ARES WAR HIER // Agota Kristof, Das große Heft

Dieses Buch ist eine Übung in Aushalten. Agota Kristofs mühevolles Aushalten ihrer eigenen Vergangenheit hallt darin wider. Und auch als Leser gilt es Einiges auszuhalten: verstörende Schilderungen aus dem Inneren einer dunklen Fallgrube, die eine alte Welt verschluckte, zerkaute und wieder ausspuckte – als eine neue Welt, deren langwierige und schwergängige Beschäftigung es werden sollte, sich den Schwefelgeruch ihres Ursprunges von der Haut zu waschen.

Ihren Roman Das große Heft erzählt Agota Kristof als Aneinanderreihung absolvierter Übungen. Heftiges Kapitelgeratter gibt den Erzähltakt vor; über 60 Abschnitte, bei etwa 200 Seiten Buchumfang. Form und Sprache halten sich nicht auf mit Schönheitspflege, haben ihr Marschgepäck auf das Existenzielle reduziert und preschen ungerührt hinein in die Zentren heißer Breie.

Die Eigenschaften des Tons stimmen überein mit dem Charakter der zwei Brüder im Mittelpunkt dieses Romans – was nur folgerichtig ist, lässt Agota Kristof doch diese beiden Jungen, ein Zwillingspärchen im nicht näher bestimmten Schulalter, den Roman selbst schreiben: Das große Heft ist ihr Heft, die Kapitel darin sind ihre eigenen Aufsätze, in denen sie ihr Schreiben üben und ihre Übungen beschreiben. Sie betätigen sich als Chronisten eines vom Krieg entstellten Alltagslebens. Im Kapitel Unsere Studien erklären sie, wie sie üben, schreiben und denken:

Wir beginnen zu schreiben. Wir haben zwei Stunden, um das Thema zu behandeln, und zwei Blatt Papier zur Verfügung. Nach zwei Stunden tauschen wir unsere Blätter aus, jeder von uns korrigiert die Schreibfehler des andern mit Hilfe des Wörterbuchs und schreibt unten auf die Seite: „Gut“ oder „Nicht gut“. Wenn es „Gut“ ist, können wir den Aufsatz in das Große Heft abschreiben. Um zu entscheiden, ob es „Gut“ oder „Nicht gut“ ist, haben wir eine einfache Regel: Der Aufsatz muß wahr sein. Wir müssen beschreiben, was ist, was wir sehen, was wir hören, was wir machen. Zum Beispiel ist es verboten zu schreiben: „Großmutter sieht wie eine Hexe aus“, aber es ist erlaubt zu schreiben: „Die Leute nennen Großmutter eine Hexe“. […] Auch wenn wir schreiben: „Der Adjutant ist nett“, ist das keine Wahrheit, weil der Adjutant vielleicht zu Gemeinheiten imstande ist, die wir nicht kennen. Wir werden also einfach schreiben: „Der Adjutant gibt uns Decken.“ Wir werden schreiben: „Wir essen viele Nüsse“, und nicht: „Wir lieben Nüsse“, denn das Wort „lieben“ ist kein sicheres Wort, es fehlt ihm an Genauigkeit und Sachlichkeit.

Ihre Sammlung von Aufsätzen beginnt mit der Schilderung ihrer Ankunft bei der Großmutter: Die Mutter bringt die Zwillinge hinaus aus der Großen Stadt, die bombardiert wird und wo Hunger und Tod Einzug halten, weg, aufs Land, zur Hexe.

Großmutters Haus ist fünf Minuten Fußmarsch von den letzten Häusern der Kleinen Stadt entfernt. Danach kommt nur noch die staubige Straße, bald von einer Barriere durchschnitten. Es ist verboten, weiter zu gehen, ein Soldat hält dort Wache. […] Wir wissen, daß es hinter der Barriere, durch Bäume verborgen, einen geheimen Militärstützpunkt gibt und, hinter dem Stützpunkt, die Grenze und ein anderes Land.

Für die Mutter ist dies ein scheußliches Wiedersehen, für die Jungen eine befremdende erste Begegnung mit jener Großmutter mütterlicherseits.

Unsere Mutter sagt: – Es sind ihre Enkel. – Meine Enkel? Ich kenne sie nicht mal. Wieviel sind es? – Zwei. Zwei Jungen. Zwillinge. […] – Was hast du mit den andern gemacht? […] – Welchen andern? – Hündinnen werfen viele Junge auf einmal. Man behält zwei, die andern ersäuft man.

Mit der Mutter, die sich nach der Abgabe der Kinder weinend in die Große Stadt zurück quält, verabschieden die Brüder auch jegliche Behutsamkeit und Zärtlichkeit aus ihrem Leben. Das Reich der Großmutter, in dem sie fortan leben, ist ein archaisches. Nicht nur das Tragen von ordentlicher Kleidung und das Schlafen in sauberen Decken und Laken sind Angewohnheiten, die nicht hierher gehören. Zu spielen ist plötzlich nur noch eine alte, vergessene Idee, auf die die Jungen hier nicht kommen – es gibt die Arbeit, die sie zur Selbstversorgung zu erledigen haben, und es gibt die Übungen, die sie absolvieren.

Verschiedene Übungen werden in einer Reihe von Kapitelüberschriften benannt: Übung zur Abhärtung des Geistes, Übung in Fasten, Übung in Blindheit und Taubheit, Übung zur Abhärtung des Körpers, Übung im Betteln, Übung in Grausamkeit. Andere Kapitel heißen Der Schmutz, Der Adjutant, Der Deserteuer, Die Magd des Pfarrers oder Die Menschenherde, Der Leichenacker. In sachlich-trockenem Ton beschreiben die Jungen ihr Umfeld und alltägliche oder ungewöhnliche Begebenheiten. Die Großmutter zeigen sie als körperlich verwahrlostes, jedoch geistig hellwaches Relikt einer primitiv anmutenden Vergangenheit. Die Leute erzählen, die Hexe habe einst ihren Ehemann vergiftet – daran zweifeln die Jungen nicht. In einem Zimmer in Großmutters Haus haben sich ein Offizier und sein Adjutant einquartiert, zu denen die Zwillinge im Lauf der Zeit ein spezielles Verhältnis entwickeln. In der Kleinen Stadt sind die Zwillinge als Neulinge, zumal als Enkel der Hexe, schnell überall bekannt – und gefürchtet. Wegen ihrer stoischen Art, die als unnatürlich und kaltblütig empfunden wird, wegen ihres zunehmend verwahrlosten Äußeren, und weil sie nichts fürchten und niemandem gehorchen, gelten sie als unheimliche Teufel. Dass da der Pfarrer wenigstens eine Nebenrolle im Buch einnehmen muss, ergibt sich zwangsläufig – es überrascht ebenfalls nicht, dass die Rolle des Pfarrers die eines verdorbenen Feiglings ist. Der Buchhändler ist unfreundlich zu den Brüdern, der Briefträger beschimpft sie als Mörderbrut. Mit den Ausgestoßenen allerdings vertragen sich die Zwillinge. Mit Hasenscharte etwa, der Nachbarstochter, die eine erbärmliche Gestalt ist: unschön pubertär und verzweifelt süchtig nach Zuneigung, die sie in jeder – auch schmerzhafter – körperlichen Form einfordert. Oder mit dem Schuster, der ihnen Stiefel gibt ohne Bezahlung dafür zu wollen – er ahnt, dass er ohnehin bald deportiert werden wird. Bombardierungen treten immer häufiger in der Nachbarschaft der Zwillinge auf, und während Zivilisten wegsterben, vermehrt sich die Soldatenzahl am Ort. Man beobachtet, wie der Große Krieg sich die Kleine Stadt einverleibt. Um sich in diesem Umfeld behaupten zu können, exerzieren die Brüder ihren selbst aufgestellten Lehrplan durch.

Wenn es was zu töten gibt, müssen Sie uns rufen. Wir werden es tun. Sie sagt: – Ihr mögt das, was?Nein, Großmutter, wir mögen es nicht. Gerade deswegen müssen wir uns daran gewöhnen. Sie sagt: – Ich verstehe. Eine neue Übung. Ihr habt recht. Man muss töten können, wenn es nötig ist. […] Wir gewöhnen uns schnell daran, die Tiere zu töten, die zum Essen bestimmt sind: Hühner, Kaninchen, Enten. Später töten wir Tiere, die zu töten nicht nötig wäre. […] Eines Tages hängen wir unsere Katze an einen Ast, einen roten Kater. […] Er wird von Zuckungen, Krämpfen geschüttelt. Als er sich nicht mehr rührt, hängen wir ihn ab. Er bleibt flach im Gras liegen, reglos, dann springt er plötzlich auf und rennt davon. Seitdem sehen wir in manchmal von weitem, aber er kommt nicht mehr in die Nähe des Hauses. […] Großmutter sagt: – Diese Katze wird immer scheuer. Wir sagen: – Keine Bange, Großmutter, wir kümmern uns um die Mäuse. Wir basteln Fallen, und die Mäuse, die sich fangen lassen, ersäufen wir in kochendem Wasser.

Anstatt des Katers, erfüllen also nun die Zwillinge die Raubtier-Rolle im Haus. Was sie dort, im Kleinen, lernen und üben, wenden sie später in größerem Rahmen an. Nachdem sie damit begonnen haben, über sich selbst und über einander hart zu urteilen, richten sie bald auch über Andere, unterziehen die Menschen in der Kleinen Stadt prüfenden Betrachtungen, fällen Urteile – und vollstrecken sie. Einen im Wald aufgefunden Soldatenleichnam plündern sie aus und verstecken daheim die erbeuteten Waffen für spätere Zwecke. Aus diesem Bestand stammt eine Handgranate, die bald im Pfarrhaus zum Einsatz gebracht werden wird. Nicht gegen den Pfarrer selbst, den die Jungen zu Gute der Versorgung von Hasenscharte erpressen, sondern gegen dessen Magd. Das Todesurteil wird nach einer Beobachtung über sie verhängt, die die Zwillinge während des Tages machen, an dem die Menschenherde durch die Stadt getrieben wird:

Wir sind ins Pfarrhaus gekommen, um unsere saubere Wäsche zu holen. Wir essen mit der Magd Butterbrote in der Küche. Wir hören Schreie auf der Straße. Wir legen unsere Brote hin und gehen hinaus. […] An der Straßenecke erscheint ein Militärjeep mit fremden Offizieren. Der Jeep fährt langsam, gefolgt von Soldaten, die ihr Gewehr quer über der Brust tragen. Hinter ihnen eine Art Menschenherde. Kinder wie wir. Frauen wie unsere Mutter. Alte Männer wie der Schuster. Es sind zweihundert oder dreihundert, die vorwärtsgehen, eskortiert von Soldaten. Einige Frauen tragen ihre kleinen Kinder auf dem Rücken, auf der Schulter oder an ihre Brust gedrückt. Eine von ihnen fällt hin; Hände ergreifen das Kind und die Mutter; man trägt sie, denn ein Soldat hat schon das Gewehr angelegt. […] Genau vor uns ragt ein magerer Arm aus der Menge, eine schmutzige Hand streckt sich aus, eine Stimme bittet: – Brot. Lächelnd macht die Magd eine Geste, wie um den Rest des Butterbrots herzugeben; sie nährt es der ausgestreckten Hand, dann, laut lachend, zieht sie das Stück Brot zurück, zu ihrem Mund, beißt hinein […]. Ein Soldat, der alles gesehen hat, gibt der Magd einen Klaps auf den Hintern; er zwickt sie in die Backe, und sie winkt ihm mit ihrem Taschentuch nach […]. Wir gehen ins Haus zurück. […] Die Magt sagt: – Eßt eure Brote auf. Wir sagen: – Wir haben keinen Hunger mehr. […] – Ihr seid zu empfindlich. Am besten vergeßt ihr, was ihr gesehen habt. – Wir vergessen nie etwas. Sie schiebt uns zum Ausgang: – Nun beruhigt euch! […] Diese Leute sind nichts weiter als Tiere.

Die Jungen sind und bleiben namenlos. Die Zeit, die sie erleben, der Ort an dem sie wohnen ebenfalls, so auch die Menschen in ihrer Familie und am Ort. Statt Namen gibt es nur Funktionsbezeichnungen und Eigenschaftsbegriffe, die Mutter, die Magd, der Polizist, die Kleine Stadt und so fort. Die Militärs sprechen in fremder Sprache, die nicht näher bestimmt wird, auch die Großmutter spricht gelegentlich in einer fremden, allerdings einer wieder anderen Sprache. Machtbereiche und deren Grenzen lassen sich nicht einordnen. Und so besitzt das Großmutter-Reich eine kriegsspezifische Allgemeingültigkeit. Es spiegelt einerseits verborgene Zustände im Menscheninneren wider, andererseits den Zustand ganzer Gesellschaften während Kriegszeiten: Jegliches Denken schrumpft auf den Überlebensgedanken zusammen, jegliche Empfindsamkeit verstumpft, am Ende füllen wild wuchernde Perversionen die Lücken, die das große Sterben der Gefühle gerissen hat.

Die Fokussierung auf die zivile Kehrseite des Krieges ignoriert konsequent seine politische Dimension und seinen militärischen Verlauf. Welche Ursachen und Ziele der Krieg hatte, spielt keine Rolle, welche Ergebnisse sein Ende bringt, wird nicht in Begrifflichkeiten wie Sieg und Niederlage ausgedrückt. Ein Kriegsroman ohne den Krieg als Hauptdarsteller – worum es geht, sind die Schatten, die er wirft. Zunächst hebelt der Ausnahmezustand Krieg die Ordnung der menschlichen Dinge aus, dann etabliert er seine eigene Ordnung. Die Schulen schließen, die Kinder beginnen damit sich zu gruppieren und nach Opfern zu suchen, die sie dann quälen. Die Versorgungsketten brechen ein, der Mangel an Nahrung und Kleidung wird schmerzlich, lebensgefährlich, oft tödlich, gleichzeitig funktioniert die Logistik der Kriegsindustrie prächtig. Alle Strukturen, von der Familie bis zum Staatswesen, werden radikal umgepflügt, und menschliche Zusammenhänge, Besitzverhältnisse, Gesetzgebungen gelten nichts mehr. Gewalt ersetzt Sprache als Kommunikationsmittel. In der Folge findet ein fester Kanon der Gräuel seine Anwendung: Enteignung, Vertreibung, Deportation, Vernichtung, Folter, Vergewaltigung, Mord, Totschlag. Agota Kristof beschreibt das archetypische Wesen des Krieges, indem sie eine Geschichte über menschliche Verrohung schreibt.

Die Barbarei ist ein grundlegendes, wiederkehrendes Motiv in der Menschheitsgeschichte, und insofern steht der erzählerische Ton, den Agota Kristof anschlägt – die Reduziertheit der Form, die stoische Härte -, nicht von ungefähr dem Ton grundlegender Menschheitserzählungen nahe: den Mythen, Sagen und Urgeschichten – den Volksmärchen etwa, oder den griechischen und römischen Sagen, den alttestamentarischen Geschichten. Angesichts der Anklänge ans Epische fällt besonders ins Auge, dass Agota Kristof ihrer Geschichte jedoch die Helden, die göttliche, rechtsprechende Instanz, sowie die klare Trennung zwischen Gut und Böse verweigert.

Die Brüder selbst stellen nicht etwa Kain und Abel oder Romulus und Remus dar, sie verkörpern keine klaren Konflikte, sondern eine komplizierte Einheit. Am ehesten noch erinnern sie an die Gebrüder Grimm, indem sie sich dem gewissenhaften Niederschreiben von Geschichten verpflichtet haben. All diese Überlegungen zu literarischen oder historischen Parallelfiguren aber führen nirgendwo hin. Die Zwillinge schreiben ihr Epos nirgendwo ab, sie schreiben ihr eigenes.

Zum Schluss kümmern sich die Brüder um die Gebeine ihrer Mutter, und sie nutzen die Gebeine ihres Vaters als Brücke in ihre Zukunft. Die Vergangenheit ist tot, nur die Einheit der Brüder besteht noch. Dass diese Einheit schließlich aufgespalten wird in zwei von einander getrennte Leben in zwei verschiedenen Ländern, darin besteht die wohl nachhaltigste Auswirkung des Krieges auf die Brüder. Um die literarische Funktion der Zwillinge zu klären, lohnt am meisten der Blick auf diese Trennung – und auf die Biografie der Autorin. Vielleicht, denke ich, verkörpern die Zwillingsbrüder eine seelische Einheit, die beim Schritt ins Exil zerreißt: Ein Teil entflieht den Schrecken der Heimat, der andere verbleibt in Verbundenheit zu ihr.

>>Agota Kristof wurde 1935 im ungarischen Csikvánd geboren. Sie wuchs auf in einer Kleinstadt nahe der ungarischen Grenze, Kőszeg, die Agota Kristof als Vorlage für die Schauplätze ihrer Romane nahm. Mit 14 wurde sie ins Internat geschickt. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen, der – man möchte fast sagen: bezeichnenderweise – ihr Geschichtslehrer war. Als der Ungarische Volksaufstand 1956 das Land erschütterte, flohen über 200 000 Ungarn aus ihrer Heimat. Agota Kristof, gerade Mutter geworden, ging mit Mann und Kind ins schweizer Exil. Dort haderte sie mit der Sprache, litt an der Sehnsucht nach der Heimat, verzweifelte schließlich an der Ehe und behielt Jahrzehntelang ihr Unglück am Exil bei – trotz ihrer perfekten Aneignung des Französischen, das zur Sprache wurde, in der sie ihre Romane verfasste. 2011 starb Agota Kristof in Neuenburg in der Schweiz.


>> Agota Kristof, Das große Heft (Piper Verlag), in diversen kartonierten Ausgaben ab €8,99

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15 Kommentare

  1. Harter Stoff. Aber immer gut, daran zu erinnern, dass der Krieg kein Spaß ist. Lesen möchte ich’s trotzdem nicht, ehrlich gesagt. Um den Frieden zu verteidigen, wär’s da nicht überhaupt besser, die Vorzüge der Friedenszeit hervorzuheben und künstlerisch zu gestalten? (Aber da hat sich Agota Kristof anders entschieden.) Ist die Dokumentation von Inhumanität geeignet, die Humanität zu fördern und zu stärken? Mir wäre statt einer Mahnung: Seht, so kann es kommen! ein positiver Entwurf lieber: So könnte es werden!

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    1. Prinzipiell ist der konstruktive Ansatz immer der beste. Inwieweit Agota Kristof aber beim Schreiben die Idee von der Verteidigung des Friedens überhaupt im Kopf hatte, das weiß ich nicht so recht. In Interviews erscheint sie mir verbittert, mit leichtem Hang zur Garstigkeit gegen sich selbst. Das „Große Heft“ habe ich eher als psychologischen denn als pazifistischen Roman gelesen – da arbeitet sich Eine schriftstellerisch an ihren Alpträumen ab. Derzeit redet alles über „Im Frühling sterben“, was ich noch nicht gelesen habe, und ich belasse es vorerst auch dabei; konventionell Erzähltes „vom Krieg“ gibt mir nicht viel. Bei Kristof bekam ich dagegen das Gefühl, Kriegserfahrungen zögen wohl die gesamte Wahrnehmung eines Menschen auf eine völlig andere Ebene. Dieser Stempel beschäftigt mich.

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  2. Armut hat wie Krieg eine Verrohung der Menschen zur Folge. Wer arm ist, kann sich zivilisatorische Errungenschaften nicht leisten, somit ist der Roman, obwohl wir hier in Europa zur Zeit keinen Krieg haben, hochaktuell. Dieser Roman hilft auch, Menschen zu verstehen, die aus Kriegsgebieten oder wirtschaftich zerrütteten Gebieten zu uns fliehen. Und gibt es die Heldinnen und Helden, die in solchen barbarischen Zuständen ihre Menschlichkeit trotz aller Verrohung bewahren können?

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    1. Zu Deiner Frage: Cormac McCarthy hat es in Die Straße durchgespielt. Wie war es bei Saramagos Die Stadt der Blinden? Ich glaube, auch da bleiben einige der Menschlichkeit treu.
      Meiner Ansicht nach haben alle, die aus ihren Herkunftsländern fliehen, das Recht, Asyl zu finden. Die Bezeichnung Wirtschaftsflüchtling sollte man sich für diejenigen aufsparen, die ihre Beute in Liechtenstein, auf den Cayman Inseln oder sonst wo vor den rechtmäßigen Eigentümern verstecken – und nur diesen sollte die Flucht aus wirtschaftlichen Gründen verwehrt werden.

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  3. Deinen Hinweis auf die Gebrüder Grimm finde ich gut – auch in diesen Märchen sind Grausamkeiten, die sich Menschen eben in der Realität durchaus antun, sozusagen „märchenhaft“ verpackt. Ich habe das große Heft nach Claudios Besprechung bei uns nach Jahren wieder einmal gelesen – und finde vor allem diesen so reduzierten, nüchternen Ton, mit dem sie über Taten schreibt, die wir uns kaum vorstellen können in unserer Gesellschaft, so richtig: Weil durch das Nüchterne die Grausamkeit – die eben nicht nur denkbar ist, sondern andernortens, wo jetzt und hier Krieg herrscht, volle Realität – so deutlich hervortritt. Ich empfehle Dir auch Jerzy Kosinksi, für Deine Reihe – beide Bücher sind in sich sehr ähnlich, und bei beiden muss man das Essen einstellen…http://saetzeundschaetze.com/2014/09/03/kindheit-im-inferno/
    Den Rothmann möchte ich aber schon verteidigen: Auch wenn er konventionell erzählt ist, ich halte ihn für ein sehr wichtiges Buch.

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    1. Danke Dir für den Querverweis auf Begley und Kosinski! „Der bemalte Vogel“ kannte ich gar nicht. Ich finde, die Benennung der Dinge, ungeachtet dabei eintretender Übelkeitserscheinungen, ist ein unverzichtbares Mittel um einerseits Verarbeitung betreiben, andererseits Verständnis erwecken zu können. Auch und gerade angesichts der aktuellen Krisenherde in der Welt und des Umgangs damit, den wir so an den Tag legen, sind solcherlei Schilderungen als Empathie-Trainer wohl nie verkehrt. Das muss sich auch nicht den Vorwurf der Schockeffekthascherei gefallen lassen – den darf man, von mir aus, eher innerhalb der Thrillergemeinde diskutieren. Rothmann übrigens will ich nicht angreifen: „Im Frühling sterben“ habe ich, wie gesagt, nicht gelesen, und hege da lediglich eine total subjektive Unlust. Heute lese ich „Zone“ von Mathias Énard zu Ende und habe dann erst mal einen literarischen Waffenstillstand nötig. Im Anschluss daran aber wieder auf Friede-Freude-Eierkuchen umzuschalten, etwa indem ich einen Nachruf auf Utta Danella (Gott hab sie selig) mache – schwierig!

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      1. Ob Kristof und Kosinski Empathie-Trainer sind? Ich glaube, sie sind eher doch Bücher, die Menschen lesen und verdauen, die „mit Literatur umgehen“ können…und eigentlich schon Empathie mitbringen. Aber vor allem finde ich an ihnen wichtig: Man kann den Krieg eigentlich nicht „schönschreiben“, es ist die angemessene Sprache (jedenfalls für mich), die mir dann doch noch besser verdeutlicht als den angesprochenen Rothmann, wie schnell Menschen auch „vertieren“ können unter dramatischen Umständen, wie sehr der Menschen dem Menschen zum Wolf wird. Rothmann und andere Bücher dieser Art erfüllen für mich eine andere Funktion, da war mir dieses Nicht-Sprechen – während K+K ja alles aussprechen – der Kriegsgeneration über das Erlebte auffällig. Aber freilich bergen diese konventionell erzählten Romane auch die Gefahr in sich, dass manch einer die vielleicht liest wie reine „Kriegsgeschichten“, unempathisch, fast wie einen Abenteuerroman.
        Aber dass Du jetzt keinen nachruf auf Uta Sanella schreibst finde ich schon sehr schade – das wäre doch die perfekte verschämte Lektüre :-9

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      2. „Im Frühling sterben“ als Abenteuerroman – da sprichst Du die Frage an, welche Art von Literatur eigentlich wen erreicht.
        Du hast Recht in Sachen Empathie: Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht, und da kann Literatur vielleicht die Rolle eines Verstärkers, jedoch nicht die eines Lehrmeisters übernehmen. Aber: Wie hoch der eigene EQ ist, ist eine Sache, und ob man zu denjenigen gehört, die es lieben, wenn Lesen zu Schwerstarbeit wird, ist eine andere – dazwischen muss kein Zusammenhang bestehen. Die Frage also, ob nun Wucht oder doch Zugänglichkeit die wahre Qualität eines Buches über „den Krieg“ ausmachen, ist womöglich eine unnötige; wichtig finde ich nur, dass man sich einen aufrichtigen, persönlichen Zugang zu diesem Thema schafft.
        In der Buchhandlung lässt sich übrigens oft das Phänomen beobachten, dass gerade jener Themenkomplex seltener die Interessierten anzieht als vielmehr die „Leid-Geier“: Es gibt so furchtbar viele Menschen, die sich zwanghaft – aber genüsslich beim Kaffeeklatsch – im Leid Anderer suhlen müssen. Da geht´s nicht um Einfühlung, sondern um wohlige Betroffenheit, die Tragik kann gar nicht dick genug sein, das Elend muss aus jeder Pore triefen. Die Einen bedienen sich da bei Ullstein-Schicksalsbüchern, die Anderen reden im gleichen Tonfall über Imre Kertész. Als sich der Altherren-Lesezirkel einst über Edlef Köppens „Heeresbericht“ äußerte, oder als die Frau Stadträtin ihre Bewegtheit ob Herta Müllers „Atemschaukel“ kundtat – der Tenor war identisch mit Tante Giselas Fazit zur aktuellsten „Eine starke Frau, die ihren Weg geht“-Biografie bei Droemer Knaur: Von Hintergründen blieb nichts hängen, was Sätze á la „das war da irgendwo in Polen“ entlarvten, und in der Hauptsache ging es darum, wer sich mit seiner kontextbefreiten Best-of-Darbietung der schlimmsten Gräuelszenen den ersten Platz in der Kategorie „Gaaaaaaaanz schlimm!“ sichern konnte.
        Womit wir nun endlich bei Uta Sanella wären: Im nächsten Leben vielleicht, liebe Birgit, im nächsten Leben….

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    1. Gut, dass Du das erwähnst – ich hatte ganz vergessen, auf die Folgebände hinzuweisen. Habe sie auch selbst noch nicht gelesen. Wie werden die eigentlich erzählt (weil das Große Heft der Jungen nach ihrer Trennung ja keine Fortführung mehr findet)?

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      1. Jeder Teil ist in einem eigenen Stil geschrieben. Der zweite Teil (Der Beweis) handelt von der Geschichte des Zwillingsbruders. Und der dritte (Die dritte Lüge) wieder vom ersten Bruder, allerdings viel später.
        Sehr sehr gute Bücher. Kann ich nur empfehlen.

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