SELBSTBEGEGNUNGEN // Nachtschicht

Der zwecklose Radau im Schrank verebbt nicht. Energisches Wummern, Bügelhaken, die über die Kleiderstange kreischen, ab und an patscht es saftig. Unterdessen schlüpfe ich zielstrebig in meine Stiefel und mache mir nicht einmal mehr die Mühe, Ruhe! zu schreien. Bin schon so gut wie weg. Die Kleiderberge dämpfen die Lautstärke des Wutgeheuls herab, das alte Holz des Schranks wird den Tritten nicht nachgeben.

Draußen. Unter den Stiefeln wechseln Kies und Kopfstein zu Asphalt. Weg von den weiten Freilandflächen, die Nacht in großen Portionen auffahren – von hinter Pollux bis in den letzten Mausbau und von Waldsaum bis Horizont alles an einem Stück -, auf zerteilte Nacht zu, auf quadratisches Flackern, das sich in Hauswänden stapelt.

Nachtfenster sind seltener schwarz als bildschirmbläulich, so ein Licht, das Einsamkeiten hinauswirft auf die Gehwege, und da stapfen ich und alle dann mittendurch. Wonach ich mich umsehe, ist aber orangeweißes Leuchten, in dem zahlreiche Schatten flackern. Der Zufall, der mit mir spazieren geht, guckt mir eins aus. Darunter, vor dem dazugehörigen Hauseingang, eine fremde, gackernde Leutetraube. Ich stelle mich mit an. Kurze, letzte Abwägungen: Idealer Überheiterungsgrad ringsum, man sieht mich nur halb an, und diese Hälften lachen unbekümmert, gut, ich lache unbekümmert zurück. Gleich wird der Türsummer gehen, und alle und ich werden nach oben schlendern und dann hinein in diese überfüllte Wohnung. Wo mich niemand kennt. Sobald ich aber drin bin, könnte ich glatt sagen: Mich kennt hier keiner, bin zufällig hier reingelaufen, und das würde als Witz verstanden – allen so nahestehend, wird man mir die Fremde, die ich tatsächlich bin, nicht mehr abkaufen, stattdessen Namen und Etiketten für mich finden und nicht darauf kommen, wie falsch und wie egal sie sind. Hi!, die Wohnung kocht über vor Laut und Leuten, Wo is denn, Genau!, Getränke, Gespräch braust, Musik, Hör ma, Sag ma, Kann ich mal, Aber immer!, alle Sinnkanäle augenblicklich randvoll, Was?, Nimmste mal, Ja nee, Fuck!, Körperkarussell, Gesichter sind aufgelöst, alles Augen, Zähne, dazu Hände, Weg da!, Hiiiiiiiiiiii!, dazu Atem und Puls, Hab ich auch, Wie is überhaupt, Ewig!, Und wohin?, Ach und, Hey!, Du!, ich spiele Vornamenbingo, Bingo!, Aber schon lange nich, Aber so was von, Mit denen von, Genau!, ich selbst spiele keine genaue oder gleich gar keine Rolle, Ja ich!, Alles und Nichts weist mich aus, nur nichts Bestimmtes, Hey!, Da drüben, Привет!, Ah, Tschuldigung, Hi!, Und ihr auch oder was?, und ich bin sie alle und ich bin niemand, Kennste, Nee, Doch!, Was machste jetzt so? Essen: Auch daran schmarotze ich mich satt. Dann schnell mal wohin; neben mir, in der Badewanne, Einer, der zwischen wassergekühlten Getränken schläft, abgelöste Flaschenetiketten kleben am Oberkörper, am Ohr blinkt, schön bunt und albern, ein LED-Ring. Vom nassen Bier nehme ich eins für mich, eins zum Weitergeben mit, Wolltst Du?, Danke!, ich frage: Erkennste mich? – ein Stirnrunzeln fragt zurück, löst sich aber schnell auf: Ach ja! Ich antworte mit einem zufriedenen Lacher, und dann gehe ich. 

Draußen. Hektisches Wühlen im Jackentaschen-Unrat. Feuerzeug, Kronkorken, Papierschnipsel, Taschentücher, da: die Schlüssel – also doch nicht verlorengegangen. Der Nachtrand wird sichtbar, unter dem sich das Helle schon vorbereitet, das gibt mir die Zeit und die Richtung für den Heimweg vor: Los jetzt, und da geht’s lang. Immer voran im Zurückschritt.

Zu Hause angekommen, bloß schnell aus den Stiefeln raus, Bin wieder da! Tagschicht steht an. Im Schrank enormer Radau. Jaja, nuschele ich, mit einem Mal unsäglich müde, ich geh nur kurz noch Zähne putzen! Danach stecke ich vorsichtig den Schlüssel ins Schrankschloss und halte mich bereit. Geschrei prescht vor, und kaum öffnet sich die Schranktür, springe ich mir auch schon entgegen: Zum Verrücktwerden! Es kann doch wirklich nur ein halbes Gehirn so dumm…, Einfach nicht wahr sein!, Aber jetzt, Aber Tag jetzt, Aber hallo!, Muss das denn jede Nacht, Immer das selbe!, ich aber hüpfe augenblicklich hinein in den Schrank und ziehe die Tür hinter mir zu, bin nun weg. Noch lange nicht fertig!, Hey!, zweckloses Gepolter gegen die Schranktür, von außen, dann Stille, bis der Schlüssel im Schloss eine quietschende Drehung macht und ruppig abgezogen wird. Danach ballern die Stiefel zackige Schritte aufs Parkett, und ich höre noch das entschieden laute Schlagen der Haustür – das doppelte Abschließen. Dann Stille.

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