SONDERZUSTÄNDE > Abstand und Nähe

Mal an die Elbe heute? Das Wetter ist mäßig gut, der Weg nicht weit, und sollte man in den Wiesengürteln entlang der ländlichen Elbufer tatsächlich andere Menschen sichten, kann man leicht meterweise Abstand voneinander halten. Wo ließe sich starten, durchs menschenleere Grün schlendern? Google Maps‘ Satellitenbilder zeigen kleine Trampelpfade, Flächen für Gummistiefelgänge, Gräben, Knicks, sandige Buchten im Flussufer. Ich verfolge eine bestimmte Spazierstrecke (mit einem Blick, Satellit sei Dank, der früher Turmfalken, Kranichen, dem lieben Gott usw. vorbehalten war), um sie mir einzuprägen. Mitten auf dem Wege wechselt die Umgebung, als ich eine nicht existierende Grenze überschreite – hier winterbraune Äcker, und dort sommergrüne Felder. Da grenzen zwei Datenpakete aneinander, aufgenommen in unterschiedlichen Jahreszeiten. Zurück: Sandige Maulwurfshügel treten aus nacktem, grauem Boden hervor, Bäume werfen magere Schatten und die Elbe dümpelt dunkel. Vorwärts: Ein dicker Grasteppich liegt kugelrunden Baumkronen zu Füßen, der Sonnenschein hellt die Sandflächen auf, Lichtsprengsel spielen auf dem Wasser, oder sind das doch Gänse? Einen Schritt zurück: Novemberblues. Zwei Schritte vor: Junilicht. Zurück, voran, zurück – was für ein schöner Spaziergang wäre das, wo man, einfach so, aus dem Winter in den Frühling, den Sommer ginge, und das nach Belieben gleich nochmal!
Schön wäre es auch, mal wieder nach Kiel zu fahren. Jetzt. Wir führen einfach los und kämen in anderthalb Stunden an, und mein Kind wäre wieder so klein wie damals, als wir dort wohnten, und wir gingen mit Plastikautos, Sandförmchen und Seifenblasen auf unseren Spielplatz im Park und danach einmal an der Tirpitzmole vorbei, einmal der Gorch Fock winken und den Möwen beim Krebsefangen zugucken, und das Ostseewasser würde duften und rauschen. Unser Spielplatz sieht von oben unverändert aus, denke ich, ich erkenne die Gerüste, Rutschen, Schaukeln sofort wieder. Als wäre ich noch genauso dort wie damals. Oder als wäre damals zugleich jetzt – das Gras und all die Bäume auf den Satellitenbildern haben schließlich genau die richtige Farbe und Dichte für einen Märztag, für heute. Nein, neben der Sandgrube, sehe ich jetzt, ist eine Spiel- oder Sportfläche hinzugekommen, ein kreisrunder Tartanboden, dessen Funktion ich nicht so recht einordnen kann von hier oben. Ich fliege weiter, vorbei an Schilksee, wo noch immer unsere Fischbude steht, weiter, Richtung Strande, den Bülker Weg an der steinigen Fördelinie entlang bis zum Leuchtturm Bülk. Was herrscht da gerade, Spätsommer? Rapsgelbe Felder gibt es keine, bloß stoppelbraune; ich würde raten, dass sie vor kurzem abgeerntet wurden.
Ich suche auch: Hannover, Sauerweinstraße. Unverändert. Im größeren Radius fällt mir auf, dass das städtische Gebiet sommerlich buntfarbig leuchtet, bis zu einer Grenzlinie, die durchs Umland verläuft und hinter der alles grau verschleiert schlummert. Was mich irritiert, da eigentlich doch jeder, der mit der Bahn mal nach oder durch Hannover gefahren ist, den gegenteiligen Effekt kennen müsste: Aus einem sehr grünen Umland rollt man da in ein schlagartig sehr graues Stadtgebiet ein.
Entlang der B441 verläuft der Stichkanal in einem strahlenden Lindgrau und wechselt etwa auf Höhe des Seelzer Stellwerks abrupt zu Schlammgrau. Wenn ich an der B441 westwärts entlangziehe, und danach noch ein Stück weiter, komme ich zu meiner Mutter.
Meine Mutter besuchen zu fahren, auch das wäre schön, und auch das geht in Wirklichkeit natürlich nicht, nicht jetzt, und da habe ich auch schon mein Heimatdorf als Zielort eingegeben und meinen Salzberg gefunden. Ich will nur mal vorbeischauen. Einmal drüberfliegen und mal sehen, in welcher Jahreszeit mein Dorf gerade steckt.
Direkt bevor wir nach Lüneburg kamen, haben wir dort gelebt, knapp vier Jahre lang; ich war nach 15 Jahren anderswo plötzlich wieder zuhause. Sicher, das idyllische Dorfleben hat so seine Tücken, aber welches Groß- oder Kleinstadtleben hätte die nicht? Und besonders aus der Ferne vermisst sich das Idyll nun umso leichter und pauschaler.
Ich schaue zuerst in den Garten meiner Mutter. Der große Walnussbaum ist noch blattlos, sodass man Haus und Hof gut erkennen kann, und mir geht auf, dass es zu Navigationszwecken natürlich optimal ist, Bildmaterial aus dem Frühjahr zu verwenden, wo Straßenverläufe eben nicht unter Blätterkronen verschwinden.
Während ich wieder im Dorf wohnte, auf einem Nachbarhof, waren allerlei Arbeiten im Gange gewesen, die – nachdem sich das Dorf in jahrzehntelangem Dornröschenschlaf so gut wie nicht verändert hatte – Schlag auf Schlag eine Menge Altsubstanz verschwinden ließen: Straßen wurden saniert, einige hochbetagte Bäume gefällt, Häuser abgerissen, Neubauten begonnen usw. Ich war gewissermaßen noch rechtzeitig ins Dorf gekommen, um es noch mal im vertrauten Zustand aus meiner Kindheit zu sehen und es so zu verabschieden. Während ich jetzt mit meinem Satellitenauge die Straßen und Wiesen überfliege, muss ich mich fast zwingen, all die Bauarbeiter und Raupenbagger, die rund zwei Jahre lang das Ortsbild bestimmten, nicht nachträglich für Illusion zu halten. Wirklich, es ist glatt so, als wären sie nie dagewesen. In diesem Frühjahr, in das ich mich hier hineinzoome, in diesem, ich weiß nicht mehr genau, Ende Februar oder Anfang März haben sie gerade erst damit begonnen, die alte Esche stückweise zu fällen – der Baum wirft noch einen, wenn auch astamputierten Schatten, die großen Arme werden jetzt zerlegt, zerstreut liegen erste Holzblöcke auf der Wiese. Die Schloßstraße ist hier fast noch dieselbe, auf der ich im Schlepptau meiner Urgroßmutter einmal täglich unterwegs war, zum Eierholen oder Klönen. B.s alter Hof ist noch da, hier ist er noch ganz intakt – zuletzt staunte ich bei einem Spaziergang auf der Schloßstraße, wie groß die Baufläche wirklich ist, die der Abriss des Hofs freimachte, und wie weit die Neubauprojekte auf diesem Areal bereits vorangeschritten sind. Es gibt noch andere alte Gebäude, die ich unversehrt wiederfinde, und die großen Brauteichen bei S. sind noch ungefällt. Mir stehen die Augen leicht unter Wasser, als ich das alles sehe. Ich befinde mich plötzlich in einer Art Zugleichzeit – Vergangenkunft, Gegenheit und Zuwart sind ganz durcheinander, nein, einfach ausgesetzt, abgeschafft. Dass ich das alles sehen kann, obwohl es doch verschwunden ist! Auch die riesige Eiche im Garten des Hofgeländes, wo wir wohnten, unter der wir grillten, planschten und Wäsche aufhingen, steht noch. Ich fliege einmal übers Dach drüber, jetzt über unseren Rundhof: Da stehe ich, als wäre nichts gewesen – mein damaliges Auto, längst verkauft, steht wie immer auf meinem Parkplatz vor der Scheune, halb verborgen unterm Schauer.
Ich kann gar nicht entscheiden, ob mich das schmerzt oder tröstet. Ja, schwierig. Immerhin kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass ich ab jetzt öfters bei uns auf dem Hof vorbeischauen werde, überlegen werde, ob ich das Auto auch wirklich abgeschlossen habe, oder ob Laufrad, Duplosteine, Bälle, Plastikdinos und Playmobilfiguren noch draußen verstreut sind und wir da noch aufräumen müssen unter der Kastanie, und ob wir wohl gleich noch eine Radtour zum Mittellandkanal unternehmen oder doch lieber nicht, doch besser schnell mal die Wäsche im Garten abnehmen vielleicht, denn es sieht irgendwie nach Regen aus.

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Drittgedanke

Buntgegenstände / Drittgedanke / Die Beifängerin

5 Gedanken zu „SONDERZUSTÄNDE > Abstand und Nähe“

  1. Da grenzen zwei Datenpakete aneinander, ha ha. Da hast Du eine ganz realistische und effektive Verfremdung gewählt. Für uns Leser ist es ja gut, dass Du unruhiger Geist einmal angebunden wirst. Bleib gesund und schreib weiter.

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    1. Lieber Meinolf, morgens finden hier jetzt ein, zwei Routinestunden mit Matheübungen und kleinen Diktaten statt, und damit ich nicht wie eine humorlose Gouvernante im Rücken meines Kindes auf und ab marschiere, sitze ich halt einträchtig daneben und tippe ein bisschen was.

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      1. Liebe Sonja, als humorlose Gouvernante kann ich mir Dich auch nicht vorstellen. Bist zu modern für sone Sachen. – Wenn Du einen Online-Tip hast betreffend Rechnen und Mathematik für Erwachsene, kannst Du es mir gern sagen. Auf der Schule habe ich das Fach schlecht gelernt, bin aber willens, ein bisschen nachzuholen, just for fun.

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    1. Als diese ganze Digitalwelt noch Neuland war – jetzt folgt die nostalgische Wehmut einer alten Frau – also, es war einmal, vor langer, langer Zeit, da saß ich nächtelang vor dem Bildschirm, weil ich mich gar nicht dran sattsehen konnte, dass man sich auf einmal einfach so durch die Welt zoomen konnte. Das war toll. Das war ähnlich revolutionär für mich, wie auf einmal Musik im Internet finden zu können, anstatt mühsame, teure Flohmarktgänge unternehmen zu müssen. Auf einmal konnte ich mir Grönland im Detail anschauen, wow, oder Inselhopping im Pazifik machen, Vulkane suchen, Großstädte inspizieren, Flüsse verfolgen, ach, endlose Möglichkeiten. Schade eigentlich, dass das ganze heute bloß noch Nutzwert für mich hat und so ein Staunen eines Tages einfach einschläft.

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