ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE // Heinrich Heine, Die Götter im Exil

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1853 macht sich Heinrich Heine sorgenvoll Gedanken um eine gesellschaftliche Randgruppe: Die Zeitschrift Blätter für Unterhaltung veröffentlicht einen Aufsatz Heines mit dem Titel Die Götter im Exil, welcher der Frage nachgeht, wie sich die heidnischen Götter nach der Schließung des Olymps und dem Abriss ihrer Tempel nun wohl beschäftigen. Der ursprüngliche Aufsatz-Titel Die Götter im Elend zeigt noch eine Spur deutlicher, wie schlecht es seit der Machtübernahme durch das Christentum um die einst so stolzen und mächtigen Lichtgestalten der antiken Glaubenswelt bestellt ist.

Sie mußten damals schmählich flüchten, die armen Götter, und unter allerlei Vermummungen verbargen sie sich bei uns auf Erden. Die meisten begaben sich nach Ägypten, wo sie zu größerer Sicherheit Tiergestalt annahmen, wie männiglich bekannt. In derselben Weise mußten die armen Heidengötter wieder die Flucht ergreifen und unter allerlei Vermummungen in abgelegenen Verstecken ein Unterkommen suchen, als der wahre Herr der Welt sein Kreuzbanner auf die Himmelsburg pflanzte, und die ikonoklastischen Zeloten, die schwarze Bande der Mönche, alle Tempel brachen und die verjagten Götter mit Feuer und Fluch verfolgten. Viele dieser armen Emigranten, die ganz ohne Obdach und Ambrosia waren, mußten jetzt zu einem bürgerlichen Handwerke greifen, um wenigstens das liebe Brot zu erwerben. Unter solchen Umständen mußte mancher, dessen heilige Haine konfisziert waren, bei uns in Deutschland als Holzhacker taglöhnern und Bier trinken statt Nektar.

In munkelndem Ton trägt Heine fabulierte Augenzeugenberichte zusammen, die Hinweise auf den Verbleib der vertriebenen Götter liefern. Einzig für Bacchus (es sei angemerkt, dass die Anrede der hier näher beschriebenen Götter mit ihrem römischen Namen erfolgt) scheint das religiöse Karriere-Aus eher glimpflich verlaufen zu sein. So soll ein Fischer, der als junger Mann an einem Tiroler See sein Boot zu Fährdiensten anbot, vor seinem Tode im Familienkreise angegeben haben, einst ein rauschhaftes Gelage auf einer Insel im See beobachtet zu haben, als er hatte herausfinden wollen, was ein paar verdächtig anmutende Kuttenträger, die einmal jährlich das Boot des Fischers in Anspruch nahmen, wohl im Schilde führen mochten. Entsetzt über die obszönen Handlungen und die bockshörnige, ziegenfüßige Gestalt einiger Gäste, habe der Fischer die unchristlichen Vorgänge dem Vorsitzenden des nahen Franziskanerklosters melden wollen. Aber wie erschrocken sei er gewesen, so der Fischer, als sich jener Ordensoberer als niemand anderes erwiesen habe als der leibhaftige Anführer des zuchtlosen Inselfestes – und die Mönche als Bacchanten. Weit schlechter getroffen habe es, dem Vernehmen nach, Apollo, der sich als Hirte in Niederösterreich durchgeschlagen habe, bis sein zauberhaftes Flötenspiel seine göttliche Identität entlarvt habe. Er sei daraufhin einem geistlichen Gericht vorgeführt, gefoltert und schließlich hingerichtet worden. Kriegsgott a.D. Mars könne, entsprechend seiner Profession, wohl nicht über Beschäftigungsmangel klagen, wobei er sich als vergleichsweise niederer Rang – es wird getratscht, er habe unter Anderem als Landsknecht gedient – wenig wohlfühlen dürfte. Mercurius sei in der Kluft eines holländischen Kaufmanns gesichtet worden; überdies, wurde berichtet, fahre er ab und an von einem Küstenkaff aus auf die Nordsee hinaus, um dort die Seelen von Verstorbenen zu verklappen. Und Jupiter – ach, Jupiter: Laut Seemansgarn seien Walfänger auf einer kargen, von Kaninchen übervölkerten Insel am Rande der Arktis einem Eremiten begegnet, der dort in Begleitung eines zerrupften Adlers und einer ausgezehrten Ziege in einer schäbigen Hütte hause. Erstaunlich gut ausgekannt habe er sich mit den Hügeln, Tälern und Flüssen des guten alten Europa, nur sei ihm keine einzige moderne Stadt geläufig gewesen, und bei der Erwähnung griechischer Tempelruinen sei er in Schluchzen ausgebrochen.

Aller Humorigkeit zum Trotz, verdeutlicht Heines Aufsatz dessen ernsthaftes Unbehagen an der Mentalität des vorherrschenden Nazarenertums – ein Oberbegriff, den Heine verwendet, um die Gemeinsamkeiten von jüdischer und christlicher Tradition zusammenzufassen. Die Götter im Exil charakterisiert die Nazarener, durchaus anklagend, als rechthaberische Asketen, als verkopfte Krämerseelen. Indem Heine vom Nazarenischen im Gegensatz zum Hellenischen spricht, welches eine lebensfreudige und dem Menschlichen zugewandte Haltung verkörpere, unternimmt er keineswegs eine völkische Einordnung, sondern definiert damit eine Unterscheidung bezüglich des menschlichen Naturells. Seine Nazarener kommen bei Heine dabei nicht gut weg: Die Katholiken zum Beispiel erscheinen als von der Inquisition geprägte Petzen, die gleichzeitig eine dogmatische Härte und eine schäbige Doppelmoral an den Tag legen, und die Protestanten zeichnen sich durch eine strenge Arbeitsethik aus, nach der sich der Mensch jeglichen Freuden zu verweigern hat.

Da die Götter nun einmal als unsterblich gelten, könnte man sich vorstellen, womit sie sich derzeit im Alltag herumschlagen: Mercurius ackert sich unter Zeitdruck und auf Zeitvertrag in der Logistikbranche ab. Venus leidet inzwischen an Magersucht. Aesculapius muss als Chefarzt Hüftoperationen am Fließband durchführen, damit er seine vertraglich vereinbarte Erfolgsquote erfüllt und seine Klinik genug lukrative Eingriffe abrechnen kann. Cupido verliert seine Klienten zunehmend an Tinder. Und Ceres steht als Bäuerin unter einem ungesunden Produktionsdruck. Das nazarenische Naturell hat sich im Laufe der Zeit seiner religiösen Basis entledigt und ist aufgegangen in einem alles umfassenden Ökonomismus. Da lässt sich eine romantisch-verklärte Sehnsucht nach etwas mehr hellenischem Geist, wie sie Schiller in seinem Gedicht Die Götter Griechenlands formuliert hat, manchmal nur schwer unterdrücken:

Da die Götter menschlicher noch waren, / Waren Menschen göttlicher.


>>Bild: Grebe, 2016

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