LATEINAMERIKA // Timo Berger (Hrsg.), Popcorn unterm Zuckerhut

Kurzes Brasilien-Brainstorming: Amazonas, Karneval in Rio, Samba, Copacabana, João Gilberto, Kaffeeplantage, ach ja – Fußball-WM, Frauen von beneidenswerter Schönheit, Telenovela. Wer nun glaubt, dieser Buchtipp ginge konform mit der Reisebüro-Darstellung jenes gewaltigen Flächenlandes am anderen Ufer des Atlantiks, der irrt. Popcorn unterm Zuckerhut – diese Anthologie brasilianischer Kurzgeschichten habe ich (bekennende Herbst-Verweigerin) nicht etwa deshalb ausgewählt, um mich zwischen schöne Menschen an schöne Strände zu träumen, sondern wegen der konzentrierten Dosis lateinamerikanischer Doppelbödigkeit, die den kurzen und doch von viel Leben erfüllten Erzählungen innewohnt. Unter aller Melancholie, Tagträumerei oder sanfter Verliebtheit der Charaktere lauern hier Abgründe. Mal klafft so ein Abgrund dem Leser ganz plakativ entgegen, wie im Falle des Clowns, der in der Geschichte Rot und Weiß von Estevão Azevedo während seiner Auftritte bei Kindergeburtstagen seine elende Existenz unter dem grell geschminkten Lächel-Mund verschwinden lässt und damit im Ganzen als Mensch verschwindet. Oder in den Bekenntnissen eines heimlichen Tierquälers, der die Historie seiner Untaten offenlegt – eine schauderhafte Erzählung von Leandro Salgueirinho, die mit dem gefühlskalten Titel Versuchsanordnung Nr.5 überschrieben ist. In Die Zwerge erweist sich ein harmlos beginnender Besuch in der Konditorei als soziale Versuchsanordnung: Auf nur fünf Seiten zeichnet Veronica Stigger den gruppendynamischen Mechanismus nach, der aus heiterem Himmel eine Eskalation von Gewalt bewirken kann. Andernorts zeigen sich Abgründe der Liebe, bei Daniel Galera etwa, der einen jungen Mann von seiner Jugendliebe erzählen lässt: Laila, die Unerreichbare, die heimlich Angebetete, nach der er sich vom Kindergarten an vergeblich verzehrte und die ihm nur gönnerhaft den Kumpelstatus zugestand, um ihn als Bewunderer an sich zu binden, die überirdische Laila also, kommt nun, da der junge Mann eine Andere heiratet und Vater wird, auf ihn zurück, sagt endlich Ja zu ihm – aber was sagt er? Und in Camping Calamares erzählt Andréa del Fuego die Geschichte einer schäbig Sitzengelassenen, eine Kleine-Leute-Tragödie – wie Roberto Bolaño als Hausmeister in diese Geschichte passt, muss man schon selbst herausfinden.

Popcorn unterm Zuckerhut: Pipoca nennt man in Brasilien diesen Snack, den Straßenverkäufer an der Copacabana anbieten. Man kann dort aus verschiedensten Geschmacksrichtungen wählen, karamellisiert, gesalzen, pikant gewürzt – ganz ähnlich wie bei diesen Geschichten. Es sind 20 junge brasilianische Autoren, geboren zwischen 1968 und 1981, deren Kurzgeschichten in dieser Anthologie versammelt sind. Sehr verschieden in Temperament und Ton, doch von gemeinsamer Eigenwilligkeit. Zusammengestellt wurden sie von Timo Berger, dessen Verdienst um die Veröffentlichung lateinamerikanischer Prosa und Lyrik hierzulande gar nicht genug gelobt werden kann: Seine zwischen Berlin und Buenos Aires pendelnde Tätigkeit umfasst neben Übersetzungen aus dem Argentinischen, Chilenischen und Brasilianischen auch die Organisation verschiedener Poesiefestivals, regelmäßige Beiträge in Literaturzeitschriften, herausgeberschaftliche Projekte sowie eigene literarische Veröffentlichungen in verschiedenen Sprachen. Neben Berger selbst, treten in dieser Anthologie Odile Kennel, Michael Kegler und weitere Übersetzer auf, denen ein großer Anteil an diesem Leseerlebnis gebührt.


>> Timo Berger (Hrsg.), Popcorn unterm Zuckerhut (Wagenbach), kartoniert €9,90

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