WORTSINNE // Der Panik-Flüsterer


Ein Mann streicht mit einem breiten Pinsel über eine raue Oberfläche – 30 Minuten lang. Eine Frau faltet Handtücher sorgsam zu ordentlichen Stapeln – 40 Minuten lang. Zwei gepflegte Hände matschen behutsam mit Rasierschaum – 30 Minuten lang. Eine Ledertasche wird gestreichelt – 15 Minuten lang. Ausgiebig schrubbt eine geduldige Bürste verschiedene Gegenstände in Spülwasser – 60 Minuten lang. Manikürte Hände öffnen und schließen Deckel von Plastikflaschen – 20 Minuten lang. Ein Mund in Nahaufnahme flüstert kaum hörbar willkürlich gewählte Lateinvokabeln – 50 Minuten lang. Minimalaufwändige Filmchen, in denen eine extreme Reduzierung auf unscheinbare Realitätsfragmente eine surreale Parallelwelt entstehen zu lassen scheint – manche sind bis zu zehn Stunden lang. Ist das Kunst? Nein.

Mitunter stehen mehrere 10 000 Aufrufe im Zähler dieser und unzähliger ähnlicher Youtube-Videos. Hier und da sehe ich Aufrufzahlen von über einer halben Millionen, über anderthalb Millionen, über zweieinhalb Millionen. Unendliche Monotonie, Repetition und Abwesenheit von Sinn – und Millionen von Zuschauern. Ist das nicht vielleicht doch Dada? Nochmal nein.

Ein paar Jahre schon geistert das Phänomen ASMR knisternd, raschelnd, schmatzend, plätschernd und flüsternd im Netz umher. Seitdem dieser kryptische Name geprägt wurde, Autonomous Sensory Meridian Response, der den Zugriff darauf und den Austausch darüber erleichtert, geht die Anzahl entsprechender Clips förmlich durch die Decke, parallel entstehen ASMR-Blogs und -Foren, das Digitalgeschwätz über dieses Thema wuchert mit rasender Geschwindigkeit in die Breite. Dabei geht es bei ASMR um zunächst ganz und gar nicht Sensationelles. Es geht um die Konzentration auf das Extrembanale, auf leisen Alltagssound. Die Sensation spiele sich dann im Sensorischen ab, so die Anhänger: leises Prickeln der Kopfhaut, bei manchen gar ein wohliger Rausch, der vom Kopf aus über das Rückgrat den gesamten Körper durchwandere. Die Wissenschaft zieht nun träge mit ersten Untersuchungen zu diesem Phänomen nach, während der Hype um selbiges längst das Netz sprengt. Nicht jeder sei zugänglich für jene optischen oder akustischen Trigger, so dass sich nicht bei jedem die rauschhafte Wirkung entfalten könne, der heilsame Kräfte zugeschrieben werden: Migräne – geheilt, Schlafstörungen – erledigt, Angstzustände – vollkommen verschwunden, so die Erfahrungsberichte. Ist das nun Esoterik? Nein, das irgendwie auch nicht.

ASMR wird als eine Technik zur Tiefenentspannung verstanden. Ich kann das ein Stück weit nachvollziehen, doch sobald es um diese Rausch-Erfahrungen geht, schlägt mein inneres Mumpitzometer spürbar aus. Zeit für einen Selbsttest? Eene meene muh… na, von mir aus.

Da mich bereits auf den ersten Blick die reinen Geräusch- und Handbewegungen-Videos unsagbar irritieren, schränke ich die Suche auf ASMR Words ein. Wörter find ich gut, denke ich blauäugig. 50 000 Ergebnisse. ASMR Ear-to-ear Whispering Random Words. ASMR Breathy Words! Sk Sounds And Relaxing Words. ASMR Looping Trigger English Words + Mouth Sounds. ASMR Tingles Feast! Literature, Sksksk, Tingling Words, Crinkles&Chewing And More! Untertitelt sind diese Videos mit Amazing 3D-Sound oder Ultimate Experience! und Ähnlichem. Als sei das Ganze nicht schon skurril genug, tauchen unter ASMR Words zusätzlich oft Schlagworte wie Motherly Roleplay, Highly Tingly Eargasm Sounds und dergleichen auf. Almost Inaudible Sounds – Close Up Whispering! Der ganze Bildschirm wirkt sternchengesprenkelt, auch Massen von Herzchen verzieren die Titelzeilen. Mehrheitlich sind es junge Frauen, deren volle rosige Lippen, makellose Zähne und dunkelroséfarbene Zungen in Großaufnahme den Bildschirm ausfüllen, während sie leise Vokabeln artikulieren, deren inhaltliche Bedeutung vollkommen in Unwichtigkeit verschwindet: die Aufmerksamkeit gilt vielmehr den Mouth Sounds, dem organischen Klang des Sprechens an sich. Ich starre in die fleischfarbene, feuchte Mundhöhle irgendeiner hübschen Blondine, die mit Vorliebe stimmlose Labial-, Dental- und Alveolarlaute produziert, wobei ihr kaum hörbarer Atem das Mikrofon durchzittert. Mich beschleicht ein schmieriges Gefühl: Ist das hier schon Porno? Zumindest ASMRler antworten darauf entschieden mit Nein.

Es gehe um Intimität, aber keinegswegs um Sexualität, heißt es empört. Dass ASMR eine erotische Ebene besitze, gar eine Art von Fetischisierung darstelle, wird kategorisch zurückgewiesen. Um auf Nummer sicher zu gehen, wechsele ich dennoch lieber zu ASMR Words – Male. Mit Kopfhörern, wie empfohlen, höre ich mir das aber bestimmt nicht an, also nee. (Wie eigentlich sollte das mit dem Rausch überhaupt was werden können bei im Voraus ablehnender Haltung?) Von totaler Entspannung und glückseligem, einschlafunterstützendem Gefühl reden die Kommentare unter den Videos, von der Besänftigung akuter Panikattacken sogar. Einen jener Panik-Flüsterer lasse ich also nun in mein Ohr. Skeptisch schmunzelnd. Und? Fühlt sich das gut an? Nein, nein, nein! Im Gegenteil:

Nach einer gefühlten, unerträglichen Ewigkeit, die sich beim Blick auf die Zeitleiste als knapp zweiminütig entpuppt, kribbelt es böse unter meiner Kopfhaut, Unbehaglichkeit durchströmt mich vom Rückgrat aus und lässt meine Finger unruhig tattern. Panik. Panik! Herrgott, wie werde ich diese Panik nun los? Das Laptop schlage ich zu wie den Deckel einer Schlangenkiste. Dass bloß diese Zischelstimme verstummt! Schrecklich: diese laborhafte Situation, dieses Falsifikat zwischenmenschlichen Nahkontakts, diese Empathie-Leerpackung! Ich fühle keinen sense of pleasant intimacy, ich fühle mich mit einem Schlag tot-einsam. Und ich fühle keinen wohltuenden Soft-Rausch, sondern mein gehetztes Gehirn durchschmoren, was an dieser Parade zusammenhangloser Einzelworte liegt, welche mein nach Querverbindungen süchtiger Verstand mit aller Macht zueinander in Beziehung setzen will, einfach setzen muss, aber (in dieser Geschwindigkeit) nicht setzen kann. Fenster aufreißen, Kopf in Nachtluft tauchen, Augen zu. Siehste – leises Windsäuseln und Baumkronengerausche hilft mir sofort. Wie blödsinnig freue ich mich auf die Geräuschkulissen des kommenden Tages, auf Kuhweide und Kiebitzwiese, auf Pappelreihe am Flussufer, Starenkolonie, Treckerverkehr und Mähmaschineneinsatz, Schritte auf knirschendem Grobkies, Regenschauer, Bollernde und dampfschnaufende Kaffeemaschine, Eintopfgebrodel, Bachlauf, Taubenflügelschlagtöne, und – mein persönliches Tingle-Highlight – auf Gabelweihengeschrei. Vielleicht, übrigens, telefoniere ich auch viel zu selten mit Freunden und Verwandten?

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4 Kommentare

  1. Für mich ist es vor allem komisch, als man alle diese Erlebnisse ja wirklich selbst „machen“ kann. Als Anregung: d’accord. Vielleicht hilft so ein Video sogar, wenn man vor Wut irgendwo gerade mal durch die Decke gegangen ist. Aber beim Zugucken entsteht eben nicht jene Spannung (sage ich jetzt mal in Ermangelung des „richtigen“ Wortes), die sich einstellt, wenn man selbst in so eine Verlangsamung oder Konzentration auf eine simple Tätigkeit geht. Ich habe Freund/innen, die so kochen, Wäsche zusammenlegen, ihren Schreibtisch aufräumen. Ich gucke da immer gerne zu und habe tatsächlich auch das Gefühl, dass mich das beruhigt. Aber auch da gilt für mich: Selber machen.

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    1. Ja, ich gehe beispielsweise vorrangig deswegen (und nicht nur, weil ich da ohnehin tendenziell ahnungs- und interesselos bin) äußerst selten ins Fußballstadion, weil mich der Fan-Singsang unglaublich zwingend einschläfert, was peinliche bis gefährliche Wirkung haben kann. Außerdem erinnere ich mich an eine Freundin in Schulzeiten, der ich, wann immer ich bei ihr übernachtete, The Joker vorsingen musste, damit sie schlafen konnte – was sie schon nach einer Strophe tat. Alles möglich – aber eben echt muss es dann schon sein!

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