HANNOVER // Graue Stadt ohne Meer

Passerelle Hannover Sonja GrebeHannover Sonja GrebeHannover Sonja Grebe

Der Jugend Zauber für und für / Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, / Du graue Stadt ohne Meer. Das kommt mir – frei nach Theodor Storm – so in den ironischen Sinn, als ich nach reichlich langer Zeit mal wieder über den Raschplatz streune. Als „Hinterausgang“ des Hauptbahnhofs Hannover war der Raschplatz, der heute allerdings mit sehr viel weniger Naserümpfen begehbar ist als in Vor-Jahrtausendwende-Zeiten, seit jeher Sammelpunkt für Obdachnot, Drogenelend, für jedwede Verwahrlostheit städtischer Couleur. Desgleichen galt für die ehemalige, in den Raschplatz mündende Passerelle, eine unterhalb des Bahnhofs entlang führende, schäbig-dunkle Einkaufsstraße, deren unterirdische Lage ihren unterweltlichen Charakter zusätzlich dick unterstrich.

Der damalige Mischgeruch aus Räucherstäbchen und Urin steht mir, indem ich mich kurz zurückdenke, sofort in der Nase. Raschplatz und Passerelle lieferten jedoch alles, was man dringend brauchte und in der Provinz schmerzlich entbehrte: asiatischen Klimbim aus dem China-Shop, billigen Modeschmuck mit vermutlich gefährlich hohem Nickelgehalt, Haarfärbepasten in Neonregenbogentönen, antiquarische Bücher, gebrauchte Platten und CDs, Elternschreck-Stiefel aus dem UK-Punk-&-Ska-Shop, unglaubliche Vielfalt an Zeitungen und Magazinen, abenteuerliche Second-Hand-Klamotten (die meist nach einer vierten oder fünften Wäsche überhaupt erst tragbar wurden), Buttons und Badges mit Anarcho-Sprüchen oder Band-Emblemen, Jamaika-Ramsch, Militär-Ramsch, Schuhe und Taschen aus dunklen, röhrenförmigen Läden, in denen es giftig roch und sich die Ware bis an die Decke stapelte. Und: Dies war der erste, der einzige Raum totaler Egalheit, den ich kannte. Man konnte schlichtweg alle Dinge tun, sagen, tragen, kaufen, fragen, sein und schreien, die man wollte, ohne dass jemals einer guckte. Man hätte allerdings ebenso gut tot mitten im Weg liegen können, ohne dass jemals einer geguckt hätte, und die Bekanntschaft mit diesem Phänomen hatte ihre gleichermaßen heilsame wie erschütternde Wirkung auf mich.

Im Vorfeld der Weltausstellung 2000 wurde mit den wenig tourismusverträglichen Zuständen etwas aufgeräumt, mit städteplanerischem Schischi, sozialpolitischem Wischiwaschi und viel polizeilichem Krawumm, was bedeutet: Drogen-, Obdachlosen- und Stricherszene wurden in die angrenzenden Viertel verdrängt, ein paar Putzkolonnen extra geschickt und ein oder zwei zusätzliche Glühbirnen eingeschraubt, wodurch das Ganze einen rosigeren und gesünderen Teint bekommen sollte. 2001 wurde die Passerelle schließlich streckenweise umgebaut, verhübscht, verhochglanzt, und 2002, eingedenk der Popularität einer frisch verstorbenen Ehrenbürgerin der Stadt, deren Nanas das Leineufer säumen, umbenannt in Niki-de-Saint-Phalle-Promenade. Ich vermutete damals, man versuche da mittels eines neuen Namens, den jeder Hannoveraner augenblicklich mit Kunst und Knallfarben in Verbindung bringt, den unsagbar tristen Passarellen-/Raschplatz-Bereich allein mit dem psychologischen Farbpinsel etwas ansprechender zu gestalten. Heller und ungefährlicher geworden ist es sicherlich, irgendwie reizvoll oder gar hübsch natürlich nicht. Das kurze Passerelle-Teilstück, welches Raschplatz und Alten Zentralen Omnibusbahnhof miteinander verband – und dieses Stück zum ZOB machte mir damals wirklich, was ich partout nicht anders formulieren kann, eine Scheißangst -, ließ man dagegen noch einige Jahre länger in seinem eigenen Höllenbrodem vor sich hin schmoren.

Abgehend vom inzwischen erneuerten Raschplatz, existiert noch ein winziger Original-Passerellen-Wurmfortsatz, der einen Verbindungsweg zu den Aufgängen zum gerade erst rundum sanierten Kulturzentrum Pavillon darstellt. Ich falle vor Überraschung beinahe hintüber, als mir bei einem unwillkürlichen prüfenden Blick zur taubenwimmelnden Tunneldecke ein altes Passerelle-Logo ins Auge fällt, das seit nun dreizehn Jahren seiner Entfernung harrt. Durch diesen amputierten, in Schmierigkeit konservierten Tunnelabschnitt betritt man ein halbschalig geformtes Betongelände, von wo aus man gleich drei echte Wahrzeichen der Stadt im Blick hat. Zum einen die Raschplatz-Hochstraße, die als monumentaler Betonbalken quer und schwer den Luftraum durchzieht. Ein Grau-Ungetüm von niederschmetternder Plakativität, welche durch ein paar spielerische Elemente wohl hatte gemildert werden sollen. Vergeblich: Die an der Unterseite der Fahrbahn anhängigen Über-Kopf-Autos – Betongüsse in originaler Autogröße – verstärken durch ihre grobschlächtige Form noch die spürbare Lieblosigkeit. Sie wirken wie das Spielzeug eines rabaukigen Kind-Riesen, der des Weiteren gern die Raschplatz-Punks und -Trinker wie reichlich abgewetzte Playmobil-Figürchen in einer ungenutzten Zimmerecke auf einen Haufen schmeißt, nachdem er ihre Frisuren, Kleidung und Ausrüstung zu unbrauchbarer Chaos-Masse verarbeitet hat, und dessen forschender Spieltrieb auch die Tauben ins Visier nimmt, welchen er ganze Beinchen oder halbe Flügel auszupft um danach zu beobachten, wie sie sich für eine Weile panisch in ihrem Schmerz abstrampeln, bevor sie schließlich, taubenzäh, weitermachen wie zuvor. Der zweite Klassiker unter den hannöverschen Beton-Scheußlichkeiten, der das Panorama des Raschplatzes bestimmt, ist das Bredero-Hochhaus, eine Perle des Brutalismus. Mitte der Siebziger als Prestigeprojekt in Sachen Zeitgeist dahingeklotzt, begrüßt es heute als Zeitgespenst mit über fünfzig Prozent Leerstand jeden Fahrgast, dessen Zug sich Hannover Hbf nähert. In seiner innigen Verschwisterung mit dem VW-Tower, diesem festen Mitglied des städtischen Skyline-Ensembles, einem ausgedienten Sendeturm, der in seiner heutigen Funktion Hannover als die Hauptstadt von VW-Country ausweist, wird deutlich, dass das Grau hier unangefochten den Horizont beherrscht. Mächtiger Stahlbeton, Ausdruck grauen Willens, wie in den Himmel empor gekrochen, so die Erde erstickend.

Was mein Gefühl von Hannover als Ganzem ausmacht, bündelt sich an dieser Stelle der Stadt aufs Wesentliche. Hier bleibe ich ein bisschen, setze mich. Was soll ich sagen – dieses Mistding von einem Platz war meine erste große Stadtort-Liebe.


>> Fotos: Alter Passerelle-Zugang am hinteren Raschplatz, Ecke Pavillon / Hochhaus Lister Tor, meist Bredero-Hochhaus genannt, daneben der VW-Tower, der auch unter dem Kosenamen Telemoritz bekannt ist / Raschplatz-Hochstraße mit Auto-Skulpturen (Grebe, 2015)


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15 Kommentare

    1. Oh Gott, ja, der regelmäßig eingetretene Worst Case: Den letzten RE verpasst und bis um 6.30 Uhr auf den nächsten gewartet, schlaflos in einer noch freien Sitzecke verschanzt, OHNE Handy, man war totmüde und die Junkies waren hellwach…

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    1. Ich mag´s im Grunde auch sehr, bin aber doch zwiegespalten, wenn es sich zu massiv ins Stadtbild frisst und insbesondere, wenn es um Wohnraum geht – dann empfinde ich diese Betonburgen als extrem deprimierend. Und ich bin nicht sicher, inwieweit diese Fassaden den Stadtmief tatsächlich annehmen oder es mir nur so vorkommt, als würden Betonfassaden besonders müffeln…

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      1. Genau! Kennst Du den? Warst Du da auch? Und dann war da noch so ein Schuppen gegenüber vom Anzeiger Hochhaus. Da war ich auch oft – aber der Name kommt mir nicht mehr in den Sinn.

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      2. Die Baggi (die Disco) war scheußlich, insbesondere als sie später den Schwenk zum Techno- und Billigpop-Schuppen vollzog – aber wir waren ja nicht wählerisch… Der Name vom Gruftie-Laden fällt mir nicht mehr ein, ich sehe das nur noch so diffus als Kneipe vor mir. Gegenüber vom Anzeiger-Hochhaus war zu meiner Zeit nix Begehbares, etwas später kam dann so eine Pseudoschickeria-Bar da rein. Aber wenn man vom Anzeiger-Hochhaus die Kurt-Schumacher runter ging, kam rechts hinterm Steintor die Röhre, so´ne Rock-Disco, die wurde später vom Gesundheitsamt geschlossen, und wer dort je auf dem Klo war, wird verstehen, warum (heute heißt das Ding Rockhouse, spielt ein durchwachsenes Rock´nRoll-Programm und zieht die derzeitigen Abiturjahrgänge an, da kann ich mich altersmäßig schon nicht mehr blicken lassen). Warst Du lange in Hannover oder eher oft wochenends?

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      3. Ich bin wahrscheinlich ein paar Jahre älter als Du. Daher gibt es wohl keine Überschneidungen. Ich war in den Achtzigern in Hannover unterwegs. Immer am Wochenende, als ich noch daheim bei meinen Eltern in Hameln gewohnt habe.

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      4. Meine Wochenenden verbrachte ich da eher in den 90ern. Ich hatte keine ganz so weite Anfahrt, kam aber immer nur bis zur Kleinstadt einigermaßen gut zurück, von dort zum Dorf wurd´s schon haariger. Ab 18 hab ich dann nahe Klagesmarkt gewohnt, fortan ließ sich alles fußläufig erreichen – so groß ist Hannover denn ja nun nicht. Glocksee, Faust (und vielleicht noch das alte Alex am Opernplatz, wo man 24 Stunden Kaffee bekam) – die kennst Du bestimmt?

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  1. Ja, die 80er waren es auch bei mir, als ich täglich (!) zwischen der Liebsten im Hessischen und dem Zivildienstlehrgang in Braunschweig pendelte. Daher die vielen Nächte in der damals recht neuen (?) Passerelle. Es war aber damals schon eine Gruft.

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