GROSSE FRAUHEIT // Kurz empfohlen: Paula Fox, Der Gott der Alpträume

New Orleans

Um Himmels Willen, steh auf Mutter!, befahl ich ihr.

Nein, dies ist kein betulicher Erfahrungsbericht zum Thema Erwachsenwerden, sondern eine intensiver und üppiger Abnabelungsroman – hier begleitet man eine eigenwillige Protagonistin durch Täler mieser familiärer Vorprägung, Abgründe neu entdeckter Gefühlswelten und auf abenteuerlichen Ausflügen in Parallelwelten, die abseits der braven amerikanischen Bürgerlichkeit existierten, die sich in den 1940er, 1950er Jahre so gern Technicolor-bunt selbst darstellte.

Helen Bynum ist der Name dieser jungen Hauptfigur, die sich in einem verschlafenen Nest im Staat New York an ihrer emotional geschädigten, alleinerziehenden Mutter abarbeitet. Helen ist Anfang zwanzig, als sie Nachricht vom Tod ihres Vaters erhält, der die Familie schon vor Jahren verlassen hatte. Dennoch ist die Nachricht ein Schock für Helens Mutter. Sie schickt Helen aus um Tante Lulu, Mutters Schwester, von New Orleans nach New York zu holen. Für Helen eine Einladung zur Familienforschung. Was aus ihrer Reise nach New Orleans wird, ist jedoch viel mehr als das: Sie wechselt nicht nur vom Kalten ins Schwülwarme, vom einstmals britischen in den von französichem Erbe geprägten Teil der Staaten, vom Ruralen in eine verwunschene Sumpflandschaft – sie findet sich auch in einem sich ebenso gegenteilig präsentierenden sozialen und gesellschaftlichen Klima wieder, zwischen Bohemians und allerlei menschlichen Randerscheinungen. Für sein Seelenheil opfert man hier – anstatt sich auf allsonntägliche Kirchenbesuche zu verlassen – dem Gott der Alpträume allabendlich einen hochprozentigen Schlaftrunk. Und auch die Liebe zeigt sich nicht so puritanisch rein wie daheim, sondern offenbart ihre dunkleren Facetten.

Paula Fox, die ihrerseits eine sehr turbulente eigene Lebensgeschichte aufweist, erzählt mit Der Gott der Alpträume die Geschichte einer Selbstsuche, wobei sie das Kunststück vollbringt ohne feministische Klischees und gleichzeitig ohne Rührseligkeiten einen tiefgrabenden Einblick in weibliche Gefühlswelten zu bieten. Ein zeitloses Buch, und eines meiner meist geliebten.


>> Paula Fox, Der Gott der Alpträume (dtv) €9,90

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9 Kommentare

  1. Danke Dir für den Tipp! Ich habe mal „Paul ohne Jacob“ von ihr gelesen – eigentlich das einzige Jugendbuch, das sich mit dem Thema Down-Syndrom beschäftigt, was mir so einfällt. „Ein Bild für Ivan“ hatte ich noch gar nicht in der Hand, aber das muss ich mal nachholen. Bin gespannt! Neben ihrer Belletristik, in die oft Autobiographisches einfließt, gibt es mit „Die vielen Leben der Paula Fox“ von Bernadette Conrad auch eine sehr vielschichtige, intelligente und gründliche Annäherung an Paula Fox – vielleicht bist Du darüber schon gestolpert? Biographie kann man´s nicht so recht nennen – es ist eine Zusammenstellung von Gesprächen mit Paula Fox selbst sowie mit ihren Freunden und Familienmitgliedern, von Schauplatzbegehungen und biographischen Untersuchungen zu ihren Romanen, von gesammelten Eindrücken und Erinnerungen ihrer literarischen Kollegen. Mir fällt gerade ein: „Pech für George“ wollte ich doch auch immer mal lesen… Liebe Grüße!

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  2. Toll, dass Du auf dieses Buch hinweist: es gehört zu meinen Lieblingsbüchern, die ich durchaus schon mehrmals gelesen habe. Und auch nur deshalb (nicht weil ich aufs Besserwissen gerne bestehe): der Vater ist in Kalifornien gestorben. Helen macht sich nach New Orleans auf, um dort die Schwester ihrer Mutter, aufzusuchen. Die Mutter wünscht, das ihre Schwester auf ihre alten Tage zu ihr zieht. Was nicht passiert, weil diese Tante meist volltrunken durch die Tage dämmert und tobt, am Ende ein Glück für Helen, die auf diese Weise eben auch nicht zurückkehrt. Zwei Bücher von Paula Fox haben mich noch besonders beeindruckt: „Kalifornische Jahre“, wo die Autorin eine ähnliche (tatsächlich ihre eigene) Abnabelungsgeschichte von der Familie schildert und „Der kälteste Winter“, in dem sie von ihrer Reise ins Nachkriegseuropa erzählt.

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    1. Danke, Stephanie! Ich ändere das gleich, da hast Du Recht! Tante Lulu – genau… Ich fand auch „Luisa“ schön, wo die Karibik und New York aufeinanderprallen. Aber „Der Gott der Alpträume“ ist schon ein besonderes Buch, das unter ihren Romanen besonders hervorsticht. Viele Grüße und hab einen schönen Advent!

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  3. Bei Paula Fox fällt mir als erstes ihre Enkeltochter Courtney Love ein. Hab noch nix von ihr gelesen, nur Was am Ende bleibt mal angefangen, aber wegen Zähheit nicht weiter verfolgt, darum Danke für den Hinweis (schließe ich mich an), werd’s noch mal versuchen. – Als ich noch meine Buchhandlung hatte, war ich Abonnent der Zeitschrift OHRENKUSS, die von Menschen mit Down-Syndrom gemacht wird (ohrenkuss.de), eine prima Sache! Ich hatte auch überlegt, eine Lesung zu veranstalten, aber dazu ist es dann nicht mehr gekommen. Ich hab‘ ’ne Sympathie für die Leute aus Downtown (so heißt auch die Werkstatt, die OHRENKUSS herausgibt), sie haben eine ungebändigte Lebendigkeit und Direktheit und zeigen mir, wie ‚behindert‘ ich bin … Na ja, es geht.
    @almathun Eine Weihnachtsleseliste fange ich lieber gar nicht erst an (auch wenn es nicht ausbleiben wird, dass ich ein bisschen was lesen werde), ich bin so ein lahmer Leser, da bereiten mir Listen nur ein schlechtes Gewissen.

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    1. Beim Lesen von Paula Fox bitte unbedingt irgendwie das Courtney-Love-Gesicht ausblenden, vielleicht hilft das, um Erstere etwas mehr zu mögen 🙂 Von Ohrenkuss habe ich schon viel gehört, doch noch kein Stück gekauft – warum eigentlich? Die Sympathie teile ich. Meine Schwester, die beruflicherweise etwas näher dran ist, sagte dazu: Die krempeln dich total um. Wenn das also kein wünschenswerter und bereichernder Umgang ist, weiß ich´s auch nicht!

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