VERGISSMEINICH > Albert Camus, Der Wind in Djemila

Camus

Es gibt Orte, wo der Geist stirbt um einer Wahrheit willen, die ihn verneint.

Das ist allemal ein mustergültiger Camus-Satz. Allerdings befinden wir uns in keinem seiner Romane oder philosophischen Artikel, sondern in einem autobiografischen, noch dazu ziemlich emotionalisierenden Prosatext, und der Camus, den man kennt, ist nicht unbedingt der Camus, den man hier antrifft.

Als ich nach Djemila kam, wehte es, und die Sonne schien […]. Einige Vogelschreie, der gedämpfte Ton der dreigelochten Flöte, das Getrippel von Ziegen – all diese Geräusche brachten mir die Stille und Trostlosigkeit des Ortes erst zu Bewusstsein. Hin und wieder flog flügelklatschend und schreiend ein Vogel aus den Trümmern. Jeder Weg, jeder Pfad zwischen den Häuserresten, die großen gepflasterten Straßen zwischen den leuchtenden Säulen, das riesige, auf einer Anhöhe zwischen Triumphbogen und Tempel gelegene Forum – alle enden in jenen Schluchten, die von allen Seiten Djemila umgeben, das wie ein ausgebreitetes Kartenspiel unter dem endlosen Himmel liegt. Und dort ist man nun, einsam und umringt von Stille und Steinen; und der Tag geht hin, und die Berge wachsen und werden violett. Aber der Wind bläst über die Hochebene von Djemila.

Das schreibt ein junger Camus – etwa 23 Jahre alt.

Djemila ist eine Ruinenstadt, gelegen in der kargen, bergigen Kabylei, einer küstennahen Region Algeriens. Ursprünglich eine Berbersiedlung, wurde der in antiker Zeit als Cuicul bekannte Ort zu einer römischen Veteranenkolonie, fiel später unter die Kontrolle der Vandalen, dann ans byzantinische Reich, erlebte die arabische Eroberung und wurde vermutlich verlassen, als das ehedem fruchtbare Klima sich zu trockener Hitze wandelte.

Unermüdlich blies und jagte [der Wind] durch die Ruinen, drehte sich in einer Kies- und Staubwolke im Kreise, hagelte auf die durcheinandergeworfenen Steinquader nieder […]. Ich flatterte wie ein Segel im Wind. Mein Magen zog sich zusammen; meine Augen brannten, meine Lippen sprangen auf, und meine Haut trocknete aus, bis ich sie kaum noch als meine empfand. […] Der Wind verwandelte mich in ein Zubehör meiner kahlen und verdorrten Umgebung; seine flüchtige Umarmung versteinte mich, bis ich, Stein unter Steinen, einsam wie eine Säule oder ein Ölbaum unter dem Sommerhimmel stand.

Schon der Weg nach Djemila ist nicht unbeschwerlich – er führt spürbar ins Abseits und scheint, solange er währt, kein Ende nehmen zu wollen. Hat man die Ruinenstadt mitten im himmelweiten Nirgendwo schließlich erreicht, findet man dort: nichts. Und zugleich findet man so das „klopfende Herz der Welt“ . Die Einsamkeit, die Unwirtlichkeit, auch die schiere Gestorbenheit dieses Ortes zehren an seinem Besucher, verschlingen ihn. Doch verschlingen sie ihn in Freundschaft.

Schließlich bin ich, in alle Winde verstreut, alles vergessend, sogar mich selbst, nur noch dieser wehende Wind und im Wind diese Säule und dieser Bogen, dieses glühende Pflaster und dieses bleiche Gebirge rings um die verlassene Stadt. Nie habe ich in einem solchen Maße beides zugleich, meine eigne Auflösung und mein Vorhandensein in der Welt, empfunden.

Angesichts eines solchen Anschauungsorts für Vanitas – Camus nennt die ausgeblichenen Ruinen einen „Knochenwald“ – driftet das Denken wohl zwingend in Richtung Leben, Sterben, Sinn. Doch erst im Zurückschauen. Solange man dort ist, geht es nicht um barocke Überlegungen zur Hinfälligkeit alles Irdischen; es geht nicht um letzte Fragen, auch nicht um reine Historienkunde und erst recht nicht um touristische Romantik.

Dort, zwischen ein paar Bäumen, liegt die gestorbene Stadt und verteidigt sich mit all ihren Bergen und all ihren Trümmern gegen billige Bewunderung, malerisches Missverstehen und törichte Träume.

Inmitten unbewegter Ruinen und wildbewegter, harscher Winde, unter dörrender Sonne lässt sich nichts suchen, fragen, denken, geschweige denn schreiben. Solange man dort ist, IST man, und zugleich ist man nicht. Solange man dort ist, geht es nur darum, selbst Gebein unter Gebeinen zu sein. Bevor sich der Abend senkt und man Djemila, dem Wind und seinem Zug schließlich nachgebend, verlässt.


In der Zeit um 1936/37, bevor er seine Arbeiten an Der Fremde aufnahm, schrieb Camus einige Essays von persönlicher, aber nicht rein privater Natur, die in Frankreich 1938 unter dem Titel Noces erschienen – darunter Der Wind in Djemila. Sie zeigen den algerischen (und Algerien vermissenden) Camus, und sie zeigen sich nicht nur als philosophische, sondern zugleich poetische, mitunter ins Schwärmische gehende Prosastücke, weswegen oft Bezug auf sie genommen wird als Camus‘ „lyrische Essays“. Zwischen 1939 und 1953 schrieb Camus weitere Essays dieser Art, die 1954 unter dem Titel L’été publiziert wurden. Hochzeit des Lichts versammelt diese Texte. (Aktuell als Hardcover-Ausgabe im Arche Verlag lieferbar. Antiquarisch sind unter dem Titel  Hochzeit des Lichts oder Hochzeit des Lichts/Heimkehr nach Tipasa ebenfalls hübsche Ausgaben zu finden.)

Veröffentlicht von

Drittgedanke

Buntgegenstände / Drittgedanke / Die Beifängerin

2 Gedanken zu „VERGISSMEINICH > Albert Camus, Der Wind in Djemila“

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