FABULIERIOSITÄTEN // Die Wervandlung

Als Blatta Schab eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Gemäuerspalt zu einem nackten und etwa anderthalb Zentimeter großen Menschlein verwandelt. Er lag auf seinem panzerlosen Rücken und sah, wenn er den Kopf etwas drehte, seinen gewölbten, weichlichen, von flaumigen Härchen überzogenen Bauch. Seine viel zu wenigen und äußerst schwergewichtigen Beine lagen ihm plump vor den Augen.
„Was ist mit mir geschehen?“, dachte er. Es war kein Traum. Sein Keller, ein ganz gewöhnlicher Ungezieferkeller, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Im Vorratsregal gegenüber stand das Paket Zucker, in welches er sich gestern erst hineingefressen hatte.
Blattas Blick richtete sich dann, die Kellerstiege empor, zum leuchtenden Umriss der Kellertüre, und jenes grell eindringende Tageslicht machte ihn ganz melancholisch. „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe“, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, in seinem gegenwärtigen Zustand gelang es ihm nicht, sich bequem in seinem Schlafspalt einzurichten, denn in der Waagerechten drückte die harte Körnung des Mörtels in seinen nun so seltsam empfindlichen Rücken. Um sich in eine angenehmere Lage zu bringen (er erinnerte sich, wie gern er kopfüber schlief), wollte er in den senkrechten Teil des Spaltverlaufs hineinkrabbeln, allerdings erwiesen sich seine Gliedmaßen als dafür nutzlos. Er versuchte, seinen Körper in einer Schmalstelle zu verkeilen, sodass er darin gemütlich feststecken würde, ließ davon jedoch ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten Schmerz zu fühlen begann.
„Ach Gott“, dachte er, „was für ein anstrengendes Leben habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein kriechen und fressen. Die Aufregungen der Nahrungssuche sind ja viel größer, als mir das eigentliche Fressen dann an Zufriedenheit schenkt, und außerdem ist mir noch diese Plage auferlegt, alle Nahrung mit meiner nahen und fernen Verwandtschaft teilen zu müssen. Die Sorge um Fraßgifte, die großen Schuhe, welchen es gelegentlich gelingt, unachtsame Verwandte zu zertreten, dazu dieses nie herzlich werdende Gruppenleben – der Teufel soll das alles holen!“
Er fühlte ein leichtes Jucken auf dem Bauch. Es kam von einer Stelle über der kleinen, rundlichen Vertiefung im weichen Bauchgewebe, welche er nicht zu beurteilen verstand. Er wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es aber wieder zurück, denn er kam mit diesem ungelenken Bein nicht einmal annähernd dort heran. Die oberen Beinchen waren indes etwas beweglicher und durchaus für Kratzbewegungen zu gebrauchen.
„Dies frühzeitige Hellwerden“, dachte er, „macht einen ganz blödsinnig. Die Schabe muss ihre Dunkelheit haben. Wenn ich da an die Asseln denke, die leben angenehm, die kommen gar nicht heraus aus ihren dunklen, hauchengen Ritzen, höchstens einmal im Jahr, und leben anscheinend bloß von Staub und Feuchtigkeit. Wie herrlich! Aber unsereins? Immer rennen muss man, immer mitrennen, immer fressen und mitfressen – warum? Weil die Verwandtschaft einen sonst kurzerhand mit auffrisst. Was sich nicht regt, wird vertilgt.“
Er witterte nun um sich, doch von der sonst so eifrig wispernden Verwandtschaft war im näheren Umfeld gar nichts zu spüren. Hatten etwa seine Sinne nachgelassen? „Himmlischer Vater!“, dachte er. „Die ganze Sippschaft hat sich ja schon verteilt und hat bestimmt schon Fressen gefunden. Bloß nicht faul werden – da muss ich schleunigst hinterher! Wo sie wohl alle hin sind?“
Blatta machte Anstalten, den Spalt hinab zu krabbeln, doch versagten ihm seine unnützen Gliedmaßen erneut den Dienst. Wirklich, mit diesen kraft- und schutzlosen Auswüchsen war einfach nichts anzustellen.
Wie nun, wenn er hier einfach liegen bliebe? Das wäre aber äußerst peinlich und verdächtig, denn Blatta war während seines fünfmonatigen Lebens noch nicht einmal einfach liegen geblieben. Gewiß würde die Verwandtschaft, die in der Beengheit des Kellers ohnehin ständig übereinander rannte, bald das faule Familienmitglied in der Gemäuerspalte entdecken, es begutachten kommen und überdies einen merkwürdig veränderten Geruch an ihm wahrnehmen, der fremd und doch nicht unvertraut war, ledrig, speckig, auch obstig. Der Geruch von Nahrhaftem.
„Herrje. Besser, ich bewege mich schnell vom Fleck weg, bevor meiner Sippschaft dieser verlockende Geruch in den Mund und zu Kopfe steigt!“, durchfuhr es Blatta. Sein Abstieg geriet leider zu einem Fallen, doch zeigte sich, dass die niedrige Fallhöhe von den ihm so unnütz erschienenen Beinchen recht behände gemeistert werden konnte. Nach und nach würde er sich womöglich gut an sie gewöhnen. Tatsächlich fühlte sich ihre Wärme gar nicht unangenehm an, auch überkam Blatta angesichts ihrer bleichen Weichlichkeit ein überraschendes, zärtliches Wohlgefallen.
Nicht nur diese Körpereigenschaften beschäftigten Blatta. Verwundert ging ihm auf, dass das Tageslicht, welches er natürlicherweise gescheut hatte, ihn nun geradezu anzog. Mehr noch: Als sich die Kellertüre öffnete und eine Flut unbarmherzig gleißenden Lichts hereinbrach, schmerzte ihn dies nicht mehr, nein, es tat ihm vielmehr wohl.
Sollte es etwa so sein, dass Blatta hiermit einen Vorteil gegenüber seiner lichtscheuen Verwandtschaft entwickelt hatte? Könnte er sich gar —

In einem schnell herniederfahrenden, schuhsohlenförmigen Schwarz erstarb jedoch unversehens jegliche Plotentwicklung. Was denn auch der Grund ist, weswegen andere Erzählungen in der Weltliteratur einen deutlich populäreren Rang einnehmen als diejenige um Blatta Schab.


 

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