WERK+ZEUG // Hammer, Amboss, Meteorit

Mein jüngerer Bruder und ich ähneln einander sehr. Zum Ausdruck kommt diese Wesensgemeinschaft allerdings auf unterschiedlichen Ebenen. Er ist der Vollblut-Historiker, ich kümmere mich mehr ums Zeitgenössische. Während er das Epische liebt, mag ich eher das Episodische. Er trägt seine Haare sehr lang, ich sehr kurz. Sein Musikgeschmack ist ein zwischen Klassik und Metal gespannter Bogen, meiner hangelt sich an einer von Jazz zu Punk gezogenen Linie entlang. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Kampf- und Kunstmittel unserer Wahl: Meine sind Altpapier, Pappe, mitunter getrocknete Blümchen und dergleichen Leichtgewichtiges. Seine fallen da etwas archaischer aus: Holz, Leder, Knochen und, an erster Stelle, Metall.

Aus einer familienbedingten Marotte heraus wird bei uns beiden prinzipiell möglichst alles selbst gemacht, gesammelt, gehortet, zweckentfremdet und zusammengewerkelt. Die selbst gefertigte Esse, an der mein Bruder sich seit einiger Zeit als Selfmade-Schmied betätigt, entstand folgerichtig nach dem Prinzip Resteverwertung-nahe-der-Dada-Grenze: Das Gestell lieferte ein alter Aquarium-Rahmen, das Gebläse wurde einem Kobold-Staubsauger entnommen, diverse andere Fundstücke aus Gerümpelsammlung und Internet verbauten mein Bruder und ein paar ingenieur- und elektrotechnisch ausgebildete Freunde zu einer sehr praktischen, funktionstüchtigen und – jawohl! – formschönen Aquarium-Kobold-Esse.

Nicht nur wie, sondern auch was geschmiedet wird, klingt oftmals ebenso unkonventionell bis skurril, liefert ungeachtet dessen jedoch die erstaunlichsten Ergebnisse: Kann man alte Fahrradketten zu fein-gemusterten Damaszenerklingen verarbeiten? Man kann. Wird im großflächigen Garten wieder einmal ein wenig Raum freigerodet, fällt oft wertvolles Holz für Messergriffe an. Ich selbst habe einen Ring, den mein Bruder aus nahezu schwarz eingefärbter, jahrhundertealter Mooreiche (nicht aus eigenem Garten) gedrechselt hat; andere Ringe schmiedet er aus unterschiedlichsten Metall-Legierungen. Alles in autodidaktischem Antrieb, mittlerweile auf hohem Niveau – Youtube-Channel-Learning, globaler Vernetzung mit ähnlich Verrückten und viel Mut zu Try-and-Error-Experimenten sei Dank. (Error resultierten bislang übrigens nicht in allzu schwerwiegenden Verletzungen oder anderen Kollateralschäden, sofern man die ständigen Handschwielen, Brandblasen und gelegentliche Bartbrände nicht mitzählt. Obwohl: Eine Weile hatte mein Bruder den Spitznamen Elf-Zehen-Lars inne, nachdem er sich bei einem Probeschlag mit frisch geschmiedeter Axt einen kleinen Zeh halbierte oder sozusagen verdoppelte. Der Zeh ist wieder zum Einzelzeh verheilt – der geliebte Stiefel indes heilt nicht mehr.)

Derzeit werkelt er an etwas, wofür er eigens einen sehr speziellen Einkauf getätigt hat: den Mittelfußknochen eines dem Pleistozän entstammenden Megaloceros giganteus, vulgo: Riesenhirsch. Sein bisher wohl aufwändigstes Projekt war eine 365lagige Meteorit-Damaszener-Klinge, für die er einen wer-weiß-wie-teuer ersteigerten Meteoriten gemeinsam mit Stahlsorten unterschiedlichen Vanadium-, Mangan- und Chromanteils verschmiedet hat – siehe oberstes Beitragsbild. Weitere Bilder habe ich von seiner Facebook-Page geklaut, natürlich mit Genehmigung:

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>> Fotos: Kunstschmiede Brandtbart


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15 Kommentare

      1. Merci ! Werde heute ein Interview in Reinschrift bringen, irgendwo im Schatten, mit einem kühlen Drink (ohne Alk, bei der Hitze, logo…). Wird lustig.
        Liebe Grüße + viel Spaß am Wochenende,
        Gerhrd

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  1. Wie ich bei Facebook las, ist er erst seit gut 1 Jahr dabei. Respekt und Gratulation, was er schon erreicht hat. Die Messer sehen richtig gut aus. So besteht bei euch kein Messermangel 🙂
    Euch ein entspanntes Sommerwochenende
    Stefan

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    1. Messermangel nicht – allerdings gilt Obacht, sie sind sehr viel schärfer, als man erwarten würde. Dir auch ein schönes Wochenende! Ich, für meinen Teil, bin ganz froh, dass ich diesen Sommer mal nicht im kochenden Hamburg verbringe, aber vielleicht springen bei Dir ja noch mehr schöne Fotos dabei heraus? Viele Grüße, Sonja

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      1. Da ich gern koche, weiß ich scharfe Messer zu schätzen. Die meisten Unfälle passieren mit stumpfen Messern. Vor scharfen Messer hat man sofort Respekt.
        Hier ist es heute richtig heiß. Für die Nacht sind Gewitter vorhergesagt. Schauen wir mal, ob es sich etwas abkühlen wird, mit einer frischen Brise nach dem Regen.
        Abkühlende Fotos kommen noch.
        Liebe Grüße und ein entspanntes Wochenende
        Stefan

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      1. Mein Vater sagte immer: „Eisen, das ist was ganz Edles, Wertvolles, das kommt aus dem Bauch der Erde!“ Richtig geliebt hat er es und konnte auf keinen Fall verstehen, wie manche Menschen zum Eisen sagen konnten, es sei Kalt.

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      2. Das ist etwas Schönes: Man wird wohl nicht Kunstschmied, weil man gerade keinen Ausbildungsplatz bei der Sparkasse ergattern konnte, sondern, weil etwas Spezielles daran einen anzieht. Und so sieht man die Dinge dann auch mit speziellem Blick. (Danke für´s Erzählen 😉 )

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