NACHTEINSAMKEIT // Heym’sche Nächte

nacht2

Nachtspaziergang (Grebe, 2015)


Nacht

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Der graue Himmel hängt mit Wolken tief,

Darin ein kurzer, gelber Schein so tot

Hinirrt und stirbt, am trüben Ufer hin

Lehnen die alten Häuser, schwarz und schief

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Mit spitzen Hüten. Und der Regen rauscht

In öden Straßen und in Gassen krumm.

Stimmen ferne im Dunkel. – Wieder stumm.

Und nur der dichte Regen rauscht und rauscht.

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Am Wasser, in dem nassen Flackerschein

Der Lampen, manchmal geht ein Wandrer noch,

Im Sturm, den Hut tief in die Stirn hinein.

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Und wenig kleine Lichter sind verstreut

Im Häuserdunkel. Doch der Strom zieht ewig

Unter der Brücke fort in Dunkel weit.


Nacht in einer kleinen Stadt

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Der Mond stand auf den Giebeldächern,

Er glänzte tief durch das Geäst

Der hohen Linden und der Nachtwind

Trug ihren Duft zum Fenster her.

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Am Himmelsgrund zog eine Wolkenwand

Gewitterschwer, weit hinten überm Strom.

Und ab und zu huschte ein bleicher Schein

Hinauf, und Donner grollte fern.

^

Und da, von einem hohen Baum

Ganz nah, löste ein heller Klang

Sich, stieg empor, schwebte im Glanz und starb.

Der Nachtwind klagt im Laube nach.


>> Georg Heym (1887 – 1912), der in einer Familie aufwuchs, deren grundlegende Stimmung die Schwermut war, schrieb einst über sein vom Vater ihm vorgegebenes rechtswissenschaftliches Studium in sein Tagebuch: Meine Natur sitzt wie in der Zwangsjacke. Ich platze schon in allen Gehirnnähten. […] Und nun muß ich mich vollstopfen wie eine alte Sau auf der Mast mit der Juristerei, es ist zum Kotzen. Ich möchte das Sauzeug lieber anspeien, als es in die Schnauze nehmen. Ich habe solchen Trieb, etwas zu schaffen. Ich habe solche Gesundheit, etwas zu leisten. Wie seine Freunde es beschrieben, hatte Heym sich seiner Familie nie sonderlich nah gefühlt, da er mit seiner Lebensfreude, seiner Lebendigkeit in einem schwer versöhnlichen Kontrast zu seinem Vater, seiner Mutter und Schwester stand. Und doch dominiert gerade die Dreieinigkeit von Kreuz, Tod und Gruft in seinen Gedichten. Sein früher Tod wiederum erklärt sich keineswegs durch Selbsttötung oder Krankheit, denen doch solcher Trieb, solche Gesundheit entgegengestanden hätten: In dem Versuch, seinen besten Freund zu retten, der beim Schlittschuhlaufen im Eis eingebrochen war, ertrank Georg Heym in der Havel. 

 

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