Merz-Bau, Sonja Grebe

MERZ UND ANDERE SCHNIPSEL // Tief im Bau

So gern spricht man in Hannover von Kurt Schwitters, dem Kind der Stadt, als Begründer der Dada-Bewegung, was leider falsch ist – Dada kam nun einmal aus Zürich. Aber der Hannoveraner an sich möchte in seiner Eitelkeit allzu gern hochglanzpolierte Trophäen zur Schau stellen können, die den Eindruck der Provinzialität von seiner Stadt waschen, und so unterschlägt er gern den örtlich einschränkenden Zusatz, der Schwitters´ Titel davor rettet, als Fehldeklaration daher zu kommen: Begründer der Dada-Bewegung in Hannover. Da geht schon etwas hin von dem Glanz, aber sei´s drum. Es steht natürlich auch nicht im Fokus der hannöverschen Perspektive, dass man Schwitters in Berlin, im Zirkel der Extrem-Dadaisten, dem Club Dada, nach anfänglich regem Austausch doch nicht haben wollte, weil er weder künstlerisch noch politisch radikal genug war. Richard Huelsenbeck bezeichnete den hauptberuflichen Gebrauchsgrafiker gar als Kaspar David Friedrich der Dadaistischen Revolution… naja, Schwamm drüber. Aber ist der Hannoveraner nicht vielleicht im Allgemeinen etwas zu blutleer für so was, für Große Kunst?

Wenn, sagen wir, Berlin rot ist und Hamburg blau, dann ist Hannover beige: Viel geschmäht als geschmacks-, reiz- und charakterlos, bieder, zum Verzweifeln humor- und fantasiefrei. Eine Stadt wie schal gewordenes Schützenfest-Bier. Die Großstadtmasse hat man hier, aber nicht die Großstadtkultur, und man hat den Großstadtdreck, aber nicht den Glamour. Dass die graue Messestadt schlicht die langweiligste Großstadt Deutschlands sei – irgendwie ist da schon was dran, und finge ich hier an, das Insider-Gegenbild zu diesem schlechten Image zu zeichnen, es nähme mir ja doch keiner ab (dabei hat das stellenweise fade Hannover tatsächlich eine stattliche Reihe GROSSARTIGER… gut, lassen wir das).

Kurt Schwitters aber – den kann mir niemand hineinplanieren in die vielbesagte Plattheit meiner Landeshauptstadt. Und, weil es die jetzige Heimstatt der Merz-Kunst schlechthin ist, auch dieses nicht: Das Sprengel Museum, mein Sprengel Museum, mit seiner konzentrierten Wucht deutscher und französischer Moderne. Seit jeher erscheint mir das flache, sich an einen Damm drückende Gebäude wie der Bau eines sehr eigenartigen Tieres, in den man sich bei Betreten hinab begibt. Meine liebsten Bestandteile dieser Innen-Welt sind die Rekonstruktionen des von El Lissitzky gestalteten Kabinett des Abstrakten, das 1937 von den Nazis zerstört worden war, und des 1943 zerbombten Merzbau von Kurt Schwitters. Wie sich jener Merzbau nachzimmern ließ, ist mir aus handwerklicher Sicht ein Rätsel: Ein Wohnraum, der das Raum-Denken zerschlägt, ein dreidimensionales, begehbares kubistisches Kunstwerk. Endloses Linienstreben zieht die Augen und mit ihnen den Verstand in unzählige Richtungen, man wird vollkommen verrückt bei dem Versuch die Gesamtheit der Flächen und Winkel zu erfassen. (Mein Versuch, den Raum exakt zu zeichnen, scheiterte – verändert man nur kurz den Blickwinkel, lässt er sich irgendwie nicht wieder auf die zuvor fixierte Perspektive justieren.) Und doch wollte ich schon als Schülerin bei meinem ersten Besuch in diesem Museum den Bau am liebsten nie mehr verlassen, ich hätte dort einziehen wollen. (Wie schade, dass sich nur der Hauptraum hatte rekonstruieren lassen – von den restlichen Räumlichkeiten existieren keine Fotos.)

Überhaupt fühlte ich mich im Sprengel sofort wohl, ich spazierte durch Dadaismus, Kubismus, Surrealismus und dachte Hier bin ich zuhause. Weil ich diese Art von Kunst nicht, wie ich das bislang gewohnt gewesen war, als Fremdwesen betrachtete, das ich mir zu erklären versuchte, sondern mich dieser Kunst tatsächlich emotional zugehörig fühlte. Das war nur logisch – mein Großvater, den wohl seine Soldatenjahre mehr geschädigt hatten, als in der Familie je ausgesprochen wurde, hatte sich auf unserem Grundstück eine ganz ähnliche Welt aufgebaut, in der ich von Kind an spielte: Den ganzen Tag über zog er sich in sich selbst und in seine selbst gezimmerten halbhohen Buden zurück, die auf ihre Art ganz und gar Dada waren. Baulicher Wildwuchs aus Wellblech, Holz, Schildern, Plastik- und Blechteilen, Fensterglas. (Unser riesiger alter Birnbaum war darin eingebettet, um seinen Stamm zu sehen, musste man ins Innere, an ihm hingen an großen Zimmermannsnägeln eine Lampe und Unmengen alten Werkzeugs.) Vor allem dieser bestimmte Geruch der Dada-Abteilung war der Gleiche wie in Opas Schuppen, er kam von dem gleichen Bestandteilen – von Holz, Metallen, Schmieröl, Klebstoffen, Erde, Pappe, Zeitschriften, Maschinenteilen, Tapeten, Geschirr, Rost, Verbundmitteln, alten Stoffen und Möbeln. Der gleiche zweckentfremdende Materialeinsatz, die gleichen Strukturen, die gleiche Farbpalette: in den Skulpturen und Collagen im Museum fand ich viel Vertrautes. Besonders Kurt Schwitters´ Merzbilder, diese Schichtwerke aus Kalenderblättern, Tapetenresten, Verpackungsmüll, Spielkarten, Holzstückchen, Kronkorken – eine Aufzählung wäre wohl nie vollständig -, bewirken bis heute auf umwegige Art und Weise bei mir eine Beruhigung meines Heimwehs nach Gestern; nach diesem Teil meines Zuhauses, den es längst nicht mehr gibt, und in dem alles, was so rumfliegt hinein gewerkelt worden war. Was bei meinem Großvater ausdrückte, wie sehr er sich kopfmäßig der Gegenwart und der Alltagswelt entzogen hatte, funktionierte bei Schwitters und seinen Zeitgenossen als Absage an bürgerliche Konventionen und den gültigen Kunst-Begriff. Der Ansatz sich dabei kopfüber ins Chaotische zu begeben war durchaus beiden gemeinsam.

Seit dem Umzug zurück ins heimatliche Dorf sind für mich die Déjà-vu-Wochen eröffnet – auf das nächste Abtauchen in den nun nicht mehr so fern gelegenen Merzbau freue ich mich schon.


>> Bild: Merzbau-Skizze (Grebe, 1998)


Advertisements

19 Kommentare

    1. Sprengel ist schön, gell? Eine Führung sollte ich eigentlich auch mal mitmachen! Es hat beides seinen Reiz: sich etwas erzählen zu lassen, oder sich allein im Museum treiben zu lassen. ….Das schöne Wort „rentnerbeige“ wurde übrigens bestimmt in Hannover erfunden, da wette ich drauf 😀 Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, ich freue mich über den Fiske-Tipp! Gerade habe ich beim Avant-Verlag gestöbert und den Herr-Merz-Comic gefunden, auch den Munch-Comic – herrlich 🙂 Dass sich der Norweger Fiske den Munch vorgenommen hat, ist ja folgelogisch, und auch Schwitters hat im Exil in Norwegen weitere Bauten geschaffen. Zumindest auf irgendeiner kleinen Insel ist eine Hütte, die er gezimmert hat, noch erhalten. Viele Grüße, Sonja

      Gefällt 1 Person

    1. Danke, liebe Birgit! Ich bin jetzt auch rot – geworden. 🙂 Herrn Schwitters einen Besuch abzustatten, das lohnt tatsächlich die Reise! Falls Du ernsthaft noch ein paar Hannover-Tipps brauchen solltest, wende Dich vertrauensvoll an mich. Den wichtigsten vorab: Auf regional angebauten Wein muss man hier leider verzichten, auf Weißbier zum Frühstück ebenfalls – die hiesige Trink-Tradition „Lüttje Lage“ ist eine kleine Herausforderung für Auswärtige, aber mit ein wenig Übung klappt´s auch mit der Technik 😉

      Gefällt mir

  1. Ich erinnere mich, wie ich in den Achtzigern gerade den Führerschein hatte und meine erste größere Tour mich von Hameln nach Hannover ins Sprengel-Museum führte. Zunächst stand ich oben vor den abstrakten Bilder mit den dicken Farbschichten, dann irgendwann entdeckte ich den Merzbau im Untergeschoss und verbrachte viel Zeit darin. Ich war so fasziniert, dass ich fortan immer wieder, mindestens einmal im Monat, dort war und mich so lange wie möglich in diesem Raum aufhielt. Ich habe das als sehr intensives Erlebnis in Erinnerung. Danke für diesen Flashback.

    Gefällt 1 Person

    1. Gern geschehen! Wer weiß, wie viele Besucher dort abends quengeln und traurig gucken – „och, nur noch fünf Minuten, biiiiiiiitte“ -, wenn die Museumswärter ihren letzten Kontrollgang vor dem Schließen machen. Man sollte Übernachtungstickets anbieten. Viele Grüße, Sonja

      Gefällt mir

  2. Ich würde gern die Bauten deines Großvaters sehen. Da ist echt faszinierend, wie sich mit einer räumlichen Assemblage offenbar die Gedankenwelt eines Menschen „abbilden“ lässt; wie sie tatsächlich vom Geistigen ins Materielle/Begehbare überführt werden kann.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielleicht streue ich hier bei Gelegenheit einmal Bilder davon ein. Die Bauten haben wir nach dem Tod meines Großvaters abgerissen, was eine unsäglich langwierige und anstrengende Arbeit war und zusätzlich eine enorme finanzielle Belastung bedeutete, da es Unsummen an Entsorgungskosten verschlang. Auch fiel es uns allen auf seelischer Ebene nicht ganz leicht, der etwas verqueren Familiengeschichte mit dem Vorschlaghammer zu begegnen. (Streckenweise war es übrigens geradezu lebensgefährlich, die kreativ gezogenen Stromleitungen, die in irgendwelchen Kaffeedosenlampenschirmen endeten, zu entwirren oder die mit Glasscherben gespickten Bodenschichten auszuheben.) Diese Umsetzung des Geistigen ins Räumliche – die findet ihre geregelten Wege in der Architektur und selbst im IKEA-Showroom, ungewöhnlicher wird es allerdings, sobald der gestaltete Raum nicht mehr in erster Linie einer Funktion untersteht, sondern ihm ein Selbstzweck, in Eigenleben gewährt wird. Auf uns Geschwister hat sich dieser Bautrieb meines Opas indes in unterschiedlicher Weise ausgewirkt: Meine älteste Schwester zum Beispiel schweißt Skulpturen aus Schrottstücken und altem Werkzeug zusammen, meine andere Schwester dagegen hat sich bewusst ein Reißbrett-Reihenhäuschen gebaut. Mein Bruder und ich wiederum denken grundsätzlich zweckentfremdend und lieben das Verwilderte. Er lebt das allerdings konsequenter aus als ich: Eigentlich Historiker, hat er sich mit Hilfe einiger ingenieurstechnisch ausgebildeter Freunde eine eigene Esse gebaut – aus unter Anderem einem alten Aquarium, einem kaputten Kobold-Staubsauger, weiterem Metallschrott, per Intenet geordertem Hightech-Keramikmaterial und diversem Zeug, das unser altes Elternhaus so hergibt. Grundkenntnisse in Sachen Schmieden hat er an der Youtube-Universität erworben, an der es wirklich für alles den passenden Kanal gibt, danach sich alles Weitere per Try&Error beigebracht. Mittlerweile schmiedet er auf seiner Aquarium-Kobold-Esse gewerblich alles vom Schlüsselanhänger bis zum Damaszenerschwert. (https://www.facebook.com/pages/Kunstschmiede-Brandtbart/596963673715335?fref=ts) Ist demnächst vielleicht auch mal einen Beitrag wert. Viele Grüße!

      Gefällt 2 Personen

    1. Danke für’s Lesen. Gerade bei diesen Beiträgen, die im Privaten wurschteln, frage ich mich meist, indem ich „publish“ drücke: „Na, ob das wohl einer liest? …Ah, sei’s drum.“ Aber meist sind es wiederum diese Beiträge, die das interessanteste Echo erfahren: Erzählt man mal ungefiltert von sich selbst, erhält man von Anderen oft Erstaunliches in gleicher Münze zurück. Viele Grüße, Sonja

      Gefällt mir

      1. Danke für deine Worte / ja. Wobei das nicht immer so ist. Katzenbilder erfahren oftmals mehr Resonanz als Herz Texte / verwundern tu ich mich da nicht mehr.
        Dir gutes. L.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s