WORAUF WARTE ICH HIER? // Die Türhüterparabel

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Ein Mann vom Lande verlangt Einlass in das Gesetz. Ein Türhüter verwehrt ihm den Eintritt, merkt aber an, es könne später vielleicht möglich sein, dass der Mann passieren dürfe. Danach aber müsse der Mann an weiteren Türhütern vorbei, einer schrecklicher als der andere. Und so wartet der Mann, vor der Tür, Tage, Jahre, lässt sich immer wieder verhörartig vom Türhüter befragen, ohne dass die Antworten je etwas bewirken würden, und versucht oft, den Türhüter zu bestechen, der zwar alle Güter annimmt, jedoch nie eine Gegenleistung erbringt. An die weiteren Türhüter denkt der Mann vom Lande schon längst nicht mehr. Duldsam wartet er sich vor der ersten Tür zu Tode. Im Sterben fragt er den Türhüter, weshalb nie jemand außer ihm in all den Jahren versucht habe, Einlass zum Gesetz zu erhalten. Der Türhüter antwortet, dieser Eingang sei nur für ihn, den Mann, und niemanden sonst bestimmt gewesen, und schließt die Tür.

Unter dem Titel Vor dem Gesetz veröffentlichte Franz Kafka diese Parabel zunächst 1915 in der jüdischen Wochenzeitschrift Selbstwehr, 1919 erschien sie im Erzählsammelband Der Landarzt. Außerdem bildet sie einen Teil des Romans Der Process, der unvollendet blieb, nachdem Kafka seine Arbeiten daran aufgegeben hatte; dort wird sie dem Angeklagten K. vom Gefängniskaplan erzählt.

Es ist eine dieser Lehrgeschichten, die zum Verrücktwerden gleichermaßen simpel wie vertrackt sind, macht doch der Mann alles richtig und dennoch alles falsch. Welcher Art ist überhaupt dieses Gesetz, und was erhofft sich der Mann von seinem Eintritt? Und war der Eingang nun dazu bestimmt gewesen, von dem Mann betreten zu werden, oder nur dazu, ihn lebenslang warten zu lassen? Die gängige Deutung versteht den Türhüter als eine Prüfung, die der Mann vom Lande wegen seiner Hörigkeit gegenüber Autoritäten, wegen seiner mangelnden Entschlusskraft, wegen seiner bäuerlichen Machtlosigkeit nicht besteht. Von welcher Ebene aus die Geschichte auch interpretiert wird, sei es eine politische, sei es eine psychologische, wie auch immer: Sie wird gelesen als Geschichte eines Scheiterns, und gemeint ist das Scheitern des Einen. An den Türhüter an sich denkt niemand. Es kommt mir vor, als sei die eigentliche Pointe der Geschichte diese: Erst, als der Mann stirbt, wird auch der Hüter endlich von der Türpflicht befreit. Zeugt es nicht selbst von gewohnheitsmäßiger Obrigkeitshörigkeit, dass nie von Zweien (oder, falls die Weiteren nicht bloße Erfindungen waren: von Allen) die Rede ist, die hier jeweils ihr Leben dusselig zu Tode gewartet haben?


Foto: Grebe, 2014

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4 Kommentare

  1. Ein bisschen — das fiel mir neulich ein, beim Hantieren mit Schal und Mütze und Mantel — ein bisschen scheint in diesem Deutungsmodell durch (scheint mir) die Situation: „Junge spricht das Mädchen nicht an.“ Das ist ja wohl wirklich so, dass manche nie im Leben diesen Ruck bekommen, diesen Impuls, wie soll man sagen? Sie fragen die Dame nicht. Sie fragen die eine, bestimmte Dame nicht, und dann fragen sie eine andere auch nicht mehr. Sie bleiben also — vielleicht versteht man, was ich sagen will? Und ist es so abwegig, für Kafka, den das Thema der Ehe, der weiblichen Existenzergänzung oder der Preisgabe der monologischen Existenz des Schreibers so beschäftigt und aufgefressen hat, genau so eine Interpretation in Anspruch zu nehmen!? Ich weiß, das riecht arg nach Banalisierung. Plötzlich werden aus allen Fragezeichen Violinschlüssel. Ich glaube aber, wenn ich in der Situation wäre, dass eines Tages dieser Zugang in ein anderes Leben (von dem niemand zu sagen weiß, ob es ein besseres ist) vor mir einfach verschlossen würde, und ich hätte eben KEINE angequatscht, mich NICHT getraut, wäre verharrt in diesem nach innen gekehrt Sein — ganz ohne ist das nicht.

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    1. Nennen wir das Gesetz also Liebe. Zwei stehen einander gegenüber – einer verlangend und doch untätig, einer abwehrend und doch fordernd. Wäre der Türhüter nun eine Türhüterin, sähe man dadurch die Geschichte radikal anders, und dabei bliebe sie doch die selbe. (Du hast ja Recht, dass das Kafka wohl wesensnah gewesen sein könnte! Alle Arten von Beziehungen – Machtverhältnisse, emotionale Verhältnisse, egal – bedeuten da Konfrontation anstatt Verbindung. Drastischer ausgedrückt: „Treffen sich zwei; einer stirbt“ – das gilt bei Kafka sicher auch für die Liebe.)

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