FLUGWESEN // Der Schmetterlingskasten


In der Küche meiner Eltern hängt, seit vierzig Jahren oder vielleicht länger, direkt über der Eckbank ein alter Schmetterlingskasten. Tropenschmetterlinge, aus denen ein Morphofalter wegen seiner Größe und des flächigen, irisierenden Blautons seiner Flügel hervorsticht. Neun kleine Totheiten, denen – aufgespießt auf zierliche Nadeln – schlechterdings nichts anderes übrig bleibt, als schön und bunt ihren Teil zur Raumdekoration beizutragen. Auch eine Art Memento. In der Uromaküche war es die Kastenuhr, deren dunkles Tackern so klang, als ginge nicht bloß die Zeit voran, sondern jemand mit Absatzschuhen auf dem Dielenboden immer im Kreis herum, (beide hielten sich hier strikt ans Schritttempo), in der Omaküche war es der wimmelnde Fliegenfänger, der in diesem Haus schon allein aus metaphorischen Gründen nicht fehlen durfte, und bei uns eben dieser Kasten mit den kleinen, bunten, toten Schönheiten, der beim Frühstücken und Mittagessen, beim Backen und Basteln, bei Kaffee und Kuchen immer im Sichtfeld war. Neun kleine, schöne, tote Buntheiten: ein Falter für jeden, der im Haus wohnte, aber das war natürlich reiner Zufall. In meiner kindlichen Kleinheit kamen sie mir sehr viel größer und strahlender, auch viel geheimnisvoller vor als heute. Ich hing oft mit den Augen an ihnen dran, vor allem, während ich meine Schulhausaufgaben machte und mich eigentlich auf meine Hefte konzentrieren sollte.


Die Flugträume, die ich als Kind hatte, verliefen zunächst idyllisch. Ich ging in den Garten (der sich immer im Frühlingszustand befand), breitete die Arme aus und legte mich langsam, nach und nach, vornüber in die waagerechte Schwebe; dann stieg ich auf. Es war kein gezieltes Fliegen, eher ein angenehmes Emportrudeln im Thermiklift, ähnlich dem Gaukelflug der Gabelweihen, die es beherrschen, unangestrengt, fast wie Heliumballons, aus dem Feld abzuheben und sich in die Höhe tragen zu lassen. Allerdings besaß ich nicht die Kraft dieser Vögel, die ihnen das Steuern und den Jagdflug ermöglicht, sondern die Sperrigkeit der schwächlichen Schmetterlinge, deren Flügel dem Wind zuviel Angriffsfläche bieten; jede leichte Böe trug mich, wohin sie wollte. Ich wurde von Luftwellen sachte mitgespült, trieb über die Kuppen der Blütensträucher hinweg, sank unkontrolliert ab, um mich beinahe im Flieder zu verfangen, bevor ich, von einem Windstoß angeschoben, wieder aufstieg. Der Horizont fiel wackelig nach unten weg, ich wurde über den Apfelbaum gepustet; mit dem Bild seiner weiß blühenden Baumkrone von oben endete der Traum.

Ich machte anschließend Fortschritte im Flugträumen, aus dem Passivflug wurde ein etwas aktiveres Unterfangen: Mittels Schwimmbewegungen ließen sich Richtung und Flughöhe beeinflussen. Außerdem startete ich nicht mehr behutsam, sondern rannte in den Garten, nahm Anlauf mit Schritten, die den Boden prügelten, stampfte mich in die Luft empor – ich konnte meine Kräfte auf den Luftraum anwenden. Gegen Ende des Traums bäumte sich eine Windwelle auf, die mich, übers Hausdach hinweg, in den Himmel riss wie einen abgenabelten Flugdrachen.

Später verwandelte sich das Fliegen in überschnelles Rennen. Ich nahm auf dieselbe Art Anlauf wie in den früheren Flugträumen, stieg aber nicht mehr so weit empor, sondern gebrauchte die Energie für Schritte, die mich hoch abstießen und schnell vorantrugen. Ich lief aus dem Garten und die Hauptstraße hinunter, nahm mit jedem Schritt an Fahrt auf und überholte bald die Autos, bald die am Straßenrand entlanggleitenden Bussarde. Mit Siebenmeilenschritten preschte ich über Bundesstraße und Autobahn, drückte mich bei jedem Bodenkontakt federnd vom Asphalt ab und wurde hunderte Meter vorwärts katapultiert, herrlich rasend; ein in rhythmischen Zügen durch die Luft schneidendes Projektil. Allerdings war ich an die Straßen gebunden – versuchte ich, aufs Feld auszuweichen, überschlug ich mich krachend. Im Schwarm der Fahrzeuge aber musste ich garstige, hornissenhafte Rennmotorräder im Blick behalten, mich vor dem Gegenverkehr retten, indem ich über die Rücken entgegenkommender Autos und Lieferwagen hüpfte, Auffahrgefahren ausweichen, indem ich Sportwagen übersprang, deren Beschleunigungszyklen ich jedoch nicht vorausberechnen konnte. Bremsen konnte ich nicht, nicht einmal leichtes Verlangsamen war mir möglich. Zumeist endete der Traum, indem ich an der harten Stirn eines LKWs zerschellte, dessen Frontscheibe mich als Fracht so gleichgültig mit sich weitertrug wie einen geplatzten Falter.

Die Rennträume mit ihrem Unfall-Ende waren der Übergang von den Flug- zu den Lähmungsträumen, in denen ich unbeweglich in einem Raum lag, der zwar mein Schlafzimmer, aber gleichzeitig ein seltsam fremder Raum mit einer durchlässigen Wand war. Mir war bewusst, dass ich durch die Fenster hinaus in den Garten fliehen musste, denn durch die durchlässige Wand würde etwas zu mir in den Raum kommen, um mich zu fressen. Unterhalb meiner Hirnrinde juckte und jaulte es, äußerlich aber konnte ich nicht einmal blinzeln, mich partout nicht rühren, geschweige denn weglaufen. Das währte eine halbe Traum-Ewigkeit lang, bis schließlich etwas auf mich zukroch, etwas, das von Traum zu Traum unterschiedlich anthropomorph gestaltet war, jedoch das Fressverhalten und den signifikanten Mimikmangel eines Insekts besaß. Erst indem ich das (oder die) Wesen zu sehen bekam, gelang es mir plötzlich, einen kleinen Finger zu bewegen, ein winziges Fingerzucken nur, das aber die Lähmung durchbrach als zerrisse es ein Spinnennetz, und ich wachte sofort auf. (Im Übrigen waren das die letzten Intensivträume, die ich hatte; lange schon schlafe ich dunkel und erinnere, sobald ich aufgewacht bin, keinerlei Bilder mehr.)


Hätte ich vielleicht eher davon geträumt, Ärztin oder Rechtsanwältin zu sein, wenn ich damals einfach meine Hausaufgaben gemacht und mich Herrgott noch eins auf meine Hefte konzentriert hätte?


 

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10 Kommentare

  1. Ich vermute, aus dir wäre auch eine gute (wenngleich möglicherweise unkonventionelle) Rechtsanwältin geworden. Aber es ist (besonders für deine LeserInnen) ganz sicher kein Nachteil, dass du dich den Schmetterlingskasten-inspirierten Flugträumen hingegeben hast. 😉

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  2. Schöner, poetischer Einstieg und leichtfüßiger Ausflug in die Kinderwelt. Ich bin immer mit Anlauf geflogen. Das kam mir so selbstverständlich vor, dass ich mich im Traum fragte, warum ich das nicht immer so machte. Später hab ich Jura studiert. Dass ich beide Staatsexamen geschafft habe, erschien mir nachträglich so unwahrscheinlich., dass ich danach noch jahrelang träumte, ich wäre durchgefallen. Es hörte auf, als ich mir die Urkunden neben den Spiegel nagelte. Aber fliegen kann ich nicht mehr.

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