HANNOVER // Gerrit Engelke und der Lärm des neuen Europa

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Sucht man nach Dichtern, die in einer Verbindung zu Hannover stehen, springt zunächst Kurt Schwitters ins Sichtungsfeld und nimmt dort einen großflächigen Platz ein. Das Aushängeschild hannöverscher Dichtung schreibt sich, von hinten wie von vorne, A-N-N-A. Irgendwo in Frau Blumes Schatten entdeckt man als nächstes den kleinen, volkstümelnden Ludwig Hölty mit seinen kleinen Frühlingsblumen. Direkt daneben aber taucht Gerrit Engelke auf, und da ist dann Schluss mit Blümchen, da qualmt es aus Fabrikschloten, röhrt es aus Hochöfen, jaulen die Maschinen und dröhnen die Schritte des Arbeiterheeres.


Gerrit Engelke, Der Mittler

Dich, Dichter und Denker,
Umstürzt das tosende Meer der Lärm-Welt:
Kreischende Wellen, zischende Gischt hasten wie Springflut,
Dich umbrüllend, dir zu.
Wellen um Wellen schleudert die Welt um dich auf:
Fabriken, von fauchenden Eisenbahnen durchtummelt,
Laufende Menschen, schreiende Menschen,
Ineinander geschobene Pferde und Wagen,
Straßenbahnen,
Aufgesprengte Domtürme, Sing-Prozessionen,
Boot-Gewimmel,
Dampfer mit Heul-Sirene,
Und Qualm, Lärm, Qualm, Hammerlärm –
Alles
Stürzt zusammen
Und fällt hämmernd rasselnd blitzend schreiend
Über dich her!

Da faßt dich eine rasende Springwoge
Und schleudert dich hoch!
Höher –
Ein letzter Gischtspritzer leckt dir den Fuß
Und – da schwebst du in Sphären-Klarheit
Erlöst über der Dampf-Welt,
Über der Kampf-Welt da unten, tief unten –
Sink wieder hinab,
In die Welt,
Dichter und Denker!
öffne den Menschen
Die Sinne mit deinem Wort,
Laß sie erkennen, die Menschen,
Den Welt-Trieb-Geist,
Den Gottgeist.


>> Gerrit Engelke (1890, Hannover – 1918, bei Cambrai), der nach der Volksschule eine Malerlehre absolviert hatte, betrieb eine agitationsferne Form der Arbeiterdichtung, die, anstatt sich politisch zu positionieren, nach einem angemessenen Ausdruck für die sich wandelnden Verhältnisse suchte. Richard Dehmel, den Engelke 1913 kennengelernt hatte, verhalf ihm zu ersten Veröffentlichungen in Paul Zechs Zeitschrift Das neue Pathos. Dadurch entstanden Kontakte, die Engelke zu den Werkleuten auf Haus Nyland führten, einem dem Themenkomplex Industrie/Kunst verpflichteten Zirkel aus bürgerlichen und arbeiterschaftlichen Schriftstellern, Dichtern, Malern, Gebrauchskünstlern und Architekten, dem Engelke später selbst beitrat. Seine Texte erschienen von da an auch in der von den Werkleuten herausgegebenen Quadriga. 1916 veröffentlichten er und Heinrich Lersch, ein Kesselschmied und Lyrik-Autodidakt, sowie Karl Zielke gemeinsam den Band Schulter an Schulter – Gedichte von 3 Arbeitern. Zu weiteren Veröffentlichungen kam es nicht mehr: Gerrit Engelke wurde zum Kriegsdienst einberufen und starb, nahe dem heftig umkämpften französischen Cambrai, nach schwerer Verwundung in einem Lazarett der Briten. 1921 wurden die Gedichte aus seinem Nachlass unter dem Titel Rhythmus des neuen Europa von Jakob Kneip, einem Mitglied der Werkleute, herausgegeben.


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9 Kommentare

    1. Ja, und da die Opfer auch einen Spiegel der Gesellschaft bilden, begegnet man diesem Nebensatz „starb dann in der Schlacht von soundso/ im Lazarett 08-15/ im Lager XY“ auf so vielen Ebenen: Die Deutsch- und Geschichtsbücher im Unterricht waren ebenso verseucht davon wie die Familienerzählungen (ich bin aufgewachsen unter alten Leuten). Das ganze Ausmaß wird man rückblickend wohl nie so ganz begreifen können. Wenn man die erste Hälfte dieses letzten Jahrhunderts betrachtet, kommt man nicht heraus aus dem entsetzten Staunen.

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      1. Unsereins kann das gar nicht mehr ermessen, wohl wahr. War gestern nochmal für Recherchen in unserem neuen NS-Dokuzentrum, ich komm da auch jedesmal völlig geplättet und aufgewühlt raus.

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    1. Na, wieder im Lande? Nun ja, es mag sein, dass ich dem lieben Hölty gegenüber zur Garstigkeit neige, da ich am hiesigen Gymnasium, das seinen Namen trägt, mit seinen Versen so hartnäckig traktiert wurde, dass mir der Weihrauch, der meinen Unterricht dabei durchwaberte, noch heute in den Augen brennt.

      Aus der „Elegie eines Schäfers“:

      Durch jene Blumen, die mit Regenbogenglanz
      Stolzieren, schlüpften ihre Füße
      So oft, dort wand sie mir den schönsten Blumenkranz
      Um meine Stirn, und gab mir Küße.

      Sie waren doch so süß! Noch süßer als der Duft,
      Der aus der Rosenknospe quillet.
      Und allen diesen Reiz verschließet jene Gruft,
      Die itzt der May in Blumen hüllet!

      Viel Kreuz- Tod-und-Gruft, gepaart mit viel, nur etwas verirrtem Lokalpatriotismus der alternden Studienräte am Kleinstadtgymnasium – ich bin leider nicht ausreichend unvorbelastet um ein neutrales Hölty-Urteil zu sprechen.
      An der magischen 27 sind die beiden knapp vorbei gegangen; der Club 28 scheint eine regionale Besonderheit zu sein…

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