SELBSTBEGEGNUNGEN // Maya Deren, Meshes of the Afternoon

Dieses Stückchen Film ist über 70 Jahre alt. Seit der Zeit seines Entstehens hat es, in der Filmkunst und darüber hinaus, wirkungsvoll Gebrauchsspuren produziert, selbst aber keinen Kratzer abbekommen. Unmittelbar rieche ich staubig warme Sommerluft, ich möchte das Tischtuch anfassen, das Bakelit-Telefon und den Polstersessel, schleiche selbst traumergeben durchs Haus und lasse das gestuft ansteigende Unbehagen heranbülgen und anbranden. Eine psychologische Kunstballade in Bildern (wer allerdings das Bild eines Selbstmordes scheut, beende das Schauen bitte vor Minute Unglückszahl 13).

Mit ihrem Erstlingswerk Meshes of the Afternoon lieferte Maya Deren (geb. als Eleanora Solomonovna Derenkovskaya, Kiew, 1917; gest. 1961, New York City) gleich einen der wichtigsten amerikanischen Avantgardefilme. Er entstand 1943 als gemeinsames Projekt mit ihrem zweiten Ehemann, dem Regisseur Alexander Hammid. Ihr dritter Ehemann, Teiji Ito, fügte später, in den 50ern, dem Stummfilm Musik hinzu.

Itos Spiel intensiviert die Stimmung des Films in einer Weise, dass es mir förmlich unter meiner Hirnrinde kriebelt. Ich schalte Ito stumm, unterlege stattdessen das Ganze mit Midori Takada – wer mag, kann das ja selbst einmal ausprobieren. (Inzwischen ist die Fassung mit Itos Musik nicht mehr über Youtube verfügbar; ersatzweise habe ich nun eine herausgefischt, in der Godspeed You! Black Emperor die Begleitung liefern.)

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7 Kommentare

      1. Es übt eine gewisse Faszination aus, zweifellos. In den „Divine Horseman“ habe ich eben mal kurz reingeguckt…Aber Voodoo ist jetzt nicht so mein Ding.
        Bei den anderen beiden finde ich die Bildersprache schon genial. Und beim zweiten spielt auch noch kurz John Cage mit.
        Beste Grüße
        Erich

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      2. Genau – nach dem Erfolg ihres ersten Filmes kam sie in diesen Klüngel um John Cage, Marcel Duchamp, André Breton hinein. Da war auch ein Film, den sie gemeinsam mit Duchamp drehte, allerdings blieb der Film unvollendet.
        Alexander Hammid hieß übrigens, bis er aus der Tschechoslowakai in die USA emigrierte, Alexander Hackenschmied, hatte mit Man Ray gearbeitet, war herausragender Avantgarde-Fotograf und irgendwann später mit einem Dokumentarfilm für den Oscar nominiert – auch spannend.

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  1. „Meshes…“ ist fraglos einer der Filme des Jahrhunderts, kein Wunder, dass aus ihm immer wieder zitiert wird (die Figur mit dem Spiegelgesicht z. B. taucht sowohl bei Sun Ra wie auch bei Janelle Monae auf…). Mich berührt der Film aber immer wieder auf Neue mit seinen mystischen, melancholischen Spiegelungen des Selbst. Ich mag allerdings Teiji Ito sehr gerne und kann auch seine Musik für andere Deren-Filme sehr empfehlen. Verrückt, dass hier Midori Takada auftaucht, den habe ich erst letzte Woche für mich entdeckt… Also mal wieder eine Freude, Dein Post!

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    1. Schön! Teiji Ito – natürlich wunderbar. Nur kann ich in diesem Fall, nach dem Gesamtpaket aus Film und Musik, eben schwer einschlafen, ohne das Licht anzulassen, und ersetze ihn hier nur deswegen und ausnahmsweise. Takada drückt die Unruhe einfach auf ein etwas berechenbareres Maß runter.

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