalben übrigens nicht unähnlich ist, ist ab und an zu hören. Ich stehe lauschend im dunklen Raum, kann die Besucherin weder auf mich zukommen hören noch sehen, aber in zyklischen Abständen ist an einem deutlichen Lufthauch – als würde man aus nächster Nähe von einem Menschen angepustet – zu erfühlen, dass sie gerade dicht an meinem Ohr, an meinem Gesicht vorbeischießt. Kehrt das Pusten nicht mehr zurück, ist das Fledertier draußen. Am nächsten Morgen finden sich mitunter die abgetrennten Flügelpaare von Roten Ordensbändern oder anderen Eulenfaltern auf dem Zimmerfußboden.


Tagfalter und Bienen schwirren unfassbar selten umher, man muss sie tatsächlich suchen gehen, wird aber selbst an Distelgestrüpp kaum fündig. Im großen Wintergarten, der zu meinem Elternhaus in der Nähe gehört, fanden sich bis vor ein paar Jahren allsommerlich Dutzende von Flugtieren, die es nach draußen zu bugsieren galt: Schmetterlinge, Käfer, Hautflügler, Zweiflügler; darunter ulkige Exemplare, die in keinem Kosmos-Naturführer auftauchten. Als Kind wurde dort Regenwald-Expedition gespielt – der Wintergarten funktionierte im Großen ja nicht viel anders als die Insektenfallen, die in Tierfilmen über tropische Fauna so oft eine Rolle spielten. In den blühenden Hinter-Glas-Dschungel von Orchideen, Kakteen, Zitruspflanzen und Paradiesvogelblumen verirren sich heute nur noch vereinzelte Bienen anstatt, wie früher, halbe Völker, und die Schmetterlinge bleiben, bis auf den einen oder anderen Kohlweißling, gleich ganz aus. (Die meisten Schmetterlinge entdeckte ich dieses Jahr stattdessen auf dem Elternhaus-Dachboden, aufbewahrt in einer alten Seifenschachtel.)


Libellen gedeihen dagegen gut. Wir schlurren die Uferböschung zum Fluss hinab, und kaum treten wir ins Röhricht, flirrt schon eine Wolke von Prachtlibellen empor wie Metallic-Konfetti – dunkeltürkis, grün-golden, kupferglänzend, azurblau – die eine schillernde Ewigkeit lang braucht, bis sie sich wieder einigermaßen gelegt hat. In Hausnähe sind Großlibellen häufig: Schüttele ich drinnen die im Garten getrocknete Wäsche aus, plumpst oftmals eine leicht zerknautsche Edellibelle hervor, deren Knisterflügel zum Glück robuster sind, als sie zunächst aussehen.


Das Kind steht im Garten und schreit. Nicht vor Angst; trotzdem vermittelt diese bestimmte Geschrei-Frequenz eine besondere Dringlichkeit, und ich frage mich, ob vielleicht eine Kuh ausgebüxt ist oder was. Wie ich die Diele herunterkomme, sehe ich, dass die Rasenfläche, auf der mein Kind wild gestikulierend herumhüpft, von dahinziehenden Flecken übersät ist. Im kräftigen Juli-Licht zeichen sich die einzelnen Schlagschatten eines Luftgeschwaders auf dem Boden ab: Über uns sind Störche. Im Tiefflug erzeugen sie ein Geräusch, das man sonst nur aus Filmen kennt – wenn fiktive Drachen oder Raumschiffe an fiktiven Mikrofonen vorbeisausen, oder wenn kolossale Trümmerteile vom Himmel herniederstürzen: Ffffwwwuuuch.
Es gibt in der Region fast 60 Nester und eigens einen Weißstorch-Beauftragten, der über die Population, ihre Verteilung und Entwicklung Buch führt. Im Dorf nisten drei Paare; durchs Schlafzimmerfenster kann ich, bequem vom Bett aus, ins Nest auf dem Nachbardach hineingucken; auf unserem Dachfirst hocken häufig Fremdstörche, bis sie von den Nestinhabern nebenan verscheucht werden; man muss öfters das Auto waschen, weil Storchenmist aggressiv auf den Lack wirkt; den ganzen Tag über herrscht Geklapper. Allerdings ist es ungewöhnlich, dass sich die Störche zu einer solchen Schar zusammentun, wie sie nun über uns dahinzieht. Selbst, wenn sie gerade gesammelt aus ihrem Winterquartier hierher zurückkehren, oder im Herbst, wenn sie sich vor dem Aufbruch nach Süden gruppieren, sieht man die Störche in eher kleineren Einheiten über den Dächern kreiseln oder durch die Wiesen staksen.
Nach den heftigen Regenfällen von Juni bis Juli stehen bei uns weite Auflächen und die umliegenden Viehweiden unter Wasser, wie man es sonst nur von der üblichen Frühjahrsüberschwemmung her kennt; viele Feldwege sind abgesoffen, die Suppe staut sich auf dem gesättigten Boden zu knöchel- bis knietiefen Tümpeln. Es gibt Frösche, Fische, ertrunkene und strampelnde Heuschrecken, Schermäuse, Maulwürfe im Überfluss. Das zieht die Störche an. Sie kommen plötzlich geballt, auch von weit her – wie Horden von Touristen fallen sie in riesigen Schwärmen hier ein.
Wir stehen also im Garten, und fast eine Minute lang flackern die gewaltigen Schatten über uns hinweg. Die Störche landen auf der Pferdekoppel neben unserem Grundstück. In den flachen Pfuhlen ist kaum Platz für alle, aber die Störche drängeln nicht. Grüppchenweise stochern sie im Wasser herum, und die übrigen hocken unterdessen auf dem Zaun wie die Hühner auf der Stange.
Wir zählen 49 Störche. Es kommt einem glatt so vor, als wäre eine biblische Plage hereingebrochen – nur schöner, natürlich.


Im Zuge der Überschwemmungen nehmen nicht bloß die Störche, sondern besonders die Mücken bald überhand. Draußen tanzen dichte, Salz-und-Pfeffer-farbene Schleier in der Luft, immer etwa eine Menschenlänge überm Boden. Die Fenster kann ich abends und nachts unmöglich noch offenstehen lassen, binnen Minuten schwärzt sich sonst die Zimmerdecke, und es sirrt rundumklingend. Als läge man in einer Badewanne voll Sirren. August-Geräusch. Ihre Stiche nehme ich den Mücken im Vergleich weit weniger übel als dieses Geräusch, dieses seltsam jaulige und wimmerige, absolut unerträgliche, quälende, verrückt machende Geräusch. Der Staubsauger steht immer griffbereit, einem Feuerlöscher ähnelnd.


Ich komme nicht umhin, über die Ähnlichkeit nachzudenken, die zwischen Stubenfliege und Mensch besteht. In der Küche hängt eine Schirmlampe von der Decke, und am unteren Schirmrand spaziert eine Fliege kopfüber immer im Kreis herum, immer linksdrehend. Das fällt mir nur deswegen auf, weil der rundlaufende Schatten, den sie wirft, mir bald auf den Geist geht. Groß wie eine Katze, huscht der Schatten in stetiger Wiederholung über die Arbeitsplatte hinweg. Eine Runde, zwei Runden, immer weiter, drei Runden; ich zähle bis acht. Dann kommt eine zweiter Großschatten hinzu. Noch eine Fliege, die den unteren Schirmrand entlangspaziert, kopfüber, fast im Kreis herum – rechtsdrehend nämlich, also steht sie der linksdrehenden Fliege zwangsläufig bald gegenüber. Sie prügeln sich. Die Linksdrehende gewinnt. Und spaziert weiter. Vielleicht war’s aber auch die Rechtsdrehende, die gewonnen und nun das Linksdrehen für sich entdeckt hat.
Ich lasse die Finger vom Laptop, um hier nicht ernsthaft über Stubenfliegen zu schreiben – so weit kommt’s noch. Die Fliege, der das offenbar nicht entgangen ist, düst sofort vom Lampenschirm herab und lässt sich auf der Tastatur nieder. Sie fliegt drei Buchstaben gezielt an: das M, dann das Y, danach das W: Mmmyyywww. Ich finde, das deckt sich sehr viel besser mit dem tatsächlichen Flugton der Stubenfliege als dessen gängige Umschrift Bssss.


Foto: Grebe


 

FLUGWESEN // Der Schmetterlingskasten


In der Küche meiner Eltern hängt, seit vierzig Jahren oder vielleicht länger, direkt über der Eckbank ein alter Schmetterlingskasten. Tropenschmetterlinge, aus denen ein Morphofalter wegen seiner Größe und des flächigen, irisierenden Blautons seiner Flügel hervorsticht. Neun kleine Totheiten, denen – aufgespießt auf zierliche Nadeln – schlechterdings nichts anderes übrig bleibt, als schön und bunt ihren Teil zur Raumdekoration beizutragen. Auch eine Art Memento. In der Uromaküche war es die Kastenuhr, deren dunkles Tackern so klang, als ginge nicht bloß die Zeit voran, sondern jemand mit Absatzschuhen auf dem Dielenboden immer im Kreis herum, (beide hielten sich hier strikt ans Schritttempo), in der Omaküche war es der wimmelnde Fliegenfänger, der in diesem Haus schon allein aus metaphorischen Gründen nicht fehlen durfte, und bei uns eben dieser Kasten mit den kleinen, bunten, toten Schönheiten, der beim Frühstücken und Mittagessen, beim Backen und Basteln, bei Kaffee und Kuchen immer im Sichtfeld war. Neun kleine, schöne, tote Buntheiten: ein Falter für jeden, der im Haus wohnte, aber das war natürlich reiner Zufall. In meiner kindlichen Kleinheit kamen sie mir sehr viel größer und strahlender, auch viel geheimnisvoller vor als heute. Ich hing oft mit den Augen an ihnen dran, vor allem, während ich meine Schulhausaufgaben machte und mich eigentlich auf meine Hefte konzentrieren sollte.


Die Flugträume, die ich als Kind hatte, verliefen zunächst idyllisch. Ich ging in den Garten (der sich immer im Frühlingszustand befand), breitete die Arme aus und legte mich langsam, nach und nach, vornüber in die waagerechte Schwebe; dann stieg ich auf. Es war kein gezieltes Fliegen, eher ein angenehmes Emportrudeln im Thermiklift, ähnlich dem Gaukelflug der Gabelweihen, die es beherrschen, unangestrengt, fast wie Heliumballons, aus dem Feld abzuheben und sich in die Höhe tragen zu lassen. Allerdings besaß ich nicht die Kraft dieser Vögel, die ihnen das Steuern und den Jagdflug ermöglicht, sondern die Sperrigkeit der schwächlichen Schmetterlinge, deren Flügel dem Wind zuviel Angriffsfläche bieten; jede leichte Böe trug mich, wohin sie wollte. Ich wurde von Luftwellen sachte mitgespült, trieb über die Kuppen der Blütensträucher hinweg, sank unkontrolliert ab, um mich beinahe im Flieder zu verfangen, bevor ich, von einem Windstoß angeschoben, wieder aufstieg. Der Horizont fiel wackelig nach unten weg, ich wurde über den Apfelbaum gepustet; mit dem Bild seiner weiß blühenden Baumkrone von oben endete der Traum.

Ich machte anschließend Fortschritte im Flugträumen, aus dem Passivflug wurde ein etwas aktiveres Unterfangen: Mittels Schwimmbewegungen ließen sich Richtung und Flughöhe beeinflussen. Außerdem startete ich nicht mehr behutsam, sondern rannte in den Garten, nahm Anlauf mit Schritten, die den Boden prügelten, stampfte mich in die Luft empor – ich konnte meine Kräfte auf den Luftraum anwenden. Gegen Ende des Traums bäumte sich eine Windwelle auf, die mich, übers Hausdach hinweg, in den Himmel riss wie einen abgenabelten Flugdrachen.

Später verwandelte sich das Fliegen in überschnelles Rennen. Ich nahm auf dieselbe Art Anlauf wie in den früheren Flugträumen, stieg aber nicht mehr so weit empor, sondern gebrauchte die Energie für Schritte, die mich hoch abstießen und schnell vorantrugen. Ich lief aus dem Garten und die Hauptstraße hinunter, nahm mit jedem Schritt an Fahrt auf und überholte bald die Autos, bald die am Straßenrand entlanggleitenden Bussarde. Mit Siebenmeilenschritten preschte ich über Bundesstraße und Autobahn, drückte mich bei jedem Bodenkontakt federnd vom Asphalt ab und wurde hunderte Meter vorwärts katapultiert, herrlich rasend; ein in rhythmischen Zügen durch die Luft schneidendes Projektil. Allerdings war ich an die Straßen gebunden – versuchte ich, aufs Feld auszuweichen, überschlug ich mich krachend. Im Schwarm der Fahrzeuge aber musste ich garstige, hornissenhafte Rennmotorräder im Blick behalten, mich vor dem Gegenverkehr retten, indem ich über die Rücken entgegenkommender Autos und Lieferwagen hüpfte, Auffahrgefahren ausweichen, indem ich Sportwagen übersprang, deren Beschleunigungszyklen ich jedoch nicht vorausberechnen konnte. Bremsen konnte ich nicht, nicht einmal leichtes Verlangsamen war mir möglich. Zumeist endete der Traum, indem ich an der harten Stirn eines LKWs zerschellte, dessen Frontscheibe mich als Fracht so gleichgültig mit sich weitertrug wie einen geplatzten Falter.

Die Rennträume mit ihrem Unfall-Ende waren der Übergang von den Flug- zu den Lähmungsträumen, in denen ich unbeweglich in einem Raum lag, der zwar mein Schlafzimmer, aber gleichzeitig ein seltsam fremder Raum mit einer durchlässigen Wand war. Mir war bewusst, dass ich durch die Fenster hinaus in den Garten fliehen musste, denn durch die durchlässige Wand würde etwas zu mir in den Raum kommen, um mich zu fressen. Unterhalb meiner Hirnrinde juckte und jaulte es, äußerlich aber konnte ich nicht einmal blinzeln, mich partout nicht rühren, geschweige denn weglaufen. Das währte eine halbe Traum-Ewigkeit lang, bis schließlich etwas auf mich zukroch, etwas, das von Traum zu Traum unterschiedlich anthropomorph gestaltet war, jedoch das Fressverhalten und den signifikanten Mimikmangel eines Insekts besaß. Erst indem ich das (oder die) Wesen zu sehen bekam, gelang es mir plötzlich, einen kleinen Finger zu bewegen, ein winziges Fingerzucken nur, das aber die Lähmung durchbrach als zerrisse es ein Spinnennetz, und ich wachte sofort auf. (Im Übrigen waren das die letzten Intensivträume, die ich hatte; lange schon schlafe ich dunkel und erinnere, sobald ich aufgewacht bin, keinerlei Bilder mehr.)


Hätte ich vielleicht eher davon geträumt, Ärztin oder Rechtsanwältin zu sein, wenn ich damals einfach meine Hausaufgaben gemacht und mich Herrgott noch eins auf meine Hefte konzentriert hätte?


 

FAMILIENBILD MIT PHANTOM // Erzähl-Erinnerung

Brodkey

Mein Vater verfolgt mich. Mein Gott, ich fühle es die Wirbelsäule rauf und runter, wie er über den Rasen stapft, wie sich seine Hände nähern, seine riesigen Hände, das mächtige, pochende Anschwellen seines Atems, wenn er sich an mich heranmacht: er versucht, sich auszudehnen. […] Daddy ist so flink: wer hätte je von solcher Flinkheit gehört? Genau wie im Märchen… […] Ich werde in die Luft gehoben – und während ich benommen keuche und glotze, erscheint eine Landkarte, eine Karte der dunklen Erde, auf der ich eben noch lief: ich hänge schlaff, und trotzdem erhebe ich mich auf diesem gemästeten Balken, dem Arm meines Vaters, und ich sehe: da unten ist Gras, da ist der Weg, da ist ein Blumenbeet. Ich richte mich auf. Da sind die erleuchteten Fenster unseres Hauses, ziemlich weit weg. Das Gesicht meines Vaters ist nah und mit Geräusch erfüllt: undeutlich ragt es auf: sein verborgenes Gesicht: bist du das, alter Geldverdiener? Mein Hintern kerbt sich auf dem Trapez seines Arms. Mein Vater ist so groß wie ein Auto.

Aus Sein Sohn in seinen Armen: beglänzt und sehr weit oben von Harold Brodkey.

Jemand, der vielleicht noch Junge oder auch längst Mann sein könnte, ruft sich seinen Vater, welcher vielleicht nur verschwunden oder auch längst verstorben sein könnte, ins Gedächtnis, indem er das Erinnern auf die körperlichen Größen- und Kräfteverhältnisse konzentriert, die zwischen Kleinkind und Vater bestanden. Auf rein physische Relationen also – aber natürlich ist dem Ganzen, sobald es sich dabei um die menschliche Physis handelt, automatisch ein ganzer Batzen Psychologie anhängig.

Es ist so eine Eigenart von Brodkeys Prosa, das Körperliche und seine Bewegungen, Positionsbestimmungen, sensorischen Erlebnisse als Prisma zu nutzen, worin sich das schwärende Unerzählte bricht, um doch zutage zu treten und vielfarbig sichtbar zu werden. Nicht anders verhält es sich in dieser Kurzgeschichte.

[…] ich brauche zwei Augen, um eins seiner Augen zu sehen – und dann sehe ich meistens in mein eigenes Auge: von hier aus ist er sogar noch unsichtbarer, dieser Umarmer: mein Kopf sinkt gegen seinen Hals.

Um das Kind zu trösten, das sich gerade eben traurig verkrümelt hat, hebt es der Vater über den Rand seiner kindlichen Begrenzung hinaus, hinauf auf die Schwelle zu Welt und Weitblick, Glück und Gold – aber Obacht, das hier ist ein Höhenflug im Angesicht eines Untergangs:

Da war ein Gesicht; es war so groß wie mein Brustkorb; da waren Augen, unmenschlich groß, feucht – was mochten sie bedeuten? Wie konnte ich in ihnen lesen? […] Er sagte: „Das gefällt dir doch“, und er stellte mich auf den Rand der Mauer, die den Park säumte, den Rand eines Steilufers, eine Mauer, zu hoch für mich, hinüberzusehen, eine Mauer, die ich nicht überklettern durfte: er stellte mich auf die stoppeligen Steinberge und auf den Mörtelbewurf auf der Mauer. Er schlang die Arme um meine Mitte: ich lehnte mich an ihn: und wagte einen Ausblick, hinaus, dem Salz der Gefahr entgegen, des Anblicks (hundertfünzig Fuß hoch befanden wir uns mindestens, aber mindestens! Hunderte Fuß hoch in der Luft); dünne, reißende Windgirlanden schlugen mir ins Gesicht, Abendwind, von der frischen Sonne des Sonnenuntergangs geädert, schon stark von Kälte angeweht. […] Am Fuß der Senkung waren Bäche, Eisenbahnschienen, Landstraßen, Autobahnen, Häuser, Silos, Brücken, Bäume, Felder […]: es war Panorama als persönliches Privileg. Die Sonne am Ende des weiten, vom Sonnenuntergang geschwollenen Himmels war von einem glühenden und dringlichen Orange, eingefaßt von sich ausdehnenden Knospen aus Rosa und stratosphärischem Gold. […] Ich begriff, daß er mir Vergessen plus Genuß anbot […]. „Vertrau mir doch – laß du dich nur weiter aufheitern – sieh dir den Sonnenuntergang an – ein toller Sonnenuntergang, findest du nicht? – alles wird gut – glaub mir – wirst schon sehen – nur die Ruhe…“

War er absichtlich ein Schwindler?

So eng sich Brodkey nämlich, was dieses Vater-Sohn-Verhältnis anbetrifft, auch an der somatischen Ebene orientiert und damit eine Rekonstruktion des unmittelbaren, kindlich-sinnlichen Zugangs zu den Dingen unternimmt, so sehr unterliegt all das gleichzeitig einem analytischen, Rückschau haltenden Blick.

Unsere Verbundenheit äußert sich in überfallartiger, zupackender und einschmeichelnder Zuwendung, darin, daß einer sich vom anderen unterhalten läßt, für den Augenblick.

Ich frage Sie, wie soll so etwas andauern?

Manchmal, wenn wir uns voneinander unterhalten fühlen, werden wir dreist, aber genauso oft, genauso oft sind wir befremdet, und wir wenden den Blick ab.

Das ist freilich Storytelling, das im Wesentlichen auf Story verzichtet; stattdessen irrt das Erzählen in einem dunklen Erinnerungsstollen herum, rennt einsam flirrenden Leuchtpunkten nach, plumpst durch Löcher von einer Tiefenschicht zur nächsten. Passagenweise funktionieren der erzählerische Ablauf und die darin geschilderten Wahrnehmungen nach Art eines Traums oder auch Märchens: Raum und Zeit sind ausgehebelte Dimensionen; der Junge sieht sich als Zwerg, oder schwebend, oder als von Fressfeinden bedrohtes Tier, das sich wieder in einen Jungen zurückverwandelt, indem der Vater es auf seine magischen Arme nimmt, es emporhebt. Mitunter kippt, vor lauter Gegenwärtigkeit des erinnerten Gefühls, das Tempus plötzlich ins Präsens – um ebenso abrupt wieder ins Präteritum zu fallen. Ähnlich willkürlich, wie starke Erinnerungsschübe aus dem Nichts heraus das ganze Gehirn, das ganze Dasein überspülen, bevor sie schlagartig wieder auf Normalnull absickern.

Damals, mitten in der Nacht, hob er mich […] auf, wickelte mich in eine Decke, drückte mich an sich, trug mich im Dunkeln die Treppe hinunter; wir gingen hinaus in die Nacht; es war dunkel und kühl,  aber es gab einen Mond – ich dachte, er würde mich zur Mauer bringen, aber er blieb auf unserem Hinterhof stehen. Es wurde ihm lästig, mich zu lieben; er war abgelenkt und vergaß mich: die Liebe, die eben noch so nachdrücklich und fest an mir herumgeklammert und -gedrückt hatte, entfernte sich, und ich war entlassen, in die kühle Nachtluft, die fließende Feuchtigkeit, die Stille, und um uns die verdunkelten Häuser. Ich sah den silbernen Mond, hörte den Atem meines Vaters, fühlte, wie kratzig die Wolldecke auf meinen Händen war, bemerkte ihren Geruch nach Wolle. Ich hatte diese Empfindungen allein, und ich wartete. Dann, als er nicht zurückkam, wurde ich schläfrig und legte meinen Kopf gegen seinen Hals: er war nirgends in meiner Nähe. Ich schlief, in seinen Armen, allein.

Dass Brodkey bis zum Anschlag auf Intensität abzielt, zahlt sich zumeist aus, sorgt gelegentlich aber auch für Bruchlandungen – da kommen dann Wortverbindungen wie Häkelfehler zustande, da verpufft die Energie eines bestimmten Gedankengangs in einer übermütig abgehobenen, aber nicht mehr tragfähigen Konstruktion. Etwa so:

Durch die gestreichelte Verwirrung meiner inneren Luft macht sich linderndes Zwielicht bemerkbar […].

Himmel… Soll das so? Mit ein bisschen Fantasie und viel gutem Willen könnte man annehmen, dergleichen solle illustrieren, welch harter Kampf um den treffenden Ton hier gegen das schwer zu bändigende Gestrüpp der Erinnerung geführt und mitunter eben auch verloren wird. Oder man könnte es natürlich auch einfach als verquastes Geschwafel bezeichnen. Sei’s drum. Sicher ist jedenfalls, dass Brodkey in dieser Kurzgeschichte keine Spur nostalgischer Leichtigkeit zulässt, sondern Erinnern als Schwerstarbeit, Erinnerung als Stressfaktor zeigt – und zwar nicht allein ihrer Inhalte wegen, sondern gleichermaßen deswegen, weil es nun einmal quälend ist, einer flatterigen Erinnerung, die einen bedrängt, einfach nicht habhaft werden zu können, sie einfach nicht am Schlafittchen gepackt zu kriegen, geschweige denn sie auf eine ästhetisch adäquate Weise in Literatur übersetzt zu bekommen.

Sehr ausdauernd, und anhaltend fiebrig, spielt Brodkey unterschiedliche Qualitäten von Erinnerung durch: Speziell die Gattung Kindheitserinnerung wird aufgespalten in die kindliche Erinnerung und die adulte Erinnerung an die Kindheit; allgemein wird Erinnern aufgedröselt in konkretes, diffuses oder abstraktes Erinnern, welches mal blühend intuitiv, mal streng deskriptiv erfolgt. Das Bemühen, dem vielfältigen Wesen der Erinnerung auf die Schliche zu kommen, wird von Brodkey umgesetzt in reiche, ungestüme, bisweilen heillos überbordende Prosa – einem hitzigen Impetus entspringend, der sinnliche Wucht erzeugen will und sich dabei weder um Sauberkeit schert, noch um niederschwellige Zugänglichkeit bemüht.

Das eigentlich Interessante an dieser Kurzgeschichte liegt für mich jedoch in etwas Anderem, was zunächst nicht so recht ins Auge stechen kann, da das Auge erst einmal zu sehr mit Brodkeys Sprachkunsteleien beschäftigt ist, die sich um den Vater drehen:

Sein Sohn in seinen Armen ist eine Familiengeschichte – neben Daddy sind da auch Momma und eine Schwester. Sie gehören zum Geschehen dazu, sorgen für Unterhaltung, Geschäker und Plänkeleien. Doch im Zentrum der Erinnerung des Jungen steht, in epischer Größe und neben sich keinen Platz lassend, Daddy. Gut, Beziehungen zwischen Vater und Sohn sind eben an sich etwas speziell, und so erscheint es nicht weiter verwunderlich, dass der Junge dem Vater eine große Bühne gibt und ihn dort mittels aufwändiger Lichttechnik (Suchscheinwerfer, Lasershow, Stroboskop, UV-Lampen, etc.) von allen Seiten ausleuchtet – während Mutter und Schwester lediglich im indirekten Licht dieses Spektakels stehen. Als Randfiguren, denke ich. Aber etwas an diesem Lichtspektakel ist faul:

Also barg ich mein Gesicht vor der Sonne – so, daß es gegen den Hals meines Vaters gepreßt war -, und dann wußte ich, […] merkte es an der Hitze (seines Halses, seines Hemdkragens), wußte es aus kindischer Beweisableitung heraus, daß sein Gesicht vor der Helligkeit um uns völlig ungeschützt war: und ich sah hin; und es war so: sein Gesicht […] war in diesem Licht gefangen. In einer zufälligen Glorie.

Diese Glorie – das ist kein erleuchtetes Erkennen, sondern es ist Verklärung. Die bitter-romantische Faszination, die von den Verschwundenen ausgeht. An Daddy selbst ist kein Herankommen. Es gibt keinen anderen Daddy, als lediglich den gefühlten Daddy für den Jungen; keine handfeste Daddy-Substanz, nur ein Daddy-Fluid, das der Junge aus einem kleinen Ball aus zusammengeknüllten Erinnerungen, den er in seinen Fäustchen zerdrückt, hervorpresst.

Und die Frauen? Während der Junge von Vaters Schuhgröße über Vaters Bartstoppeln bis hin zum atmosphärischen Ton, den Vaters Gegenwart bewirkt, alles vehement erinnert und in seiner eigenen Gefühlssprache beschreibt, bleiben die Frauen schlicht vollkommen unbeschrieben, und der Erzählton, der für die beiden reserviert ist, ist konventionell.

Anfangs halte ich das für einen Ausdruck der Gleichgültigkeit gegenüber der Mutter, der Schwester. Dann aber finde ich, dass gerade dieses Nicht-Spektakel, das der Junge um sie macht, ganz einfach dafür spricht, was für vertraute, präsente, gesicherte Figuren sie für ihn sein müssen.

Im Umkehrschluss erscheint mir der dem Vater gewidmete, kräftezehrende Erinnerungsaufwand, den der Junge so ausschweifend betreibt, dass es ans Fanatische grenzt, als Zeichen dafür, dass der Vater all dies nicht ist: vertraut, präsent, gesichert. Gerade dieses heftige, geistige Suchen nach Daddy weist ihn aus als einen Familienunangehörigen – als ein Phantom.


Harold Brodkey wurde 1930 in Illinois geboren und starb 1996 in New York, wo er sich in den 50er Jahren niedergelassen hatte und dort bald zu den exzentrischen Lieblingen der Kultur-Szene zählte. Er sorgte als Autor vielbeachteter Kurzgeschichten und Essays für Aufsehen und wurde berühmt für einen Roman, an dem er dreißig Jahre lang schrieb, der von der literarischen Welt dreißig Jahre lang herbeigesehnt wurde und über den sich Feuilletonisten dreißig Jahre lang in vorauseilender Kritik die Finger wundschrieben, bis sich das, was da am Ende tatsächlich erschien, als blasser, aufs Rudimentäre zusammengekürzter Schatten des epochalen Werks entpuppte, als das er angekündigt gewesen war. In den 80ern noch als amerikanischer Marcel Proust gefeiert, spielt Brodkey heute kaum noch eine populäre Rolle. Damals wurde mitunter entnervt beanstandet, seine Prosa, die stark autobiografisch orientiert ist, sei scheußlich Ich-süchtig – heutzutage lesen wir alle fleißig unseren Knausgård.


>>Die Kurzgeschichte Sein Sohn in seinen Armen: beglänzt und sehr weit oben ist hier zu finden: Harold Brodkey, Unschuld – Nahezu klassische Stories (Rowohlt), €11,99