PROVINZLEBEN // Dorf!

Da denkt man einmal nicht drüber nach und bemerkt im Nachhinein, dass man doch glatt einem Trend gefolgt ist:

Der moderne Mensch will partout ins Grüne. Seit Jahren grassieren in Feuilleton und Sachbuch Berichte über die Neuentdeckung des Landlebens. Es hat sich eine eigene Sparte von Zeitschriften etabliert, deren Sujet eine idealisierte, bisweilen reichlich verkitschte Form des Landlebens ist. Lebensmittel werden epidemisch mit dem Präfix Land- etikettiert. Auch musikalische Zeugnisse von Großstadtmüdigkeit und Sehnsucht nach ländlicher Einfachheit häufen sich.

Vor unserem Wechsel von Kiel nach Hannover kam, nach dem wie üblich nervtötenden Verlauf, den eine Wohnungssuche eben so nimmt, irgendwann der Tag, da uns der Rappel packte. Schluss, aus – keine Lust mehr auf überteuertes Wohnen in beengten Stadtverhältnissen mit tendenziell kinderfeindlicher Nachbarschaft. Und siehe da, nach einigen urbanen Jahren wohnen wir nun also in einem umgebauten Bauernhof.

Fachwerk, roter Backstein, Kopfsteinpflaster. Rechts ein Pferdestall, links die Wohnungen, mittig eine große Scheune und im Innenhof ein mächtiger Kastanienbaum. Der riesige Garten ist eher ein Stück abgeteilter Brachwiese, hinterm Zaun beginnen gleich die Pferdekoppeln – wir sind hier schließlich in Niedersachsen. Störche nisten auf alten Schornsteinen, hinter den Giebeln hausen Mäuse, Marder, Fledermäuse, Schleiereulen. Flüsse und Bäche durchwinden eine pfannkuchenplatte Landschaft aus Weideflächen und Feldern von Weichweizen, Futtermais, Zuckerrüben, Raps, woraus als einzige Landmarke die Kali-Abbau-Halde hervorsticht, ein gewaltiger Steinsalz-Berg, der bei Schlechtwetter die Farbe von Weiß-Grau zu Schwarz wechselt; ein Dorf voller Bergleute und Bauern. Beim Autofahren muss man freilaufende Hühner beachten und höllisch auf die Massen überall herumschleichender Hof-Katzen aufpassen. Die Zahl frei umherstreunender Dorfhunde ist in den letzten zehn Jahren wegen der zunehmenden Autozahl im Dorf auf Null gesunken, doch ansonsten hat die Zeit an diesem Ort in vielen Bereichen kaum ihre Wirkung getan. Die Klänge, die die Ruhe begleiten, sind das Muhen, Schnurpsen und Schnaufen der Kühe, die ewig krächzenden Krähen-Horden, regelmäßig ein dröhnender Trecker, Vogelgezwitscher, Hähne rufen Kikeriki; später im Jahr Grashüpfergezirp, Froschquaken, Mähdrescherbrummen.

Man könnte uns nun für ökoromantische Hipster halten oder für einen Teil jenes grünen Wohlstandsbürgertums, das zwecks naturnahen Lebens massenweise in malerische Dörfchen abwandert. Und: Wäre nicht tatsächlich etwas dran an der Idylle, wären wir ja nicht hier. Nur käme ich nie auf die Idee, als Neuling plötzlich zum Landleben zu wechseln, und auch als Landkind würde ich nicht in ein Dorf ziehen, aus dem ich nicht ursprünglich selbst komme. Ich meine das ernst: niemals.

Hier jedoch bin ich geboren und aufgewachsen, meine Familie ist mehr als alteingesessen: Hier kann (und will) mir keiner was. Es spielt dabei keine Rolle, dass ich, wie der Rest meiner Familie seit jeher, nie mit Freiwilliger Feuerwehr, Schützenverein oder Kirchengemeinde zu tun hatte. Auch die Jahre, in denen ich weg war, entscheiden nicht über die Dorf-Identität. Das regelt ein etwas eigenwilliges, archaisches Geburtsrecht, das sich übrigens auch auf meinen Mann erstreckt, der zwar selbst wohl recht dauerhaft Der-Mann-von-der-Tochter-von bleiben wird, aber trotz fehlender Einbindung ins Vereinswesen nicht als Fremdling zählt. Wir können einen noch so eigenen Kopf haben und als Sonderlinge auffallen – da die Familie über mehr als drei Generationen mit dem Ort verbunden ist, besteht ein unverrückbares Dazugehören auch abseits des Überall-Dazugehörens. Automatisch und ungefragt als Teil des Ganzen vereinnahmt zu werden: Einerseits ist es das, was einen besonders im jugendlichen Alter am Dorfleben in den Wahnsinn treiben kann, andererseits sorgt dieser Mechanismus für ein Klima, in dem auch seltsame Figuren irgendwie besser gedeihen und eine selbstverständlichere Duldung erfahren als andernorts, wo sie zur Rechtfertigung ihrer Eigenarten schon mehr als nur den Familienstammbaum abliefern müssten. (Dass trotzdem getratscht wird – immer, über jeden, von allen -, muss einem klar sein.)

Ich selbst bin bis heute Dörchens Lütsche (die Kleine bleibe ich wohl noch bis Ende 40). Über seine Urgroßmutter definiert zu werden ist hier völlig normal. Außerdem kannte jeder Dörchen, und eine sehr bezeichnende Episode für die Gepflogenheiten in diesem Dorf ist jene, wie meine Mutter und ich einmal auf dem Friedhof (op´n Kerkhof) am Grab meiner vor Jahren verstorbenen Urgroßmutter standen und uns plötzlich zum ersten Mal aufging, dass dort eigentlich gar nicht Dörchen eingraviert stehen dürfte – schließlich war ihr Name Dora. Weder der Dorf-Arzt, der den Totenschein mit dem Kosenamen ausfüllte, noch der Steinmetz, der Bestatter oder die Pastorin (geschweige denn die restliche Dorfgemeinschaft) wäre je auf die Idee gekommen, dass daran irgendwas nicht stimmen könnte. Befreundet war meine Urgroßmutter übrigens auch mit der Familie, der dieser Hof gehört, auf dem wir nun wohnen. In meinem jetzigen Wohnzimmer ging sie also schon vor 90 Jahren ein und aus. So ist das hier eben.

Die Gentrifizierung werden wir hier wohl nicht einläuten. Doch wer weiß – der Speckgürtel der nahen Großstadt weitet sich zunehmend ins grüne Umland aus, bis statt Gülle und Idylle sterile Neubauviertel und hochglanzrenovierte Althöfe das Bild bestimmen werden. Auch in diesem Dorf gibt es sie schließlich schon, die großstädtisch aufgewachsenen Akademiker, die sich hier niederlassen um vergessene Nutztierrassen nachzuzüchten, und die ersten Bauherren von außerhalb, die die Grundstücke von Bauern aufkaufen, die aus Alters- und finanziellen Gründen ihre Höfe nicht mehr bewirtschaften. Und wir? Ziehen die Gummistiefel schließlich auch nur zum Spazierengehen an.


>> Bilder: aus meinem Dorf und meinem Urgroß-/Groß-/Elternhaus (Grebe, 2015)


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11 Kommentare

    1. Der Satz „Du bist aber groß geworden“ verfolgt einen lebenslang; der wächst nämlich mit und lautet nahtlos anschließend „Du bist aber spießig geworden“, was im Subtext nichts anderes sagt als „Wirst halt auch nicht jünger, was?“ Es hilft ungemein das Ganze doch lieber unter dem Schlagwort Weisheit zu betrachten 😉 (Naja, wenn es bei mir mit der Weisheit manchmal nicht so weit her ist, hab ich immerhin noch ein anderes Schlagwort-Ass im Ärmel: Idyllisierung des Familienlebens)

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  1. Tolle Geschichte, super Fotos.. das klingt alles fast gemütlich.. wir wohnen seit einem knappen halben Jahr am Land, kennen niemanden und es geht uns trotzdem prima. Am wenigsten vermisse ich die Enge und die quälenden Nachbarskinder. Mir reichen dann doch unsere eigenen.. Ich kann auf jeden Fall Deine Gedanken nachvollziehen..
    Viele Grüße, Jens

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    1. Haha, das mit den hiesigen Kindern kommt noch: Falls Kindergarten oder gar Grundschule am Ort sind, merkt man, dass Dorfkinder ein Schlag für sich sind. 🙂 In der Stadt hatte ich eher das Gefühl, da träten die speziellen Exemplare eher als Einzelterroristen hervor – im Kindergarten hier macht mein Sohn gerade Bekanntschaft mit dem Phänomen Rudelkinder. Auch nicht einfacher… nur eben anders. Ansonsten war genau das Stichwort Enge auch unser endgültiges Argument für´s Land. Laufrad fahren auf überfüllten Gehwegen an vierspurigen Straßen? Nein danke 😉 Liebe Grüße, Sonja

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    1. Ja, ich bin tatsächlich selbst wohl am meisten davon überrascht, wie wohl ich mich seit dem Umzug fühle. Dazubleiben wäre nicht das richtige für mich gewesen – zurückzukommen dagegen fühlt sich doch irgendwie gut an. Und der Kleinste blüht wirklich auf. Meckern wird er erst in acht bis zehn Jahren ;D Liebe Grüße!

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  2. „Ein unverrückbares Dazugehören auch abseits des Überall-Dazugehörens“ – wunderbar! Ich habe deine klug-schönen Gedanken über das neue alte Landleben mit großem Vergnügen gelesen und wünsche euch weiterhin alles Gute op’n Dörp.

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    1. Danke! Im Zweifel steht uns übrigens immer ein Notausstieg in Richtung Stadt offen: Von hier aus sind wir in 25 Autominuten mitten in der Hannöverschen Innenstadt. Bis jetzt hab ich aber noch so gar keine Lust verspürt mich auf den Weg zu machen… 🙂

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    1. Ist schon komisch – was hab ich immer geschimpft über diese actionfreie Zone, über das banale Leben hier. Und dann, wenn man endlich weg ist, hört man sich plötzlich Sätze sagen wie: Du kriegst zwar das Mädchen aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus dem Mädchen. Dass es zurück hierher ging, hat viel mit der Familienplanung zu tun, mit Identität an sich aber auch 😉

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  3. Spontan fallen mir zwei Bücher ein, die wunderbar zu dieser verwurzelten Dorf-Stimmung passen: Sasa Stanisic – Vor dem Fest (Brandenburg) und Jan Brandt – Gegen die Welt (Niedersachsen). Wenn Du magst, zu beiden Büchern findest Du bei mir auch Besprechungen.

    Identität ist wichtig. Familienplanung auch! 😉

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