UNTER BÄUMEN // Bruno Wille, Einsamer Baum


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Einsamer Baum

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Zersplissen ist mein Haupt

vom schwarzen Wolkenwetter;

Herbstwind und Regen

raubt die abgestorbnen Blätter:

So rag ich ganz allein

aus ödem Heidekraut

und träume von dem Hain

der weit verloren blaut.

^

Oft wenn mit grimmer Wucht

mich packt ein nächtlich Brausen

raff ich mit jähem Grausen

zusammen mich zur Flucht;

Doch halten zähe Schollen

mich an den Wurzeln fest.-

Da steh ich nun mit Grollen

wild schüttelnd mein Geäst.

^

Bruno Wille (1860 – 1928)


Bruno Wille wurde 1860 in Magdeburg geboren. Nach seiner Zeit in einem klösterlichen Gymnasium begann er zunächst ein Studium der evangelischen Theologie in Bonn, vollführte aber bald einen radikalen Fachwechsel hin zur Mathematik, Physik und Philosophie und begeisterte sich für den Marxismus. Nach dem Studium arbeitete Wille als Hauslehrer in Berlin, danach in Bukarest, im Haus der Schriftstellerin Mite Kremitz. Durch sie lernte er Königin Elisabeth von Rumänien kennen, deren Freundin und spätere Hofdame Kremitz war. Am Hof traf Wille auf den Geografen Heinrich Kiepert, der ihn für eine ausgedehnte Forschungsreise nach Konstantinopel als Begleiter engagierte. Danach kehrte Wille nach Berlin zurück und arbeitete als Journalist. Im Zuge seiner beruflichen, kulturpolitischen, zunehmend auch dichterischen Aktivitäten schloss er Freundschaft mit Gerhard Hauptmann, August Strindberg, Frank Wedekind und Anderen. Wille gründete die Freie Volksbühne Berlin und – nach konzeptuellen Unstimmigkeiten mit seinen Mitstreitern – gleich darauf die Neue Freie Volksbühne. Außerdem zog er als Redner im Dienste verschiedener Arbeiterbildungsvereine durchs Land. Hauptberuflich jedoch war Wille als Prediger der Freireligiösen Gemeinde in Berlin tätig, was ihm, nach einem entsprechenden Verbot durch das preußische Kultusministerium, eine längerfristige Internierung wegen „Verbreitung von Unglauben“ einbrachte. Danach eröffnete Wille mit Gleichgesinnten seine Freie Universität, die der Arbeiterbildung dienen sollte, gab die Zeitung Der Freidenker heraus und gründete nach dem Ersten Weltkrieg den Volkskraft-Bund, eine Vereinigung, deren erklärter Auftrag es war sich für die Verständigung zwischen Völkern, Konfessionen, Klassen und Parteien einzusetzen. Wille ließ sich später auf Schloss Senftenau in Lindau am Bodensee nieder, wo er 1928 starb.


>> Bild: Pappel (Grebe, 2015)

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6 Kommentare

    1. Danke! Ich fand diese Vita so schön wechselhaft und abenteuerlich. Allzu oft stolpert man über Herrn Wille wirklich nicht, nur wenn man die Naturalisten mal ordentlich umgräbt, taucht hier und da ein Verweis auf dieses oder jenes Gedicht von ihm auf. An diesem fand ich so schön, dass der Baum einmal nicht altersweise und würdevoll in sich selbst ruhend daherkommt, sondern auch mal grollen und hadern darf. P.S.: Wissen die Österreicher und die Schweizer eigentlich, dass der Bodensee in Wirklichkeit Euch gehört??

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      1. Stimmt…in Kalendern und Bildbänden gibt es ja so diese Klischeebäume, hundertjährige Eichen, immer ganz voller Gelassenheit da stehend (bis sie der Blitz trifft). Und da denke ich dann an diese grummeligen Bäume aus dem Herrn der Ringe (Verfilmung, Buch nicht gepackt). Und wenn die Schweizer und die Össis mosern, dann werden sie in den Wald geschickt oder im See versenkt :-). Nö, wir kommen ganz gut zurecht mit dem Dreiländereck – nur da, wo der Walser haust, da ist eine komische Aura.

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