VINTAGE AMERICAN // James Salter, Alles, was ist

Was ist das eigentlich, dieses Alles, was ist? Für Philip Bowman, den Protagonisten dieses viel besprochenen Alterswerks des als Literatur-Großkaliber gefeierten James Salter, sind es der Krieg und die Frauen, die alles ausmachen. Und auch die Literatur, diese jedoch eher in umrandender als zentraler Funktion.

Bowman ist ein Mann einer Epoche, die im Verlauf seines eigenen Alterns ihr Ende erlebt. Der Zweite Weltkrieg bildet den Einstieg in dieses Zeitgemälde, in diese Lebensgeschichte. Daran anschließend verfolgt man Bowman durch drei, vier Jahrzehnte, zunächst durch die Glanzzeit eines Geistes, der sich unter der Bezeichnung Mid-Century Modern einfangen lässt, dann durch Jahre eines grundlegenden Wandels, der die Gesellschaft, die Wirtschaft, Kultur und Politik erfasst, bei Bowman selbst jedoch nicht greift. Er verkörpert ein Edward-Hopper-Amerika, seine Mentalität ist geprägt durch eine Art US-Klassik, die in Post-Kennedy-Zeiten ausstirbt, in Bowmans Charakter jedoch bestehen bleibt. Salters Roman zeichnet sich vor Allem dadurch aus, dass er jene Atmosphäre atmet, die beispielsweise Serien wie Mad Men im Zuge der Retro-Welle mit viel Aufwand künstlich zu erzeugen versuchen.

Man lernt Bowman eingangs als Lieutenant junior zur See kennen und befindet sich unmittelbar im Geschehen auf den Schauplätzen des Pazifik-Krieges. Als gewissenhafter Marineoffizier erfüllt Bowman seine ihm zugewiesenen Funktionen an Bord eines Kriegsschiffes. Mehr als das – ein zuverlässiger und tüchtiger junger Mann – ist über Bowman zu diesem Zeitpunkt nicht zu berichten, während sich seine Kameraden durch ganz andere Charakterzüge und Erlebnisse auszeichnen: Spaßvögel, Frauenhelden, heimliche Poeten. Für Bowman werden erst seine Kriegserlebnisse zum Auslöser seiner charakterlichen Entwicklung. Die Schilderung dieser entscheidenden Jahre erfolgt in überraschender, aber bewusster Knappheit: Auf rund zehn Seiten reihen sich allgemein gehaltene Ereignisbeschreibungen aneinander und bereiten den Weg für eine einzelne, etwas ausführlichere Episode um Bowmans eigenen Kriegseinsatz. Der schnelle erzählerische Wechsel zum zivilen Leben erscheint allzu abrupt, doch die Scharfkantigkeit dieses Bruches verdeutlicht eine Zweiteilung, die Bowmans Leben fortan unwiderruflich bestimmt. Im Licht jenes prägenden Infernos, das den Roman kurz und heftig einläutet, zeichnen sich die Folgejahre in Bowmans Leben durch ihren Mangel an existentiellen Erfahrungen und Erlebnissen aus.

Während des Lesens entfaltet ebendieser Mangel eine ermüdende, bisweilen irritierende Wirkung. Bowman beginnt in New York – eher zufällig als zielgerichtet – bei einem literarisch durchaus ambitionierten Verlag als Lektor zu arbeiten. Doch die Einblicke in seine eigentliche berufliche Tätigkeit halten sich in Grenzen. Nur sehr selten werden Autoren, mit denen Bowman zusammenarbeitet, überhaupt dargestellt. Im Vordergrund stehen dagegen die gesellschaftlichen Verpflichtungen und Zerstreuungen, die nun, da sein Umfeld aus der illustren New Yorker Kultur-Szene besteht, Bowmans Alltag bestimmen. Privat glaubt Bowman sein Glück mit Vivian, der schönen Tochter einer wohlhabenden Familie vom Lande, gefunden zu haben. Was er anfangs selbstverständlich für Liebe hielt, begreift er nach und nach als oberflächliche Anziehung, der es an einem Fundament aus Gemeinsamkeiten fehlt. Die baldige Scheidung verläuft unspektakulär. Übrigens zählen Scheidungen in der Salterschen Gesellschaft zum Alltag, jede Charakterisierung einer noch so nebensächlichen Figur beinhaltet einen Scheidungszähler. So wird durchs Hintertürchen die Trautes-Heim-Idylle, die das Bild der 50er und 60er Jahre oft mitbestimmt, als nostalgieverklärter Mumpitz entlarvt. Gleichzeitig wird eine nervtötende Oberflächlichkeit im gesellschaftlichen Umgang offenbar, der sich auf Klatsch und Banalitäten konzentriert. Bowman selbst heiratet nach seiner ernüchternden Ehe-Erfahrung nicht noch einmal, in willkürlich zu Stande kommende Beziehungen stürzt er sich jedoch immer wieder. Wie im Beruf legt er auch in seinem Beziehungsleben eine zunehmende Professionalität an den Tag, was im gesellschaftlichen Punktesystem nach Salters Darstellung einen steigenden Männlichkeitswert bedeutet. Sexuelle und allgemeine Ereignisse und Erfahrungen haben hier einen gleichrangigen Stellenwert. Salter erzählt seine Geschichte Amerikas aus einer Privatperspektive. Die Konsequenz daraus ist, dass den intimen Meilensteinen eine größere Bedeutung in Bowmans Lebenslauf zukommt als so große historische Ereignisse wie zum Beispiel die Attentate auf Martin Luther King oder die Kennedys erlangen, die zu einer öffentlichen Geschichte Amerikas gehören. In Bowmans Geschichte finden sie, wenn überhaupt, eine erstaunlich gleichgültige Erwähnung – nur gelegentlich gibt ein halber Nebensatz hier und da einen Hinweis auf eigentlich welterschütternde Begebenheiten, weniger wegen ihres Eindrucks auf Bowman, denn tatsächlich üben sie auf diesen keinerlei Wirkung aus, sondern wohl nur um dem Leser anstelle von Jahresangaben eine zeitliche Einordnung zu ermöglichen. Es drückt sich dadurch aber auch eine Verkapselung Bowmans in seiner eigenen Welt aus, was sich im Verlauf der Geschichte als generelles Merkmal der gutverdienenden Kultur-Schicht, der Bowman angehört, erweist. Abenteuer und Neugier auf Unbekanntes erlaubt man sich ausschließlich auf sexuellem Gebiet. So wirken Salters Figuren auch nur in Schilderungen ihrer intimen Seiten überhaupt lebendig. Allerdings schafft selbst die wildeste Zweisamkeit noch längst keine echte Nähe. Bowman beginnt eine Affäre mit der unglücklich verheirateten Engländerin Enid, die er heiß und kopflos begehrt. Doch trotz ihrer körperlichen Innigkeit kommt zwischen den beiden keine emotionale Eindeutigkeit zu Stande, die Unsicherheiten bleiben. Gemeinsam erleben sie traumhafte Reisen in Europa, die nichts anderes als eine besonders intensive Form von Realitätsflucht darstellen. Während Vivian und Bowman weder aus sexueller noch charakterlicher Sicht gut zusammenpassten, kann sich Bowman in der Affäre mit Enid körperlich bewähren und ausleben. Der transatlantische Abstand zwischen ihnen ist aber auch Sinnbild eines innerlichen Getrenntseins: Einerseits macht es einen besonderen Reiz aus, dass die beiden für einander undurchschaubar bleiben, denn dadurch nutzt sich die gegenseitige Faszination lange Zeit nicht ab, andererseits bleibt eine Fremdheit bestehen, die eine Vertiefung ihrer Verbindung verhindert. Erst mit Christine lernt Bowman eine Frau kennen, mit der er nicht nur auf körperlicher Ebene harmoniert, sondern auch im Wesen eine Verbindung erlebt. Tatsächlich lässt Bowman sich dazu hinreißen, wieder ein gemeinsames Alltagsleben mit einer Frau zu führen – und findet Gefallen daran. Die grobe Enttäuschung jedoch folgt nur kurze Zeit später und bezeugt, dass selbst in dieser vermeintlich perfekten Beziehung wieder nichts von Bestand geschaffen werden konnte. Danach folgen nur noch Episoden, die Bowman zwei Aspekte vor Augen führen, die ihm klar machen, dass er seinen Lebenshöhepunkt überschritten hat, bevor man in der dahinplätschernden Geschichte jenen Höhepunkt überhaupt recht wahrgenommen hat: Einerseits ändern sich die Frauen – man stellt fest, dass die emanzipierte Frau in Bowmans Wahrnehmung auf die Stufe eines reizlosen Backfischchens zurückfällt, dessen Eroberung nicht lohnt. Andererseits wird Bowman schlicht und einfach alt, was ihm so plötzlich bewusst wird, dass es eine der seltenen wirklichen Überraschungen in seinem Leben darstellt.

Ich war einige Male durchaus geneigt dieses Buch vor dem Ende aus der Hand zu legen. Man wird nicht warm mit Salters Roman-Personal, alles wirkt glatt und gleichgültig, klassisch, aber oberflächlich. Das Cover der deutschen Ausgabe gibt diese Atmosphäre in perfekter Weise wieder: Die imposanten Fassaden New Yorks, so schön, aber so steril, hunderte Fenster und doch kein Mensch zu sehen, im Vordergrund allein ein Sternenbanner als bewegter Farbtupfer. Selbst Bowmans Beziehung zu seiner Mutter, der einzigen Frau, die ihm wirklich nahe kam, bleibt in ihrer Darstellung uneindeutig: Das, was seine Mutter ihm gab, nämlich die Sicherheit ein geliebtes Kind zu sein, wird zwar lobend erwähnt, aber gleichzeitig marginalisiert, indem die Erzählung von Bowmans Leben als Startpunkt die Zeit des Krieges und nicht der Kindheit wählt. (Nur in kurzen Rückblenden wird ein Einblick in jene Kindheit gewährt – doch der Krieg steht als Trennmauer zwischen der Gegenwart und dem Jungen, der Philip war, seine eigene Kindheit wirkt eher wie das vergangene Leben eines Fremden.) Manches Mal glaubt man, nun arbeite sich die Geschichte auf eine dramatische Spitze hin, dann versandet jedoch jegliche Sensation in ihrer Einbettung in Beiläufigkeiten. Und doch: Rückblickend verstehe ich das als konsequent angewandtes Stilmittel, das zwar allgegenwärtigen Einsatz findet und dennoch nicht so plakativ ins Auge springt, dass ich sofort dessen Absicht bemerkt hätte. Erst kurz vor dem unaufgeregten Roman-Ende kommen mir wieder die Beschreibungen von Bowmans Einsatz auf einem Kriegsschiff im Pazifik in den Sinn, was Salter still und leise provoziert, indem er einen von Bowmans damaligen Kameraden zufällig auf einer Party auftauchen lässt, wo sich die beiden dann freundlich und unverbindlich in ein paar Sätzen über ihr Leben austauschen. Hier ist der Bogen, von dem Bowman die ganze Zeit durch seinen Namen spricht, plötzlich vollzogen. In manchen Leben muss sich eben alles, was ist, an einer einzigen Erfahrung messen – und scheitert daran.


Auch James Salter selbst ist einer dieser Männer, die in sich eine vergangene Epoche zu konservieren scheinen. Mit seinem Protagonisten Philipp Bowman teilt er einige markante Eigenschaften und biographische Stichpunkte. 1925 geboren als Sohn eines erfolgreichen Geschäftsmannes und einer anspruchsvollen jungen Dame aus bestem Hause, wächst Salter in gutbürgerlichen Verhältnissen in New York auf. Rückblickend beschreibt er sich als verwöhntes und naives Kind. Dem imposanten Vater ist nur schwerlich etwas anteilnehmende Aufmerksamkeit für den blassen Sohn abzuringen, zumindest solange Salter Junior sich vorrangig mit Büchern beschäftigt. Vielleicht auf Druck des Vaters, vielleicht aber auch um den alten Herren zu beeindrucken, der seinerzeit jahrgangsbester Absolvent an der Militärakademie West-Point war, geht Salter mit 17 ebenfalls nach West-Point. Sein Leben ändert sich dadurch umfassend. Der Drill und die abgeschlossene Gemeinschaft beeinflussen stark seinen Charakter, und das Thema Männlichkeit entwickelt sich zu seinem literarischen Leitfaden. Außerdem beginnt dort seine langjährige militärische Laufbahn, er durchläuft eine Ausbildungen zum Air-Force-Piloten und unternimmt zunächst – der Zweite Weltkrieg hat kurz zuvor sein Ende gefunden – Transportflüge im Pazifik-Raum. Eine Farmerstochter aus Virginia wird in jener Zeit die erste Mrs.Salter. Über dieses Ehe gibt Salter bemerkenswert wenige, gleichgültige Kommentare ab. Bezüglich seiner zahlreichen Affären in jenen Jahren erweist er sich in diversen Interviews dafür als umso auskunftsfreudiger. Alte Fotos zeigen Salter als attraktiven jungen Mann mit anziehender Ausstrahlung in Uniform oder Fliegeranzug – gut gebaut, militärisch verwegen, selbstgewiss. Entsprechend der weltweiten Verstreuung von Air-Force-Stützpunkten, führt es Salter beruflich nach Europa, nach Asien oder nach Hawaii, wo er jeweils diverse Techtelmechtel unterhält. Im Korea-Krieg wird Salter als Jagdflieger eingesetzt. Seine Kriegserfahrungen bezeichnet er als unwiderruflich prägend, wenn auch nicht als traumatisch. Dennoch bewegt das Erleben des Krieges etwas in ihm, erzeugt den Drang zu schreiben, erzwingt in ihm ein verändertes Denken über Lebensinhalte, Lebensaufgaben. Seine Zeit als Kampfpilot verarbeitet er in The Hunters (hierzulande erscheint The Hunters 2014 unter dem Titel Jäger, die deutsche Ausgabe entspricht einer 1997 von Salter überarbeiteten Version des Romans). Schließlich wagt er, Anfang dreißig, den zweiten radikalen Richtungswechsel in seinem Leben, gibt die vertraute Uniform ab und lebt fortan als Schriftsteller. Es entstehen Kurzgeschichten, Romane, Drehbücher. Als Quereinsteiger in die Schriftstellerwelt sind seine Zukunftsaussichten ungewiss – zumal verglichen mit den Zeiten im geregelten Militärdienst -, doch Salter besitzt Charisma, ist gesellschaftsfähig und schafft es, die richtigen Menschen für sich und sein Talent zu interessieren. The Hunters wird mit Robert Mitchum verfilmt. Salter orientiert sich nun verstärkt in Richtung Filmbranche. Er verdient Geld und erarbeitet sich Renommee als Drehbuchautor, unterhält Freundschaften mit Roman Polanski, Federico Fellini, Robert Redford. Salter fühlt sich wohl in seiner Rolle als Mitglied der intellektuellen Society, er leistet sich einen ausgesuchten Lebensstil und wohl auch reichliche amouröse Abenteuer. Inzwischen lebt er mit seiner zweiten Frau, der Dramatikerin Kay Eldredge, wahlweise in New York, auf seinem Anwesen in den berühmten Hamptons oder in seinem Häuschen im Aspen, einem noblen Ski-Örtchen in Colorado mit recht prominenter Einwohnerschaft.


>> James Salter, Alles, was ist (Berlin Verlag) kartoniert €10,99

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6 Kommentare

  1. Ich hab das Buch vor ca. einem Jahr auch gelesen und am Ende mit einem Achselzucken aus der Hand gelegt. Es hat mich so wenig angesprochen, dass ich noch nicht einmal einen Verriss in Erwägung gezogen habe. Es war nicht schlecht, es war nicht gut, es war wie so die Romane von Philip Roth. Kann die Begeisterung von manchen Rezensenten echt nicht verstehen.

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    1. Yep. Es erschöpft sich so in Selbstbetrachtungen, deshalb fehlt mir immer das Gefühl dabei, es würde sich irgendeine Wirkung entfalten. Wegen der völlig aus dem Häuschen geratenen Kritiker, bei denen ich nicht mitgehen kann, und wegen meines persönlichen Fragezeichens – „Warum eigentlich trifft dieses Buch mich emotional so gar nicht?“ – musste ich es irgendwie doch zu Ende lesen. Aus reiner Selbsterforschung also, und um nicht irgendeinen Clou zum Schluss zu verpassen, der den ganzen Hype vielleicht doch noch erklärt hätte. Bei Roth und Franzen geht´s mir genauso.

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      1. Vielleicht tue ich Franzen auch Unrecht – genau den habe ich nämlich tatsächlich immer wieder aus der Hand gelegt, mit dem Ergebnis, das mir immer mal wieder bewusste Frage durch den Kopf spukt, ob ich damit doch irgendwas verpasst haben könnte. Roth habe ich dagegen immer bis zum Schluss gelesen, weil mich die Technik an seiner Schreibe irgendwie doch reizt. Bei beiden fehlt mir jedenfalls, dass da irgendeine Wucht zu fühlen wäre.

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  2. Deine Eindrücke des Romans decken sich mit denen, die ich aus der Lektüre seiner Autobiographie gezogen habe. Es gibt einfach kein Überraschungsmoment. Warum? Es sind Geschichten, die sich auf der glatten Eisbahn der gesellschaftlichen Erwartungen bewegen, angepasste, konservative Charaktere, denen das Schicksal wohlgesonnen oder übel mitspielt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Erzählen kann er aber, finde ich.

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    1. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass die Genauigkeit des Schreibens allzu sehr im Vordergrund steht. Mir war das alles irgendwie viel zu kontrolliert. Interessant, dass die Autobiographie ein so ähnliches Bild vermittelt!

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