HANNOVER // Alte Conti

alte-conti-6

1999 wurde, nach einhundert Jahren Betrieb, das Zweigwerk der Continentale AG in Hannover-Limmer stillgelegt. In den Folgejahren blieb das gewaltige Areal mit Werkhallen und Bürogebäuden ungenutzt sich selbst, oder vielmehr: den Fotografen, Künstlern, Schaulustigen, dem Partyvolk und den streunenden Jugendcliquen überlassen, die, angezogen vom zunehmend endzeitlichen Charme der Industriebrache am Mittellandkanal, jene Unstadt-in-der-Stadt für sich eroberten. Rost, Wildwuchs, Scherben und Graffiti überzogen die teilweise lebens-, weil einsturzgefährlichen Backsteinruinen, die zum Spielplatz für Erwachsene und Halbstarke wurden. 2009 begann man die historischen Gebäudekomplexe mit aufwändigen Spreng- und Räumungsarbeiten zu beseitigen. Heute sind nur noch wenige markante Elemente der alten Werksanlagen erhalten – unter dem Namen Wasserstadt Limmer sollen hier neue Wohn- und Geschäftsräume entstehen, unter Einbeziehung einiger denkmalgeschützter Altbau-Reste wie dem Conti-Turm. Die Zeiten abenteuerlicher Dach-Besteigungen, Retro-Technik-Ausgrabungen, dröhnender Feiereien und stiller Rückzüge jedenfalls sind vorbei, der Spielplatz ist geschlossen.


>>Bild: Alte Conti Limmer (Grebe, 2013)


Advertisements

10 Kommentare

    1. Ja, gewaltig. Bis vor rund zwanzig Jahren war noch Alltagsleben in nicht nur diesem Bau aus Industrialisierungszeiten, an den ich mich so erinnere. Einerseits ist deren Zeit durch Veraltung schlicht abgelaufen, andererseits verändern Digitalisierung und Globalisierung die Industrie und überhaupt alles. Schwupps, sehen die Städte plötzlich nicht mehr nach Maloche aus, sondern alles dreht sich um Wohnraum, Wohnraum, Wohnraum.

      Gefällt 1 Person

    1. Danke 🙂 Tja, ich bin gespannt, was draus wird. Wohnraum wird ja in jeder Stadt gebraucht und gesucht wie wild. Mir schwant nur, dass dort wieder eine überteuerte und steril gehaltene, stinklangweilige Exklusivlage entsteht, die nichts mit gewachsenem Leben zu tun hat, da sie am Reißbrett gezeichnet und maklergesteuert besetzt werden wird. Und nach dreißig Jahren hat dieses Gebiet dann das gleiche Problem wie die einst so topmodernen und total begehrten Hochhaus-Hässlichkeiten, in denen plötzlich flächendeckend niemand mehr wohnen möchte (Olympia-Zentrum Kiel, Ihme-Zentrum Hannover – jede Stadt kennt das), und die, sobald ihre Erst-Bewohner-Generation wegstirbt, vereinsamen und verwahrlosen. (Vielleicht geht der ewig rotierende Trend ja irgendwann mal dahin, dass die Beton-Klötze der 70er plötzlich so hip und gefragt werden, wie derzeit die Altbauviertel? Die Wege der Gentrifizierung sind manchmal unergründlich…)

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s