FABULIERIOSITÄTEN // Henning Ahrens, Glantz und Gloria


Ist es ein Märchen? Ist es eine Erzählcollage? Ist es Dada? Das und noch mehr kann man sich fragen, während man Glantz und Gloria liest. Man kann’s aber auch bleiben lassen.
Oder man befragt den Protagonisten, und der antwortet so:

Mein Name ist Rock Oldekop. Ich kotze Rauch. Und rotze Feuer. Und dies. Ist eine Story. Wie man sie seinen Enkeln. Im Schein. Des brennenden Wohnzimmers erzählt.

Wieder einmal spinnt Henning Ahrens eine fröhlich-barbarische Schauergeschichte, einen Sommernachts-tri-tra-traum, tollwütig, quicklebendig, drall, und man kann das alles sehr lieben. Man kann’s aber auch bleiben lassen.
Nur Dazwischen ist halt keine Option.

Rock Oldekop, Mitte vierzig, kommt mit dem Drahtesel durch Nacht und Wind angeritten, um seinem Heimatort nach Jahren einen Besuch abzustatten, auf den hier niemand wartet:

Ich radelte durch den Düster, eines der Mittelgebirge, in deren Klüften die Teutschen ihre Seele begraben haben, und ja! – der Himmel war grün wie Eichenlaub, der Mond eine Quitte mit rosigem Hof, die Venus eine Omen in Gold. […] Die Welt schaltete auf Sturm. Tanz der Fichten, sie warfen sich zu Boden, rissen sich hoch und schüttelten die Zottelmähnen. Eine luftige Hand schob mich über die Kämme, mitten durch das Gestöber der Blätter, bergauf und bergab, und wie die Alten sangen: Durch Kluft und Klamm, das ganze Programm.

Seit einem schicksalsträchtigen Brand hat Oldekop mit diesem Ort namens Glantz noch ein privates Hühnchen zu rupfen, und das ist nun fällig.

Ein Ortsschild, mit Fastfood-Müll verziert, von Kugeln durchsiebt. GLANTZ IM DÜSTER. […] O ja, hier hauste die Heimat.

Zufällig findet er Unterkunft in der alten Windmühle (der Wind, der Wind, das himmlische Kind ist eine Produktivkraft, auf die es im Roman besonders zu achten gilt), die inzwischen einen neuen Besitzer gefunden hat: August Landauer. Der Esoteriker und Vegetarier, noch dazu ein Zugezogener, muss seinen Galerieholländer auf dem Feuerberg öfters mit der Flinte gegen einen Mob verteidigen, der, fackelschwingend und dabei geschwollene Hass-Gedichte brüllend, in Glantz herummarschiert wie eine Kreuzung aus Pegida und Wagnerschem Opernchor.
Bald darauf gesellt sich zu dem Windmühlen-Duo eine Frau. Die zweite im Roman sehr prominente Kraft neben dem Wind ist das Feuer – eine Zerstörungskraft wohlgemerkt, und dementsprechend mit Vorsicht zu genießen ist diese Gloria Mayer, „Landärztin in spe“, deren hirnerweichender Sex-Appeal brennende Begierden stiftet und die es vielleicht nicht zufällig ausgerechnet auf den Feuerberg, einen Tatort früherer Hexenverbrennungen verschlägt.
Zur dritten Kontaktperson Oldekops auf Glantzer Boden wird der 92jährige Carl Balthasar Koraschke, „auch bekannt als Nr. 4″, letzter Spross einer Unternehmerfamilie, deren Sägewerke einst Wohlstand und Arbeit in den Düster brachten. Der zähe Greis hockt in seiner Villa auf einer exquisiten Kunstsammlung und wartet (mit einem Dragonersäbel bewaffnet) mehr oder minder auf die Sintflut, doch zuvor möchte Oldekop ihn bitte noch hinsichtlich der Vergangenheit, namentlich der Feuerkatastrophe befragen.
Unterdessen hat es Harm Kremser, „Schweinemonopolist und Milchvieholigarch, Gebieter über Windräder und Biogasanlagen und ganze Bataillone von Solarmodulen“ auf Landauers Windmühle abgesehen, bzw. auf das Land darunter. Als Rädelsführer treibt er den Glantzer Mob nicht nur gegen Landauer, sondern auch gegen Koraschke, und überhaupt gegen alles, was eben nicht selbst Glantzer Mob ist und das am besten schon seit vorvorgestern.

„Die Heimat uns! Hurra, hurra – Präteritum ist wieder da!“

Nach kurzer Zeit wird Gloria entführt. Oder verschwindet sie von selbst? Aber damit nicht genug: Eine explosive Lieferung trifft in Glantz ein, ein verwunschenes Gewächshaus gibt Rätsel auf und auf dem Friedhof ist die Hölle los – die Dinge eskalieren sportlich. Wie soll das bloß enden?
Etwa wieder beim Anfang?

Ahrens, Landwirtssohn aus dem Peiner Umland, ist der wohl einzige Vertreter der literarischen Untergattung Südniedersachsen-Gothic. Und ich wohl die einzige Anwenderin dieser Bezeichnung – ich gebe zu, sie erfunden zu haben, aber was blieb mir sonst auch übrig?
Das, was dem Dietmar Dath sein Universum ist, ist dem Henning Ahrens seine heimatliche Provinz: unendliche Weiten, genutzt als Spielwiese fürs Schreiben. Anstelle drömeliger Heimat-Tristesse sieht Ahrens in Feld und Flur, in Heide, Wald und Moor, in Hain und Hof deren literarisches, insbesondere phantastisches Potential und nutzt es.
Spürbar kennt Ahrens diese chronisch altbacksche Region, ihre typische Patina, ihre mitunter scheußlichen Seiten sehr gut. Seine Manns- und Weibsbilder – alle! – sind nicht umsonst dermaßen groteske und reichlich gestrige Charaktere. Dass ihm zugleich die Liebe zu diesem Unkrautland im Blut steckt, kann er aber auch wieder nicht verleugnen – sage ich, die ich, sobald ich den Fuß vor die Tür setze, mitten im südniedersächsischen Weide- und Ackerland stehe und gar nicht weiß, wohin bloß mit all meiner Zärtlichkeit für dieses ganze Gestrüpp, Gewucher, Gekrauch.

[…] ein herrlich krautiger Weg. Sollten Sie je ein Altarbild aus dem 15. Jahrhundert betrachtet haben, dann werden Sie wissen, was ich meine. Fromm erstrahlt die Mutter Gottes, aber die wahren Helden sind im Vordergrund zu sehen: Löwenzahn, Huflattich, Wegerich, Hirtentäschelkraut.

Ja, ich weiß wohl, wie’s gemeint ist. Wer das auch ahnt, der sollte es mit Ahrens mal versuchen.


>>Henning Ahrens, Glantz und Gloria (Fischer)


>>Fotos: Grebe

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