ARES WAR HIER // Mathias Énard, Zone

Setzt Ares, der hübsche Olympier, der freilich nach Blut, Brand und Verwesung stinken muss, seinen Fuß hinab vom heiligen Berge, so steht er in seinem herrlichen Vorgarten: Die Mitte ziert ein von Schiffen befahrener Teich, den reich bevölkerten Saum bilden Europa, der Nahe Osten, Nordafrika. Diese Gefilde – einen etwas ins Inländige erweiterten Mittelmeer-Kreis – nennt Mathias Énard die Zone. Auf über 500 Seiten, in denen der französische Orientalist die unzähligen Konflikte in der Geschichte der Zone zu einem einzigen Gewaltstrudel verschmilzt, erzählt Énard gleichsam, mit welchen Mitteln der vor lauter Fleiß schwitzende Ares seinen kriegsfruchtbaren Vorgarten pflügt, düngt und begießt.

Mythen, Epen, Gesänge, Träume, Aktenberichte einerseits, andererseits Blut, Fleisch, Hirnmasse, Gebein, Urin, Kot, Sperma, Speichel, Tränen, auch Alkohol: Die Bedeutung von Krieg wird transportiert von menschlichen und menschgemachten Stoffen. Énard hat sein großes Buch über den Krieg darum gleichermaßen mit Göttern und Dichtern bevölkert wie mit Opfern und Schlächtern. Es erzählt, anhand der Genealogie ihrer Kriege seit der Antike, eine dunkle Kulturgeschichte der Zone. Énard belässt dabei nichts in der Schwebe der Vergangenheit: Schrecken, Abgründe, Ungetüme löst er aus dem Abstrakten heraus und vergegenwärtigt sie im Leben und den Gedanken seines Protagonisten, eines Erben jener Geschichte; in einem einzelnen Menschen bricht sich die ganze Woge.

es gibt so viele Fügungen, Wege, die sich im großen Meeresfraktal kreuzen, durch das ich seit einer Ewigkeit ahnungslos wate, seit der Zeit meiner Ahnen seit der Zeit meiner Väter meiner Eltern meiner selbst meiner Toten und meiner Schuld

Mythos, Geschichte und persönliche Erinnerung bilden den Krieg ab, der sich in den Protagonisten hineingefressen hat, zu dessen innerem Zustand er geworden ist. Für dieses inwendige Brausen und Branden hat Énard eine spezielle Schriftform gewählt: einen einzigen, hunderte Seiten anhaltenden Satz. Der beginnt kleinbuchstabig und treibt immer weiter voran, verlängert und wieder verlängert durch Gedankenstriche, gegliedert nur durch Kommata, und selbst diese werden oft als überflüssig betrachtet – sie fehlen beispielsweise in Aufzählungen. Eine Ausnahme davon stellen nur drei Kapitel dar, die als Auszüge eines fiktiven Romans über das im Bürgerkrieg untergehende Beirut geschrieben sind. Nach diesen kurzen Einschüben rattert, strudelt, zieht der Satz ungebremst weiter, wie die Menschheit selbst, und wie die Gedanken des Einzelnen. Die ungebrochene Linie, das große Warten auf den einen Punkt in der radikalen Ruhelosigkeit – damit findet die inhaltliche Symbolik ihre Konsequenz in der Form.

Eine weitere Besonderheit der Romanstruktur: In der Unterteilung in 24 Kapitel wird die thematische Anlehnung an Homers Ilias auch äußerlich deutlich. Zwar findet im Roman nicht etwa der gesamte alte Stoff eine Übertragung ins Moderne, doch der Zorn als grundlegendes Motiv, sowie die Figuren Achill, Patroklos und Hektor haben ihre Parallelen bei Énard. Und überhaupt diese unzähligen Parallelen, Querverweise, Anspielungen, die sich, mal flüsternd, mal als Nebelhörner, überall heraushören lassen, diese vorsätzliche, eigentlich größenwahnsinnige Überladung der Inhaltsebene, und dazu dann noch die experimentelle Form – bersten müsste die Erzählung unter dieser Last. Man staunt: Sie tut es nicht; das ist die Leistung des Stils, der Sprache Énards.

Ähnlich wie der Autor, der nach dem Studium des Arabischen und Persischen in Paris über längere Zeit in verschiedenen Ländern des Mittleren Osten lebte und danach in Barcelona arbeitete – ein Weltenpendler -, ist der Ich-Erzähler ein rastloser Pendler in der Zone. Francis Servain Mirković, auch Francis Mirkovi, alias Yvan Deroy: geboren in gutbürgerlichen Verhältnissen als Sohn eines französischen Algerien-Veteranen und einer kroatischen Nationalistin, Politikstudent, dann Soldat im Jugoslawien-Krieg auf kroatischer Seite in einem zusammengewürfelten Freiwilligen-Korps, schließlich Mitarbeiter des französischen Auslandsgeheimdienstes.

Man begleitet den Erzähler während einer Zugreise, die in Paris ihren Anfang genommen hat. Der Leser steigt in Mailand zu, Ziel der Reise ist Rom, oder genauer: der Vatikan. Francis/Yvan trägt einen Koffer voller Akten über Kriegsverbrechen und Waffenhandel in der Zone bei sich, der mit einer Kette gesichert ist – wie ein Biest, das es im Zaum zu halten gilt; gleichzeitig wie eine Eisenkugel, die den Gefangenen, als der sich Francis entpuppt, in seiner Unfreiheit festhält. Ein Koffer als Massengrab, als Lager, aus dem Schreie und Gestank dringen. Kein Hauch von Reiseromantik, keine Spur von klassischem Spionage-Abenteuer. Innerhalb eines erzählerischen Labyrinthes bildet diese Zugfahrt den Ariadnefaden; es ist Francis‘ innerer Monolog, in dem der Leser wie der Erzähler, am Faden entlang tastend, umherirren.

Francis‘ Gedankenstrudel lässt Erinnerungen in einem geschichtlichen Rahmen aufgehen, bindet umgekehrt das Historische ins Private ein, sucht und findet darin das Mythologische, das Epische, und schäumt über vor Anekdotischem. Nicht chronologisch, sondern fragmentarisch wird erzählt, wobei jedoch nicht der Eindruck entsteht, die Dinge bestünden lediglich nebeneinander her – auf der Assoziationsebene begegnen sie sich als gleichwertig, gleichzeitig, sie spiegeln sich ineinander, alles ist durchtränkt von allem.

eine mediterrane Symmetrie mehr, wenn die Achse Rom-Berlin den Falz bildet, berühren sich Beirut und Barcelona

Am Mailänder Hauptbahnhof – Stazione di Milano Centrale -, wo Francis umsteigt, prophezeit ein Verrückter den Passanten den nahen Weltuntergang, und die wahre Verrücktheit daran scheint es zu sein, dass er die Apokalypse in der Zukunft verortet, anstatt zu erkennen, mit welcher Regelmäßigkeit sie sich in der Geschichte wiederholt. Francis bemerkt beiläufig, er zöge die Verrückten eben an. Vielleicht, weil zwischen ihnen und ihm kein sonderlicher Unterschied zu erkennen ist: Francis sieht die Zone als eine Aneinanderreihung von Nekropolen, dort, wo Menschen wandeln, sieht er gleichzeitig Geisterparaden marschieren, und in seinem Kopf – oder auch laut – spricht er mit den Göttern und Gespenstern.

heute Morgen glänzten die Alpen wie Messer, ich zitterte vor Erschöpfung auf meinem Sitzplatz und konnte kein Auge zutun, ich bin völlig zerschlagen wie ein Drogensüchtiger, im Zug habe ich ganz laut mit mir selber geredet, oder ganz leise

Mag sein, dass man auch Francis verrückt nennen könnte – sicher ist nur, dass der Kriegszustand, den er erlebt hat, in Francis‘ Innerem nachhaltig fortbesteht, und wo liegt schon der Unterschied zwischen Krieg und Wahn? Beides ist schließlich Raserei, und Francis‘ Denken ist nichts Anderes. Milano: Im Namen der Stadt steckt der Raubvogel, der Milan; das Zerpflücken blutiger Beutestücke denkt Francis dabei mit, und gleichzeitig den Namen eines vielfach verwundeten Generals, Millán Astray, der, gemeinsam mit Franco, die Spanische Fremdenlegion begründete. Astray, der bemerkenswert Versehrte – wie Ghassan: ein lybischer Bürgerkriegsveteran, mit dem sich Francis in seiner Zeit in Venedig systematisch betrinkt, um den Tod seines liebsten Kameraden – Andrija, Francis‘ Patroklos – zu vergessen. Ghassan spendet, mal mehr, mal weniger bewusst, viel Material für Francis‘ hungrigen Aktenkoffer. Am interessantesten aber ist die Geschichte der Narben Ghassans:

wie er verwundet wurde, wie er dachte, er sei tot, als er nach der Explosion einer Granate plötzlich von Dutzenden von Splittern zerschnitten wurde, er sah wie seine Drillichjacke aufging unter dem Hagel der Geschosse anschwoll, plötzlich war er voller Blut, war vom Knöchel bis zu den Schultern von zahllosen Stichen durchlöchert, seine ganze rechte Körperseite war von einer scheußlichen schleimigen Masse überzogen, mit Krämpfen vor Schmerz und Panik brach Ghassan zusammen, überzeugt dies sei das Ende, die Granate war nur wenige Meter entfernt eingeschlagen, die Ärzte entfernten acht fremde Zähne und siebzehn Knochensplitter, die in seinem Körper steckten, Überreste des armen Kerls, der vor ihm von der Explosion zerrissen worden war und sich in eine menschliche Granate verwandelt hatte, in rauchende Schädelfragmente, die in einer Blutfontäne fortgeschleudert wurden, deren einziger Metallsplitter ein goldener Vorbackenzahn war, Ghassan hatte Glück im Unglück, es lief ihm noch immer kalt den Rücken hinunter, der Ekel reize noch immer zum Brechen […] Ghassan verwandelt in ein lebendiges Grab, trägt die Reliquien des Märtyrers direkt unter seiner Haut, hat die Vereinigung der Krieger vollzogen durch die Magie der Sprengkörper […]  besonders am Hals hatte Ghassan noch immer winzige unsichtbare oder höchstens unter Röntgenstrahlen sichtbare Knochensplitter unter der Haut, die sich manchmal Jahre später, man weiß nicht warum, in Form von Zysten und Schwielen zeigten und dann herausoperiert werden mussten, am meisten ärgerte ihn aber, dass er dem Arzt davon erzählen musste, erklären musste, warum sein Körper Knochenstücke ausspie

Der Soldat als wandelndes Grab eines anderen Soldaten – dieser Gedanke über die Verkettung von Tod, und seine aufs Körperliche zugespitzte Verbildlichung, beschäftigen mich auch nach Buchende hartnäckig weiter.

Francis‘ eigene Narben sind weniger spektakulär. Marianne fragt dennoch nach ihnen. Marianne, in der Francis, der sich als Ares sehen wollte, seine Aphrodite fand. Marianne, die Schöne, mit ihrer wohligen Vitalität, ihren Rundungen, ihrer Weichheit, ihrem Duft, ihrer unverdorbenen Körperlichkeit. Marianne – wie die französische Nationalfigur, verkörpert von Brigitte Bardot bis Sophie Marceau. Marianne, die sich mit einem Tritt in seine Weichteile von ihm löst, weil er zu viel Zeit mit dem Alkohol und den Narben Ghassans verbringt, während Marianne so gern in seinen, Francis‘ Narben gelesen hätte.

Es ist ein klassischer weiblicher Fehler, unbedingt an die Gefühlszentren der Männer rühren zu wollen – Stephanie wiederholt ihn. Stephanie, die, wenngleich auch sie eine aphroditische Seite besitzt, eher einer Athene ähnelt. Stephanie, die Taktikerin, die Strategin, die Karrieristin beim Geheimdienst, die Francis immerhin einen kurzen Augenblick von Vaterschaft, von Familie spüren lässt. Was aber soll eine Frau – irgendeine – mit einem Kriegsungeheuer, einem Francis auf Dauer schon anfangen?

Besser ein Anderer sein: ein Yvan Deroy. Dessen Namen trägt Francis spazieren, während der echte Yvan in einer geschlossenen Anstalt vor sich hindämmert – da, wieder ein Verrückter. Diesmal einer, der über seine eigene krude Nazi-Ideologie seinen Verstand verloren hat, zum ahumanen Monster mutiert ist, als hätte Énard hier (Zone erschien 2008 in Frankreich) einen Anders Behring Breivik vorausgeahnt, den er vorsorglich gleich in ein Irrenhaus hineinschrieb. Indem er Francis den Namen Yvans als Pseudonym annehmen lässt, zeigt Énard ein gefährliches, frei in der Zone umherstreifendes Gespenst auf.

Francis‘ Beziehung zu diesem nicht totzukriegenden ideologischen Gespenst ist nicht willkürlich angelegt, und auch nicht allein dadurch hergestellt, dass Yvan sein Schulfreund war, sondern sie besteht bereits in Francis‘ Erbgut: Franjo Mirković, Francis‘ Großvater, war ein kroatischer Faschist der ersten Stunde, wichtiger Funktionär des NDH, des Unabhängigen Staat Kroatien, ein Ustascha. Diese Bewegung hatte mit Ante Pavelić ihren eigenen Führer, mit dem Lager Jasenovac ihr eigenes Auschwitz, ihr fielen im Laufe des Zweiten Weltkrieg, unterschiedlichen Schätzungen nach, 400 000 bis 600 000 Serben, Juden, Roma und antifaschistische Kroaten zum Opfer.

Als Wiedergänger dieses ersten Schlächters unter dem Namen Mirković zog Francis später in den Balkankrieg. Und nicht nur die Tradition seines Großvaters, auch die seines Vaters führte er fort, indem er töten ging: Ob in Jugoslawien oder Algerien – die Morde, Vergewaltigungen, Folterungen bleiben sich gleich.

Von einem Namen zum Nächsten, endlosen Verknüpfungssträngen folgend, strömt Francis‘ Satz punktlos voran. Neun Stationen passiert der Zug auf dem Weg von Mailand zu Francis‘ Ziel – neun Kreise des Inferno, neun Bereiche des Purgatorio, neun Himmel des Paradiso müssen in Dantes Göttlicher Komödie durchwandert werden. Bei Francis verlieren Hölle, Vorhölle und Paradies ihre klaren Umrisse, das Eine durchwabert das Andere. Tag der Zugreise ist übrigens der 8.Dezember, der Tag der Unbefleckten Empfängnis, und über den religiösen Verweis hinaus, liefert Énard hier einen erneuten megalomanischen Querbezug, macht, wie Joyce, einen Tag zu seinem eigenen, und seinen Roman, diesen Gedankenstrom-Koloss, zum Bloomsday eines Erlösungssuchenden.

Einmal noch sucht Francis bei einer Frau nach Erlösung, bei Saschka, der zart-blassen Engelsfigur, die Ikonen malt. Diesmal verschweigt er seine Francis-Substanz und geht unter der Deckidentität eines Insektenforschers namens Yvan Deroy, die Saschka ihm gutgläubig abkauft, in diese Beziehung hinein. Den Namen Yvans zu tragen, fühlt sich für ihn kaum als Lüge an, und auch die Insektenkundler-Identität weist genug Wesensähnlichkeit zu seiner Tätigkeit als Aktensammler auf, um einer für Francis brauchbaren Form von Wahrheit Genüge zu leisten – schließlich ist Francis sattsam kundig auf dem Gebiet der kriechenden oder schwärmenden Massen-Tiere, dieser ruhelosen Betreiber der Verwesung von Fleisch und anderen Strukturen. Doch etwas bremst ihn, bevor er Saschka zu nahe kommt; womöglich sind es tatsächliche Skrupel, dieses Unschuldswesen zu verderben, oder auch nur Francis‘ umfassende Lebensmüdigkeit. Und sowieso, was sollen die Frauen immer alles heilen, und was sollen sie gleichzeitig aushalten: Monster wie Francis oder Andrija, wie zuvor all diese Väter und Vorväter, die denen Francis‘ entsprachen.

Gleich den Kriegern, suchen auch manche Dichter in körperlicher Nähe nach einer Erlösung von ihrer eigenen Scheußlichkeit, und mache kommen von weit her in die Zone, wo die allseits spürbare Geschichte von Gewalt und Untergang ein gutes Pflaster zu bieten scheint, um sich mit seinen eigenen Untiefen zu befassen – wie Borroughs, nachdem er bedröhnt seine Frau erschossen hatte. Doch die meisten verheddern sich hier erst recht unrettbar in ihren dunklen Seiten, sie fügen sich viel zu gut ins Elend aus Prostitution, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Dass Francis seine Erlösung genauso wenig findet, liegt daran, dass er, ähnlich wie die von Énard eingestreuten Dichter, verirrt, besoffen und bekifft immer weiter in Richtung Anti-Erlösung taumelt.

Außerdem gibt es in seiner Weltsicht keine funktionierenden Richtungsweiser mehr: Moralische Kategorien wie Gut und Böse, zeitliche Dimensionen wie Gestern und Morgen – all jene Einordnungen haben für ihn, der nur noch trüben Brei denken kann, ihre Klarheit verloren, und Begriffe wie Schuld, Sühne, Erlösung bieten da keine Trittsicherheit. Einzig der Begriff SCHICKSAL tritt großbustabiert aus dem Strudel hervor.

Indem Énard den moralischen Boden schwammig hält, drückt er sich jedoch nicht etwa um die Frage nach Francis‘ eigener Schuld; diese Schuld ist deutlich, und sie ist massiv. Francis hatte sich, vielleicht nur um der Mutter zu gefallen, vielleicht auch aus weitergehender Eitelkeit, freiwillig in den Krieg begeben. Er suchte dort nach dem Helden, dem Mann Francis und fand stattdessen Francis, das Ungeheuer. Aus niederen Beweggründen gehasst, aus Zorn getötet zu haben: Darin besteht die Schuld seiner Soldatenzeit. Und während seiner Geheimdienstzeit erhöht er seinen Schuldzähler um die Folgen seiner Abmachungen mit dieser oder jener Instanz im Machtgemenge der Zone – dort wird jeder Vorteil durch einen Verrat erkauft, und jeder Verrat ist der Ausgangspunkt neuer Opfer-Biografien, in denen Francis‘ Name nicht selten als Fußnote angeführt werden dürfte. Im Laufe des Buchs wird deutlich, wie sehr Francis‘ Inneres und das des Koffers Eins sind.

als der Koffer voll war, musste ich ihn verkaufen, diese unzähligen überall in meiner Zone geduldig zusammengetragenen Dokumente Namen Berichte loswerden (…), die in fünf Jahren endloser Nachforschungen gesammelten Dokumente, die aus Archiven gestohlenen Geheimunterlagen, die abgeglichenen Zeugenaussagen, wozu diese zahllosen Stunden des geduldigen Zusammenstellens dieser Liste um das leere Leben (…) zu füllen, um meinem Dasein einen Sinn zu geben, vielleicht, wer weiß, um einen schönen Abgang zu haben, um Vergebung für meine Toten zu erhalten, fragt sich nur, von wem

Jene Einheit von Mensch und Aktensammlung ist eine wandelnde Büchse der Pandora: Während der Koffer allerdings in umgekehrter Form so funktioniert, das Grauen also nicht in die Welt schickt, indem er geöffnet wird, sondern es in sich sammelt, ist Francis selbst ein Unheilsbringer, und wer an sein Inneres rührt – wie manche seiner Kriegsgegner das taten, und auch die Frauen, die ihn liebten -, entfesselt damit eine scheußliche Bestie. Sich selbst hält Francis daher lieber verschlossen, doch er legt sein Leben mit in den Koffer und will diesen Koffer abgeben, in den Koffer soll hineingeschaut werden, Andere sollen, so wie Francis, in Gräber, Folterkammern und andere Abgründe blicken.

Dass nun vatikanische Diener diesen Blick tun sollen, ist nicht von offizieller Seite entschieden worden, sondern es ist Francis‘ eigene Mission, wie auch die Aktensammlung selbst in privater Arbeit entstanden ist und nicht in geheimdienstlichem Auftrag. Warum aber Francis gerade den Vatikan zum Adressaten seiner Privatmission erwählt hat, beantwortet sich nur in Andeutungen:

von Paris nach Rom, um zitternden Prälaten fünfzig Jahre alte Geheimnisse und auch weitaus jüngere – Ware bleibt Ware, ob Pizzas oder Blumen – gegen klingende Münze auszuhändigen, ich habe den Preis auf dreihunderttausend Dollar festgesetzt, die Ironie würde den Kirchenmännern sicher nicht entgehen, dachte ich, dreißig Silberlinge, sie haben kein Wort darüber verloren, stimmten ohne Murren zu, wagen es nicht mit dem Sünder über den Preis für den Verrat zu verhandeln, Rom bleibt Rom, wer auch immer dort herrscht

Moderne dreißig Silberlinge für den modernen Judas. Immerhin sollte, was Francis zusammenspioniert hat, wohl genügen um den Tatbestand des einen oder anderen Landesverrats zu erfüllen; den Verrat eines Erlösers allerdings kann man ihm schwerlich vorwerfen. Vielleicht ist die Einreichung des Koffers für Francis die eine, die große, mit Fußnoten und Zusatzmaterial versehene Beichte seines Lebens und er hofft doch auf irgendeine Art von Absolution. Vielleicht spielt in Francis versteckten Beweggründen auch eine andere Betrachtung des Judas, die diesem innerhalb der Gnosis zuteil wird, eine Rolle. Dort nämlich werden Judas‘ Motive nicht in Untreue und Geldgier gesehen, vielmehr wird die Funktion des Judas Ischariot als die eines Erfüllungsgehilfen für Gottes Plan verstanden: Judas, so die Gnostiker, habe den Opferwillen des Gotteslammes Jesus im Sinne der göttlichen Vorsehung gedeutet und mit der Übergabe Jesu an die Römer die Erlösungsgeschichte überhaupt erst in ihren Lauf gebracht. Vielleicht also soll es nicht nur Francis‘ eigener, sondern einer General-Erlösung der gesamten Zone dienen, die Wahrheit ins Licht der Ewigkeit, deren weltlicher Stellvertreter der Vatikan ist, hineinzutragen. Oder vielleicht nutzt Francis die vatikanische Schleuse ins Reich des Transzendenten in dem rotzfrechen Versuch, den Göttern zurückzugeben, ihnen vor die Füße zu pfeffern, was sie auf Erden angerichtet haben – als ob sie nicht darauf antworten würden, für Schuldfragen solle man sich da unten gefälligst als selbst zuständig betrachten. Vielleicht aber braucht Francis, der Söldner aus Gewohnheit, derzeit auch einfach nur das Geld. Wer weiß.

Andere Fragen beantworten sich zum Ende, zum Beispiel die, ob der Koffer sein Ziel tatsächlich erreichen wird, oder ob der endlose Satz doch noch zu seinem Punkt findet. Bis dahin sind es hunderte unruhevoller Seiten, die mitunter anstrengend zu lesen sind – alles andere wäre auch ein Hohn angesichts ihrer Thematik -, aus denen jedoch die gewissenhafte Arbeit des Autors spricht. Man kann nur erahnen, welchen gedanklichen und welchen Recherche-Aufwand er für diesen Roman wohl betrieben hat. Gelohnt hat er sich unbedingt.


>> Mathias Énard, Zone (Berlin Verlag), kartoniert €12, 95

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