DISPO FEVER // Kristine Bilkau, Die Glücklichen

Ich liebe dieses Buch – und ich hasse es. Es ist so nah an mir dran, am Privaten, am Erlebten, es spricht mir oft aus der Seele, tritt mir auf die Füße, tut mir gut, macht mich traurig, und es regt mich auf. Wo nun anfangen?

Isabell und Georg, ein alternativ-bürgerliches Großstadtpärchen, das sich mit Kleinkind Matti inzwischen ins Familienleben gewagt hat – das sind hier die Glücklichen. Eine Stichwortwolke: Altbau, Dinkelpulver, Adagio, Süßkartoffelmedaillons, Seidenpapier, Wertigkeit, Biokiste, Petit Fours, Parkettboden, Globuli, Glockenrock, Kinderboutique, Makler, Maronencreme, leichthändig, Engagements, Kaschmirstrickjacke, Veggieaufstrich, Stil, Expertise, Yogastudio, Dufflecoat, Konferenzsitzung, Hutmacherei, Babyschwimmen, Alpaka-Decke, geschmackvoll, Fitnessstudio, Sushi, Nachhaltigkeit, Hotelzimmer, Persönlichkeit, ausgewogen, Kronleuchter. Isabell ist Berufsmusikerin, Cellistin, Georg arbeitet als Journalist für eine große Zeitung. Unausgesprochen, aber eindeutigen Hinweisen nach zu urteilen ist Hamburg ihr Zuhause, übertragbar sind die Ortsbeschreibungen jedoch auf jede beliebige großstädtische beste Wohnlage. Die junge Familie lebt idyllisch-urban im begehrten Altbauviertel, die wunderbare Wohnung besitzt Charakter, Blumenläden heißen hier Floristenwerk, Bäckereien nennen sich Manufaktur. So weit, so gut durchgekaut. Als ich zu lesen beginne, möchte ich das Buch schon gleich wieder weglegen: Plakativ wie irgend möglich werden jene Marker für gentrifizierte Strukturen angebracht, als müsse ein feststehender Begriffskatalog abgearbeitet werden – da ist er ja promt, dieser nervtötende bürgerliche Genauigkeitswahn -, und dann geht es eingangs auch noch hinein in die Gedankenwelt einer Cellistin, deren Hände neuerdings vor ihren Einsätzen im Orchester zu zittern beginnen. Ach, lasst mich doch alle in Ruhe mit euren Luxussorgen! Aber Kristine Bilkau gräbt tiefer, der Eindruck von Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit verflüchtigt sich zu Gunsten des Gedankens, dass da eine Autorin sehr gewissenhaft das Sittengemälde einer bestimmten Schicht zu einer bestimmten Zeit zeichnet – ein Portrait, das so detail- und symbolgeladen ist, dass sich in dreißig Jahren, wenn man dieses Buch erneut aufschlägt, dieser dann vergangene gesellschaftliche Moment haarklein zum Leben wiedererwecken lassen wird.

Was Bilkau aus den Betulichkeiten einer Wohlstands-Familie herausarbeitet, sind die rissigen Schichten unterhalb der wertigen Oberfläche, die auf einen großen Bruch hinarbeiten. Für Isabell und Georg werden diese Risse zunehmend sichtbar, der Putz wackelt, Reparaturen werden nötig. Aber können behütete Kulturmenschen so was überhaupt, ist Dinge zu reparieren nicht eher Handwerkersache? Zuerst treten die Risse in der Fassade ihres Altbauwohnhauses zu Tage. Isabell stört sich an der Bauplane, die den Räumen die Aussicht nimmt, und an der Dauergegenwart der Handwerker, deren Lärm die Heimeligkeit der Wohnung und den sorgsam getakteten Tagesablauf mit Matti stört. Als sie einen der Handwerker vor ihrem Fenster etwas platt fragt, was er da den ganzen Tag so werkele, erzählt er ihr von den Rissen, den oberflächlichen und den versteckten, den harmlosen und den fatalen, wie man sie entdeckt, unterscheidet, und was man dann tut. Die verblüffte Isabell bringt dem Herren dafür glatt einen Kaffee ans Fenster. Auf anderen Ebenen gilt es ebenfalls die Lehre von den Rissen anzuwenden: Nach der Babypause findet Isabell nur schwer in ihren Berufsalltag zurück, ein Zittern schleicht sich in ihre Finger, durchzieht ihren Arm, versetzt sie in innerliches Beben. Was sie anfänglich zu verstecken versucht, tritt mit unbarmherziger Stärke immer sicht- und vor Allem hörbarer zu Tage und bedroht schließlich ihre berufliche Existenz. Georg, dessen Redaktionstätigkeit von solider Routine geprägt ist, schnappt irgendwann zufällig ein Gerücht auf, das sich nach und nach zu einem handfesten Verdacht auswächst: Die Zeitung – eigentlich eine feste Mediengröße – bleibt vom großen Printsterben nicht unberührt, sie strauchelt. Der Verdacht wird zur Erwartung, schließlich zur Gewissheit: Stellenabbau. Beide betrachten hilflos die Auflösung ihrer beruflichen Identität, und beinahe umfasst dieser Erosionsvorgang auch die Auflösung ihrer Ehe. Das Geld, der Motor aller Leichtigkeit, fehlt plötzlich. Der Geldmangel wird zum Ausgangspunkt eines Risses, der Isabell und Georg sowohl als Personen als auch als familiäres Gefüge massiv destabilisiert. Naiv sind die beiden von Beginn an nicht, sie wissen genau, dass ihr Lebenswandel nur ab einer bestimmten Summe Gehaltseingang funktioniert. Die Liebe in Zeiten der Staffelmiete: ohnehin nicht einfach. Sicherheit bedeutet finanzielle Sicherheit, Zufriedenheit bedeutet finanzielle Zufriedenheit, Zukunft bedeutet finanzielle Zukunft – wie verhält es sich mit dem Glück? Wenn Perfektion zum Standard geworden ist, und Geld alles absichert, auch die emotionale Perfektion – wie geht man dann mit einem Absturz um? Bilkau zeichnet diesen Absturz in dokumentarisch wirkendem Stil nach. In kleinen Alltagsschilderungen protokolliert sie den stufenweisen Verfall einer kontrollierten Wohlfühlwelt. Zwischen Isabell und Georg, die einander ehrlich lieben, schiebt sich plötzlich Unausgesprochenes: Jeder für sich wissen sie nicht mit ihren Ängsten umzugehen, verkapseln sich in Schweigen, treten einander immer verunsicherter und gereizter gegenüber. Dort, wo es unter Pärchen etwas gründlicher kracht, wird unter Eltern oft weitergeschwiegen, dem Kind zuliebe – ein Druckkessel. Zweite Stichwortwolke: erschöpft, Schmerzen, verkrampft, Abgrund, dünnhäutig, Dispo, Verlust, teuer, Discounter, Mieterhöhung, Minderwertigkeit, disqualifiziert, verschuldet, verzichten, Bewerbungen, Abschied, Verlierer, Ende, Grau, Kostenfaktor, sparen, Tränen, egal, unglücklich, billig, bezahlbar, Herzrasen, Kalkulation, ausdruckslos, schuldig, Krankheit, verwundbar, Theatralik, Schwermut, Desinteresse, Geld, abgewiesen, zahlen, Drohung, Drama, verrückt, Trennung, Last, kläglich, nötig, Grummeln, beschädigt, Konto, Kredit, Ohrensausen, beschützen, gnadenlos, Mitleid, frustriert, abwarten, warten, Leere, Defekt, Enttäuschung, Aus. Während dieses Vokabular ihr Umfeld, ihre Sprache und ihre Gedanken zu beherrschen beginnt, beschäftigen sich Isabell und Georg obsessiv mit ihren voneinander unabhängigen Fantasiewelten: Isabell stolpert im Internet über eine Familie, die ihr unsäglich perfektes Leben in wunderschönen Fotos teilt, teilt, teilt, und sie kann es nicht lassen diesen Beiträgen zu folgen, obwohl sie sie quälen. Georg forstet sich zwanghaft durch unbezahlbare Maklerangebote für Landhäuser, Resthöfe, abgelegene, naturverbundene Refugien, und träumt sich durch diffuse Aussteigerszenarien.

Aber wie geht aussteigen? Mit verschiedenen Varianten von Ausstieg werden beide konfrontiert. Georg besucht einen Aussteiger auf dessen Ökohof, einen ehemaligen Verpackungsdesigner, der sich nach der Insolvenz seiner einst extrem erfolgreichen Firma radikal neu erfunden hat: Tierhaltung, Ackerbau, Selbstversorgung, blutjunge neue Freundin. Aber Georg misstraut der Wollpullover-Utopie, er erkennt, dass er hier nicht die gesuchte Sicherheit findet, sondern nur neue (finanzielle) Risiken. Isabell, die sich verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrer Musiker-Misere sehnt, wird Zeugin einer zwischenmenschlichen Explosion in ihrem Orchester, die die Karriere eines Kollegen von einer Sekunde zur anderen beendet. Doch anstatt Empathie bei ihr auzulösen, bewirkt dieser Knall bei Isabell einen stumpfen Schock. Und schließlich ein Todesfall in der Familie – Isabell und Georg stehen plötzlich vor der direkten Antwort auf die Frage Was bleibt?, und diese Antwort ist ernüchternd. Oder vielleicht doch nicht? Welches Ende die Geschichte um Isabell, Matti und Georg nimmt, wird nicht vollends verraten. Ob Glück, Liebe und Hoffnung sich erstens von ihrer Überidealisierung, zweitens von ihrer Abhängigkeit vom Monetären emanzipieren können, muss man während der abschließenden Kapitel für sich beantworten. Ein Roman, den man unbedingt als Selbsttest lesen sollte, auch oder gerade, wenn er schmerzhaft an innere Risse rührt.


>> Kristine Bilkau, Die Glücklichen (Luchterhand), gebunden €19,99 Vielen Dank an Luchterhand für das Lese-Exemplar!


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21 Kommentare

    1. Das wollte ich ursprünglich hier und da mit einbringen, aber das wäre am Ende noch in Gejammer ausgeartet, das Risiko wollte ich lieber vermeiden. Aber jetzt, möglichst ohne ins Jammern abzurutschen: Ich vermisse manchmal schrecklich mein schönes Hamburg, wirklich, die Leute, den Betrieb, ich hab´s geliebt dort zu leben. Aber als Familie hat es uns auch oft überfordert. An irgendeiner Stelle sagt Isabell, dass es sich doch lohnen müsse, für sein Zuhause zu kämpfen. Das stimmt, aber was, wenn genau dieses noch so geliebte Zuhause einen aufzufressen beginnt? Mein privates Beispiel: Eine Mietwohnung, die erst in allen Ecken und Kanten ächzt – kaputte Fenster, morsche Wände – und dann von Bauarbeiten geschüttelt wird. Staffelmiete, anfangs 935€ warm für 70qm, an einer vierspurigen Straße, nahe der Flughafen-Einflugschneise, nebenan eine laute Kneipe. Kein Platz, nie Ruhe, nie Geld übrig. Kein KiTa-Platz (entweder kein guter, oder kein bezahlbarer). Alles zwar so schön, schnell im Stadtpark, schnell am Hafen, Bahn vor der Haustür, zu Fuß im Viertel alles was man braucht erreichbar, überall Spielplätze, die Kanäle, die Cafés. Aber auch die Anderen, die eben gucken, wenn man nicht die Schuhchen aus Bioleder im Hipster-Kindergeschäft kauft, sondern die heruntergesetzten bei Deichmann. Ich bin auch kein Bürgerkind, sondern das Einfache gewohnt, und es hat mich entnervt, mich beim Kinderpicknick mit Eltern begeistert über die Boutiquen unterhalten zu sollen, aus denen diese Picknickdecke, jene Thermosflasche oder das Täschchen und so weiter stammte. Bei Kindern fand ich extrem zu beobachten, wie sie als Statussymbol für ihre Eltern funktionierten: Förderung hier, Kurse da, Klamotten von So-und-so, geschmackvoll eingerichtete Kinderzimmer, mordsteure Kita mir super Konzept, all dieses Gehabe. Irgendwann dachten wir: Das alles hier, das sind wir nicht. Jetzt leben wir auf dem Dorf: Unsere Stadt-Freunde fanden das zuerst befremdlich, aber inzwischen sind schon die nächsten aus Hamburg raus und ins Ländlich-heimatliche zurückgegangen. Mir fehlt hier natürlich Einiges, aber ich bereue es dennoch überhaupt nicht, im Gegenteil fühle ich seit Langem mal wieder Ruhe – wir konzentrieren uns einfach mal wieder auf uns als Familie. Viele liebe Grüße, Sonja

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      1. Danke für deine Zeilen! Es klingt als hättet ihr euch richtig entschieden. Ich kann gut verstehen das einem dieses Staussymbolgehabe auf den Keks geht. Ich liebe das Landleben. Ich fand das ja so klasse bei „Altes Land“ diese herrliche sandkastenszene …..LG Xeniana

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      1. Liebe……. IHR Lieben, welcher Art ist denn das Embargo, gegen das besagte Kommission (ach, aha?!) hier anarbeitet: „gerade kein Geld mehr für Bücher übrig“ oder „doof gehypetes Buch“? (Eigentlich auch egal, auf jeden Fall kaufen!) 🙂

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  1. Eine ganz, ganz tolle Besprechung! Vor allem klase, dass Du so toll den Riss als Symbol für alle möglichen Risse rund um und in Isabell und Georg herausgearbeitet hast. Da habe ich völlig drüber hinweggelesen und dabei ist die Szene auf dem Gerüst ja ganz prägnant! Und dieses Symbol zeigt einmal mehrt die besondere poetische Art Bilkaus ihren Roman zu schreiben. – Und ich gebe Dir auch völlig Recht, dass dies ein Roman sein wird, der auch in zig Jahren noch eine Aussage hat, einmal, weil er die aktuelle Situation im Sinne einer Zeitdiagnostik so gut darstellt. Ich denke aber, dass uns dieses Thema noch eine ganze Zeit begleiten wird, denn ich sehe nirgendwo ein Anzeichen dafür, dass diese absolute Ökonomisierung aller Gesellschaftsbereiche in naher Zukunft überwunden werden könnte. Und wie dass bis in unser Privatleben, in unsere Familien, in unsere Vorstellung vom kleinen Glück, in unsere Liebe, vordringt, dass zeigen Isabell und Georg ja auch. – Noch am Dienstag habe ich es wieder erlebt, bei einem Vortrag zur Öffentlichkeitsarbeit von Schulen. Wir seinen alle Verkäufer unserer Bildungsgänge, wurde uns da gesagt, unsere Schüler die Kunden, für deren Kundenzufriedenheit wir alles tun müssten. Einen irgendwie gearteten Begriff von Bildung hatte der Referent nicht, aber das Begriffsgeklapper der Wirtschaft hatte er gut drauf.
    Viele liebe Grüße, Claudia

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    1. Jaaa, genau diese Art von Denke, die macht mir ganz unbehagliche Gänsehaut! „Wir sind alle Verkäufer unserer Bildungsgänge“ -danke, dass Du das hier mit hineingeworfen hast. Das ganze Leben als Geschäftsbereich. Mit den Bände sprechenden Bildern, die in der Geschichte verwendet werden, hätte ich stundenlang weitermachen können, aber ich stand in der Zwickmühle, über ALLES schreiben zu wollen, aber doch nicht ALL DAS verraten zu wollen, was beim Lesen für so viele spannende Gedanken sorgt. Liebe Grüße, Sonja

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      1. Ich denke ernsthaft darüber nach, den Roman im Unterricht meiner Fachoberschule Klasse 13 zu lesen, wenn es ihn im nächsten Jahr als Taschenbuch geben sollte. Vielleicht frage ich Dich dann noch einmal wegen der vielen Bilder, die Du entdeckt hast. Ich bin manchmal ein wenig Bilder-blind. – Und von meiner Dienstagveranstaltung, die mir ganz nachhaltige Bauchschmerzen beschert hat, könnte ich noch mehr dumme Sprüche zitieren. Aber: lass uns lieber die schöne Sonne genießen.
        Nochmal ganz viele Grüße, Claudia
        PS: Birgit, Anna von buchpost und ich bezichtigen uns immer auf lustige und humorvolle Art und Weise der gegenseitigen und höchst unangemessenen Verleitung, immer wieder durch so verlockenden Buchtipps auf unseren Blogs, die anderen zum ständigen Buchkauf zu animieren, solange, bis wir gar icht mehr mit dem Lesen nachkommen. Deshalb stellen wir ab und zu schon einmal witzige Anträge bei Lesezeit-Kommissionen oder es gibt auch mal ein Buchkaufembargo. Einmal wollten Anna und ich den Brotjob kündigen, um mehr Lesezeit zu bekommen, da hat Birgit uns sogar sonntags eine warme Suppe angeboten, damit wir nicht verhundergn müssen. Ist also eine lustige Geschichte unter uns.

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      2. Jetzt, wo Du das sagst: Das Buch wäre tatsächlich eine super geeignete Schul-Lektüre! Und das mit der Kommission: Natürlich seid Ihr daran schuld, überhaupt all diese Leute, die mich mit diesen schrecklich interessanten Lese-Tipps überfluten, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich das mit dem Lesenlesenlesen, bzw. zunächst einmal Kaufenkaufenkaufen überhaupt noch alles schaffen soll! Schämt Euch also bitte ein bisschen 😀 ….Hab einen schönen Tag!

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  2. UI, ui, harter Stoff. Du schreibst so eindringlich – ein Buch zum Gruseln.
    „Wenn Perfektion zum Standard geworden ist, und Geld alles absichert”: das bringt’s wohl auf den Punkt. Der Stress von Isabell und Georg ist teilweise vielleicht selbst gewählt, ihre Ansprüche an Lebensqualität sind vielleicht zu hoch, woraus ich ihnen aber gar keinen Vorwurf machen möchte, denn sie stecken eben in dieser mörderischen klimpernden Kapitalismus-Maschine, die uns alle zermalmt (oder wenigstens mürbe macht), und aus der niemand mir nichts, dir nichts aussteigen kann. Dabei ist sie so kaputt, diese Maschine! Nur weil sie so rücksichtslos geölt und geschmiert wird, gibt sie noch die Illusion des tadellosen Funktionierens.
    Ich halte mich gern an den Spruch von Nam June Paik: „When too perfect – lieber Gott böse.”
    Sehr gut: „Dispo Fever”. Könnte ein geflügeltes Wort werden, so wie „Knietief im Dispo”.

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    1. Mir ging das Gefühl durch den Kopf, dass die Discokugelglitzerparty, obgleich oberflächlich betrachtet voll im Gange (uns geht´s ja allen prächtig), gleichzeitig schon im Kater angekommen ist (wer zahlt denn jetzt meinen Deckel?!) – außerdem bezeichnet Dispo Fever auch ganz gut die Kopf- und Gliederschmerzen, Schüttelattacken und Schwindelgefühle, wenn ich an Kosten und Rechnungen denke 😉 Sich aus dem Mitspielen im Konsumtheater herauszuziehen, ist tatsächlich viel schwerer als gedacht: Besonders fatal finde ich, dass ich gerade bei denjenigen, die mir immer als Komsumbewusste oder gleich Konsumverweigerer gegenübertreten, feststelle, dass sie selbst nicht zu merken scheinen, dass sie eigentlich tatsächlich so überhaupt gar nichts anders machen. Mein Haus, mein Auto, meine Frau – früher hieß das: Reihenhaus, BMW, Hausfrau; heute bedeutet es: schicke Altbauwohnung oder alternatives Wohnen im Grünen, Elektroauto oder die perfekte ökobewusste Fahrgemeinschaft, super überteuerte pädagogisch vorbildliche Kita fürs Kind und berufliche erfolgreiche Halbtags-Mama. Nur ist der Konsum-an-sich und der damit verbundene Druck immer schön mithalten zu müssen der gleiche.

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      1. „Mein Haus, mein Auto, meine Frau […]”, da denk ich doch gleich an diese famose Zeichnung von BOSC (die Du Dir hier ansehen kannst: http://www.j-m-bosc.com/recompenses/prilui.htm). Du hast natürlich Recht: dieser Luxuskonsum ist keine Alternative – und auch noch die sogenannte share economy ist ausdrücklich eine in die neoliberale Hölle säuberlich eingepasste Wirtschaftsform. Wirkliche Gegenpole wären Repair Cafés (Sachen reparieren lassen statt sie neu zu kaufen) oder das gegenseitige Ausleihen von seltener gebrauchten Gegenständen (Bohrmaschine, Guglhupfform) oder – wo es geht – Verzicht.
        Ich deute das Distinktionsverhalten, das Du beschreibst, als Ausdruck von Panik, Ich-Schwäche, absoluter Verunsicherung und Dünkel. Ich würde solche charakterlosen gedrechselten Pappnasen kalt stehenlassen (hast Du ja auch gemacht, brava!). In diesem Theater mitspielen können nur Marionetten, und Du hast eben den Makel, ein Herz zu besitzen, und einen Dickschädel vielleicht.
        Zu den Lektüren (was man alles lesen soll / will / müsste): Ich bin zwar Buchhändler (und Kritiker), aber – zu meinem ehrlichen Bedauern – ein Wenig- und Langsamleser. Deswegen ist es sehr fahrlässig von mir, mein Bücherregal und meine spärlichen Bücherkisten so offen auszustellen. Immerhin ist dieses schamlose Ablosen in Öffentlichkeit vergleichsweise authentisch. Ich stehe dazu, die allermeisten Sachen nicht gelesen zu haben.
        Ich kann sowieso nur ein Zigtrilliardstel der zum Lesen sich anbietenden Bücher lesen, also mache ich die Kapitulation zur Bedingung meines Lesens und lese unverdrossen langsam und sorgfältig. Ich bin für jeden Wettbewerb grundsätzlich untauglich und habe meine Ruhe.
        Auch die (Buch-)Blogger stehen nämlich in einem Überbietungswettkampf (Menge, vielleicht Umfang, der gelesenen Bücher und der dazu herausgehauenen Rezensionen, Zahl der Klicks und Likes und Verlinkungen usw.) und bewegen sich im Energiefeld der immer zu Schnelligkeit, Effizienz und Leistung antreibenden Wachstumsideologie, zu dem sie sich irgendwie verhalten müssen.
        Ich für meinen Teil bin unbedingt dafür, dass Lesen (und Bloggen) ein unnützes, (fremd)interesseloses, nicht verwertbares Vergnügen bleibt.
        Ah, das war etwas ausschweifend …
        Viele Grüße, Moritz

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      2. Ausschweifen bedeutet ja nicht immer gleich Erfüllung des Produktionszwanges 😉 BOSC: sehr schön!! Langsames, sorgfältiges Lesen ist natürlich besser, weil nachhaltiger, als hektisch Kataloge abzuarbeiten. In meiner Buchhändlerinnen-Zeit fand ich das Auf-Masse-lesen ermüdend und unspaßig, dabei lese ich wirklich in alles wenigstens mal hinein, ich stecke meine Nase sogar in die BILD und in diese pastellfarbenen Frauenbücher und andere Unsäglichkeiten, nur um zu begreifen, womit sich Andere beschäftigen, womit sie sich berieseln und belügen lassen, und um am Ende vielleicht darauf zu kommen, wozu sie das tun. Alles, was Print ist, sagt irgendwas aus über die Leute um mich herum. Aber das, was mich selbst beschäftigt, blieb erstaunlicherweise gerade in der Buchhandlung draußen vor der Tür. Zwar hatten wir einen sehr schön gemischten Kundenstamm und waren durchaus nicht gezwungen nur Schund zu verkaufen, aber sich über Literatur zu unterhalten, das ging in deprimierende Richtungen. Die Kitschroman-Damen hatten noch das ehrlichste Verhältnis zu ihren Autoren und Autorinnen: Die sagten, da sei zu wenig Liebe, hier sei zu viel Tod und Trauer, dort könne mehr Familie rein, und die entsprechende Autorschaft schreibt schließlich allein zum Ziel diese Geschmäcker zu bedienen. Klare Zusammenhang von Auftrag und Erfüllung. Die „literarisch ambitionierte“ Kundschaft dagegen tat immer sehr gewählt und differenziert in ihrem Urteil, plapperte aber nur gut auswendig gelernte Kritiken aus dem Feuilleton nach – da geht er hin, der Sinn von Literatur. All die schönen Bücher, die ich verkauft habe – und dann hört man später keinen einzigen eigenständigen Gedanken darüber. Wenn also ich mal etwas in den Beratungsring warf, was ich nach meinem eigenen Dafürhalten interessant fand, verursachte das oft – und gerade bei der elitären Kundschaft – Irritation, die sich in Unsicherheit beim Kauf niederschlug. Worauf ich hinaus will, ist dass ich selten auf Leute mit eigenständigem Lesestil, mit eigenem literarischen Geschmack treffe. Selbst ein privates Buchregal, das von oben bis unten mit Schwedenkrimis vollgestopft ist, halte ich für authentisch – da weiß halt einer, was er mag -, während ich nichts scheußlicher finde, als meterweise präsentierte Kanon-Literatur. Lesen als Kultur-Alibi und für Repräsentanz-Zwecke zu missbrauchen, ist ein Zeichen für Mangel persönlichen Geschmacks und individueller Urteilskraft. (Bezeichnenderweise war einer der ganz, ganz seltenen Lieblingskunden von mir, mit dem ich mich wirklich völlig floskelfrei und freigedanklich über Bücher austauschen konnte, hauptberuflich Friedhofsgärtner. True Story.) Mit dem Geblogge verhält es sich sicherlich ähnlich. Mir macht es Spaß, die virtuelle Angel auszuwerfen und zu schauen, was für Kommentare und Querverbindungen zu anderen Blogs ich so gefischt kriege. Weil ich das, worüber ich schreibe, einfach aus dem Kopf raushaben will, und weil ich schriftlich nicht einrosten will, sammele ich relativ viel Stoff auf diesem Blog. Aber es juckt mich nicht, wie viel Rückmeldung das bekommt, sondern WAS für Rückmeldung. Inhaltlich gibt mir das was, deshalb macht es mir Spaß. Und mein Reader ist so aufgestellt, dass ich einerseits die Hypes und Trends argwöhnisch im Auge behalten kann, andererseits mit Interesse Leute verfolgen kann, die einen selbstbestimmten Geschmack beweisen. So, jetzt zähle ich die Zeilen um zu vergleichen, wer hier länger ausschweifen kann! Viele Grüße, Sonja

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