VINTAGE AMERICAN // Von Veilchen und Felsen

T.Williams Zitat (Sonja Grebe)

Das Lebendige setzt sich durch gegen das Leblose, das Bewegte gegen das Statische, das Farbenfrohe gegen das Triste: In diesem Satz – einer Zeile aus seinem Theaterstück Camino Real – kommt einmal ganz unverschleiert zum Ausdruck, was bei Tennessee Williams (26.03.1911 – 25.02.1983) für gewöhnlich tief unterhalb einer dicken Schicht Verrücktheit, Verzweiflung und Verdammnis, kurz: Allzumenschlichem, verborgen liegt. Obwohl es immer das menschlich und gesellschaftlich Abgründige war, dem Williams sich widmete, und Abstieg, Niedergang, Verfall in ihren vielen Formen den Kern seiner Stücke ausmachen, glaubte dieser Autor doch an die unbändige Kraft des Lebens. Nicht, dass sich das in banal-romantischen Happy Endings äußern würde. Doch blitzt inmitten allen Schmutzes und Gerölls, wenn man nur fleißig und hoffnungsvoll genug die Goldwäsche betreibt, irgendwann etwas Glänzendes im Sichertrog auf.


Was wäre der hiesige Englisch-Unterricht ohne Tennessee Williams? Oder besser gesagt: Trotz der wiederkäuenden und lieblosen Abarbeitung in meinem Englisch-Unterricht hat es der Ur-Südstaatler Williams doch geschafft mich zu prägen. Vielleicht sind auch Marlon Brando und der unsterbliche Paul Newman daran schuld, wer weiß – die folgenden beiden, zufällig prominent verfilmten Stücke jedenfalls sind wohl nicht von ungefähr meine Allzeit-Lieblinge:


What is the victory of a cat on a hot tin roof? (Brick) – I wish I knew. Just staying on it, I guess, as long as she can. (Maggie)

Big Daddy wird bald sterben, doch niemand traut sich dem unantastbaren Patriarchen die Wahrheit über seine Krebserkrankung mitzuteilen. Zu seinem 65. Geburtstag kommt die Familie zusammen: Lieblingssohn Brick – alkoholkrank und lebensmüde – mit Maggie, seiner frustrierten Frau, sowie der ältere Bruder, der geschäftstüchtige Gooper mit seiner Frau Mae und den Kindern. Während Brick der familiären Gesellschaft mit Aggressionen gegenübertritt und reichlich Drinks zu sich nimmt, versuchen Gooper und Mae, deren Liebe zu Big Daddy sich durchaus ebenfalls in Grenzen hält, sich mit allerlei Theater bei dem Todkranken lieb Kind zu machen, um bei der Verteilung des Erbes so gut wie möglich dazustehen. Die gespielte Harmonie kippt sehr bald, die schwelenden Streitigkeiten zwischen Brick und Gooper, zwischen Maggie und Mae, zwischen Big Daddy und seinen Kindern und besonders zwischen dem ohnehin zänkischen Pärchen Brick und Maggie eskalieren zur allerschönsten Familienkatastrophe. In Die Katze auf dem heißen Blechdach (Uraufführung 1955) entladen sich die Spannungen jahrzehntelang aufrecht erhaltener Heuchelei und Maskerade in zwischenmenschlichen Gewittern. Natürlich besiegeln diese den Untergang der mondänen und soliden Fassade, die das bislang einzige einende Merkmal der Angehörigen des Südstaaten-Clans um Big Daddy war. Doch der große Knall zeigt reinigende Wirkung, führt zu neuer Offenheit und Demut. So erröffnet sich trotz aller seelischen Versehrungen für Brick und Maggie die Möglichkeit ihre Ehe vielleicht doch noch zu retten und mit etwas Ehrlichkeit womöglich sogar eine bessere daraus zu machen als sie von Beginn an gewesen war.


– HEY, S-T-E-L-L-A-A-A-A-A-A-A-A! (Stanley)

Stella, Stanley, die Haustreppe – die Mutter aller US-Theaterszenen! Nachdem die letzten Überbleibsel des Erbes ihres einst vermögenden Familienclans völlig aufgebraucht sind und sie noch dazu ihre Anstellung als Lehrerin verloren hat, sucht die verzärtelte und zu Schwindeleien neigende Blanche Zuflucht bei ihrer jüngeren Schwester Stella. Diese lebt längst in sehr einfachen Verhältnissen, verheiratet mit dem polnischen Einwanderer Stanley, in einer Arbeitergegend in New Orleans. Blanche, die sich von ihrem Dünkel und ihren Träumen von der glanzvollen Familienvergangenheit nicht trennen kann, will sich mit dem proletarischen Umfeld nicht anfreunden und treibt allmählich einen Keil zwischen Stella und Stanley. Dafür rächt sich Stanley, zunächst, indem er in Blanches Vergangenheit stöbert und ihre zahlreichen Affären – unter Anderem mit einem ihrer Schüler – verwendet um ihren Ruf zu ruinieren. Der Konflikt zwischen beiden eskaliert, und Stanley vergewaltigt Blanche. Als Blanche Stanley offen beschuldigt, glaubt ihr jedoch niemand, da ihr Wort im ganzen Viertel nichts gilt. In Endstation Sehnsucht (Uraufführung 1947) trifft der Aufstieg der von Einwanderern geprägten Arbeiterklasse mit vernichtender Wirkung auf den im Untergang begriffenen alten Südstaatenadel. Während Blanche schließlich einen Nervenzusammenbruch erleidet und in einer Klinik endet, bekommt Stella ein Baby und richtet sich – auf seiten ihres Mannes, nicht ihrer Schwester – in einer Zukunft ein, die völlig abgelöst ist von ihrer Vergangenheit. Untergang, Verzweiflung, Verrohung, und doch, mittendrin: ein Baby.


Seine eigene Familie und Tennessee Williams selbst hätten wohl sein bestes literarisches Personal sein können, und häufig liegen die Parallelen zwischen Werk und Biographie so nahe, dass Interpretationen immer wieder auf Williams´ Lebensgeschichte zurückgreifen. Der Vater versuchte sein Glück als reisender Schuhverkäufer, die Mutter stammte aus einer ehemals reichen Südstaatenfamilie. Die Familie zog nach einer Phase des Niedergangs in ein ärmliches Viertel in St.Louis. Bruder Dakin war der bevorzugte Sohn des Vaters, Schwester Rose litt an psychischen Erkrankungen und wurde schließlich, in Absprache mit den Eltern, einer Lobotomie unterzogen, was Williams seinen Eltern nie verzieh. Während der Vater prügelte und die Mutter lebensgleichgültig wurde, hielt Williams offenbar einen Drang zum Schönen und zum Lebendigen stets aufrecht. So soll zum Beispiel sein Stück Das Glasperlenspiel darauf zurückgehen, dass er seiner labilen Schwester ihr dunkles und enges Zimmer mit weißen Möbeln und viel Glaszierrat neu einrichtete um ihr eine Freude zu machen. Später versuchte sich Williams an einem Literaturstudium, das er jedoch abbrach, und hielt sich über Wasser, indem er in einer Schuhfabrik arbeitete. Dennoch verfasste er als Mittzwanziger seine ersten, erfolgreichen Theaterstücke. Er begann seine Homosexualität auszuleben und fand in seinem Sekretär Frank Merlo einen langjährigen Partner. Williams verfasste, bis Merlos Tod 1963 eine jahrelang andauernde Depression bei ihm auslöste, seine meist beachteten Theaterstücke und Drehbücher.


>> Bild: Tusche, Kuli, Papierschnipsel und ein paar geklaute, schöne Worte – fertig ist das neue Lesezeichen. (Grebe, 2015)



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