PROVINZLEBEN // Tom´s Country

Way Back Home Sonja Grebe

Zum Bild des amerikanischen Nirgendwos entlang endloser Highways zählte während der 50er Jahre die massive Werbe-Beschilderung für eine bestimme Rasierschaum-Marke: Ein Kommerzgedicht, je Zeile ein Schild – als Schlusspunkt ein großes Logo-Schild von Burma Shave. Indirekt funktionierte Burma Shave so als Maßeinheit für abgerissene Autokilometer in eintöniger Weite. Wo Trostlosigkeit und Billigpoesie aufeinandertreffen, bestehen natürliche Biotope für Tom Waits´ Figuren. Reflexhaft verbindet man mit Waits das abseitige Großstadtleben als sein klassisches Sujet; seine bittersüßen Dramen und kaputte Romantik findet er jedoch ebenso in einsamen ruralen Gegenden, in Kaffs und Kleinstädten, zwischen Farmen und Fabriken.

Hell, Marysville ain´t nothing but a white spot in the road/ Some nights my heart pounds just like thunder/ I don´t know why it don´t explode/ ´cause everyone in this stinking town has got one foot in the grave/ and I´d rather take my chances out in/ Burma Shave

(Meine Lieblingsversion dieses Songs – der miesen Bild-/Tonqualität zum Trotz.)

Mag sein, dass es eine Zeitungsmeldung war, die Waits diese Autounfall-Episode hat erzählen lassen; beim notorischen Geschichtenerfinder bleibt absichtlich meist offen, wie sich die Anteile von Erfundenem und Verbürgtem in seinen oft authentisch erscheinenden Song-Geschichten zueinander verhalten. Das Städtchen Marysville jedenfalls gibt es: Benannt ist Marysville nach Mary Murphy Covillaud, einer Überlebenden der Donner Party, einer Siedlergruppe, die im Winter 1846/47 in der Sierra Nevada nur durch Kannibalismus überlebte. Im Kalifornischen Goldrausch war Marysville ein wichtiger Ort auf dem Weg in die nördlichen Goldfelder. (Wikipedia)

Waits selbst wuchs in einem mittelgroßen Städtchen in Kalifornien auf. Nach reichlich wilden Jahren in Los Angeles und dem völlig aus dem Ruder gelaufenen Versuch, in New York ein glückliches Leben zu führen, lebt er inzwischen seit Langem mit seiner Familie auf einem abgeschotteten Farmgelände in Nordkalifornien. Dort, mitten im Burma Shave-Nirgendwo, hat er seinen Fernseher im Garten beerdigt, beobachtet gern die Truthahngeier und Opossums und tobt sich an einem, von ihm Conundrum getauften Schlagistrument aus, das er sich von einem Nachbarfarmer aus Metallschrott-Funden zusammenschweißen lassen hat. Die provinzielle Ödnis kann ihre gute oder ihre schlechte Wirkung tun, kann sich lähmend auf die Seele auswirken oder Ruhe und Freiraum schenken.

I went down to town. I lost all my mind. I´m not going down there no more.

(Den fehlenden Rest dieser Doku konnte ich leider nicht ausfindig machen – wäre sicherlich lohnend.)


>> Bild: Ausschnitt aus Way Back Home (Grebe, 2012) mit einem Zitat aus Blind Love von Tom Waits: They say if you get far enough away, you´ll be on your way back home. (Die Erde ist schließlich ein kugelrundes Ding – aber nicht nur das ist gemeint.)


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9 Kommentare

      1. Nee, einen Adrenalinschub verpasst es mir jetzt auch nicht ;), aber mir tut das Ungeschönte und Kratzige total gut, da den Rest des Tages bei mir (mitunter anstrengende) Freundlichkeit zum Pflichtprogramm gehört. Mit Big Black Mariah kommt man morgens allerdings sehr gut aus dem Bett!

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    1. Dass Du DAS ansprichst! Ist so eines meiner Herzens- und Lebenslieder. Und der Text mit seinem Wir-schmeißen-alles-hin-und-igeln-uns-ein-Furor, der trifft meinen Nerv gerade jetzt mal wieder sehr genau. 😉

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    1. Jaaaa 🙂 Und ich mag die Vorstellung, wie in den Drehpausen bei Jarmusch-Filmen wohl alle gemeinsam getrascht, Kaffee geschlürft und Kette geraucht haben, weil: Man ist ja unter Freunden. Diese Ballung an Charaktertypen und Indie-Halbgöttern…

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      1. Coffee and cigarettes, das war doch auch so ein Episodenfilm, da hat Waits mit Iggy Pop am Tisch gesessen, und Iggy hat wundervoll gelacht. Seitdem mag ich ihn.

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