SPÄTSOMMER > Der dreißigste August

Das Jahr ist ein Gliedertier: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Die Lebensphasen, die stellt man sich oftmals genauso gestaffelt vor wie die Jahresphasen; überhaupt vergleicht man sie mit allen möglichen Schrittfolgen des Gangs der Natur:
Anfangs die morgendlich frische Kindheit, es folgt die mittagsheiße Blütezeit als Erwachsener, Lebensernte im Lebensherbst, schließlich die nächtlich kalte, lichtarme Endphase, wo die Dinge absterben, sich auflösen, unter die Erde gehen.

Ich schaue meinen Sonnenblumen zu, wie sie ihre Köpfe gegen den dicken Himmel stemmen – noch weiter hoch, und noch ein bisschen. Der Himmel wiederum schmilzt ihnen die Köpfe krumm und drückt sie so von sich weg, und weiter bodenwärts, und noch ein bisschen.

Spätsommer haben wir’s. Das ist, so als Jahresphase, also rein äußerlich schon, etwas massives.

August! Da waren sie, die Tage aus Eisen, die in der Schmiede zum Glühen gebracht wurden. Die Zeit dröhnte. Die Strände waren belagert, und das Meer wälzte nicht mehr seine Wellenheere heran, sondern täuschte Erschöpfung vor, die tiefe, blaue. Am Rost, im Sand, gebraten, geflammt: das leichtverderbliche Fleisch des Menschen. Vor dem Meer auf den Dünen: das Fleisch. Ihm war angst, weil der Sommer sich so verausgabte. Weil das bedeutete, daß bald der Herbst kam. Der August war voll Panik, voll Zwang, zuzugreifen und schnell zu leben.

Das stammt aus Ingeborg Bachmanns Erzählung Das dreißigste Jahr, worin ein namenloser Er (mal wird allwissend über ihn geplaudert, mal kommt er selbst zu Wort) die Dreißig als Wendepunkt in seinem Leben begreift, als eine Bewusstseinswende und auch eine Wende der äußeren Gegebenheiten, zusammenfallend mit dem Spätsommer.

Er pendelte zwischen dem Meer und der Stadt hin und her, zwischen hellen und dunklen Körpern, von einer Augenblicksgier zur andern, zwischen Sonnengischt und Nachtstrand, mit Haut und Haar gepackt vom Sommer. Und die Sonne rollte jeden Morgen schneller herauf und stürzte immer früher hinunter vor den unersättlichen Augen, ins Meer. Er betete die Erde und das Meer und die Sonne an, die ihn so fürchterlich gegenwärtig bedrängten. Die Melonen reiften; er zerfleischte sie. Er kam vor Durst um. Er liebte eine Milliarde Frauen, alle gleichzeitig und ohne Unterschied.

Als Jugendliche (Oberstufe) ließ ich mich davon total erschlagen, von dem Geruch und dem Geschmack, den diese Erzählung abgibt, von ihrer gärigen Üppigkeit, die so gefährlich nah dran ist, in Fäulnis umzukippen. Ihrer Kompostwärme. Gewitterdruck lastet auf diesen Sätzen. Mich erschlug’s wirklich – aber mitgeben konnte es mir so gar nichts. Noch nichts. Zu früh alles.

Selbst dreißig geworden, verschwendete ich dann aber keinen einzigen Gedanken an Bachmannsche Sätze. Ich hatte ein Kleinkind und einen Haufen Dinge um die Ohren und nie Schlaf, ich steckte mit dem Kopf vollauf in einem ebenso lebenswütigen Frühling, kurz, ich hatte zu tun.

Und jetzt, Mitte dreißig?

Wer bin ich denn, im goldnen September, wenn ich alles von mir streife, was man aus mir gemacht hat? Wer, wenn die Wolken fliegen!

denkt Bachmanns Er, vom Sommer getrieben, gegart, geschleift.

(…) nichts, was ich denke, hat mit mir zu schaffen. Nichts anderes ist jeder Gedanke als das Aufgehen fremder Samen. Nichts von all dem, was mich berührt hat, bin ich fähig zu denken, und ich denke Dinge, die mich nicht berührt haben. (…) Warum habe ich einen Sommer lang Zerstörung gesucht im Rausch oder die Steigerung im Rausch? – doch nur, um nicht gewahr zu werden, daß ich ein verlassenes Instrument bin, auf dem jemand, lang ist’s her, ein paar Töne angeschlagen hat, die ich hilflos variiere, aus denen ich wütend versuche, ein Stück Klang zu machen, das meine Handschrift trägt. Meine Handschrift!

Über Nacht kommt so ein Morgen, wo der Heuduft des Sommers ins Schwächeln gerät, weil er das Gewicht der Herbstgerüche von Totholz, Waldpilzen, nassem Laub plötzlich mittragen muss.
Auf den, seiner Trägheit und Hitze wegen, so quälend endlos anmutenden August folgt der September wie eine unerwartet eingetroffene Nachricht, mit der zunächst einmal nichts vernünftiges anzufangen ist.
Auf „Mitte dreißig“ folgt „fast vierzig“ wie eine Unebenheit im Boden, ein beginnendes Gefälle, worauf man nicht gefasst war.

Auf Frühling folgt Sommer, auf Sommer Herbst, dann Winter – so geht das Jahr, hat man gelernt. Doch fängt die Zählung des Jahres ja mitten im Winter an, und sein kalendarischer Mittelpunkt liegt bloß ein paar Tage hinterm Frühlingsende, und wenn der Sommer vorbei ist, beginnt schon gleich, im Handumdrehen, das letzte Jahresviertel.
Und mag man (weil man um die Ohren hat, weil man zu tun hat) auch noch so unbeirrt wähnen, in vollem Lauf unterwegs zu sein – nur einen Schritt weiter, und schon ist man da, und noch einen, schon steht man mittendrin, mit beiden Beinen: im Abschlussquartal, nicht wahr?
Im Endspurt, wo die Ziellinien drohen.


> Ingeborg Bachmann, Das dreißigste Jahr (Piper)


Foto: Grebe 2019

Veröffentlicht von

Drittgedanke

Buntgegenstände / Drittgedanke / Die Beifängerin

10 Gedanken zu „SPÄTSOMMER > Der dreißigste August“

  1. „Augenblicksgier“ ist so ein Wort, mit dem ich viel anfangen kann. Gerade in der Großstadt. Überhaupt wunderbar formuliert, diese Endsommerangst. Dabei ist der Herbst so herrlich, nur eben verdammt nah am Winter.

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    1. Jaaa, Herbst ist heikel. Schön, aber heikel. Ich hab den Frühling zu sehr lieb, denk ich, und bin deswegen wohl zu ungnädig mit dem Rest. Aber es nützt nichts, der Spätsommer rumort mir so unruhig in den Eingeweiden rum, ich find’s schlimm. Macht März, schnell!

      Gefällt 2 Personen

    1. Als durch und durch erdverwachsene Niedersachsin entspräche das ja nie meinem Naturell… Mir sind auch alle (bis auf einen) im Winter weggestorben. (Ziemlich ungenüsslich noch dazu.) Protestantische Ethik auf zwei Beinen, unsere Familie. Vielleicht daher auch ein sachtes Sträuben bei mir gegen diese Durchhalterei – ja, doch.

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  2. Man muss sie lieben (lernen), alle vier, den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter … ich stecke im Herbst und habe mich an den Winter noch immer nicht anschmiegen können, weil er so voller Maiweh ist …
    wunderbar geschrieben!
    Herzliche Grüsse
    Ulli

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  3. Was soll ich denn erst sagen! Gut, ich nehm’s sportlich. Morgen mit der Firmenwandergruppe über drei Schöneberger Friedhöfe. – Aber die Seele, das Wesen wird nicht älter, nicht doll älter. Deren Jahre stehen nicht im Pass. Gelten sie darum nicht? Übrigens mag ich Herbst und Winter gern. Gerade diesen Sommer fand ich furchtbar, auch den letzten. Sonne ist ja schön, aber immer Sonne -: zu viel Stillstand. Herbst und Winter aber: her damit! Wenigstens der Herbst kann eine Wildheit haben, die mir gefällt, und bunt ist er auch.

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    1. Lieber Meinolf, eine Sonntagswanderung über die Friedhöfe? Wie war’s? Erzähl mal, bei Gelegenheit! — Nach dem Sommer tue ich mich immer so schwer, wieder in Bewegung zu kommen: Sommer macht mich müde. Winter auch. Beide stehen so für sich, sind so absolut. Frühling und Herbst sind für mich eher was Transitorisches, und das ist mir näher. Sommer: Die Hitze ist mir zu dolle. Ich finde sehr erleichternd, wenn sie nachlässt. Zwar macht’s mich unbestimmt traurig, wenn das Jahr schließlich spürbar kippt, und zwar in Richtung kalt und dunkel – aber zugleich macht es mich ganz glücklich, die Jeans und die Sweatshirts aus dem Schrank holen zu können. Ja, das schon!

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