DAS FÜRCHTE-ICH // Gianna Molinari, Hier ist noch alles möglich

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Wer hat Angst vorm bösen Wolf?
Anhand der Wolfs-Debatte, wo an allen Meinungsfronten viel Krawall und viel Schaum geschlagen wird, lässt sich hübsch beobachten, dass in unseren Ängsten nach wie vor der Teufel wohnt: Wo es ans Fürchten geht, da nämlich ist er los – noch dazu, wenn es einen derartigen Angst-Klassiker betrifft. In Hier ist noch alles möglich von Gianna Molinari verursacht die – mögliche! – Gegenwart eines streunenden Wolfes dementsprechend allerhand Unruhe. Wenn auch in etwas stillerer, eher verborgener Form.
Den Romantitel noch im Ohr, gilt es eingangs gleich, sich auf inhaltliche Abstecher einzulassen, in denen höchstverwunderliche Inseln beschrieben werden: Es sind die Umrisse von Bröckelstellen im Putz der Bürowand, die sich die Nachtwächterin einer Verpackungsfabrik als die Silhouetten von isolierten Inselwelten vorstellt, welche sie dann mit ihren Gedankenspielen bevölkert.
Der tatsächliche Schauplatz des Romans, das Betriebsgelände, ist ebenfalls so eine Insel für sich, auch so ein Mikrokosmos. Etwas abseits städtischer Bebauungsgebiete gelegen, fängt direkt hinterm Zaun der Fabrik die Natur an, die schon in den Startlöchern steht, um das Gelände zurückzuerobern. Die Firma liegt in ihren letzten Zügen, der Chef und Eigentümer meldet Insolvenz an, die aktive Mitarbeiterschaft hat sich bereits auf eine Handvoll reduziert. Scheinbar konterkariert die Atmosphäre allgemeinen Niedergangs die Erfüllung des Titelslogans – was sollte hier noch möglich sein?
Immerhin, dem vorauseilenden Verfall des noch nicht ganz aufgegebenen und verlassenen Geländes verdankt die junge Frau, dass sie überhaupt als Nachtwächterin eingestellt worden ist. Ein Wolf soll sich neuerdings hier herumtreiben – der Chef wünscht eine anständige Abwicklung der Firma, bitte keine Scherereien mit geschützten Wildtieren, die womöglich, Gott bewahre, auf den letzten Drücker noch einen der treuesten Mitarbeiter fressen. Dass die junge Frau, selbst eine anbindungslose Existenz nach Art einer Insel, auch gleich ihren Wohnsitz und ihre paar Habseligkeiten in einen Raum im Fabrikgebäude verlegt, ist nach Absprache mit dem Chef problemlos möglich. Im Team mit Nachtwächterkollege Clemens buddelt sie nun also eine tiefe Grube als Wolfsfalle, patrouilliert am lückenreichen Zaun entlang, sucht nach Spuren des Wolfes.
Nebenbei: In der Buchgestaltung war offensichtlich viel Spielraum möglich – immer mal wieder kreuzen Kritzeleien, manchmal auch Foto-Einschübe den erzählerischen Weg. Als stünde auf dem ordentlichen Gelände der Druckschrift immer mal wieder eine Zaunlücke offen für grafischen Wildwuchs.
Es gibt nicht sonderlich viel Handlung. Es gibt eine recht übersichtliche Anzahl von Figuren, und über diese erfährt man bloß das Wenige, was man ihren Dialogen entnehmen kann. Es gibt die Nachtwächterin, die hier die Erzählerin ist, es gibt den Chef, den Koch, den Clemens, den Herrn Lose und dazu kurz mal ein, zwei Leute, die aber nicht so wichtig sind. Es gibt eine Fabrik, die bald schließt – Gewohnheiten, Selbstverständlichkeiten, mitunter Existenzen gehen flöten. Es ist möglich, dass es einen Wolf gibt – die gemeldete Wolfssichtung untergräbt Sicherheiten, sie beschwört eine drohende Verwilderung der Lebenswelt herauf, wenn nicht gar den Rückfall in vorindustrielle (siehe die Fabrikschließung) Rohheit, sie markiert den Einbruch des Unheimlichen ins Vertraute, des Archaischen ins Moderne, noch dazu den des Absurden (der Grubenbau hat durchaus dadaistische Qualitäten) ins Geordnete. Es gibt außerdem den Mann, der hier vom Himmel fiel, bzw. es gab ihn – Lose, langjähriger Mitarbeiter, wurde damals zufällig Zeuge dieses Sturzes; die neue Nachtwächterin darf nun Einblick nehmen in die umfangreiche, private Materialsammlung, die er rund um den „M.d.v.H.f.“ zusammengetragen hat.
Mit der Nachtwächterin werde ich schnell warm, obgleich oder vielleicht gerade weil sie eine namenlose, nicht näher beschriebene Figur ist; ich verpasse ihr kurzerhand, unbewusst, meine eigenen Umrisslinien und denke sie mir als eine, die auszog, das Fürchten zu lernen.
Ansonsten habe ich allerdings so meine Schwierigkeiten, mich auf der erzählerischen Insel, die dieser Roman ja ist, einzufinden, denn über allem liegt schleierartig so eine Unbestimmtheit, Ungewissheit, Unbeteiligtheit. Wo befinde ich mich hier bitte? Wer sind diese Leute überhaupt? Was passiert hier  – und was stellt das mit den Leuten im einzelnen an? Und vor allem: Warum drehen hier eigentlich nicht alle einfach durch?
Ich bin eine ganz große Fürchterin. Ich leide schon Sterbensangst, wenn mal behördliche Post im Briefkasten steckt, und sowieso fürchte ich mich ständig und vor quasi allem. (Was vermuten Sie, wann ich meine Blogtexte zusammentippe? Gerade nachts wird ja die notwendige, anderweitige Beschäftigung ziemlich rar, die der Alltag so bietet, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen – Furchtgedanken. Nachts gehe ich auf Furcht-Safari. Ich: Großfurchtjägerin. (Wie spät ist es gerade bei Ihnen eigentlich?) Texte zu tippen ist da eine ganz taugliche Gegenbeschäftigung, auch die Werkelei an Collagen und Zeichnungen hat sich bewährt. Notfalls Küche putzen!) Ich führe ein wirklich nettes Leben, das ich nur eben immer etwas umständlich, immer peu à peu der Furcht abluchsen muss. Ich habe mich ja längst an diese kopflose Dauerfurcht gewöhnt, man kann sich arrangieren, aber dahinter steht durchaus eine Heidenarbeit (bzw. eine blitzblanke Küche).
Würde ich als Nachtwächterin in einer zunehmend verlassenen Fabrik arbeiten und dort wohnen, schlafen, wo alsbald, weiß der Himmel, irgendwelche Hehlerbanden oder marodierende, bedröhnte Jugendcliquen zu Besuch kommen werden? Wo es nachts im Gebälk rumort und knackt und es auf dem Gelände raschelt? Wo ein wilder Wolf herumstreunt?
Klar.
Natürlich würde ich mich fürchten, ob nun begründet oder nicht. Aber Furcht macht auch etwas Wichtiges mit mir, quirlt mich um, stellt mich auf die Probe. Am Ende ist jede Furcht einfach etwas zutiefst Menschliches. Und darum – nützt ja nichts – zutiefst interessant.
Und wie ist es mit der Nachtwächterin, dem Chef, dem Koch, dem Clemens und Lose, die es zu tun haben mit dem bösen Wolf, mit der Fabrik, die schließt, und dazu noch dem Mann, der vom Himmel fiel?
Jeder ringt hier mit seinen eigenen Sorgen, Ängsten, Qualen, nur dringt davon kaum etwas nach außen, selten tritt etwas davon ins Zwischenmenschliche hinein. Im Grunde bleibt jeder eine Insel für sich.
(Oder sehe ich das falsch und im Grunde sind alle bloß ganz gleichgültig, einfach komplett unbeteiligt?
Nein, wer gleichgültig ist, legt keine Materialsammlung an, wer unbeteiligt ist, baut keine Grube.)
Vielleicht ist das, der restlosen Globalisierung zum Trotz, schlechterdings unser Stand der Dinge: Jeder ist seine eigene Insel.
Dabei ist Furcht an sich doch etwas, was wir alle gemein haben und was uns an unsere Mitmenschen anknüpfen lassen könnte, anstatt uns von einander zu isolieren, oder nicht? In der Furcht fühlt man sich vielleicht einsam, ist damit aber seltener allein, als man denken würde – auf der Insel, da ist man schnell beides.
Während die Wölfe längst durch unsere Zäune geschlüpft sind, bewachen wir hartnäckig weiter unsere Inseln, selbst wenn die inzwischen ihren Betrieb einstellen und ihren Zweck verlieren. Wir sitzen auf unseren eigenen Inseln, starren dort aber fremde, mitunter fantastische Inseln an die Wände. Wir schauen zu, wie andere unsere Inseln zu erreichen versuchen und daran scheitern, so wie der Mann, der vom Himmel fiel. Wir heben auf unseren Inseln Fallgruben aus, und während wir schaufeln und immer tiefer schaufeln, sitzt darin niemand anderes fest als bloß wir selbst.
Die Insel ist ein Sehnsuchtsort. Gibt es auch eine Sehnsucht nach Entinselung?
Oder ist die Möglichkeit einer Entinselung eher etwas, was wir fürchten?

„Von hier aus ist unsere kleine Grabungsstätte gut sichtbar. Ich stelle mir vor, dass Clemens an der Stelle weitergräbt, an der ich vor wenigen Stunden aufgehört habe zu graben. […] Ich frage mich, ob unsere Spatenstiche von irgendwelchen Seismografen irgendwo auf der Welt aufgezeichnet werden. Ich frage mich, ob wir etwas beitragen zum Brummen der Erde.“


>>Gianna Molinari, Hier ist noch alles möglich (Aufbau), €18,-


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6 Kommentare

    1. Ich bin regelmäßig die Nacht-Wache und dann die Morgen-Müde. Ich weiß auch nicht, wann das angefangen hat, dass die Nächte mir nicht mehr gefallen, so ruhig und konzentriert, sondern auf die unruhigen Nerven gehen – muss mir was einfallen lassen für Herbst, Winter, wo sie ja noch dazu so unanständig lang sind.

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      1. Das ist eine Qual. Geht mir auch seit über 10 Jahren so. Ich finde es eine Strafe. Alles was die Nerven auf Trab bringt, sei es Stress, sei es Freude, bringt mich um den Schlaf. Momentan helfen mir Atemübungen, die mir mein Yoga-Lehrer gezeigt hat. Ich wünsche Dir, dass du auch etwas für Dich findest.

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      2. (Meine Mutter backt nachts um drei Weltklasse-Torten. Freunde schwören auf Hörspiele, Putzen, Nähen. Keiner, mit dem ich mich unterhalten hab, hat gute Erfahrungen mit Tabletten gemacht.) 10 Jahre sind ’ne lange Zeit – und das ist wiederum ein Zeichen dafür, dass man doch nicht so ganz mir nichts, dir nichts hinüberzukriegen ist, nicht? Danke Dir!

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