ANEINANDER VORBEINSAM > Ein Männlein steht im Wäldchen

Zwei Stunden lang bin ich mindestens unterwegs, nie weniger, gern mehr. (Das jedoch nur, wenn es die Tagesplanung hergibt. Ganz ohne Plan und Uhr verschwunden, einen vollen Tag lang, bin ich schon ewig nicht mehr. Ich vermisse das zwar nur selten, aber wenn, dann sticht es mich allerdings ins Zwerchfell, ja.)
Es ist nicht bloß das Wetter, was mich ausfliegen lässt – inmitten verregneter Herbsttage plötzlich diese hellwarme Enklave. Mir ist auch sonst jedes Wetter recht, ich bin da nicht so.
Frühmorgens lassen sich Tiere blicken: Feldhasen, ein Fasanenpaar, Rehe. Als ich mich durchs Dickicht eines Knicks drücke, kullern fluchtartig ein paar grau-braun-melierte Federkügelchen vor mir davon. Mich überrascht, dass Wachteln „in Rudeln“ leben, was hier natürlich ein falscher Ausdruck ist, aber zugleich der genau richtige. Und mich überrascht, wie exakt sie in ihrer Motorik einem Dutzend angestoßener Billardkugeln gleichen.
Dass ich gerade, kurz nach Dämmerung und reichlich fern von Zuhaus, über Billardkugeln nachdenke, während ich knöcheltief in einem weichen Rübenacker stehe, der so abseitig liegt, dass hier nicht einmal die Wachteln auf Störungen gefasst sind, daran überrascht mich längst nichts mehr. Das ist normal.
Etwas überrascht wirken höchstens vereinzelte Passanten, die mitten im Feld, in aller Herrgottsfrühe, keinen Gegenverkehr erwartet hätten; heute ein Jogger, eine Radlerin, ein Frauchen samt Labrador. Natürlich grüße ich freundlich.
Ich wohne noch nicht sehr lange hier, aber irgendwann werden sich die Leute schon daran gewöhnen, dass ich ihnen ab und an im Feld begegne, irgendwie fehlplatziert, als wartete ich hier auf einen Bus, der mich ins Büro bringt. Oder zum Mond. In meinem Heimatort wundert sich jedenfalls kaum noch einer, wenn ich unerwartet eine Uferböschung emporgekraxelt oder von einem Jägersitz herabgepurzelt komme.
Zuhause ist – und das formuliere nun bitte jeder so für sich, wie es jeweils am ehrlichsten gesagt ist – Zuhause ist für mich, wo ich jeden Baum, Strauch und Graben kenne. Mir kann also durchaus niemand, der mir beim Stromern begegnet, vorhalten, ich liefe bloß in der Gegend herum, wo ich rein gar nichts zu Suchen hätte.
Natürlich suche ich Zuhause.
Und stehe dabei, indem ich mir die hiesigen Bäume, Sträucher und Gräben bekannt mache, längst drin im Vertrauten, im Familiären will ich fast sagen – ich meine: Wissen Sie, weshalb mich der Herbst so beklemmt, der Winter so strapaziert? Weil mir in dieser Zeit Stück für Stück, mit jeder Frostnacht, meine traulichste Gemeinschaft abhanden kommt. Wem es eher schwerfällt, unter Leuten Gemeinschaft und Vertrautheit zu finden oder herzustellen, der kann so wunderbar leicht unter die Pflanzen gehen, sich so leicht den Singvögeln und Insekten anschließen, sich allzu leicht in diese Gemeinschaft hineinverlieren, die all denen Zutritt gewährt, die bereitwillig darin verschwinden mögen.
Ich bräuchte, um unterwegs keinen leicht überraschten Gesichtern mehr zu begegnen, nur irgendein eindeutiges Attribut mit mir zu führen. Ich müsste bloß atmungsaktive Laufkleidung und Turnschuhe tragen. Ich bräuchte nur, wie früher, einen Kinderwagen zu schieben. Ich könnte ganz einfach zwei Nordic-Walking-Stöcke in die Hände nehmen, das würde schon vollkommen genügen.
„Du brauchst einen Hund!“, diesen naheliegenden Ratschlag bekomme ich am häufigsten zu hören, klar.
Dass die Tiere sich mit fortschreitendem Morgen rarer machen, liegt anteilig auch daran, dass sich die Leute, die joggen, walken, radfahren und Hunde ausführen, nun häufen. Trotzdem begegne ich selten mehr als diesen üblichen zwei, drei Menschen, denn auf die anständigen Wege, wo man nun einmal Leuten begegnet, komme ich nur zurück wie ein Lied auf den Refrain – dazwischen schlage ich meine etwas weiter ausholenden Bögen ins Unwegige.
Natürlich brauche ich keinen Hund, um Querfeldein-Gänge zu machen. Als ob ich ohne Hund die Querfeld-Eingänge nicht passieren könnte, nicht passieren dürfte.
Ich bin mein eigener Hund.
Wieder ein Reh, diesmal so nah, dass ich den Fächer seiner Wimpern erkennen kann. Es registriert schnell, dass ich zu dichtauf bin, und setzt sich zügig, aber unangestrengt in das am Ackerrand beginnende Waldstückchen ab.
Bei Fotos und Darstellungen von Rehen richtet man sein Augenmerk vorrangig auf ihre Zierlichkeit – was aber meinen Eindruck von ihnen in freier Wildbahn an erster Stelle bestimmt, ist ihre Lautlosigkeit. Wie kann sich etwas von dieser Größe in dieser Umgebung und mit dieser Geschwindigkeit bewegen, ohne dabei auch nur das geringste Geräusch zu verursachen? (Das Reh als klassisches Vergleichstier für zarte, elegante Frauen – ein Vergleich, der die rehische Scheu mitmeint. Und der wohl auch jene nebengeräuschlose Präsenz mitdenkt. Und damit, alles in allem, der Adressatin eine gewisse Schwächlichkeit, Kläglichkeit attestiert. Noch nie habe ich gelesen oder gehört, wie der Reh-Vergleich einem Mann gegolten hätte.)
Ich bin keine vergleichbare Verschwindekönigin. Aber wenn ich in diesem Umfeld nicht gesehen werden möchte, vielleicht, weil ich gerade nicht unbedingt Lust dazu habe, schon wieder ein milde irritiertes Gesicht freundlich zu grüßen – wenn ich hier also nicht gesehen werden möchte, wissen Sie, dann sieht mich auch niemand.
Wer versuchen sollte, sich zusammengekauert hinter einem Baumstamm zu verstecken, der wird übrigens ganz sicher gesehen, versprochen – das erfolgreiche Verschwinden ist keine Frage des Stillhaltens, sondern der Bewegung.
Nach einer, vielleicht auch anderthalb Stunden fühle ich mich ganz und gar eingelaufen in der Gegend. Ich kann jetzt mit dem Bachwasser mitfließen, mit dem Espenlaub mitrauschen, mich unterschiedslos zwischen schwankenden Kiefernästen bewegen; ich bin vollständig synchronisiert.
Und sie lässt schrittweise nach. Die Unruhe.
Natürlich laufe ich nicht herum wie eine Irre, bloß weil mich ein paar Sonnenstrahlen nach draußen locken, sondern weil ich ein Wespennest im Brustkorb sitzen hab.
Es ist nicht ganz leicht und wird mit den Jahren eher noch zäher, schwergängiger, immer wieder aufs Neue anzufangen. Umziehen, sich einrichten, sich einfinden. Sich von vorn erfinden. Anschluss suchen, Anschluss finden, den Anschluss halten und ausbauen, bis man aus den Oberflächlichkeiten herauskommt; dazu braucht es freilich nicht nur die entsprechenden Anstrengungen, sondern obendrein Glück. Möglichst einen Job finden; welchen diesmal? Bloß nicht irgendwo auf dem Weg verloren gehen. Bloß die Orientierung behalten.
Wohin bloß mit diesen Wespen?
Hierhin, dorthin. Weiter. In den Wald.
Gute Menschen, gute Arbeit zu finden ist immer schwierig. Zu verschwinden ist ganz einfach.
Jeden Baum, Strauch und Graben nach und nach kennenzulernen und sich, unabhängig von Google Maps, die Gegend zu erschließen, sodass man stundenlang, ach, so lange wie irgend möglich querfeldein herumkommt, ohne sich zu verlaufen – im Grunde nur ein vielleicht etwas zwanghaft geratenes Ritual, um den eigenen, inneren Richtungssinn zu beschwören, nicht?
Mann und Kind haben sich eingefunden, haben Anschluss, haben Alltag. Die zurückgelassenen Freundinnen und Kolleginnen haben nach wie vor ihren Alltag. Ich rede mit allen ausgiebig über ihre Alltage, gern.
Wo muss ich meinen eigenen Alltag suchen? Statt Alltag kommen die Wespen. Ich rede gern über alle Alltage, aber nie über die Wespen.
Um mich muss sich niemand Gedanken machen, ich verschwinde seit jeher allzu leicht und liebend gern. Mir tut das gut. Andere (und das sind viele) gehen jagen oder in fragwürdige Clubs, betreiben exzessiv Sport, bringen sich vorsätzlich in Kalamitäten usw. Sollen sie ruhig. Ich verschwinde. Zumeist wegen der Wespen. Ich verschwinde mitsamt der Wespen – um ohne sie zurück zu kommen.
Natürlich komme ich jedes Mal zurück.
Natürlich ist –
Halt.
Was war da?
Ich kriege nicht gleich die Angst, wenn es mal knackt im Gebüsch, nein. Höchstens einmal die Wildschwein-Angst. (Wildschweine sind das gefährlichste, was in der Feldmark droht.) All diese Abende, an denen meine Mutter mir eintrichterte, ich müsse spätestens um zehn zurück zu Hause sein, denn es sei nachts viel zu gefährlich, allein durch die Feldmark zu radeln, zumal für Mädchen – als säße da irgendwo irgendjemand lauernd im Graben herum, um nach fünf oder zehn Stunden einsamer Warterei im Nirgendwo endlich mal zuzuschlagen, herrje, wie albern.
Da war weder Geräusch noch Geruch; es sind die Augen, die etwas „gewittert“ haben, was hier natürlich ein falscher Ausdruck ist, aber zugleich der genau richtige. Keinen Mucks machen jetzt. Horchen, schauen.
Fichten, Brombeerranken, Amselrascheln, in der Ferne eine Bundesstraße, Birken, Taubenflug, Kieferndickicht.
Hinter mir. Mit einem Ruck drehe ich mich um und sehe nun das rot-karierte Flanellhemd so klar und nah, dass ich mich glatt selbst wundere, weswegen ich nicht schreie.
Ich renne auch nicht weg, ich will das Flanellhemd nicht im Rücken haben, während ich kopflos vor ihm davon kullere wie ein gescheuchter Hühnervogel, ich habe mein Taschenmesser dabei, ich –
Der rot-karierte Mann bewegt sich gar nicht.
Für einen Moment empfinde ich gerade das als besonders bedrohlich, besonders unheilvoll. Und der Moment geht vorüber. Und der Mann bewegt sich noch immer nicht.
Na, kein Triebtäter.
Gut.
Jäger? Blödsinn.
Harmloser Pilzsammler?
Ich bleibe in Bewegung, ich schaffe vorsichtig Abstand. Der Mann steht mit geschlossenen Augen und sehr geradem Rücken einfach da, auf einem lichten Fleckchen zwischen den Kiefern, deren harzige, zottige Astwedel windbewegt um ihn herum tänzeln. Er selbst rührt sich nicht im Geringsten, er ist sein eigener Stamm, sein eigener Stein.
Die Ellbögen vom Oberkörper weggewinkelt, bilden Ellbogen, Ellbogen, Kopf ein ziemlich gleichseitiges Dreieck. Seine Hände halten seinen Brustkorb, als hielten sie ein großes Gefäß. Sie ruhen flach, besänftigend auf den unteren Rippen, genau dort, genau auf jenem Breitengrad der Brust, wo auch die Quartiere der Wespen liegen.
Was fange ich nun mit diesem Bild an? Ein schiefes Lächeln ziehen, über mein dummes Erschrockensein von eben. Und sonst? Ich frage mich, ob der Karierte mich tatsächlich gar nicht bemerkt hat. Oder ob ich ihn nicht doch in seiner Kontemplation unterbrochen habe und er nun, innerlich sehr angestrengt, über diese Störung hinwegmeditiert. Wie lange er wohl schon so dasteht? Und wie kommt er überhaupt dazu? Ich meine, sich so ins hinterste Abseits zu verkrümeln, um dort zu meditieren. Rundum einsam.
Kurz, wie geht’s ihm?
Warum gehe ich nicht näher ran, grüße, sage ganz schlicht: „Sie haben mich erschreckt, wissen Sie“? Oder, umgekehrt: „Ich möchte Sie nicht erschrecken, wissen Sie“? Woher diese Scheu, seine Ruhe zu stören? Oder geht es etwa gar nicht so sehr um seine Ruhe, sondern, umgekehrt, vielmehr um meine eigene, sorgsam gepflegte Unsichtbarkeit, die damit unterbrochen, gestört würde?
Kurz, warum frage ich nicht: „Was machen Sie so allein hier, Mensch? Wie geht’s Ihnen?“, sondern bleibe stattdessen in Bewegung, vergrößere weiterhin den Abstand, weiter, weiter, lautlos?
Bis sich das Kieferndickicht sacht winkend vor diesem Bild schließt, und ich –
Du liebe Güte, ich muss jetzt aber auch wirklich zurück! Einkaufen!


Foto: Grebe 2019

Veröffentlicht von

Drittgedanke

Buntgegenstände / Drittgedanke / Die Beifängerin

9 Gedanken zu „ANEINANDER VORBEINSAM > Ein Männlein steht im Wäldchen“

    1. Bis zum Reh erst? Verpass nicht den spannenden Teil! …Ist Dir übrigens aufgefallen, dass ich das Design des Drittgedankens umgestellt habe – entschuldige, ich meine natürlich „optimiert“?

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      1. Nix werde ich verpassen! Aber dass Du das Design umgestellt hast, habe ich doch nicht gemerkt (gehabt), weil ich bloß auf dem Reader war. Jetzt seh ich’s natürlich. Die Collage am Kopf der Seite fehlt mir, muss ich sagen! Aber was soll’s, ich habe ja immer Deinen schönen Blumenübertopf vor der Nase, der mich für diese kleine Einbuße entschädigt.

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      2. Mein altes Theme litt allmählich unter einer Art Altersschwäche, das heißt, es kam immer mal wieder zu Funktionsfehlern – na, ich bin nicht die Richtige für derlei technische Fragen, jedenfalls: Es musste mal gegen ein neues ausgetauscht werden, wobei die vertraute Gestaltung hops ging. — Schön, dass es den noch gibt, den Übertopf!

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  1. Übrigens habe ich Deinen Text gestern zu Ende gelesen. Erschreckend, dieses Holzfällerhemd, diese überzählige Präsenz! Dagegen die Natureinsamkeit vergleichsweise beruhigend, aber für mich ebenfalls ein bisschen erschreckend. (NB. Wildschweine, die hier auf der Grenze zwischen Kleinmachnow (ehemalige DDR) und Zehlendorf (Westberlin) den Boden umwühlen, haben mir auf meinem abendlichen Nachhauseweg mit ihrem bedrohlich nahen Grunzen mehr als einmal einen Schrecken eingejagt; man weiß, dass eine Begegnung mit ihnen lebensgefährlich sein kann.)
    Mir ist nicht ganz lieb, dass Du gerne verschwindest (auch wenn ich es verstehe (glaube ich)). Denn die Berliner Fraktion wünscht sich natürlich ganz im Gegenteil, dass sich das Phantom Drittgedanke einmal materialisiert, in Person, in Berlin. Und als Autorin hast Du auch kein Tarncape nötig.

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